Randstaaten werden Weltmächte.

Während Deutschland, das nordische Kernland der Welt, todwund am Boden lag, bildeten sich ringsum am Rande Europas mächtige Einheitsstaaten, die die Welt unter sich verteilten.

Spaniens Größe begann mit der Erforschung der Seewege nach Afrika, Indien und Amerika. In all diesen Gebieten gewann es Besitzungen. Die große Inselgruppe von Mittelamerika wurde einverleibt. Auch auf dem amerikanischen Festlande wurden ganze Staaten erobert. Südamerika spricht noch heute spanisch oder portugiesisch. Das riesige Weltreich mit ungeheuren Schätzen erbte der Habsburger Karl V. und fügte es den österreichischen Erblanden in Deutschland, Italien und Burgund hinzu. „In meinem Reiche geht die Sonne nicht unter“, konnte er mit Recht sagen. Bei der Teilung des Reiches durch Karl V. kam das spanische Land mit den Kolonien und den Niederlanden an den finsteren, jesuitischen König Philipp.

Aber wie gewonnen, so zerronnen! Eine mächtige Flotte von über hundert Schiffen, die „Große Armada“, wurde gegen England ausgerüstet. Doch das Glück kam England zu Hilfe. Ein mächtiger Seesturm vernichtete die spanische Flotte, und mit ihr ging Spanien als Weltreich unter. Frankreich und England waren die Haupterben. Die Niederlande rissen sich in hundertjährigem Kampfe von Spanien los, eine Kolonie nach der andern ging verloren.

Frankreich, durch seine Könige bereits seit dem 15. Jahrhundert straff zusammengefaßt, erreichte den Höhepunkt seiner politischen Machtstellung Um 1675 unter Ludwig XIV., dem „Sonnenkönig“. Er errichtete eine neuartige unbedingte Königsgewalt, imd die meisten Fürsten Europas suchten es ihm darin gleichzutun.

„Der Staat bin Ich! Das Volk ist nur dazu da. Mir zu dienen. Meinen Ruhm zu erhöhen und — zu bezahlen!“ Das war Ludwigs XIV. Meinung; aber er gab Frankreich auch eine blühende Wirtschaft, ein starkes Heer und ein weites Kolonialreich.

In seinem Prunkschloß Versailles liefen alle Pläne gegen Deutschland Zusammen. Das flandrische Artois mit Lille, Gebiete in Lothringen und im Elsaß riß er an sich. Die Rheinpfalz wurde schrecklich verwüstet. Um Straßburg rauben zu können, ermutigte er die Türken zum Vordringen gegen Wien.

Auf den Wällen von Straßburg gehen die Wächter. In der Ratsstube sitzen die Ratsherren. Tiefer Kummer ist in ihren Mienen. „Der Kaiser hat Botschaft geschickt, er kann nicht helfen, kein Fürst in deutschen Landen steht uns bei. Straßburg steht allein. Vor den Toren aber lagern 35000 Mann französische Truppen, mitten im Frieden sind sie in unser Land eingebrochen. Sie drohen, Straßburg zu zerstören, sowie wir nur einen Schuß lösen! Was wollen unsere 400 Söldner und 8000 mutlosen Bürger dagegen!“ Hilflos schauen die Bürger in die Runde, ob nicht doch noch Hilfe kommt. Vergebens! Da rücken die Franzosen ein.

Straßburg, O Straßburg, du wunderschöne Stadt!

Um die Zeit des Dreißigjährigen Krieges stieg Rußland zu ungeahnter Macht auf. Schon 1638 erreichte es die Ostküste Sibiriens. Um 1700 richtete Peter der Große Rußlands Gesicht nach Westen. In seinen jungen Jahren hatte der Zar in Holland und England europäisch-germanische Kultur kennengelernt. Man erzählt, daß er in den holländischen Schiffswerften selbst das Zimmermannsbeil geführt habe. Als er nach Rußland zurückkam, griff er mit starker Hand ein und zwang seine Völker, sich europäisch zu kleiden, nach europäischer Art zu arbeiten und Handel zu treiben. Deutsche Handwerker, Ingenieure, Offiziere, Gelehrte wurden in größter Zahl nach Rußland berufen. Eine große Flotte wurde gebaut, ein starkes Heer geschaffen. Die neue Hauptstadt bekam nach dem Zaren ihren Namen „Petersburg“. Der Weg zur Ostsee war Rußland durch das schwedische Großreich unter Karl XII. versperrt. In einem langen und wechselvollen Kriege und auf endlosen Zügen wurde Karl endlich geschlagen. Im Schützengraben traf diesen „letzten Wikinger „die tödliche Kugel. Peter gewann die Ostseeküste von Petersburg bis Riga. Rußland war eine europäische Großmacht geworden, die ihre Blicke auch nach Konstantinopel und den Dardanellen, nach Warschau Frankreichs Vordringen nach Osten. un zum Balkan richtete.

Von nun an hatte Deutschland im Osten nicht mehr allein mit Polen, sondern vor allem mit Rußland zu rechnen. Alle Randmächte Europas hatten einen Vorteil, der Deutschland als Kernland nicht zugute kam: sie hatten nach wenigstens einer Seite freien Zugang zur Welt. Mehr noch als Rußland und Frankreich hat England diesen Vorzug seiner Lage zu nutzen verstanden.

Mit der Entdeckung Amerikas und der Seewege nach Afrika und Indien schlug auch Englands große Stunde. Die Königin Elisabeth verstand es, die neue Gunst der Lage für ihr Land zu nutzen. Sie beseitigte zuerst ihre katholische Gegnerin Maria Stuart, dann zerstörte sie nacheinander die spanische und niederländische Seemacht. Nun stand dem Aufstieg Englands nichts mehr im Wege. Eine Kolonie nach der andern wurde gewonnen. Die deutschen Schiffe der Hanse wurden von der See verdrängt, ihr Kontor, der „Stahlhof“, in London geschlossen (1598).

Bald darauf erhielt das englische Volk den Charakter, der es zum Weltvolk der nächsten Jahrhunderte werden ließ. Cromwell war es, der den Um 1650 alttestamentlich-jüdischen Geist des Calvinismus mit dem nordischen Blut seines Volkes verband und damit den heutigen Briten schuf. Von nun an sieht Großbritannien die Welt als ein Geschenk an, das Gott allein seinem, auserwählten Volke, den Briten, zugedacht hat. Um ihr Weltreich zu erweitern und zu behaupten, ist den Briten jedes Mittel recht.

Siehe auch:
Deutsche Geschichte-Zeittafel
Germanen kämpfen um Europa
Die Wikinger, eine neue germanische Welle.
Das Reich der Deutschen beginnt
Großtaten des deutschen Volkes-Das Rittertum und seine Aufgaben
Großtaten des deutschen Volkes-Deutsche gewinnen Raum im Osten
Deutsche Bauern und Bürger sichern das Neuland.
Deutsche Städte — deutsche Kunst.
Großtaten des deutschen Volkes-Die deutsche Hanse.
Der deutsche Bauer und sein Schicksal
Eine neue Welt tut sich auf— Große Erfindungen
Fürstentrotz und Glaubensstreit zerstören das Reich.
Die Not ruft den Erneuerungs willen des Volkes wach.
Martin Luther, der Reformator.
Volkskämpfe im Schatten der Reformation.
Der Kampf deutscher Fürsten gegen Kaiser und Papst.
Glaubenskämpfe in anderen Ländern Europas.
Am Glaubensstreit geht das Reich zugrunde.
Der Dreißigjährige Krieg (1618—1648).

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  1. […] Siehe auch: Deutsche Geschichte-Zeittafel Germanen kämpfen um Europa Die Wikinger, eine neue germanische Welle. Das Reich der Deutschen beginnt Großtaten des deutschen Volkes-Das Rittertum und seine Aufgaben Großtaten des deutschen Volkes-Deutsche gewinnen Raum im Osten Deutsche Bauern und Bürger sichern das Neuland. Deutsche Städte — deutsche Kunst. Großtaten des deutschen Volkes-Die deutsche Hanse. Der deutsche Bauer und sein Schicksal Eine neue Welt tut sich auf— Große Erfindungen Fürstentrotz und Glaubensstreit zerstören das Reich. Die Not ruft den Erneuerungs willen des Volkes wach. Martin Luther, der Reformator. Volkskämpfe im Schatten der Reformation. Der Kampf deutscher Fürsten gegen Kaiser und Papst. Glaubenskämpfe in anderen Ländern Europas. Am Glaubensstreit geht das Reich zugrunde. Der Dreißigjährige Krieg (1618—1648). Randstaaten werden Weltmächte. […]

    24. Juni 2017

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