Ist denn das nötig?

So fragte mich erstaunt ein Kunstgelehrter, als ich ihm von meiner Absicht erzählte, die Probleme, welche sich an das Genter Altarwerk, seine Entstehung und Bedeutung knüpfen, noch einmal aufzugreifen. Es ist kaum über ein zweites einzelnes Kunstwerk der modernen Kunst so viel geschrieben und gestritten worden. Dabei hat man in erster Reihe die Entstehungsgeschichte des Altares und die Biographie seiner Urheber erörtert. Das lag in der Zeit, aus welcher der größere Teil dieser Literatur stammt, doch auch in den überlieferten Nachrichten und Dokumenten, aus denen sich einige ganz bestimmt lautende Fragen ableiten lassen. Für Fragen, die wie Charaden lauten, gibt es stets eine Fülle von Düftlern und Dilettanten, welche die richtige Lösung gefunden zu haben vermeinen, und unser Kunstgelehrter hätte völlig recht, wenn es sich um nichts anderes handeln würde als nur darum, die bestehenden Lösungsversuche «der Methode halber» um einen neuen «endgültigen» zu vermehren. Davor möge uns aber das Schicksal bewahren.

Nicht minder wortreich, doch ohne erhebliche Kontroversen, wurde die entwicklungsgeschichtliche Bedeutung des Altares in St. Bavo und verwandter Bilder besprochen. Hier schien der Sachverhalt ziemlich klar und einfach zu sein. Man hielt sich an die Anschauung, welche von Carel van Mander ausgesprochen wurde. Die älteren Schriftsteller bezeichnen Jan van Eyck einfach als einen besonders ausgezeichneten Maler. «Praeclarus ille Brugiensis picturae decus» wird er von Cyriacus von Ancona und «nostri saeculi pictorum princeps» von Facius genannt. Seine pragmatische Stellung in der Entwicklung der Malerei zu erörtern, lag diesen Schriftstellern ganz und gar ferne. In dem Gedichte, welches Jean Lemaire um das Jahr 1510 unter dem Titel «La Couronne Margueritique» zu Ehren der Statthalterin der Niederlande Margaretha verfaßte und welches ein kurzes Künstlerverzeichnis enthält, wird Jan van Eyck als « roi des peintres» angeführt; doch hat dies in dem schwülstigen Stile des Gedichtes umsoweniger Bedeutung, als Jan keinesfalls an erster Stelle, sondern mitten unter anderen unbedeutenderen, mit ebenso hochtrabenden Epitheten bedachten Künstlern genannt wird. Auch von Vasari erfahren wir nicht viel mehr. Er lobt wohl sehr die «bellissima inven-zione» der neuen Malweise, welche er dem Jan van Eyck zuschreibt; über seine künstlerische Bedeutung sagt jedoch auch er nichts weiter, als daß er seiner «buona pratica» halber ein in Flandern sehr geschätzter Künstler gewiesen sei. Ähnlich lautet auch die Meinung Guicciardinis, der sich auf Vasari beruft.

Dennoch waren die Lebensbeschreibungen Vasaris, wenn auch nur mittelbar, die Quelle einer neuen Auffassung der kunstgeschichtlichen Stellung des Jan van Eyck. Die Biographien des Vasari sind das erste Werk der kunstgeschichtlichen Literatur, welches unter dem Einflüsse der neuen pragmatischen Geschichtsschreibung entstanden ist. Alle älteren Berichte über Kunstwerke und Künstlerleben sind mehr oder weniger zufällig und vereinzelt unter anderweitige Memorabilia eingetragen worden; wir finden sie in annalistischen Aufzeichnungen und kunsttheoretischen Abhandlungen, in Reiseberichten oder in Gedichten und Kommentaren zu diesen. Länger als anderswo hat sich da die mittelalterliche Art der geschichtlichen Überlieferung erhalten. Schließlich bemächtigte sich jedoch die allgemeine große Errungenschaft des Humanismus: die wissenschaftlich-historische Untersuchung und die Berücksichtigung des kausalen Zusammenhanges einer bestimmten Tatsachen folge doch auch der Geschichte der Kunst, wobei sicher ihre neue soziale Bedeutung und Wertschätzung nicht w’enig eingewirkt hat. Von besonderer Bedeutung war es, daß unter diesen neuen Einflüssen gleich ein so hervorragendes Werk geschrieben wurde wie die Biographien des Vasari. Es begründete eine Literatur, deren Ziele und Methode sich, man kann wohl sagen, bis in unsere Tage erhalten haben. Es sind die Ziele und die Methode, die der gesamten humanistischen Geschichtsforschung eigen wraren und die unter dem Einflüsse der antiken Literatur entstanden sind. Was wir dieser neuen geschichtlichen Literatur vor allem als Verdienst anrechnen: die objektivere Beurteilung der Ereignisse, kam für die Zeitgenossen erst in zweiter Reihe in Betracht. Weit wichtiger war für sie, wie es auch nicht anders möglich war, die neue Form der geschichtlichen Betrachtung und Erzählung. Man kann sich heute kaum mehr vorstellen, welch ungeheurer Fortschritt darin lag, daß die annalistische Aufzählung der Begebenheiten durch eine geschlossene einheitliche Schilderung des Lebenslaufes eines berühmten Mannes oder des geschichtlichen Werdens einer bestimmten Epoche ersetzt wurde. Das war das große Novum und, fügen wir gleich hinzu, der Selbstzweck der neuen historischen Literatur. Das historische Buch ist wiederum wie in der Antike ein Teil der schönen Literatur geworden. Man befragte die Denkmäler in erster Reihe nur zu dem Zwecke, um das Gerippe einer bestimmten literarischen Form auszufüllen; wo die Quellen nicht ausreichten, da konstruierte man den Zusammenhang nach eigenem Ermessen. Man ergötzte sich unbedenklich an schönen Reden, die erfunden, an anmutigen Erzählungen, die nicht wahr w’aren. Der Ehrgeiz der Schriftsteller strebte vor allem eine in gegebenem Rahmen geschlossene und «vom Anfang an» lückenlos fortlaufende Schilderung an, wobei zumeist schon der Anfang eine Fabel oder Supposition sein mußte.

Nur im Spiegel dieser Literatur kann man das Werk Vasaris richtig verstehen und beurteilen. Es lag ihm fern, eine Geschichte der Malerei in Italien zu schreiben; eine solche Arbeit lag in seiner Zeit ganz und gar außerhalb der wissenschaftlichen und literarischen Interessen. Die Freude an dem neugefundenen Vermögen, die Tatsachen und Ereignisse auf das individuelle Eingreifen der beteiligten Persönlichkeiten zurückzuführen, führte zur Wiedererweckung der antiken Biographie. Seit dem XV. Jahrhundert wurden aus allen Gebieten des öffentlichen Lebens Lebensbeschreibungen berühmter Männer zusammengestellt und nach diesen Mustern verfaßt Vasari eine Sammlung von Viten berühmter Maler. Er verfolgt die Geschichte der italienischen Malerei so weit zurück, als er sie mit Künstlern in Verbindung bringen kann, deren Ruhm sich bis zu seinen Tagen erhalten hatte, und der erste große Maler, dessen Namen und Werke er kennt, ist für ihn auch der Beginn der «neuen eigentlichen Kunst». Es ist das die übliche Einleitungsfabel, von der wir gesprochen haben.

Auch der Norden hat seinen Vasari gefunden. Die Biographien der niederländischen Künstler des Carel van Mander sind sowohl dem Plane nach als auch in der Ausführung eine Nachahmung der Viten des Vasari. Wie alle Nachbildungen bleiben sie weit hinter dem Vorbilde zurück. Vasari beschäftigte sich doch, wenn auch nur parenthetisch, mit der Geschichte der Kunstprobleme; der viel weniger talentierte und unterrichtete Niederländer hielt sich sklavisch an das überlieferte literarische Schema. Die Geschichte der Malerei in den Niederlanden beginnt für ihn ganz und gar erst mit Hubert und Jan van Eyck. Hubert war der Lehrer Jans wie Cimabue der des Giotto und Jan war der große Begründer und Erfinder der niederländischen Malerei. An den Ufern der Mosel sei die Kunst entstanden, die an Ruhm die römische und griechische übertroffen hat und das Ansehen Italiens als Kunstland verdunkelte. So ist in dem Malerbuche des Carel van Mander zum ersten Male die Meinung aufgestellt worden, daß die göttliche Kunst des Jan van Eyck — ein Geschenk des Himmels —> die Quelle und der Anfang der gesamten niederländischen Malerei gewesen sei.

Diese Anschauung erhielt sich dann im wesentlichen bis heutzutage; denn so formelhaft und programmgemäß sie auch lautete, schien sie doch den Tatsachen zu entsprechen. Es war für jedermann leicht ersichtlich, daß der größte Teil der niederländischen Bilder des XV. Jahrhunderts unter dem Einflüsse des Stiles des Jan van Eyck entstanden ist, und da die Werke des letzteren am Anfang der Periode stehen, schien sich diesmal das tausendmal wiederholte und tausendmal widerlegte Märchen zu bewahrheiten von dem Heros, der das Neue irgendwoher von den Göttern gebracht hatte. In zahlreichen Büchern und Abhandlungen lesen wir ebenso zahlreiche Variationen auf dieses Thema. «Wie mit einem Zauberschlage wäre die Kunst erwacht», wird einmal gesagt. «Die Kunst sei plötzlich mündig geworden», heißt es ein andermal. Mit der aufgehenden Sonne wird wiederum in einer anderen Schrift die Malerei des Jan van Evck verglichen.

Als man dann anfieng, sich statt allein nur mit der Künstlergeschichte auch mit der Geschichte der Kunst zu beschäftigen, wurde der alte Bericht einfach in entwicklungsgeschichtliche Begriffe umgedeutet. Man stellte die Behauptung auf, die erlösende Tat der Brüder van Eyck wäre darin zu suchen, daß sie die traditionellen byzantinischen Typen durch Naturbeobachtung ersetzten. «Le fait Capital, qui domine dans l’oeuvre de renovation des Van Eyck et ce qui fut pour eux l’instrument de la delivrance, c’est un retour ardent, sincere, passionne vers la nature, si dedaignee au moyen-äge, si absente des vieilles formules byzantines», das ist beiläufig die geläufige Meinung um die Mitte des vorigen Jahrhunderts. Man hat diese Meinung auch dann nicht aufgegeben, als man sich überzeugte, daß die mittelalterliche Malerei nicht ausschließlich byzantinische Typen wiederholte sondern sich selbständig entwickelt hat. Das Schwierigste in der Kunstgeschichte ist, voraussetzungslos die Monumente wenigstens beiläufig so zu sehen, wie sie sind. Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts wurde bekanntlich das byzantologische Dogma durch ein neues ersetzt. Man begann von dem Idealismus der gotischen Kunst zu sprechen und zu schwärmen. Das verlieh «der Entdeckung des Naturalismus» durch die Brüder van Eyck eine neue Bedeutung. Man begann seit Waagen und Viollet le-Duc die gotische und französische Kunst schlechtweg mit dem Idealismus, die niederländische Kunst des XV. Jahrhunderts dagegen mit dem Naturalismus zu identifizieren. Als dann die Forderung der Eingliederung einer jeden historischen Tatsache in eine Entwicklungskette auch an die Türen der Kunstgelehrten immer unerbittlicher zu pochen begann, suchte man den alten Mythus rationell zu begründen. Man verfolgte dabei verschiedene Wege.

In gedankenlosen Kompilationen wurde als Einleitung zu den Biographien der Brüder van Eyck fleißig alles zusammengestellt, was aus der älteren niederländischen Kunst bekannt war. Bei der verhältnismäßig noch geringen Kenntnis der allgemeinen Entwicklung fand man in den altniederländischen Kunstwerken leicht das, was man gesucht hatte, das vermeintlich größere Streben nach Individualisierung und Naturwahrheit. Jeder grinsende Kopf wurde auf dieses Streben zurückgeführt und in den geläufigsten Drolerien der illuminierten Handschriften fand man dieselbe nationale Eigenart, aus der später ein Breughel und ein Bosch entstanden sind.

Schärferen Beobachtern konnte jedoch dabei nicht entgehen, daß die älteren Denkmäler der niederländischen Kunst, auf die man sich berufen hat, künstlerisch viel zu unbedeutend und stilistisch viel zu unentwickelt sind, als daß sie zur Erklärung der Entstehung der Kunst der Brüder van Eyck völlig ausreichen würden. Man mußte wie früher auch ferner von einer Wandlung in der Entwicklung der Kunst sprechen. Da die Fäden zur Vergangenheit in kunstgeschichtlichen Tatsachen nicht zu entdecken waren, suchte man im Anschlüsse an die ästhetischen und geschichtsphilosophischen Systeme Hegels und Taines die unmittelbare Ursache der Wandlung in der Verschiebung der ethnischen und sozialen Grundlagen der Kunst, in einem neuen Milieu, wie der Terminus technicus dieser Zeit des naiv begeisterten Materialismus lautete.

Natur und Individualität! In diesen zwei Worten suchte man die Antwort auf das Problem der Entstehung der modernen Kunst, eine Antwort, die uns heute aus der poetischen Apotheose Burck-hardts so geläufig ist. Man hat durch ein simples Changez-passez dem entwicklungsgeschichtlichen Problem einen etwas weiter gefaßten kulturhistorischen Wortlaut gegeben, womit man es gelöst zu haben vermeinte. Und da man für jede neue Straße Pflastersteine finden kann, wurden bald Bände geschrieben von Variationen über das Thema: «man entdeckte die Welt und den Menschen» oder «es entwickelte sich eine neue Fähigkeit, das Leben und die Natur zu genießen», ohne daß zumeist über das eigentliche geschichtliche Problem mehr darin gesagt worden wäre, als in diesen Hauptsätzen enthalten ist. Wir verdanken der hier einschlägigen Literatur eine Fülle kunstreicher Schilderungen und geistreicher Einfälle, viel Anregung und noch mehr Unterhaltung; doch wissenschaftlich steht sie noch aufder Höhe etwa der «Reise des jungen Anacharsis». Es sind Sitten- und Kulturschilderungen, die halb als eine Klage der Gegenwart um die Vergangenheit, halb als ein Echo neuer Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit entstanden sind. Denn ist nicht das Alleluja auf die plötzliche Auferstehung des Natursinnes und des Kultus der Persönlichkeit der neuen Renaissancemenschen oder des «damals in der Luft liegenden Realismus», wie in einer der letzten Abhandlungen über den Ursprung der neuen niederländischen Malerei gesagt wird, nur eine neue Strophe des alten, in den historischen Wissenschaften schon längst überwundenen Lobgesanges, welchen Bossuet auf die «coups de providence» und Voltaire auf die Taten des «esprit des Nations» erschallen ließ, die nach Bedarf in die Geschichte eingegriffen haben? Der abstrakt-religiöse Faktor wurde durch einen abstrakt moralischen und dann durch einen abstrakt philosophischen und psychologischen ersetzt und allen Ernstes als eine historische Erklärung angesehen. Das vollzog sich auch in anderen geschichtlichen Wissenschaften, doch wann? Stendhal sagt irgendwo, daß nach Rußland neue Gedanken und Richtungen erst fünfzig Jahre nach ihrer Entstehung gelangen; dasselbe könnte man fast auch von der neuen kunstgeschichtlichen Literatur behaupten.

Spiegelt sich im Ideengang Burckhardts und seiner Epigonen neben der klassizistischen Ästhetik die geschichtliche Auffassung Michelets, so hallt in Schriften jener Richtung, deren bedeutendstes Werk die Kunstgeschichte von Schnaase ist, nebst romantischen Künstlerbekenntnissen der politische und soziale Idealismus Guizots und seiner Zeitgenossen nach, doch mit einer Pragmatik verbunden, die an Zwecklosigkeit einem Dampfmotor zu vergleichen ist, bei dem der Transmissionsriemen abhanden gekommen ist. Man ging von der politischen und sozialen Entwicklung aus, doch nicht, um neue unmittelbare und materielle Beziehungen zwischen ihr und der Kunstproduktion aufzudecken, sondern man begnügte sich damit, die Frage nach der geschichtlichen Entwicklung durch eine Parallele zwischen allgemein kulturellen Strömungen und gleichzeitigen Wandlungen in der Kunst zu ersetzen. Es wurden vornehmlich drei Ursachen hervorgehoben, die am Schlüsse des Mittelalters einen Umschwung im Sehen und Empfinden und dadurch auch in den Kunstidealen herbeigeführt haben sollten.

ln französischen Werken wurde besonders auf die in der zweiten Hälfte des Mittelalters sich vollziehende Verweltlichung der Kunst hingewiesen, durch die ein neues Verhältnis des Künstlers zur Natur begründet worden sei. Es ist das eine Anschauung, die einerseits mit der wachsenden Vorliebe der historischen Kunstrichtung für den gotischen Stil, anderseits mit dem religiösen Liberalismus der zweiten Republik enge zusammenhängt. Ihr unermüdlicher Apostel war Viollet-le-Duc, und obgleich man besonders in Frankreich viel gegen sie geschrieben hat, ist sie gerade aus französischen Büchern bis heute noch nicht überall verschwunden.

Noch mehr Freunde und Verteidiger hatte und hat ein anderer Erklärungsversuch, der, in seinen ersten Anfängen, wie bei Hotho und Waagen, von der national-begeisterten Romantik ausgehend, die Entstehung eines neuen Geschmackes davon abgeleitet hat, daß die Führung in der Kunst die Niederländer übernommen haben. Mit dem politischen und wirtschaftlichen Aufschwung sei in den Niederlanden um die Wende des XIV. und XV. Jahrhunderts ein reiches und intensives Kunstschaffen entstanden und da habe sich — so lautete beiläufig die Argumentation — die nationale Eigenart, deren Spuren auch an den älteren Kunstwerken zu entdecken sind, rasch und mächtig entwickelt und in einer neuen Kunst geltend gemacht. «Die Innigkeit, die Naturliebe und der Idealismus des deutschen Volkes waren hier einmal mit dem formalen Talent für Ordnung und Eleganz, das sich in Frankreich ausgebildet hatte, und mit der dem keltischen Stamme eigenen Präzision und Entschiedenheit auf das engste verbunden, und da der Reichtum nicht fehlte, der zu umfassenden Stiftungen die Neigung und die Mittel gab» (Schnaase), und zudem «die reichen Wolkenbildungen, die dunstige Luft in der Nähe des Meeres das Auge für das Licht- und Farbenspiel in der Natur schärften, der rege Handelsverkehr die Anschauungen vermehrte und den geistigen Horizont erweiterte» (Springer), «so ist es begreiflich, daß auch das Talent sich heranbildete, welches diese günstigen Umstände zu verwerten wußte» (Schnaase). Anders stilisierte Fassungen desselben Inhalts findet der Leser, sollte es ihn unterhalten, in verschiedenen Aufsätzen von Wauters, Weale, Hymans u. a. Es sind Präludien, die in den meisten Essais über die altniederländische Kunst mit einer fast kanonischen Regelmäßigkeit wiederholt werden; denn «pour comprendre une oeuvre d’art, un artiste, un groupe d’artistes il faut se representer avec exactitude l’etat general de l’esprit et des moeurs du temps», sagte der philosophische Herold dieser Methode.

In Frankreich hat sich die kulturgeschichtliche Behandlung und Auffassung der Kunstgeschichte noch länger erhalten als in Deutschland, wo sie unter dem Einflüsse der neueren exakten Forschung durch eine kritische Bearbeitung und Veröffentlichung der Monumente verdrängt wurde. Noch heute bestehen in Frankreich kunstgeschichtliche Bücher zur guten Hälfte aus kulturgeschichtlichen Schilderungen alten Stiles. Man modernisierte nur diese «Zeit- und Lebensbilder», indem man, wie es in der allgemeinen Geschichte Gebrauch geworden ist, die religiöse und nationale Brille durch eine soziale und wirtschaftliche ersetzte. Von Louis Courajod, dem geistvollsten Kunsthistoriker dieser Richtung, wurde die Theorie vertreten, das Aufkommen neuer sozialer Schichten — «la Substitution d’une aristocratie d’argent a une aristocratie feodale et par juxtaposition d’une noblesse de par-venus ä une noblesse de naissance» — sei die Quelle eines neuen Geschmackes, eines neuen Stiles gewesen. Die neue bürgerliche Gesellschaft, welche am Schlüsse des Mittelalters in Flandern das Übergewicht gewinnt, hätte neue ästhetische Anschauungen in die Kunst gebracht und die Erklärung des «renouvellement general» sei in der Demokratisierung der Kunst zu suchen. Es ist eine Anwendung der Theorien Hennequins, die in dieser Gestalt noch heute in der Kunstgeschichte weiterleben, obwohl sie sonst schon überall unter das alte Gerümpel gezählt werden.

Gegen diese Theorien, welche die Entstehung der Kunst der Brüder van Eyck auf metaphysische, kulturgeschichtliche und soziologische Ursachen zurückführen wollen, ist Fr. Carstanjen, ein Schüler des Avenarius, also ein Philosoph seinem Fache nach, energisch aufgetreten.1 Carstanjen weist nach, daß die allgemeinen kulturellen Voraussetzungen nur als mittelbare Bedingungen einer Stilwandlung in der Kunst betrachtet werden können, weil der von außen kommende Einfluß erst durch das Filter der individuellen Anschauung und Aufnahmefähigkeit gehen muß. Darüber, wie viel dabei verschwindet und sich verändert, kann die soziologische Betrachtungsweise keinen Aufschluß geben sondern da muß die psychologische Untersuchung eintreten. «Die Wiedergeburt der Natur und Individualität» könne nicht als die Ursache der Kunständerung am Ausgange des Mittelalters betrachtet werden sondern sei vielmehr ihr Ergebnis. Als gestaltende psychologische Momente bei künstlerischen Neuschöpfungen sind die Unlust am Bestehenden, die Lust zu Änderung und die Freude an der neuen Lösung zu betrachten. Wenn auch in glücklichen kulturellen und sozialen Verhältnissen die Kunst besonders fruchtbaren Boden findet, so ist doch hierin immer erst die indirekte Vorbedingung gegeben, welche nicht mit der tatsächlichen Gestaltung in gesetzmäßigem Zusammenhang zu stehen braucht. Das vage, schwer faßbare allgemeine Wachsen der Naturfreude kann nicht der unmittelbare Ausgangspunkt der größeren Naturtreue in den Kunstwerken sein; denn der Künstler stellt nicht das dar, was ist, sondern, was er sieht und darzustellen vermag. Erst wenn der neue Wert von dem Können des Künstlers bewältigt wurde, ist er für die Übrigen entdeckt.

Diese Erwägung sucht Carstanjen durch eine Untersuchung der Anfänge der neuen niederländischen Malerei entwicklungsgeschichtlich zu belegen. Der neue Stil der altniederländischen Malerei sei nicht durch ein neues von außen angeregtes Verhältnis des Künstlers zu den Objekten begründet worden sondern entstand im Zusammenhänge mit den Elementen der vorausgehenden Kunst, ln der mittelalterlichen Miniaturmalerei hatte sich in der rein naiven Ausschmückung die Lust an der Detailvermehrung, d. h. an einzelnen naturalistischen Zügen, entwickelt und durch das Vorbild der Miniaturmalerei sei auch die Tafelmalerei zur Lust an Änderung und zur potenzierten Naturbeobachtung angeregt worden. Doch diese Keime hätten sich bei der Unzulänglichkeit des künstlerischen Könnens, beim Mangel an Selbständigkeit und Auffassungskraft und beim Fehlen eines eigenen Stiles nicht voll entwickeln können, wenn nicht die technische Erfindung eines Genies sie zur Blüte gebracht hätte, die Erfindung der Ölmalerei durch Jan van Eyck.

Um unsere Stellung diesen Ausführungen gegenüber darzulegen, sind wir gezwungen, ein wenig weiter auszuholen. Es sei nur gleich gesagt, daß wir die prinzipiellen Einwände Carstanjens gegen Theorien, welche den unmittelbaren Ursprung einer neuen Kunstform in neuen sozialen Strömungen suchen, für berechtigt und überzeugend halten, seine eigene Deutung des Ursprunges der neuen niederländischen Malerei dagegen für unzureichend und nicht minder konstruiert als die alten Erklärungsversuche. Die Anschauung, daß die naturalistischen Motive in der Handschriftenausschmückung Vorläufer des neuen naturalistischen Stiles seien, ist ebensowenig neu als die Behauptung, daß sie durch die Ölmalerei zur Entfaltung gebracht wurden. Dieselbe Meinung hat schon Waagen vertreten und man hat anderweitige Erklärungsversuche gemacht, weil man die Unzulänglichkeit dieser Ableitung schon lange eingesehen hat. Wir sind weit davon entfernt, die Möglichkeit einer Beeinflussung der Kunstentwicklung durch technische Erfindungen abzuleugnen. Doch wie hätte die Erfindung einer neuen Maltechnik plötzlich die Kunst von den naivnaturalistischen Einfällen der Randleistendrolerien zu dem allvermögenden Naturstudium des Jan van Eyck bringen sollen? Mit ebensoviel Berechtigung könnte die Reformation einzig und allein auf die Erfindung der Buchdruckerkunst zurückgeführt werden. Neue Darstellungsformen können einer technischen Erfindung ebensowenig unmittelbar entnommen werden als neuen sozialen Strömungen und die geschichtliche Deszendenz, welche Carstanjen für sie angenommen hat, ist eben nur die alte unzulängliche, der gegenüber die Kunst Jan van Eycks als ein Wunder betrachtet werden muß.

Trotzdem ist die Abhandlung Carstanjens ein lautes und deutliches Memento des Fortschrittes, der sich anderweitig vollzogen hat. Die Philosophie hat die Dirigentenstelle in der Symphonie der Wissenschaften verloren, die sie in Zeiten der doktrinären Untersuchungsmethoden innehatte, und muß, wenn sie sich überhaupt Daseinsberechtigung erringen will, denselben mühseligen Weg wandern, den die anderen exakten Wissenschaften längst eingeschlagen haben. Als ein Mißverständnis dieser neuen Forderung ist der Aufsatz Carstanjens entstanden.

Wie uns die Scholastik gelehrt hatte, logische Gedankenketten herzustellen, so lehrte uns die moderne Wissenschaft, nach und nach die Tatsachen in einzelne vom Standpunkte der wirklichen oder als wirklich angenommenen Kausalverbindung zwingende Entwicklungsketten urnzusetzen. Unter dem Einflüsse der exakten Forschungsmethoden lernten wir nach und nach — bewußt oder unbewuflt — in wissenschaftlichen Untersuchungen eine Tatsache nie als eine vereinzelte Erscheinung sondern stets als ein Glied in einer bestimmten Aufeinanderfolge von Tatsachen derselben oder verwandter Art zu betrachten. Es ist dies nach unserer Überzeugung die wichtigste und bleibendste Errungenschaft, zu welcher der nach Erkenntnis ringende menschliche Geist in neuerer Zeit gelangte, der älteren dogmatisch-deduktiven Wissenschaft gegenüber so neu und epochal, als es nur die Scholastik dem frühmittelalterlichen Enzyklopädismus gegenüber gewesen ist.

Das fast naive Mißverständnis des Philosophen bestand darin, daß er vermeinte, eine entwicklungsgeschichtliche Reihenfolge in biologische Faktoren und Gesetze umsetzen und umgekehrt aus diesen Gesetzen den geschichtlichen Vorgang erklären zu können, wo ihm doch nur eine zufällige Aneinanderreihung von vereinzelten und das Problem durchaus nicht erschöpfenden geschichtlichen Tatsachen zu Gebote stand. Selbst eine erschöpfende Kenntnis der Darstellungsprobleme einer einzelnen Kunstperiode würde nicht ausreichen, geschichtlich-biologische Gesetze des Kunstschaffens nachzuweisen, so lange wir nicht über alle historischen Faktoren unterrichtet sind, die dabei in Betracht kommen, umsoweniger die vermeintliche Geschichte einer technischen Erfindung.

Und doch mußte uns erst aus einer Untersuchung, die auf so lahmen Füßen geht, die Mahnung zukommen, daß der neue Stil Jan van Eycks nicht ohne Zusammenhang mit den Elementen der vorangehenden Kunst betrachtet und erklärt werden darf. Ist es nicht dasselbe, als müßte man einen Rechtshistoriker erst darauf aufmerksam machen, daß neue Rechtsnormen weder als zeitlose und unbeschränkte Phantasieschöpfungen noch als eine Offenbarung aufgefaßt werden können sondern in ihren konstruktiven Elementen durch die vorausgehende Entwicklung der rechtlichen Anschauungen bestimmt werden und daß es keine Macht, keine Beeinflussung gibt, die über die dadurch gestellten Grenzen hinaus Neues hervorbringen könnte! Wie wären wohl viele von jenen, die gedankenlos die alte Phrase von dem neuen Naturgefühl nachschreiben, über die Zumutung empört, daß sie die Kunst und ihre Ausdrucksmittel aus den Gesetzen der geschichtlichen Evolution ausgeschaltet haben wollten! Und doch ist «die Natur, die plötzlich zum Menschen eine neue Sprache redet», und «die Kunst, die durch diese Sprache vom Idealismus zum Naturalismus umgewandelt wird», ebenso transzendental wie die Offenbarungsbeweise der dogmatischen Literatur. Jede geschichtliche Bildung ist ein Glied einer bestimmten geschichtlichen Entwicklungskette und bedingt durch die vorangehenden Bildungen derselben Materie — so lautet die Voraussetzung und der Berechtigungstitel der modernen exakten Wissenschaft — ohne das wäre sie ein Possenspiel. Das eigentliche und wichtigste Substrat der Geschichte der Kunst, wenn sie mehr sein soll als Künstlergeschichte, ist die Entwicklung der formalen Darstellungsprobleme, und daß man diese nach dem entwicklungsgeschichtlichen Prinzipe untersuchen muß, ist die Forderung, die nun auf dem sonderbaren Umwege einer verfehlten erkenntnistheoretischen Studie in unserer Frage endlich geltend gemacht wurde. Es war schon wahrlich Zeit dazu.

Wie alle Gedanken eines Menschen durch die Erwerbung der Fähigkeit, richtige Schlüsse zu ziehen, beeinflußt werden, so konnte sich auch kein Gebiet der geschichtlichen Forschung der genetischen Auffassung des historischen Werdens auf die Dauer entziehen. Man übernahm zunächst die äußere Form des neuen Systems und begann stilgeschichtliche Entwicklungsreihen aufzustellen. Selbst in der Geschichte der altniederländischen Kunst wurden Stammbäume dieser Art aufgestellt, die jedoch nie weiter zurückgehen als bis zu den Brüdern van Eyck, deren Hauptwerk «am Anfang steht» wie in älteren Büchern über die Geschichte der Reformation der Geburtstag Luthers. Man spricht höchstens von «Vorläufern» des Hubert und Jan van Eyck, wie man von den «Vorläufern» Luthers gesprochen hat. Wie Mühlwerke klappern da die harmlosen Nachbeter der neuen Religion, an alte Bette gebunden und ohne Ahnung, woher der Strom kam, der sie in Bewegung gesetzt hat.

Dann gibt es die Gilde der Kenner und Täufer, die nicht minder ihre Existenz und Methode dem neuen wissenschaftlichen Prinzipe verdanken. Sie haben wohl am meisten geholfen, den Schutt wegzuräumen, unter dem der Schatz der altniederländischen Malerei verborgen lag; doch wie richtige
Goldgräber, gruben sie nach Gold zumeist eben nur des Findens halber. Auch für sie ist der Genter Altar kaum mehr als ein Geburtstagsdatum, ein zufälliger Terminus, bei dem ihre Betätigung einzusetzen hat; Hubert und Jan interessieren sie nur in ihrem Schulzusammenhange mit Rogier, Bouts, Memling u. s. vv., und ihre Bilder werden nach derselben Schablone behandelt wie die Bilder des Meisters der zehntausend Märtyrer. Man ist dort und da befriedigt, wenn nur von den «Begründern der neuen Malerei» ab die Sache recht oder schlecht stimmt und klappt; was früher war, gehört, wie in den Museen, in eine «andere Abteilung» und kann durch einen kurzen Hinweis erledigt werden.

So hat man z. B., wie seinerzeit bereits Crowe und Cavalcaselle, von neuem auf Broederlam oder auch auf Jean de Beaumes und Henri Belechose hingewiesen als «Vorfahren» der Brüder van Eyck, ohne dafür andere Gründe anführen zu können, als daß sie auch Nordländer gewesen sind und vor dem Brüderpaare gelebt und gemalt haben; denn künstlerisch könnte man ebensogut auch Giotto und Simone Martini als Ahnherren der neuen niederländischen Malerei bezeichnen. Stilistisch und formalgeschichtlich liegt zwischen diesen Künstlern und unseren Helden eine solche Kluft, daß diese Zusammenstellung, statt eine Lösung zu enthalten, als eine besonders scharfe Verdeutlichung des Geheimnisses betrachtet werden kann, in welches die Jugendjahre der niederländischen Malerei gehüllt sind. Hätte sie keine anderen Lehrer gehabt als diese, dann müßten wir doch wieder an Wunder glauben.

Andere, die einen schärferen Blick besessen haben, verwiesen auf die Skulpturen des Klaus Sluter und seiner Schule als auf das Vorbild des neuen naturalistischen Stiles — «hier spricht ein den Eycks ebenbürtiger Geist» (Tschudi). Da ist die Verwandtschaft unzweifelhaft; doch ist damit viel gewonnen? Einesteils stehen wir da wieder vor der Frage, woher Sluter seinen Stil genommen hat, und dafür gibt es als Antwort wiederum nur die stereotype Phrase von einer damals sich vollziehenden Wandlung vom mittelalterlichen Idealismus zum neuzeitlichen Naturalismus, andersteils ist es kaum möglich, die Verwandtschaft ohneweiters als ein Abstammungsverhältnis aufzufassen. Aus der Plastik hatten die Brüder van Eyck die Anregung empfangen können, die Objekte mit möglichst großer Naturtreue darzustellen; ja wir gehen weiter, es ist selbstverständlich und gar nicht anders denkbar, als daß jede neue naturalistische Errungenschaft der Skulptur auch auf die Malerei einwürken mußte, da die Fähigkeit, Formen neu zu sehen, als eine ebenso psychische als technische Errungenschaft nicht lange auf einen Kunstzw’eig beschränkt bleiben kann. Doch ist es möglich, auch die epochal neue Auffassung der rein malerischen Probleme durch Hubert und Jan van Eyck auf eine plastische Anregung zurückzuführen? Es ist unmöglich, neue Formen der Raumdarstellung, die den Genter Altar vielleicht noch höher über seine vermeintlichen Vorgänger stellen als sein sachlicher Naturalismus, unmittelbar aus der gleichzeitigen Plastik abzuleiten oder durch den Einfluß einer neuen «allgemeinen» naturalistischen Tendenz zu erklären, die ja nichts anderes wräre als das alte transzendentale «plötzlich neuerwachtc Naturgefühl». Die neuen malerischen Aufgaben und Lösungen können ebensowenig über Nacht und aus nichts geschaffen worden sein als die plastischen. Für ihre Genealogie scheinen aber alle Quellen zu versiegen.

Einer der letzten Deuter der altniederländischen Kunst hat sich den Sachverhalt folgendermaßen zurechtgelegt:3 Von den älteren Werken der niederländischen Malerei, «welchen die Kenntnis der Naturformen, überhaupt die äußere Naturwahrheit völlig fehlt», führt keine Brücke zu der Kunst des Jan van Eyck und «wären die Künstler einfach auf dem Wege ihrer Vorgänger weiter vorwärts gegangen, wie das in Italien um die gleiche Zeit Fra Angelico getan hat, so wäre ein Stil herausgekommen wie eben der dieses entzückenden Meisters». Doch das ist nicht eingetroffen sondern Jan van Eyck stellte sich im Gegenteile in einen bewußten Gegensatz dieser älteren Kunst gegenüber, indem er sich einer anderen, und zwar einer realistischen Strömung anschloß, welche sich besonders in der Skulptur ausgebildet und dem Geiste der Zeit entsprochen hat. Diese Erklärung lasse sich durch den Hinweis auf die Entwicklung der florentinischen Kunst stützen, wo dem Stile des Fra Angelico und Ghiberti der von Männern wie Castagno und Donatello nicht etwa nur gleichzeitig ist sondern gegenübersteht. «Es wäre hier dasselbe Gesetz der Entwicklung in Gegensätzen zu konstatieren, das Justi in so geistreicher Weise anwendet, um Velazquez aus seinen ihm so ganz unähnlichen Vorläufern zu erklären.» Es ist die alte Theorie der an der Schwelle der neuen Kunst sich vollziehenden Wandlung vom Idealismus zum Naturalismus in einer etwas modernisierten Verkleidung, doch mit neuen Irrtümern verknüpft und ein fast klassisches Beispiel dafür, wohin es führt, wenn geschichtliche Vorgänge nach Analogien der Tagesereignisse erläutert werden. Ist es nicht, als ob man in einem «Kunstbriefe aus Paris» lesen würde: «Dem jetzt herrschenden krassen Verismus gegenüber macht sich eine extrem idealistische Richtung bemerkbar»? Der Grad der Naturtreue bei einem Kunstwerke wird ebensowenig durch einen einfachen Willensakt unmittelbar bestimmt als durch eine einfache Geschmacksänderung, ebensowenig durch einen subjektiv psychologischen Prozeß als durch einen sozial-objektiven; beides kann neue Darstellungsstoffe schaffen, nie und nimmer ganz neue Darstellungsformen. Trotz seiner religiösen Tendenz steht der Mönch von S. Marco in den formalen Aufgaben und Lösungen seiner Kunst ebenso auf den Schultern seiner Vorläufer wie Donatello oder Andrea del Castagno, mit dem höchst alltäglichen Unterschiede, daß sein Stil mit der raschen Entwicklung der florentinischen Kunst nicht Schritt gehalten hat, bis er ein Anachronismus geworden ist. Man braucht nur einen Blick auf seine Porträte zu werfen, um sich zu überzeugen, daß er seine Formenauffassung und Darstellung aus derselben Quelle schöpfte, aus welcher die Kunst Donatellos und aller Florentiner seiner Zeit entsprungen ist und die zu erschließen gerade Ghiberti das meiste beigetragen hat. Wohl haben die Bildhauer in Florenz die Führung übernommen auf dem neuen und doch alten Wege zur Naturwahrheit (denn das lag in den Aufgaben, die damals zu bewältigen waren), doch absolut nicht im Gegensätze zur Malerei, die bereits durch Masaccio auf denselben Weg gewiesen wurde. Und welch ein Fehlgriff liegt in dem Vergleiche mit Velazquez und welches Mißverstehen seines unvergleichlichen Biographen. Es besteht wohl ein Gegensatz zwischen dem größten Meister der Licht- und Luftmalerei und seinen spanischen Amtsvorgängern, doch besteht deshalb ein Gegensatz zwischen ihm und der ganzen vorausgehenden Kunst? Muß man nach dem Ursprünge der malerischen Probleme, die das Neue in seiner Kunst seinen spanischen Vorläufern gegenüber gewesen ist, erst lange Umschau halten? Es liegt selten eine Kunstentwicklung so klar und deutlich zutage wie jene, die von Tizian zu Tintoretto, von Tintoretto zu Velazquez führt. Doch wo sollen wir bei Jan van Eyck anknüpfen?

So tritt uns in dieser letzten Erklärung trotz der neuindividualistischen Maskerade das alte Vasari-van Mandersche Märchen unverhüllter als je entgegen. Man hat auf verschiedene Weise versucht, es zu deuten; es zu beseitigen, wagte oder vermochte man nicht und so blieb es unerschüttert, ja unangetastet im Wandel der Zeiten. Etwa deshalb, weil es wahr ist?

Auf anderen Kunstgebieten wurde in den letzten Jahren die Anschauung von der genetischen Entwicklung der formalen Probleme in der Kunst immer mehr begründet und befestigt. Es waren die Forschungen Wickhoffs über die Geschichte der römischen Kunst, welche durch einen kühnen Schlag dieser Anschauung die Tore geöffnet haben. Ihm und anderen, die ihm folgten, verdanken wir die tatsächliche und bewußte Verwirklichung der entwicklungsgeschichtlichen Forderung in dem Nachweise, daß in großen Kunstperioden die Darstellungsformen der Kunst in ihrem Verhältnisse zur Natur und hiermit auch die ihnen zugrundeliegenden Darstellungsfähigkeiten bestimmte und einheitliche Entwicklungsreihen bilden, durch die jeder Künstler, jede Kunstströmung an bestimmte Grenzen gebunden wird.

Davon sollte es nun einmal eine Ausnahme geben? Das wäre der Fall, wenn der Bericht Carel van Manders über die Entstehung der neuen niederländischen Malerei wahr wäre. Einmal sollen wir an ein Wunder glauben; müßte da nicht bald das ganze stolze Schiß‘ unserer Wissenschaft in den Abgrund sinken?

Deshalb war es nötig, noch einmal auf die alten Fragen zurückzukommen.

Text aus dem Buch: Das Rätsel der Kunst der Brüder van Eyck (1904), Author: Dvorák, Max.

Siehe auch:
Studien zur Deutschen Kunstgeschichte – Von Jan van Eyck bis Hieronymus Bosch – Kapitel VI

Das Rätsel der Kunst der Brüder van Eyck JAN VAN EYCK 1390 bis 1441

Zwar sind die Zeugnisse über Balder nur spärlich, aber sie lassen ihn immerhin noch als eine lichtspeudende, jugendliche Gottheit erkennen. Baldery ags. Bealdor, an. Baldr ist von der Wurzel bal mit betontem tr—Suffix gebildet und bezeichnet den leuchtenden, Licht verbreitenden (gr. (pa).-ös licht). Idg. bhaltos bedeutet sowohl hell schimmernd, glänzend, wie schnell, kühn; beide Bedeutungen sind vielleicht auch für Balder anzunehmen (der kühne Licht- oder Glanzspender). Die alten englischen Königsgenealogien nennen als Vodens Sohn Baldaeg oder Balder. Baldaeg = der helle Tag, Glanztag, ist ein Beiwort Balders und bestätigt das Wesen und den Namen des Gottes. Auch aus dem westfränkischen Worte Bald-revert = der gleich Balder leuchtende ergibt sich derselbe Name mit der gleichen Bedeutung.

Unsere Kenntnis vom Mythus des Gottes bei den hochdeutschen Stämmen beschränkt sich im wesentlichen auf den zweiten Merseburger Zauberspruch:

Dem Zauberspruche, der beim Stillen des Blutes und Verbinden der Wunde seine Wirkung ausüben soll, geht eine kurze mythische Erzählung vorauf. Wie Wodans Spruch bei Balders Roß die Genesung erzielte, so soll es das (dreimalige) Hersagen des ganzen Liedes bei irdischen Pferden, die erkrankt sind; die Bemühung des Menschen wird unter göttlichen Schutz gestellt. Der erste Teil versetzt uns also auf mythischen Boden, der zweite enthält den eigentlichen Zauber, das Ganze dient zur praktischen Nutzanwendung.

Das Lied schildert einen Ritt der himmlischen Götter. Zwei Reiter, von vier Göttinnen begleitet, fahren zu Walde, d. h. reiten auf die Jagd: Wodan und Balder, Sinthgunt und Sunna, Volla und Frija. Unterwegs erleidet Balders Fohlen einen Unfall. Die Göttinnen versuchen dem Übel abzuhelfen; wie die germanischen Frauen die Wunden des Kriegers verbinden, sind ihre himmlischen Gegenbilder heilkundig gedacht. Aber ihre Kunst ist hier umsonst; erst Wodan gelingt es.

Vier Hauptpunkte treten hervor: der Ritt Phols und Wodans, die Verletzung von Balders Pferde, die vergebliche Besprechung des Schadens durch vier Göttinnen, endlich das helfende Eingreifen Wodans.

Die Vorstellung, daß die Lichtgötter ihren Weg reitend zurücklegen, ist uralt. „Grüß dich Gott, du heiliger Sonntag, ich sich dich dort herkomraen reiten“, beginnt ein alter Segen, und ein anderer aus Schwaben: „Sei mir willkommen, Sonnenschein, wo reitst du hergeritten?u Wenn das Fohlen, das Balder besitzt, nicht einfach das Streitroß bedeutet, so weist es auf eine jugendliche Lichtgottheit hin, eine Erscheinung des frühen Morgens. Das Straucheln des Pferdes hat also guten Sinn. Wenn der junge Lichtgott das Ende seines Weges erreicht, wird sein Roß lahm. Umgekehrt ist das Roß im Märchen, das die Sonne am Anfang ihrer Laufbahn reitet, schwarz, später grau, am Morgen dagegen weiß und glänzend.

Balder ist also nach dem Merseburger Spruche ein Lichtgott, mag man an das Zwielicht, das erste Aufleuchten des Tages oder an den Taggott selbst denken. Dann kann die Bein Verrenkung des Pferdes und dessen Heilung nur den täglichen Ritt des Lichtgottes zur Unterwelt, seinen Fall und seinen neuen Aufgang bedeuten. Befremdend ist, daß Wodan, der alte Nacht- und Sturmgott, den Lichtgott begleitet; man erwartet eher: der Gott des Zwielichtes und sein Vater Tius, der Tagesgott, reiten auf lichten Rossen am Morgenhimmel empor. Mit gutem Grunde hat man daher angenommen, daß die Heilung zu einer Tat Wodans umgedichtet sei, nachdem dieser sich zum Hauptgott aufgeschwungen hatte.

Die auffallende Reihenfolge, daß Wodan an zweiter Stelle genannt wird, sowie das starke Hervorheben „der es wohl verstand“ zeigen, daß er seinen Platz erst später in diesem Liede erhalten hat.

Füllet, die Üppige, auf römisch-germanischen Votivsteinen der Gardereiter aus der Zeit von 132—141 vielleicht Fortuna genannt, ist eine Hypostase der Frija, die Spenderin der Fruchtbarkeit; hier ist sie als Schwester aufgefaßt. Sie war in der Urzeit die Gemahlin des Himmelsgottes Tius, bis der nächtige Stürmer Wodan ihn stürzte und sein Reich und seine Gattin an sich riß. Frija- Volla muß also in dem Spruche als Wodans Gemahlin aufgefaßt werden; mithin muß Sunna-Sinthgunt in einem besonderen Verhältnisse zu Balder stehen. Sunna be deutet die Sonne, die Sonnengöttin, eigentlich ist sie dieselbe wie Frija; Sinthgunt} ihre Hypostase, ist gleichfalls als Schwester aufgefaßt, zwischen Sunna und Sinthgunt muß ein Zusammenhang bestehen. Es ist unmöglich, zwischen den reitenden Tagesgottheiten sich eine Nacht- oder Mondgöttin vorzustellen,
die Kampf jungfrau, die Nacht für Nacht waudelt(Sinnachtguntl. oder die streitbare Walküre, die vor der Türe der Totenhalle ihren Posten hat. Sindgund ist die wandelnde, eilende Göttin, die Gefährtin der eilenden Sonnengöttin, oder sie ist die Göttin, die ihren Weg erkämpfen muß, die zum Kampfe aus-geht. Aus den Eigenschaften der Frija und Sunna sind also selbständige Göttinnen entstanden. Ist aber Sinthgunt-Sunna ursprünglich ein Wesen, wie Volla-Frija, und gehört letztere als Gemahlin zu Wodan, so muß unbedingt ein mythisches Verhältnis zwischen Sinthgunt und Balder obwalten. Wie der Himmelsherr und die Himmelskönigin ein Paar bilden, so muß der junge Tag oder das Zwielicht und die Sonnengöttin zusammen gehören. Darauf deutet auch der sachliche Zusammenhang. Der Ritt der Götter erfolgt offenbar in einer gewissen Reihenfolge. Es kann nicht Zufall sein, daß Sinthgunt, die doch an Macht hinter Frija zurücktritt, zuerst Balders Fohlen zu Hilfe eilt und an erster Stelle unter den vier Göttinnen genannt wird. Sie muß an Balders Seite reiten, wenn sie zuerst den Unfall wahrnimmt. Ihr folgt ihre Schwester Sunna, dann das Schwesternpaar Volla und Frija und endlich Wodan. Dem Gatten Verhältnis Wodan-Frija entsprechend, muß Sinthgunt als Balders Gemahlin gedacht sein.

Ist aber Sinthgunt ein Beiname der Sunna, Volla ein solcher der Frija, so liegt es nahe, auch in Phol einen Beinamen des Gottes Balder zu sehen. Daß er nicht ein neuer Gott sein kann, zeigt der Zusammenhang. Er wird bei der Besprechung nicht weiter erwähnt, während doch Wodan, der schon in der ersten Zeile genannt war, noch einmal mit Namen auftritt. Das Beiwort ist lediglich aus metrischen Gründen für Balder selbst eingesetzt: Phol gab zu fuhren den fehlenden Stabreim.

Phol ist der Starke, Kräftige. Die mit Phol zusammengesetzten Namen zeigen, daß Phol und Balder sich durchaus entsprechen; ob als Brüder oder als Namen eines Gottes, mag dahin gestellt bleiben, der Merseburger Zauberspruch faßt sie jedenfalls als eine Gottheit auf. In Thüringen, unfern der Saale, finden wir Pholes-bruimo, jetzt Pfuhlsborn; Baldebrunno (Baldersbrunno) in der Rheinpfalz ist zweifelhaft. Von Pfuhlsborn geht die Sage, daß dort ein dem Götzen Pfui geweihter Tempel gestanden habe, der an der noch jetzt vorhandenen Quelle seinen Sitz hatte. Einem Baldenhain (Baldershain) entspricht vielleicht, einem Balderes leg (Hain) bestimmt ags. Poleslöah. jetzt Polsley: es gab also heilige Haine, die Balder-Pol geweiht waren. Ein Baltheresberghe wird 744 erwähnt; ein Polesworth liegt in Warwickshire. In einer zwischen 744 — 788 verfaßten Urkunde wird ein bayer. Ort Pholesouwa erwähnt, jetzt Dorf Pfalsau bei Passau; ein Pfalsau liegt auch an der Melk (Niederösterreich); uni 1138 wird ein Ort Pholespiunt genannt (piunt = eingehegter Garten oder Acker, Feldstück), jetzt Pfalzpoint an der Altmühl; in Pholeschirichün heißt es in den Urkunden von St. Gallen 855.

Das zweite Zeugnis für Balder ist zwar viel älter, aber weit unsicherer und noch dürftiger in seinem Inhalt als der doch auch nur Andeutungen gebende II. Merseburger Zauberspruch. Tacitus berichtet (Germ. 43): ..Bei den Nahamarvalen (südlich von Thorn und Bromberg) wird ein Hain uralter Götterverehrung gezeigt. Ein Priester in weiblicher Tracht steht dem Heiligtume vor, doch nennen die Berichterstatter als Götter, römisch aufgefaßt, Castor und Pollux. Dies das Wesen der Gottheit, ihr Name Alkis; obgleich es keine Bilder von ihnen gibt, verehrt man sie doch als Brüder, als Jünglinge Tacitus schildert hier den gemeinsamen Kult der van-dilisch-gotisehen Stämme, Pfleger und Hüter des Stammes-heiligtums sind die Nahanarvali. Tacitus hebt einmal das rein Germanische dieses Kultes hervor, sodann, daß die Ge-samtvorstellung, die er von diesen Göttern bekam, ihn an Castor und Pollux erinnerte: die beiden germ. Gottheiten sind auch Brüder und Jünglinge wie die griech. Dioskuren, aber es sind germanische Götter.

Aus den Worten des Tacitus läßt sich nicht ersehen, welcher Kasus Alcis ist, ob Dativ. Plur. von Alci oder Alcae, Nom. Sing, oder Nom. Flur. V Alces, got. alkeis erklärt man als die „lyeuchtendeu“, „Glänzenden“ (ags. eolh-sand Bernstein) oder als die „Schützer“; aber aus Iautgeschichtlichen Gründen ist ein Zusammenhang mit ahl „beschützen“, ags. ealgian, got. ahls (geschützter Ort = Tempel), lett. elks „Abgott“, gr. dkabcelv, ahn) undenkbar. Vielleicht sind die Alkis ein germanischer Dual, *Alki = „die Boten“ oder „Werber“ (lit. Aigis „Lohnmann, Bote“).

Wie die Seranonen bei den Erminonen, so sind die Nahanarvali bei den vandilischen Völkern Mittelpunkt der Kultusgemeinschaft. Da ihr Name nur bei Tacitus vorkommt, wird er mit dem Kultus und der Mythologie Zusammenhängen. Er ist vielleicht ein hieratischer Kultname, d. h. das Volk nannte sich nach der Gottheit, zu deren besonderem Dienst es von den andern Stämmen bestellt war. Die Nava-ner-vali werden als die erklärt, die sich die in der Schlacht zu tötenden Männer aussuchen (got. naus der Tote, ner Mann, dvr’jQ, waljan wählen), oder „die viel und oft töten und schlachten.“ Oder man deutet die Nahanarvali als die, die genug Wundmale aufzuweisen haben, Krieger von erprobter Tapferkeit (ahd. narwa Narbe, got. ganohs, ahd. ganögi), oder als die Totenkämpfer oder die Manngewaltigen.

Von diesen nordostgermanischen Dioskureu wissen wir außer der dürren Notiz bei Tacitus leider nichts; und was man durch kühne Rekonstruktion aus zerstreuten Trümmern und durch Vergleich mit andern indogermanischen Dioskuren-Mythen wieder hergestellt hat, ist geistvoll und blendend, aber doch nur das Erzeugnis eines modernen Mythologen. Allenfalls darf man annehmen, daß die Deutschen das Zwielicht als jugendliche, streitbare, rossebändigende Götter verehrt haben, wie die indischen Avins, die griechischen Dioskuren und die lettischen „Gottessöhne“. Ein deutscher Mythus aber von der Werbung des Himmelsgottes durch die Dioskuren um die Sonnenjungfrau, von der Untreue der Brüder, die durch Schätze die Gunst der Göttin gewinnen, und von ihrem schimpflichen Tode durch die Hand des erzürnten Gottes, ist in keiner Weise erkennbar, sondern ist nur eine wundervolle philologische Dichtung. Angenommen selbst, daß Balder wirklich einer der taciteischen Alkis ist, so hilft das doch zu einem tieferen Verständnis des Gottes nicht im geringsten weiter, wenn man sich auf das Tatsächliche beschränkt Und nur sehr vorsichtig darf man die Frage aufwerfen, ob vielleicht der Priester in weiblicher Tracht, der dem Heiligtume-der brüderlichen Alkis Vorstand, als Stellvertreter der Göttin (Sinthgunt-Sunna) aufzufassen istV Der Priester, der die Göttin Nerthus auf ihrer Umfahrt begleitete, war höchst wahrscheinlich der Vertreter ihres göttlichen Gemahles; ebenso fuhr bei den Schweden eine Priesterin mit der lebensgroßen bekleideten Bildsäule Freys auf einem Wagen im Lande umher, und es heißt geradezu, daß die Priesterin in wirklicher Ehegemeinschaft mit dem Gotte Frey lebte.

Text aus dem Buch: Deutsche mythologie in gemeinverständlicher darstellung (1906), Author: Paul Herrmann.

Siehe auch:
Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Der Seelenglaube
Deutsche Mythologie – Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut
Deutsche Mythologie – Die Seele in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die Seele in Menschengestalt
Deutsche Mythologie – Der Aufenthaltsort der Seelen
Deutsche Mythologie – Der Seelenkultus
Deutsche Mythologie – Zauberei und Hexerei
Deutsche Mythologie – Der Maren- oder Alpglaube
Deutsche Mythologie – Schicksalsgeister
Deutsche Mythologie – Der Mütter- und Matronenkultus
Deutsche Mythologie – Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Naturerscheinungen in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Elfen und Wichte
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Zwerge
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Hausgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Wassergeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Waldgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Feldgeister
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Name und Art der Riesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Luftriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Berg- und Waldriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Wasserriesen
Deutsche Mythologie – Der Götterglaube
Deutsche Mythologie – Name und Zahl der Götter
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise – Der Feuergott
Deutsche Mythologie – Mythenkreise – Licht und Finsternis. Gestirnmythen.
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Tius
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Foseti
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Wodan
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Donar

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Deutsche Mythologie

Bereits in indogermanischen Zeit ist der Gewittergott vom Himmelsgotte getrennt gewesen. Wie Indra neben Dyaus bei den Indern, Herakles neben Zeus bei den Griechen, steht Donar-Thor neben Tius-Tyr bei den Germanen. Der Gewittergott erscheint wie ein blondbärtiger oder rotbärtiger Riese von übermäßiger Kraft, ein gewaltiger Esser und Trinker, ein heldenhafter Drachentöter; die Freude am derben Dreinschlagen ist ihm eigen, wenig kümmert er sich um Sitte und feine Lebensführung. Sein starker Arm bringt Macht und Sieg, öffnet die Schleusen des Himmels und läßt den warmen Regen niederrauschen; das Gedeihen der Herden und Felder, der Saat und Ernte hängt von seiner Huld ab, aber auch der Segen des Hauses und der Nachkommenschaft. Er ist Heftig und doch gutmütig, furchtbar in seinem Grimme, freundlich und freigebig gegen seine Verehrer. Er ist mehr der Gott der Bauern als der Krieger, er steht weniger im Mittel punkte des Stammeskultus als im kleinen Kultus des täglichen Lebens. Ein Gewitter verkündet nach dem Glauben der Germanen den Zorn der Himmlischen; wenn unheilbedeutender Hagel auf die Schilde schmettert, ziemt dem Menschen, den Kampf abzubrechen. Ein Gewitter hilft dem Kaiser Marc Aurel zu seinem großen Siege über die Quaden; Hagel vereitelt im Jahre 537 die Mordpläne der Brüder Chlothars, sie und ihr Heer werfen sich unter den Schilden zu Boden und bitten Gott um Verzeihung, daß sie etwas gegen ihr Blut unternommen haben. Ein Gewitter verhindert 20 Jahre später die Schlacht zwischen den Söhnen Chlothars.

Der Name des Gewittergottes Donar, Thonar in Schwaben, Thuner bei den Sachsen, Junior bei den Angelsachsen, Thuner bei den Friesen, Thorr (*honraz) bei den Nordgermanen, ist mit dem Suffix ra von der idg. Wurzel stau, tan „donnern, dröhnen“ gebildet (gr. rövog, lat. tonare). Das älteste Zeugnis für Donar stammt aus dem Jahre 16: vor dem Kampfe mit Germanicus auf der Jdisenwiese versammeln sich alle Weservölker in einem dem Hercules heiligen Haine (Ann. 212). Tacitus erwähnt ihn neben Tius und Wodan und hebt hervor, daß ihm Tieropfer fallen (Germ. 9). Die ältesten lateinisch schreibenden Schriftsteller geben ihn mit Hercules wieder, wegen seiner Stärke, des Donnerkeils und wegen seiner Kämpfe gegen alle Feinde der Menschen und ihres entwickelten Lebens. Zahlreiche römisch-germanische Votivsteine sind ihm zusammen mit Mars-Tius, Mercurius-Wodan oder allein errichtet, einer im Gebiete von Xanten aus dem Jahre 118 dem Hercules und seiner Gattin, der Fortuna. Die späteren Schriftsteller setzen dafür Juppiter ein. Vielleicht hat Donar bei einigen Völkerschaften in der Tat die höchste Stelle eingenommen, aber dies kann nur bei Stämmen und zu einer Zeit geschehen sein, die sich friedlicher Kultur erfreuten. Bei den Friesen werden Herculessäulen genannt (Germ. 34), aber es ist auffallend, daß Tacitus keine Rücksicht auf den früher erwähnten Gott nimmt (Germ. 3. 9.). Donarssäulen sind schwerlich gemeint, auch befriedigt die Erklärung nicht, daß die Sage von den Herculessäulen durch Felsen, die aus dem Meere hervorragten, und durch scharfe Vorgebirge hervorgerufen sei: die röm. Seeleute hätten die Klippen der Nordsee mit den südlichen Säulen des Hercules in Parallele gesetzt. Eher könnte man an Grabdenkmäler friesischer Seehelden denken, die wie das Beowulfs au den Klippen der Brandung errichtet seien (2802 ft‘.), oder man hat in ihnen ein uraltes Weihgeschenk phönieischer Seefahrer ip Gestalt zweier Peiler zu sehen.

Östlich der Weser, wo sich die zu Arminius stoßenden Stämme in Donars Hain versammelten, ward Thonar auch ferner noch verehrt. Vielleicht bezeugen auch die „Castra Herculis“ im Gebiete der Bataver bei Nimwegen die Verehrung des Donar (Ammian. Marcell. 18, 24). Das sächsische Taufgelöbnis nennt Thuner als den ersten der drei großen Heidenteufel, vor Wodan und Sahsnöt (S. 190). Auch bei den Hessen blühte im 8. Jhd. sein Kult; zwischen 725 und 731 fällte Bonifatius mit eigener Hand bei Geismar einen Baum von wunderbarer Größe, der in der Sprache der Heiden Donars Eiche hieß. Eine große Menge von Heiden war zugegen, die den Feind ihrer Götter verfluchte und erwartete, daß der strafende Blitzstrahl des Gottes den Frevler zerschmetterte. Aber wie von des Christengottes allmächtigem Hauch angeblasen, sank die Kieseneiche um, und an ihrer Stelle erhob sich ein Heiligtum des Petrus, der unter den christlichen Heiligen Donar am meisten zu entsprechen schien (V. Bonifatii). Also im heiligen Walde war die Eiche dem Donnergotte geweiht, und wie beim Nerthustempel der heilige See lag, in dem die Göttin badete (Germ. 40), wie unter der goldenen Axt des Foseti ein Quell hervorsprudelte und ein Quell zu seinem Tempelgute gehörte (S. 227), so wird bei der Donarseiche bei Fritzlar ein heiliger See gewesen sein; denn Geismar (Sprudelquell; gisan, mari) wird Opferquell bedeuten. Bonifatius erwähnt auch einen Priester des Donar (Ep. 25. 723) und muß für die Franken, Thüringer und Sachsen die Opfer des Donar und die Feier seines Festes nachdrücklich verbieten: „Alle Opfer und Beobachtungen der Vorzeichen von seiten der Heiden sind Entweihungen des Heiligen. Der Art sind Opfer für die Toten oder über den Gräbern, Amulette, Opfer auf Steinen, an Quellen und Bäumen für Donar, Wodan und die andern Götter der Heiden, denn sie sind sämtlich teuflische Mächte.“ In Hessen begegnet im 9. Jhd. ein Donaresbrunno, in Westfalen ein Donnersbrunnen, jetzt Petersbrunnen, Thoneresberg (869) in der Pfalz, Thuneresberg in Westfalen (1100) und Donnershaug; bei Oldenburg liegt ein Dorf Donnerschwe (Donars Heiligtum oder Weg); neben Thoneresfeld und Doneresreut finden sich in England Jmnres-feld und {wnreslöah. Nur wenige Personennamen sind mit Donar zusammengesetzt: Donarpercht, Donarpret, Donarad, Thunereulf, Albthonar.

Der hl. Eligius von Xoyons (f 659) hat seine Not mit dem zähen heidnischen Leben der getauften Franken und unternimmt auch Bekehrungsversuche bei den benachbarten Friesen; besonders eifert er bei den getauften Deutschen gegen die Heilighaltung des Donnerstages, namentlich im Mai, an dem das Volk nicht arbeiten wollte. Der Indiculus verbietet die Pflege der Heiligtümer des Wodan und Donar (Nr. 8 de sacris Mercurii vel Jovis; Nr. 20); außer Bildern, Säulen und Altären wird an Haine und Wälder, Berge, Quellen und andere Kultusstötten und -Gegenstände zu denken sein, die diesen Göttern vornehmlich geweiht und durch allgemeinen, verstärkten Opferdienst ausgezeichnet waren. Zahlreich sind in den Bußbüchenv des 7.—9. Jhds. die Verbote, den Tag des Juppiter untätig zu verbringen, den fünften Tag zu Ehren Juppiters nach der Heiden Weise auszuzeichnen. Selbst bei den spanischen Sueben ist es verboten, den Sonntag nicht zu feiern und dafür zu sagen, man feiere den Tag des Donar, des Wodan und der Frija (Martin von Bracara Nr. 9). Aber es ist sehr zweifelhaft, ob man daraus den Schluß ziehen darf, der Donnerstag‘ sei gewissermaßen der heidnische Sonntag gewesen, der Ruhetag der alten Deutschen. Denn die Kirche räumte dem Donnerstag eine bevorzugte Stellung ein zum Andenken an die Einsetzung des Abendmahles und an die
Himmelfahrt; Sonntag, Dienstag und Donnerstag waren Fleischtage, und darum pflegte man von alters her Dienstag und Donnerstag zur Abhaltung weltlicher Festlichkeiten wie z. B. von Hochzeiten, Märkten ynd Gerichten zu verwenden. Man darf also kaum den heidnischen Deutschen den Donnerstag als Ruhetag, den Dienstag und Donnerstag als Gerichtstage und bevorzugte Hochzeitstage zuschreiben.

Die Alemannen am Zürichersee verehren außer Wodan auch Donar; als die Bekehrer das Christentum bringen, geben die Heiden den „flammenden“ Donar auf. In Schwaben war der Donarsberg bei Nordendorf ein besonders hochgehaltenes Heiligtum. Die Nordendorfer Spange trägt die Inschrift: Die Heimat ersiege, Wodan! weihe, Thonar! Die alten Bewohner von Nordendorf müssen sich unter dem besonderen Schutze Donars gefühlt haben; denn in unmittelbarer Nähe liegt ein alter Donarsberg, von dem ein mittelalterliches Schloß Donrs-percli seinen Namen erhielt, heute Donsbergerhof.

Wie die Sachsen in Deutschland, verehrten auch die nach Britannien gewanderten Angelsachsen den Thunar, auch bei ihnen wird Donar mit Juppiter wiedergegeben. Auffallend ist, daß Wulfila den Namen vermeidet, er übersetzt Donner (ßQOvrrj) mit [leihvö (Mc.317; Joh. 1229). Alle Germanen benannten nach Donar den fünften Tag der Woche; der „dies Jovis“ heißt in Oberdeutschland Donarestac, in Norddeutschland Donresdach, bei den Friesen Thunresdey, bei den Ags. Thunoresdäg, engl. Thursday, im Norden [:>örsdagr, schwed. torsdag.

Donar fährt auf einem Wagen durch die Lüfte. In Ditmarschen umschreibt man das Gewitter mit den Worten: „der Alte fährt wieder einmal am Himmel da oben und schlägt mit der Axt an die Räder“. Die Ags. nannten das Gewitter Thunorräd, d. h. Donnerfahrt oder Wagen. In Bayern fährt Gott und unsere liebe Frau beim Gewitter im Himmel spazieren; die Rosse schlagen mit ihren Hufen auf den Stein, daß die Funken sprühen. Nach ditmarsischer Sage fährt ein Riese auf einem Wagen, der mit Böcken bespannt ist, die sich, verirren. Auch in Tirol hat ein rotbärtiger, brüllender Riese einen goldenen Bockswagen.

In der Rechten schwingt der Gott einen steinernen Keil oder Hammer; beim grollenden Donner haut sich der Alte mit der Axt ein Rad. Die Verwünschung, „daß dich der Hammer schlag“, darf freilich nicht herangezogen werden, denn der Hammer als eine Begleitung des Teufels beruht auf einer falschen Erklärung von Jeremja (5029). Daß bei der römischen Interpretatio die Ähnlichkeit zwischeu der Keule (clava) des Herkules und dem steinernen Hammer Donars mitgewirkt hat, lehrt eine Inschrift an einem Relief, das bei Obernburg am Main gefunden ist: Herculi Malliatori, dem hammerschleudernden Donar. Die Inschrift ist von einem oder von mehreren Soldaten geweiht, die zu Holz- oder Steinarbeiten abkommandiert waren. „Das walte der rothaarige Donner“, fluchen die Nordfriesen noch heute.

Von alters her ist der Gott durch einen feuerroten Bart ausgezeichnet (S. 258). Ein tubicen der untergermanischen X. Legion widmete in der Zeit von Domitian bis Hadrian in den Brohler Steinbrüchen eine Inschrift Herculi Barbato, dem langbärtigen Donar. Im Rollen des Donners, im Zucken des Blitzen tötet der Gott die Unholde, die das segnende Naß der Wolken zurückhalten wollen; dann schüttelt er grimmig den wallenden Bart und stößt in glühendem Kampfeseifer den Schlachtenruf aus. Darum nannten die Deutschen den Donnerruf „Donars Bartrede“. Daher ist er Schützer der Erde und auch Helfer der Krieger. Ihm, dem unbesiegten Gotte, wird ein Weihstein gesetzt (Herculi invicto), und Tacitus weiß, daß man ihn als den Ersten aller tapfern Männer besingt (Germ. 3).

*Vihuz, der Kämpfer, ahd. Vigur war deshalb sein ehrender Beiname. Vermutlich einem Teilnehmer am Bataverkriege verdankt Tacitus seine Schilderung (Germ. 3): Daß auch Hercules bei ihnen gewesen sei, erwähnt man, und ihn besingen sie als den Ersten alle)‘ tapfein Männer, wenn sie in die Schlacht ziehen. Im Gegensätze zu den erwähnten Liedern auf Donar und doch als Kriegslieder zu ihnen gehörend, haben sie die allgemein bekannten Lieder (haec quoque carmina), durch deren Vortrag, bei ihnen bar di tu s genannt, sie ihren Mut ent -flammen, wobei sie zugleich aus dem Schalle des Gesanges schon den Ausgang der bevoi’stehenden Schlacht ahnen; denn sie erregen oder hegen Furcht, je nachdem es in der Heeressäule schallt; und es scheint dies nicht sowohl Harmonie der Stimmen als der gemeinsame Schlag von Heldenherzen zu sein. Vorzüglich wird Hauheit des Tones erstrebt und stoßweises Dröhnen, indem sie die Schilde vor den Mund halten, damit die Stimme durch den Widerhall desto volle)’ und tiefer anschic eile. “ Mit hymnenartigen Liedern also, in denen vor allen Donar gefeiert wurde, zog man in die Schlacht: in ihnen verherrlichte man wohl den hilfreichen Donar und rief seinen Beistand auch für diese Stunde an, oder man pries in einem kurzen Liede mythischen Inhaltes irgend eine Heldentat Donars und feuerte den Mut der Heeresäulen durch das ruhmwürdige Beispiel des flottes an. Wie Donar beim Köllen des Donners brüllend in seinen Bart bläst, daß die Erde wankt, so ahmten nach Absingen des Donarliedes dann die Kämpfer die Donnerstimme des Gottes nach, indem sie die Schilde vor den Mund hielten und kräftig hineinschrieen.

Der Gesang, mit dem der Vormarsch anhob, ging also beim Sturmlauf in ein Schlachtgeschrei über, etwa unserni Hurra vergleichbar, und dieser kurze, aber mit voller Lungenkraft in die Wölbung der Schilde geschmetterte Ton mochte sich wohl wie das dumpfe Rollen des Donners anhören. Dem Hurraruf wohnt in der Tat, wie Tacitus berichtet und urteilt, eine fast zauberhafte Wirkung inne, der schmetternde Vollton siegbewußter Kühnheit reißt alles dahin und wirkt lähmend auf den Gegner, aber das schwache, der Angst entpreßte, schwankende Gemurmel ist ein Zeichen der Verzagtheit und tötet alles frische Wagen. So kann man noch heute sagen, daß der Schall dem Kämpfer eine Weissagung für den Ausgang der Schlacht erscheint, und das donnernde Hurra benennt sich mit Recht nach dem Bartrufe des Gottes barditus (bard „Bart“). Diese Erklärung erscheint natürlicher als die Ableitung vom an. bard-Schild, Schildgesang; die Bestimmung, „indem sie die Schilde vor den Mund halten“, ist bei Tacitus offenbar nebensächlich. Andere denken an afries. barja „rufen t jubeln, singen“ (es bedeutet aber „anklagen“) oder übersetzen barditus als „Kampflied, Schlachtgesaug.“

Als kraftvoller, starker Gott erscheint Donar auf römischen Inschriften, die Bataver oder stammverwandte Germanen geweiht haben; drei finden sich in Nordbrabant, eine am Hadrianswalle — ihr Stifter ist vielleicht ein Friese —, eine fünfte in Bonn, eine sechste unterhalb Deutz, eine siebente in Rom, gestiftet von batavischen Gardereitern. Die Inschrift nennt den Hercules Magusanus; das Beiwort ist ein germanisches Verbaladjectivum magusö, Dat. magusani, und gehört zur Wurzel magen = vermögen, kräftig sein. Der „starke“ Hercules kann nur Donar sein.

Ein alter, noch nicht völlig aufgeklärter Spruch des 11. und 12. Jhds. handelt von Donar, dessen alte, preisende Beinamen dutigo (der starkbrüstige, ahd. tutto Brust), dietewigo (der Faustkämpfer), dietmahtiger (der sehr kräftige) in der alliterierenden Eingangszeile erhalten sind: Donar dutigo dietewigo (oder dietmahtiger) ist wahrscheinlich der Anfang eiues alten Donarhymnus. In dem folgenden epischen Teile sind altheidnische und christliche Züge zusammengestellt:

Do‘ quam des liufeles sun iif Adämcsburg gon unde sciteta einen stein ee witc. Do‘ quam der Addmes sun undc sluog des tiufeles sun zuo zcinero stüdon.

Donar, der Teufelssohn, ist schon ganz in den Vorstellungskreis des christlichen Teufels hineingezogen; er ist wie ein-Riese gedacht, als ein beleibter Mann mit großen Brüsten, er steht auf Adams Brücke (= Kreuz?) und spaltet den Stein (d. h. die Brücke, die auf steinernen Pfählen ruht) nicht schwerer als ein Mann, der einen Baumstamm zu Brennholz scheitet. Christus aber, Adams Sohn, (vgl. Röm. 514) kommt dazu, schützt den Bau seiner Verelirer und treibt den Heidengott in den Wald zurück. Zugrunde liegt ein wirklicher Vorfall aus der Zeit der Kämpfe zwischen Christentum und Heidentum. Die Christen logen über irgend einen Fluß eine steinerne Brücke. Die heidnischen Deutschen des jenseitigen Ufers fürchten, daß nach Vollendung der Brücke die neue Lehre und neue Kultur bei ihnen eindringe, daß ihre Wälder verwüstet und ihre Hechte und Einkünfte geschmälert werden, die an ihrer alten Fähre oder Furt hängen. Sie suchen daher den bereits angefangenen Bau zu hintertreiben, ein Ge* witter scheint ihren Anschlag zu unterstützen, indem der Blitz in die steinernen Pfähle oder Bogen einschlägt und sie zum Teil zerstört; d. h. in der mythischen Sprache: Donar will die Brücke durch seinen Blitz vernichten, aber der neue, mächtige Christengott erscheint und schlägt ihn in den Wald zurück, wohin er gehört. Bei dem Kampf um den Bau werden Donar und Christus von ihren Bekennern angerufen, sie greifen beide tätig ein und entscheiden ihn; der Ausgang hängt von der geringeren oder größeren Kraft des alten oder des neuen Gottes ab. Auch in der Schlacht bei Noreja schleudern die Götter der Kimbern und Römer ihre Blitze in den Kampf der Männer.

Donar, der Schirmherr des Landes, wäre also, wenn die vorgetragene Deutung richtig ist, als Schützer von Fähre und Furt gegen Feinde gedacht: ihm war der Frieden des Landes befohlen, während die Mannen auf Kriegstaten umherschweiften. Brücken waren den alten Deutschen noch unbekannt, ein Ferge oder Furtmann vermittelte unter Donars Hilfe den Übergang. Die Brücke, die unsere Vorfahren zuerst von den Römern kennen lernten, und die ihnen später als ein Stück der vordriugenden christlichen Kultur erschien, ward nunmehr als verbesserte Furt oder Fähre gleichfalls unter Donars Schutz gestellt, und so erscheint der Gott selbst als Stifter und Schutzgott von Brücken, die er als treuer Hüter zu verteidigen sucht.

Der Blitz spaltet die Wolken, und die himmlischen Wasser strömen zur Erde nieder; der Blitz fährt in den Erdboden, und der Quell springt hervor. Darum ward Donar der Quellenschöpfer; die Donnersbrunnen hat der Donnergott entstehen lassen (S. 261).

Der Hammer wurf als Entscheidung über eine Grenze ist bei den Deutschen allgemein bekannt. Erst nach und nach, mit dem Verschwinden des alten steinernen Streithammers ist dessen Wurf auch durch das Werfen mit anderen Gegenständen, wie Beil, Hufhammer, Pflugschar und Sichel ersetzt worden. Der Sinn des Vorgangs ist durchaus religiös: der Wurf hängt nicht vom Werfenden, sondern vom Willen des Gottes ab. Deshalb wurde die Handlung oft auf mancherlei Weise erschwert, um sie zufällig, d. h. dem Willen der Gottheit zugänglicher zu gestalten. Der Ausfall des Wurfes hatte also die Bedeutung eines Loses. Wie der Hammerwurf aber bei der Anlage von Ortschaften praktisch angewendet wurde, ist nicht ganz klar. Außer dem äußersten Punkte der Grenze zeigte der Fall des Hammers nur die Richtung an, nach der das zu erwerbende Grundstück sich ausdehnen sollte; die Größe des Besitzstückes war dadurch nicht gegeben. Bei der Anlage von Ansiedelungen konnte jeder Berechtigte durch Hammerwurf nur bestimmen, nach welcher Richtung hin und bis zu welchem Punkte sein Teil liegen sollte. Der Ausdruck des Tacitus „sie verteilen die Aeker unter sich nach Ansehen und Würde“ (Germ. 26) läßt vielleicht die Erklärung zu, daß ein Häuptling oder ein besonders angesehenes Familienhaupt zuerst nach seiner Wahl einen Teil übernehmen durfte. Aber die Mehrzahl der Gemeinfreien stand sich durchaus gleichberechtigt gegenüber. Die Entscheidung konnte also nur das Los ergeben. Zwar erwähnt Tacitus des Hammers weder in Kap. 10 (bei der Erforschung des Götterwillens), noch in Kap. 26 (bei der Ackerverteilung), aber vermutlich bestimmte die Lage des geworfenen Hammers die Auslosung. So erklären sich die ungleichmäßigen Lagen und Abgrenzungen der ältesten Acker-und Feldeinteilungen.

Mit dem Hammer spaltet Donar das Erdreich und macht den Boden urbar. So wird er der Gott des Ackerbaues, der Beschützer der Heimat. Darum versammeln sich die Deutschen östlich der Weser in Donars heiligem Haine zum Schutze gegen röra. Angriffe (Ann. 212; S. 259); darum ziehen sie mit Liedern, die ihn preisen, und an deren Schlüsse sie des Donnerers Bartruf nachahmen, in die Schlacht. Darum wird bei Besitzergreifung eines neuen Landes der erworbene Boden ihm geweiht und die Grenzen durch Hammerwurf bestimmt das bezeugt der Ortsname Donnersmark. Der zuckende Blitz macht die Acker fruchtbar, zugleich hat er sie von Anfang an geweiht, ihre Grenze mit Feuer umzogen. Bei den oberen Sachsen rief der umhergetragene Hammer die Bevölkerung zum Gericht wie zum Kampfe; bei den Franken weihte der Hammer das Eigentumsrecht.

Die Scheide zwischen Dorf- und Ackergemarkung war ein dem rotbärtigen Donnergotte geheiligter roter Faden; rot war auch die Farbe, die im Schmucke der Hochzeitsleute wie der geladenen Gäste überwog. Der Donnerstag ist in vielen Gegenden als Hochzeitstag beliebt (doch vgl. S. 261), besonders bei den Friesen, in Holland, Ditmarschen und Pommern; im Lüneburgischen meidet man den Donnerstag. In Süddeutschland heißt es: Donnerstagsheirat, Glücksheirat! In Schwaben erfolgt die Einladung zur Hochze it am Donnerstage der vorhergehenden Woche. In Holstein und Hessen reicht die Feier vom Donnerstage bis zum Sonntage; in der Mark gilt umgekehrt der Donnerstag für unglücklich. Am Niederrheine heißt es „man muß die Hühner gut füttern, wenn am Hochzeitstage gut Wetter werden soll“; Hähne und Hühner sind Donar geweiht, wegen der nahen Beziehung, in der sie zum Wetter stehen. Die geladenen Gäste spenden für die am Donnerstage stattfindende Hochzeit Hähne, früher in Wirklichkeit, in Mecklenburg heute einen aus Butter oder Tonerde geformten, mit Federn und Blumen gezierten Hahn. Zahlreicher Aberglaube, der an den Hochzeitstag knüpft, hängt mit dem Wetter zusammen. Wie das Wetter an ihm ist, so verläuft das eheliche Leben; ruhiges, stilles Wetter ist von guter Vorbedeutung. Während des Gewitters beim Brautzuge oder beim ersten Gewitter nach der Vermählung soll die junge Frau ein schweres Gewicht heben, das verleiht ihr Gesundheit und Kraft und erleichtert die Lasten des Ehelebens. Im bayerischen Walde gehört Bockfleisch auf den Hochzeitstisch. Das dem Donar heilige Tier wird von dem Dache eines Hauses herabgestürzt und von dem Metzger sofort abgestochen: es ist der Best eines alten Tieropfers. In ältester Zeit wurde die Braut mit dem Blute des Bockes besprengt.

Eine Erinnerung daran sind die das Blut vertretenden roten Fäden um Stirn und Hals der Braut in den verschiedensten Gegenden Deutschlands. Nach’uralter Sitte wird das Paar von der Mutter des Mannes um den Herd geführt; die Braut setzt sich neben dem Herde auf einen Stuhl und bekommt Zange und Feuerbrand in die Hand, dann geht es zur Trauung (vgl. S. 195). Bei Dortmund ward während des Umführens um den Herd das Feuer entzündet; dabei sprach man vergessene Sprüche. Die Nordendorfer Spange beweist, daß Donar seit alter Zeit als Beschützer und Schirmer der Ehe galt (S. 253). Der Wind- und Sturmgott Wodan wird zur Ersiegung der Braut angerufen, denn er ist der Schnellste unter den Göttern, die göttliche Weihe erfolgt durch Donar (wigi, Thonar!), vermutlich durch seinen Hammer, das Sinnbild des Rechtes wie der Fruchtbarkeit.

Text aus dem Buch: Deutsche mythologie in gemeinverständlicher darstellung (1906), Author: Paul Herrmann.

Siehe auch:
Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Der Seelenglaube
Deutsche Mythologie – Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut
Deutsche Mythologie – Die Seele in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die Seele in Menschengestalt
Deutsche Mythologie – Der Aufenthaltsort der Seelen
Deutsche Mythologie – Der Seelenkultus
Deutsche Mythologie – Zauberei und Hexerei
Deutsche Mythologie – Der Maren- oder Alpglaube
Deutsche Mythologie – Schicksalsgeister
Deutsche Mythologie – Der Mütter- und Matronenkultus
Deutsche Mythologie – Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Naturerscheinungen in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Elfen und Wichte
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Zwerge
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Hausgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Wassergeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Waldgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Feldgeister
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Name und Art der Riesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Luftriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Berg- und Waldriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Wasserriesen
Deutsche Mythologie – Der Götterglaube
Deutsche Mythologie – Name und Zahl der Götter
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise – Der Feuergott
Deutsche Mythologie – Mythenkreise – Licht und Finsternis. Gestirnmythen.
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Tius
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Foseti
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Wodan

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Deutsche Mythologie

Als unbestritten höchster Gott der Germanen galt lange Zeit Wodan, und noch heute ist die landläufige Meinung, daß er von Anfang an die führende Stelle unter den deutschen Göttern eingenommen habe. Wenn aber der sächsische Täufling um 790 dem Thunaer, Wöden und Saxnöte abschwören muß, wenn es mit derselben Reihenfolge in einem Gedichte des Paulus Diaconus heißt, „Thonar und Waten werden nicht helfen“, so stimmt die Stelle, die Wodan hier einnimmt, gewiß nicht zu der Bedeutung, die Tacitus ihm zuschreibt „von den Göttern verehren sie am meisten den Wodau“ (Germ. 9). Zwar hat sich Wodan in der Tat zum Hauptgott aufgeschwungen, aber erst nachdem er den alten Himmelsgott Tius von seinem Throne verdrängt hatte. Der düstere, finstere Gott, dem der Mensch scheu aus dem Wege geht, wenn er mit tief in die Stirn gedrücktem Hut im nächtlichen Sturme hoch zu Roß dahinjagt, der Grimme, in dessen Gefolge die Seelen der Toten fahren, der erbarmungslos holden Frauen nach jagt und sie quer über den Sattel seines Rosses bindet, ist so grundverschieden von dem erhabenen Götterkönige, der gleich Helios im leuchtenden Himmelssaale sitzt und mit Frea die Geschicke der Menschen lenkt, daß nur besondere Umstände diese Gegensätze erklären können. Es darf angenommen werden, daß im allgemeinen die Volksüberlieferung das ältere, -dunklere Bild bewahrt hat. Eine Entwickelung vom natürlichen zum geistigen Wesen Gottes liegt gewissermaßen bereits in seinem Namen. Wodan, hd. Wuotan, as. Wodan, bei den Langobarden durch Vortritt eines G Gwödan, ags. Vöden, an. Odinn, Ot>enn, ndrd. Waud, Wod, bayer. Wütan gehört zur idg. Wurzel vä „wehen“ und ist durch zwei Suffixe gebildet; germ. *votha, = rasend, besessen, wütend ist verwandt mit lat. vates, skr. vätas (geistig erregt) und bezeichnet nicht nur die stürmische Bewegung der Luft, sondern weist bereits auf das innerliche, geistige Wesen hin (ags. vöd = Ruf, Schall, Rede, Gedicht, an. ö^r = Geist, Sang, Gedicht). Wodan ist die Fortbildung vermittelst des SuffLxes-ano, urgerm. *Wdtanaz, altgerm. *Wödanaz, und auch diese StammerWeiterung ist bezeichnend für die veränderte Stellung, die der „Wüter“ oder „Stürmer“ im Laufe der Zeiten errang. Noch im 11. Jhd. wird der Name des Gottes als Wut übersetzt (Wodan id est Juror, Adam. Brem.).

Anders steht der Nomade, anders der Ackerbauer den Himmelserscheinungen gegenüber. Dem Hirten ist die glühende Sonnenhitze Feind und Widersacher, der nächtliche Himmel Freund und Beschützer. Der Hirte freut sich, wenn die sengende Sonne unterliegt, der Ackerbauer begrüßt jubelnd die erwärmenden Strahlen, die das Wachstum des Feldes fördern, und läßt sie gern über den finstern, nächtlichen Himmel triumphieren. Der Hirt berechnet die Zeit nach Nächten, der Ackerbauer macht die Sonne zum Maßstabe seiner Zeiteinteilung. Die Nachtseite Wodans hat der Volksglaube mit erstaunlicher Zähigkeit bis in die Gegenwart bewahrt.

Über ganz Deutschland ist die Vorstellung des Nachtjägers verbreitet, der mit dem wütenden Heer (Wodans oder Wuotaus Heer), der wilden Fahre (der wilden Schar), durch die nächtlichen Lüfte stürmt und eine Frau oder Tiere, wie Eber und Hirsch,, verfolgt oder tötet. Er ist auch der Führer der abgeschiedenen, in den Lüften umherziehenden Seelen, der Totengott, der bei Windstille in seinem unterirdischen Reiche, dem Innern der Berge, haust. Aber der grimme Gott der Nacht, des Todes und der Unterwelt beschützt das Gedeihen der Pflanzen, der Ernte und der Herden. Der Wind führt den ersehnten Regen herbei und reinigt die Luft, Krankheiten verscheuchend, darum ist Wodan heil- und zauberkundig. Er ist selbst ein unermüdlicher Wanderer, wie ihn zwei Inschriften bezeichnen (Mercurius viator), und der göttliche Geleiter der Wanderer und Reisenden, der Schirmherr des Verkehres, der Verleiher des Glückes und Reichtums, mächtig geheimer Weisheit und kundig der Dichtkunst. Diese Züge Wodans sind vielleicht altgermanisch. Seine Fortbildung zum Sieges-, Kultur- und Himmelsgotte geht von den Istwäonen aus, die unter dem Zeichen des nächtlichen Sturmgottes siegreich bis an den Rhein vorgedrungen waren und zuerst mit der keltischen Kultur in Berührung kamen.

Als das älteste Zeugnis für die nächtliche Seite Wodans darf vielleicht Tacitus gelten (Germ. 43): „Die Harii steigern die innewohnende Wildheit noch durch Kunst und klug berechnete Wahl der Angriffszeit; schwarz sind die Schilde und bemalt die Leiber, für die Schlachten wählen sic dunkle Nächte, und schon durch die schaudererregende und schattenhafte Erscheinung des Totenheeres flößen sie Schrecken ein, so daß kein Feind den schauerlichen und gleichsam höllischen Anblick aushält“ Diese Ilarier haben niemals als Volksstamm existiert, dessen Wohnsitze an der oberen Oder gelegen seien, es ist unmöglich, daß ihre Feinde sich mit ihnen nur auf nächtliche Kämpfe eingelassen haben sollen; mochten ihre geschwärzten Schilde und Leiber das erstemal Entsetzen einflössen, das nächste Mal werden sie ihre grausige Wirkung verfehlt haben. Der Kern der Schilderung bleibt unangefochten der, daß es im germanischen Glauben eine Vorstellung von gespenstischen Kriegern gab, die des Nachts aus der Unterwelt heraufstiegen und Grauen und Entsetzen verbreiteten. Der germanische Berichterstatter, von dem den Römern die Schilderung der Harier zukam* hatte treuherzig erzählt, daß hinter den hohen Gipfeln und tiefen Wäldern des suebischen Bergrückens sich die Wege zum Geisterreiche öffneten, wo die Ellusii ihr Unwesen trieben (S. 145), woher die Gespensterheere emporstiegen, die Harii. Und wenn der Gewährsmann diese Ellusii, Etiones (S. 157), Harii als gleich wirkliche Wesen ansah und ihren Wohnsitz als gleich wirkliche Gegenden schilderte, wie die Stämme und Landstriche vor der Bergscheide, so faßte der römische Forscher diese mythischen Völker als wirkliche Germanenstämme auf und machte ihren höllischen Anblick zu einer Art Tättowierung und ihr nächtliches Auftreten zu einer Kriegslist. Germ. *Harjaz, hari ist das Heer, die nächliche Gespensterschar, die des Nachts ihren Umzug durch die Lüfte hält, das Wutensheer, Heer des Gottes Wuotan, entstellt zu „wütendes Heer“, schwäbisch „s Muotes her“ (alem. m = w). Im# Münchener Nachtsegen stehen Wütan und Wütanes her nebeneinander, und die Begleiter, mit denen er erscheint, kennzeichnen ihn deutlich als nächtlichen Stürmer.

Die finstere Seite des Gottes bezeichnen in Norddeutschland die Namen Helljäger, Nachtjäger, der wilde Jäger, in Süddeutschland ist der wilde Jäger Führer der wilden Jagd. In Mecklenburg wie im Algäu braust der Schimmelreiter unter wildem Toben durch die Luft, daß die Bäume unruhig werden, wie wenn der stärkste Sturmwind ginge, und man glaubt ihn über das Dach der Hütte dahindonnern zu hören. In einem Felsen sieht man ihn mit seinem Pferde verschwinden, denn aus den Bergen bricht der Wind hervor, in die Berge kehrt er zurück. Der Jägerhansl im Algäu hat einen großen breit-krämpigen Hut auf, der ihm bis zu den Achseln herabhängt, und reitet gewöhnlich auf einem Schimmel. Wenn er der Jagd obliegt, so rauscht und tobt es, wie wenn der stärkste Sturm wüte, und man hört weithin mit gellender, wilder Stimme rufen: hio! hol hio! ho! In den Tannen beginnt ein fürchterliches Krachen und Prasseln, als wollte der Sturm alles niederreißen, wenn auch sonst kein Lüftchen weht. Wildes Hundegebell und die Lockrufe des wilden Jägers lassen sich näher und näher vernehmen, zuletzt beginnt es zu wetterleuchten, zu blitzen und zu donnern. — Die Jagd war von altersher die Lieblingbeschäftigung des kriegerischen Germanen, und das wilde, lärmende Treiben des irdischen Jagdzuges wurde auf den himmlischen übertragen. Darum begleiten den Gott die leichengierigen Totenvögel, die Raben, und kläffend stürzen große und kleine Hunde hinter dem Wode her. Im klaren Lichte des Mondscheines waren Holzdiebe in den Wald geschlichen. Da erhob sich plötzlich ein fürchterliches Getöse, der Mond verfinsterte sich, der Wind fing an zu rauschen und immer mächtiger zu schwellen, die Zäune sanken krachend zusammen, die Bäume brachen. Aus der Luft stürzte auf seinem weißen Rosse, von vielen Hunden umgeben, der Wode und rief: „Was sucht ihr hier? die Nacht ist mein und der Tag ist euer!“ Ein aargauisches Kätsel setzt den Gott getadezu mit dem nächtlichen Himmel gleich:

Der Muot mit dem Breithut

Hat mehr Gäste als der Wald Tannenäste (Auflösung: Sternenhimmel).

Noch heute singt man in Ottenhöfen (Achem, Baden) vom Winde:

Der Wind isch e altes Männle Und het e schlappigs Hüetle uf.

Ein im 16. Jhd. erwähntes giftiges Kraut heißt Woden dungel, Wuotanes zunkal, as. Wödanes, Wodansstem; Wodesteme als Pflanzenname findet sich auch sonst. In der Altmark wie in Hannover sprengt der Helljäger über das Hellhaus hinweg, oder jagt im Hellgrunde. Im Oberharz, im Göttingischen, Braunschweigischen und in Westfalen jagt Hackeiberend, Hackelberg mit seinen Hunden: es ist der Mantelträger, ein Beiname des nächtlichen Sturmgottes (got. hakuls, ahd. hachul = Mantel, die Hekla auf Island heißt jiach ihrer Schneedecke „Mantel“). In Norddeutschland und in Schwaben jagt der Weltjäger in der ganzen Welt herum. Scheint doch der Wind immer unterwegs zu sein, und wie der Mensch sich beim Unwetter in den Mantel hüllt und den Hut ins Gesicht drückt, so legte der Glaube dem rastlos zu Fuße wandernden oder auf dem Donner- und Wolkenrosse dahinjagenden Gotte Mantel und Hut bei. Germanische Söldner weihten in Gallia Narbonensis dem nächtlich wandernden Sturmgotte Wodan zwei Inschriften und nannten ihn Mercurins veator und viator. Selbst den Namen Wodan hat man zu ahd. wadalön = umherschweifen, wallen gestellt und als den „Wanderer“ gedeutet. Bei heftigem nächtlichen Sturme sagt man in Pommern, Mecklenburg und Holstein „der Wode jagt“, im Osnabrückischen „der Wodejäger“, im oldenburgischen Saterland ,’der Wöinjäger zieht um“. Der Zug bewegt sich zwischen Himmel und Erde, bald über die Erde allein. Nur wer mitten im Wege bleibt, dem tut er nichts; darum ruft Wod dem Begegnenden zu: „midden in den Weg!“ Wie der Weg fest bestimmt ist, den Wodans Jagd einschlägt, so fallen auch die Umzüge in bestimmte Zeiten, meist in den Anfang und Schluß des Winters, in Schwaben in den Herbst und Frühling oder zu Weihnachten, in Schwerin hält der wilde Jäger. Wod seinen Einzug im Herbste, seinen Umzug in den Zwölften, seinen Auszug zur Frühlingszeit, namentlich in der Mainacht.

Nicht nur auf schwarzem, öfters auch auf weißem Wolkenrosse stürmt Wodan an der Spitze der wilden Jagd durch die Luft, oft dröhnt durch das Geheul der Hunde das Rollen des nach fahrenden Wagens. Wie der Wind die nächtlichen Wolken jagt, so scheucht er die schwarzen Gewitterwolken vor sich her, und das dumpfe Grollen des Donners erklingt wie das Dröhnen eines dahinrollenden Wagens. Die Sagen von Wodan, Frau Holle und Berchta berühren sich hier aufs engste: im tobenden Gewittersturme wird der zerbrochene Wagen verkeilt, und die goldgelben Blitze sind die herabfallenden Späne. Der Wind- und Wolkengott tritt in Verbindung mit dem Gewitter.

In der Nacht umkreist das Gespann des Himmelsgottes, der Irminswagen, den Pol, nach seinem Stande bestimmte man die nächtliche Stunde, sein Weg, die Milchstraße, hieß gleichfalls nach dem obersten Gotte die Iringsstraße (S. 214). Aber in Oldenburg und in Westfalen fährt der Woinsjäger um das Siebengestirn; noch im 15. Jhd. heißt das Siebengestirn im Niederländischen Woenswaghen, und im Harz ist das Sternbild des Wagens Hackelbergs Gespann.

Zahlreiche Sagen berichten, daß der Gott bei seinem Umzuge den Leuten eine Pferde-, Reh- oder Rinderkeule herabgeworfen habe, die ihn anriefen. Wer spottend und höhnend in das Hallo der wilden Jagd einstimmt, dem schreit der Wode aus den Wolken zu:

Hast du helfen jagen,

Sollst du auch helfen tragen (knagen),

und aus der Höhe stürzt ein Roßschenkel herab, der dem Spottenden am Rücken . klebt, durch seinen Geruch eine ab-

scheuliche Last wird und zauberhaft an ihm bleibt, daß er sie nicht los werden kann. Geschieht aber der Huf aus einfältigem Herzen, oder hat sich der Mensch dem Gotte willfährig erwiesen, dann verwandelt sich die Keule, oder was er sonst wirft, in funkelndes Gold.

Großartig und altertümlich klingt folgende Sage aus Mecklenburg. So gewaltig und furchtbar die Erscheinung des Gottes ist, seinem Verkehrer erweist er sich hilfreich, und wenn er einen Ebenbürtigen findet, einen Menschen, der seinem Wesen verwandt ist, kraftvoll und klug, so» belohnt er ihn freigebig:

Ein Bauer kam in der Nacht von der Stadt; sein Weg führte ihn durch einen Wald, da hörte er die wilde Jagd und das Getümmel der Hunde und den Zuruf des Jägers in hoher Luft. „Midden in den Weg! Midden in den Weg!“ ruft eine Stimme, allein erachtet ihrer nicht. Plötzlich stürzt aus den Wolken, nahe vor ihm hin, ein langer Mann auf einem Schimmel. „Hast Kräfte?“ spricht er, „wir wollen uns beide versuchen, hier die Kette, fasse sie an, wer kann am stärksten ziehen?“ Der Bauer faßte beherzt die schwere Kette, und hoch auf schwang sich der wilde Jäger. Der Bauer hatte sie um eine nahe Eiche geschlungen, und vergeblich zerrte der Jäger. „Hast gewiß das Ende um die Eiche geschlungen?“ fragte der herabsteigende Wod. „Nein“ versetzte der Bauer, der sie eiligst losgewickelt, „sieh, so halt‘ ich’s in meinen Händen.“ „Nun so bist du mein in den Wolken“, rief der Jäger und schwang sich empor. Wieder schürzte schnell der Bauer die Kette um die Eiche, und es gelang dem Wod nicht. „Hast doch die Kette um die Eiche geschlungen!“ sprach der niederstürzende Wod. „Nein“, erwiderte der Bauer, der sie wieder schon in den Händen hielt, „sieh, so halt‘ ich sie in meinen Händen.“ „Und wärst du schwerer als Blei, so mußt du hinauf zu mir in die Wolken.“ Blitzschnell ritt er hinauf in die Wolken, aber der Bauer half sich auf die alte Weise. Die Hunde hollen, die Wagen rollten, die Rosse wieherten dort oben, die Eiche krachte an den Wurzeln und schien sich zu drehen. Dem Bauer bangte, aber die Eiche stand. „Hast brav gezogen“, sprach der Jäger, „mein wurden schon viele Männer, du bist der erste, der mir widerstand! Ich werde dir’s lohnen.“ Laut ging die Jagd an: Hallo! Hallo! Wod! Wod! Der Bauer schlich seines Weges, da stürzt aus ungesehenen Höhen ein Hirsch ächzend vor ihn hin, und Wod ist da, springt vom weißen Rosse und zerlegt das Wild. „Du sollst von dem Blute und ein Hinterviertel haben“, sagte er. „Ich habe keinen Eimer und keinen Topf“, sagte der Bauer. „So zieh deinen Stiefel aus“, sagte der Wod. Der Bauer tat, wie ihm geheißen, und trug Fleisch und Blut des Hiraches im Stiefel weiter. Die Last wurde ihm immer schwerer, und nur mit Mühe erreichte er sein Haus. Wie er nachsah, war der Stiefel roll Gold und das Hinterstück ein lederner Beutel voll Silber.

Es ist der hoch oben in den Wolken dahinfahrende Sturmgott, der aus der Höhe herniederstürzt und alles zu sich emporreißen will, daß die Erde bebt und die Eichen an den Wurzeln krachen. Die Kette, an der Wodan den Wanderer seine Kraft versuchen läßt, erinnert an die Stelle der Ilias (820 ff.), wo Zeus die Götter auffordert, eine Kette von Gold vom Himmel herunter zu lassen, sich unten insgesamt daran zuhängen und ihre Kraft zu erproben.

In der Erscheinung Wodans ist der natürliche Hintergrund noch zu erkennen. Bald ist er als der Windgott der unermüdliche himmlische Wanderer, bald ein im Sturm und im rollenden oder nachhallenden Donner zu Roß oder zu Wagen dahintosender Jäger, bald ist er der dunkle Nachtgott (S. 232). Durchweg überwiegt die finstere Seite. Ein weiter, wallender Mantel fliegt um seine Schultern, in dem man leicht das nächtliche wölken bezogene Himmelsgewölbe wieder erkennt, tief in die Stirn ist sein breitkrämpiger Schlapphut gedrückt, der Wolken- oder Nebelhut; Hunde, die Windstöße, umbellen ihn, und Raben umflattern ihn; das schwarze oder weiße Roß ist ein Bild der dunklen Wetterwolke oder des flüchtigen Nebels. Goldene Rüstung und kriegerischer Schmuck fehlen noch völlig. Nur den Speer, womit der Hirt den Wolf oder Bär verscheucht, führt die Hand des Gottes: aus dem Jahre 843 ist der Name Kcrans belegt, der wie Ansgar-Oskar den Speergott Wodan bedeutet (S. 192). Es ist der Blitz, den der Gott aus der dunklen Wolke hervorschleudert. Aber frühzeitig ward diese Waffe Symbol des Toten- und Schlachtengottes. Wie der Gott den vernichtenden Blitz entsendet und damit die gewaltige Gewitterscblacht eröffnet, so ward der Speerwurf das Symbol der Ankündigung des Krieges. Aus dem Fluge des Speeres ergab sich ein Anzeichen über den Ausgang des Kampfes. Durch seine Entsendung ward das gesamte feindliche Heer dem Walgotte Wodan geweiht (Ann. 1357). Hatte der Gott gnädig den Sieg verliehen, so ward das durch ihn eroberte Land unter seinem Schutze eingenommen: der Speer ward das Zeichen der Besitzergreifung.

Vor der großen Hunnenschlacht auf den katalaunischen Feldern feuert Attila, wie ein germanischer Heerkönig, das Heer durch eine Rede an und schließt mit den Worten: „Als Erster schleudere ich den Speer gegen die Feinde!“ (Jord. Get. 539). Der Langobardenkönig Authari reitet bei Regium in das Meer und berührt eine dortstehende Säule mit der Lanze: „Bis hierher soll das Gebiet der Langobarden reichen!“ Kaiser Otto wirft vor seinem Rückzuge aus Dänemark seinen Speer in die See, die davon den Namen Odensund trägt; dasselbe wird von Karl d. Gr. berichtet. Als die Bayern den Römern Tirol abgewannen, stieß ihr Führer Herzog Adalger am Haselbrunnen unweit Brixen seine Lanze ins Erdreich: „Das Land hab ich gewonnen den Bayern zu Ehren!“ (Kaiserchronik).

Wie die wilde Jagd den Menschen emporreißt, so hebt der Windgott seine Lieblinge zu sich auf sein Pferd, rettet sie vör Gefahren und führt sie im Zauberfluge an den gewünschten Ort. Einem Manne begegnet ein Reiter auf hohem Rosse, faßt ihn und hebt ihn zu sich. Das Pferd stiebt mit ihm durch die Luft, daß ihm Hören und Sehen vergeht; endlich wird er hart an einer Stadt bei der Brücke zur Erde geworfen. In einem Lübecker Schwerttanzspiele des 16. Jhd. ruft Starkader aus, auf den alle eindringen:

Heilige Wode, nü len mi dln perd.

Lät mi henriden! ik bün’t wol werd!

Als er plötzlich verschwunden ist, wie die scenische Anmerkung sagt, ruft einer der Mitspieler:

Het em de düvel halt? üt is dat spil.

Wodans Einäugigkeit ist zwar nicht direkt bezeugt, darf aber als altgermanische Vorstellung gelten. Nur darf man sie nicht aus dem Tageshimmel, sondern eher aus dem nächtlichen Himmel erklären; denn Wodau als Sonnengott ist jüngere Vorstellung. Der unter den Wolken hervorzuckende Blitzstrahl erinnerte an das Leuchten eines von einer Wolke als einem Hute beschatteten Auges. Andere Erklärer denken an das Ochsen- oder Sturmauge (engl, bullseye, frz. oeil-de-boeuf), die runde Öffnung einer sturmverkündenden Wolke. Bei schwerem Wetter zeigt sich oft eine lichte Öffnung in den Wolken; meistens kommt der Wind aus der Richtung, wo sich das Auge im Wolkenhimmel öffnet; diesen weißlichen, von Finsternis umgebenen Raum nennen die Seeleute noch heute Sturmauge.

Den auf weißem Rosse stürmenden Reiter Wodan, der, von den Winden umheult, den zündenden Wetterstrahl aus finsterm Gewölke schleudert, kennt noch der allgemein geltende Volksglaube vom wilden Jäger. Nacht und Nebel, Wolken und Wetter jagt der nächtliche Gott über den Himmel dahin, daß die Sonne verlischt, und Finsternis ihre Schwingen breitet, und von dieser allgemeinen Vorstellung hebt sich die Jagd auf ein einzelnes Tier, einen Eber, einen Hirsch (D. S. Nr. 308), auch wohl eine Kuh oder ein oder mehrere weibliche Wesen ab. In Norddeutschland ist die Sage von Wodan-Hackel bereud zu Hause, der stets einen Schimmel reitet (D. S. Nr. 310):

Er war Oberjägermeister und ein gewaltiger Weidmann. Eines Nachts hatte er auf der Harzburg einen schweren Traum; es däuchte ihm, als ob er mit einem furchtbaren Eber kämpfe, der ihn nach langem Streite zuletzt besiegte. Diesen Traum konnte er gar nicht aus den Gedanken wieder los werden. Einige Zeit danach stieß er im Vorharz wirklich auf einen Eber, den im Traume gesehenen ähnlich. Er griff ihn an; der Kampf blieb lang unentschieden; endlich gewann er und streckte den Feind zu Boden nieder. Froh, als er ihn so zu seinen Füßen erblickte, stieß er mit dem Fuß nach den schrecklichen Hauern des Ebers und rief aus: ,Du sollst es mir noch nicht tun!“ Aber er hatte mit solcher Gewalt gestossen, daß der scharfe Zahn den Stiefel durchdrang und den Fuß verwundete. Erst achtete er die Wunde nicht und setzte die Jagd fort. Bei seiner Zurückkunft aber war der Fuß schon so geschwollen, daß der Stiefel vom Bein getrennt werden mußte, und bald starb er.

Man braucht die verfolgten und getöten Tiere nicht als Sonnentiere aufzufassen, sondern es sind die in Deutschland üblichen Jagdtiere. Die naturmythische Deutung erklärt diese Jagd so: wohl erlegt der nächtliche Sturmgott sie und zerreißt sie, aber sie werden immer wieder lebendig, und die Nachtjagd beginnt immer von neuem: denn die Sonne wird jeden Morgen neu geboren.

Wie die Nordwindsöhne Zetes (dia-d^njs der Sturmwind) und Kalais die „raffenden“ Sturmgöttinnen verfolgen, die Harpyien Sturmfuß (Okypete), Fußschneil (Podarge) und Schnellfliegerin (Aello), so jagt in Deutschland Wodan im Sturmgebraus der Windsbraut und den Holzfräulein nach. Seit alter Zeit heißt der einem Gewitter vorausgehende Wirbelwind Windsbraut, Windis prüt oder das ,.fahrende Weib“; als man die mythische Beziehung (Gemahlin des Windgottes) nicht mehr verstand, brachte man den zweiten Teil mit sprießen, Sproß, spritzen, zusammen, weiterhin auch mit Spreu, sprühen. Aber im Altertume bezeichnete Windsbraut nicht den Sprühwind, sondern den Wirbelwind, die Buhle, die der im Tosen und Heulen des Sturmes dahinjagende Gott verfolgt. Zahlreiche Sagen erzählen, wie der wilde Jäger einem gespenstischen Weibe (Wetterhexe mit roten fliegenden Haaren, weißes Weib), der Buhle, fahrenden Mutter oder einer ganzen Schar wilder Frauen nachsetzt. Jemand sieht ein Weib ängstlich vorüberlaufen, bald darauf stürzt ein Reiter, der wilde Jäger mit seinen Hunden, ihr nach, und es dauert nicht lauge, so kehrt er wieder und hat die nackte Frau quer vor sich auf dem Pferde liegen. Wie der Sturmriese Vasolt und der Wunderer mit laut schallendem Home und wütend bellenden Hunden eine Jungfrau verfolgen (S. 167), so jagt der wilde Jäger bei Saalfeld unsichtbar mit seinen Hunden die Moosleute (D. S. Nr. 48), der Nachtjäger in Schlesien die mit Moos bekleideten Rüttelweiber (D. S. 270), die Lohjungfern, die Holzweibchen oder Holzfräulein (S. 147). Bald fällt der halbe Leib eines dieser Wesen, bald ein Fuß mit grünem Schuh bekleidet dem nachrufenden Spötter gleichsam als sein Jagdanteil aus den Wolken herab.

Auch bei der Verfolgung eines einzelnen Weibes durch den wilden Jäger wird man eher an eine stürmische Werbung des Gottes um eine Frau zu denken haben, als an die Tötung. Das Wort „Brautlauf“ für Hochzeit zeigt, daß bei den Deutschen alter Zeit die Sitte bestand, die Braut zu entführen. Solches Erjagen der Braut steckt auch hinter dem Mythus von der Windsbraut, die allnächtlich von ihm erlegt werde, aber immer wieder auflebe.

In Nortbamptonshire jagt der wilde Jäger mit seinen wilden Hunden ewig eine Jungfrau, seine Geliebte, um deren willen er sich den Tod gab; täglich tötet er sie, und täglich lebt sie auf, um aufs neue vor ihm herzufliehen.

Dieser englischen Sage entspricht eine deutsche, die von Hans Sachs und Joh. Pauli (16. Jhd.; Schimpf und Ernst, Nr. 210) bearbeitet ist.

Ein Köhler wacht bei seinem Meiler, da erscheint ein nacktes Weib in vollem Laufe, will um die Kohlengrube wenden, wird aber von ihrem Verfolger, einem Reiter auf schwarzem Rosse, ergriffen, mit dem Schwerte durchbohrt und ins Feuer geworfen; nachdem sie ganz schwarz gebrannt ist, zieht er sie hervor, setzt sie vor sich aufs Pferd und sprengt davon. Mehrere Nächte hintereinander wiederholt sich die Erscheinung. — Zu einem Pferdehirten, der des Nachts draußen in der Koppel bei den Pferden war, die gerade an einem Kreuzwege lag, kam eilig eine Frau gelaufen und bat ihn, sie über den Weg zu bringen. Da sie ihn so flehentlich bat, fand er sich endlich bereit dazu und brachte sie hinüber. Sogleich lief sie, so schnell sie nur konnte, weiter, ward aber in wunderbarer Weise immer kleiner und kleiner, bis sie zuletzt nur noch auf den Knien zu laufen schien. Gleich darauf stürzte ein Reiter, der wilde Jäger, mit seinen Hunden, herbei und verlangte ebenfalls, über den Kreuzweg gebracht zu werden: seit sieben Jahren jage er schon nach jener Frau, und wenn er sie in dieser Nacht nicht bekäme, so sei sie erlöst. Da brachte ihn der Hirt samt seinen Hunden hinüber, und cs dauerte nicht lange, so kam der wilde Jäger zurück und hatte die nackte Frau quer vor sich liegen.

Aus dem 13. Jhd. wird eine solche Sage berichtet (Cäs. v. Heisterbach 1210):

Einem Ritter begegnet bei Nacht ein Weib, das vor einem blasenden Jäger und seinen bellenden Hunden herläuft und um Hilfe ruft. Er springt vom Pferde, zieht mit dem Schwerte einen Kreis um sich (S. 29), in den er die Verfolgte aufnimmt, und schlingt deren Haarflechten um seinen linken Arm, während er in der Rechten das bloße Schwert hält. Als aber der Jäger näher kommt, schreit das Weib: «Laß mich, laß mich los, da ist er!‘ Sie reißt so gewaltig, daß ihm die Haare in der Hand bleiben und läuft davon. Der Jäger hinterdrein, erreicht sie bald und legt sie quer vor sich aufs Roß, daß das Haupt hüben, die Beine drüben herunterhängen.

Nachdem Wodan die Gemahlin des alten Himmelsgottes Frija au sich gerissen hatte, stürmt er mit ihr zusammen durch die nächtlichen Lüfte. In Mecklenburg fährt ein Mann in grünem Jägerrock und einem dreitimpigen Hut bei der wilden Jagd mit Fru Gauden einher. Auch Hackeiberend und Frau Holle jagen gemeinsam an der Spitze des wütenden Heeres.

Bei dem Kultus des nächtlichen Sturmgottes ist von der niedrigsten Stufe der geistigen Entwickelung auszugehen. Der Kärnthner Bauer stellt eine hölzerne Schale mit verschiedenen Speisen auf einen Baum vor dem Hause oder wirft Heu in die Luft: dann tut der Wind keinen Schaden. Dieses Füttern der Windes, woraus sich das Opfer für den persönlich aufgefaßten Windgott entwickelte, erinnert an das Bemühen Etzels, den gefräßigen Wunderer durch Vorsetzen von Speise zu besänftigen (S. 166). Bei heftigem Sturme wirft man in Schwaben, Tirol und Opferpfalz einen Löffel oder eine Hand voll Mehl in die Luft für den „Wind und sein Kind“, in der Opferpfalz mit den Worten: „Da, Wind, hast du Mehl für dein Kind, aber aufhören mußt du“. Im nieder-österreichischen Gebirge wird am 29. Dezember Mehl uud Salz unter einander gemischt und auf einem Brett zum Dachfirste hinausgestellt. Verführt es der Wind, so sind im nächsten Jahre keine Stürme zu fürchten. — Auch Wodans Hunde erhalten Opfer. Sie dringen in die Backkammer, fallen über den Teig und schlürfen, wie wenn sie bei der Tranktonne seien. Läßt man die Tür auf, so zieht der Wode hindurch, und seine Hunde verzehren alles, was im Hause ist, sonderlich den Brotteig, wenn gerade gebacken wird. — Auch Wodans Pferd erhielt Opfer. Wenn die Bauern in Schleswig ein Stück Land mit Hafer besät hatten,, Hessen sie einen Sack voll Korn auf den nahen Berg bringen und dort stehen. Nachts kam dann „jemand“ und brauchte den Hafer für sein Pferd. In Mecklenburg ließ man, nach einem Rostocker Berichte des 16. Jhds., bei der Roggenernte am Ende eines jeden Feldes einen Streifen Getreide unge-mäht, flocht es mit den Ähren zusammen und besprengte es mit Bier. Die Arbeitsleute traten darauf um den Getreidebusch, nahmen ihre Hüte ab, richteten ihre Sensen in die Höhe und riefen Wodan dreimal mit folgenden Worten an:

Wode, hole deinem Roß nun Futter!

Nun Distel und Dorn,

Aufs andre Jahr besser Korn!

Noch im Anfänge des vorigen Jahrhunderts ließ mau in der •Gegend von Hagenow in einer Ecke des Feldes einige Halme stehen, damit ,,de Waur“ Futter für sein Pferd fände. Am Wodenstage soll man keinen Lein jäten, „damit Wodans Pferd den Samen nicht pertrete“. Aber auch der Windgott selbst, der der Spender des Erntereichtums ist, empfing Gaben, und zwar Mehl und Brot. Ein Bauer hatte spät abends die Tür offen gelassen. Da kam der wilde Jäger durch sie ge ritten und nahm ein Brot vom Brotschragen herab. Darauf sprengte er wieder fort und rief dem Bauern zu: „Weil ich dies Brot in deinem Hause bekommen habe, soll es in deinem Hause nimmer daran fehlen!“ Er hielt auch Wort, und nie hatte der Bauer Brotmangel. Eine Erinnerung an das Opfer für den Sturmgott und die Windsbraut ist ein Gebrauch der Oberpfalz. Dort wrarf man drei Hände voll Mehl in den Wind und rief: „Wind und Windin, hier geh ich dir das Deine! laß mir das Meine!“

Der Wind- und Totengott ruht, wenn die Stürme nicht verheerend durch das Land brausen, in seinem unterirdischen Reiche, das als Berghöhle gedacht ist. Über ganz Deutschland, England wie über den Norden sind Wodansberge verbreitet. Hackelbergsgräber finden sich in Norddeutschland zahlreich, er sitzt in einem Berge, und von Bergen nimmt der wilde Jäger wie das wütende Heer seinen Auszug. Vom Odenberg (Glücksberg? einsamer, öder Berg?) beim Gudensberg in Hessen, [noch 1154, 1170 Wuodenesberg,j stürmt Karl der Große mit seinem rasselnden Reiterheer hervor, tränkt die Rosse in dem Quell Glisborn, den der Huf seines Pferdes aus der Erde gestampft hat, und liefert eine blutige Schlacht. In einer Walkenrieder Urkunde von Jahre 1277 wird ein Berg erwähnt, „qui Wodansberg vocatur“, den man auf den „Hutberg“ Kyffhäuser bezieht (ahd. chuppha mhd. kupfe = Hut; oder ahd. chupisi Zelt = zeltförmiger Hügel). Die Vorstellungen vom Aufenthaltsorte der Seelen im Berge, von einer mythischen letzten Schlacht am Ende aller Dinge verschmolzen hier, etwa im 15. oder 16. Jhd., mit der deutschen Kaisersage, die nicht im germ. Heidentum, sondern in den altchristlichen Vorstellungen von der dem jüngsten Gerichte vorangehenden dämonischen Herrschaft des Antichristes ihre Wurzel haben; und da Tilleda unter dem Kyffhäuser Kaiserpfalz war, wurde aus dem im Berge ruhenden Gott ein bergentrückter Kaiser. Wie Karl der Große beim Gudinsberg, trat Kaiser Friedrich II. an Wodans Stelle, und die Gestalt des apokalyptischen Kaisers wurde mit volkstümlichen und mythologischen Elementen ausgeschmückt. Nicht zu beweisen ist, daß Wodans Himmelsschloß Walhall im Kvffhäuser lokalisiert sei, und daß die zechenden und Kampfspiele übenden Ritter den nordischen Einherjem entsprächen; bei den Raben aber, die um den Berg fliegen, kann man vielleicht an Wodans heilige Vögel denken. Andere Wodansberge sind: der Godesberg bei Bonn (947, 973 Wodenesberg), Godenesberg (1133), jetzt Utzberg in Weimar, Wunstorp bei Hannover (früher Wodens-torp). Schon 973 wird ein Wodenesweg im Magdeburgischen erwähnt, entweder als der Weg zu verstehen, den der nächtliche Stürmer einschlägt, oder wäg ist = Wand, Mauer (got. waddjus, ags. wäg, an. veggr) oder als Wodans Heiligtum (ahd. wih = Tempel). In Thüringen gibt es ein Wudanes-huseu (jetzt Gutmannshausen bei Weimar) in Oldenburg, ein Wodensholt, (jetzt Godensholt), in England Wodnesbeorg, Wodnesfeld.

In dem Heere oder Jagdumzuge des nächtlichen Sturmgottes befinden sich die Seelen der Verstorbenen. Das Wuotes Heer heißt auch Totenvolk, Totenschar. Wodan ist nicht nur der Nacht- und Sturmgott, sondern in gemeingerm. Zeit bereits der Totengott. In seinem unterirdischen Reiche, dem Innern der Berge, herrscht er über die Winde, hier sammelt er auch die Toten in sein nächtliches Heer. Als der Stürmer der Lüfte sich zum kampfwütigen Kriegsgotte erhoben hatte, bildeten vor allem die Männer und Krieger sein Gefolge; sie entbot er zu sich durch seine göttlichen Dienerinnen, die Walküren. Wer im Dienste des Gottes gefallen war, hatte die frohe Hoffnung, nach seinem Tode bei Wodan weiter zu leben. Schon die Germanen des Ariovist waren im Kampfe deswegen so mutig und verachteten den Tod, weil sie an ein Wiederaufleben glaubten (Appian. Celt. I3), und diese Zuversicht (einig dvaßiojaeüjg) hat nur dann einen Sinn, wenn sie sich auf ein Fortleben im Reiche des Kriegs- und Totengottes bezog. Auch die Kimbern jauchzten, wenn sie in den Schlachtentod gingen, und jammerten nur, wenn sie auf dem Krankenbette sterben sollten (Valerius Maximus II, 6,n). Mochten ursprünglich alle Toten dem Gotte angehören, später kamen nur die Kämpfer in Betracht; sie waren von ihm dem Tode im voraus bestimmt: „da sterbent wan die veigen“, da sterben nur, die sterben sollen, heißt es noch im 13. Jhd. sprichwörtlich. Freudig des Glaubens, daß der Gott ihn erkoren, wenn er die Todeswunde empfing, stürmte der Germane, leicht gekleidet, ohne Rüstung, mit leichten Waffen in das Wetter der Speere. Aus seinem Blute entsprang sein Recht, ein Gefolgsmann des großen Gottes fortab zu sein und teil zu haben an seiner Herrlichkeit. Darum konnte ahd. urheizzo = der Geweihte (Glosse für suspensus zum Opfer aufgehängt, der ..Verheißene*) im as. und ags. die Bedeutung Kämpfer annehmen.

Die Kimbern- und Teutonenkriege erklären das Aufsteigen Wodans, vielleicht aber thronte er damals schon in den hellen Lufträumen, bei ihm seine Gemahlin und die gefallenen Helden. Hier bewohnte er nach der langob. Stammsage mit Frea einen Saal, der natürlich in einer Burg gelegen haben muß, und von hier pflegte er des Morgens durch das Fenster gen Osten auszublicken. Im Norden heißt diese Halle Walhall (Totenhalle), aber für das deutsche Altertum läßt sich dieser Name nicht belegen.

Verräter und Überläufer hängten die Germanen an Bäumen auf (Germ. 12); mit einem weidenen Ringe wurde ihnen die Kehle zugeschnürt, so daß ihnen der Atem, die Seele, gleichsam der Wind, ausgepreßt wurde; sie verfiel dann dem Wind-und Totengotte. Wer einen Gehängten vom Galgen nahm, beging nach fränkischer Anschauung noch in christlicher Zeit eine Missetat gegeu den Kultus; denn man entzog dem finstern Gotte sein Opfer. Todesstrafe setzt die Lex Salica (ca. 500v aus demselben heidnisch-religiösen Grunde, wenn jemand den gebundenen Verbrecher dem Richter entreißt und dadurch der drohenden Bestrafung entzieht. Weil Wodan die Toten bei sich aufnimmt, wie dem Hermes xlwxoTiofmdg die Seelen der Verstorbenen übergeben werden, umschrieben ihn die Römer mit Mercurius. Ein Altar, der im Jahre 1874 im oberen Ahrtale gefunden wurde, trägt die Inschrift: Mercuri Chatmini.

Mercurius Channini soll aus *Chanjini entstanden sein, Nom. sing. *hanjC\ as. ags. *henno, ags. fries. *hetma; ahd. hqno, hano sei der Vernichter, der Tod, der Gott der Vernichtung, der Todesgott (idg. ken = stechen, schlagen, vernichten, xaivio). Der mhd. Ausruf iä henne soll soviel bedeuten wie „fürwahr, bei Wodan“; in Niederhessen findet sich entsprechend „Gott Henne“, und christlich entstellt „Henne der Teufel“. Auch „Freund Hein“, wie wir noch heute den Tod bezeichnen, wird nicht als eine Erfindung des Matthias Claudius oder als ein Witz auf einen Hamburger Arzt anzusehen sein, sondern als eine verderbte Form für den tötenden Wodan (S. 17). Der Hain, das Waldheiligtum, wo die alten Germanen ihre Toten begruben, hat sicher nichts mit Freund Hein zu tun.

Das symbolische Tier der unterirdischen Mächte ist die Schlange. Sie ist auch das Symbol des nächtlichen, unterirdischen Totengottes Wodan, und wie die Langobarden einst von ihm Namen und Sieg empfingen, so verehrten sie auch die goldene Schlange als sein heiliges Tier.

Zur Zeit, da Grimoald König der Langobarden war, lebte der treffliche Priester Barbatus zu Benevent (602—83). Obwohl sie bereits das Wasserbad der heiligen Taufe empfangen hatten, hielten sie doch noch an dem alten Brauche des Heidentums und beugten sich vor dem Bilde einer Schlange. Barbatus bekommt es in seine Hände, schmilzt es ein und läßt Schüsseln und Kelche daraus schmieden. Als das ruchbar wurde, sagte einer der Umstehenden: „Wenn mein Weib das getan hätte, würde ich ihr ohne Verzug den Kopf abschlagen“ (V. Barbati). An einer anderen Stelle heißt es: Sie verehrten eine goldene Schlange als das Symbol ihres höchsten Gottes, und ein ganzer Stadtteil von Benevent soll davon den Namen Vipera getragen haben.

Nicht nur die himmlischen oberen Gottheiten, auch die Götter der Unterwelt sind Urheber des Wachstums der Pflanzen und der Ernte. Den heißen Strahlen der Tagessonne‘ muß die Kühle der Nacht folgen, der Wind jagt die Wolken, bis sie ihr segnendes Naß spenden, der Wind führt den männlichen Blütenstaub befruchtend den weiblichen Blüten zu. Darum gilt der Landstrich im kommenden Sommer als ganz besonders fruchtbar, über den die wilde Jagd gezogenist. Wenn das Guetis Heer schön singt, gibt es im Aargau ein fruchtbares Jahr. Der schwäbische Bauer, der nur um Sonnenschein, nicht auch um Wind bittet, bekommt kein Korn. ..Ohne Wind verscheinet das Korn“, sagt ein Sprichwort, und eine alte Bauernregel lautet „Viel Wind, viel Obst“. Darum ist der nächtliche Sturmgott auch der Spender der Fruchtbarkeit und des Erntesegens, und darum wurde er vor allem mit Erntedankopfern verehrt. Fast in ganz Deutschland ließen die Schnitter bei der Ernte auf dem Acker einen Busch Ähren für Wodan stehen, damit er ihn als Futter für sein Fferd gebrauchte. Erntewöd hieß diese letzte Garbe, die Ernte in Bayern bis zum 18. Jahrhundert die Waudlsmähe (Waude — Woude — Wuote); das Opfer für seine Hunde hieß von Passau bis Preßburg Waudfutter. Dann traten die Schnitter mit entblößtem Haupte um die blumengeschmückte Wode in einen Kreis und riefen unter dem Schwingen der Hüte und dem weithin schallenden Streichen der Sicheln zu dreien Malen mit überlauter Stimme den Gott im Gebet an. Man bat Wodan, die geringe Gabe gnädig anzunehmen und sie als Futter für sein Roß zu holen; an ihrer Kleinheit und Wertlosigkeit sei nur die heurige schlechte Ernte schuld; würde sie im nächsten Jahre besser ausfallen, so solle er auch reichlicher von ihnen bedacht werden: Wode, hole deinem Roß nun Futter . . . (S. 240). Unterbleibt diese Feierlichkeit, so gerät im folgenden Jahre weder Korn noch Obst. Zuweilen wird auch ein Feuer angezündet, und die Burschen rufen, wenn die Flamme lodert, unter Hutschwenken: Wauden! Wauden! Wauden! Der heilige Columban (f 615) traf auf seiner Reise heidnische Schwaben oder Alemannen gerade im Begriff ihrem Gotte Wodan, den andere Mercur nennen, ein Opfer darzubringen. In ihrer Mitte stand eine Kufe, die 26 Maß Bier, etwas mehr oder weniger, enthielt.

Bei der Frühlings- und Maifeier, sowie beim Erntedankfeste fielen Wodan Rosse und Rinder zum Opfer. Die Knochen der Opfertiere galten als heilkräftige Talismane; noch im 16. Jhd. wurden vier Roßköpfe auf den vier Ackerenden angebracht, um die Saat vor dem Winde zu sichern. Wodan behütete auch den herbstlichen Heimtrieb der Herde. In einem christlich überarbeiteten Segen, dem sog. Wiener Hundesegen, wird er zum Schutze der Rinder und Schafe, auch der Hunde an gerufen vor Wolf und Wölfin, sowie vor Dieben, wenn das Vieh zu Holz uud zu Felde, zu Wasser und Weide geht.

Alle deutschen Stämme scheinen Wodan bereits als Gott desZaubers verehrt zu haben. Ihm schrieb man vielleicht die Erfindung der „Vorrunen“ zu, d. h. der im Orakelwesen üblichen Zeichen, und des Runenzaubers. Auf istwäon. Boden wurde er dann zum Träger der geheimnisvollen Schriftrunen, die die heimischen heiligen Zeichen mit den aus der Fremde eingewanderten Buchstaben vereinten. „Sage mir, wer zuerst Buchstaben setzte?“, lautet ein ags. Gespräch. „Ich sage dir, Mercurius (Wodan), de)‘ Biese“ Eine wunderbare Macht schrieb der Germane diesem Runenzauber zu, besonders dem dazu gemurmelten Liede oder Spruche. Runenweisheit und Dichtkunst gehören zusammen. Darum gilt Wodan den Angelsachsen als Gott aller List, nach christlicher Auffassung des Truges und der Diebereien. Wodan allein vermag Balders Roß den verrenkten Fuß zu heilen, er spricht den Genesung bringenden Zauberspruch: weder Balder selbst noch die vier Göttinnen vermögen in seiner Gegenwart etwas auszurichten. Als wundertätiger Arzt und Heilgott erscheint Wodan auch in einem ags. Zaubersegen, in dem die neun heilkrätigsten Kräuter der Erde genannt werden, die alle Krankheiten und alles Gift bannen:

„Eine Schlange kam gekrochen, zerschlitzte den Menschen.

Da nahm Wodan die neun Kraftkräuter,

Schlug damit die Natter, daß in neun Stücke sic flog.“

Bei den spanischen Sueben nahm daher Wodan die oberste Stelle ein, die ungebildeten Landleute daselbst verehrten im 6. Jhd. den Juppiter als Zauberer (Magus) (Mart, v. Brac. K. 7); doch ist die Beziehung auf Wodan recht zweifelhaft.

Nächtliche und himmlische Züge vereinigt das Gesamtbild Wodans, wie es in geschichtlicher Zeit erscheint. Viel Wind bedeutet noch heute Krieg, und als Gott der geistigen Begabung muß Wodan schon in alter Zeit die Kriegskunst verstanden und geleitet haben. Das Wort Sturm ist schon im Altertum von dem Kampfe der Lüfte auf den Kampf der Männer übertragen; Wetter der Speere, Sturm der Lanzen, Regen der Schwerter sind alte Bezeichnungen des Schlachtengetümmels: sie erklären, wie der Herr der Stürme zum Gebieter des Kampfes werden konnte. Folchans (Gott des Kriegsvolkes) hieß daher der Gott des „furor germanicus*, der germanischen Kampfeswut, und als Siegesgott lehrte er die Germanen selbst die Schlachtordnung des Fußvolkes, den „Eberrüssel“. Die äußerste Spitze des Keiles bildeten nur wenige oder ein einzelner Mann, der König oder die Edlen mit ihrem Gefolge, sofern sie nicht zu Roß kämpften; fochten mehrere Völkerschaften zusammen, so bildete jede für sich einen Keil. Ein solcher Angriffsstoß war von furchtbarer Kraft, unwiderstehlich schob er sich in die feindlichen Reihen ein. Bei den Germanen des Ariovist tritt, soviel wir wissen, uns zum ersten Male die keilförmige Schlachtordnung entgegen (Caes. b. g. 152). Tacitus hebt ausdrücklich hervor, daß die Schlacht aus Keilen zusammengesetzt wurde (Germ. 6; Hist. 416, 420, o16). Die Alemannen schlossen sich bei Straßburg gegen .Julian in einen Keil zusammen. Bei den Franken war noch im 9. Jhd. die keilförmige Aufstellung in ihrer ganzen ursprünglichen Eigentümlichkeit erhalten, auch bei den Angelsachsen war in der verhängnisvollen Schlacht bei Hastings der dichtgeschlossene, tiefgegliederte Keil allgemein. Wodan galt als Erfinder dieser Angriffsform, die wir vom Jahre 58 vor Christus bis ins 11. Jhd. verfolgen können. So trat er dicht neben Tius, und bereits zur Zeit des Tacitus muß er bei dem Volke, von dem der Römer seine Nachrichten über das Opferwesen bezog, also bei den Istwäonen, über Tius und Donar gestanden haben.

Denn „sie verehren von den Göttern am meisten den Mercurius (Wodan), dem sie an bestimmten Tagen auch Menschenopfei• zu bringen für Recht halten“ (Germ. 9). .Vis die Hermunduren im Jahre 58 mit den Chatten um den salzhaltigen Grenzfluß stritten, gelobten sie Tius und Wodan das feindliche Heer zum Opfer (Ann. 1357). (’hlodowechs Gemahlin sucht ihren Gatten von der Ohnmacht der heidnischen Götter zu überzeugen im Gegensätze zur Allmacht des Christengottes und fragt ihn, wie weit denn die Macht seines Tius (Mars) und Wodan reiche (S. 211). Noch im 6. Jhd. gelten also diese beiden als die angesehensten Götter der istw. Franken. Als Hengist und Horsa mit den Sachsen nach England kommen, werden sie gefragt, was für Götter sie anbeten. Die Antwort ist: „Unter Führung des Mercurius überschritten wir die Meere und suchten das fremde Reich auf. Den Mercurius verehren wir besonders, den wir in unserer Sprache Wodan nennen. Ihm weihten unsere Altvorderen den vierten Wochentag, der bis heute noch seinen Namen, den Wodenes dai, erhalten hat.“ Eine Chronik des 10. Jhd. sagt von Hengist und Hors^: sie waren die Enkel eines Barbarenkönigs Woddan, den die Heiden wie einen Gott verehrten, und dem sie Opfer darbrachten um Sieg oder Heldentum. Wie in der sächsischen Abschwörungsformel der Täufling Thunaer, Woden und Saxnot entsagt und an den Christengott zu glauben verspricht (S. 190), so wird in einem ags. Denk-sprucliG Wodan als Hauptgott der Heiden dem christlichen Gott gegenübergestellt:

„ Wodan wirkte Irrlehre, der allwallende Gott die weiten Himmel.“

Von Wodan, dem Kriegs- und Siegesgotte, leiteten also alle ags. Könige ihren Stammbaum ab, und noch König Heinrich II. von England, der Zeitgenosse Friedrich Barbarossas, fühlte sich als Nachkomme Wodans. In Altsachsen und in den sächsischen Besiedelungsländern Mecklenburg, Pommern, Altmark und Priegnitz haften bis heute Sagen und Gebräuche von Wodan. Und wie noch heute in den alten Wohnsitzen der Langobarden Frau Gode, Gode fortleben, so berichtet bereits Paulus Diaconus, daß die Langobarden den Wodan unter der Form Gwodan verehrt hätten. (I8. Prolog zum Edikt K. Rotharis; D. S. Nr. 389). Den lateinischen Quellen liegt ein altes stabreimendes Lied zugrunde, und die Alliteration läßt sich noch erkennen:

Es gibt im Norden eine Insel Scadanan, wo viele Völker wohnen, unter ihnen auch ein kleiner Stamm, die Winniler (die Kampfrüstigen). Und es war bei ihnen eine [weise] Frau, Namens Garabara (die Scharfblickende, Kluge), und sie hatte zwei Söhne, der Name des einen war Ybor (Eber) und der des andern Agio (=mhd. Ecke, der Schrecker). Diese hatten mit ihrer Mutter Gambara die Herrschaft über die Winniler. Es erhoben sich nun die Herzoge der Wandalen, Ambri (der Unermüdliche) und Assi mit ihrem Heere, und sie sagten zu den Winnilern: „ Entweder zahlt uns Zins oder rüstet euch zur Schlacht und kämpft mit uns.* Da antworteten Ybor und Agio mit ihrer Mutter Gambara: „Besser ist es für uns, uns zur Schlacht zu rüsten als den Wandalen Zins zu zahlen.“ Da beteten Ambri und Assi, die Herzöge der Wandalen, zu Wodan, daß er ihnen Uber die Winniler Sieg verliehe. Wodan antwortete und sprach: „Die ich bei Sonnenaufgang zuerst sehe, denen will ich den Sieg geben.“ In gleicher Zeit traten Gambara und ihre Söhne zu Frea, Wodans Gemahlin, und flehten um Sieg für die Winniler. Da gab Frea den Kat: die Frauen der Winniler sollten ihre Haare auflösen und um das Gesicht nach Art eines Bartes binden, dann aber frühmorgens mit ihren Männern auf dem Platze sein und sich zusammen da aufstellen, wo Wodan sie sehen müßte, wenn er wie gewöhnlich aus dem Fenster gen Morgen blickte. Als es nun dämmerte und die Sonne aufgehen wollte, drehte Frea, die Gattin Wodans, das Bett, worin ihr Mann lag, richtete sein Antlitz gen Morgen und weckte ihn. Und als er hinaussah, erblickte er die Winniler und ihre Frauen, die das aufgelöste Haar um das Gesicht geschlungen hatten, und er sprach: „Wer sind jene Langbärte?“ Da sagte Frea zu Wodan: „Wie du ihnen den Namen gegeben hast, so gib ihnen auch den Sieg“ (denn es war altgerm. Sitte, daß der Namengebung ein Geschenk folgen mußte; daher stammen unsere Patengeschenke). Und Wodan gab den Winnilem den Sieg, so daß sie sich nach seinem Ratschlüsse wehrten und den Sieg errangen. Von jener Zeit an wurden die Winniler Langobarden, die Langbftrtigen genannt.

Als Kriegsgott erregt Wodan Kampf zwischen Winnilern und Wandalen; beide Völker, also auch die ostgerm. Wandalen, rufen ihn um Sieg an. Er thront im Himmel und hat hier einen Saal (S 243), wie Zeus auf dem Ida sitzt und den Sterblichen zuschaut, wie Helios alles überblickt und vernimmt (II. 3277); von hier aus lenkt er das Geschick der Völker. Er hat die Macht und das Reich des alten Him-melsgottes Tius, und auch Erija, die ursprüngliche Gemahlin des Tius, sitzt ihm zur Seite. Gemütvoller Humor selbst den Himmlischen gegenüber ist deutsche Charakteranlage, es sei an Wodans Begegnung mit dem Mecklenburger Bauern erinnert (S. 234) und an die Schwänke, in denen Gott, Christus und Petrus auftreten. Auf keinen Fall ist deswegen auf junges Alter der Sage zu schliessen. Auch Hera und Athene besteigen gegen den Willen des Zeus den flammenden Wagen, um die zu bekämpfen, denen der Olympier den Sieg verleihen will; aber ganz anders erhebt Zeus seine Stimme (11. 8382 ff).

So wenig wie der heitere Ton, in dem das durch dramatischen Dialog ausgezeichnete Lied verfaßt ist, und die frohe Stimmung, die in Wodans himmlischem Reiche herrscht, gegen hohes Alter der Sage sprechen, darf die etymologische Deutung des Namens der Langobarden dagegen angeführt werden. Die Langobarden sind nicht die „alten Krieger“, noch die mit langen Barten Bewaffneten; diese sind keineswegs eine charakteristische Waffe für sie, denn beim Thing erscheinen die Langobarden mit dem Gere, und als Symbol der Wehrhaftmachung diente ihnen der Pfeil. Der Name des Volkes steht vielmehr zum Wodanskult in engster Beziehung, sie nannten sich nach dem langbärtigen Gotte Wodan. Daß sie sich ihren höchsten Gott auch so vorstellten, beweist der schöne langob. Name „Ansegranus“, der mit dem Götterbarte.

Daß die Langobarden Wodan als chthonischen Gott verehrten, zeigt sein Symbol, die goldene Schlange (S. 244). Für seine Verehrung als Wetter- und Kriegsgott spricht auch folgender Kult; Im Jahre 579 waren die Langobarden teilweise noch Heiden. Bei einer Siegesfeier, bei der 400 Gefangene niedergemacht wurden (zu Ehren des Kriegsgottes Wodan), brachten sie dem Teufel ein Opfer dar. Dieses bestand in dem Haupte einer Ziege, das sie im Kreise umtanzten und mit einem ,,verabscheuungswürdigen“ Liede dem Gotte weihten. Nachdem sie es selbst mit gebeugtem Rücken angebetet hatten, wollten sie dazu auch die Gefangenen zwingen; da diese aber schon Christen waren, zogen sie den Märtyrertod vor (Gregor. Dial. 328). Daß dieses Bocksopfer und der Opferleich dem Wodan galten, lehrt ein anderes Zeugnis (Miracula Apollinaris):

Deutsche Heiden — Alemannen oder Wandalen — fielen in Burgund ein und wollten eine Kirche zerstören, die dem Märtyrer Apollinaris von Chlodwigs Gemahlin gebaut war. Als alle Bemühungen, sie in Brand zu stecken, sich als vergeblich erwiesen, riefen sie ihre Priester zusammen und trieben sie an, nach alter Sitte ihrem Gotte Wodan Ziegen zu opfern und ihn (als Sturmgott) zu bitten, dem Feuer Kräfte zu geben, um den Tempel des Gottes eines fremden Volkes zu verbrennen. Jene brachten auch sogleich ihre unheiligen, törichten Opfer dar und riefen alle einstimmig ihren Wodan an. Aber während sie damit beschäftigt waren, erlosch das Feuer abermals, das an das Gotteshaus gelegt war. Als das die Anführer sahen, stürzten sie über die Diener ihrer Heiligtümer her und wüteten gegen sie mit grausem Mord.

Mit seinem Reiche hatte der leuchtende Gott Tius auch seine Gemahlin an Wodan abtreten müssen (S. 239). Nach der langob. Sage thront Frea neben Wodan im Himmel. Die älteste Vorstellung aber war, daß der Windgott im Sturmge-brause seine Buhle, die vom Winde gepeitschte Wolke, verfolgte; wenn dann der Gott die Verfolgte eingeholt hat, feiert er mit ihr das Fest der Vermählung.

Diese Jagd auf die verfolgte Frau, als eine rohe und altertümliche Form des Brautraubes aufgefaßt, erklärt den Anteil, den der kriegerische Windgott an der deutschen Hochzeitsfeier hat. Dem Brautlaufe liegt der Gedanke zugrunde, daß die Frau durch Kraft und Geschicklichkeit ersiegt werden muß. Durch ungestümes Vorwärtseilen errang sich der Bräutigam beim Wettlaufe die Braut; von dem Gotte, der als der Schnellste und Siegreichste galt, dem unwiderstehlich dahinstürmenden Windgotte Wodan, erhoffte und erflehte er dabei Beistand und Hilfe. Darum ward Wodan als siegreicher Schützer des Brautlaufes und der Hochzeit angerufen, während man die eigentliche Weihe dem hammerbewehrten Donar zuschrieb. Braut- und Liebes-leute wandten sich an Wodan in feierlichem Hochzeitswunsche, und auf Gescheuken, die sie einander verehrten, ritzten sie wohl einen Segenswunsch ein: wie der Gott seine himmlische Gemahlin mit Eile und Ungestüm ersiegt habe, so möge er seinem irdischen Vertreter den eilenden Fuß beflügeln. Ein solcher alter Hochzeitswunsch ist uns auf der •sogenannten Nordendorfer Spange erhalten (Abb. 10, 11). Im Jahre 1843 stießen die Arbeiter beim Bau der Eisenbahn von Augsburg nach Donauwörth in der Nähe von Nordendorf auf menschliche Gebeine und mannigfache Schmuckgegenstände aus dem 6. oder 7. Jhd. Man hatte einen alten Kirchhof aufgefuuden: die Köpfe waren nach Westen, die Fußenden nach Osten zu gekehrt. Die Reste der Vergangenheit werden uns zu Zeugen des Glaubens und Lebens unserer Vorfahren.

Auf dieser Nordendorfer Spange stehen die Runen:

Eine Gewandspange mit einem feierlichen Hochzeitswunsche darf als ein passendes Hochzeitsgeschenk angesehen werden, das die Braut dem Geliebten überreichte. In dem Spruche: Loga l>ore Wodan, wigi Thonar = ,,die Heirat ersiege, Wodan; weihe, Donar!“ sind Wodan und wigi, £>ore und ponar durch gleichen Anlaut gebunden: es ist ein aus zwei Kurzzeilen bestehender Langvers. Auch die Namen des alemannischen Liebespaares sind erhalten; von einer anderen Hand ist der Inschrift ein zweiter Teil zugefügt: „Awa hat die Spange dem Leubwini geschenkt.“ Und wie in den Zwölfnächten Wodan als Sankt Nikolaus mit breitkrämpigem Hute, oder als Schimmel oder Schimmelreiter erschien, für dessen Pferd die Kinder Heu und Hafer in ihre Schuhe steckten, die Alten eine Sache ins Freie stellten, so erschien im vorigen Jahrhundert in der Nacht zur Hochzeit „eine wodanähnliche Figur, ein Schimmelreiter mit rotem Mantel und breitkrämpigem Hut“

Aber Wodan blieb nicht mehr bloßer Naturgott, sondern er entwickelte sich zu einem Kulturgott im höchsten Sinne des Wortes. Bereits in historischer Zeit ist er bei den Istwäonen unter dem Einflüsse der von Süden und Norden her eindringenden Kultur zum Spender alles Segens, Gott des Rechtes, der Gewandtheit und der Erfindung, der Wissenschaft und der Dichtkunst geworden. Alles Schöne und Edle wird auf ihn übertragen, alles Hohe und Herrliche stammt von ihm, jeder Wunsch wird von ihm gewährt. Wie auf germanischen Denksteinen Tius mit der Victoria erscheint, so werden dem Wodan (Mercurius) und der Felicitas oder Fortuna von den Gardereitern Inschriften geweiht. War Wodans Speer ursprünglich der aus der nächtlichen Wolke geschleuderte Blitz, dann das Symbol des Schlachtengottes, so erhielt der Speerwurf jetzt auch rechtliche Bedeutung (S. 235). Regelmäßige Stöcke oder Pfähle wurden zur Landmessung in die Erde gestoßen und das abgesteckte Gebiet dem Schutze Wodans empfohlen; darum war Yönstoc (Vödenstoc, Wodans Stock oder Pfahl) im ags. ein Grenzmal, und wenn in den Niederlanden ein gewisses Handmaß oder die Spanne Woenslett (Woedensglied) heißt, so erscheint auch in dieser Anwendung Wodan als Gott des Maßes.

Er wird selbst als König der Götter angerufen: ein Bataver Blesio weiht dem Mercurius rex (dem Könige Wodan) einen Stein, der am Ufer der Waal gefunden ist, und auf einer anderen, bei Aachen gefundenen Inschrift wird Wodan Mercurius \Leudisio genanut, Herrscher über alles und alle.

Vom Rhein aus erobert sieh Wodan seine Macht und Stellung, ursprünglich dem Himmelsgotte Tius untergeordnet, dann mit ihm sich in die Herrschaft teilend und endlich unbestritten der alleinige Gebieter der Götter und Menschen. Tacitus versichert, daß die Deutschen vorzüglich den Mercurius, Hercules (Donar) und Mars (Tius) verehrten. Aus den allgemeinen Andeutungen geht hervor, daß Wodan wie Tius dem Kriege Vorstand. Die vornehmsten Opfer waren Menschenopfer, und diese fielen dem Mercurius (Germ. 9, Ann. 1357). Die Anwendung klassischer Namen auf deutsche Götter, die interpretatio Roniana, verbreitete sich allgemein und wurde von den lateinischen Schriftstellern der folgenden Jahrhunderte mit genauer Übereinstimmung beibehalten. Paulus Diaconus sagt: Wodan, den sie mit vorgeschlagenem Buchstaben GWodan nennen, ist derselbe, der bei den Römern Mercurius heißt. Die Alemannen opferten ihrem Wodan, den andere Mercur nennen (Jon. v. Bobbio); Mars und Mercur sind die Götter, zu denen Chlodovech betet (S. 211). Hengist und Horsa verehren besonders den Mercur, der in der heimischen Sprache Wodan heiße. Die Deutschen nannten den vierten Wochentag, den Tag des Mercur (frz. Mercredi) nach ihrem Gotte Wodan: noch heute heißt der Mittwoch ndd. Gudenstag, engl. Wednesday, ags. Vödenes däg, holländ. Woensdag. Wenn die Römer Wodan mit Mercur Wiedergaben, so mag Tacitus immerhin die Stelle Casars vorgeschwebt haben, daß die Gallier eine an Mercur gemahnende Gottheit verehrt hätten (b. g. 617), und ihre Kenntnis des gallischen Mercur (keltisch Lug) mag bei ihrer Verdolmetschung mitgewirkt haben, aber als tatsächlicher Bestand bleibt doch, daß Wodan eine Gottheit war ähnlich dem aus Hermes entwickelten Mercur, geistig rührig, überall in das Leben eingreifend, ein Förderer des Verkehrs, gewandt in Rede und Wort. Hermes und Wodan sind Windgötter, Schnelligkeit und Kraft sind beiden gemeinsam. Wie Wodan seine Lieblinge auf sein Götterroß hebt, so trägt Hermes den Ganymed in den Himmel empor. Beide wehren Krankheiten ab, schützen die Flur und die Herde und sind Führer des Totenheeres. Dem wilden Jäger entspricht Hermes diäxioQos (dtdwco* wegtreiben, jagen). Beiden sind Berge heilig, und auch Hermes ist in einer Gebirgshöhle verborgen. Wie dem Hermes das erste und beste Los heilig ist, so gilt Wodan als Erfinder der Losrunen und Glücksspiele. Wie Hermes trägt Wodan den breitrandigen Hut und den wallenden Mantel.

Tacitus hat bei seiner Schilderung der Deutschen vorzüglich die rheinischen Völker im Auge. Am untern Rheine waren die Germanen zuerst mit der keltischen und dann mit der römischen Kultur in Berührung getreten. Noch als Nomaden waren die Istwäonen mit ihren Herden iu das zur Weidewirtschaft geeignete Keltenland hinabgestiegen und hatten sich in den Häusern und geschlossenen Einzelhöfen der Kelten festgesetzt. Während sonst das germanische Dorf mit seinen Häusern und Gäßchen, den ringsumgebenden Ackerfluren, dem umfangreichen Wiesen-, Weide-und Waldland den Siegeszug der Deutschen bis in das Herz Galliens begleitet, sind die Einzelhöfe keltischen Ursprunges. Als die Istwäonen in das keltische Gebiet eindrangen, wurden die bisherigen Besitzer, soweit sie nicht entflohen oder umkamen, ihre Sklaven oder Liten. Diese keltisch-germanische Mischkultur der Istwäonen trat in der Zeit zwischen Cäsar und Tacitus durch die Feldzüge des Drusus, Tiberius, Varus und Germa-nicus mit der noch höher entwickelten römischen Kultur in Beziehung. In Krieg und Frieden, Rechtspflege und Handelsverkehr waren Berührungen zwischen Germanen und Römern unvermeidlich; acht römische Legionen lagen zur Zeit des Tiberius am Rhein. So ward dem Lande und seiner Kultur vornehmlich ein militärischer Charakter gegeben, aber auch die Namen der Wochentage, der Monate, das Alphabet drangen von Rom aus an den Rhein. Als Tiwaz Istwaz bei den Rheinländern von Wodan verdrängt wurde, ward Wodan der Träger dieser höheren Kultur. Ausbildung der Kriegskunst und bessere Bewaffnung, Beredsamkeit und höheres Wissen, Gewandtheit und Erfindungsgabe verdankte man ihm. Der Gott selbst zeigt jetzt kriegerisches, ritterliches Gepräge: er führt den Speer oder das Schwert, sprengt auf mutigem Roh einher, die Brust bedeckt mit goldener Brünne. Waren die istw. Marsen noch zur Zeit des Germanicus (14 u. Chr.). Pfleger des Heiligtums des Tius und der Tanfana, so wurden die gleichfalls istw. Ansiwaren, nördlich der Sieg, die Wahrer und Hüter des istw. Ans- oder Wodandienstes und errangen unter den Istwäonen die führende Stellung. Schon Tacitus deutet an, daß sie ein gewisses Stammesansehen genossen, Adel und Königsgeschlecht der ripuarischen Franken sind ansiwarisch, anscheinend auch die Familie der Pippiniden. Julian muß gegen die Franken, die „auch Ansiwari heißen^, über den Rhein zu Felde ziehen, die Nachricht des Tacitus von ihrer Vernichtung ist also ein Irrtum (Ann. 1356; D. S. 366); von ihrem Lande nördlich der Sieg begründeten die Ansiwari die Macht des ripuarischen Frankenreiches.

Von den istw. Stämmen rückt der Haupt- und Kulturgott Wodan zu den andern deutschen Stämmen vor und nimmt auch bei ihnen die Stelle des Tius ein. Charakteristisch für Wodans Vordringen ist die Geschichte seines Stammes. Während die got. Amelungensage die Macht und Herrlichkeit der Treue preist, zeigt die rheinische Nibelungensage das zerstörende Wirken der Untreue. „Den Franken ist es erb und eigen, lachend das Treuwort zu brechen“ (Vopiscus): keine Hindernisse schrecken das merovingische Königsgeschlecht von seinem Ziele, der Alleinherrschaft, zurück, in blutigen, rücksichtslosen Kämpfen wird das Königs- und Adelsgeschlecht ausgerottet, auch nach Einführung des Christentums wuchern Verrat und Mord in unerhörten Greueltaten fort, aber ein deutsches Land nach dem andern unterwirft sich dem salischen Eroberungstriebe, dessen unersättlicher Vertreter Chlodovech ist, bis sich in ungeahntem Glanze das fränkische Reich erhebt. So erobert der Götterkönig Wodan einen Stamm nach dem andern in unvergleichlichem Siegeszuge, die Ingwäonen wie die Erminonen, und drückt seinen Namen und sein Gepräge so unauslöschlich fest auf die deutsche Geistesbildung, daß Wodan als die Verkörperung des deutschen Glaubens gelten darf. Der dichterische, fürstliche, siegreiche Wodan, der unbestrittene Göttervater und Götterherrscher dringt nach Norddeutschland zu den Sachsen und Langobarden und zu den Nordgermanen; hier ist er in seinem vollen Glanze erhalten. Noch bevor die Langobarden .ihre alten Wohnsitze an der untern Elbe verließen, muß Wodan ihr Hauptgott gewesen sein. Aber auch bei den ost-germ. Vandalen muß er damals schon seinen Siegeseinzug gehalten haben. Mindestens gleichzeitig, wenn nicht schon früher, haben ihn auch die Sachsen verehrt. Wie fest hier seine Verehrung wurzelt, bezeugen die ags. Königsgenealogien, die ins 5. Jhd. zurückreichen, die Abschwürungsformel noch aus dem 8. Jhd., und das Verzeichnis heidnischer und abergläubischer Gebräuche und Meinungen aus der Zeit Karls des Großen. Wodansopfer und Wodansheiligtümer werden in ihm verboten, sowie Wochentage (den Mittwoch) ihm zu Ehren vor den übrigen auszuzeichuen (Indiculus Nr. 8; 20). Eine Musterpredigt aus derselben Zeit verbietet Opfer, die dem Donar und Wodan über Felsen, an Quellen, an Bäumen dargebracht werden, und die heidnische Mittwochfeier. Den Nordfriesen heißt der Mittwoch noch heute Winjsday, Winsday = Wodanstag. In Mitteldeutschland verehren ihn die Thüringer als den höchsten zauber- und heilkundigen Gott, in Hessen und Thüringen findet sich ein Wodensberg. Selbst den suebischen Bauern in Spanien galt im 6. Jhd. der Mittwoch als Wodanstag für besonders heilig, an dem man nicht arbeiten dürfte (Mart. v. Bracara, S. 247). Es fällt daher nicht allzuschwer ins Gewicht, daß auf süddeutschem Boden ein Wuotanestac nicht belegt ist (S. 184). Denn die Nordendorfer Spange, der Eigenname Wuotan, der 17mal im 9. Jhd. vorkommt, die Glosse wötandyrannus, das Zeugnis des Jonas von Bobbio und der Miracula Apollinaris (S. 251) beweisen, daß Wodan in Oberdeutschland keineswegs bloßer Nacht- und Windgott wie im Münchener Nachtsegen öder gar nur ein Dämon war. Die Angabe des Langobarden Paulus Diaconus wäre unbegreiflich, wenn gerade die nächsten Grenznachbarn seines Stammes, Alemannen und Bayern, eine so auffällige Ausnahme gebildet hätten. Paulus Diaconus wird mit Recht für die Zeit vor der Bekehrung behaupten: Wodan wird von allen Stämmen Germaniens als Gott verehrt.

Text aus dem Buch: Deutsche mythologie in gemeinverständlicher darstellung (1906), Author: Paul Herrmann.

Siehe auch:
Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Der Seelenglaube
Deutsche Mythologie – Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut
Deutsche Mythologie – Die Seele in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die Seele in Menschengestalt
Deutsche Mythologie – Der Aufenthaltsort der Seelen
Deutsche Mythologie – Der Seelenkultus
Deutsche Mythologie – Zauberei und Hexerei
Deutsche Mythologie – Der Maren- oder Alpglaube
Deutsche Mythologie – Schicksalsgeister
Deutsche Mythologie – Der Mütter- und Matronenkultus
Deutsche Mythologie – Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Naturerscheinungen in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Elfen und Wichte
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Zwerge
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Hausgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Wassergeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Waldgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Feldgeister
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Name und Art der Riesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Luftriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Berg- und Waldriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Wasserriesen
Deutsche Mythologie – Der Götterglaube
Deutsche Mythologie – Name und Zahl der Götter
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise – Der Feuergott
Deutsche Mythologie – Mythenkreise – Licht und Finsternis. Gestirnmythen.
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Tius
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Foseti

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