Pergamon


Humanns Name steht voran, wo immer Pergamon und seine Denkmäler genannt werden. Aber heute können wir nur mit Trauer dieses einzigen Mannes gedenken, dessen Tod den ersten tiefen Schatten in das lichtvolle Bild geworfen hat, in dem uns die Pergamenische Ausgrabung vor Augen steht. Wie Grosses ist durch die Arbeiten in Pergamon erreicht worden! Ein ganzes Reich ist aus dem Schutte wieder auferstanden, in den bedeutendsten Zügen seiner Geschichte, in seinen grössten Schöpfungen unserer Kenntnis und unmittelbaren Anschauung zurückgewonnen.

Selten ist es in der Wissenschaft, die sich mit der Kunst des Altertums beschäftigt, dass man es nicht nur „läuten, sondern zusammenklingen“ hört,selten fügt sich aus den einzelnen Trümmern, die erhalten sind, ein Ganzes in geschlossener Einheit wieder zusammen. Die Pergamenische Ausgrabung hat das Glück solchen Gelingens in reichem Masse gehabt. Das Reich von Pergamon tritt in der Geschichte erst zu der Zeit hervor, in der die Züge der Gallier eine drohende Gefahr für die griechischen Staaten wurden. Es konnte wie eine Rettung aus allgemeiner Not erscheinen, als Attalos I. dieses Volk in einem grossen und entscheidenden Siege niederwarf. Dieser Sieg, in seiner nationalen Bedeutung der Marathonschlacht verglichen, legte den Grund zu der kurzen, aber glänzenden Machtstellung, die das Reich von Pergamon, wie ein Bollwerk gegen alles Ungriechische und Barbarische, während der Regierung seiner ersten Könige Attalos des Ersten (241 —197 vorChr.) und Eumenes des Zweiten (197— 159 vor Chr.) unter den übrigen Großstaaten einnahm, in die die Weltmonarchie Alexanders des Grrossen nach dem Tode ihres Schöpfers zerfallen war. Mit Thatkraft und Staatsklugheit verband sich bei diesen Fürsten eine lebhafte Neigung für die Künste und Wissenschaften. Sic sahen mehr als eine königliche Pflicht darin, diese zu fördern, und haben aus Pergamon ein zweites Alexandrien, ein zweites Kulturzentrum der hellenistischen Welt gemacht. Die Funde auf der Burg zeigen ihr Wirken gerade nach dieser Seite hin in glänzendstem Lichte.

Mitten in der reichen Anlage von Bauten, die, in Terrassen über einander aufsteigend, die Höhe der Königsburg bekrönen, zwischen den Palästen, Heiligtümern und öffentlichen Gebäuden, liegt angeschlossen an eine den heiligen Bezirk umgebende Säulenhalle des Athenatempels die Bibliothek, die zugleich eine Art Museum war, von Eumenes dem Zweiten gegründet. Es sind hier und in Alexandrien zum ersten Mal im Altertum überhaupt Anstalten dieser Art. eingerichtet, und damit den wissenschaftlichen Bestrebungen, wie sie mit der hellenistischen Zeit im weitesten Umfange hervortreten, ein breiter und sicherer Boden geschaffen. Auf diesem Boden in Pergamon ist die erste Kunstgeschichte erwachsen; ganz modern mutet es uns an, wenn wir hier die Reste einer Kunstsammlung finden, die Werke berühmter Meister aus allen Zeiten der griechischen Kunst enthielt, Originale und daneben Kopien von Werken, wie der Athena Parthenos des Phidias, die im Original nicht zu erwerben waren. Die von Eumenes II. angelegten Sammlungen hat dessen Nachfolger Attalos II. erweitert. In seine Regierungszeit (159—138 vor (ihr.) fiel die Eroberung Korinths, die unermessliche Kunstschätze nach Rom brachte. Attalos machte den Versuch, ein Gemälde des Aristides, dessen Wert den Eroberern entgangen war, aus dieser Beute anzukaufen, aber der ungeheure Preis von 100 Talenten, den er bot, machte die Römer stutzig und vereitelte die Erwerbung. Derselbe Fürst schickte Maler nach Delphi mit dem Aufträge, die berühmten Wandgemälde des Polygnot für Pergamon zu kopieren. In allen einzelnen Fällen zeigt es sich, wie Sammeleifer und Kennerschaft hier zusammengingen.

Das steigende Interesse für die „Antike“ und ihre Schätzung haben wenig später in Rom die Kunst in eine akademische Richtung hineingeführt und eine Art Renaissance eingeleitet. Das Gleiche ist in Pergamon nicht eingetreten. Die Kunst hier wurzelte zu frisch und stark in der Gegenwart, sie war in sich zu gross und mächtig, um von einer zurückliegenden Vergangenheit abhängig zu werden. Den wirksamsten Schutz aber gaben die nationalen Aufgaben, die die Zeit selbst stellte. Durch glänzende Siegesdenkmäler liessen die Pergamenischen Könige den Ruhm ihrer Schlachten feiern.

Von den grossen Gruppen, die Attalos I. auf die Burg von Pergamon und ebenso auf die Akropolis von Athen geweiht hatte, sind Reste und Nachbildungen einzelner Figuren in den Statuen der kämpfenden und sterbenden Gallier erhalten, Werke, die mit ihrer Leidenschaft den Beschauer in die ganze Wirklichkeit dieser wilden Schlachten hineinreissen. In einem gewaltigen Denkmal feierte Eumenes II. die Siege durch den Altar, den er dem Zeus und der Athena auf der Burg von Pergamon weihte. Die Kämpfe der Götter und

Giganten, die an diesem Altar in grossen, um den ganzen Unterbau herumgeführten Reliefs dargestellt sind, erinnerten wieder an die eigenen Waffenthaten von Pergamon, ähnlich wie in jenem Weihgeschenk, das Attalos I. nach Athen stiftete, neben den Gallierkämpfen Giganten- und Amazonenkämpfe und Perserschlachten dargestellt waren. Ueber eine Fläche von fast 130 Meter Ausdehnung waren Gruppen hingeführt, die immer wieder das Ueberwinden und Unterliegen schildern — und die Betrachtung ermüdet trotz der Länge nicht, weil die Begeisterung, aus der der Entwurf dieser Komposition herausgewachsen ist, den erfindenden Künstler und die ausführenden Bildhauer bis zur letzten Szene nicht verlassen hat. Die ganze Kraft und schöpferische Phantasie der hellenistischen Kunst scheint in diesem Riesenwerke, das im Altertum selbst wie ein Wunder bestaunt wurde, wie in einer höchsten Leistung zusammengefasst. Aber sie ist hier auch erschöpft: schon in einem Werke wie der Gruppe des Laokoon vermögen wir heute nur noch die Virtuosität der Arbeit zu bewundern, wir werden nicht ergriffen wie beim Anblick der Gigantomachie, weil der Aufbau gekünstelt und studiert, ihre Leidenschaft berechnet erscheint.

Die Ausführung der Altarreliefs ist so bewegt, heftig, kontrastreich wie die Erfindung. Mit starken Meisselschlägen ist das Relief tief aus dem Marmor herausgehauen, die Arbeit rasch und feurig vollendet. Das Zusammenwirken vieler Hände war zur Fertigstellung solchen Werkes nötig. Die Namen verschiedener Künstler sind auch unterhalb der Darstellung erhalten, und innerhalb der ganzen Reihe der wiedergefundenen Platten sind Ungleichmässigkeiten der Ausführung leicht zu bemerken; die Einen haben mit mehr Geschick, Andere mehr im Detail und mit grösserer Sorgfalt gearbeitet. Von besonders mächtigem Eindruck sind die Platten, auf denen die beiden Götter, denen der Altar geweiht war, Zeus und Athena, kämpfen. Die Athenaplatte ist auf Taf. 70 wiedergegeben, die Textabbildung giebt den Kopf des Giganten Klytios, des Gegners der Göttin Hekate. Die Grösse der Behandlung ist an diesem Kopfe, verglichen mit dem äusserlich ähnlichen Kopfe des Laokoon, auffällig und bemerkenswert.

Die Reliefs der Gigantomachie sind als dekorativer Schmuck der Architektur gearbeitet. Sollte es einmal gelingen, in einem künftigen Neubau des Berliner Museums den Altar wieder aufzubauen, so würden wir dieses umfangreichste und vielleicht grossartigste Skulpturenwerk des Altertums fast ganz wieder in seiner ursprünglichen Wirkung gemessen und bewundern können.

Franz Winter.