Quer durch das neue Deutschland

Beobachtungen von George Kammerer-New York.

Der Amerikaner, der Amerika verlässt, um Deutschland aufzusuchen, weiss, dass er eine „neue“ Welt verlässt, um die „alte“ Welt anzutreffen. In dem Moment, da er die alte Welt betritt, wird er empfinden, dass der Kontrast ein viel geringerer ist, als er erwartete. Nationale und soziale Unterschiede wird er auf jedem Schritt wahrnehmen, doch wird er immer wieder auf Traditionen stossen, die ihm recht bald eine andere Ansicht aufdrängen. Ueberall, wohin er geht, bemerkt er einen neuen, modernen Zug und bekommt schnell das Verlangen, mit der „alten“ Welt vertraut zu werden.

Es wäre falsch, zu sagen, dass Deutschlands Einwohner eine neue Zivilisation bedeuten. Es ist wahr, dass Deutschland als das Herz Europas immer noch Deutschland ist, d. h. Deutschland hat immer noch sein eigenes Fahrwasser. Und wer immer mit der deutschen Sprache vertraut ist, und vom Meeresstrande bis zu den Weingärten im Süden reist, findet, dass Deutschland noch heute das Land der Ordnung ist. Wenn er die Bahnhöfe betritt, findet er fast überall die Verordnungen in drei Sprachen. Auch der internationale Verkehr der deutschen Hotels hat um ein Bedeutendes zugenommen, und wird der Reisende immer — wohin er auch kommt — ein komfortables Zimmer und erstklassige Bedienung vorfinden. Deutschland war stets das Land der verschiedensten Charaktere; stets findet der Reisende andere Leute, andere Sitten, und doch immer. … einen guten Speisezettel.

Die deutschen Geschäftsleute bemühen sich, solide zu sein, trotz der Unsicherheit der momentanen Lage. Man staunt, wenn man die reiche, elegante Ausstellung der grossen Geschäftshäuser sieht. Englisch oder französisch wird mehr oder weniger in fast allen grossen Geschäften gesprochen. Vor allen Dingen aber in der Gegend des Rheines, wohin sich der grösste Touristenverkehr ergiesst. Es ist gleich, ob per Eisenbahn oder per Flussdampfer, immer prägen sich einem wunderschöne Landschaftsbilder ein.

Viel wurde geschrieben über die schönen Städte und Burgen und sonnigen Berge, wie die reichen Weingärten des bergischen Landes und am Rhein. Ueberwältigend wirken die Städte Essen, Bochum, Schlingen, Elberfeld, Remscheid, Dortmund, Duisburg und Hagen, die ohne Ueberschwang als die geschäftigsten industriellen Städte der ganzen Welt gelten können.

Das Schönste ist jedoch immer noch der Schwarzwald mit seinen wuchtigen Waldeshöhen, das Lieblichste die Harzer Gebirgsgegend.

Unvergesslich schön ist das Thüringer Land mit Städten wie Eisenach mit der Wartburg, dann Erfurt als die Stadt der Gärten, Weimar, Coburg und Meiningen als Städte der Kunstpflege.

Eine Schlittenfahrt in’s Spielzeugland.

Wunderschön liegt das kleine, geschäftige Sonneberg, woselbst ich 12 Tage verweilte. Ueberall regen sich geschäftige Hände, vom Kind bis zum Greis, um der ganzen Welt mit Spielsachen aller Art zu dienen. Besonders im Januar hatte das kleine Städtchen im Kleide des Neuschnees seinen besonderen Reiz: Als Verkehrsmittel konnte man sich nur des Schlittens bedienen. Und wie wunderschön ist eine solche Fahrt, wie ich sie von Sonneberg nach Steinheid a. M. machte.

In frostklirrender Winternacht ging es um 3 Uhr von Sonneberg langsam und behäbig gen Steinheid. Unaufhörlich fielen die tanzenden Flocken, und schneeiges Weiss deckte in weichen, ausgleichenden Linien die Erde. Stetig zieht der Schlitten seine gleitende Bahn im staubenden Schnee. Die letzten Häuser von Sonneberg schluckt die Dunkelheit und finster und wuchtig baut sich der Waldhang vor uns auf, unter eisglitzernden, knisternden Zweigen, zwischen verkrusteten, ragenden Stämmen….

Weit ausholend nehmen die Pferde ihren Weg und es ist jetzt, als wenn der Schlitten den Boden kaum berührte. Der Zauber einer deutschen Winternacht hält uns umfangen…. seltsam lichtloses Dämmern! Hohe Tannen grüssen, ein geheimnisvolles Rauschen geht durch den Wald, und die schneebeladenen, gebeugten Aeste stöhnen! Der Hang hebt sich, steiler geht es empor und wuchtig knirscht die Schneedeckenhülle! Unsere Lungen pumpen, der Atem stösst dampfend in die eiskalte Luft. Der Bann stundenlanger sitzender Beschäftigung in überheizten Räumen löst sich. In tiefen Atemzügen strömt neue junge Kraft in den Körper!

Nun lichtet sich der Wald und gibt den Rand der Höhe frei! Von den jenseitigen Hängen dehnen sich unten in der weiten Talmulde fahlleuchtende Felder bis zu dem kleinen, unruhevollen Block, welcher die unmittelbare Nähe eines Städtchens bedeutet, aus. Weiterhin hört mau eine Turmuhr in vollen, tiefen Schlägen ausholen, links blitzen Schienenstränge und vom hohen Signalmast winken blutrote Signale dumpf hört man das Herannahen eines Zuges! Rings um uns lautlose Stille, als schliefe die Welt und ruhig wird man vom Hasten des Tages im grossen Schweigen dieser Erhabenheit… Gottesdienst in der Winterlandschaft!

Mit neuer Kraft ziehen die Pferde und die Riemen knarren; in gleichmässig kräftigem Schwung furchen die schneidenden Hölzer über die weisse Schneedecke, und federnder gleitet der Schlitten über die endlose Winterlandschaft. Aufstaubt der Schnee…. berauschendes Losgelöstfühlen von Erdenschwere. Stundenlang möchte man — gehüllt in warme Decken — über Felder und Wälder durch diese wunderbare Ruhe fahren. — ’

Mit brennender Haut und hellen Augen erreicht man gegen Morgen Steinheid, sieht dick vermummte Gestalten eilig zur Bahn hasten und lächelt vergnügt, denn man genoss den Märchenzauber des mächtigen Winterwaldes, von dem diese Leute, die ihr Leben im Kampf ums Dasein dort fristen, leider nichts mehr merken.

In Steinheid liegt der Schwerpunkt der Glas-Christbaumschmuck-Industrie. Wer einmal Gelegenheit hatte, dem Glasbläser bei seiner Arbeit zuzusehen, bewundert grenzenlos, wie es möglich ist, dass diese Bergmenschen so jahraus, jahrein bei dieser Arbeit zubringen können. Es liegt die eigenartige Luft einer ewigen Weihnacht in ihrer Arbeit….

Leb’ wohl, du schönes Thüringer Land mit deinen waldigen Höhen, deinen prächtigen Menschen … Leb’ wohl, du kleines, zauberisches Sonneberg!

Das schöne Vaterland!

Deutschland ist schön! Ueberall! Da ist Bayern, da ist Berchtesgaden mit dem Königssee. Wunderbar ist es in Schliersee und Tegernsee, romantisch im Tölzerland mit dem Kochelsee, Walchensee und Herzogland, wo man im Hintergrund die grossen Berge der Karwendel, die bayerischen Alpen, sieht. Dort wirkt der Anblick bei scheidender Sonne gigantisch.

Deutschlands Gross-Städte haben alle ihren verschiedenen Charakter, und jede Stadt hat ihren Reiz. Sei es als Mittelpunkt des neuen Deutschlands, oder sei es die historische Vergangenheit. Städte wie Berlin, München, Hamburg, Leipzig, Dresden, Frankfurt am Main, Breslau, Düsseldorf, Stuttgart, Karlsruhe, Hannover, Heilbronn, Heidelberg, Mannheim und Bremen, alles Namen von internationalem Klang.

Die Schlüsselstadt des Reiches.

Der Bremer blickt mit der Würde des Selbstbewussten auf seinen Marktplatz mit dem rauh gemeisselten, steinernen Roland beim Rathaus, welcher so recht die: Bedeutung der Stadt im Mittelalter verkörpert., Besucher von allen Ländern, welcne ein paar Tage in dieser alten, hanseatischen Stadt verbringen, selbst Deutsche vom Inneren des Reiches, welche geschäftlich nach Bremen und hier mit den Einwohnern in Berührung kommen, und zuletzt der Bremer selbst, der den Wert seiner Vaterstadt kennt, sie alle sind sich darin einig, dass es nur „ein Bremen“ gibt.

Wuchtige Schiffswerften und Hafenanlagen, wie Industrie-Gebäude in nächster Umgebung der Stadt deuten dem Besucher sofort an, dass er sich in einer der wichtigsten Hafenstädte Deutschlands befindet. Ein umfangreiches Eisenbahnnetz leitet unendlich viel Kaufmannsware aus dem Inneren Deutschlands täglich, stündlich nach dieser Hafenstadt, wo der Norddeutsche Lloyd sein Haupt-Domizil hat.

Viele Generationen gaben der Stadt durch treue Arbeit ihr Bestes, damit sie wachsen möge! Auch die schweren Jahre der Kriegszeit konnten nicht ganz die Wichtigkeit dieser Stadt erdrücken. Wahr ist, dass auch Bremen heute ökonomisch und finanziell an den Nachwehen der unglücklichen schweren Zeit leidet. Sollte es noch schwerere Stürme durchzumachen haben, dann würde (und das ist keine Uebertreibung) die ganze Welt in Mitleidenschaft gezogen werden, denn hier in Bremen liegt der Nerv der deutschen Schiffahrt.

Das 19. Jahrhundert sah Bremen in seiner grössten Blüte, der unglückliche Krieg hat es zurückgeworfen; doch die Tüchtigkeit der Bremer Kaufleute, der Bremer Rhedereien und Industrie-Unternehmungen, verbunden mit der Intelligenz der ganzen Bevölkerung, ist die beste, sicherste Grundlage, auf der wieder eine gesunde, blühende Zukunft wachsen wird.

Der Bremer Sinn ist auch heute noch gesund, viel gesunder als -man nach den langen, schweren Jahren vermutet. Genau wie vor Jahren werden auch heute noch im Bremer Stadttheater mehr die. gehaltvolleren, als die leichten Stücke gegeben. Ein Spielplan,, wie ihn das Bremer Stadttheater aufweist, wäre in New York unmöglich. In einer Woche werden hier Klassiker des Wortes und der Musik aufgeführt und dazwischen ein oder zwei Lustspiele der vornehmsten Art, nicht etwa jener plumpe Humor, der den New Yorkern anhaftet; und ganz besonders den deutsch-amerikanischen Theatern. Hier verlangt der Deutsche bessere Kost. Ein Lustspiel, wie es der Deutsch-Amerikaner liebt, zum Beispiel: „Tante Jutta aus Kalkutta“ wäre hier unmöglich. In New York habe ich leere Häuser gesehen, wenn von unseren wackeren deutschen Künstlern ein fein-humorvolles Stück gegeben wurde, hier meidet das Publikum die derben, eindeutigen Hanswurstspässe. In Deutschland ist eben das Theater auch heute noch Erziehungsfaktor.

Berlin ist allerdings eine Ausnahme. Es galt ja auch vor dem Kriege nicht als tonangebend in der Kunstfrage. Dieses alles zeigt, dass der Deutsche im Grunde derselbe geblieben ist, und sich gern in der Kunst weiter bilden will. Wo dieses Verlangen in einem Volke schlummert, muss der Kern gut und gesund sein.

Deutschland bei der Arbeit.

Wer das deutsche Volk ganz verstehen will, muss es bei der Arbeit gesehen haben, denn dort allein schlagt das Herz des Volkes!

Kriegsschulden, die Unsicherheit der Zukunft, der Verlust grosser Landesteile und Industriegebiete, haben einen Schatten über das einst so prächtige Bild der Vorkriegszeit geworfen. Und dennoch, das Interesse Europas, ja der ganzen Welt, verlangt, dass dem Daumenschrauben der „Sieger“ einmal ein Ende gemacht wird, denn Deutschland ist der bedeutendste Faktor bei der Rekonstruktion Europas.

Schiffahrt und Handel stehen heute allerdings drei Generationen zurück, aber der feste Wille ist vorhanden — genau wie vor Jahrzehnten — durch harte Arbeit alles zurückzugewinnen. Es mag hier daran erinnert werden, dass vor dem 30jährigen Kriege die Textilindustrie hoch über der gleichen Industrie in England und Frankreich stand, aber durch den Krieg vollkommen zerstört wurde, und sich trotzdem wieder weit über den damaligen Stand entwickeln konnte.

Oekonomische Krisen und Katastrophen fanden in Deutschland stets einen zäheren Widerstand als in irgend einem anderen Lande, denn Deutschland ist von Natur aus nicht in der Lage, sich alle Materialien, die für seine Industrien gebraucht werden, auf dem eigenen Boden seihst zu beschaffen. Ausser Kohlen wurden immer sehr viel Roh-Materialien des Auslandes in Deutschland notwendig gebraucht — und heute, wo der Versailler Vertrag die Kohlenbasis Deutschlands reguliert, ist es gerade in dieser Hinsicht traurig bestellt. (Beispiel: Heute, am 7. Februar, ist der Ausstand der Eisenbahner ungefähr 6 Tage alt, und schon sind kohlenlose Tage in den Schulen angekündigt, was heisst, dass den Kindern kein Unterricht erteilt werden kann — — trostlos!) Deutschland muss Arbeit finden, denn es will vermeiden, dass ein gxosser Prozentsatz seiner Besten in andere Länder auswandert. Dazu aber gebraucht es die Industrie, und die Industrie gebraucht Kohlen!

Siehe auch:
Wir Deutsch-Amerikaner
Deutsch-Amerika
Die Deutsch-Amerikaner und das Kaiserreich
Wie das alte Österreich starb
Wie das alte Österreich starb II
Die Deutschen in Amerika
Die Deutschen in Amerika II
Eine Audienz bei Richard II. (Richard Strauss)
Die Lüge als Fundament
„Deutsch-Amerikas“ Mission
Schundromane auf dem Scheiterhaufen
Lincoln und das deutsche Element
Die Geschichte der Revolution
Der Aufbau Palästinas
Deutschland und der Weltfriede
Vaterland vor der Wiedergeburt
Das Schicksal der deutschen Kolonien
Der letzte Zar im Kreise seiner Familie
Krupp-Werk in Friedens-Arbeit
Die Wolkenburgen der neuen Welt
Deutschlands chemische Industrie in der Nachkriegszeit
Jerusalem die Heilige Stadt
Die Schwarzen Truppen in Deutschland
Schiffsmodelle als Zimmerschmuck
„Bismarck“-„Majestic“- der Meeresriese