Rembrandt und seine Zeitgenossen – GERARD TER BORCH

eben Metsu pflegt man Ter Borch zu nennen. Beide Künstler zeigen große Verwandtschaft in ihren Darstellungen, und doch sind sie in ihrer Auffassung wie in der malerischen Wiedergabe wesentlich verschieden.

Von Gérard Ter Borch meint W. Bürger: »je ne sais pas, si après Rembrandt, on ne devrait pas le mettre tout à fait hors ligne, seul à son rang, comme les vrais grands hommes«. Eugène Fromentin nimmt diesen Platz für Jacob Ruisdael und Paulus Potter in Anspruch, und Jan Veth möchte Albert Cuyp auf ihn erheben. Andere werden vielleicht Jan Vermeer oder Pieter de Hooch dafür namhaft machen. Sie alle haben recht; die großen Künstler der holländischen Schule sind, jeder in seiner Weise, so vollendet, daß es nur individuell verschieden ist, ob man dem einen oder anderen den Vorrang einräumt — immer natürlich den einen, Rembrandt, ausgenommen.

Für die Biographie von Ter Borch waren wir bis vor kurzem auf die unzuverlässigen Angaben Houbrakens beschränkt. En einer älteren Arbeit hatte ich daher den Versuch gemacht, aus den uns erhaltenen Gemälden und Zeichnungen zu scheiden zwischen dem, was einem älteren Ter Borch, was unserem Meister und was seiner Schwester Gesina angehört, und für Gérard den eigenartigen Gang seiner Entwickelung nachzuweisen. Unverhofft wurde inzwischen ein reiches Familienalbum im Nachlasse eines Nachkommen der Familie Ter Borch aufgefunden, welches in das Rijksmuseum gelangte. Dadurch hat die Biographie des Künstlers und die Geschichte seiner künstlerischen Entwickelung einen sicheren Halt gewonnen; das, was ich als Vermutung aussprach, ist zur Gewißheit geworden. Das Album ist uns zugleich für das Künstlerleben in Holland im allgemeinen eine wertvolle Quelle.

Gérard Ter Borch war der Sohn eines Malers, der aber, um seinen Unterhalt zu verdienen, noch einen Posten als Beamter versah. Als Steuereinnehmer in Zwoile trat der alte Gérard Ter Borch, der 1584 in Zwoile geboren war, in die Stellung, die sein Vater schon bekleidete; und kurz vor seinem Ableben (20. April 1662) wußte er diesen Posten seinem jüngeren Sohne Herman zuzuwenden. Den Lehrer des alten Ter Borch kennen wir nicht Reisen, die er in den Jahren 1602 bis 1611 nach Deutschland, Italien und Frankreich ausführte, galten ebensosehr der Erlernung fremder Sprachen, wie der Vervollkommnung in der Kunst Bald nach seiner Rückkehr vermählte er sich in Zwoile mit Anna iLancelots Byfkens aus Antwerpen. Das erste Kind dieser Ehe ist der berühmte Gérard Ter Borch, der Ende des Jahres 1617 in Zwoile geboren wurde.

Der Vater des Künstlers war ein vorzüglicher Mann, von strengen Sitten und doch herzlich und liebevoll; ein guter, kleinbürgerlicher Holländer, der indes durch seinen langen Aufenthalt im Auslande einen weiteren Blick gewonnen hatte. Ein Brief an seinen Sohn Gérard, der auf uns gekommen ist, sowie seine eigenen Aufzeichnungen und die seiner Kinder, die in jenem Familienalbum und in einzelnen Familienpapieren erhalten sind, verraten fast in jedem Satze ein besonders inniges Verhältnis zwischen Vater und Kindern, wie zwischen diesen untereinander. Der alte Oerard Ter Borch sorgte auch für eine gründliche und vielseitige Erziehung seiner Kinder, deren künstlerischen Unterricht er in den ersten Jahren selbst leitete. Die Stiche und Zeichnungen von seiner Hand im Album beweisen, daß er sehr wohl dazu befähigt war; er gibt sich darin als tüchtiger Künstler in der Richtung von A. Bloemaert, Eastman und Moeyaert, der, bei aller Manier, doch da, wo er der Natur gegenübersteht, ein gutes Verständnis und naive Anschauung verrät. Das Talent seines Sohnes Gérard hat der Künstler früh entdeckt; Zeichnungen seiner Hand bewahrt er schon auf, als der Sohn erst acht Jahre zählt In diesen ersten Zeichnungen aus den Jahren 1625 bis 1627 ist der Knabe natürlich noch ganz abhängig von der Manier seines Vaters, der ihn jedoch gleich unmittelbar der Natur gegenüberstellte: schon 1626 läßt er ihn eine männliche Figur »naer het leven« zeichnen, im folgenden Jahre zieht der Knabe ins Freie, zeichnet in den Straßen, auf dem Markte und auf dem Eise und bildet in> diesem jugendlichen Alter schon eine eigene Auffassung aus. In solchen Zeichnungen steht der junge Oerrit Meistern wie dem alten Claes Jansz Visscher und Hendrik Avercamp nahe. Die Werke des letzteren und wohl auch der Künstler selbst waren dem jungen Ter Borch gewiß bekannt; liegt doch Kämpen, die Heimat Avercamps, nur zwei Wegstunden von Zwolle entfernt.

Im Jahre 1632 finden wir Gerrit in Amsterdam, wie die Beischrift auf der Zeichnung eines Studienkopfes von seiner Hand beweist Der Vater war einsichtig genug, den Augenblick wahrzunehmen, in dem der begabtere Sohn seiner Lehre entwachsen war. Welchem Künstler er ihn in Amsterdam anvertraute, läßt sich noch nicht mit Sicherheit angeben. Da verschiedene mit den Jahreszahlen 1632 und 1633 versehene Skizzen von »corte-gaerdjes«, von Offizieren auf dem Eise und verwandten Motiven Vorkommen, denen sich eine Reihe undatierter Zeichnungen mit ähnlichen Darstellungen anschließen, so liegt die Vermutung nahe, daß hier einer der Gesellschaftsmaier: W. Duyster, S. Kick oder Pieter Codde, der Lehrer des jungen Gérard wurde. Dafür spricht auch der Charakter dieser Zeichnungen und verschiedener, jetzt für den Künstler gesicherter Gemälde gleichen Motivs, die in dem kühlen graulichen Ton, der feinen Färbung, flüssigen Behandlung wie in der Anordnung, in der Zeichnung, ja selbst in den Typen den früheren Werken dieser Künstler, besonders des W. Duyster, nahe stehen. Freilich brauchen sie deshalb keineswegs alle schon damals in Amsterdam entstanden zu sein; das einzige datierte Gemälde dieser Art, das mit dem Vermächtnis Jonides an das Viktoria- und Albert-Museum in London übergegangen ist, ist sogar erst vom Jahre 1638, als Ter Borch Amsterdam schon seit vier Jahren wieder verlassen hatte. Doch ist dies das vollendetste und daher auch wohl das jüngste dieser Gemälde; die Wachtstuben in der Kunsthalle zu Bremen und im Besitze von Herrn Werner Dahl in Düsseldorf (versteigert 1905), sowie das ähnliche Bild unter Ducks Namen im Louvre (wenn diese letzteren beiden wirklich mit Recht dem Ter Borch zugeschrieben werden) zeigen in der Anordnung und Zeichnung noch eine zaghaftere, weniger geübte Hand, so daß wir säe einige Jahre früher ansetzen können, Schon in diesen jugendwerken, den Arbeiten eines halberwachsenen Jünglings, ist Ter Borch allen eigentlichen »Gesellschaftsmaiern« überlegen,

Lange kann der Aufenthalt des Künstlers in Amsterdam nicht gewährt haben, da ein Brief des alten Ter Borch an seinen Sohn vom 3. Juli 1635 schon nach England gerichtet ist und in diesem Briefe von einem Studienaufenthalte Gerards in Haarlem die Rede ist Hier war, wie wir aus demselben Schreiben erfahren, Pieter Molyn sein Lehrer. Dies bestätigt ein Dutzend Zeichnungen dieses Meisters im Familienalbum, die sämtlich die Jahreszahl 1634 tragen. Sein Einfluß läßt sich auch unschwer in einer Reihe von Studien und Zeichnungen des jungen Ter Borch (zum Teil mit Motiven aus Haarlem und seiner Umgebung) verfolgen, von denen mehrere mit dem gleichen Datum bezeichnet sind. Daß Molyn seinen jungen Schüler hoch genug schätzte, um mit ihm zusammen Bilder zu malen, ergibt die Urkunde über eine Versteigerung, die der Maler jan van Goyen 1647 im Haag abhielt; hier wird ein »Hauptstück von Ter Borch und Molyn« namhaft gemacht, das mit der ansehnlichen Summe von 50 Gulden bezahlt wurde. Das einzige durch ein Datum gesicherte Gemälde dieses Haarlemer Aufenthaltes ist »Die Konsultation« in der Berliner Galerie aus dem Jahre 1635. Die Figuren dieses kleinen Bildes treten zurück gegen das Beiwerk: Bücher, Spiegel, Totenschädel, Stundenglas, die malerisch auf einem Tische übereinander liegen. Im Motiv wie in Auffassung und Anordnung, in dem etwas schweren, einförmigen grauen Tone und der malerischen Behandlung steht hier der junge Ter Borch verschiedenen Stillebenmalern aus der Schule des Frans Hals nahe, namentlich dessen gleichnamigem Sohne. Wir dürfen hieraus wohl auf Beziehungen zu dem großen Meister von Haarlem schließen, dem der Künstler auch in einem ganz abweichenden, großen Gemälde der späteren Zeit, dem Fischhändler in der Sammlung Glitza zu Hamburg vom Jahre 1669, nach Motiv, Komposition, Umfang, breiter Behandlung und grauem Ton noch verwandt erscheint.

In der Liste der Künstler Haarlems von Laurens van der Vinne ist. Gérard Ter Borch, wie A. van der Willigen angibt, im Jahre 1635 verzeichnet; er wurde also sehr wahrscheinlich im Frühling dieses Jahres als Meister aufgenommen, damals noch nicht achtzehn Jahre alt. Unmittelbar darauf scheint er seine Reisen angetreten zu haben, zu denen ihn der weitgereiste Vater jedenfalls selbst aufmunterte. Anfangs Juli 1635 befand er sich schon in London, wohin ihm der sorgsame alte Herr eine Gliederpuppe (»leemann«) nachsandte. Hier ist A. van Dyck, damals der Mittelpunkt der Künstlerschaft und der Günstling des Hofes, gewiß nicht ohne Einfluß auf den empfänglichen jungen Künstler gewesen, der in seinen späteren Bildnissen in der vornehmen Auffassung und Haltung seiner Figuren mit ihm wetteiferte. Einen gewissen Einfluß auf ihn könnte damals in London und vorher in Haarlem auch Hendrik Pot geübt haben, mit dessen kleinen Bildnissen Ter Borchs frühere Porträts auffallende Verwandtschaft haben.

Wie lange Ter Borch in England blieb, wohin er von dort aus seinen Wanderstab setzte, dafür bieten weder die neuen Urkunden noch das Skizzenbuch den nötigen Anhalt. Houbraken, dessen Angaben über den Künstler sich freilich für die Daten als ungenau, aber inhaltlich doch im wesentlichen als richtig herausgestellt haben, gibt nur ganz allgemein an, daß der junge Künstler »toen hy op eigen wieken kon dryven, reislustig was, en vreemde landen heeft bezocht, als Duitsland, Italie, Engelant, Vrankryck, Spanje en de Nederlanden«. Damit hat aber Houbraken offenbar nicht die richtige Reihenfolge, in der Ter Borch diese Länder besuchte, angegeben. Denn vor der Londoner Reise kann er nicht wohl außerhalb Hollands gewesen sein. Erst sechs Jahre nach jenem Briefe aus London begegnen wir dem Künstler wieder, und zwar in Rom, wie E. W. Moes gezeigt hat Im Jahre 1641 malte er dort die kleinen Bildnisse von Jan Six und einer jungen Dame (auf Kupfer), die sich noch in der Galerie Six zu Amsterdam befinden. 1645 ist er, wahrscheinlich schon seit längerer Zeit, wieder von seinen Reisen zurück. Er lebte damals in Amsterdam, wie ein aus diesem Jahre datiertes Bildnis des Caspar Barlaeus im Senatssaal der Amsterdamer Universität lehrt.

Der Künstler kehrte als vollendeter Meister in die Heimat zurück; dies beweist aufs glänzendste das berühmte Kongreßbild in der National Gallery zu London vom Jahre 1648, Sehr verschiedenartige Studien und die Kenntnis mancher hervorragenden Maler jener Zeit in England, Italien, Spanien und den Niederlanden müssen zur Ausbildung der vollen Eigenart des Künstlers beigetragen haben. Zwei Meister lassen sich dabei meines Erachtens mit Bestimmtheit namhaft machen: Tizian und Velazquez. Ein Gemälde des Venezianers war sein unmittelbares Vorbild bei seinen Studien für das Kongreßbild; vor allem bekundet sich aber dessen Einfluß in der Fleischfarbe des Ter Borch. Mit den sonst so verschiedenen Bildnissen des Velazquez verbindet ihn die vornehme Zurückhaltung in der Charakteristik, die außerordentliche Einfachheit der Anordnung und Umgebung, der einfarbige Fond, der feine graue Ton der Färbung, aus dem sich wie bei jenem oft ein mattes Hellrot oder Lila des Stuhlüberzuges oder einer Tischdecke heraushebt, und das klare Schwarz des Kostüms.

Über Ter Borchs äußere Schicksale seit der Mitte der vierziger Jahre kann ich mich kurz fassen, im Jahre 1646 war der Künstler nach Münster gegangen, da ihm dort die Versammlung der vornehmsten Abgesandten fast aller europäischen Staaten Aussicht auf lohnende Tätigkeit durch die Anfertigung von Bildnissen bot Denn er hatte mancherlei Verbindungen auf seinen Reisen angeknüpft; für Empfehlungen hatte ihm schon der Vater durch seine Beziehungen in Rom, Neapel und Madrid behilflich sein können. Der Künstler muß sich in seinen Erwartungen nicht getäuscht haben, da er bis zum Schlosse des Kongresses 1648 in Münster blieb; in diesem letzten Jahre vollendete er das bereits erwähnte berühmte Bild sämtlicher Abgesandten, das Sir Richard Wallace, nachdem es der Marquis of Hertford einige Jahre vorher um 220000 Francs auf der Versteigerung Delessert erstanden hatte, der National Gallery in London zum Geschenk machte. Die Skizze eines anderen Kongreßbildes im Louvre, der Einzug der Gesandten und Minister in der Galerie zu Münster, für welches der Künstler nur die Figuren gemalt hat, und eine leider nicht erhaltene Allegorie auf die Vermählung des Großen Kurfürsten am 26. Dezember 1646 sind, wie Moes hervorhebt, weitere Beweise für die umfangreiche Tätigkeit des Künstlers und die Beziehungen zu den verschiedensten vornehmen Persönlichkeiten während seiner Anwesenheit in Münster. Nach Hou-brakens Angabe hätte die Beziehung zu einem der Gesandten, dem spanischen Abgesandten Grafen Peñaranda, den Künstler nach dem Friedensschluß noch zu einer Reise nach Spanien veranlaßt, wo er König Philipp IV. gemalt haben und von ihm aufs reichste beschenkt worden sein soll. Die letzte Tatsache wird allerdings dadurch bestätigt, daß der gleichnamige Neffe des Künstlers im Jahre 1692 eine goldene Medaille Philipps um 70 Gulden an seine Tante, die Witwe van der Werff, verkaufte; aber der Künstler könnte sehr wohl schon während seiner Studienreisen in Madrid gewesen sein und dort den König gemalt haben. Sicher ist, daß er schon im Jahre 1648 wieder in Amsterdam und im Dezember 1650 in der engeren Heimat und zwar in Kämpen war, wo ihm der Rat der Stadt eine Zahlung machen läßt. Am 14. Februar 1654 vermählt er sich in Deventer mit Geertruida Matthyssen; wenige Monate später läßt er sich als Bürger von Deveriter aufnehmen, um fortan hier ansässig zu bleiben. Seinem Ansehen verdankte er die 1666 erfolgte Wahl zum Mitglied des Bürgerkollegiums; 1667 stellte er in dem bekannten Regentenstücke auf dem Rathause zu Deventer die Magistratsmitglieder der Stadt dar, und 1672 malte er den Prinzen Wilhelm HL, dessen Bildnis er später noch zweimal ausführte. Der Tod des Künstlers erfolgte Anfang Dezember 1681. Am 8. Dezember wurde er zu Grabe getragen. Die Leiche des Meisters wurde von Deventer nach seinem Geburtsorte Zwolle überführt und dort feierlich in der Michaelskirche in der Gruft seines Vaters beigesetzt. Aus seiner Ehe waren keine Kinder entsprossen.

Können wir die Tätigkeit des jungen Künstlers während der dreißiger Jahre jetzt schon in einer, wenn auch kleinen Anzahl von Bildern verfolgen, so haben wir für die Zeit nach 1638 bis zu seiner Reise nach Münster 1646 bisher nur wenigen und ungenügenden Anhalt in den beiden Miniaturen von 2641 der Sammlung Six, ferner in drei kleinen Brustbildern des Geistlichen H. van der Schakke, seiner Frau und seiner kleinen Tochter im Rijksmuseum von 1644 und in dem oben genannten Porträt des Barlaeus von 2645» Da er auch nach Münster berufen wurde, um Bildnisse anzufertigen, so scheint es, als ob er sich nach der Rückkehr von seinen Reisen zunächst hauptsächlich als Porträtmaler versucht habe. Der Künstler war auf dem Wege, Miniaturmaler zu werden; nicht nur die eben genannten kleinen Bildnisse, auch die Kongreßbälder haben, was Größe der Porträts und Sauberkeit der Ausführung anlangt, noch einen Miniaturcharakter, wie ja auch die Wachtstuben und Gesellschaftsstücke seiner ersten Zeit Figürchen von einer Kleinheit und Zierlichkeit der Ausführung aufweisen, die wir sonst bei keinem der zahlreichen gleichzeitigen Gesellschaftsmaler finden. Genrebilder aus den vierziger Jahren lassen sich überhaupt nicht mit Sicherheit nach-weisen; doch sind nach ihrem Charakter Bilder wie die Spieler in der Sammlung Brockhaus und in der früheren Dahlschen Sammlung, der Knabe, der seinem Hunde das Ungeziefer absucht, in der Münchner Pinakothek, und einige ähnliche Gemälde mit Wahrscheinlichkeit dieser Zeit zuzuschreiben.

Von den Wachtstuben und ähnlichen Soldatenbildern, die Ter Borch als junger Anfänger gemalt hatte, war ihm die Freude an Darstellungen aus dem Soldatenleben geblieben, Daher sehen wir ihn Motive, wie die Abfertigung einer Depesche durch den Trompeter, die Abstattung einer militärischen Meldung, Offiziere in Unterhaltung oder im Verkehr mit jungen Schönen und ähnliche Motive bis in seine spätere Zeit wiederholen, Daß diese »Damen«, denen junge Offiziere die Kur machen, nicht gerade spröde waren, verrät die Art ihres Verkehrs; aber man tut dem Künstler doch sehr unrecht, wenn man annimmt, daß seine einfachen Gesellschaftsszenen sich regelmäßig im Kreise der Demi-monde abspielen. Im Gegenteil; nicht nur die dezente, vornehme Haltung der Figuren macht dies unwahrscheinlich, wir können auch beweisen, daß wir hier in der Regel in den Kreis seiner Bekannten, seiner eigenen Familie blicken. Denn dank den Bildnissen, die uns im Familienalbum erhalten sind, können wir fest-steilen, daß die eine der häufig wiederkehrenden Gestalten die Schwester und Schülerin Gezina, eine andere sein Bruder Moses ist Ähnliche Beziehungen zum Künstler werden wir daher auch bei anderen Figuren dieser Bilder annehmen dürfen, in denen man vermutlich seine zweite Schwester Katharina, seinen Bruder Herman und andere nahe Verwandte zu erkennen hat.

Der Wiederholung der Typen entspricht die Einfachheit in der Komposition, die Schlichtheit in der Darstellung des Raumes und seiner Ausstattung. Fast alle Bilder Ter Borchs zeigen Interieurs; er führt uns in sein holländisches Zimmer, von dem er uns nur eine nüchterne Wand, etwa mit einer Landkarte geschmückt oder durch einen Kamin gegliedert, zeigt; davor steht ein Himmelbett, im Vordergrund ein Tisch mit Teppich und ein bis zwei Stühle. Mit der gleichen anscheinenden Nüchternheit und Ärmlichkeit gehaben sich die Figuren, die wenig be wegt und ruhig im Ausdruck sind. Diese äußerste Zurückhaltung ist durchaus berechnet und in Verbindung mit einer natürlichen Grazie und einer gewissen Grandezza, für welche die gewählten Trachten, der Schick in ihrem Sitz Bedingung sind. Sie gibt den Bildern Ter Borchs ihre vornehme, distinguierte Erscheinung. Dank seinem unaufdringlichen aristokratischen Wesen und seiner weltmännischen Bildung weiß der Künstler uns seine Landsleute von einer Seite zu schildern, von der sie uns keiner seiner Kollegen kennen lehrt. Sie geben sich mit scheinbar kühler Würde und Eleganz, aber ihr Umgang weckt keine Kälte der Empfindung, sondern intime behagliche Stimmungen, daß wir uns in dieser Welt ruhig sicheren Benehmens wohl fühlen, uns interessieren für das, was in ihr vorgeht und mit Goethe versucht sind, den Inhalt novellistisch auszuklügeln.

Neben jener ernsten, vornehmen Gesinnung sind es rein künstlerische Mittel, mit denen Ter Borch diese außerordentliche Wirkung erzielt Der Künstler ist gleich vollendet in der Zeichnung wie im Kolorit und in der malerischen Durchführung; er ist darin allen niederländischen Meistern überlegen. Auch hier ist das weise Maßhalten der ausgeprägte, anziehende Zug seiner Kunst. In der Zeichnung ist keiner seiner Landsleute so korrekt, in der Ausführung so geschmeidig; den ganzen Nachdruck legt der Künstler aber auf die malerische Durchbildung. In der koloristischen Wirkung, In der Harmonie der Farben entspricht der Feinmaler Ter Borch etwa dem Monumentalmaler P. Veronese. Wenn das Helldunkel einmal stärker hervortritt, so dient es dem Zwecke, die Lokalfarben lebhafter wirken zu lassen. In der Reinheit und Schönheit dieser Lokaltöne ist er unübertroffen. Um sie in voller Pracht zur Geltung zu bringen, wählt er die kostbarsten Gewänder; seine Atlasroben sind mit vollem Recht berühmt, aber auch beim Plüsch, beim Pelzwerk, den Teppichen, dem Silbergerät gibt er das Stoffliche, die Schönheit der Farbe mit gleicher Meisterschaft, ohne die Pinselführung, ohne den Auftrag der Farben zu zeigen oder gar glatt und geleckt zu erscheinen.

Man muß eines seiner häufigen Bilder, in denen ein weißes Atlaskleid die Hauptrolle spielt, einmal genauer betrachten, um zu sehen, wie er diese zauberische Wirkung erzielt, zu welchen raffinierten Mitteln er greift: eine Fülle mannigfacher zarter, farbiger Töne, die sich in den Lichtem und Reflexen der Stoffe bilden, sind über die Fläche zerstreut und zu dem geistreichsten Farbenbukett vereinigt. Mancher flüchtige Beschauer wird sich dessen kaum bewußt, da der Künstler bei aller Schönheit der Färbung, bei aller klugen Berechnung in der Behandlung doch immer den Ausdruck, die Situation anregend gestaltet Wenn in dem »Konzert« der Berliner Galerie die Cellospielerin im Vordergründe, die vom Rücken gesehen ist, wegen der unerreichten Schönheit der Farbenstimmung und Feinheit der Stoffbehandlung nicht genug gepriesen werden kann, so ist doch die Wahrheit, mit der die Gestalt in ihren prächtigen Kleidern zur Geltung kommt, die Feinheit, mit der ihr Spiel wiedergegeben äst, fast noch bewunderungswürdiger. Wir glauben ihr Gesicht zu erraten, ihr Spiel zu hören: so richtig ist Jeder Kontur, so fein belebt jede Bewegung.

Fast befremdend erscheinen demgegenüber auf den ersten Blick die Bildnisse, die bis vor wenigen Jahrzehnten fast unbekannt waren, weil sie in den Familien der Heimat des Künstlern, in Deventer und Zwolle verblieben waren, aus denen sie erst neuerdings in die öffentlichen und privaten Sammlungen übergegangen sind. Und doch wird ihre Zahl der seiner Genrebilder etwa gleich kommen. Diese Porträts sind zumeist fast farblos. Ihre Vorbilder haben sie in ihrem kleinen Format» in der Vorliebe für Darstellung der ganzen Figur, des einfarbigen Kostüms und der nüchternen Umgebung in den Bildnissen der älteren Sittenbildmaler, eines Hendrik Pot» S. Kick und W. Bartsius. Allein bei Ter Borch begründet sich diese Einfachheit in Ausstattung, Haltung und Färbung nicht mehr auf Naivetät und Ungeschicklichkeit wie bei jenen: sie ist vielmehr das Ergebnis kluger und doch echt künstlerischer Berechnung. Dafür war ihm, wie schon angeführt, Velazquez maßgebend. Während ihn die Bildniskunst Rembrandts und die des van Dyck nur wenig berührte» wurde der spanische Hofmaler für seine Auffassung wie seine malerische Empfindung bestimmend. An Stelle der ehrlichen, selbst derben Wiedergabe der Individualität jener alten holländischen Meister tritt bei Ter Borch eine gesuchte, fast raffinierte Auffassung der Persönlichkeit; der Ausdruck erscheint übertrieben kühl und distinguiert, die Umgebung dementsprechend übertrieben schlicht. Wie bei Velazquez» ist meist nur ein Tisch oder ein Stuhl der einzige Schmuck des Zimmers; zuweilen fehlen auch diese, und wie bei ihm ist dann kaum durch einen Strich angedeutet, wo sich der graue Fußboden von der gleich gefärbten Wand abhebt Die gleiche Verwandtschaft in der Färbung: mit Vorliebe sind die Dargestellten in schwarzes Tuch gekleidet, seltener in Seide; ist das Kostüm farbig, so pflegen Silbergrau und Weiß die bevorzugten Farben zu sein» die höchstens durch ein kokettes rotes oder blaues Bändchen belebt werden. Der Bezug des Stuhles oder die Decke des Tisches neben dem Dargestellten ist von einem mattroten, graulichen oder violetten Plüsch» für den Ter Borch bei seinen Bildnissen dieselbe Vorliebe zeigt» wie für den Atlas in seinen sittenbildlichen Darstellungen. Selten nur ist er ganz farbig» wie ja auch Velazquez zuweilen; und dann ist die Zusammenstellung der Farben von einer Feinheit in Haltung und Ton, die wieder in dem großen spanischen Bildnismaler das auffallendste Gegenbild hat; so in zwei köstlichen Bildnissen eines jungen schönen Holländers und seiner Gattin, im Besitz von Baron Gustav Rothschild in Paris, in einem Frauenporträt der Sammlung von J. Simon in Berlin und anderen mehr.

Daß Ter Borch nebst Rembrandt die bedeutendste, stärkste malerische Begabung der holländischen Kunst war, zeigt sich auch darin, daß seine künstlerische Kraft bis in sein Alter die gleiche bleibt. Bilder wie die Musikstunde der Galerie Six vom Jahre 1675 oder das schon um 1Ö80 entstandene männliche Bildnis im zopfigen Schlafrockkostüm in der Sammlung Michel zu Mainz geben seinen besten Gemälden aus den fünfziger und sechziger Jahren kaum etwas nach.

Ter Borch hat diejenigen Motive, in denen er uns bis vor kurzem allein bekannt war und denen er seinen großen Ruf verdankt, erst etwa seit der Mitte des Jahrhunderts, seitdem er sich in der Heimat wieder seßhaft gemacht hatte, gemalt War es etwa Rembrandt, der ihm allmählich den Sinn für eine größere Auffassung, für breitere Behandlung beibrachte? Mit ihm lebte er ja nach der Rückkehr von seinen Reisen in Amsterdam mehrere Jahre zusammen. Die ältere Gruppe seiner Genrebilder, die bis Ende der fünfziger Jahre entstanden sind, läßt uns diesen Einfluß am deutlichsten erkennen. Das voll einfallende Licht, das Helldunkel, das kräftige Zitrongelb als maßgebender Ton der Farbenskala, die körnige Behandlung im Licht lassen bei aller Eigenartigkeit doch herausfühlen, daß Ter Borch den Bildern des großen Meisters aus jenen Jahren dasjenige abzulernen verstand, was für seine Richtung und Begabung paßte. Auch gewinnt er erst unter Rembrandts Einfluß die Sicherheit der Komposition, die Meisterschaft in der taktvollen Wiedergabe der Situation, die ihn vor allen holländischen Malern des Sittenbildes auszeichnei Kaum ein anderer Künstler ist so anspruchslos in seinen Motiven, so einfach, ja anscheinend indifferent in Handlung und Bewegung. Seine Bilder, von mäßigem Umfange, enthalten meist nur zwei oder drei Personen, häufig nur eine einzige Figur, Ein junges Mädchen, musizierend oder singend, die ein junger Kavalier oder ein anderes junges Mädchen begleitet, eine Dame, der ein Herr oder ein Page einen Trunk anbietet, die einen Brief empfängt oder schreibt oder ihre Toilette vor dem Spiegel ordnet, der Besuch eines jungen Paares bei Bekannten: solche und ähnliche Motive wiederholt der Künstler mit geringen Veränderungen. Daß sich der Herr, der seinen Besuch macht, der zu dem Zitherspiel singt oder den Unterricht erteilt, für die junge Dame vor ihm interessiert, läßt uns der Künstler gelegentlich wohl aus seinem Blick erraten, aber diese Beziehung ist doch nur nebensächlich. Die Darstellung der malerischen Erscheinung ist ihm Hauptzweck; aber gerade dadurch haben die gleichgültigsten Situationen bei ihm die überzeugende Wahrheit, die Wirkung mannigfaltigster und feinster Charakteristik, welche unseren größten deutschen Dichter zu der bekannten novellistischen Deutung des Berliner Bildes geführt hat, das seither unter dem Namen der »väterlichen Ermahnung« geht Solche Bezüge lagen Ter Borch gewiß fern, aber daß die Charakteristik eine so scharfe, die Situation eine so natürliche ist, um solche Deutungen nahe zu legen, ist wahrlich nicht das kleinste Lob für den Künstler Denn nur die größten Maler verstehen es, durch ihre Werke einen Zauber über die Grenze ihrer Kunst hinaus auszuüben, poetische oder musikalische Stimmungen im Beschauer hervorzurufen.

Aus dem Buch: Rembrandt und seine Zeitgenossen : Charakterbilder der grossen Meister der holländischen und flämischen Malerschule im siebzehnten Jahrhundert. Bucherscheinung im Jahr 1906.

Siehe auch: Rembrandt und seine Zeitgenossen Teil 1, Rembrandt und seine Zeitgenossen Teil 2, Holländische Genremaler unter dem Einfluss von Rembrandt, Das Holländische Sittenbild, Rembrandt und seine Zeitgenossen – Frans Hals, Rembrandt und seine Zeitgenossen – JAN STEEN, Rembrandt und seine Zeitgenossen – GERARD TER BORCH, Rembrandt und seine Zeitgenossen – Die Landschaftsmalerei in Holland, Rembrandt und seine Zeitgenossen – HERCULES SEGERS, Rembrandt und seine Zeitgenossen – JAN VAN GOYEN UND SALOMON VAN RUYSDAEL, Rembrandt und seine Zeitgenossen – MEINDERT HOBBEMA, Rembrandt und seine Zeitgenossen – ARNOUD VAN DER NEER.

26 Comments

  1. […] Rembrandt und seine Zeitgenossen – Frans Hals, Rembrandt und seine Zeitgenossen – JAN STEEN, Rembrandt und seine Zeitgenossen – GERARD TER BORCH, Rembrandt und seine Zeitgenossen – Die Landschaftsmalerei in Holland, Rembrandt und seine […]

    24. April 2015
  2. […] Rembrandt und seine Zeitgenossen – Frans Hals, Rembrandt und seine Zeitgenossen – JAN STEEN, Rembrandt und seine Zeitgenossen – GERARD TER BORCH, Rembrandt und seine Zeitgenossen – Die Landschaftsmalerei in Holland, Rembrandt und seine […]

    24. April 2015
  3. […] Rembrandt und seine Zeitgenossen – Frans Hals, Rembrandt und seine Zeitgenossen – JAN STEEN, Rembrandt und seine Zeitgenossen – GERARD TER BORCH, Rembrandt und seine Zeitgenossen – Die Landschaftsmalerei in Holland, Rembrandt und seine […]

    26. April 2015
  4. […] Rembrandt und seine Zeitgenossen – Frans Hals, Rembrandt und seine Zeitgenossen – JAN STEEN, Rembrandt und seine Zeitgenossen – GERARD TER BORCH, Rembrandt und seine Zeitgenossen – Die Landschaftsmalerei in Holland, Rembrandt und seine […]

    26. April 2015
  5. […] Rembrandt und seine Zeitgenossen – Frans Hals, Rembrandt und seine Zeitgenossen – JAN STEEN, Rembrandt und seine Zeitgenossen – GERARD TER BORCH, Rembrandt und seine Zeitgenossen – Die Landschaftsmalerei in Holland, Rembrandt und seine […]

    26. April 2015
  6. […] Rembrandt und seine Zeitgenossen – Frans Hals, Rembrandt und seine Zeitgenossen – JAN STEEN, Rembrandt und seine Zeitgenossen – GERARD TER BORCH, Rembrandt und seine Zeitgenossen – Die Landschaftsmalerei in Holland, Rembrandt und seine […]

    28. April 2015
  7. […] Rembrandt und seine Zeitgenossen – Frans Hals, Rembrandt und seine Zeitgenossen – JAN STEEN, Rembrandt und seine Zeitgenossen – GERARD TER BORCH, Rembrandt und seine Zeitgenossen – Die Landschaftsmalerei in Holland, Rembrandt und seine […]

    28. April 2015
  8. […] Rembrandt und seine Zeitgenossen – Frans Hals, Rembrandt und seine Zeitgenossen – JAN STEEN, Rembrandt und seine Zeitgenossen – GERARD TER BORCH, Rembrandt und seine Zeitgenossen – Die Landschaftsmalerei in Holland, Rembrandt und seine […]

    28. April 2015
  9. […] Rembrandt und seine Zeitgenossen – Frans Hals, Rembrandt und seine Zeitgenossen – JAN STEEN, Rembrandt und seine Zeitgenossen – GERARD TER BORCH, Rembrandt und seine Zeitgenossen – Die Landschaftsmalerei in Holland, Rembrandt und seine […]

    28. April 2015
  10. […] Rembrandt und seine Zeitgenossen – Frans Hals, Rembrandt und seine Zeitgenossen – JAN STEEN, Rembrandt und seine Zeitgenossen – GERARD TER BORCH, Rembrandt und seine Zeitgenossen – Die Landschaftsmalerei in Holland, Rembrandt und seine […]

    28. April 2015

Comments are closed.