Sage und Religion – 2. Der Weltuntergang und der Raub des Feuers

Erzählt von dem Chanéhäuptling Vocapoya.

Ein Jüngling hatte sich in den Wald begeben und in einer Lache das Bild eines schönen Mädchens gesehen, dem er folgte. Er blieb eine lange Zeit bei ihr, einen Monat, und seine Mutter glaubte schon, er sei tot, und schnitt sich die Haare ab. Sie glaubte, er wäre von einer Schlange gebissen worden oder dergleichen. Eines Tages kam der Sohn jedoch nach Hause und erzählte, daß er ein hübsches Mädchen gefunden, mit dem er sich verheiratet habe. Die Mutter sagte ihm da, er solle sie holen, und braute eine Masse Maisbier, um ihre Ankunft zu feiern.

Der Jüngling kam mit seiner Frau, und sie war hübsch und wohlgekleidet. Während des Festes verwandelte sie sich und wurde sehr häßlich. Hierüber machte die Schwägerin eine Bemerkung, und sie wurde böse und verließ sie und ging dahin zurück, woher sie gekommen war, indem sie erklärte, sie werde sich rächen. Sie sagte jedoch, man solle erst einen Knaben und ein Mädchen in ein großes Tongefäß setzen. Ein Bruder und eine Schwester wurden zusammen mit den Samen von Mais, Kürbis und Bohnen in ein Tongefäß gesetzt und der Krug gut zugedeckt. Als dies geschehen war, begann es fürchterlich zu regnen, und Häuser und alles wurde mit Wasser bedeckt. Der Krug floß jedoch oben. Alle Menschen und Tiere ertranken in dem steigenden Wasser. Lange floß das Tongefäß umher und der Knabe und das Mädchen begannen schon groß zu werden. Das Wasser sank dann, als sie aber aussteigen wollten, war der Boden noch sumpfig, und sie mußten warten, bis er getrocknet war.

Als sie aus dem Tongefäß kamen, säeten sie von den mitgehabten Samen Mais, Kürbis und Bohnen. Diese reiften in einem halben Monat. Sie hatten kein Feuer. In einiger Entfernung sahen sie Feuer. Es war „Toste“,1) ein Watvogel, der an den Flußiifern schreit, der Feuer hatte. Als sie sich dein Feuer näherten, verschwand es jedoch weiterhin.

Der Frosch versprach, ihnen Feuer zu rauben. Er hüpfte zu Tostes Lagerfeuer und setzte sich, vor Kälte bebend, daran, um sich zu wärmen. Von Zeit zu Zeit scharrte er die Glut näher zu sich hin, gleichsam um sich besser zu wärmen, und als niemand es sah, stopfte er einen kleinen Feuerbrand in den Mund und hüpfte davon. Zu dem Knaben und dem Mädchen hingekommen, machte er Feuer an, und seitdem haben die Chanéindianer Feuer. Die Schwester und der Bruder, die nun groß geworden waren, verheirateten sich, und sie wurde schwanger. Sie bauten sich eine Hütte. Das Mädchen bekam Kinder. Als diese Kinder groß waren, verheirateten sie sich miteinander. Von ihren Kindern stammen alle Chanes. Von den Kindern des ältesten Knaben stammen die Häuptlinge her.

Es kann ja eigentümlich erscheinen, daß ich zwei ganz verschiedene Sagen gefunden habe, die denselben Stoff bei demselben Volk behandeln. Dies ist dadurch zu erklären, daß die Chanes ein zersprengter Stamm sind, der keine eigene, selbständige Kultur mehr hat.

Die erstgenannte Version ist wahrscheinlich ihre eigene, während sie die andere von den Chirignanos geliehen haben. Domenico del Campana erwähnt, daß diese letzteren eine Flußsage haben, in welcher zwei Kinder auf ähnliche Weise in einem Tongefäß gerettet werden.

Die Chorotis und die Matacos berichten, daß die Welt durch Feuer, die Chanés am Rio Parapiti, daß sie durch Sturm und die Chirignanos und Chanes am Rio Itiyuro, daß sie durch Wasser untergegangen sei.

1) Ein anderer Chane erzählte mir, daß der Frosch das Feuer vom schwarzen Geier gestohlen habe.

Die erstgenannten leben auch in Gegenden, wo große Pampasbrände gewesen sind, am Rio Parapiti herrschen oft schwere Stürme und die Chiriguanos sind wahrscheinlich aus Gegenden gekommen, wo große Überschwemmungen gewöhnlich sind. Daß diese Weltuntergangsagen innig mit der Natur des Landes, in dem sie entstanden sind, Zusammenhängen, ist, wie Ehrenreich, Im Thurn u. a. gezeigt haben, sicher. Ehrenreich sagt, eine solche anthromorphe Auffassung der Sonne, wie hier in der ersten Sage, sei in Südamerika selten.

Besuche in Aguararenta (dem Dorfe der Füchse).

Batirayu erzählte mir folgendes über den Glauben der Chanéindianer vom Leben im Jenseits und dem Totenreiche. Aguararenta (aguara = Fuchs, tenta — Dorf) ist ein Dorf, wo die Toten, ana, wohnen. Es liegt im Osten. Des Nachts sind die Toten dort in Menschengestalt, am Tage gehen sie als Füchse, Ratten und andere Tiere umher oder gehen in einen Baumstamm. Jede Nacht sind in Agurararenta große Trinkgelage. Alle Chanes, Kinder, Frauen und Männer, kommen dorthin. Auch Verhexer (ipáyepótchi) und Mörder kommen nach dem genannten Dorf. Niemand wird im Totenreich der Chanés bestraft.

Auch Lebende haben Aguararenta besucht und erzählt, was sie dort gesehen haben. Ein paar solche Erzählungen will ich hier wiedergeben. Sie geben uns einen guten Einblick in die Vorstellungen der Indianer vom Jenseits.

Das Mädchen, das seinem Mann nach Aguararenta folgte.

Erzählt von einem Chanéindianer in Aguarali (weißer Fuchs) am Rio Parapiti.

Ein Mädchen wollte sich mit einem Mann verheiraten, aber er starb. Sie hatte ihn sehr gern gehabt. Am Morgen, am Tage nach seinem Tode, während es noch finster war, stand sie vor dem Hause ihrer Eltern und stieß in den Mörser. Da kam jemand und erfaßte den Mörserstab.

„Wer bist du?“ fragte sie.

„Ich bin es,“ sagte er. Es war ihr toter Mann. „Willst du mit kommen?“

„Ja“, sagte sie, da sie ihn sehr liebte.

Er begab sich nun fort in der Richtung, wo die Sonne aufgeht. Sein Gesicht war verhüllt, damit niemand es sähe. Sie ging hinter ihm her. Sie gingen durch den Wald, sie gingen über die Pampas und wieder durch den Wald. Am Tage schlief er und des Nachts war er wach. Als der Vater seine Tochter vermißte, ging er, um sie zu suchen. Er folgte ihren Spuren. Vor diesen ging eine Fuchsspur. „Ana hat meine Tochter genommen“, sagte der Vater. Zuletzt fand er sie tot am Wege. Er machte sie jedoch wieder lebendig und brachte sie nach Hause. Als sie über die Pampas gingen, sahen sie einen Fuchs umherstreifen. Am folgenden Tage starb sie. Der Vater weinte. Da kam der weiße Kondor „Ururuti“ und sagte, er solle nicht klagen. Ururnti nahm ihn auf den Rücken und flog mit ihm nach Aguararenta. In Aguararenta schlief man am Tage und war wach des Nachts. Als der Vater dorthin kam, trank man Maisbier. Ururuti brachte ihn nach dem Hause seines Schwiegersohnes. Er redete seine Tochter an, sie antwortete ihm aber nicht. Sie sah nicht wie ein Mensch aus. Wieder redete er sie an, er bekam aber keine Antwort. Er ging nun zu Ururuti, der ihn nach Hause brachte. Weder er noch seine Frau beweinten die tote Tochter.

Am folgenden Tage starb der Vater.

Version 2. Erzählt von Batirayu.

Es war eine Frau, deren Mann gestorben war. In der Nacht kam er zu ihr in der Gestalt eines Mannes und schlief bei ihr. Er bat sie, mit ihm nach seinem Dorfe Aguararenta zu kommen. Sie folgte ihm. Als sie unweit des Dorfes kamen, hörten sie Gesang und Tanz. Sie ging mit ihrem Mann nach dem Marktplatz, wo ein großes Trinkgelage stattfand. Sie sah dort viele Tote, die sie kannte. Die Toten hatten jedoch Angst vor ihr und hielten sich fern von ihr. Sie blieb dort, bis es Morgen wurde. Da verschwanden alle Hütten, und sie befand sich auf einer Ebene voller Fuchsspuren. Ihr Mann verwandelte sich in eine Ratte (angúya). Sie blieb dort den ganzen Tag, auf dem Stamm einer Algarrobo sitzend. Als es finster wurde, kamen die Menschen wieder und es fand dort ein großes Trinkgelage statt. Am Morgen sagten die Toten: „cheahata hüirasecuera (ich gehe als Baumstamm), cheahata augüyara (ich gehe als Ratte), cheahata karakärara (ich gehe als Geier), cheahata äguarära (ich gehe als Fuchs), cheahata ändirära (ich gehe als Fledermaus)“ usw. Sie kehrte nach Hause zurück. Ihr Mann sagte, er werde kommen, um sie zu holen. Nach drei Tagen war sie tot. Sie war ihrem Mann nach Aguararenta gefolgt.

Der Chiriguanohäuptling Maringay erzählte mir von einem Mann, der am Wege eingeschlafen war. In der Nacht kam seine tote Frau zu ihm, und er schlief bei ihr. Als er erwachte, war sie verschwunden. Er nahm das im Schlaf Erlebte als Wirklichkeit an. Bei den Chanes und Chiriguanos ist der Glaube an ein jenseitiges Leben, wie bei anderen Indianern, auf Träume gegründet. Sie treffen im Traume einen Toten, sie besuchen im Traume das Totenreich. Es ist indessen unrichtig zu sagen, daß die Indianer an ein Leben im Jenseits glauben. Er weiß, daß es ein solches gibt, denn Lebende haben die Toten gesehen, haben mit ihnen der Liebe gepflogen, haben Maisbier mit ihnen getrunken, haben sie sich in Füchse, Ratten, Baumstämme usw. verwandeln sehen.

Text aus dem Buch: Indianerleben (1912), Author: Nordenskiöld, Erland.

Siehe auch:
Indianerleben – Einleitung
Indianerleben – Reise nach dem Arbeitsfeld
Indianerleben – Der Calilegua
Indianerleben – Unter den Indianern am Rio Pilcomayo
Indianerleben – Unter den Indianern am Rio Pilcomayo (Fortsetzung)
Indianerleben – Das Indianerhaus
Indianerleben – Der Kampf ums Dasein
Indianerleben – Indianerkinder
Indianerleben – Männer und Frauen
Indianerleben – Trinkgelage
Indianerleben – Das Tabakrauchen
Indianerleben – Medizinmänner, religiöse Vorstellungen
Indianerleben – Vom Matacoindianer Na-yás erzählte Sagen
Indianerleben – Kunst und Industrie
Indianerleben – Krieg und Frieden
Indianerleben – Handel
Indianerleben – Besuch in fremden Dörfern
Indianerleben – Das Verhältnis zu den Weißen
Indianerleben – Das Land der Chané- und Chiriguanoindianer
Indianerleben – Vom Lande der Chané- und Chiriguanoindianer
Indianerleben – Der Indianer als Historiker
Indianerleben – Alltagsleben in den Chané- und Chiriguanohütten
Indianerleben – Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern
Indianerleben – Nahrungszweige
Indianerleben – Zubereitung der Speisen
Indianerleben – Spiele
Indianerleben – Das Leben der Indianerkinder
Indianerleben – Alltagskleidung
Indianerleben – Reinlichkeit
Indianerleben – Vom Mutterleib bis zum Grabe
Indianerleben – Häßliche Worte, Homosexualität, Selbstmord, Schamgefühl u. a.
Indianerleben – Häuptlinge und Gesetze
Indianerleben – Trinkgelage bei den Chanés und Chiriguanos
Indianerleben – Kunst und Industrie
Indianerleben – Sage und Religion
Sage und Religion – 1. Der Weltuntergang und der Raub des Feuers

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    10. Januar 2016

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