Religionsstifter und Philosophen

Eine Weltgeschichte in einem Bande.

Das sechste Jahrhundert ist nicht nur die Zeit der ersten wirklichen Weltmacht, sondern auch die Zeit einer die Erde umspannenden geistigen Bewegung. Die Epoche, in der die homerischen Lieder gesammelt wurden, hatzugleich die Sammlung religiöser Überlieferungen hervorgebracht. Bei den Chinesen hat dies Konfuzius getan. Bei den Hindu trat Buddha auf, der zwar gegen die Macht der Priester, gegen das Brahmanentum ankämpfte, der aber doch auch viel von dem indischen Geiste in sich verkörpert. Die Juden vereinigten ihre priesterlichen, rechtlichen, politischen und dichterischen Überlieferungen der älteren Zeit zu der Thora, dem Kern des alten Testamentes; dazu kamen die Reden und Schriften der Propheten. Das waren Agitatoren und Journalisten, die ihr Volk zu kühner Tat anspornen wollten und die nicht einmal vor des Königs Gebot zurückwichen. In der hellenischen Welt wirkte eine ganze Anzahl von Philosophen, deren Lehren bis in die Gegenwart die Grundlagen unseres erkenntnistheoretischen Denkens geliefert haben. Dualismus und Monismus, Pantheismus und Monotheismus, Empirismus, Materialismus und Atomlehre ist eben so gut schon bei den „jonischen Naturphilosophen“, bei einem Thaies, Anaximander, Herakleitos, Pythagoras (dessen Geschichtlichkeit freilich angezweifelt wird), Theophanes und Empedokles vertreten, wie auch Okkultismus und Mysticismus. Alle diese Denker, Religionsstifter und Propheten lebten in dem gleichen Zeiträume, der um rund 500 zu Ende geht. Gewöhnlich wird in diese Epoche auch Zarathustra gesetzt, der Heiland der Perser. Es ist sehr merkwürdig, daß in allen Ländern vom stillen Ozean bis zum tyrrhenischen Meere dieselbe Bewegung gleichzeitig auf taucht. Die verschiedenen Völker waren eben, ein jedes selbständig, zu der gleichen Stufe der Entwicklung gelangt. Nur in wenigen Fällen läßt sich eine Wechselwirkung zwischen den Religionen und philosophischen Systemen der einzelnen Länder vermuten, so zwischen Indien und Griechenland. Im übrigen hat auch noch die alte ägyptische Geheimlehre der Priester auf die griechischen Denker eingewirkt.

Der ganz Eurasien umspannenden geistigen Bewegung ging eine Ausweitung des geographischen Horizontes parallel. Um 600 sollen phönizische Schiffer ganz Afrika umsegelt haben, freilich entstehen hier zwei Fragen, nämlich einmal ob die Um-segelung überhaupt ihre Richtigkeit hat, sodann, wenn die Sache geschah, ob sie zum erstenmal geschehen ist.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser