Peloponnesischer Krieg

Eine Weltgeschichte in einem Bande.

ln Athen schwang sich hierauf Kimon an die Spitze und dann Perikies. Unter ihm machte die Demokratisierung des Staates, die schon seit einigen Jahrzehnten begonnen hatte, weitere Fortschritte. Die Volksversammlung wurde die souveräne Herrin. Perikies selbst war aus ältestem Adel. Er war nicht nur Staatsmann und hervorragender Redner, sondern auch ein Förderer von Kunst und Wissenschaften. Er war der Freund des Phidias und der Mann der schönen und geistreichen Aspasia. Ein vielseitiger, reich begabter, glänzender Vertreter athenischen Ruhmes, aber nicht hart und scharf genug für den Ernstfall! Dem Kriege mit Sparta, der jetzt ausbrach, war Perikies nicht gewachsen. Mit Sparta lebten nämlich die Athener seit jeher in einem ununterbrochenen Zustande der Spannung. Offenbar ist das waffenstarrende Sparta die ältere Griechenstadt gewesen, während Athen erst im sechsten Jahrhundert aus einem Pelasgerort zu einer Griechenstadt erwuchs. Auf das höhere Alter und den Einfluß von Jahrhunderten pochend, beanspruchte Sparta die Führung in Griechenland. Durch seine Erfolge gegen die Perser, die es allein, ohne Hilfe errungen, und durch seine steigende Seegeltung fühlte sich jedoch Athen befähigt, den Handschuh aufzunehmen und einen Kampf um die Vorherrschaft auszufechten. Lange Jahre hindurch wurde der Gegensatz noch überbrückt. Vor allem war die gemeinsame Gefahr vor der gewaltigen Persermacht doch immer noch zu groß. Außerdem kreuzten sich die beiderseitigen Einflußkreise nicht zu sehr. Sparta waltete nach Gutdünken im Peloponnes; Athen beanspruchte den Vorrang in Attika, Böotien und auf den Inseln. Nun aberschufen die Athener einen Seebund, und trieben eine gigantische Politik, die zu Einmischungen am Nil, in Cypern, in Byzanz und im Schwarzen Meere, sowie auch im Adriatischen Meere führte. Es war nur natürlich, daß eine derartige Flankierung und Umzingelung den Spartanern unbehaglich erscheinen mußte. Einen weiteren Zankapfel gaben Megara und Korinth ab. Diese beiden Stadtstaaten waren dorisch, also dem jonischen Athen stammfremd, lagen aber in dessen nächster Nähe und reizten daher Athens Begehrlichkeit. Korinth besaß nun noch Kolonien im Süden des Adriatischen Meeres, auf Korfu. Hier mischten sich wiederum die Athener ein, die ihre Seeherrschaft auch gern noch weiter westlich ausgedehnt hätten; aus der Einmischung entstand der pelo-ponnesische Krieg, der von 431 bis 404 dauerte.

Sehr merkwürdig ist, daß gerade während dieses Krieges die athenische Kultur ihre höchste Höhe erreichte. Genau so, wie in dem bürgerkriegdurchwühlten Italien der Renaissance und wie im Frankreich LudwigsXIV! Kriegsgewalt ist eben auch Kulturgewalt. Zu Äschylos gesellten sich als dramatische Dichter Sophokles und Euripides. Der größte Meister des Lustspiels aller Zeiten und Völker, Aristophanes, begann jetzt sein fruchtbares Wirken. Herodot und Thukydides schrieben ihre Geschichtswerke, die für länger als zwei Jahrtausende für den universalistischen und den pragmatischen Stil maßgebend geblieben sind. Sokrates begründete eine rationalistische Philosophie, Platon, sein Schüler, eine idealistische. Die gerichtliche Beredsamkeit feierte durch Lysias und Aischines Triumphe. Die Vasenmalerei entwickelte staunenswerte Feinheit. Perikies war, wie schon angedeutet, zu weich, um in Kriegsstürmen zu bestehen. Freilich brach auch ein nicht vorherzusehendes Unglück über Athen herein. Die Pest bemächtigte sich der Stadt und verringerte die Zahl und den Mut der Bevölkerung. Perikies selbst ist an der Krankheit gestorben. Die erste Hälfte des Krieges ging zu Gunsten der Spartaner aus. Jetzt abertritt ein neuer Spieler auf dieBühne,Alkibiades. Ein schillernder, genialer Geist von unglaublicher Gewandtheit, von seltener Verwandlungsfähigkeit. Man hat ihn den größten Verräter der Weltgeschichte genannt. Er war der Urheber einer Politik, kraft derer die Athener sich auf Sizilien festsetzten. Also wiederum weiter nach Westen hinaus. Für das Griechentum wäre eine solche Stärkung lediglich von Vorteil gewesen, angesichts der Tatsache, daß die Karthager sich schon auf einem beträchtlichen Teile von Sizilien niedergelassen hatten und überhaupt im westlichen Mittelmeer beständig an Boden gewannen. Zwar ist ihnen gegenüber das Griechentum jetzt bereits in weit besserer Lage als noch zwei Menschenalter früher. Durch die Vertreibung der Perser war das Selbstgefühl und die wirkliche Macht der Griechen bedeutend gekräftigt. Nicht minder drangen sie in Süd- und Mittelitalien vor. Griechisch waren die Küstenstädte bis nördlich von dem heutigen Neapel, während an der italischen Küste des Adriatischen Meeres griechische Siedlungen bis nach Adria in der Nähe der Po-Mündung hinaufgingen. Nicht minder schritt die hellenische Kultur erobernd vor. Sie gab die Grundlagen, wie schon berührt, zu der Kunst der Etrusker und gab ihnen sogar die homerischen Gesänge; sie wurde so mächtig in Rom, daß auf Jahrhunderte hinaus dort die Literatursprache griechisch ward.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege