Rezeptive Begabung


Ach, sie tut uns wirklich not! Man höre nur in den Reden aller zeitgenössischen Künstler, der großen wie der kleinen: Überall ein Notschrei nach dem, der aufnimmt, nach dem, der durch sein Verlangen nach dem Kunstwerk diesem und seinem Schöpfer erst die eigentliche Autorisation verleiht. Kunst ist ganz sicher etwas Soziales. Sie setzt ihrem innersten Wesen nach den Zuschauer und Zuhörer voraus. Er gehört zu ihrem Begriffe, so gewiß dieser Begriff gipfelt in einem Deut-lichmachen, in einem Erkennbarmachen für Dritte. Kunst ist Mitteilungsdrang, und der Begriff „künstlerische Gestaltung“ wäre gar nicht zu konstruieren ohne Auge und Ohr des Rezeptiven.

Aus dem Inneren ein Äußeres machen, daran hängt des Künstlers Herz. Aber das Äußere, das nicht gesehen, nicht erkannt und geliebt wird? „Du großes Gestirn, was wärest du ohne die, denen du leuchtest?“ Mit diesen schopenhauerischen Worten verläßt Zarathustra seine Höhle. Und wie der Sonne, so geht es der Kunst. Sie „ist“ nur, soweit sie genossen wird.

Der Künstler unserer Zeit empfindet das mit grausamer Deutlichkeit. Schon ehe er sein Werk hinausgibt, spürt er das kalte, feindliche Schweigen, von dem sein Werk verschlungen werden wird. Er ist doch auch Kind seiner Zeit, leidet unter den gleichen Leiden, die die Tausende bewegen, freut sich an gleichen Freuden wie sie. Er hat ein Recht zu erwarten, daß man auf ihn horcht, wenn er die Früchte dieser Mit-Freude und dieses Mit-Leidens zu Markte bringt, wenn er gewissenhaft und redlich, mit Können und Fleiß das gestaltet, was aus der allgemeinen Nährquelle der Epoche ihm in den dargebotenen Becher fließt.

Statt dessen stößt er gerade dann auf Widerstand, wenn er dem inneren Gesetz am treuesten gehorcht hat. Wer hat es nicht schon erfahren, daß die Welt gerade das per-horresziert, was der Künstler am reinsten und am redlichsten gesagt zu haben glaubte? Immer will sie etwas abnehmen von seiner Originalität, von der Eigenart seiner Ausdrucksweise. Und noch häufiger als dieses wenigstens teilweise Zuhören ist wie gesagt das tote Schweigen. Der Künstler bietet Ware an, die niemand will.

Achtzig Prozent der Einsendungen werden von der Münchener Sezession alljährlich zurückgewiesen. Sie müssen zurückgewiesen werden, schon weil die vorhandenen Räume den Reichtum nicht fassen könnten. Das bedeutet ein ungeheures Angebot, dem keine Nachfrage entspricht, ja dem nicht einmal der Weg zu den „Konsumenten“ freigegeben wird. Eine böse Lotterie, fürwahr, bei der nur jedes fünfte Los gewinnt, und bei welchem Einsatz an Zeit, Kraft und Hoffnungen!

Und es drängt sich gerade hier die Frage auf, ob statt so vieler „produktiver“ Begabungen nicht besser „rezeptive“ Begabungen gezüchtet würden. Hand aufs Herz: Weiß nicht jeder von uns, der mit Künstlern viel Umgang hat, soundso viele davon zu nennen, deren künstlerische Neigungen sie gerade zu geschmackvoller, anspornender Rezeption, nicht aber zur Produktion befähigen? Aber unser Zeitalter hat den Tick aufs Produktive. Der nicht Produzierende gilt als Mensch zweiten Ranges. Sobald einer irgend ein Verhältnis, eine Neigung zur Kunst in sich spürt, wird schöpferische Begabung diagnostiziert und dadurch meistens nur ein Dilettant mehr in die Welt gesetzt. Aber Hinhorchen und Zusehen können, wenn einer etwas Ehrliches zeigt, das ist auch eine Tätigkeit, die aller Ehren wert ist.

Und rezeptive Begabungen möchte ich diejenigen nennen, die kulturelles Verantwortlichkeitsgefiihl in sich haben, die wissen, daß auch der verständnisvolle Zuschauer ein Arbeiter im Dienste der Menschheit ist. Rezeptive Begabungen nenne ich diejenigen, denen künstlerische Werte Realitäten sind wie Geld und Blut, denen ein Bild, ein Buch, ein Schauspiel wirklich erscheinen, als Bausteine am Bau der zeitgenössischen Kultur.

Aber bei uns in Deutschland ist es so — ich wähle ein Beispiel aus der Tätigkeit des Schriftstellers, der Klarheit wegen: Rede in deiner Zeitung, deiner Zeitschrift oder auch in deinen Büchern zehn Jahre lang mit Menschen- und mit Engelzungen, du hörst kein noch so leises Echo, sofern deine Leistung „nur“ auf erstklassige Form, „nur“ auf Tiefsinn und Originalität des Gedankens ausgeht. Aber schneide in der plumpsten, ungewähltesten Form eine „aktuelle Frage“ oder gar ein Sonderinteresse an, sprich aus, was nicht nur du allein und zehn andere, sondern Hunderte und lausende denken: sogleich bedeckt sich dein I isch mit Zuschriften, aus denen die leidenschaftlichste Parteinahme für und wider herausdröhnt. Was beweist das? Es beweist, daß gute Form und gutes Denken nicht als Realitäten gewertet werden.

Vor drei Jahren war’s, da schrieb in einer norddeutschen Zeitung ein völliger Neuling, dessen Namen noch niemand gelesen hatte, ein Feuilleton über irgend eine Sache, mit der vielerlei lokale Interessen verknüpft waren. Unter den Replizierenden befand sich ein Schriftsteller, der jahrelang in demselben Blatte kluge, sehr kluge und gut geschriebene Essais veröffentlicht hatte. Der Neuling errang mit diesem einen Aufsatz Ehre und Ansehen, mehr als der andere in fünf Jahren. Das gute bei der Sache aber war, daß der „Neuling“ und dieser andere ein und dieselbe Person waren, und diese Person pflegte dann von seinem pseudonymen Ich zu sagen: „Ich“ bin jetzt wesentlich berühmter als ich, obwohl ich genau fünfzigmal so viele und fünfzigmal bessere Arbeiten veröffentlicht habe als „Ich“.

Scherzhaft liest man manchmal das Bedürfnis nach Lesern und Beschauern, nach Kunstgenießern ausgebeutet, und es sind dann immer Dilettanten, denen man solchen Hunger nach Publikum unterschiebt. Ob aber gerade die Dilettanten unter diesem Mangel am stärksten leiden, bleibt fraglich. Zum echten, berufenen Künstler gehört das Bewußtsein, daß seine Werke Wirklichkeiten sind, daß sie innerhalb der menschlichen Gesamtentwickelung positiven und nicht unkontrollierbaren Wert haben. Sieht er diese Werte so nachlässig behandelt, wie es die Übung ist, so wird er darunter mehr leiden als der Dilettant, der von der „Läßlichkeit“ seines Tuns dennoch mehr oder minder tief durchdrungen ist.

Es gälte meines Erachtens an allen Stätten, wo auf Bildung und Erziehung der Menschen Einfluß geübt wird, darauf hinzuwirken, daß die Achtung vor dem Kunstwerk als einer sehr wichtigen und greifbaren Realität mehr verbreitet und die Tätigkeit der Rezeption, der Anteilnahme am Schaffen der Künstler mehr Menschen als heute zur persönlichen Angelegenheit gemacht werde. Der Künstler ist nicht möglich ohne den Kulturkreis, dem er angehört. Dafür empfängt dieser Kulturkreis aber von ihm sein Spiegelbild, seine Darstellung und Ausprägung und damit eine Förderung. Jedes Darstellen, jedes „Benennen“, sofern es aus guten Quellen schöpft, bedeutet die Eroberung neuer, sei es auch nur einer Fußbreite neuer Erde.

Wilhelm Michel.

Bildverzeichnis:
Carl Otto Czeschka-Grafik
Carl Otto Czeschka-Nibelungen
Carl Otto Czeschka-Nibelungen-Illustration
Carl Otto Czeschka-Radierung
E.Margold-Goldprägung-Buchband

Siehe auch:
Eindrücke von der Brüsseler Welt-Ausstellung
Bernhard Hoetger-Bildhauer
Georg Kolbe-Bildhauer
Eine Deutsche Welt-Ausstellung?
Erste Ausstellung der „Künstler-Vereinigung Dresden“
Wettbewerb für das Bismarck-National-Denkmal
Sascha Schneider auf der Dresdner Kunstausstellung
Otto Greiner
Modelle zum Völkerschlacht-Denkmal
Die Lebensfrage der Kunst
Die Landschaft ist ein Seelenzustand
Vom Wert der Anschauung
Ein Kriegerdenkmal
Fritz Boehle
Ratschläge vorm Verkauf von Kunstbesitz
Die Kunst nach dem Kriege
Ein Deutsches Ledermuseum
Heldenhaine und Ehrenhaine
Kriegs-Gedächtnis-Male
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Die Anfänge einer neuen Architektur-Plastik
Neue Brunnen und Denkmäler von Franz Metzner
Monumentale Kunst
Franz Metzner-Steinmetz und Bildhauer
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Zum Denkmals-Problem
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Die Wiener Plastik und Malerei
Vom Vorstellen und Gestalten des Kunstwerks
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Ausstellung Richard Teschner-Wien 1920
Gaston Béguin
Max Klinger-Dem Grossen Toten
Etwas über Kunstbesitz