Pompeji vor der Zerstörung : Reconstructionen der Tempel und ihrer Umgebung

Vorwort.


Es bedarf wohl einer kurzen Rechtfertigung, warum kaum ein Jahr nach dem Erscheinen meines grösseren Pompejiwerkes hier eine kleine Ausgabe desselben folgt, die in kurzer Textfassung und in verkleinerter Wiedergabe der wesentlichsten Zeichnungen die Resultate langjähriger Forschung zusammenfasst.

Wird die grosse Ausgabe durch die eingehenden Erläuterungen und Beweisführungen, durch die Masse der Illustrationen dem Pompejifreund eine willkommene Lektüre in der Heimat sein, so ist das vorliegende Werk eher geeignet, in Pompeji selbst beim Durchwandern der weitläufigen Ruinenstätte ein Bild der Tempel zu geben, wie sie sich einst dem Auge dargeboten haben mögen, als noch die sorglosen Stadtbewohner die Schrecken nicht ahnten, die ihnen der längst erloschene Vesuvkrater bereiten sollte.

Das heutige Pompeji ist fast nur noch ein Schatten, eine Andeutung der sechshundertjährigen Kultur, die in Stein und Farbe hier ihren Ausdruck suchte.

Dieser schattenhaften Vorstellung Körper zu geben, einen Ausschnitt aus der antiken Welt in möglichst wahrer Darstellung der Tempel, sowie der Lage der Stadt zu bringen — im Licht des Tages und doch wie einen über den Ruinen aufsteigenden Traum aus alter Zeit, — den durch den Anblick grauenvoller Verwüstung ermüdeten Besucher wieder aufzurichten durch lebensfrische Bilder einstiger Schönheit, Bilder, die neben den umgesunkenen Resten aufrecht stehen‘ vor seinen Augen: das ist der Zweck dieses kleinen Buches, das nun die Stätte im Samothal wieder aufsucht, dem es seine Entstehung verdankt.

Leipzig, den 1. Januar 1898.

C. Weichardt.

Wie Pompeji in der Landschaft lag


Wer von Neapel seinen Weg nach dem wieder auferstandenen Pompeji nimmt, kann sich des mächtigen Eindrucks nicht erwehren, den die Landschaft zwischen Vesuv und Meer auf ihn ausübt. Der dunkle, graublaue Berg mit dem rauchenden Gipfel hat diesen fruchtbaren volkreichen Gefilden dauernd seinen Stempel aufgedrückt:

Breite schwarze Lavaströme, die dem Berg entquollen, langsam und verderbenbringend bis ins Meer flössen, Aschen- und Steinregen, der die Städte begrub, darüber neue Lavaströme und dazwischen über der Zerstörung des Alten, inmitten üppiger Vegetation die Ansiedelungen unserer Tage, das alles erkennt das staunende Auge wie eine Einleitung zu dem grossen Eindruck, der unser in Pompeji harrt, in der verschütteten und wieder ausgegrabenen alten Römerstadt griechischer Kultur. —

Weiterhin mündet der kleine, aber wasserreiche Sarno ins Meer. Einst floss er, ein schiffbarer hafenbildender Fluss unter den Mauern Pompejis entlang; bei der Verschüttung der Stadt aber und der Landschaft stauten sich seine Wasser und bahnten sich ein neues Bett bis. zum Meer, das unter dem Beben der Erde weit zurückebbend auch neue Ufer gefunden hatte.

Die Masse von Lapilli und Asche, unter der Pompeji im Jahr 79 n. Chr. begraben wurde, hat eine durchschnittliche Höhe von 8 Meter, wir wandern also um ebenso viel über dem antiken Samothal.

Flussaufwärts ziehend, erblicken wir rechts die steilen Höhenzüge, die von der Sorrentiner Halbinsel bis zu den schneebedeckten Höhen der Abruzzen eine zusammenhängende Kette bilden, genau so, wie einst, wo die Bewohner der .reichen Terrassenhäuser an der Südseite der ragenden Stadt ihre Blicke über dieselben Gebirge bis zum,Cap der Minerva und über das nah gelegene Meer zur Insel Capri schweifen liessen.

Nur auf der anderen, der nördlichen Flussseite, auf welcher heute, halb versteckt hinter hohen Schutt-halden, die niedrig gewordene Stadt, ein grauer Ruinenberg, melancholisch zu uns herüber blickt, hat sich die Landschaft wesentlich verändert. Der antike Mons Vesuvius, kenntlich an seinen schroffen Konturen, ist überragt durch einen neuen zweiten Berg, der den ersten halb verhüllt und in langer, sanft geschwungener Linie seinen Fuss bis ins Meer streckt. Am Tag entsteigen seinem Gipfel Raüchmassen, breit sich über den Berg lagernd, oder höher wie dieser als mächtige Wolken in der blauen Luft stehend, während nachts sein Feuer periodisch aufleuchtet, ein drohendes Wahrzeichen, ein nie verlöschender Faro des Golfes.

Ist der Vesuv, wie es im Winter öfter vorkommt, beschneit, so erkennt man deutlich, wie der neue Vesuvkegel auf dem alten Berg aufsitzt, und es ist nicht schwer, sich vorzüstellen, wie dieser einst ausgesehen haben mag.

Pompeji wurde durch oskische Ackerbauer auf einem vorgeschichtlichen Lavastrom gegründet, der als steiler Fels sich über das Sarnusthal erhob. Wann diese Gründung geschah, weiss man nicht. Das älteste Bauwerk, der griechische Tempel, entstammt wohl dem 6. Jahrhundert v. Chr. und war durch griechische Kolonisten erbaut, die gemeinsam mit den Oskern den Felsen bewohnten.

Dieser Felsen ist, obgleich er 8 Meter tief in der Verschüttungsmasse steckt, an der Südseite der Stadt noch deutlich zu erkennen. Zuerst tritt er an der Ecke des weit vorgeschobenen Forum trianguläre auf, wo er durch ein Loch, das bis zum antiken Niveau gegraben wurde, freigelegt ist. Er erhebt sich hier 9 Meter über dem früheren Weichbild der Stadt und wächst von da, in westlicher Richtung sich fortsetzend, nach 200 Metern bis zu einer Höhe von. 20 Meter, während er an der höchsten Stelle der Stadt, am Herkulaner Thor, noch um 14 Meter höher ist. Bedenkt man, dass auf der Felsenkante des Forum trianguläre eine 7 Meter hohe Stadtmauer stand, überragt vom dorischen Tempel, und dass auf dem nach Westen steigenden Lavastrom drei- und vierstöckige Häuser sich erhoben, so bildet sich ganz von selbst der Eindruck einer steil aus der Ebene hervorragenden Stadt.

Der Tempel des Apollo.

Wenn wir durch die Porta marina auf der lavagepflasterten steilen Strasse die Stadt betreten, ist der erste Tempel, den wir antreffen, der des Apollo, früher fälschlich Tempel der Venus genannt. Er liegt in einem rings von Hallen umgebenen Hof, die früher noch ein Obergeschoss trugen. Da, wo der Hof vor dem Tempel einen grösseren Platz für den Altar frei lässt, standen vor den Säulen, nach dem Hof zu gewandt, sechs Statuen, deren stark verwitterte Postamente wir noch vorfinden. Heute steht nur noch der Hermes an seinem Platz, die anderen fünf, Apollo, ein Hermaphrodit, die Venus, Diana und Maja muss man im Museum zu Neapel aufsuchen und sie im Geist wieder auf ihre Postamente heben, wenn man sich ein Bild machen will von dem reichen in Farbe glänzenden Vorhof des Apollotempels, wie er einst war. Der Tempel selbst, von dem ausser dem Unterbau und der hohen Treppe noch Teile der Cella mit dem Omphalos (Ein Stein in Form eines halben Eies, der den Mittelpunkt (Nabel) der Erde darstellt.), dem Symbol des Apoll, sowie eine Anzahl Säulentrommeln und Kapitäle aus Tuff erhalten sind, war ein corinthischer Peripteros (D. h. eine einfache Säulenhalle umgab den Tempel von allen Seiten.) vorrömischer Zeit. Vom Gebälk und Giebel ist nichts mehr vorhanden. Auch das Kultusbild in der Cella wurde nicht gefunden, wohl aber der mächtige, einst marmorbekleidete Sockel desselben, der auf ein grosses Götterbild schliessen lässt.

Für unsere Rekonstruktion Fig. 10 ist ein Standpunkt gewählt unter der östlichen Hofhalle hinter der heute noch aufrecht stehenden Hermesstatue; den Tempel selbst erblicken wir zwischen den Säulen dieser Halle. Für Fig. 12 ist der Standpunkt unter der südlichen Halle hinter der Statue der Venus. Links im Vordergrund stehen da zwei kleine Brunnenfiguren, wie denn in jeder Ecke dieses Vorhofes ein Brunnen angebracht war; weiter hinten erkennen wir vor der östlichen Halle die Statuen der Diana und der Maja, im Mittelgrund unserer Darstellung aber 2 Altäre, die der Venus und der Diana geweiht waren, im Hintergrund den sechssäuligen Tempel, davor, heute noch gut erhalten, eine Säule aus Marmor, die einst eine Sonnenuhr trug. Ein rechts von der Treppe liegendes Lavafundament mag einen Opfertisch getragen haben. Tempel und Hofhallen waren aus Tuffstein aufgeführt, geputzt und bemalt. An einem wieder aufgerichteten Teil der östlichen Halle (Fig. 9) ist die Art, wie das dorische Gebälk auf den jonischen Säulen auflag, noch gut zu. erkennen.

Es muss ein köstlicher Anblick gewesen sein, wenn festliche Züge dem Tempel nahten, herabschreitend über die beiden Stufen der Vorhalle, an den 6 Statuen des Hofes vorüber, um am Hauptaltar, begrüsst von den auf der hohen Treppe stehenden Priestern, Halt zu machen.

Der Tempel des Jupiter.


Wir verlassen den Tempelhof des Apoll durch die Pforte in der Nordostecke und betreten durch eine zweite Thür das Forum, den Haupt- und früher Marktplatz Pompejis. Auch er war einst von zweigeschossigen Hallen umgeben, deren ursprüngliche Säulen samt Gebälk aus Tuff bestanden; diese aber wurden nach dem Erdbeben im Jahr 63 n. Chr. in travertinartigem Kalkstein wieder aufgebaut, jedoch nie ganz vollendet. Von beiden dorischen Systemen finden sich noch genügende Reste vor, ebenso von einer reichen corinthischen Marmorhalle, die an der Ostseite des Platzes, zur Seite des Jupitertempels, vor dem Maceilum angelegt war.

An der Nordseite des Forums erhob sich, von Triumphbögen flankiert, als imposanter Abschluss der grösste Tempel Pompejis, der des Jupiter.

Auf seine Ruine fällt zuerst unser Blick, wenn wir durch die genannte Pforte den Marktplatz betreten (Fig. 14): Zwei schmale Treppen führen zu einem langgestreckten Podium empor, das wohl als Rednerbühne diente, von da steigt man auf breiter Treppe zum Tempel hinan, einem sechssäuligen corinthischen Prostylos*) der vorrömischen Periode, dessen Säulen neuerdings teilweise wieder aufgerichtet wurden. Auch die geräumige Cella zeigt an ihren inneren Langseiten Säulenstellungen jonischer Ordnung und an der Rückseite des Raumes ein breites Postament, das wohl zur Aufnahme mehrerer Statuen bestimmt war.

Ganz im Vordergrund (Fig. 14), links, eine Reihe von Travertinsäulen der Forumskolonnade, davor schlanke Marmorpostamente, die einst Statuen trugen und dicht vor uns im Vordergrund der Mauerkern für sieben grössere Sockel, die durch Reiterstandbilder geschmückt waren. Der kleine Triumphbogen links vom Tempel lässt noch Reste von Marmorpilastern und Bekleidungen erkennen, und so ist es nicht schwierig, sich den grossen Eindruck vor Augen zu führen, den dieser schöne Tempel, umgeben von figurengeschmückten Hallen und Triumphbögen, selbst verziert mit Bildwerken, vor sich die in die Luft ragenden Reiter, einst auf den Beschauergemacht hat. (Siehe die Rekonstruktion Fig. 15.)

Wenn wir den kleinen Triumphbogen durchschreiten, und uns wenden, haben wir links die westliche Seitenfassade des Tempels und einen Blick durch den Bogen des Forum (Fig. 16).

Treten wir jedoch auf dem Forum näher an die Tempelrampe heran (Fig. 18), so blicken wir über diese hinweg durch die Vorhalle und die breit geöffnete Thür in das säulengeschmückte Cella-Innere, das Allerheiligste, in welchem einst Jupiter thronte und auf das Volk Pompejis herabblickte, das auf dem Marktplatz seine Volksversammlungen abhielt und vor der Erbauung des Amphitheaters hier den Gladiatorenspielen zuschaute.

Weiter uns wendend erkennen wir gegenüber der Ostseite des Tempels als Fortsetzung der Forumshallen wohlerhaltene weisse Marmorsäulen, ein zweiseitig bearbeitetes Marmorgesims und 15 Postamente hinter den Säulen mit Resten von Marmorbekleidung (Fig. 19). Hier war unter den Kaisern nach dem Erdbeben eine kostbare Halle errichtet worden, die zweigeschossig, aber ohne Zwischendecke schlank und frei sich auf 17 Säulen erhob. 15 Statuen, dem Inneren zugekehrt, zierten diese luftige Wandelhalle, von der aus man zwischen den Säulen die Langseite des Jupitertempels mit der tiefen, durch Weihegeschenke geschmückten Vorhalle und gegenüber die 7 Reiterstandbilder überschaute (Fig.- 20). Vergegenwärtigt man sich, dass heute noch nach der entsetzlichen Zerstörung über 60 grosse uud kleine Postamente auf dem Forum nachweisbar sind, die teils mit grösseren Gruppen, Viergespannen und Kaiserstatuen, sowie mit den Marmorbildwerken verdienter Bürger geschmückt waren, so muss man bekennen, dass die kleine Provinzialstadt hier ein Werk von grosser monumentaler Schönheit hervorgebracht hatte, das unsere Bewunderung in hohem Masse erwecken muss.

Der Tempel der Fortuna Augusta.

Den rechts vom Jupitertempel gelegenen grösseren Triumphbogen (fälschlich Nerobogen genannt) dessen Marmorreste eine Rekonstruktion ermöglichen (Fig. 21) durchschreitend, gelangen wir baldzur Ruine eines Tempels, der zur Kaiserzeit zierlich aus Marmor erbaut, der Fortuna Augusta,- also der Glücksgöttin des geliebten und glücklichen Kaisers Augustus geweiht war. Diesen kostbaren Marmortempel haben die überlebenden Pompejaner jedenfalls bald nach der Verschüttung wieder ausgegraben, ihn abgebrochen und die Bildwerke des Innern, sowie der Treppenwangen mit sich genommen. Nur durch Zufall ist uns ein Pilasteranfang, ein Stück des reichen Hauptgesimses und einige Kapitale übrig geblieben, die schon die Formen einer zurückgehenden Kunst verraten, aber mit den Resten des Unterbaues und der Cellawände eine Rekonstruktion ermöglichen (Fig. 23 u. 24).

Im rechten Winkel zur Tempelfa^ade an der Nordseite der Nolanerstrasse steht die Ruine eines schlanken Triumphbogens mit Spuren einer Wasserleitung. Für die Architektur dieses Bogens giebt ein Relief (Fig. 22)

einigen Anhalt, das im Hause des L. Caecilius Jucundus gefunden, mit dem Tempel der Fortuna Augusta grosse Ähnlichkeit zeigt. Am Fuss des Bogens fand sich in viele Stücke zerschlagen eine bronzene Reiterstatue, die sicherlich einst denselben bekrönt hatte und fälschlich für eine Darstellung des Nero gehalten wurde; sie steht jetzt im Museum zu Neapel.

Bogen und Tempel lagen an einer der verkehrsreichsten Strasse der Stadt, der letztere war darum durch ein eisernes Gitter abgeschlossen, dessen Reste heute noch deutlich erkennbar sind. Eine Inschrift auf dem Postamentaufbau (aedicula) des Innern erzählt, dass ein Privatmann, M. Tullius, den Tempel auf seine Kosten und auf seinem Grund und Boden errichten liess.

Der Tempel des Vespasian.


Am Forum lag ausser dem Jupitertempel noch ein anderes Heiligtum in einem massig grossen Vorhof. Früher dem Merkur, später dem Genius des Augustus zugeschrieben, ist neuerdings durch A. Mau dieser kleine Tempel, als ein dem Kaiser Vespasian geweihter festgestellt worden. Es ist der einzige pompejaner Tempel, in welchem einem Kaiser selbst, oder seinem Genius göttliche Ehren erwiesen wurden, und wir können annehmen, dass auf dem Postament der Cella die Statue des Vespasian selbst mit den Attributen des Jupiter thronte.

Erst nach dem Erdbeben errichtet, ist er der neueste Tempel Pompejis und scheint, wenigstens in der Ausstattung des Hofes, noch nicht vollendet gewesen zu sein, als die Stadt verschüttet wurde.

Der Tempelhof hatte an der Eingangseite eine durch 4 Säulen getragene Halle, wahrscheinlich, wie die Forumshallen, noch mit einem Obergeschoss. Ein Altar aus Marmor, jetzt mit einem eisernen Schutzdach versehen, in der Mitte des Hofes zeigt vorzüglich erhaltene Reliefs, während der Tempel selbst bis auf den nackten Mauerkern und einige Marmorsockel und Verkleidungen in seinen Architekturstücken gänzlich abgebrochen und wahrscheinlich von den Pompejanern anderswo wieder aufgebaut wurde. Würden uns eine zu-fällig’übrig gebliebene Pilaster- und Thürbasis in Verbindung mit dem Splitter eines Säulenschaftes nicht Aufschluss über die ungefähre Stellung und Grösse der. Säulen geben, würden wir nicht durch wohlerhaltene Treppen stufen und Podiumverkleidungen einen Anhalt haben, so wäre eine wahrscheinliche Rekonstruktion dieses Tempels kaum möglich, -— so aber können wir uns doch vergewissern, dass wir es mit einem viersäuligen Prostylos zu thun haben, der in zierlichen schlanken Verhältnissen wohl der eleganteste Tempel Pompejis war. Der vorher erwähnte Altar zeigt auf seiner Vorderseite die Reliefdarstellung eines Stieropfers, dahinter einen Tempel, mit dem ohne Zweifel unser Vespasianstempel selbst gemeint ist.

Das ziemlich hohe und schmale Tempelpodium hatte eine Marmorrampe, von der sich eine Füllung noch im Hofe des Museums zu Neapel befindet.

Fig. 28 bringt die Seitenansicht des Tempels mit der Treppe, der Eingangshalle des Hofes und einen Durchblick nach dem Forum civile, ein Bild, das von der reizvollen Anlage dieses Heiligtums erzählt, das, kaum vollendet, durch die Massen des ausbrechenden Berges wieder begraben wurde.

Der Tempel der drei Götter.

Bildeten die bisher besprochenen vier Tempel eine Gruppe für sich am Forum civile oder in nächster Nähe desselben, so gruppieren sich die letzten drei von den sieben bis jetzt aufgedeckten Tempeln um das offene Theater in der Nähe des Forum trianguläre.

Dem Führer folgend betreten wir zuerst den kleinen Vorhof des in der Strada stabiana gelegenen Tempels der drei kapitolinischen Gottheiten, Jupiter, Juno und Minerva, früher Tempel des Aesculap genannt, und erkennen da letzte Spuren einer durch zwei Säulen getragenen Halle an der Eingangseite des Hofes.

Die niedrigen, halbzerfallenen Mauern des engen Hofes, sowie die auf neunstufigem Unterbau sichtbaren kärglichen Reste von Cellamauern, vor denen wir zwei übrig gebliebene reiche Pilasterkapitäle verschiedener Grösse sehen, würden kaum erraten lassen, dass hier einst ein altes Heiligtum stand, wenn nicht der mächtige, an die Treppe angerückte Altar von zierlicher vorrömischer Arbeit uns davon überzeugte.

Nach einer aufgefundenen oskischen Wegebau-inschrift war der Tempel von Haus aus dem Zeus Meilichios geweiht, und später erst, durch den Einfluss römischer Kolonisten umgebaut, dem Kultus des Jupiter, Juno und Minerva gewidmet. Von den beiden ersten fanden sich Statuen von mittelmässigem Wert aus gebranntem Thon in der Cella, von der letzteren eine unbedeutende Büste aus demselben Material in halber Lebensgrösse. (Alle im Museum zu Neapel.)

Die oberste Tempelstufe und die wohlerhaltenen Platten vor den Längsmauern der Cella (Fig. 3 2) könnten, da sie regelmässige Formen und wiederkehrenden Fugenschnitt zeigen, wohl einen Anhalt geben, wie die Tempeläulen einst darauf gestanden haben, besonders, wenn man die beiden noch vorhandenen Pilasterkapitäle mit zu Rat zieht; es stellt sich jedoch bei eingehender Betrachtung heraus, dass verschiedene Möglichkeiten vorhanden sind, von denen einer besonderen den Vorzug zu geben, gewagt, weil nicht beweisbar, ist.

Drei dieser Möglichkeiten sind inFig. 30 bis 32 dargestellt, von denen zwei eine Säule in der Tempelmitte zeigen. Fig. 3 2 hingegen bringt eine Öffnung in der Mitte der Fac^ade, nach unseren Begriffen von einer antiken Tempelanlage wohl das Richtige, während die Steine des Unterbaues für die erstere weniger schöne Anordnung sprechen.

Am besten vermeidet man wohl Irrtümer, wenn man in der That die Steine sprechen lässt und bei einem so kleinen Tempel der Provinzialstadt nicht alle die Bedingungen voraussetzt, die bei grossen griechischen und römischen Tempelanlagen als Norm erkannt und gelehrt werden. Diese ist uns modernen Menschen so in Fleisch und Blut übergegangen, dass wir sie womöglich nachträglich noch den kleinstädtischen Werkmeistern Pompejis oktroyieren möchten, die, wenig bekümmert um ihren Nachruhm, bauten, wie es ihnen wohlgefiel.

Diesen unberechenbaren Launen, die in Pompeji oft genug architektonische Missbildungen erzeugten, nachzugehen, diese Abweichungen von der Norm, die man mit Provinzialismen der Sprache vergleichen könnte, zu berücksichtigen, ist die schwierigste Aufgabe des Rekonstrukteurs.

Der Tempel der Isis.


Nicht weit davon steht der Tempel der Isis in der nach ihm benannten Strasse (Strada del Tempio d’Iside) in einem von allen Seiten mit Säulenhallen umgebenen Vorhof. Die Tempelruine ist eine der besser erhaltenen und macht mit den angebauten, für Figuren bestimmten Nischen einen heiteren, ja fast profanen Eindruck.

In vorrömischer Zeit erbaut, durch das Erdbeben 63 n. Chr. umgeworfen, wurde er mit einem Teil des früheren Materials in fast barocken Formen und in liederlicher Putztechnik wieder aufgebaut durch die Stiftung eines sechsjährigen Knaben, N. Popidius Celsinus, wie die einst über dem Eingang des Hofes angebrachte, jetzt im Museum zu Neapel befindliche Inschrift mitteilt

Auf dem hohen langen Podium im Innern der Cella standen wahrscheinlich zwei Götterbilder, nicht jedoch die kleine zierliche Isisstatue aus Marmor (heute im Museo nazionale-Neapel), die im Vorhof aufgefunden, jedenfalls auch diesen zu zieren bestimmt war.

Die Ausbeute, die der Isistempel und sein Vorhof an Malereien, Kunstgegenständen, Statuen in Marmor und Bronze lieferte, ist bedeutend, denn ausser der schon genannten Isis, die reich bemalt und teilweise vergoldet war, fand man noch eine kleine Venus, ein interessantes Beispiel polychromer Färbung, ferner eine Bronzebüste des Schauspielers C. Norbanus Sbrex auf marmornem Hermenfuss, die zerfallenen Reste einer Holzstatue (auch eine Isis), mit Kopf, Händen und Füssen aus Marmor, eine kleine Bacchusstatue an der Rückseite des Tempels, eine Hieroglyphentafel, einen Kasten mit wertvollem Tempelgerät und anderes, alles jetzt mit den prächtigen, auf die Isislegende bezüglichen Wandbildern im Museum zu Neapel.

Sechs heute nqch nachweisbare Altäre, ein gemauerter breiter Kasten für die Reste der Opferungen, eine Bank mit bemalter Nische an der Hallenwand gegenüber dem Tempel, ferner ein kleiner reich und nicht ohne Geschmack mit Stuckreliefs verzierter Bau (ein Purgatorium, links vor dem Tempel), dazu eine Reihe von Gemächern für Priester und Gläubige, geben einen anschaulichen Begriff von dem lebhaften Betrieb, der mit dem beliebten Kultus der neuen Modegöttin und der neben ihr verehrten Gottheiten verbunden war, vor deren Einfluss die alten Götter Griechenlands und Roms verblassten.

Während man so neue Götter suchte, drang schon langsam und geheimnisvoll der Glaube der Christen, verfolgt und verpönt, in die Gemüter ein, auch der Isis den Untergang vorbereitend.

Der griechische Tempel


Lagen die meisten der bisher betrachteten Tempel Pompejis in abgeschlossenen. Höfen der des Jupiter am Kopf des volkreichen Marktplatzes, der Fortunatempel aber an der belebtesten Strasse, so finden wir den ältesten, im 6. Jahrhundert durch griechische Kolonisten erbauten Tempel mitten auf einem an der Südseite der Stadt hoch über dem Sarnus-thal thronenden Platz von dreieckiger Grundform (Forum trianguläre) gelegen.

Zwei der Dreieckseiten und die nördliche abgestumpfte Ecke des Platzes haben dorische Säulenhallen, sonst öffnet er sich frei, einen weiten Rundblick in die Landschaft gestattend.

Der Zugang zum Forum ist an der Nordecke. Eine aussen, nach der Stadt zu vorgelegte, jonische Säulenhalle bereitet den Eindruck vor, der sich den Pompejanern beim Betreten dieses Platzes darbot: man hatte die geräuschvolle Stadt hinter sich gelassen und trat gleichsam aus derselben heraus auf eine Stätte der Ruhe und Schönheit. Die Hallen, von ioo Säulen getragen, verdeckten alles Profane, nur der Tempel ragte in gedrungener dorischer Kraft aus der langen Fläche hervor, das weite Gebirgspanorama und die Meerlinie überschneidend.

In der That war dieser Platz ein durch Natur und Kunst geweihter von seltener Schönheit. Die langen schattigen Hallen, welche Zugänge zum Theater enthielten, die im Freien an der Ostseite liegende Wandelbahn davor, vom Tempelterrain durch eine Rampe in Sitzhöhe getrennt, machten gewiss diese Stätte zu einem Lieblingsaufenthalt der Pompejaner.

Schritt man aber weiter, die Wandelbahn entlang bis an die Stelle, wo heute noch die Ruine eines kleinen runden tempelartigen Brunnenbaues sich findet und wandte dann den Blick zurück, so entwickelte sich ein langes prächtiges Panorama (Fig. 39), das rechts die vom alten Vesuv überragte Stadt und die Umgangshallen, in der Mitte den farbigen dorischen Tempel, davor das zierliche Brunnenhaus zeigte, während links das Auge über das Sarnusthal und den belebten Hafen hinweg nach den fernen Küsten der Surrentiner Halbinsel schweifte, zur Insel Capreae und zum langgestreckten Horizont des Meeres.

Gegenüber solchen Bildern ist freilich der Eindruck von heute ein trostloser: Es ist alles zerstört und bis auf einige letzte Spuren verwischt und ausgetilgt — der hohe Tempel ist niedrig geworden, nur noch die fünf mächtigen Stufen des Unterbaues, einige Säulentrommeln und schwache Andeutungen der Cellamauer erheben sich über der Fläche. Vor der Südostseite des Tempels, ‚ fast ganz an die Treppe angerückt, erkennen wir einen kleinen Bau, der später wohl an Stelle eines Altars oder eines Grabes errichtet wurde, daneben drei Opferaltäre, welchezeigen,dass auch hier mehrere Götter verehrt wurden, an der hinteren Tempelecke schliesslich eine runde Bank mit Stiftungsinschrift und Sonnenuhr: das ist neben den Resten der langen Forumskolonnaden und des schon erwähnten kleinen Rundbaues über einem Brunnentrog das Letzte, was von der glänzenden Schönheit dieses Platzes übrig geblieben ist. Es wäre, besonders in Rücksicht auf eine Tempelrekonstruktion nicht genug, hätten sich nicht noch einige Terrakottastücke, ein Löwenkopf als Wasserspeier des Hauptgesimses (Fig. 40) und ein Stück der ebenfalls bemalten Rinnleiste aus gebrannten Ton gefunden, die unter Berücksichtigung analoger Form der gleichzeitig erbauten Tempel zu Aegina eine wahrscheinliche Wiederherstellung auf dem Papier ermöglichen, wie es in der Kopfleiste dieses Kapitels niedergelegt ist.

Es würde zu weit führen, auf die in der grossen Ausgabe entwickelten Belege für diese Rekonstruktion, besonders für die sieben Frontsäulen dieser Pseudo-dipterosanlage hier einzugehen, die von einigen Gelehrten angegriffen, von anderen wieder, z. B. von Mau (Rom) und Puchstein (Freiburg) anerkannt wird.

Schluss.


Im Grund genommen ist der Eindruck, den die Ruinen Pompejis auf Kenner wie auf Laien hervorbringen, ein schwerer, erschütternder. Ist die erste Neugierde befriedigt, so stellt sich beim Wandern durch die schweigenden menschenleeren Strassen über das harte Lavapflaster, von einem zerfallenen Haus ins andere, bald Ermüdung und mit ihr ein Grauen vor den Bildern der Zerstörung ein, die uns überall umgeben. Auch das Forum trianguläre ist eine trostlose Ruinenstätte für den, der weiss, wie es einst hier aussah. Wer davon noch keine Vorstellung hat, und sie ist ohne Anleitung kaum zu gewinnen, wird heute, wenn er diesen Platz betritt, eher von einem befreienden Gefühl ergriffen. Von den Stätten der Verwüstung menschlichen Glückes, die überall die direkten greifbaren Spuren sorglosen Lebens zeigen, aus den farbigen Wänden der eingestürzten Häuser, aus den engen Strassen tritt man heraus auf eine weite, über die Landschaft hoch erhobene Fläche. — Freie Luft ringsum, das weite Firmament umspannt uns wieder, die Berge, das Meer, das Thal sehen und geniessen wir. Das schöne Werk der Menschen, in harten Quadern wie für die Ewigkeit gefügt, ist der Erde gleichgemacht, und so klein und niedrig ist es geworden, dass hier die Natur fast allein wieder die Herrschaft hält und in ihrer Grösse die letzten Reste von Menschenhand kaum erkennen lässt. So ist der Platz auch heute noch ein Ort der Ruhe, denn das, was ihm einst diesen Stempel gab, die hohe Lage über der Landschaft, ist geblieben. Im Frühjahr bedeckt sich die Erde rings um die braunen Ruinen mit unzähligen roten Mohnblumen, die einen lebendigen Teppich bilden von lachender Farbe, so dass die sonnige Natur nicht nur von fern auf unser Forum blickt, sondern auch zu unseren Füssen zwischen den Fugen der zweieinhalb tausendjährigen Tempelstufen ein siegreiches Leben entwickelt.

Kein Platz in Pompeji ist so geeignet zur Erholung, wie dieses Forum, und so wollen auch wir uns auf die runde Steinbank setzen, auf die breiten Stufen des Tempels, oder auf die lange Brüstung der Wandelbahn, wie einst die Pompejaner thaten, und ruhend die Eindrücke verwinden, die auf uns eingedrungen sind. — Hier wirkt die Natur so feierlich und ruhig, dass man rasch vergisst, wie ihre unbändigen Kräfte einst gewütet haben und dass es die Ruhe des Todes ist, die auf den zerfallenen grauen Wohnungen der Götter und der Menschen liegt.

Nur von fern, doch deutlich, vernimmt man das Läuten, das von den Glocken der nahen Kuppelkirche moderner Ansiedelungen, aus Nova Pompeji, herüberklingt. Es ist eine Wallfahrtskirche, der Mutter Gottes von Pompeji geweiht, da, wo einst die Venus pompeiana, die Schutzgöttin der zerstörten Stadt herrschte.

Abends beim Ave Maria klingen dort die Töne einer kostbaren, von Künstlerhand gespielten Orgel zum Gesang der Waisenkinder, die da ein Asyl gefunden haben, und im Weihrauchduft ziehen die Scharen der Pilger an den Altären der Heiligen vorüber zum wunder-thätigen Bild der Mutter Gottes von Pompeji.

Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis — ein Bild, ein Ausdruck, eine Form für den Gedanken, der hier in Stein und Farbe, durch die Sprache der Kunst heute wie vor tausenden von Jahren, sei es in Tempeln oder in ragenden Kathedralen, nach körperlichen Symbolen ringt und überall, so weit Menschen wohnen, einen anderen Ausdruck für das Unbeschreibliche fand und finden wird.

Pompei vor der Zerstoerung : Reconstructionen der Tempel und ihrer Umgebung (1898), Author: Weichardt, C. (Carl).

Das Buch kann hier herunter geladen werden.

Weitere Abbildungen aus einem anderen Buch über Pompeji.

Haus der Vettii inneres
Haus der Vettii
Pompeji – Amphitheater
Pompeji – Apollotempel
Pompeji – Backofen und Mühlen
Pompeji – Basilika
Pompeji – Isistempel
Pompeji – Bürgerliches Forum
Pompeji – Gladiatorenschule
Pompeji – Haus des Pansa
Pompeji – Gräberstrasse
Pompeji – Haus der vergoldeten Liebesgötter
Pompeji – Haus des deutschen Kaisers
Pompeji – Haus des Diomedes
Pompeji – Haus des Olconio
Pompeji – Haus des Faunes
Pompeji – Haus des Kastor und Pollux
Pompeji – Haus des Tragödiendichters
Pompeji – Jupitertempel
Pompeji – Nerobogen
Pompeji – Neue Ausgrabungen
Pompeji – Stabianastrasse
Pompeji – Strasse der Abbondanza
Pompeji – Strasse der Fortuna
Pompeji – Tempel des Merkurs
Pompeji – Tragödientheater


























One Comment

Comments are closed.