Sage und Religion – 1. Der Weltuntergang und der Raub des Feuers

Erzählt von dem Chanéindianer Batirayu vom Rio Parapiti.

Es war einmal in alten Tagen ein sehr armer Mann, der in den Wäldern umherirrte und keinen festen Wohnsitz hatte. Wenn er in die Dörfer kam, jagte man ihn fort und hetzte die Hunde auf ihn. Als der Mann sah, daß man ihn in keinem Dorfe wohnen lassen wollte, machte er sich eine Hütte, „tocay“(x. Dort kamen allerlei schöne Vögel zur Hütte, und die meisten wurden bald so zahm, daß er sie fangen konnte. Der Mann dachte:

„Gehe ich mit diesen prächtigen Vögeln in ein Dorf, so nimmt man mich vielleicht auf.“

Er nahm nun die Vögel und ging in die Dörfer. Alle fanden die Vögel schön, nirgends wollte man ihn aber wohnen lassen. Der Mann ging nach seiner Hütte zurück. Eines Tages kam Anatunpa (x2 in Gestalt eines schönen Vogels zu ihm. Was ist das für ein merkwürdiger Vogel, dachte der Mann. Anatunpa sagte, er sei gekommen, um ihm zu helfen, und gab ihm ein Paar Flügel.

„Wenn du in ein Dorf kommst, sollst du die Flügel bewegen und dann donnert es,“

sagte Anatunpa.

„Wollen sie dich trotzdem nicht wohnen lassen, so erhebe die Flügel.“

Der Mann ging in ein Dorf, wo ein großes Trinkgelage stattfand. Man wollte ihn nicht aufnehmen. Er bewegte die Flügel und es donnerte. Man glaubte, die Medizinmänner seien es, die donnerten, und kümmerte sich nicht um ihn. Wieder bewegte er die Flügel und es donnerte. Man glaubte immer noch, es seien die Medizinmänner, die donnerten, und kümmerte sich nicht um ihn. Als er endlich sah, daß man ihn nicht wohnen lassen wollte, sondern ihn fortjagte, erhob er die Flügel, die er verborgen hatte. Da kam ein Sturm, der riß alle fort, außer zwei Knaben und einem Mädchen.

Diese, die nun allein waren, wollten kochen, aber sie hatten kein Feuer. Sie hatten Kürbis und Mais, konnten sie aber nicht rösten. Da kam ein alter Mann, die Sonne, mit einem Feuerbrand zu ihnen. Er röstete einen Kürbis und aß ihn, als er aber fort ging, nahm er das Feuer wieder mit. Er wollte ihnen nichts davon abgeben. Als der Alte das nächste Mal kam, beschlossen sie, ihm das Feuer zu stehlen. Als er an dem mitgebrachten Feuerbrand einen Kürbis röstete,, schlug einer der Knaben mit einem Knüttel darauf, so daß die Glut umhersprühte. Der Alte sammelte sie schnell auf. Einen ganz kleinen Funken fanden sie gleichwohl unter einem halben Kürbis, der auf der Erde gelegen hatte. Sie machten nun Feuer an. Huapi (der Webervögel?) sagte zu ihnen, sie sollten das Feuer gut aufbewahren, so daß es niemals ausgehe. Er sagte ihnen auch, sie sollten, wenn das Feuer erlösche, mit dem „Tatay“(x3 Feuer reiben.

Der jüngere Bruder nahm nun seine Schwester zur Frau. Der ältere hatte keine Frau. Sie legten einen Kürbis in eine kleine Hängematte und wiegten sie. Der Kürbis wuchs zu einem Mädchen, das bald zu einer Frau emporwuchs. Diese nahm der ältere Bruder zur Frau. Von diesen beiden Paaren stammen alle Chanés.

(x Tocay ist eine Hütte, in welcher der Jäger verborgen liegt, um von dort Vögel mit Schlinge oder Pfeil zu fangen.

(x2 Der Große Geist

(x3 Feuerzeug aus Holzstäbchen.

Text aus dem Buch: Indianerleben (1912), Author: Nordenskiöld, Erland.

Siehe auch:
Indianerleben – Einleitung
Indianerleben – Reise nach dem Arbeitsfeld
Indianerleben – Der Calilegua
Indianerleben – Unter den Indianern am Rio Pilcomayo
Indianerleben – Unter den Indianern am Rio Pilcomayo (Fortsetzung)
Indianerleben – Das Indianerhaus
Indianerleben – Der Kampf ums Dasein
Indianerleben – Indianerkinder
Indianerleben – Männer und Frauen
Indianerleben – Trinkgelage
Indianerleben – Das Tabakrauchen
Indianerleben – Medizinmänner, religiöse Vorstellungen
Indianerleben – Vom Matacoindianer Na-yás erzählte Sagen
Indianerleben – Kunst und Industrie
Indianerleben – Krieg und Frieden
Indianerleben – Handel
Indianerleben – Besuch in fremden Dörfern
Indianerleben – Das Verhältnis zu den Weißen
Indianerleben – Das Land der Chané- und Chiriguanoindianer
Indianerleben – Vom Lande der Chané- und Chiriguanoindianer
Indianerleben – Der Indianer als Historiker
Indianerleben – Alltagsleben in den Chané- und Chiriguanohütten
Indianerleben – Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern
Indianerleben – Nahrungszweige
Indianerleben – Zubereitung der Speisen
Indianerleben – Spiele
Indianerleben – Das Leben der Indianerkinder
Indianerleben – Alltagskleidung
Indianerleben – Reinlichkeit
Indianerleben – Vom Mutterleib bis zum Grabe
Indianerleben – Häßliche Worte, Homosexualität, Selbstmord, Schamgefühl u. a.
Indianerleben – Häuptlinge und Gesetze
Indianerleben – Trinkgelage bei den Chanés und Chiriguanos
Indianerleben – Kunst und Industrie
Indianerleben – Sage und Religion

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  1. […] Siehe auch: Indianerleben – Einleitung Indianerleben – Reise nach dem Arbeitsfeld Indianerleben – Der Calilegua Indianerleben – Unter den Indianern am Rio Pilcomayo Indianerleben – Unter den Indianern am Rio Pilcomayo (Fortsetzung) Indianerleben – Das Indianerhaus Indianerleben – Der Kampf ums Dasein Indianerleben – Indianerkinder Indianerleben – Männer und Frauen Indianerleben – Trinkgelage Indianerleben – Das Tabakrauchen Indianerleben – Medizinmänner, religiöse Vorstellungen Indianerleben – Vom Matacoindianer Na-yás erzählte Sagen Indianerleben – Kunst und Industrie Indianerleben – Krieg und Frieden Indianerleben – Handel Indianerleben – Besuch in fremden Dörfern Indianerleben – Das Verhältnis zu den Weißen Indianerleben – Das Land der Chané- und Chiriguanoindianer Indianerleben – Vom Lande der Chané- und Chiriguanoindianer Indianerleben – Der Indianer als Historiker Indianerleben – Alltagsleben in den Chané- und Chiriguanohütten Indianerleben – Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern Indianerleben – Nahrungszweige Indianerleben – Zubereitung der Speisen Indianerleben – Spiele Indianerleben – Das Leben der Indianerkinder Indianerleben – Alltagskleidung Indianerleben – Reinlichkeit Indianerleben – Vom Mutterleib bis zum Grabe Indianerleben – Häßliche Worte, Homosexualität, Selbstmord, Schamgefühl u. a. Indianerleben – Häuptlinge und Gesetze Indianerleben – Trinkgelage bei den Chanés und Chiriguanos Indianerleben – Kunst und Industrie Indianerleben – Sage und Religion Sage und Religion – 1. Der Weltuntergang und der Raub des Feuers […]

    10. Januar 2016

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