Robert Bosch / Treue zum Werk


Als der Mechanikus Bosch 1887 im Hinterhaus der Rotebühlstraße 37b in Stuttgart Besuch bekam, ahnte er noch nicht, welche Folgen dieses Ereignis haben würde. Ein gewisser Herr Daimler kam mit einem besonderen Anliegen. Er wollte keine Klingelanlage, wie Bosch sie mit seinem Gesellen und seinem Laufjungen sonst in Wohnhäusern und Gasthöfen entrichtete. Der Besucher, der trotz seines vor vier Jahren geschaffenen ersten schnelllaufenden Verbrennungsmotors und des ersten Motorrades, das er danach baute, noch lange nicht der weltberühmte Mann war, wollte einen Zünder für seine ortsfesten Benzinmotore. Ob Bosch ihm diesen Apparat konstruieren würde? —

Der Bauer und Kronenwirt Servatius Bosch von Albeck bei Ulm hatte Robert, sein achtes Kind, zu einem Mechaniker und Optiker in Ulm 15 jährig in die Lehre gegeben. Das war aber nicht etwa Roberts Wunsch gewesen. Ihm hatte der Sinn nach den Naturwissenschaften gestanden, besonders der Botanik. Doch des Vaters Spruch hatte ihn gezwungen, sich mit den Anfangsgründen der Feinmechanik ebenso wie mit der Einrichtung elektrischer Telephon- und Lichtanlagen vertraut zu machen. Nach seiner Dienstzeit bei den Pionieren in Ulm finden wir ihn bei Schlickert in Nürnberg und — von Hause aus bemittelt und somit besonders ungebunden — in den Vereinigten Staaten.

Mit der schwäbischen Gründlichkeit und Zähigkeit hat sich Bosch dann der Anregung Daimlers gewidmet. Gewiß gab es Vorbilder in den Zündern, z. B. an den Deutz-Motoren. Trotzdem war das, was Daimler wünschte, eine konstruktiv neue Aufgabe. So entstand noch im Jahre 1887 der erste Bosch-Niederspannungs-Magnetzünder mit Abreißvorrichtung, dem neun Jahre später der tausendste folgte. 1901 zog Robert Bosch in das neuerbaute Fabrikgebäude, in dem seine nun 45 Arbeiter gegen Mitte des Jahres den zehntausendsten Magnetzünder fertigstellten, während daneben bereits Versuche mit einem neuartigen Hochspannungszünder anliefen.

So arbeitet Bosch mit Energie, ja Leidenschaft. Nicht die Leistung schlechthin, die überdurchschnittliche Leistung erhebt er zum Prinzip, zum Prinzip, das später unter dem Namen „Bosch-Qualität“ seinen Erzeugnissen den Weltmarkt öffnet. Mit den Erzeugnissen Geld verdienen? Gewiß, die Arbeiter und Werkstoffe müssen bezahlt werden. Doch „lieber Geld verlieren als Vertrauen“ — ein Grundsatz, der ihn auf seinem Wege zum Großunternehmer und Wirtschaftspionier unabdingbar begleitet, mit all der elastischen Konsequenz, die gerade den Schwaben kennzeichnet, und die Robert Bosch im Verein mit seinen charakterlichen Eigenschaften zu einem der erfolgreichsten Unternehmer Deutschlands macht.

1912 der 1000 000ste Magnetzünder. 1913 : 3750 Köpfe Belegschaft. Inzwischen die Aufnahme des Baues von Lichtmaschinen und Scheinwerfern, dann auch Anlassern — die Bosch-Kerzen werden zu einem Begriff. Der Krieg und die Nachkriegsjahre bringen zwar Veränderungen — doch der Aufstieg wird dadurch nur kurz unterbrochen. Das Bosch-Horn tritt seinen Siegeszug durch die Welt an. 1923 sind bereits über 100 000 Bosch-Lichtmaschinen und Bosch-Hörner in die Welt gegangen, die Zahl der Beschäftigten übersteigt 10 000. 1925 wird der Bau von Einspritzpumpen und Düsen für Dieselmotoren in Angriff genommen. 1928 kommt der Bosch-Winker. Beinahe die meisten Erzeugnisse sind in mehreren Millionen im Gebrauch. Die Motorisierung im neuen Reich bringt dem Hause Bosch naturgemäß neue, übergroße Aufgaben, ist das Haus doch mit der Motorisierung aufs innigste verbunden, ja es hat daran einen Anteil, den man als entscheidend betrachten darf. 1936, am Ende einer fünfzigjährigen Entwicklung, verfügt Robert Bosch über 16 000 Arbeiter und Angestellte.

Was sind nun die Gründe solcher Erfolge, solchen Aufstieges, solcher Entwicklung? Bosch, der als 81 jähriger im März dieses Jahres zu seinen Ahnen einging, ein Deutscher bis in jede Faser, und im besonderen ein Schwabe — er hatte so ganz und gar nichts Amerikanisches an sich. Er war anständig — von einem Ausmaß, von dem andere überzeugt sind, daß es den geschäftlichen Erfolg unmöglich macht. Er hatte Haltung, war klar, treu, freiheitlich, menschenliebend und wurde seinen Arbeitern und Angestellten „Vater Bosch“. Er war kein Erfinder, doch er holte die bestgeeigneten Fachleute heran, setzte sie an die Konstruktionen, förderte die Besten unter seinen Mitarbeitern und war gewissenhaft bis ins Letzte. Er stand zu seinen Erzeugnissen. Nur Qualitätserzeugnisse wurden hergestellt, nur Qualitätserzeugnisse verließen sein Haus. Um Qualitätsarbeit zu erreichen, hat er nichts gescheut, was in seinen Kräften stand. Und es stand viel in seinen Kräften, so viel, daß die Qualität seiner Erzeugnisse zum Begriff auf der Welt wurde. Bosch hat für die Motorisierung mit seinen Mitarbeitern – und gerade auf letztere Feststellung hat er immer Wert gelegt – einige ganz grundlegende Voraussetzungen geschaffen. Das Automobil trug seine Arbeit voran — aber andererseits förderte Bosch durch seine Zubehörteile die Entwicklung des Automobils. Diese technische Wechselseitigkeit fand in ihm den Mann, der das Zeug, den Charakter und den Weitblick hatte. Nur unter diesem Gesichtspunkt aber kann man seinen Aufstieg vom Mechanikus der achtziger Jahre, vom Handwerksmeister zum weltbekannten Wirtschaftsführer sehen. Sein Hochspannungsmagnetzünder ermöglichte erst den schnellaufenden Ottomotor. Nicht minder wichtig ist seine betriebssichere Hochspannungszündkerze, das Bosch-Horn, die spannungsregelnde Lichtmaschine. Seine Einspritzpumpe gab den Anstoß zum Siegeszug des Diesellastwagens. Seine Leichtöleinspritzung ermöglichte mit die unvorstellbaren Geschwindigkeiten der schnellsten Flugzeuge. Wenn Bosch nach der Jahrhundertwende den Achtstundentag einführte, später eine Alters- und Hinterbliebenenfürsorge schaffte, die „Bosch-Hilfe“, heute mit einem Kapital von 34 Millionen Reichsmark, so spricht daraus die Verbundenheit mit seinem Betrieb, die ihn eben zum „Vater Bosch“ machte. Es mag seinen ganz persönlichen Neigungen entsprochen haben — und mit ein Ausgleich für seine ersten jugendlichen Berufspläne gewesen sein — das „Robert-Bosch-Krankenhaus“ zu stiften, eine Klinik der homöopathischen Heilkunde, heute als Forschungsstätte anerkannt. Es entspricht darüber hinaus so ganz der unermüdlichen Produktivität seiner Persönlichkeit, was wir im „Bosch-Hof“ vor uns haben. Dieser entstand aus einem Torfwerk in Oberbayern und umfaßt heute mehrere Höfe mit zusammen über 1700 ha Fläche. Dieses Mustergut, von dem fast die Hälfte der landwirtschaftlich genutzten Fläche durch Urbarmachung von Hochmooren gewonnen wurde, ist ein wichtiger Versorger der Hauptstadt der Bewegung geworden.

Bosch hat es sich nie verdrießen lassen, gegen Leistungen mit Leistungen aufzukommen. So hat ein einzelner aus Treue zu seinem Werk, zur Verpflichtung etwas Einmaliges, Gediegenes zu schaffen und das Geschaffene immer mehr zu vervollkommnen, für die Volksgemeinschaft Wertvolles und Bleibendes geleistet. Je bescheidener die Mittel waren, die ihm anfangs zur Verfügung standen, je stärker die Hindernisse, die sich ihm entgegenstellten, desto treuer blieb er der inneren Verpflichtung gegenüber, die er als Aufgabe sah wie der Künstler sein Werk.

Franz Spreither.