Römische Spätzeit – Anfänge Japans

Eine Weltgeschichte in einem Bande.

In China war auf die Flut der Ausdehnung  die Ebbe eingetreten. Als nach dem Tode jenes Griechenkönigs von Kaschmir, des Hermaios, eine Gesandtschaft aus diesem Alpenlande in der Residenz des Himmelssohnes anlangte, gab man den Bescheid: Kaschmir ist zu weit entfernt, um mit ihm Beziehungen zu pflegen. Diese Zurückhaltung hinderte aber nicht, daß wenigstens kulturelle Beziehungen entferntester Art Platz griffen. Der Buddhismus gelangte 67 n.Ch. erstmalig nach China. Er wurde vom Kaiser selbst mit Wohlwollen aufgenommen. Einstweilen jedoch waren seine Fortschritte nur sehr langsam. Auf griechischen und persischen Mustern aufgebaut, entwickelte sich in Afghanistan, unter Beiwirkung der Dravida, die damals wohl noch bis Mekran, einer Provinz Südpersiens wohnten, ein Mischstil. Nach der südafghanischen Stadt Gandhara wurde er Gandharastil genannt. Er lieferte die Grundlage für die ganze buddhistische und auch einen Teil der brahmanischen Skulptur. Von Indien aus verbreitete sich diese Bildhauerei einerseits nach Ostasien, andrerseits bis Java. In so manchen Buddhastatuen, besonders in den Falten des Gewandes, erkennt man noch deutlich das griechische Vorbild, erkennt man Statuen des Äschines und Sophokles. Durch die Griechen hat die chinesische Bildhauerei, und zugleich auch die Malerei, ihre bedeutendsten Anregungen erhalten.

Auf die politische Ebbe folgte um das Jahr 100 nach Christi wieder eine große Flut. Ein chinesischer Feldherr, Pantschao, zog nach Westen und brachte alle Völker bis zum Aralsee dazu, die Oberhoheit des Himmelssohnes anzuerkennen. Möglicherweise hat sogar eine chinesische Truppe bei Kämpfen mitgewirkt, die im östlichen Armenien spielten.

Mit der größten Ausdehnung der Chinesen fiel die der Römer zusammen. Im Westen war wieder ein neues Herrscherhaus aufgekommen. Ein alter Senator, Nerva, wurde 96 zum Kaiser ausgerufen. Er adoptierte den Trajan, der zwei Jahre später den Purpur annahm. Trajan war für Kampf und Abenteuer. Er beschloß, die konservative Verzichtleistung, die bisher, abgesehen von Britannien, in der auswärtigen Politik geübt worden war, zu durchbrechen und von der Verteidigungsstellung, bei der man sich bisher begnügt hatte, wieder zum Angriffe vorzugehen. In allen seinen Unternehmungen begleitete den Trajan das schönste Glück. Zudem bewies er, daß er nicht nur als Feldherr, sondern auch als Organisator und Verwalter Bedeutendes leisten konnte. Im Jahre 106 unterwarf erDacien, das heutige Rumänien, und besiedelte es mit seinen Veteranen und anderen Kolonisten. Im Jahre 113 begann er einen großen Krieg gegen die Parther, in dessen Verlauf Ktesiphon erobert und gestürmt wurde, und ganz Mesopotamien den Römern zufiel. Dabei wurde das Vorgehen Trajans durch einen gefährlichen Aufstand erschwert, den die Juden in Syrien und Nordafrika anzettelten. Der große Eindruck, den die Zerstörung Jerusalems durch Titus gemacht hatte, war schon wieder verblaßt. Auch war die Stadt wieder erstanden, wenn auch nicht in dem gleichen Glanze und Umfange wie früher.

Der Erwerb Mesopotamiens wäre von weltgeschichtlicher Bedeutung gewesen. Rom, das schon alle Küsten des Mittelländischen Meeres und die westeuropäischen Gewässer nebst der Nordsee beherrschte, hätte dann auch den ganzen See- und zugleich den Überlandverkehr nach Indien in die Hand bekommen — eine Kombination, wie sie erst in unserer Zeit England beinahe geschaffen hat. Die einzigartige Gunst der Lage dauerte jedoch für Rom nur zwei Jahre. Trajan starb, als er sich eben zu dem Feldzug gegen die Juden in Bewegung setzen wollte. Sein Nachfolger aber, der von ihm adoptierte Hadrian, gab die Eroberungen an der Ostgrenze auf. Er hielt es für weise Mäßigung, sich von „uferlosen Plänen“ frei zu halten. Militärisch war der schwächliche Verzicht durchaus nicht geboten. Auch half er insofern nicht das Geringste, als alle Augenblicke doch wieder Kriege mit Persien ausbrachen. Zunächst freilich hatte der neue Kaiser alle Hände voll zu tun, um die Juden niederzuschlagen. Die Operationen glückten; Jerusalem wurde belagert und abermals zerstört. An seiner Stelle wurde eine römische Niederlassung begründet, die nach Aelius Hadri-anus, dem Kaiser, den Namen Aelia Capitolina erhielt. Von nun an war Jerusalem dauernd für die Juden verloren. Sie zerstreuten sich hinfort in alle Welt. Besonders in Mesopotamien, aber auch im fernen Westen, im romanischen Europa, und selbst in Marokko, mehrten sich ihre Kolonien und wuchsen an Kopfzahl. Die Zerstreuung der Juden hat im Grunde bis zum heutigen Tage gedauert. Der Schlag traf das geistige Leben des Volkes besonders hart. Die Überlieferung wurde durchbrochen und hörte einige Geschlechter hindurch ganz auf. Es fehlte sogar fast völlig an Rabbinern und Synagogen. Erst im dritten Jahrhundert sammelten sich allmählich wieder Gemeinden. Der Mittelpunkt der rabbinischen Wissenschaften wurde Mesopotamien. Die Pirkeh Abboth, die „Sprüche der Väter“ wurden gesammelt. Die Grundlagen entstanden für den Talmud. Das Ritual und dieTheologie der heutigen Juden’geht eigentlich auf jene Epoche der Frühzeit des Talmud zurück, und nicht auf das alte Testament.

Audi Hadrian brach mit mancher alten Überlieferung innerhalb seines eigenen Kreises. Eine äußerliche Kleinigkeit: er hat, entgegengesetzt der Gewohnheit völligen Rasierens, die seit Jahrhunderten Mode war, den Bart wiedereingeführt. Das ist von jetzt an Sitte geblieben, während es bisher für eine schmutzige Gepflogenheit galt, die sich höchstens die Anhänger einiger Philosophenschulen herausnehmen durften. Auf vielen Gebieten suchte sich Hadrian zu betätigen. Er entfaltete eine unersättliche Bauwut. Er hatte eine Leidenschaft für das Wandern und allerlei Sport. Fast alle Teile des weiten Reiches hat er selbst durchzogen. Er war wohlwollend und menschlich, aber sehr launisch, und gegen Ende seines Lebens, wie so manche Herrscher, argwöhnisch und mitunter grausam. Einen Sohn hinterließ er ebensowenig wie seine beiden Vorgänger. Es ist höchst merkwürdig, daß auch noch sein Nachfolger keine Kinder hatte und zu dem gleichen Mittel wie er griff, um keinen Bruch in der Überlieferung eintreten zu lassen, so daß über achtzig Jahre lang die Dynastie sich lediglich durch Adoption fristete.

Die gleiche Beobachtung können wir in Japan machen. Zwar besteht dort noch jetzt die amtliche Auffassung, daß die Mikado von 660 v. Chr. bis zur Gegenwart in ununterbrochener Reihenfolge „das Land der Götter“ beherrscht hätten. Erstens ist das frühe Datum ganz und gar sagenhaft. Die Japaner treten nicht vor der Zeit Christi in das Licht der Geschichte, und zwar als Seeräuber, die an der südkoreanischen Küste landeten, und erst im zweiten und dritten Jahrhundert hören wir einiges wenige, aber auch nicht sehr genaues, über ihre Sitten und Staatsverfassung. Die Vorfahren der Mikado waren damals noch Stammeshäuptlinge, oder im besten Falle Fürsten von Stammesbünden. Unabhängige Staatswesen entstanden in Japan an mindestens drei verschiedenen Orten und wahrscheinlich annähernd zu gleicher Zeit. Die Ausstrahlungspunkte der frühen Kultur waren alle im Süden des Landes. Ihrer Rasse nach sind die Japaner ein Mischvolk. Sie gehören einerseits den Uralaltaiern, andererseit den Malaien an. Auch sind noch andere Elemente, Zwerge und Aino, in ihr Volkstum aufgegangen. Von den malaischen Vorfahren haben die Japaner ihre auffallende Vorliebe fürs Baden, und für das was wir heute Nacktkultur nennen würden. Nicht minder die Anlage zur Kunst. Auch der Hausbau der Japaner und manche ihrer Tänze gehen auf malaische Muster zurück. Nach und nach schlossen sich nun die verschiedenen, noch locker gefügten Stammesbünde zu einem einheitlichen Staatswesen zusammen. An die Spitze traten die Mikado, die in der südwestlichen Landschaft Yamato ihren Stammsitz hatten, und die auf die strahlende Sonnengöttin Amaterasu ihren Ursprung zurückleiteten. Wie die römischen Kaiser des zweiten Jahrhunderts, so haben nun auch die Mikado nur durch Adoption ihre Dynastie so lange zu fristen verstanden, allerdings gleich für siebzehn Jahrhunderte. So ist die Dynastie Japans doch die langlebigste aller Dynastien geworden.

Etwas länger als das Inselreich war schon Korea aus dem Dunkel geschichtsloser Nacht emporgetaucht. Um das Jahr 200 vor Chr. bildete sich, von dem Chinesen Kidja und dem einheimischen Krieger Weiman begründet, ein mächtiger Staat in Nordkorea. Einige Geschlechter darauf entsteht das Reich Pak-jeh, in der Mitte, undSillah, im Süden der Halbinsel. Zeitweilig gerät das ganze „Land der Morgenfrische“ in Abhängigkeit von China. Seit der Zeit Christi aber wird die Unabhängigkeit, und werden die erwähnten drei einheimischen Reiche so ziemlich wiederhergestellt. Seit dem dritten Jahrhunderte vor Chr. dringt der Buddhismus in Korea ein. Daneben gewinnt die chinesische Bildung an Boden.

Wie in der nördlichen Hälfte Asiens, so breitet sich der Buddhismus auch in der Südhälfte aus. Die Schnelligkeit der Ausdehnung wird durch eine Kirchenspaltung und den hierdurch entzündeten Eifer der Nebenbuhlerschaft noch beschleunigt. Die mehrfach genannten Jüetschi, deren Wanderung die erste Ursache zum Hunnensturm (und, im Anschluß daran, zu europäischen Umwälzungen) gab, herrschten jetzt über ganz Hindo-stan, das heißt die Tiefebenen des Indus und des Ganges, oder mit anderen Worten, die größere Hälfte der Himalaja-Insel, und außerdem über ganz Mittelasien, mit Einschluß von Afghanistan und einem Teile Westturkestans. „König der Könige“ war bei den Jüetschi der große Kanischka. Er hielt um 130 nach Chr. ein ökumenisches Konzil des Buddhismus ab. Richtiger: er wollte es abhalten. Denn die Buddhisten von Ceylon, und überhaupt vom äußersten Süden machten eine Sezession, und gründeten eine eigeneSekte, die des „Kleinen Wagens“. Die Sprache dieser Südsekte wurde in den heiligen Büchern das Pali, eine Base des Sanskrit. Die nördlichen Buddhisten glaubten dagegen im Besitz des „Großen Wagens“ zu sein, um die Lehren Buddhas darin fortzutragen. Die Nordsekte, die Anhängerin des „Mahajana“, erlaubte, die heiligen Schriften in einheimische Sprachen zu übersetzen. So entstand ein chinesischer, ein mongolischer, und mehrere Jahrhunderte später ein tibetischer und japanischer Kanon der buddhistischen Bibel.

In Siam ist einstweilen nur die brahmanische Religion mächtig. Ebenso auf den Sundainseln, wo sie dem einheimischen Heidentum eine Anzahl von Gläubigen entrissen hatte. Tibet liegt noch ganz in Nacht. Dagegen hören wir in Arabien von jüdischen und christlichen Kolonien.

Hier ist der Ort und die Zeit, von der Gesamtbevölkerung Asiens zu sprechen. Begreiflicherweise sind wir vielfach lediglich auf Schätzungen angewiesen. In den ersten nachchristlichen Jahrhunderten wird Asien beiläufig 230 Millionen Seelen beherbergt haben. Die Volkszahl Europas mag sich auf 35 Millionen belaufen haben. Mithin betrug die Bevölkerung des kleineren Erdteils nicht einmal ein Sechstel von der des größeren Kontinents. Heute beträgt sie fast die Hälfte. Das Verhältnis hat sich also stark zugunsten Europas verschoben. Zum Teil ist daran eine Wanderung von Osten nach Westen schuld. Die Juden konnten ehedem in Asien auf eine Kopfzahl von annähernd drei Millionen blicken, denen kaum einige Hunderttausende, wenn nicht nur Zehntausende, in Europa gegenüberstanden: heute ist ihre Zahl in Asien auf zwei Drittel Millionen gesunken (und das trotz der jüngsten Einwanderung in Syrien und Sibirien), während in Europa neun Millionen wohnen. Sodann sind, wie wir weiter unten sehen werden, große Stämme, wie die Zigeuner und die Türken, von Asien nach Westen gewandert. In der Hauptsache aber rührt der Aufschwung, die jetzige günstigeLage Europas, von der Urbarmachung und Neubesiedlung der europäischen Länder nördlich von den Pyrenäen und Alpen her. Man bedenke, daß Gallien nach dem Abzug Cäsars nur wenig über eine Million Bewohner hatte, und daß Germanien höchstens vier Millionen Seelen besaß. Jetzt ernährt Frankreich vierzig und Deutschland fünfundsechzig Millionen Menschen. Ganz Europa hat heute 445 Millionen gegenüber den 930 Millionen Asiens.

Gegen Ende des zweiten Jahrhunderts nach Christi brachen blutige Thron wirren sowohl im chinesischen, als auch im römischen Reiche aus. Der Aufstand „der gelben Turbane“ dauerte in Ostasien fünfzehn Jahre, im Abendlande, wo Prätendenten in Syrien, am Bosporus, in Gallien, Britannien und Italien selbst zu bekämpfen waren, drei Jahre. Als Sieger ging aus dem Streite der Afrikaner Septimius Severus hervor, der zu Karnuntum, unweit vom heutigen Wien, von den Truppen ausgerufen wurde. Belangreiche Ruinen von Karnuntum hat die Gegenwart ausgegraben. Severus brachte dem sinkenden Reiche noch einmal neuen Glanz. Er vermehrte das stehende Heer auf das Vierfache. Er schlug sich überall tapfer herum; im Osten mit den Parthern, in Syrien mit den Juden, gegen die er die Hilfe der Samaritaner erhält, in Britannien mit den Gebirgsvölkern, den Pikten und Scoten, ferner mit Armeniern und Pannoniern. Sein Sohn Karakalla besiegte 207 die Germanen in Rätien. Neuerdings war ein Vormarsch der Germanen nach den Alpen und nach dem Schwarzen Meere eingetreten. Die Goten wurden die Herren aller der weiten Striche zwischen Schwarzem Meer und Südschweden, wo Götaborg und Gothland noch von ihnen zeugen. Unter den Taten des Severus war eine fast dreijährige Belagerung von Byzanz. Die Nachricht vom Falle der Stadt kam, in anscheinend nur zehn Tagen, nach Mesopotamien, wo sich damals der Kaiser aufhielt. In wenig mehr als drei Monaten marschierte dann der Kaiser mit seinem Heer bis zur mittleren Donau — wiederum eine der großartigen Marschleistungen der römischen Soldaten. Auch gegen die Araber hatte der Kaiser Kämpfe zu bestehen. Wie die Germanen von Norden, so drängten die Araber von Süden her in die fruchtbaren Provinzen des römischen Reiches. Die Wanderung der Araber erreichte bereits den oberen Euphrat. Gegen sie allein hatte Severus keinen Erfolg aufzuweisen. Ein Fehlschlag war auch die Verfolgung der Christen, die er 201 befahl. Ein origineller Zug des Kaisers war folgender. Er ließ dem Hannibal ein Denkmal setzen. Es ist sonst kaum üblich, daß ein Herrscher den Fürsten eines feindlichen Volkes durch ein Denkmal ehrt. Nur Wilhelm II. hat dies für Antoninus Pius auf der Saalburg getan. Zur Erklärung von Severus Handlung wird man jedoch annehmen müssen, daß er in Hannibal seinen Rassegenossen sah. Severus hat eine Semitin geheiratet, die Syrerin Julia Domna. Der Kaiser führte noch einen Wallgraben von Meer zu Meer durch Schottland. Er dämpfte den Aufstand der Mäaten und Kaledonen und starb in Ebora-kum, dem heutigen York. Neben Karnuntum an der Donau, Aventikum, dem heutigen Avenches in der Schweiz, Argen -toratum, jetzt Straßburg, Kolonia, jetzt Köln, Lugdunum oder Lion, Londinium oder London, und vielleicht noch Kantabrigium oder Canterbury gehörte Eborakum zu den bedeutendsten Städten der nördlichen Provinzen Roms.

Es folgte Karakalla. Er besiegte abermals germanische Stämme, nämlich die Markomannen und Allemannen in Rätien, erlitt jedoch eine Schlappe durch die Hand der Chatten, die sich heute Hessen nennen. In Thrakien bezähmte er ein tscherkes-sisches Volk, die Jazygen. Was aber den Namen des Karakalla auf die Nachwelt gebracht hat, war seine Verordnung, kraft deren alle Bewohner des Imperiums das römische Bürgerrecht erhalten sollten. Der Unterschied der Rassen war also aufgehoben. Aber nicht der Stände. Denn die Verordnung kam nur den Freien zugute, nicht den Sklaven.

Mit dem severischen Hause waren Semiten auf den Kaiserthron gekommen. Von jetzt an ist überhaupt kaum noch ein Römer Kaiser geworden. Meist waren es Männer der Provinz, die den Purpur an sich rissen. Gleich nach dem Tode des Alexander Severus (235), des letzten der Dynastie, bemächtigte sich ein Thraker, Maximinus, ein gewöhnlicher Soldat, aber ein tüchtiger Krieger von riesiger Länge und Körperkraft, der Zügel der Herrschaft. Ein halbes Jahrhundert hindurch folgte ein Usurpator auf den andern. Man sprach von der Zeit der dreißig Tyrannen. Im ganzen Reiche war Anarchie obenauf, und jedermanns Hand war wider jedermann. Dieselbe Erscheinung in China! Thronkämpfe und Zersplitterung. Eine Periode der „drei Reiche“ und dann gar der „sechzehn Reiche“. Die Han hörten seit 216 auf zu regieren, Tungusische, Hunnische und Tibetische Häuptlinge warfen sich zu Teilkaisern im Reiche der Mitte auf. Nicht selten konnten sie einen Anspruch auf Legitimität erheben, da die Ahninnen so mancher Häuptlinge chinesische Kaisertöchter gewesen waren, die sich bei irgendeinem Friedensvertrag Barbarenfürsten als besonderes Unterpfand ausbedungen hatten. Ähnlich erhoben sich im großen Reiche des Abendlandes Thraker, Araber, Spanier und Illyrier. Nur galt hier der Grundsatz der Legitimität nichts; Gewalt allein gab den Ausschlag. Wer die Truppen für sich hatte, konnte nach dem Purpur langen; wer die Gunst der Truppen verlor, wurde von steiler Höhe wieder herabgestoßen und ermordet. Zuletzt gelang es einem Illyrier, Diokletian, sich an der Spitze zu behaupten und die zerfallenen Teile des Reiches wieder zusammen zu schweißen. Die Sehnsucht nach Einheit stachelte ihn ferner zu einer Christenverfolgung auf. Er sah eben in dem Christentum ein Element der Zwietracht, der inneren Zerklüftung.

Eine Festigung der Verhältnisse vollzog sich nur in Persien. Dort erhob sich eine nationale Dynastie, die Sassaniden. Sie knüpfte an die alten großen Erinnerungen der Achämeniden an, denen ein Cyrus und ein Darius angehört hatte. Sie strebte namentlich nach einer Einigung der Gemüter, und zwar durch eine Vertiefung des Glaubens. Zu dem Ende ließen die Sassaniden die heiligen Schriften sammeln, in denen die Aussprüche Zarathustras und andere Stücke zusammengefaßt sind. Man nennt die Sammlung den Zendavesta. Die Sassaniden regierten über vierhundert Jahre. Sie begannen 224 und erreichten ihre Blüte nach 500. Unter ihnen nahm die Kunst einen hohen Aufschwung. Die Teppichweberei erreichte einen staunenswerten Grad von Vollkommenheit. Wahrscheinlich haben alle anderen Völker sie von den Persern gelernt. Die Kenntnis der Glasbläserei ist im vierten Jahrhundert von Persien nach China gewandert. Nach außen hin hatte Persien lange nicht so glänzend dagestanden. Es eroberte Armenien und führte dort, nicht ohne rücksichtslose Grausamkeit gegen die Heiden sowohl als auch gegen die Christen, die Lehre Zarathustras ein. Die Statthalter der Sassaniden faßten in Arabien Fuß. Das Gebot des Großkönigs wirkte selbst bis nach Ceylon hinüber, wo es mit Sendlingen der aufstrebenden abessinischen Macht zusammentraf. Zeitweilig überschwemmten persische Heere ganz Vorderasien, eroberten Jerusalem und lagerten sogar auf dem asiatischen Ufer des Bosporus, gegenüber von Konstantinopel.

So hieß nämlich jetzt Byzanz. Ein Nachfolger Diokletians, der seinen Lebensabend an der dalmatinischen Küste in Spalato verbrachte und dort einen ungeheuren Palast errichtete — das ganze mittelalterliche Spalato ist auf dem Boden dieses Palastes und von seinen Steinen erbaut — war Konstantin. Er verlegte das Schwergewicht des römischen Reiches nach Osten, nach Byzanz, das er nach seinem eigenen Namen umtaufte. Er entschloß sich ferner zu einem schroffen Wandel in der Religionspolitik.

Im dritten Jahrhundert wurde die Lehre Zarathustras die Staatsreligion von Persien. Im vierten Jahrhundert verkündete Konstantin die Duldung des Christentums, das unter seinen Nachfolgern ebenfalls zur Staatsreligion erwuchs. Im fünften Jahrhundert wurde der Buddhismus eine der staatlich anerkannten Hauptreligionen Chinas.

Jetzt warfen sich Hunnen und Germanen und später die Araber auf das Römerreich.

Zu gleicher Zeit stürzten sich neue Scharen von Tungusen und Hunnen und Tibetern und dazu, neuauftauchend, Türken, Mongolen und Malaien auf China.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han