Sascha Schneider auf der Dresdner Kunstausstellung

Als Sascha Schneider vor zehn Jahren mit seinen Kartons zum ersten Male an die Öffentlichkeit trat, da war des Geredes kein Ende; einige waren begeistert, viele entsetzt, aber alle waren gefesselt. Man fühlte instinktiv, dass man etwas Eigenartiges, etwas Neues vor sich habe, etwas Dämonisches, das man sich nicht erklären könnte, das aber dennoch mit suggestiver Kraft wirkte. Es steckt ja auch in der Tat etwas Unheimliches hinter diesen Zeichnungen und bildet ihren düsteren Hintergrund: Der Kampf eines Menschen mit der Geisterwelt, jener Kampf, der von der hohen Kunst aller Zeiten und Völker schon so oft dargestellt worden ist und immer wieder dargestellt werden wird, so lange es Menschen gibt mit gewaltigen Fantasieen, denen alle die geheimnisvollen Mächte des Lebens zu Gestalten von Fleisch und Blut werden.

Die Geister weit ist Schneider nicht verschlossen und es mag wild genug in ihm hergegangen sein, bevor er in elender Kammer mit Herzblut seinen Kampf beschrieb. Er hat sie alle gesehen und mit ihnen gerungen, wie feurige Seelen ringen, mit dem Geist der Schwere, jenem entsetzlichen Ungeheuer, das uns immer wieder höhnisch grinsend die Ketten unserer Abhängigkeit fühlen lässt, mit dem wilden Vernichtergeist, der in tötlichem Selbsthass sich in der Welt zu vernichten trachtet, mit dem Judasgeist, der immer wieder seine Silberlinge blitzen lässt und raunt, dies alles will ich Dir geben, und mit all den anderen Dämonen, die dem Starken auflauern.

Das Ende des Kampfes war ein Sieg, und zwar siegte er mit christlichen Waffen. In jenen Tagen, da er, noch ein Knabe, sich ehrfürchtig vor den Pforten der Isaakskirche bekreuzigte und dann im Innern des erhabenen russischen Heiligtums reiche Nahrung für seine hungrige Fantasie sammelte, da waren ihm die Heiligen, auf Goldgrund gemalt, zu lebenden Wesen geworden, die zu ihm sprachen und ihm erzählten von Hölle und Tod und den Qualen der Auserlesenen und ihrem Lohn, und diese Heiligen blieben auch bei ihm wohnen, als er längst den Kinderglauben abgestreift, und sie halfen ihm zum Siege, dessen Krone seine freie echte Künstlerschaft sein sollte. Wunderbares Mysterium! ein Heide siegt mit christlicher Rüstung.

Jahre vergingen, man hörte hie und da von grossen Arbeiten, die Schneider da und dort gemacht haben sollte, einige Künstler versicherten, diese Werke seien hochbedeutend, andere behaupteten, sie seien elende Mache, Schneider habe keinen Farbensinn, er sei besser bei der Kohle geblieben usw. Das grosse Publikum blieb davon ganz unberührt; einige grössere Gemälde, die die Ausstellungen durchreisten, änderten daran nichts. Seinen Grund hat dieses in dem Umstande, dass Schneider, obwohl er äusserlich in Technik und Geist derselbe geblieben zu sein schien, ein anderer geworden war. Da er in sich gestärkt und gekräftigt war begann er sich nun mit der Welt zu beschäftigen und er geriet dabei in tiefes Sinnen. Was ist Wahrheit, was ist Geschichte, fragte er sich wieder und wieder und noch vieles andere, bis er Antwort fand. Seine Antworten hat er künstlerisch festgelegt — sie waren es, an denen das Publikum achselzuckend vorübereilte. Der Ringende war ihm interessant gewesen, der Sinnende — war ihm unverständlich. —

Das war für Schneider schmerzlich, aber es entmutigte ihn nicht einen Augenblick, er schuf weiter und zwar mit einer Wucht und Kraft, die fast unglaublich erscheint. Die heurige Dresdner grosse Kunstausstellung liefert den Beweis. Man hat es von jeher verstanden in Dresden, gute Ausstellungen zu machen und man hat es auch in diesem Jahre wieder verstanden. So gab man denn an Schneider einen eigenen Saal.

Schneider hat diesen Saal nicht angefüllt, er hat ihn ganz erfüllt mit seiner machtvollen Persönlichkeit und nur mit Bewunderung kann man in dem Dämmer des ernsten Raumes unterscheiden. Und wie sieht diese Persönlichkeit aus? Aus dem Ringenden und dem Sinnenden ist ein Singender geworden und damit ist ihr die letzte Weihe zur echten Künstlerschaft gegeben. Schneider ist zum Manne herangereift, er ist ein grosser bedeutender Mensch geworden, der die Welt von hoher Warte mit eigenen Augen sieht und auf eigene Weise darstellt, wie sie ist oder wie sie werden muss, er ist ein Kündiger geworden des ewig alten und ewig neuen Menschenideals: Grosse, freie Seelen in schönen, starken Körpern. Ganz und gar hat ihn dieses Ideal ergriffen und er singt von ihm mit der ihm eigenen dramatischen Begeisterung, in stolz heroischen Tönen, in seiner ureigensten Sprache, die immer fesselt und immer packt mit ihrem echten heiligen Pathos.

Sein Höhenmenschen-Ideal ist dem Nietzsches nahe verwandt; man ist versucht unter manche seiner Blätter Worte Zarathustras zu setzen, und doch ist Schneider nicht direkt von dem grossen Dichterphilosophen beeinflusst, der Zeitgeist pflegt eben seinen Ausdruck oft in verschiedenen Gestalten zu finden und auf verschiedenen Gebieten zu zeigen. Mit den christlichen Gestalten, die seine Jugendwerke durchziehen, hat Schneider gebrochen, er brauchte ihrer nicht in dem neuen Lande seiner eigenen ihm offenbarten Religion, wo man Gott im Genius, als den Mittler zwischen Endlichkeit und Unendlichkeit verehrt, er hat sie durch eigene Gestalten ersetzt.

Lebenswahr, überzeugend und kräftig schreiten sie daher diese Kinder eines eigenen Landes und reden von der Erkenntnis ihres Schöpfers. Wir sehen den »Aussergewohnlichen«, wie er in stolzer Verachtung, der gemeinen Welt der Tiermenschen den Rücken kehrt und sich in der reinen Höhenluft seiner Einsamkeit auf die Knie wirft und die Höheren, die durch die Ewigkeit mit starken Schwingen dahinrauschen, anfleht: »Nehmt mich mit«. Wir sehen ihn auf wilder Felsenburg kampfbereit stehen, bereit jeden zu zerschmettern, der seine Kreise stören will oder wir blicken mit ihm hinaus über die lachenden Länder und Meere in ihrer sonnigen Pracht und träumen mit ihm von Schönheit und Macht und heisser Sehnsucht.

Nur selten noch klingen schaurige Schmerzensschreie durch die feierlichen Hallen Schneiderscher Kunst: der Tod zieht durch das Weltall, er wird die Gestirne vernichten und die Sonnen auslöschen, die Nacht geht durch die wStrassen, in allem Leben, in aller Anmut schimmert es unheimlich, alle Liebe, alle eure süssen Küsse müssen sterben! Seitdem Schneider in das Reich der Farben eingedrungen ist, da ist er heiterer geworden, denn die Farbe ist heiter für ihn, der allen Augenschein sicher zu werten weiss, wir sehen ihn sogar lächeln: Seht, wie sich die Recken schlagen und bekämpfen, sie sind nur schöne, bunte Soldaten, sie haben keine Köpfe, sie haben nur wilde Helme mit gierigen Ungeheuern, die nach Blut gieren — sie kämpfen — um zu kämpfen — um ein Nichts oder: Seht, wie sich die Jünglinge geblendet und verblendet drängen und schieben und stossen und niedertreten um das Wunderbare, Rätselhafte — das Weib.

Vielseitig, wie er ist, reizen ihn oft nur rein äusserliche Gegensätze zur Darstellung, man denke z. B. an den alten Kraftmenschen, der die Muskeln eines Knaben prüft oder seine wundervollen Akte, allerdings bleibt doch im wesentlichen seine ureigenste Domäne das Dämonische, das ihn selbst in seinen unaufgeklärtesten Äusserungen, wie der Hypnose oder der Vision zur Darstellung an sieht. — Es mag genug sein mit diesen knappen Paraphrasen seiner Werke, die einen Versuch darstellen, in das Wesen einer komplizierten Persönlichkeit einzuführen. Sie werden deshalb gewagt, weil es wichtiger für das Verständnis eines Künstlers ist, seine Persönlichkeit zu fühlen und zu verstehen, als seine technische Geschicklichkeit zu begreifen.

Was Schneiders Zeichentechnik angeht, so lässt sich kurz und bündig sagen, dass sie virtuos ist. — In der Farbe ist er überaus reich und interessant, wenn er auch von irgend welcher Pinselkunst ganz absieht. Die Wahl des Tones ist ihm das Wesentliche und er leistet darin weit mehr, als manche anerkennen wollen. Farbe und Muster seiner Gewänder sind stets so tötlich sicher nach dem Karakter des Dargestellten gewählt, dass man ihn nicht genug dafür bewundern kann. In der Art, wie er die farbigen Flächen verteilt, ist er stark ornamental, in der Linienführung ist er es wieder nicht, weil es seine Monumentalität beeinträchtigen würde. Um ein Bild zu brauchen: Er ist mehr Athlet als Tänzer.

Den Naturalismus, der auch das Zufällige sieht, kennt Schneider nicht, dass desto mehr den des Typischen, das er mit peinlicher Sorgfalt und Zähigkeit erschaut und aus angeborener Notwendigkeit darstellt. Seine glühende Liebe zur Schönheit menschlicher Formen, das plastische Betonen derselben deutet darauf hin, dass Schneiders Entwickelung sich wohl bald auch dem Meissei mehr zuwenden wird und wenn mich nicht alles täuscht, so wird er uns mit ihm noch Meisterwerke zaubern!

Auf der Dresdner Ausstellung hat Schneider einen schönen Erfolg gehabt, der auch äusserlich durch Verleihung einer goldenen Plakette Ausdruck fand. Einige Etepetetiker und etliche Kollegen mögen wohl tüchtig zu Gerichte gesessen haben über den »malenden Philosophen, der weder malen noch philosophieren kann«, das Publikum , das immer einen gesunden Sinn für das Echte hat, merkte, dass Schneider nicht mit roter Tinte, sondern mit Herzblut schafft, und da kargte es nicht mit der Anerkennung. Dass Schneiders Berufung als Professor an die Weimarer Akademie einen schweren Verlust für das Dresdner Kunstleben bedeutet, braucht nicht gesagt zu werden.

Kuno Graf Hardenberg.

Bildverzeichnis:
Sascha Schneider-Der Aussergewöhnliche
Sascha Schneider-Erwachte Erkenntnis
Sascha Schneider-Hohes Sinnen
Sascha Schneider-Hypnose
Sascha Schneider-Nibelungenschlacht
Sascha Schneider-Oh, Ihr Höheren
Sascha Schneider-Studie

Siehe auch:
Die Lebensfrage der Kunst
Die Landschaft ist ein Seelenzustand
Vom Wert der Anschauung
Ein Kriegerdenkmal
Fritz Boehle
Ratschläge vorm Verkauf von Kunstbesitz
Die Kunst nach dem Kriege
Ein Deutsches Ledermuseum
Heldenhaine und Ehrenhaine
Kriegs-Gedächtnis-Male
Krieger-Denkmäler
Constantin Meunier-Denkmal der Arbeit
Die Anfänge einer neuen Architektur-Plastik
Neue Brunnen und Denkmäler von Franz Metzner
Monumentale Kunst
Franz Metzner-Steinmetz und Bildhauer
Bildhauer Georg Kolbe
Zum Denkmals-Problem
Sascha Schneider-Bildhauer und Maler
Die Wiener Plastik und Malerei
Vom Vorstellen und Gestalten des Kunstwerks
Anton Hanak-Bildhauer
Hermann Geibel-Bildhauer
Ausstellung Richard Teschner-Wien 1920
Gaston Béguin
Max Klinger-Dem Grossen Toten
Etwas über Kunstbesitz
Das Kunsthaus in Zürich
Eindrücke von der Brüsseler Welt-Ausstellung
Bernhard Hoetger-Bildhauer
Georg Kolbe-Bildhauer
Eine Deutsche Welt-Ausstellung?
Erste Ausstellung der „Künstler-Vereinigung Dresden“
Wettbewerb für das Bismarck-National-Denkmal