Politischer Niedergang Athens

Eine Weltgeschichte in einem Bande.

Jedoch zurück zu den athenischen Unternehmungen! Alkibiades wurde wegen eines kindischen Skandals, der nicht recht aufgeklärt worden ist, zurückberufen, um vor Gericht gestellt zu werden; er zog es jedoch vor, in die Verbannung zu gehen und zwar nach Sparta. Dort hetzte er die Spartaner auf und vermochte sie dazu, ebenfalls ein Heer nach Sizilien zu senden. Die glänzende Flotte der Athener und ihr Heer wurde vor Syrakus vernichtet, und der Aufschwung Athens war abermals geknickt. Alkibiades konnte sich jedoch bei den Spartanern ebenfalls nicht halten, von denen er auf Schritt und Tritt beargwöhnt wurde, und entfloh zu den Persern. Als jedoch die Not im athenischen Reiche aufs höchste gestiegen war, da knüpfte man wiederum Verhandlungen mit Alkibiades an. Er ging bereitwillig darauf ein. Und siehe da! in wenigen Monaten war die Sachlage in ihr Gegenteil verkehrt, und waren die Spartaner so verzweifelt, daß sie eine Botschaft nachhause schickten:

„Glück dahin. Mindaros (der Admiral) ist tot. Es hungern die Männer. Wissen nicht was tun.“

Alkibiades hielt einen glänzenden Einzug in seine Heimat, wo er wie ein Halbgott gefeiert wurde. Allein wiederum wendete sich das Geschick. Zum Teil war Alkibiades selbst daran Schuld. In ein nächtliches Liebesabenteuer verstrickt, war er nicht zur Stelle, als die Gegner zum Angriffe nahten. Die erzürnten Athener setzten Alkibiades sofort ab. Natürlich kann man auch bei den Athenern eine solche Wetterwendischkeit nicht billigen. Denn welcher Feldherr hätte nicht auch einmal eine Dummheit gemacht? Jedenfalls schied Alkibiades wiederum aus und verblieb nunmehr bis an sein Lebensende bei den Persern. Die Athener erfochten trotzdem noch einen glänzenden Sieg 406 bei den Arginusen, aber die Thörichten setzten die eigenen Admiräle — weil sie die auf den Wracks umherschwimmenden schiffbrüchigen Soldaten nicht gehörig aufgelesen hätten — in Anklagezustand und verurteilten sie zum Tode. Nur ein Jahr später brach dann endgültig das Verderben über Athen herein. Lysander, der spartanische Feldherr, schlug die athenische Flotte bei den Ziegenfiüssen in den Dardanellen 405 aufs Haupt, fuhr dann nach Athen und zwang die Stadt zur Ergebung. Damit war der peloponnesische Krieg, der fast 30 Jahre gedauert hatte, beendet.

Thukydides hat diesen Krieg für das bedeutendste Weltereignis erklärt, das überhaupt in der Weltgeschichte stattgefunden habe. Wir urteilen kühler. Wir können uns der Einsicht nicht verschließen, daß jene Katzbalgereien doch recht wenig für die Entwickelung der Welt zu bedeuten hatten, ja daß sie nicht einmal in dem Leben der Griechen selbst Epoche gemacht haben. Gewiß, einstweilen war die Macht und die staatliche Blüte Athens dahin.

Daß der peloponnesische Krieg nur eine vorübergehende Episode war, geht auch daraus hervor, daß der weit wichtigere Kampf gegen Persien sofort wieder aufgenommen wurde. Die Verhältnisse lagen dazu ausnahmsweise günstig. Es war nämlich im Aehämenidenreiche ein Thronstreit entstanden. Ein jüngerer Bruder Cyrus wollte gegen seinen älteren Bruder, der den Thron des Großkönigs einnahm, zu Felde ziehen, um sich selbst die Königstiara aufzusetzen. Zu dem Ende nahm Cyrus 10000 Griechen in Sold, und marschierte mit ihnen 401 von Sardes gegen Susa. Mehrere Tagreisen vor Susa, stieß er indes auf das Heer seines Bruders, des Artaxerxes, bei Kunaxa. Die Sache ging für Cyrus ganz gut, aber er ließ sich durch sein jugendliches Ungestüm dazu fortreißen, selbst an dem Handgemenge teilzunehmen, und kam darin um. Hierauf gingen seine persischen Truppen zu Artaxerxes über. Die Griechen waren nun in übler Lage. Sie ließen sich daher zu Verhandlungen bereit finden. Da geschah ein Treubruch von seiten der Perser, wie er auch noch in der Gegenwart leider nur zu oft zu verzeichnen ist: Die Führer, die zu friedlicher Verhandlung gekommen waren, wurden meuchlings ermordet. Trotzdem wollte sich die führerlose Schaar der 10000 nicht ergeben. Sie faßte den Entschluß, den Weg nach der Heimat zurück zu erzwingen, und siehe da, was niemand erwartet: aus unzähligen Fährnissen, aus dem Herzen des dichtbevölkerten Perserreiches heraus hat dies Häuflein von Griechen sich retten können! Viel trug zur Rettung bei, daß sie die großen Weltstraßen vermieden und sich seitwärts in schwer zugängliche, dem Großkönig selbst nur ungern gehorchende Gebirgsgegenden schlugen. Die Zehntausend gingen den Euphrat aufwärts, setzten in Keleks, Fahrzeugen, die in der Hauptsache aus aufgeblasenen Ziegenhäuten bestanden, über den Strom und flüchteten sich in die Alpen Kurdistans. Dort waren sie hinfort vor den Truppen des Großkönigs sicher, dafür hatten sie eine ununterbrochene Reihe von Gefechten gegen die wilden Gebirgs-vÖlker, Kurden, Chalyber, Drilen zu bestehen. In der Nähe von Trapezunt erblickten sie wieder das Meer.

Die Hauptaufgabe, der Kampf gegen die Perser, wurde hiernach jedoch auf Jahrzehnte hinaus vernachlässigt. Schuld daran waren die Spartaner. Sie gaben im Frieden des Antalkidas 387 die griechischen Rechte schnöde preis. Wiederum tobte sich die Kraft der Griechen in unnützen und verheerenden Bürgerkriegen aus. Athen hatte sich zwar einigermaßen wieder erholt. Zur alten Vormachtstellung konnte es jedoch nicht wieder aufsteigen; es schloß sogar ein Bündnis mit Sparta. Dafür errangen jetzt, unter Pelopidas und Epaminondas, die Böotier die Führung. Sie siegten bei Platää und Mantinea (362) über die Spartaner. Wenn aber zwei sich streiten, freut sich der Dritte. Der Gewinnende bei den Bruderkriegen der Hellenen war der Mazedonenkönig Philipp.

Die Mazedonier waren ursprünglich keine Arier, genau wie die Bewohner von Hellas. Später wurden die Mazedonier oberflächlich arisiert, allein die Oberschicht war viel dünner als bei den Hellenen. Das so entstandene Volkstum war von dem griechischen so weit entfernt, wie etwa das französische von dem deutschen oder zum mindesten so viel wie die Dänen von uns. Das Herrschergeschlecht jedoch scheint griechischen Ursprungs gewesen zu sein. Philipp besetzte in unermüdlicher Arbeit Nordgriechenland. Er war ein Wühler und Bohrer, mehr Diplomat als Feldherr. Er wirkte lieber durch Gold als durch Schlachten. Sein Hauptgegner war der Redner Demosthenes. Er wollte noch einmal die Athener zu heißerVaterlandsliebe entflammen, wollte sie zu entscheidender Tat anstacheln. Er stieß dabei auf den Widerstand des Phokion. Das war ein sauertöpfiger Pessimist, der nicht mehr an die Zukunft des eigenen Volkes glaubte. Die Demokratisierung Athens hatte immer weitere Fortschritte gemacht. Allein statt die Massen zu Staatsgefühl, zu einem verantwortlichen Anteil an den Geschäften zu erziehen, hatte sie im Gegenteil nur das bewirkt, daß die Massen den Staat als eine melkende Kuh ansahen, daß sie an der Staatskrippe möglichst viel und möglichst gutes Futter zu ergattern trachteten. Eine verderbliche Friedensliebe machte sich breit. Man wollte nur noch erwerben und genießen. Wenn es aber galt, für die Freiheit und Unabhängigkeit einzutreten, wenn man Strapazen und Wunden für das Vaterland ertragen sollte — ja, da waren die biederen Athener nicht zu haben. Phokion traf also eigentlich den Nagel auf den Kopf. Er vermeinte, daß seine Mitbürger schon so verrottet seien, daß ihnen schlechterdings nicht mehr zu helfen wäre, und er erwartete das Heil nur noch von außen. Neben Demosthenes arbeitete auch ein anderer Staatsmann umsonst daran, die Athener zur Erkenntnis ihrer Lage zu bringen: Isokrates. Isokrates steht an der Schwelle eines neuen Zeitalters. Er will die vielzerklüfteten, stets unter sich uneinigen Hellenen zur Einheit bringen. Er erfand einen neuen Begriff, das Allgriechentum. Also einen Zusammenschluß aller die gleiche Sprache redenden Stämme, wie sie in unseren Tagen das Alldeutschtum und das Allangel-sachsentum anstrebt. Isokrates ging aber noch einen Schritt weiter. Nicht nur alle, die als Griechen geboren waren, sondern alle, die griechischer Erziehung teilhaftig geworden, begrüßte er als Freunde und Brüder. Nicht gemeinsame Rasse schwebte ihm als Einigungsmittel vor, sondern die gemeinsame Sprache und Bildung. Das ist ein sehr bedeutsames Unterscheidungsmerkmal. Damit war für alle Nachbarn, die dem Einfluß der griechischen Umwelt günstig gesinnt waren, für die Mazedonier in erster Linie und dann für die halbalbanischen Epiroten (Bewohner von Epiros, gegenüber dem heutigen Korfu), für halbgräzisierte Lyder, Karer und andere Kleinasiaten, sowie auch Fremdstämme in Unteritalien und auf Sizilien, die Möglichkeit gegeben, mit dem Griechentum zu verschmelzen. Für die Griechen, die bereits durch Uberfeinerung üppig und schlaff geworden, hatte das den Vorteil, daß ihnen neue ungebrochene Kräfte zugeführt wurden; freilich auch den Nachteil, daß dadurch ihre Kultur vergröbert und getrübt wurde und daß die Gefahr einer charakterlosen Mischung entstand. Die Mazedonier waren der hellenischen Bildung ebenfalls schon gewonnen. Philipp war deren Freund. Den Sohn, den ihm eine albanische Frau, Olympias, geschenkt, Alexander, übergab er dem größten Philosophen seinerZeit, dem Aristoteles, zur Erziehung.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms