Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes

Eine Weltgeschichte in einem Bande.

Auch in Deutschland hatten sich die Normannen einzunisten versucht, hier aber wurden sie von überlegenen Kräften zurückgeschlagen. Deutschland schwang sich zur Weltmacht empor, mit der niemand mehr anzubinden wagte. Den Gipfel erreichte die Macht unter Heinrich III. Als dieser aber im besten Alter gestorben war (1056), da brach das Unglück über unser Vaterland herein. Sein Sohn Heinrich IV. war noch ein kleines Kind. Seine Witwe, die eine Regentschaft einsetzte, war zu schwach, um den gewalttätigen Großen, die Otto von Nordheim (bei Göttingen) mit harter Faust leitete, wirksam zu begegnen. Kaum aber hatte Heinrich IV. selbst die Geschäfte übernommen, so sah sich der junge Herrscher in tausend Schwierigkeiten verstrickt. Nicht genug damit, daß er den Adel gegen sich hatte, schickte sich Heinrich auch noch an, die rüstig aufblühenden Städte zu bekämpfen. Dazu kam als gefährlichster Feind von allen der Papst. Hildebrand, auf dem Stuhle Petri Gregor VII. geheißen, führte die Kirche, die in Lässigkeit und Schwelgerei versunken war, zu größerer Strenge. Er zwang die Ehelosigkeit, den Zölibat, der bisher nur für die Mönche und die höchste Geistlichkeit üblich gewesen, allen Priestern auf. Er verlangte, daß dem Papste höhere Ehre erwiesen werde, als dem Kaiser. Als Heinrich solchem Ansinnen nicht willfahrte, tat ihn Gregor VII. in den Bann. Das benutzten die Fürsten, um einen Gegenkaiser zu küren. Sich vom Banne zu lösen, überstieg Heinrich IV. mit seiner treuen Gemahlin im Winter die Alpen. Er ging nach Kanossa, einer Bergfestung, die in Toskana gelegen ist, und verweilte dort barfüßig und fastend drei Tage im Schnee. Nach der Anschauung der damaligen Zeit war der Gang nach Kanossa geradezu ein feiner Schachzug Heinrichs, war fast eine Überrumpelung des Papstes. Nur widerstrebend erteilte Gregor zuletzt die Absolution; aber er konnte nicht anders handeln, wollte er sich nicht selbst in den Augen der Zeitgenossen insUnrecht setzen. Vom Banne gelöst, besaß Heinrich sofort die doppelte Autorität wie früher. Mannhaft trat er seinen Widersachern daheim entgegen, und schlug sie zu Boden. Aber auch den Papst demütigte er. Er besetzte ganz Rom, freilich mit Ausnahme der Engelsburg, wo sich noch, sorgend und bangend, der Papst hielt. Von Normannen wurde Gregor befreit, jedoch die Befreier hausten und wüsteten derart in der Stadt Rom, daß die Römer selbst von ihrem geistlichen Oberherrn nichts mehr wissen wollten. Er zog sich nach Aversa zurück, und ist dort gestorben Seine letzten Worte waren:

Ich habe die Gerechtigkeit geliebt, und deshalb sterbe ich in der Verbannung.

Die Frage, wem man mehr gehorchen solle, dem Kaiser oder dem Papst, war nunmehr aufgerollt. Im Grunde ist die Frage bis zum heutigen Tage noch nicht gelöst.

Nur in einem unterscheidet sich die Gegenwart wesentlich von früher. Seit 1870 hat der Papst kein Land, keine Territorialherrschaft mehr. Bis dahin war er nicht nur geistlicher, sondern auch weltlicher Fürst. Innozenz III., der bedeutendste aller Päpste (um 1200), erhob sogar den Anspruch, daß sämtliche Könige und sonstige Gewalthaber der Erde von ihm ihr Land als Lehen zu empfangen hätten. Mithin sollte der Papst der Herr der Erde, nicht nur der Beherrscher der Gemüter, sondern auch des Bodens und aller irdischen Habe sein.

Die Stellung des Papsttums ist nicht einzigartig. Sie wird durch ähnliche Erscheinungen in Asien und Osteuropa erläutert und erklärt. Auch in Japan ist der Gegensatz zwischen dem geistlichen Oberhaupte, dem Mikado, und dem Führer des Heeres, dem Shogun. Der Kalif zieht sich in das geheimnisvolle Dunkel seines Palastes zurück und gilt nur noch als kirchlicher Oberherr aller Gläubigen, während die weltlichen Angelegenheiten von dem Emir al Omra besorgt werden. Das gleiche Verhältnis bei den Khazaren, die einen (jroßstaat am Kaspisee und Schwarzen Meere begründeten, in Ägypten und in Byzanz. Durch den Patriarchen von Byzanz wurde so mancher Autokrator gestürzt.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker