Sage und Religion – Geister- und Tiersagen

,,Die Toten sind ana“, sagte Batirayu. Unter diesen gibt es mehrere, die Tunpa (am besten mit groß zu übersetzen) sind und übermenschliche Kräfte besitzen. Der Größte unter den Anatunpas ist Yamándutunpa. Andere der Großen sind Mariutunpa nnd Tipaytunpa. Chiqueritunpa, der in einigen der hier wiedergegebenen Sagen auftritt, ist der, der den Donner hervorbringt. Chiqueritunpa heult des Nachts, wenn es Krieg gibt. Diese Ahatunpa greifen in das Leben der Menschen ein, besonders die Zauberer stehen mit ihnen in Verbindung. So erzählte ßatirayu, daß die Ahatunpa des Nachts zu Tsuhuandico, einem großen, jetzt verstorbenen Zauberer, kamen und mit ihm Maisbier tranken. Sie sagten ihm, wenn es regnet, wenn jemand krank wird, ob eine Mißernte eintritt usw. Batirayu berichtete auch, daß Angüya, ein Verwandter des Aringui, der letzte große Häuptling, den Ahatunpa Tabak anzubieten pflegte, wenn sie bei Tsuhuandico waren. Die Ahatunpas tranken nur ganz wenig Maisbier. Wenn sie kamen, sah man sie nicht, man hörte aber gleichsam das Klingen von Sporen.

Diese Zauberer haben eine ungeheuere Macht, sie können verhexen, denn Krankheit und Tod haben ihren Grund in Verhexung. Unter den Chanes ist Tambäpui der größte Zauberer. Er ist der Enkel des Tsuhuandico und Sohn des Yapandäy, der ebenfalls ein großer ,,ipáye“ war. ln den Sagen treten Yamándutunpa, Mariutunpa und Tipaytunpa niemals auf. Dort spielen Aguaratimpa (der Fuchsgott) und Tatutunpa (der Gürteltiergott) die größte Rolle. Aguaratimpa hat Tembeta (s. S. 211). Sie haben menschliche Leidenschaften, und besonders die Geschichte des Fuchsgottes ist eine Schilderung von allerlei Kniffen und Verbrechen. Der Gürteltiergott ist etwas besser und steht auch höher.

Vocapoy erzählte mir, er habe einen alten Mann gekannt, der in den Bergen einen Tunpa gesehen habe. Er war eine Handbreit groß und wohlgekleidet. Das Wasser rann von seinem Körper. Batirayu glaubte steif und fest an die Existenz der Anas und Anatunpas, an ihre Verbindung mit den Zauberern und an deren Macht. Daß Aguararenta existiert, davon war er fest überzeugt. Der Wahrheitstreue der Sagen von den Abenteuern und Erlebnissen der Aguaratunpas und Tatutunpas, die ich hier unten wiedergeben will, stand er skeptisch gegenüber.

In der Religion dieser Indianer existiert somit zuerst ein Kern von Wahrheit, an den sie glauben. Hierzu kommen die Abenteuer und Taten, die sie am Lagerfeuer von den Geistern erzählen und die wenigstens die Intelligenteren, die Denkenden unter ihnen, selbst als Sagen auffassen.

Diese Sagen will ich hier unten wiedergeben.

Der Begriff eines großen, allmächtigen Gottes ist den Chanes fremd. Jetzt wissen sie indessen alle direkt oder indirekt etwas vom Christentum, wodurch die Vorstellung an einen großen Gott einzudringen beginnt. Vocapoy, der kein Christ war, erzählte mir einmal, die Chanes glaubten an einen großen Gott, Tunpa.

Batirayu sagte, er glaube nicht an einen Gott, wie ihn die Christen beschreiben. Er wunderte sich, daß die Christen die Armen bedrückten und so viele Schlechtigkeiten begingen, da sie doch lehrten, daß die Sünder mit der Hölle bestraft werden.

,,Wie kann man wissen, wie es im Himmel aussieht, da niemand, der dort gewesen, zur Erde zurückgekommen ist“,

sagte Batirayu.

,,Und so sagen sie, daß wir Flügel bekommen sollen“,

sagte er und lachte höhnisch.

Den Missionaren nach glauben die Chanés an ein höchstes Wesen, Tunpahétte-vae, den wirklichen Gott. Der Name klingt schon verdächtig. Ich stehe der Annahme, daß dieser ursprünglich ist, sehr skeptisch gegenüber. Als ich mit den Missionaren über die Religion der Indianer sprach, erstaunte ich über ihre Unwissenheit. Sie verachten die Vorstellungen der Indianer und halten es nicht der Mühe wert, sie näher kennen zu lernen. Es gelingt ihnen niemals, sich von der katholischen Vorstellung zu befreien, daß die Indianer, die, wie wir, von Adam und Eva herstammen und zu denen San Thomas gepredigt hat, nichts von ihrem „ursprünglichen Glauben“ wissen.

Zwei der Tunpas, die hier in den Sagen auftreten, haben Tiernamen, Aguaratunpa (Fuchsgott) und Tatntunpa (Gürteltiergott). In den Sagen finden wir einen intimen Zusammenhang zwischen Menschen und ‚Tieren.

Batirayu sagte:

„Alle Tiere sind Menschen gewesen.“

Die Erschaffung der Welt, wie der Fuchsgott, Aguaratunpa, den Algarrobobaum fand und wie er den weißen Kondor, Ururuti, fing.

Erzählt von zwei Chanéindianern am Rio Parapiti.

Es wird erzählt, daß im Anfang ein Tunpa war. Er machte die Erde mit dem Himmel und alle Sterne, die Sonne und den Mond. Es wird erzählt, daß diese Erde nichts trug, daß sie ganz kahl war. Tunpa setzte da allerlei Früchte hinein, um die Armen zu speisen, wie die Caraguatä und die Mangära. Es wird erzählt, daß dort eine Algarrobo war, die Mutter aller Bäume. An diesem Baum waren allerlei Früchte. Dieser Baum hat sich in der ganzen Welt vermehrt. Hierauf kam Tunpa, nahm den Mutterbaum mit und ließ die Sprößlinge hier. Es wird erzählt, daß Tunpa die Voreltern von uns und auch die Voreltern der Weißen geschaffen hat. Den Avas1) und Chanes gab Tunpa einen Holzspaten und einen langen geschnitzten Stock, „carümpa“ genannt, Pfeil und Bogen, ein Schaf, eine Ziege, ein Huhn und einen Hund, damit sie alle diese Tiere vermehren und damit sie sich mit diesen Werkzeugen ernähren. Den Weißen gab er Gewehre, ein Pferd, eine Stute und eine Kuh und alle möglichen Werkzeuge aus Eisen, damit sie mit diesen arbeiten.

Es wird erzählt, daß die kleine Viscacha, „Tacumbocumba“, diese Bäume, die vom Mutterbaum zurückblieben, beaufsichtige. Sie hatte diese Bäume sehr gut beaufsichtigt, keinen einzigen Samen hatte sie fortführen lassen. Sie hatte die Blüten gekostet, sie aber bitter gefunden, bis sie Frucht gaben. Als sie reif waren, säete sie die Samen. Als diese wieder gereift waren, säete sie diese wieder. Im folgenden Jahre hatten sie alle reife Frucht gegeben. Aguaratunpa war zum Hause der Tacumbocumba gekommen. Diese war eine alte Frau. Sie bot Aguaratunpa von diesen Früchten, die sie bewacht hatte, und er fand sie sehr gut. Er fragte, wie sie heißen. Sie erwiderte, diese Früchte heißen „mä“.

Als sie ihm die Früchte anbot, setzte sie sich neben Aguaratunpa, damit er kein einziges Samenkorn mitnehme. Aguaratunpa verbarg in einem hohlen Zahne eines der kleinsten Samenkörner. Als er zu essen aufgehört hatte, reichte ihm die Alte Wasser zum Mundausspülen, damit kein einziges Samenkorn zurückbleibe. Mit dem Finger untersuchte sie Aguaratunpa! Mund, konnte aber kein einziges Korn finden. Wieder fragte Aguaratunpa die Frau, wie der Baum heiße, und nahm Abschied. Den Namen des Baumes nennend, setzte er seinen Weg fort. Nicht weit davon fiel Aguaratunpa, vergaß den Namen des Baumes und kehrte zu der Alten zurück, um zu fragen. Darauf setzte er seinen Weg fort. Wieder fiel er, wieder vergaß er den Namen, und wieder kam er zu der Alten zurück, um zu fragen. Da sagte sie:

,,Du hast etwas Samen mitgenommen, und so untersuchte sie noch einmal seinen Mund, konnte aber nichts finden. Hierauf ging Aguaratunpa weiter, bis er zu einer offenen Ebene kam. Dort säete er den Algarrobosamen, den er mithatte. Dann zog er weit umher. Nach einigen Jahren kam er zurück und fand schon eine große Algarrobopflanze vor. Wieder zog er weit umher. Als er zurückkam, blühte die Algarrobo. Er nahm eine Blüte und kaute sie. Sie war bitter. Wieder zog Aguaratunpa in die Welt hinaus. Als er zu seiner Algarrobo zurückkam, fand er sie voll reifer Früchte. Er nahm eine auf, die auf die Erde gefallen war, und kostete sie. Sie war süß und gut. Er suchte nun nach jemand, der den Baum für ihn bewachen wollte. Er fragte zuerst einen Käfer, „Nyákira“, dieser wollte aber nicht. Dann fragte er „Húiran“, einen kleinen schwarzen Vogel, der wollte aber auch nicht. Nun fragte er einen anderen Käfer, „Tikitikiru“, und dieser versprach ihm, den Baum zu bewachen. Kommt jemand, der von deiner Algarrobo Früchte stehlen will, so will ich singen: ,.Tikitikiru, tikitikiru, ko mä seramätata, tiki, tiki“, sagte er. Aguaratunpa war nicht weit gegangen, da hörte er: ,.Tikitikiru, tikitikiru, ko mä séramátata, tiki, tiki.“ Aguaratunpa eilte zurück.

,,Hier sind (Tuäta) der Floh, (Yateu) die Zecke und (Isäu) die Blattschneideameise gewesen und die haben Früchte von deiner Algarrobo gestohlen“, sagte Tikitikiru. Die Zecke» hatte ein großes Tragnetz mitgehabt, um die Früchte zu tragen, und die Blattschneideameise war auf den Baum geklettert, um sie abzubeißen. Aguaratunpa eilte ihnen nach. Zuerst erreichte er die Ameise. Er trat auf ihre Mitte. Darum sind alle Ameisen so schmal um den Leib. Dann nahm er die Zecke auf und trat mitten auf sie, so daß sie ganz platt wurde. Zuletzt bekam er den Floh und trat auf ihn, glitt aber aus, so daß er ihn seitwärts drückte. Darum sind alle Flöhe klein und zusammengedrückt. Tikitikiru überließ nun Aguaratunpa die Algarrobo, damit er sie selbst bewache. Er spannte seine Hängematte auf und legte sich zur Ruhe. An einem Zweig sah er noch eine Frucht, die die Diebe zurückgelassen hatten. Aguaratunpa rief nun den Wind herbei, und der schüttelte den Zweig, an welchem die Algarrobofrucht saß, so daß sie herunterfiel. Die Frucht fiel Aguaratunpa mitten ins Auge. Der Fuchsgott war nun tot.

Bald kamen alle Geier, um von Aguaratunpa zu essen. Sie schickten den Kolibri ,,Chinu“, um ihren großen Häuptling, den weißen Kondor, Ururuti, zu holen, damit dieser von Aguaratunpa esse.

 

,,Hütet euch, er ist nicht tot, er stellt sich nur tot, um unsern großen Häuptling zu fangen,“ sagte einer der Geier, ,,Kara-kara“.

,,Gewiß ist er tot“, sagte die Fliege „Mberu“ und kroch unter dem Schwanz des Fuchsgottes hinein und aus einem Nasenloch heraus, durch das andere hinein und so unter dem Schwanz wieder heraus.

,,Er ist nicht tot“, sagte Kara-kara.

,,Er ist tot“, sagte die Fliege und legte Eier in Aguara-tunpas Augen, so daß sie voller Würmer waren. Als der weiße Kondor kam, näherte er sich Aguaratunpa, um zu essen.

,,Hüte dich, er ist nicht tot“, sagte der Geier.

,,Er ist tot“, sagte die Fliege und kroch wieder unter Agnaratunpas Schwanz hinein und durch das eine Nasenloch heraus, durch das andere hinein und dann unter dem Schwänze wieder heraus.

Der weiße Kondor begann nun von Aguaratunpa zu essen. Dieser fuhr nun auf, nahm ihn gefangen und band ihn mit einer Kette von Silber.

,,Eine Herde Pferde will ich dir geben, wenn du mir die Freiheit schenkst“, sagte der weiße Kondor.

„Ich habe so viele Pferde, daß ich nicht mehr brauche“, sagte Aguaratunpa.

„Ich will dir große Felder geben, wenn du mir die Freiheit schenkst“, sagte der weiße Kondor.

„Ich habe so viele Felder, daß ich nicht mehr brauche“, sagte Aguaratunpa.

„Ich will dir meine beiden Töchter zu Frauen geben und ein Haus, in dem du wohnen kannst, wenn dn mir die Freiheit schenkst“, sagte der weiße Kondor.

„Ich brauche deine Töchter nicht, denn ich habe in allen Dörfern Frauen“, sagte Aguaratunpa.

„Ich will ein ganzes Haus mit silbernen Schalen, ,cagua‘, füllen und es dir geben, wenn du mir die Freiheit schenkst“, sagte der weiße Kondor.

„Ich habe so viel Silber, wie ich brauche,“ sagte Aguara-tunpa, „und ich habe dich gefangen, um dich zu töten. Kannst du mir aber den weißen Gummiball, ,toki‘, schenken, damit ich damit spielen kann, so will ich dir die Freiheit schenken“, sagte Aguaratunpa.

An eine lange silberne Kette gebunden, flog Ururuti, um den weißen Gummiball zu holen. Als Aguaratunpa ihn bekam, schenkte er dem weißen Kondor die Freiheit. Der Strauß, „Yandu“, und die Fledermaus, „Andira“, spielten Ball. Der eine warf den Ball, fing ihn mit dem Kopf auf und stieß ihn dem anderen zu, der ihn wieder mit dem Kopfe auffing und zurückstieß. Als der Ball durch die Luft flog, fing der weiße Kondor ihn auf und verschwand. Aguaratunpa schickte nun einen Vogel, „Tavatan“, um den schwarzen Gummiball zu holen, und das ganze Dorf spielte. Mit dem Strauß spielte Aguaratunpa. Mitten im Spiel tauschte er den Ball gegen einen Stein aus und warf ihn. Der Strauß fing ihn mit dem Kopf und fiel tot nieder. Als er wieder lebendig wurde, hatte er einen plattgedrückten Kopf, wie jetzt alle Strauße. Mit dem schwarzen Gummiball verschwand die Fledermaus.

Nun ist die Geschichte aus.

Tatutunpas und Aguaratunpas Verheiratung.

Sage, erzählt von dem Chanéindianer Agilera am Rio Parapiti.

Es wird erzählt, dort war einmal ein großer Häuptling, Chiqueri, und dort waren auch Tatutunpa und Aguaratunpa. Sie lebten alle weit, weit fort von hier. Am weitesten wohnte der große Häuptling. Dieser hatte Tatutunpa kommen lassen, um ihm seine Tochter zur Frau zu geben. Tatutunpa kannte viele Künste und Aguaratunpa kannte auch viele Künste.

Tatutunpa machte sich auf den Weg. Er ging ganz langsam und wartete an vielen Stellen. Wo er Feuer anmachte, wuchs hohes Gras. Zwei bis drei Tage, nachdem Tatutunpa sein Haus verlassen hatte, kam Aguaratunpa und fragte, wohin Tatutunpa gegangen sei. Man sagte ihm, Tatutunpa sei zu dem großen Häuptling gegangen. Aguaratunpa folgte ihm nun und traf ihn nicht weit davon. Bevor sie ankamen, fanden sie eine Pflanze namens „ihuahuasu“ am Wege. Aguaratunpa sagte zu Tatutunpa, er solle die Früchte abpflücken, damit sie sie essen könnten. Er ging in den Wald unter die Pflanze. Bevor noch Tatutunpa eine der Früchte hatte berühren können, schüttelte Aguaratunpa die Pflanze, so daß alle Früchte auf Tatutunpa fielen. Dieser, der jung und hübsch war, wurde nun einäugig und alt. Nun war Aguaratunpa der jüngere und schönere von beiden. Sie setzten nun ihren Weg zu dem großen Häuptling fort. Tatutunpa hatte eine Halskette, die Aguaratunpa ihm, bevor sie ankamen, abgelockt hatte.

Der große Häuptling glaubte, Tatutunpa, der alt und häßlich war, sei Aguaratunpa und dieser Tatutunpa. Er gab dem ersteren seine schönste Tochter zur Frau und dem letzteren gab er eine seiner allerhäßlichsten, die auch einäugig, wie er, war. Aguaratunpa begann zu arbeiten, um den Acker zu roden und zu säen. Während er arbeitete, band er sein langes Haar auf. Als er von der Arbeit kam, war er ganz schmutzig. Tatutunpa tat nichts. Er lag den ganzen Tag neben seiner Frau und flötete auf einer runden Holzpfeife. Als seine Schwiegermutter sah, daß er nicht arbeitete, sagte sie:

„Dieser Mann denkt gar nicht an seine Familie.“

Da er dies hörte und wußte, daß Aguaratunpa schon viel gearbeitet hatte, fragte er seine Frau, ob ihr Vater keinen alten Acker habe, den er bebauen könne. Die Schwiegermutter sagte da zu ihrer Tochter:

„Warum fragt jener Mann nach einem Acker, er, der so faul ist. Besser wäre es, wenn Aguaratunpa, der arbeitet, danach fragte.“

Tatutunpa ging mit seinem Stock und seiner Frau nacli dem alten Acker des Häuptlings. Er ging auf den großen, wüsten Acker, grub ein wenig Erde auf, hob einen Erdklumpen auf und warf ihn in die Luft. Der Erdklumpen fiel zur Erde und zerbröckelte in viele Stücke.

,,Diese Erde ist nichts wert“,

sagte er und fragte seine Frau, ob nicht irgendwo eine große Ebene sei, die er bebauen könnte. Sie sagte, es gäbe eine große Ebene. Sie begaben sich dorthin und gingen mitten auf die Ebene. Tatutunpa grub ein wenig Erde auf, warf wieder einen Erdklumpen in die Luft, dieser ging aber nicht entzwei, sondern fiel ganz nieder. Er sagte zu seiner Frau, diese Erde lasse sich sehr gut bearbeiten. Sie gingen nach Hause. Am anderen Morgen begab sich der alte Tatutunpa mit seinem Spaten nach der Ebene, wo er ein wenig gegraben hatte, und steckte ihn in den Boden, ln ganz kurzer Zeit wurde die ganze große Ebene ganz allein von dem Spaten gereinigt. Tatutunpa rief nun den Wind herbei, der mit großer Stärke kam und alles schlechte Zeug wegblies. Nur das Allerfeinste war stehen geblieben. Hierauf rief er den Wirbelwind, der den Acker ganz frei fegte. Tatutunpa bat die Papageien um Samen, sie kamen aber mit untauglichen Samenkörnern, die alle entzwei waren. Als er sah, daß diese Samen nichts taugten, bat er die Enten und Tauben und die ganz kleinen Tauben, sie möchten mit allerlei Samen kommen, und diese taten es auch. Sie säeten sogar selbst. Als die Saat beendet war, begab sich Tatutunpa auf dem Wege, der nach seinem Hause führte, heim. Er war noch nicht weit gekommen, da drehte er sich um, um nach seinem Acker zu sehen. Er sah, daß die Pflanzen schon zu keimen begannen. Wieder ging er ein Stück und wendete sich wieder um, um nach seinem Acker zu sehen. Die Pflanzen waren schon groß. W ieder ging er weiter und drehte sich wieder um. Da fand er seinen Acker schon in Blüte. In der Nähe seines Hauses wandte sich Tatutunpa wieder um, um nach seinem Acker zu sehen, und fand, daß alles, was er gesäet hatte, schon reife Früchte trug.

Bei Aguaratunpa, der so fleißig gearbeitet hatte, war noch nichts reif oder in Blüte. Am folgenden Tage sagte Tatutunpa zu seiner Frau :

„Wir wollen gehen, um nach unserem Acker zu sehen. Sie gingen nach dem Acker und die Frau sah, daß alle Früchte reif waren. Tatutunpa gebot ihr, ein Feuer anzumachen, um Mais und alle anderen Früchte zu rösten. Er sagte ihr, sie solle einen Maiskolben, zwei Bohnen und einen Kürbis ausgraben, aber nicht mehr. Nicht einmal dies vermochten sie aufzuessen.

Danach gingen sie nach Hause und sagten zu der Alten, sie solle mit ihnen kommen und alles abernten, was sie zu essen wünsche. Die Alte glaubte ihnen nicht, sondern glaubte, sie hätten gestohlen. Sie konnte nicht glauben, daß sie etwas zu ernten hätten, da sie nicht gearbeitet hatten. „Ich gehe lieber zu meiner anderen Tochter, die fleißig gearbeitet hat“, sagte die Alte. Aguaratunpa begab sich nun zu Tatutunpas Acker und stahl Kürbisse, die er nach seiner Anpflanzung brachte. Mit Stäbchen und Dornen befestigte er die Kürbisse an den halbgewachsenen Kürbisstengeln. In der Dämmerung kehrte er heim und sagte zu seiner Frau, sie solle ihre Mutter bitten, in seinem Acker Kürbisse zu ernten. Die Tochter ging zu direr Mutter und sagte: „Wir wollen nach dem Acker gehen, um Kürbisse zu holen.“ Vergnügt machte die Alte sich auf den Weg, denn sie hatte gesehen, daß sie viel gearbeitet hatten, und sie glaubte ihrer Tochter. Sie gingen, fanden aber nicht mehr Kürbisse, als wie sie in einer Getreideschwinge einernten konnten. Am folgenden Tage bat wieder Tatutunpas Frau ihre Mutter, mit aufs Feld zu kommen. Die Alte glaubte ihr gar nicht, als aber der Alte, ihr Mann, sah, daß sie so hartnäckig waren, befahl er ihr, zu gehen. Ärgerlich machte sich die Alte auf den Weg. Tatutunpa ging vor ihr, auf seiner Pfeife flötend. Als sic auf den Acker kamen, sah die Alte, daß er voll von allerlei Früchten, Mais, Kürbissen, Bohnen und Kalebassen war. Die Alte wurde richtig vergnügt, sie konnte ihre Freude kaum mäßigen.

Als sie nach dem Ackerrain kam, sah sie eine gewaltige Kalebasse und sagte zu ihrer Tochter, diese wünsche sie für sich. Während sie plauderten, fiel die Kalebasse auf die Alte, diese fiel hin und konnte sich infolge der schweren Kalebasse, die sie drückte, kaum bewegen. Die Tochter kam ihr zu Hilfe und versuchte die Kalebasse zu heben, sie vermochte es aber nicht. Sie rief ihrem Manne zu, er solle kommen und ihr helfen. Dieser blieb jedoch eine lange Weile fort, und erst als die Alte dem Tode nahe war, kam er, hob die Kalebasse auf und setzte sie wieder an ihrem alten Platze fest. Die halbtote Alte hob er auf. Als sie sich nach einem Weilchen erholt hatte, sahen sie sich weiter den Acker an. Die Alte wollte einen Maiskolben abbrechen. Tatutunpa sagte ihr, sie solle seinen Acker schonen und nur den Kolben abbrechen. Sie erntete nun zwei Maiskolben und zwei von allen anderen Früchten, ohne etwas zu zerstören. Alles, was sie abgeerntet hatte, setzte sofort wieder reife Früchte an. Mit den Früchten beladen, ging sie nach Hause. Sie erzählte ihrem Manne, daß Tatutunpa schon einen großen Acker habe. ,,Das ist somit der Tatutunpa, den wir haben kommen lassen“, sagte der Alte. Aguaratunpa hat uns betrogen.“

Am folgenden Tag sagte Tatutunpa zu seiner Frau: ,,Wir wollen nach unserem Acker gehen.“ Sie gingen dorthin. Er grub nun ein Loch, in welchem er ein Feuer machte. Als das Loch richtig warm, richtig rot war, nahm er eine sehr große Kalebasse und kroch in dieselbe hinein. Er bat seine Frau, die Kalebasse zuzustopfen, in die warme Grube zu legen und die Kalebasse, wenn er pfeife, umzudrehen, damit er hinaus könne. Die Frau tat so, wie er gesagt hatte. Als er pfiff, drehte sie die Kalebasse um und Tatutunpa kam heraus, schön und jung, mit alienseinen alten Schmucksachen geschmückt.

Nach einem Weilchen wärmte Tatutunpa die Grube wieder und seine Frau kroch in die Kalebasse. Er bedeckte diese und warf sie in die Grube. Als sie pfiff, drehte er die Kalebasse um. Jung und schön kam sie aus derselben. Sie kehrten nach Hause zurück und nahmen ein Ouebracho-stäbchen mit, um damit Feuer anzumachen. Als sie nach Hause kamen, war die Alte mit dem Brauen von Maisbier beschäftigt. ,,In dieser Nacht wird es sehr kalt und deshalb habe ich dieses Stäbchen mitgenommen, damit wir etwas haben, woran wir uns wärmen können“, sagte Tatutunpa. Aguaratunpa hatte viel ,,Tartago‘‘-Holz mit nach Hause genommen, es reichte aber nicht die ganze Nacht. Mitten in der Nacht war das Holz zu Ende. Er ging zur Feuerstätte seiner Schwiegermutter, die beim Maisbierkochen war. Als die Alte sah, daß ein Fuchs sich zu ihrem Feuer schlich, steckte sie ein Stück Holz in Aguaratunpas Hinteren. Mit dem Holz im Hinteren sprang er davon, für immer in einen Fuchs verwandelt.

Die Entstehung der Arbeit.

Erzählt von dem Chanéindianer Batirayu.

Tatutunpa hatte einen Zauberspaten. Stellte man ihn des Abends in den Acker, so war der Acker am Morgen fertig gegraben. Aguaratunpa kam eines Tages in Gesellschaft seiner beiden Brüder zu Tatutunpa. „Wir wollen um deinen Spaten spielen“, sagte er. ,,Wenn es blitzt, wollen wir in den Blitz sehen, und derjenige, der nicht blinzelt, gewinnt den Spaten. Darauf ging Tatutunpa ein. Aguaratunpa lieh sich nun die Augen der Heuschrecke ,,Tu-ku“, die keine Augenlider hat, Tatutunpa und Aguaratunpa setzten sich und stierten nach dem Himmel. Als es blitzte, blinzelte Tatutunpa, aber nicht Aguaratunpa, der die Augen der Heuschrecke hatte. Er hatte den Spaten gewonnen. Als er ging, nahm er gleichwohl nicht den Spaten, der selbst grub, mit, sondern einen gewöhnlichen hölzernen Spaten.

„Nehme ich den Spaten mit dem hohlen Stiel, so können auch die Faulen Mais bauen, mit dem hier aber muß man arbeiten, um Mais für seine Familie zu schaffen“, sagte Aguara-tunpa zu seinen Brüdern. Der Heuschrecke gab Aguaratunpa die geliehenen Augen zurück.

Wie Aguaratunpa seinen Bruder nach dem Himmelsgewölbe schickte.

Erzählt von dem Chanéindianer Batirayu.

Aguaratunpa lebte mit seinem Bruder zusammen. In einem Korb hatte er zwei kleine Papageien. Eines Tages flogen sie nach einem Acker, wo sie Mais aßen. Als sie nach Hause kamen, hatte der eine Maismehl um den Schnabel: „Woher hast du das?“ fragte Aguaratunpa. „Von einem Acker weit hinten, wo die Sonne untergeht“, sagten die Papageien. Am folgenden Tag schickte Aguaratunpa die Papageien fort. Wohin sie flogen, dahin folgte er ihnen. Als er hinkam, brach er Mais ab. Da kam der Besitzer des Ackers und sah, daß jemand Mais gestohlen hatte. Aguaratunpa verbarg sich, der Besitzer fand ihn aber, da er sich, als er den Mais abbrechen wollte, in Hände und F’üße geschnitten und überall Blutspuren hinterlassen hatte. Der Besitzer sagte zu Aguaratunpa: „Warum hast du mir Mais gestohlen, hättest du mich darum gebeten, hätte ich ihn dir gegeben.“ Er brach viele Maiskolben ab und belud Aguaratunpa damit, der sie nach Hause brachte. Er legte sie neben die Tür. Als er am folgenden Morgen erwachte, hatte der kleine Haufen sich in einen großen verwandelt, der bis an das Dach reichte. Aguaratunpas Bruder fragte ihn, woher er den Mais habe. „Es ist weit weg,“ sagte Aguaratunpa. „Es gibt keinen Weg, und du kannst nicht hinfinden.“

Der Bruder machte sich aber doch auf den Weg und kam an den Acker, wo er „anday“ fand, von dem er aß. Dieser war vergiftet, und er starb. Tot fand Aguaratunpa ihn. Er sagte, er wolle ihn wieder lebendig machen. Aguaratunpa nahm eine Pflanze, „ihuahuasu“. Mit dieser schlug er ihn. Er sprang über ihn, erst gerade über den Körper, dann vom Kopf bis zum Schwanz. Der Bruder wurde wieder lebendig und sagte: ,,Ich habe lange geschlafen.“ — ,,Du hast nicht geschlafen, du bist tot gewesen“, sagte Aguaratunpa. Dieser schickte den Bruder zum Himmel. Wenn es donnert, dann geht der Bruder Aguaratunpas spazieren.

Über den Sohn von Tatutunpa und wie er seine Mutter gerettet hat.

Erzählt von dem Chiriguanoindianer Yambasi am Rio Grande.

In einem Hause war ein Mädchen Inomu, das niemals einen Mann gehabt hatte. Vor dem Hause war ein großes Trinkgelage. Dort waren Aguaratunpa, Tatutunpa und Dyori. Die Eltern des Mädchens nahmen sie mit und setzten sie da auf den Boden, wo man mit Maisbiertrinken beschäftigt war. Aguaratunpa fand, daß Inomu sehr hübsch sei. Das fand auch Tatutunpa. „Ich werde das Mädchen schwanger machen“, sagte er und begann zu graben. Aguaratunpa stellte sich davor. Tatutunpa grub sich in die Erde und unter dem Mädchen hinauf. Als Tatutunpa geendet hatte, kroch er wieder heraus und erzählte Aguaratunpa, was er getan. „Ich will auch versuchen“, sagte Aguaratunpa und kroch in den Gang hinein. Er war nicht weit gekommen, da blieb er stecken. Tatutunpa packte ihn am Schwanz und zog ihn heraus. Als das Mädchen nach Hause kam, rief ein Vogel „Araqua“, daß sie schwanger sei. Am folgenden Tage wurde sie groß. Sie war hochschwanger. Ihre Mutter war erbittert. Sie sagte, sie wolle weit fort zum Vater gehen und gebären. Inörnu ging zur Höhle Tatutunpas und warf das Kind hinein, ohne ihm Milch zu geben. Das Kind schrie täglich, und die Mutter sah nach ihm, wenn sie aber kam, kroch es in die Höhle. Eines Tages kam „Yahuete“, der Jaguar mit zwei Köpfen, von denen der eine trocken war, riß ihr die Augen aus und führte sie lebend fort.

Der Großvater ging nun aus, um den kleinen Tatutunpa zu fangen, indem er ein Netz vor die Höhle legte, in welchem dieser sich fing. Er führte ihn nach Hause. Dort wuchs er schnell und begann groß zu werden. Er wurde mit Honig großgezogen. Eine Tages verlangte der kleine Tatutunpa Pfeil und Bogen. Der Großvater machte ihm einen Pfeil mit einer stumpfen Spitze aus Wachs. Mit dem ging er aus und jagte. Wenn er den Stamm traf, fielen alle Tauben tot herunter. Es war eine große Masse. Als Tututunpa nach Hause kam, fragte der Großvater, wie er so viele Tauben habe töten können, und da erzählte er, wie es zugegangen war. Auf dieselbe Weise tötete er viele Vögel. Eines Tages sah er fünf Araquavögel auf einem Baum. Tatutunpa schoß nach dem Baum, aber nur vier fielen herunter. Der fünfte sagte: ,,Du tätest besser, deine Mutter zu suchen, als Vögel zu schießen.“ Als Tatutunpa nach Hause kam, bat er den Großvater, ihm eine Keule aus „Huirapucu]) zu schaffen. Er schlug mit ihr gegen einen dicken Baumstamm, mußte aber zweimal schlagen, um den Stamm abzubekommen. Tatutunpa sagte da zu dem Großvater, sie tauge nichts, und verlangte eine Keule aus „Urundey“.2) Er schlug mit ihr gegen einen dicken Baumstamm und schlug den Stamm mit einem Schlage ab. ,,Diese ist gut“, sagte Tatutunpa. In Begleitung Dyoris machte sich Tatutunpa auf den Weg. Auf dem Wege tötete er einen Tapir. Dyori teilte ihn in vier Teile und fraß ihn auf. Sogar das Blut leckte er vom Boden auf.

Tatutunpa fand die Mutter blind im Walde. Sie bat ihn, die Jaguare zu töten, die sie gefangen hielten. „Sie kommen zur Tränke, um zu trinken“, sagte sie. Tatutunpa machte sich einen kleinen Schuppen, in welchem er sich verborgen hielt. Dyori versteckte sich hinter ihm. Zuerst kam „Embaracaya“ mit ihrer Beute. Mit einem Schlage zertrümmerte Tatutunpa ihren Kopf und warf sie und ihre Beute Dyori hin, der alles auffraß. Auf dieselbe Weise tötete er „Yahuapinta“ und die anderen Katzentiere. Er warf sie Dyori hin, der sie alle auffraß. Zuletzt kam Yahuete, der zwei Köpfe hatte. Er bat Inömu um Wasser. Yahuete trug einen Tapir, den er getötet hatte. Inömu wies ihn zur Tränke.

„Nein, gib mir hier Wasser, es hält sich jemand an der Quelle verborgen“, sagte Yahuete.

„Nein, es ist niemand da, und wie soll ich, die ich blind bin, Wasser holen können, ich falle ja“, sagte Inómu. Yahuete ging zur Tränke. Als er dorthin kam, schlug Tatutunpa mit der Keule, um ihn zu töten, traf aber nur den trocknen Kopf und Yahuete sprang davon. Tatutunpa folgte ihm. Als Yahuete sich verfolgt sah, verbarg er sich unter dem „tiru“ (S. 200 erwähnte Frauentracht) des Mondes.

„Wo ist Yahuete?“ fragte Tatupunta.

„Das weiß ich nicht“, antwortete die Frau (d. h. der Mond). Das war die erste Lüge.

„Er ist unter deiner ,tiru‘ verborgen“, sagte Tatutunpa und ging weiter.

Der Mond rief ihm da nach. „Yahuete frißt mich auf.“

Tatutnnpa ging zurück, um ihm zu helfen. Er sagte da, es sei nicht wahr. Tatutunpa ging wieder weiter. Er rief nun wieder: „Yahuete frißt mich auf.“ Als Tatutunpa zurückkam, sagte er, es sei unwahr. Tatutunpa ging wieder weiter. Wieder rief der Mond, Yahuete wolle ihn auffressen. Tatutunpa kehrte aber nicht mehr zurück. Nun war Yahuete wirklich im Begriff, ihn zu fressen. Als Tatutunpa zu seiner Mutter zurückkehrte, sagte er, er werde dafür sorgen, daß sie wieder sehen könne. Aus Taubenschmutz und Ton machte er Augen und setzte sie in ihre leeren Augenhöhlen. Inömu rieb sich die Augen, öffnete sie und konnte wieder sehen. Tatutunpa führte nun seine Mutter nach Hause.

Batirayu hat mir dieselbe Sage mit einer langen Einleitung erzählt, die in Yambásis Erzählung fehlt. Diese Einleitung will ich hier wiedergeben.

Es war einmal ein großes Trinkgelage. Dort waren viele Vögel versammelt. Der Häuptling befahl Aguaratunpa, ein Mädchen Inömu, die in einem Nachbardorfe war, zu holen, damit sie auch mit ihnen trinke. Aguaratunpa ging. Als er ins Haus des Mädchens kam, traf er ihren Vater.

,,Guten Tag, Onkel“, sagte Aguaratunpa.

,,Setze dich“, sagte der Vater.

„Nein, ich bin gekommen, um meine Nichte zu holen,“ sagte Aguaratunpa. Er fragte nun, ob das Mädchen mit ihm gehen wolle, was es bejahte. Das Mädchen machte sich fein, nahm seine Halskette um, zog seinen besten „tiru“ an und folgte Aguaratunpa. Als sie eine Strecke Weges gegangen waren, sagte das Mädchen: „Warum soll ich mit dir gehen, der du so häßlich bist“, und so kehrte sie um. Als Aguaratunpa ankam, fragte der Häuptling ihn, wie es gegangen sei. Er erzählte nun, daß das Mädchen umgekehrt sei.

„Urapua“ (der schwarze Aasgeier) erbot sich, das Mädchen zu holen. Urapua machte sich auf den Weg. Als er ins Hans des Mädchens kam, sagte er:

„Guten Tag, Onkel.“

„Nimm Platz“, sagte der Vater.

„Nein, ich bin gekommen, um meine Nichte zu holen, sie soll mir helfen Maisbier zu trinken“, sagte Urapua. Er fragte das Mädchen, ob es mitgehen wolle. Sie erklärte sich einverstanden und machte sich in Ordnung. Als sie halbwegs gekommen waren, sagte das Mädchen: „Warum soll ich mit dir gehen, der du so häßlich bist.“ Sie kehrte nach Hause zurück. Als Urapua ankam, fragte der Häuptling, wie es ihm ergangen sei. Er erzählte, das Mädchen sei umgekehrt.

„Tiu“ erbot sich zu gehen. Als er in das Haus des Mädchens kam, sagte er:

„Guten Tag, Onkel.“

„Nimm Platz“, sagte der Vater.

„Nein, ich bin gekommen, um meine Nichte zu holen, sie soll mir helfen Maisbier zu trinken“, sagte Tiu. Er fragte das Mädchen, ob es mitgehen wolle. Als sie ein gutes Stück Weges gekommen waren, sagte das Mädchen: „Warum soll ich mit dir gehen, der du so häßlich bist“, und so ging sie wieder nach Hause. Da erbot sich „Choe“ zu gehen. Als er ankam, ging er direkt zum Mädchen und fragte sie, ob sie mit ihm kommen und ihm helfen wolle, Maisbier zu trinken. Das Mädchen gab ihm eine Kalebaßschale Maisbier und war bereit, ihm zu folgen. Sie gingen. Als sie ganz nahe dem Dorfe waren, wo ein großes Trinkgelage war, sagte das Mädchen, es wolle nicht mit ihm gehen, er habe so schwarze Beine, und kehrte um. Als er ankam, fragte der Häuptling, wie es ihm ergangen sei. Er erzählte, daß das Mädchen umgekehrt sei. Alle die anderen Vögel versuchten, aber mit keinem wollte das Mädchen gehen. Zuletzt ging „Churincui“. „Paß auf,“ sagte der Häuptling, „er bekommt bestimmt das Mädchen mit sich.“ Churincui ging direkt zu dem Mädchen und fragte es, ob es mit ihm gehen und ihm helfen wolle, Maisbier zu trinken. Das Mädchen war bereit und folgte ihm bis dahin und setzte sich zu den anderen Frauen. Aguaratunpa ging erbost umher. Der Häuptling fragte, ob jemand singen könne. Aguaratunpa kleidete sich in seinen „tirucumbai“ (Abb. 81) und machte sich zum Singen bereit, er konnte aber nicht mehr als „pühuate, pühuate“. Urapau kam nun hervor und wollte singen, er konnte aber nur „hü, hu“ sagen.

Da bat der Häuptling ,,Húíratucúhua“ zu singen und dieser sang:

„Huaté púhuatekos rárásé mánura lúhuaya chúshico ti, ti, ti, ti . . .“

Dort war ein Mann, der mit seinem Bruder und allen den anderen Vögeln verfeindet war, der nicht am Trinkgelage teilnahm, sondern umherging und jagte. Auf einem Baum saßen viele Papageien. Unter diesen war ein weißer Papagei. ,,Den will ich fangen“, sagte er und versuchte es, ihn mit einer Schlinge an einer Rute zu fangen, aber es gelang ihm nicht. Er zielte nun mit dem Bogen nach dem Papagei. Dieser fing zu sprechen an und sagte: „Warum willst du mich töten?“ Der Papagei lehrte ihn nun, wie er singen solle, und sagte ihm, wenn er mitten unter die käme, die trinken, solle er den Arm über den Kopf hochstrecken. Er ging nun um diejenigen, die tranken, herum und sang. Dann ging er mitten unter sie und streckte den Arm hoch. Als er dies tat, wurden diejenigen, die standen, in Vögel, und die, die saßen, in Steine verwandelt, außer Inömu, Tatu-tunpa, Aguaratunpa und Teyuhuasu. Tatutunpa, Aguaratunpa und Teyuhuasa saßen nicht mit den anderen zusammen, sondern standen in der Nähe. Tatutunpa sagte zu Aguaratunpa:

„Du sollst sehen, ich mache das Mädchen schwanger.1)

1) Gemildert.

Wenn sie den Körper dreht, ist es geschehen.“ Er grub nun ein Loch in der Erde unter dem Mädchen . . .Die Fortsetzung von Batirayus Erzählung ist mit der Yambäsis beinahe identisch. In ihren Grundzügen scheint mir diese Sage echt indianisch zu sein. Es sind jedoch Elemente darin, die von den Weißen geliehen zu sein scheinen, nämlich die Geschichte von den Lügen des Mondes. Diese kommt in Batirayus Version der Sage nicht vor. Sie erinnert mich auch sehr an den Knaben, der um Hilfe zu rufen pflegte, ohne daß eine Gefahr vorhanden war. Als schließlich die Wölfe dabei waren, ihn aufzufressen, kümmerte sich keiner um ihn. — eine Sage, die in Europa bekannt ist und die ich in Schweden als Kind gehört habe.

Ein Teil dieser Sage erinnert stark an eine von d’Orbigny von den Yuracáreindianern wiedergegebene Sage. Dem Tatutunpa entspricht dort ,,Tiri“, der, um seine Mutter zu rächen, alle Katzentiere, außer dem Jaguar mit den vier Augen, der seine Zuflucht zum Monde nimmt, tötet. Früher standen die Chirigoanus und Chanes sicher in Verbindung mit den Yuracäreindianern. Als die Weißen das Land um Santa Cruz de la Sierra eroberten, zogen die Chiriguanos nach Süden und die Yuracäres nach Norden. Auf meiner letzten Reise habe ich auch die Yuracäreindianer besucht, die ich später in einem anderen Buche schildern werde.

Der Mann, der sich mit der Tochter des Donnergottes, Chiqueritunpa, verheiratete.

Erzählt vom Chanéhäuptling Böyra.

Es waren einmal in alten Zeiten drei arme Männer, die keine Verwandten hatten. Sie waren sehr hungrig. Zwei von ihnen gingen, um etwas zum Essen zu suchen. Erst kamen sie in einen großen Wald, durch den ein Pfad ging. Nach drei Tagen kamen sie auf eine große Ebene. Mitten in der Ebene war ein Haus. Sie gingen um das Haus herum, fanden aber keinen Eingang. Schließlich kam aber eine Frau heraus, es war Chiqueritunpas Schwester. Sie bat sie, hineinzukommen. „Wir sind schmutzig“, sagten sie und wollten nicht hineingehen. Sie brachte dem einen Maisbier. Er trank vier Kalebaßschalen Maisbier aus. Sie brachte dem anderen Maisbier. Auch er trank vier Kalebaßschalen Maisbier aus. „Geht nun und badet euch,“ sagte sie, „und wascht euch den Kopf.“ Sie gab ihnen die Wurzel der „yúag“. Als sie gebadet und sich gewaschen hatten, kamen sie wieder. Sie gab ihnen Uruku, um sich zu bemalen. „Geht nun und ruht aus. Nachher sollt ihr Holz holen,“ sagte sie und gab ihnen eine Axt. Sie suchten überall in der Ebene, fanden aber kein Holz. „Habt ihr kein Holz gefunden?“ fragte die Frau.

„Nein“, sagten sie.

„Saht ihr dort keinen alten Mann? Er hat Holz. Gebt ihm einen Hieb mit der Axt“, sagte die Frau.

Sie gingen wieder auf die Ebene, um Holz zu suchen. Dort fanden sie den Alten, sie schämten sich aber, ihm einen Hieb mit der Axt zu geben, und kehrten zur Frau zurück.

„Habt ihr den Alten getroffen?“ sagte sie.

„Ja,“ antworteten sie, „aber wir schämten uns, ihn zu töten.“

„Haut den Alten, er ist Holz!“ sagte die Frau.

Sie gingen wieder auf die Ebene und fanden ihn. Sie gaben ihm einen Axthieb, und er verwandelte sich in Holz, das sie zur Stube trugen. Die Frau kochte. Dann spann sie Fäden.

„Warum seid ihr hierhergekommen?“ sagte sie.

„Wir suchten uns eine Mutter. Wir waren drei, aber einen haben wir zurückgelassen“, sagten sie.

„Warum habt ihr ihn nicht mitgenommen?“ sagte die Frau.

Sie ließ die Männer baden. Sie badeten und die Frau badete auch. Sie sahen, daß sie ein hübsches Weib war. ,,Hier sollt ihr eine Hütte und eine Falle machen und Tauben fangen! Wenn die Tauben kommen, werden sie sich in Frauen verwandeln. Wenn diese baden, sollt ihr ihre Kleider nehmen und laufen!“ sagte die Frau. Eine Masse Tauben kamen und setzten sich auf die Bäume um den Sumpf. Unter ihnen war ihr großer Häuptling. Die Tauben flogen ans Ufer und verwandelten sich in Frauen und nahmen ihre Kleider (tiru) ab. Die Männer schlichen sich heran, jeder von ihnen nahm drei Kleider und lief davon. Die Frauen liefen ihnen nach. Der eine warf zwei Kleider fort und kam mit einem Kleid und einer der Frauen ins Haus. Der andere lief mit allen drei Kleidern. Die Frauen holten ihn ein und prügelten ihn ordentlich.

Derjenige, der mit einem Kleid gekommen war, kam mit seiner Frau ins Haus. ,,Legt euch schlafen!“ sagte die Schwester Chiquéritunpas.

Der Mann legte sich mit seiner Frau, die die Tochter Chiqueritunpas war, schlafen. Sie schliefen den ganzen Tag zusammen und am Abend gebar sie. Am folgenden Tag kam Chiquéritunpa. Er wollte seine Tochter schlagen. Er schickte nach einem Pferd, einem Esel und einer Stute, um seine Tochter und seinen Schwiegersohn nach Hause zu bringen. Nachdem sie gegessen hatten, ritten sie fort. Der Mann, der von den Frauen geprügelt worden war, weinte. „Weine nicht so sehr“, sagte die Schwester Chiqueritunpas. Als sie ein Stückchen geritten waren, trafen sie einen Christen, der arbeitete.

„Was für Arbeit hast du vor?“ fragte der Mann. „Ich will Mandioka und Mais säen. Hier will ich wohnen und hierhin will ich ein Weib bringen“, sagte der Christ. Sie ritten weiter und trafen einen anderen Christen. ,,Was für Arbeit hast du vor?“ fragte der Mann. Übel gelaunt antwortete der Christ: ,,Hier will ich Hügel mit dornigen Büschen säen.“ Sie setzten ihre Reise fort und trafen einen anderen Christen, der mit dem Fällen von Bäumen beschäftigt war. ,,Was für Arbeit hast du vor?“ fragte der Mann. ,,Ich haue Stangen zur Einzäunung für die Tiere, denn hier will ich Vieh haben. Alles nehme ich hierher, Kleider werde ich mir schaffen“, sagte der Christ. Sie ritten weiter und trafen einen anderen Christen. ,,Was für Arbeit hast du vor?“ fragte der Mann. Übel gelaunt antwortete der Christ: „Ich arbeite, um Steine zu ernten.“ Sie ritten weiter und trafen einen anderen Christen, der tischlerte. „Was machst du hier?“ fragten sie. „Ich will mir ein Haus bauen, wo ich Kleider und alles mögliche andere haben will“, antwortete der Christ. Sie ritten weiter und trafen einen anderen Christen. „Woran arbeitest du?“ fragte der Mann. Übel gelaunt erwiderte der Christ: ,,Hier will ich Chuchio1) säen, damit niemand passieren kann. Als sie nahe dem Hause des Chiqueritunpa waren, sagte dessen Tochter zu ihrem Mann: „Erst werde ich mit dem Knaben absteigen, der schon gehen kann. Hierauf sollst du absteigen, und wenn du dich auf die Bank setzt, sollst du dich nicht wundern, wenn sie sich bewegt. Bewegt sich das Haus, sollst du dich nicht wundern. Du sollst nicht meine Mutter grüßen und auch nicht meinen Bruder. Nur den Vater sollst du grüßen.“ Als sie ankamen, stieg sie zuerst ab und trat ein. Ihr folgte der Knabe, der schon gehen konnte. Zuletzt stieg der Mann vom Pferde. Als er vom Pferde stieg, verwandelte es sich in einen Haufen Knochen. Er ging hinein und setzte sich auf einen Schemel. Derselbe bewegte sich, denn er war eine große Schlange. Er tat, als merke er nichts. Auch das Haus bewegte sich, er tat aber, als kümmere er sich nicht darum. Zuerst kam seine Schwiegermutter und grüßte ihn, er beantwortete aber den Gruß nicht. Darauf kam sein Schwager und grüßte, aber er beantwortete auch dessen Gruß nicht. Der Schwager schlug ihm vor, sie sollten spielen, er antwortete ihm aber nicht.

„Heute Nacht sollst du nicht bei mir schlafen. Ich schlafe in einer Hängematte, mein Sohn in einer und du in einer dritten,“ sagte Chiqueritun-pas Schwester zu ihrem Mann. „Morgen sollst du mit meinem Bruder spielen“, sagte sie. Sie legten sich nun schlafen. Am folgenden Tage rief der Hahn früh: „Jesus Christus, Jesus Christus!“ Als der erste Christ, der ihnen begegnet war, nach seinem Acker kam, fand er ihn voll von Mais und Mandioka und außerdem eine Hütte und ein hübsches Weib. Der zweite Christ, der geantwortet hatte, er wolle Hügel mit dornigen Büschen säen, fand seinen Acker in solche verwandelt. Der dritte Christ fand seine Umzäunung für die Tiere schon fertig und voll von schönem Vieh. Derjenige, der geantwortet hatte, er wolle Steine säen, fand seinen Acker voller Steine. Derjenige, der getischlert hatte, um sich ein Haus zu bauen, fand es schon fertig und voller Kleider. Derjenige, der übellaunig geantwortet hatte, er wolle Chuchio säen, fand den Acker in dichtes Gestrüpp verwandelt, durch das niemand konnte.

Chiqueritunpas Sohn schlug seinem Schwager ein Spiel vor.

„Was für ein Spiel?“ sagte er. „Mir wollen das Haus wegrücken“, sagte Chiqueritunpas Sohn und versetzte es mit einem Arm. Mit seiner ganzen Stärke rückte der Mann das Haus weg. „Nun wollen wir das Pferd wieder lebendig machen“, sagte Chiqueritunpas Sohn und hob die Beine des Pferdes, auf welchem der Mann gekommen war, hoch. Es verwandelte sich in ein sehr fettes Pferd mit feuersprühendem Mund. Auch dies machte der Mann nach. Am folgenden Tag schlug der Mann seinem Schwager, Chiqueritunpas Sohn, ein Spiel vor. ,,Was wollen wir spielen?“ sagte er. „Wir wollen die Sonne herunternehmen“, sagte der Mann. Mit einer langen Rute aus Chuchio nahm er die Sonne herunter. Es wurde nun so warm, daß sowohl Chiqueri-tunpa wie sein Sohn davonliefen. Am folgenden Tag wurde der Mann Häuptling. Derjenige, der von den Mädchen Prügel bekommen hatte, denen er ihre Kleider geraubt hatte, blieb bei der Schwester Chiqueritunpas. Eines Tages sagte sie zu ihm, er solle nach einem großen See gehen. Dort solle er tauchen und eine Handvoll Sand heraufholen. Diesen Sand solle er in das Haus legen. Er ging nun zum See, tauchte und holte eine Handvoll Sand herauf, den er ins Haus legte. Am folgenden Tage sagte die Schwester von Chiqueritunpa: „Sieh nun nach, was aus dem Sande geworden ist!“ An Stelle des Sandes fand er ein hübsches Weib. „Dies soll deine Frau sein“, sagte Chiqueritunpas Schwester. Am Tage pflegte er mit ihr am See zu baden. Dort spielte er mit ihr, liebkoste sie und im Bade bespritzten sie sich mit Wasser. „Bade nicht mit ihr so viel am See. Denke daran, daß sie nur aus Sand gemacht ist“, sagte Chiqueritunpas Schwester. Er hörte nicht auf sie, sondern spielte und koste mit ihr unten am Seeufer. Eines Tages, als er mit ihr spielte, wurde sie immer schmaler, bis sie sich zuletzt in einen Haufen Sand verwandelte. Weinend ging der Mann zur Schwester Chiqueritunpas. Hayma opama! (Und mehr war es nicht).

Diese Sage ist, wie wir sehen, nicht frei von europäischen Elementen. In ihren Hauptzügen ist sie jedoch rein indianisch. Keine der von mir hier mitgeteilten Sagen scheint mir so phantasiereich, wie diese.

„Choihuihuis“ Frauenraub.

Erzählt von dem Chanéhäuptling Böyra.

Es war einmal in alten Zeiten ein großes Trinkgelage. Dort waren Aguaratunpa, Tatutunpa, Teyuhuasu, Inómu, Choihuihui(2 und viele andere. Aguaratunpa war gegangen, um Inömu zu holen. Sie blieb vier Tage und trank mit ihnen. Zuletzt kam ihre Mutter, die sehr ärgerlich war, daß sie so lange fortgeblicben war. Sie verwandelte alle, die dort waren, in Vögel und nahm Inömu mit nach Hause. Nur Aguaratunpa, Tatutunpa und Choihuihui waren dort geblieben. Tatutunpa ging nach Hause. Aguaratunpa, der keine feste Wohnstätte hatte, streifte umher und betrog die Menschen. Choihuihui machte sich auch auf den Weg. Er kam nach einem Hause. Dort wohnte eine verheiratete Frau mit ihrer Tochter. Er grüßte sie. Sie bot ihm Maisbier und er trank. Darauf nahm er Abschied und ging. Er blieb jedoch, in einen Choihuihui verwandelt, ganz in der Nähe, um zu spionieren. Nach einem Weilchen kam der Mann der Frau nach Hause. Dieser nahm sie mit und sie gingen nach dem Felde, sie um zu ernten, er um zu graben. Als sie dorthin gekommen waren, machten sie Feuer an. Er ging, um zu graben, sie blieb beim Feuer mit der kleinen Tochter und röstete Mais. Choihuihui war ihnen nachgegangen. Er blieb in der Nähe. Nach einem Weilchen ging die Frau abseits, um ihre Notdurft zu verrichten. Als sie in den Wald kam, umschlang Choihuihui sie. In einen Vogel verwandelt, flog er mit ihr davon. Da die Mutter nicht zurückkam, begann das Mädchen zu weinen. Als der Vater dies hörte, ging er dorthin. Er rief seine Frau, aber niemand hörte.

2) Ein Vogel.

Er suchte sie und fand ihre und Choihuihuis Spur. Vergebens versuchte er ihnen zu folgen. Nachdem er lange gesucht hatte, suchte er die Brüder seiner Frau auf, damit sie ihm suchen hälfen. Sie suchten, fanden aber niemand. Die Brüder glaubten, der Mann habe seine Frau aus Eifersucht getötet. Als sie an einem großen Baum vorüber kamen, sahen sie im Gipfel das Nest eines „Tuyuyu“. Die Brüder sagten zu dem Manne, er solle die Vögel fangen, um sein Kind zu trösten. Da der Baum einen hohen, geraden Stamm hatte, machten sie eine Leiter und der Mann kletterte hinauf. Als er bis zum Gipfel des Baumes gekommen war, nahmen die Brüder die Leiter weg, damit der Mann nicht herunter könne. ,,Dort sollst du sitzen bleiben und verhungern, weil du deine Frau getötet hast“, sagten sie. Der Mann begann zu weinen. Zuletzt schlief er, an den Stamm gelehnt, ein. Als er erwachte, saß er in einer Flütte. Neben ihm saßen zwei hübsche Frauen. Sie fragten ihn, wie er dorthin gekommen sei. Er erzählte nun, daß ein Mann in sein Haus gekommen sei usw. (hier wird die ganze Sage wiederholt). Die Frauen begannen zu lachen. „Avayurupiagua hat deine Frau fortgeführt“, sagten sie. Er fragte sie, wer ihr Vater sei. ,,Er ist nach Itica2) gegangen, um Fische3) zu holen“, sagten sie. Die jüngste sagte, er solle bei ihr schlafen, was er tat. Auch die Älteste wollte bei ihm schlafen. „Wird deine Mutter nicht ärgerlich, wenn ich es tue?“ sagte er. „Nein, du sollst bei uns schlafen, denn hierher kommt niemals ein Mann“, sagten sie. Er schlief somit bei beiden Frauen. Nach einigen Tagen kam der Vater der Mädchen nach Hause. Er brachte zwei große Bürden getrockneter Fische mit. Der Vater fragte, wie er hierher gekommen sei. Er erzählte usw. (hier wird die ganze Sage wiederholt).

Der Vater sagte, er sei ihm nicht böse ,weil er bei seinen beiden Töchtern geschlafen habe, und versprach ihm seine Hilfe, um die Frau zurückzubekommen. Sie ist am Itica bei Avayurupiagua,“ sagte er. „Dort ist ein großes Trinkgelage und wir wollen hin. Du sollst mit mir kommen und tun, was ich sage. Erst sollst du alle grüßen, und zuletzt sollst du deine Frau grüßen. Sie wird dich nicht erkennen. Wenn sie dich grüßt und dir Maisbier anbietet, so schlingst du deine Arme um sie und ich schlage dich auf den Steiß“, sagte er. Sic begaben sich nun nach Itica. Als sie dorthin kamen, grüßte der Vater zuerst alle. Zuletzt grüßte der Mann seine Frau. Sie bot ihm eine Kalebasse Maisbier. Er umschlang sie und der Alte klopfte ihn auf den Steiß. In einen Tuyuyu verwandelt, flog er mit seiner Frau davon. Als Avayurupiagua dies sah, stürzte er ärgerlich in sein Haus, um Bogen und Pfeile zu holen. Er schoß einen Pfeil nach dem anderen ab, konnte sie aber nicht treffen. Diese Sage scheint mir vollständig rein von fremden Elementen zu sein. Mit der hier erwähnten Leiter meint man einen langen Stock, in den man Trittstufen gehauen hat. Solche wenden besonders die Chiriguanos sowie die Chanes am Itiyuro stets für die Maisscheunen an, die auf Pfählen gebaut sind.

Wie Aguaratunpa Tatutunpa tötete und dann selbst getötet wurde.

Erzählt von dem Chanéhäuptling Batirayu.

Es waren einmal in alter Zeit zwei verrückte Mädchen. Nicht weit davon wohnte Tatutunpa. Sie hörten ihn so schön auf seinem „huiramimbi“ pfeifen. Die eine sagte zu der anderen: „Wir wollen hingehen und sehen, wer so schön spielt.“ Sie gingen zu Tatutunpa, der in seiner Hängematte lag. Tatutunpa nahm das jüngste der Mädchen zur Frau. Aguaratunpa Itatte erfahren, daß die Mädchen sich zu Tatutunpa begeben hatten. Er ging hin, verbarg sich in dem Acker, wo Tatutunpa arbeitete und tötete ihn mit einem Knüppel. Hierauf zog er vorsichtig die Kopfhaut ab und bekleidete sich damit. Auf diese Weise dem Tatutunpa gleichend, ging er zu dessen Hütte. „Sieh, dort kommt dein Mann“, sagte die ältere Schwester. Sie stellte Essen auf den Tisch. Da Tatutunpa sehr wenig zu essen pflegte, nur ein paar Bohnen und eine kleine Schale Maisbier, trug sie nicht mehr auf. Als Aguaratunpa kam, aß er alles auf und verlangte noch mehr. Als er dies gegessen hatte, verlangte er noch mehr. Das Mädchen fragte sich, ob dies wirklich ihr Mann sein könne, der so viel aß, es konnte ja aber kein anderer sein.

Am Abend bat Aguaratunpa seine Frau, sie möchte ihn lausen. Sie setzte sich und suchte Läuse auf dem Kopfe Aguaratunpas. Während sie suchte, schlief Aguaratunpa ein. Sie sah da, daß die Haut auf seinem Kopf zusammengenäht’war, und verstand, daß er ihren Mann getötet und abgehäutet hatte. Sie erzählte dies ihrer Schwester, und sie töteten Aguaratunpa mit einen Knüppel.

Der Mann, der Anatunpa verbrannte.

Erzählt von dem Chiriguanoindianer Yambasi am Rio Grande.

Wenn die Menschen Honig sammelten, suchte Anatunpa sie auf und fraß sie auf.

Es war einmal ein Mann, der Honig sammelte. Da kam Anatunpa und fragte ihn, was er tue. „Ich sammle Honig“, sagte der Mann. „Fahre damit fort“, sagte Anatunpa. Als der Mann genug gesammelt hatte, tötete er ihn und warf ihn Dyöri hin, der ihn auffraß und sogar das Blut aufleckte. Auf diese W eise tötete Anatunpa viele Menschen. Ein Mann war ausgegangen, um Honig zu sammeln. Der Tukan sagte zu ihm: „Wenn Ahatunpa kommt, so bitte ihn, dich nach seinem Hause zu tragen und dich dort zu töten. “ Während der Mann Honig sammelte, kam Ahatunpa. „Was willst du?“ fragte der Mann. „Ich will dich auffressen“, sagte Ahatunpa.„Tue das nicht hier, sondern trag mich nach deinem Hause und friß mich dort auf“, sagte der Mann. Ahatunpa nahm nun den Mann auf den Nacken und trug ihn zu sich. „Brich Zweige ab und mache auf dem Nacken Ahatunpas Feuer an“, sagte der Tukan. Als Ahatunpa durch das dichte Gestrüpp ging, brach der Mann Zw’eige und Äste ab und machte auf dem Nacken Ahatunpas vorsichtig Feuer an. „Wenn du an einen niedrigen Zwreig kommst, so klammere dich fest!“ sagte der Tukan zum Manne. Das tat dieser. Bald merkte Ahatunpa, daß es ihm im Nacken brenne und begann zu laufen. Das Feuer nahm zu. Seine Haare fingen Feuer und bald verbrannte Ahatunpa vollständig und starb.

Der Mann, der Ahatunpa tötete.

Erzählt von dem Chiriguanoindianer Yambasi am Rio Grande.

Ahatunpa fraß alle Menschen auf, die er erwischen konnte. Da kam ein Mann, der zu Ahatunpas Höhle Holz trug. „Komm, wir wollen spielen!“ sagte Ahatunpa.

„Was für ein Spiel?“ sagte der Mann. „Du sollst mir mit einer Axt einen Hieb vor die Stirn versetzen, und wenn ich nicht sterbe, schlage ich dich“, sagte Anatunpa. Anatunpa stellte sich gerade auf, reichte dem Mann die Stirn und dieser schlug ihn mitten auf dieselbe. Da Aha-timpas Stirn hart wie Eisen war, tat ihm dies nichts. Aha-tunpa gab nun dem Mann einen Schlag vor die Stirn, tötete ihn und warf ihn Dyöri zu, der ihn auffraß. Ein anderes Mal kam ein anderer Mann zu Anatunpas Höhle. Anatunpa schlug ihm dasselbe Spiel vor. Eine Fliege „Mbéru“ rief ihm da zu, er solle ihn nicht auf die Stirn, sondern in den Nacken hauen. Als Anatunpa sich mit geschlossenen Augen aufstellte, um den Hieb zu erhalten, ging der Mann hinter ihn, hieb ihn in den Nacken und Aha-tunpa fiel tot nieder. Dyöri fragte ihn, wie er habe Anatunpa töten können. Der Mann erzählte ihm, was Mberu gesagt hatte.

„Sehr gut“, sagte Dyöri.

Wie Bisose Reichtümer aus dem Berge holte.

Erzählt von dem Chanéindianer Eatirayu.

Ein Chané, Bisose, wollte in einem tiefen Pfuhl angeln. Erst angelte er viele kleine Fische. Plötzlich angelte er einen so großen Fisch, daß er ihn nicht heraufzuziehen vermochte. Er ging erst um den Pfuhl herum, weil er Angst hatte, hineinzugehen. Schließlich stieg er vorsichtig ins Wasser, indem er der Angelschnur mit der Hand folgte. Als er in tiefes W’asser gekommen war, fühlte er, daß ihn jemand ums Bein faßte und in die Tiefe zog. Es war die große Schlange „Boyhuasu“. Diese führte Bisose im Gebirge umher und nach los Campos del guanaco. Schließlich führte sie ihn durch einen engen Paß in den Berg hinein. Dort gab sie ihm blaue Steine und Silber. Bisose belud sich damit. Als er aus dem Paß herauswollte, war er so eng, daß er nur wenig mitnehmen konnte. Deshalb sind diese Steine und Silbersachen so selten. Boyhuasu führte ihn dann zum Pfuhl zurück. Er kam an derselben Stelle heraus, wo er ins Wasser gestiegen war. In dieser Sage werden unter den Kostbarkeiten, die Bisose aus der Tiefe holte, blaue Steine erwähnt. Durchbohrte Türkise und Chrysocol schätzen diese Indianer auch als Halskettenperlen hoch.

Der Fuchs und der Jaguar.

Erzählt von dem Chanéhäuptling Böyra.

Der Fuchs traf den Jaguar in seinem Acker. Dieser war mit Säen beschäftigt.

„Willst du, daß ich dir helfen soll, Onkel?“ sagte der Fuchs.

„Ja, Neffe. Ich will mir die Grabestöcke holen“, sagte der Jaguar.

„Das will ich“, sagte der Fuchs und ging zur Hütte des Jaguars.

Als er dorthin gekommen war, sagte er zur Frau des Jaguars: „Ich schäme mich, dir mein Anliegen zu sagen.“

„Wieso?“ sagte sie.

„Ja,“ sagte der Fuchs, „der Jaguar hat mich hierher geschickt, damit ich bei dir und deinen beiden Töchtern schlafe.“ Das glaubte die Frau des Jaguars nicht.

»Ja, es ist wahr,“ sagte der Fuchs. „Du sollst hören, was er sagt,“ und nun rief er: „Soll ich sie alle nehmen?“

„Alle“, rief der Jaguar als Antwort.

Der Fuchs schlief nun zuerst bei der Frau des Jaguars und dann bei der ältesten Tochter und dann bei der jüngeren. Sie war noch Jungfer, und er tat ihr weh. Darauf ging der Fuchs weg. Er lief im Grase, damit die Spuren nicht sichtbar wären. Er sprang auf einen langen Holzstamm. Zuletzt kam er an einen Pfuhl. Er tauchte unter und kam an der anderen Seite wieder herauf. Er lief, was er laufen konnte, bis er zu einem Baum mit dornigem Stamm kam. Er kroch an demselben hinauf und legte sich schlafen. „Hier will ich liegen und von der Frau und den Töchtern des Jaguars träumen, bei denen ich geschlafen habe“, sagte der Fuchs. Er legte sich hin und schlief ein. Als der Jaguar merkte, daß der Fuchs nicht mit den Grabe-hölzern kam, dachte er: „Ich will doch nachschen, was aus dem Fuchs geworden ist. Der Fuchs ist doch ein Schwindler.“ Als der Jaguar nach seinem Hause kam, sagte seine Frau zu ihm: „Wie kannst du so grausam sein und den Fuchs herschicken, daß er bei uns schlafe?“ Ergrimmt machte sich der Jaguar auf den Weg, um den Fuchs zu suchen. Er folgte seinen Spuren und kam zu dem Pfuhl, wo die Spuren des Fuchses ein Ende nahmen. Überall suchte er ihn. Schließlich verstand er, daß der Fuchs in den Pfuhl getaucht „war. Der Jaguar tauchte nun auch nieder und fand die Spuren des Fuchses auf der anderen Seite. Er folgte ihnen und kam zu dem Baume. Überall um den Baum suchte er die Fortsetzung der Spuren, fand sie aber nicht. Da sah er auf und sah den Fuchs, der schlief. Er kletterte hinauf, brach vorsichtig einen Zweig ab und kitzelte den Fuchs in den Nasenlöchern. Dieser nieste, wischte sich die Nase und sagte: „Können die Moskitos mich nicht in Ruhe lassen, wo ich gerade von der Frau und den Töchtern des Jaguars träume, bei denen ich geschlafen habe!“ Nun kitzelte ihn der Jaguar etwas kräftiger, und der Fuchs erwachte. Der Jaguar machte sich bereit, ihn zu packen. Der Fuchs kroch zusammen, und da der Jaguar zögerte, ihn zu fassen, sprang er mit einem Satz zur Erde und begann zu laufen, alles was er laufen konnte. Der Jaguar verfolgte ihn. Schließlich ermattete der Fuchs jedoch, und der Jaguar fing ihn und verschluckte ihn. Der Fuchs wurde im Magen des Jaguars wieder lebendig. Dieser brach ihn aus. Der Jaguar fraß den Fuchs wieder auf, dieser wurde aber wieder in seinem Magen lebendig und wieder ausgeworfen. Wiederum fraß der Jaguar den Fuchs auf, der wieder lebendig wurde usw.

Diese Sage hat eine weite Verbreitung. In etwas verschiedener Form habe ich sie in Carmen in Mojos erzählen hören.

Als die Schildkröte „Carumbe“ den Jaguar tötete.

Erzählt von dem Chiriguanoindianer Yambäsi.

Es war einmal ein großes Trinkgelage. Dort waren Aguara-tunpa, Carumbe und „Taturapua“ (das Kugelgürteltier). Der kleine. Sohn der Schildkröte weinte. Da man ihn fragte, warum er weine, sagte er, er wolle die Krallen des Jaguars haben, um damit zu spielen. Die Frau der Schildkröte sagte zu ihrem Manne, er solle die Krallen des Jaguars holen, damit der Kleine damit spielen könne. Die Schildkröte machte sich auf den Weg und kam zu einem Stamm „samuo“ mit großen, scharfen Dornen. Dort blieb sie stehen und wartete auf den Jaguar. In der Entfernung hörte sie sein Brüllen. Der Jaguar kam, immer brüllend, näher und fand die Schildkröte am Fuße des Baumes.

„Was tust du hier?“ sagte der Jaguar.

„Ich spiele“, sagte die Schildkröte.

„Wie geht das zu?“ sagte der Jaguar.

„Ich klettere auf den Samuo hinauf und dann rolle ich herunter“, sagte die Schildkröte.

„Laß mich sehen“, sagte der Jaguar, der Lust hatte, die Schildkröte aufzufressen.

Diese kletterte am Stamme bis zum Gipfel hinauf und rollte herab, ohne sich zu beschädigen. Dies machte dem Jaguar Spaß, und die Schildkröte mußte wieder hinaufklettern. Wieder rollte sie herunter, ohne sich zu beschädigen. Der Jaguar wollte es auch versuchen. Er kletterte hinauf und rollte herunter, riß sich aber an den Dornen alle seine Eingeweide auf und starb. Die Schildkröte nahm die Krallen des Jaguars als Spielzeug für ihren kleinen Sohn mit nach Hause.

Die Liebessage des Kolibris.

Erzählt von dem Chiriguanoindianer Yambasi.

Es waren zwei Mädchen, die Chinci (Kolibri) die Flöte spielen hörten. Er spielte so schön, daß eins der Mädchen sagte: „Ihn will ich zum Manne haben.“ Sie suchte den Kolibri auf und schlief bei ihm.

„Wir wollen in mein Haus gehen“, sagte der Kolibri. Als sie dorthin kamen, war es so klein, daß das Mädchen keinen Platz fand. Sie ging deshalb in ihr Dorf zurück. Am Abend kam der Kolibri vor das Dorf und spielte Flöte, um sie zu locken. Das Mädchen lauschte und sagte: ,,Der Kolibri ist’s, der spielt.“ Sie ging aber nicht mehr zu ihm. Jeden Abend kam der Kolibri vor das Dorf und spielte seine schönsten Weisen, das Mädchen wollte aber nicht mit ihm gehen, der eine so kleine Hütte hatte.

Als die Zecke, Yateu, mit dem Strauß, Yándu, um die Wette lief.

Die Zecke und der Strauß wollten einen Wettlauf veranstalten, um zu sehen, wer am besten laufen konnte. Als sic zu laufen begannen, hüpfte die Zecke auf den Strauß und biß sich in den Augenwinkeln fest. Als der Strauß eine Strecke gelaufen war, schielte er nach der Seite, um zu sehen, ob die Zecke auch mit war. Da sie in dem Augenwinkel war, sah er sie an seiner Seite. Der Strauß beeilte sich. Als er ein Stückchen gelaufen war, schielte er wieder zur Seite und sah, daß die Zecke noch an seiner Seite war. Der Strauß lief aus Leibeskräften. Als er dem Ziele ganz nahe war, hüpfte die Zecke von dem Augenwinkel und kam als erster an. Die Zecke hatte den Wettlauf gewonnen. Diese kleinen Tiersagen haben eine ungeheuere Verbreitung. So finden wir die Sage von der Schildkröte und dem Jaguar beinahe unverändert in Santarem an dem Zusammenfluß des Rio Tapajo in den Amazonenstrom.

Auch ähnliche Wettlaufsagen sind von der Küste Brasiliens bekannt. Diese letzteren finden sich, wie bekannt, auch bei uns. Man hat, wie schon erwähnt, nachgewiesen, daß gewisse Sagen von Nordamerika und Asien bis nach Südamerika heruntergewandert sind. Da hier indessen nicht der rechte Platz zu vergleichenden Studien über die von mir gesammelten Sagen ist, habe ich mich damit begnügt, nur das Material vorzulegen. Wie wir gesehen haben, lernen wir aus den Sagen einen Teil der religiösen Vorstellungen der Indianer verstehen. Sie sind auch aus dem Gesichtspunkt interessant, daß in ihnen eine ganze Menge kleiner Züge aus dem Leben der Indianer wiedergegeben werden. Sie geben uns einen Einblick in ihre Phantasiewelt. Nur der Inhalt der von mir gesammelten Sagen, nicht die Form, ist als Forschungsmaterial verwendbar. Ich hoffe, daß besonders die eingeborenen südamerikanischen Ethnographen die von mir gemachten Sammlungen fortsetzen und die Sagen auch in den Originalsprachen aufzeichnen werden. Um dies zu können, ist jedoch eine vollständige Beherrschung derselben notwendig. Die beste Methode wäre, die Indianer diese Sagen in einen Phonographen sprechen zu lassen.

Die Indianer und die Naturerscheinungen.

In einer, der Chanésagen wird erzählt, wie Yahuéte, der zweiköpfige Jaguar, im Begriffe war, den Mond aufzufressen. Maringay nannte Yahuete ,, Yahuaróhui“. Sonnen- und Mondfinsternisse erklären diese Indianer so, daß Sonne und Mond von Yahuete angegriffen werden. Die Chorotis sprechen, wie schon erwähnt, auch von einem Raubtier, das die Sonne und den Mond anfällt.

Wandert man in einer sternklaren Nacht mit einem Indianer durch Wald und Flur, so ist der Sternhimmel sein Kompaß und seine Uhr. Er deutet auf den Orion oder auf ein anderes Sternbild hin und zeigt, wieviel es sich weiter bewegt hat, bis man ankommt. Er gibt nicht vielen Sternbildern Namen, er kennt sie aber alle. Den dem südlichsten Kreuz am nächsten liegenden Teil der Milchstraße nennen die Chanes „yändurape“, d. h. Straußweg, das südliche Kreuz nebst einigen nahegelegenen Sternen ist ,,yänduinyaka“, der Kopf des Straußes, die beiden größten Sterne im Zentaur sind ,,yánduipoy“, Halskette des Straußes, die Venus heißt ,,coemilla“, Morgen, Orion mit dem Dolche „hüirayüasa (Vögel begegnen sich). Ein anderes Sternbild ist ,,huäzupucu“, Rehbockhorn, ein anderes „borevi“ Tapir. Die Plejaden nennen sie ,,ychu“, die Bedeutung des Namens wissen sie aber nicht, und dies ist das wichtigste Sternbild von allen.

Sitzt man mit den Indianern in der Hütte, so können sie den Platz der wichtigsten Sternbilder am Himmel bezeichnen, ohne sie zu sehen. Sie kennen ihre Lage zu allen Jahreszeiten. Der Sternhimmel ist nicht nur die Uhr und der Kompaß der Indianer. Er ist auch ihr Kalender. Eine besonders wichtige Rolle spielen dabei hier, wie bei anderen Indianern, die Plejaden. Wenn sie zuerst in der Morgendämmerung am Horizonte sichtbar werden, so ist die geeignete Zeit für die Maissaat gekommen. Daß gerade dieses relativ unbedeutende Sternbild eine so große Rolle in der Astronomie der Indianer spielt, hat zu phantastischen Spekulationen über babylonischen Einfluß Anlaß gegeben. Fragt man einen Indianer nach der Größe der Sterne und ihren Abstand von uns, so stehen sie unschlüssig da und antworten am liebsten gar nicht. Sie verstehen gleichwohl, daß sie weit entfernt sein müssen. In den Sagen spielen die Sterne keine große Rolle. Der Chiriguanohäuptling Maringay erzählte jedoch, es war einmal ein Bruder, der mit seinem Schwesterchen spielte. Sie suchten sich zu haschen, sangen und sprangen. Nun sitzen sie als zwei Sterne am Himmelsgewölbe. Zwei Sternhaufen im Süden des südlichen Himmelsgewölbes sind die Asche eines alten Mannes und einer alten Frau, sagte einmal ein Chiriguano zu mir. Es war eines Abends im August. Die Sonne ist in der Sage ein Mann und der Mond eine Frau. Einem alten Mann, der Sonne, stahlen die Chane-kinder das Feuer, und unter dem Tiru der Mondfrau verbarg sich der zweiköpfige Yahuete, als er von dem Sohn des Gürteltiergottes verfolgt wurde.

Die Ab- und Zunahme des Mondes hing nach Maringays Erklärung davon ab, daß ein größeres oder kleineres Stück desselben in das Himmelsgewölbe gesteckt wird. Die Sonne geht über dem Wasser auf und leuchtet uns dann am Tage. Am Abend steigt sie wieder ins Wasser, und des Abends leuchtet sie den anderen Menschen jenseits der Erde. So dachte sich Maringay den Lauf der Sonne. Ich glaube jedoch, daß er dies von den Weißen gelernt hat.Wenn ein Meteor, „baerendi“, niederfällt, bedeutet es den Tod eines Häuptlings. Über eine Sternschnuppe sagten die Chanes am Rio Parapiti: ,,Er geht, um bei seinem Mädchen zu schlafen.“ Maringay war in seiner Erklärung realistischer. „Der Stern läßt etwas fallen“, sagte der Alte.

Wenn es donnert, geht Chiqueritunpa um. Die Medizinmänner, ,,ipäye“, können Regen machen. Wenn die Schwalbe „mächurupimpi“, niedrig fliegen, regnet es, sagen die Indianer. Ein anderer Vogel, „choncho“, verkündet Regen. Reist man, so soll man nicht einen Krug ins \\ asser stecken, sondern das Wasser mit einer Kalebasse schöpfen, sonst regnet es. In einer mir von den Chanes am Rio Itiyuro erzählten Weft-untergangssage geht die Welt durch Wasser unter. Die Chanes am Rio Parapiti erzählten mir, wie die Welt durch einen Sturm untergegangen sei. Der Wind spielt sonst in den Sagen eine unbedeutende Rolle. Setzt man einen erwärmten Krug in rinnendes Wasser, so kommt Sturm, sagen die Chanes am Rio Parapiti. Der Regenbogen, ,,yii“, ist eine Schlange.

Text aus dem Buch: Indianerleben (1912), Author: Nordenskiöld, Erland.

Siehe auch:
Indianerleben – Einleitung
Indianerleben – Reise nach dem Arbeitsfeld
Indianerleben – Der Calilegua
Indianerleben – Unter den Indianern am Rio Pilcomayo
Indianerleben – Unter den Indianern am Rio Pilcomayo (Fortsetzung)
Indianerleben – Das Indianerhaus
Indianerleben – Der Kampf ums Dasein
Indianerleben – Indianerkinder
Indianerleben – Männer und Frauen
Indianerleben – Trinkgelage
Indianerleben – Das Tabakrauchen
Indianerleben – Medizinmänner, religiöse Vorstellungen
Indianerleben – Vom Matacoindianer Na-yás erzählte Sagen
Indianerleben – Kunst und Industrie
Indianerleben – Krieg und Frieden
Indianerleben – Handel
Indianerleben – Besuch in fremden Dörfern
Indianerleben – Das Verhältnis zu den Weißen
Indianerleben – Das Land der Chané- und Chiriguanoindianer
Indianerleben – Vom Lande der Chané- und Chiriguanoindianer
Indianerleben – Der Indianer als Historiker
Indianerleben – Alltagsleben in den Chané- und Chiriguanohütten
Indianerleben – Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern
Indianerleben – Nahrungszweige
Indianerleben – Zubereitung der Speisen
Indianerleben – Spiele
Indianerleben – Das Leben der Indianerkinder
Indianerleben – Alltagskleidung
Indianerleben – Reinlichkeit
Indianerleben – Vom Mutterleib bis zum Grabe
Indianerleben – Häßliche Worte, Homosexualität, Selbstmord, Schamgefühl u. a.
Indianerleben – Häuptlinge und Gesetze
Indianerleben – Trinkgelage bei den Chanés und Chiriguanos
Indianerleben – Kunst und Industrie
Indianerleben – Sage und Religion
Sage und Religion – 1. Der Weltuntergang und der Raub des Feuers
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