Rußlands Handel mit Persien

Um die in letzter Zeit mehrfach geprüfte Frage über die Ausdehnungsfähigkeit des deutschen Handels nach Persien richtig beurteilen zu können, erscheint es zweckmäßig, die Handelsbeziehungen Rußlands zum persischen Absatzgebiet näher zu betrachten, denn Rußlands Anteil am persischen Handel umfaßt bekanntlich weit über die Hälfte des gesamten Warenumsatzes, der aus- und eingehend sich über die persische Grenze bewegt. Jeder Konkurrent Rußlands auf dem persischen Markt tut daher gut, sich über die Verhältnisse näher zu unterrichten, unter denen der russische Handel in Persien vorwärtsschreitet.

Für den Warenaustausch zwischen Rußland und Persien ist vor allem das eine charakteristisch, daß die Einfuhr russischer Waren nach Persien und die Ausfuhr persischer Produkte nach Rußland dem Umfange nach einander nahezu gleichstchen. Diese günstige „Handelsbilanz“, die zwischen Rußland und Persien besteht, ist mit ein Grund dafür, daß die persischen Kaufleute den russischen Markt allen andern Absatzgebieten vorziehen. Weiter wirken noch folgende Umstände fördernd auf den persisch-russischen Handelsverkehr.

Rußland besitzt in seinen kaukasischen und transkaspischen Gebieten eine mokamedanische Bevölkerung, die hinsichtlich ihrer Kultur und ihrer Lebensbedürfnisse auf gleicher Stufe steht, wie die Bevölkerung Persiens. Im Westen, Süden und Osten des Kaspischen Meeres dehnt sich also in leicht erreichbarer Nähe der russischen Produktionszentren ein Marktgebiet einheitlicher Art aus, dessen Bearbeitung dem russischen Kaufmann trotz des Bestehens politischer Grenzen leicht fällt. Dazu kommt, daß von russischer Seite Persien auf dem Gebiet des Zollwesens Vergünstigungen zugebilligt worden sind, die die Wirkung der politischen Grenzscheide zwischen beiden Ländern nahezu aufgehoben haben. Persische Baumwolle z. B. zahlt bei der Einfuhr nach Rußland 10% des bestehenden Zollsatzes, genießt also für diesen Artikel eine Begünstigung von 90o%. Den persischen Käufern russischer Waren werden anderseits beim Ankauf erhebliche Rabatte gewährt; alles Mittel um den persischen Handel nach Rußland hinüberzuziehen.

Eine natürliche Unterstützung seiner Handelstätigkeit findet der russische Kaufmann noch in dem Umstande, daß der an russisches Gebiet angrenzende nördliche Teil von Persien fast die Hälfte der Gesamtbevölkerung des Landes umfaßt; diese am dichtesten bevölkerten Teile Persiens sind durch Bahnen und Dampferlinien mit dem russischen Eisenbahnnetz verbunden. Im Westen reichen die russischen Bahnlinien bis nach Djulfa an der persischen Grenze. In der Hafenstadt Rescht am Kaspischen Meere, die mittels einer bereits angelegten Chaussee mit Teheran verbunden ist, verkehren die Schiffe der russischen Dampfergesellschaften. Im Osten ist zwischen Mesched, der Hauptstadt von Chorossan, und der an der transkaspischen Bahn auf russischem Gebiete gelegenen Stadt Aschabad eine gut in Stand gehaltene Gebirgsstraße angelegt. Rußland ist also imstande, seine geographisch an sich schon günstige Lage nach Persien hin mit Hilfe moderner Verkehrsmittel auszunutzen.

Wie schwer es andern handeltreibenden Staaten fällt, gerade in den nördlichen Teilen von Persien dem Vordringen des russischen Handels entgegenzutreten, haben besonders die Engländer schwer empfunden. Die auf diesem Gebiete gesammelten Erfahrungen mögen sie nicht zum wenigsten dazu veranlaßt haben, in jenem vor zwei Jahren abgeschlossenen Abkommen mit Rußland in eine Scheidung der Interessensphären einzuwilligen.

Mag nun auch der Norden von Persien, seiner ganzen geographischen Lage nach, dazu bestimmt sein, handelspolitisch in immer größere Abhängigkeit von Rußland zu kommen, so befinden sich im Westen und Südwesten von Persien, z. B. zwischen Hamadan und Kermandja, weite Gebiete, die als neutrale Zone betrachtet werden können und die als aussichtsreiches Wirkungsgebiet auch der deutsche Handel ins Auge fassen sollte.

In einem weiteren Artikel gab ich Aufklärung über ein in der Presse aufgetauchtes Gerücht, demzufolge der persische Markt für den russischen Handel verloren sei; es war eine der sattsam bekannten, auch in die deutsche Presse mitunter lanzierten Meldungen, die nur dazu bestimmt sind, die Leser in Aufregung zu versetzen, um dann mit um so größerer Aussicht auf Erfolg auf das angeblich so bösartige Treiben Deutschlands in Persien hinweisen zu können.

D. O. K. 1909, 1. Oktober.

Text aus dem Buch: Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte, Verfasser: Wiedemann, Max.

Siehe auch:
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Vorwort
Die Türkei, Deutschland und die Westmächte.
Deutschlands Verhältnis zur Türkei
Der Verkauf deutscher Kriegsschiffe an die Türkei
Die Sorgen der türkischen Marine um ausreichende Transportschiffe
Frankreich — noch immer die „christliche Vormacht“ im Orient
Frankreich als Lehrmeister der neuen Türkei
Eine türkische Studienreise nach Frankreich
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Überraschungen
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Nervosität
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Übertreibungen
Der Streit um die Bagdadbahn
Deutschland und die Bagdadbahn
Die Bahn von Bagdad nach Damaskus
Der Anteil Deutschlands am Handelsverkehr in Bassra und Bagdad
Einiges über Kapitalanlagen in türkischen Eisenbahnbauten und über die Bagdadbahn
England deckt im Streit um die Bagdadbahn seine Karten auf
Kuweit als Endpunkt der Bagdadbahn aufgegeben?
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Eine Enttäuschung
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Politische Phantasien
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Persien
Die Entwicklung des deutschen Handels mit Persien