Sascha Schneider-Bildhauer und Maler

„Ringe, Deutscher, nach römischer Kraft, nach griechischer Schönheit!
Beides gelang Dir, doch nie glückte der gallische Sprung.“

(Schiller.)

Es ist eine wohl beobachtete, aber nicht genügend betonte Tatsache, daß, bei der Parallelität aller geistigen und künstlerischen Bewegungen, in Deutschland die Literatur den Schrittmacher der bildenden Kunst zu spielen pflegt. Der Deutsche bedarf der Worte als Leiterin seines Auges.

Seit Jahren, man kann sagen, seit Jahrzehnten hat die Dichtung in Selbstbesinnung unter der Führung Stefan Georges und seines Kreises die strenge äußere Form wieder belebt, und auch in der Allgemeinheit hat das Versdrama Eingang und neuen Beifall gefunden. Daß George sich bei dieser Reorganisation der Dichtung der italienischen Form, des Sonetts, bediente, dürfte kein Zufall sein. Immer ist deutsche Kunst zu ihrer höchsten Höhe geschritten, wenn Helena mit Faust sich vermählte, deutscher Geist in griechische Form sich band.

Wenn in allen Sezessionsausstellungen seit einigen Jahren Gemälde von Hodler, Egger-Lienz und wenigen anderen so bedeutend auffielen, wenn sie für viele eine Erholung und innere Beruhigung wurden, war es nicht die strengere Formung gegenüber den anderen Bildern, die hier fesselte und die heitere Ruhe edlerer Kunst spendete?

Diese Kunst greift, wie die Dichtung unter Stefan George schon lange vorher getan hat, auf die Zeit zurück, da das Helenadrama im Faust geschaffen wurde, sie schließt sich bewußt an die Epoche an, da ein Genelli sagen konnte: „Der Fisch gehört ins Wasser, der Künstler nach Rom“.

Wer von Carstens und Genelli herkommt, der wird den Weg zu der neuen Richtung finden, als deren Vorkämpfer nach seinen jüngsten Werken sich Sascha Schneider betrachten darf. Als symbolisches Bild dieses Kunstwollens kann Genellis Zeichnung gelten, wo dieser nackte Heide mit Begeisterung Verse der Ilias rezitiert und den Besucher nicht merkt, der sein Jesuitengesicht voll staunendem Schrecken zur Türe hereinsteckt.

Diese neue Tendenz in dem Schaffen Schneiders kommt für den intimeren Kenner seiner Kunst nicht unerwartet. Wer den Künstler seit Jahren aufmerksam beobachtete, wer seiner stets anregenden Unterhaltung einmal folgen durfte, dem wurde bald klar, daß die mystisch-christliche Einkleidung seiner Akte nur ein modisches Kostüm war, dem sich diese Gestalten ungern fügten.

Weil Sascha Schneider ein überaus feiner Beobachter und Menschenkenner ist, tief gebildet, wie wenig bildende Meister, wußte er genau, daß des Deutschen Kunstfreude über Worte zum Blick schreitet, und er wählte geistig anregende Zusammenhänge in seinen Gestalten, um das Interesse der Menge für den schönen menschlichen Körper über diese Brücke hinzuführen.

Kraft und Schönheit zu künden, war hierbei sein Ziel. Auch dieses wird aus seiner inneren Veranlagung verständlich. Jeder echte Künstler ist Gestalter seiner Sehnsucht. Wer, wie Schneider, seinen Blick für den Körper in Ringschulen geschärft hatte, wer, wie er, jede Minute seiner Erholung der Erinnerung griechischer Kunst weihte, der mußte jenes Körperideal, jene Körperkultur der Alten sehnsuchtsvoll mit seiner Seele suchen.

Was ein schöner Mensch ist, wissen wir im Leben alle; warum fehlte er in unserer Kunst?

Ehe Sascha Schneider jedoch die Klarheit im Ausdruck seines Kunstwollens erreichte, die wir heute bewundern, mußte er den großen Gegner in sich selbst bekämpfen. Eine Kraftnatur, athletisch in Denken und Handeln, lag seiner Veranlagung gewaltige Gebärde als Ausdruck innerer und äußerer Fülle.

„Der schöne Mensch im bloßen Gefühl seiner Existenz ohneLeidenschaft inRuhe ist der eigentlichste Gegenstand der Nachahmung des bildenden Künstlers, und seine Nummer Eins; in dieser Verfassung ohne alle Bekleidung liegt die reinste Harmonie der Schönheit, und sie paßt am allerbesten zu dem gänzlichen Mangel an Bewegung seiner Werke.

Alle Leidenschaft, alle Handlung zieht, leitet unsere Betrachtung von ihren schönen körperlichen Formen ab. Zur Schönheit selbst gehört der Charakter oder das, wodurch sich eine Person von der anderen unterscheidet. Schönheit mit lebendigem Charakter ist das schwerste der Kunst.“

Diese Einsicht, die Wilhelm Heinse als Zeuge der Zeit und des Strebens eines Carstens im Ardinghello niederlegte, findet ihren Ausdruck in Schneiders Gestalten. Still und ruhig stehen sie, gelassen in der Würde ihrer Schönheit, mit möglichster Beschränkung des Gesichtsausdrucks. „Nur ein tadellos schön gebauter Mensch“ sagt der Künstler in seiner Schrift „Mein Gestalten und Bilden“ (Verlag Galerie E. Arnold—Dresden) darf es wagen, kerzengerade sich zu präsentieren und eine symmetrische Körperstellung einzunehmen. Hierbei offenbart sich der kleinste organische Fehler. Jede andere Stellung, gebeugt, gebückt, kauernd oder liegend verbirgt Defekte.“

Typen der Schönheit will der Künstler gestalten, Vorbilder einer kommenden Menschheit, „kein träumerisches Zurückschauen nach einer 2000 Jahre hinter uns liegenden Vergangenheit, sondern ein hoffnungsvolles Vorwärtsschauen in eine lebendige Zukunft, auf eine neu sich gestaltende Kultur“. Allein als Vorbild bedarf eine jede Gestalt ihres Charakters, darum bleibt sie in ihrer schlichten Einfalt nicht geringer als künstlerische Vision denn alle Verbildlichung phantastischer Einfälle. Auf diese Art schließt sich abermals der Ring in der Entwicklung Sascha Schneiders; seine Phantasie und seine Gestaltungskraft behalten ihre Richtung von Anbeginn, nur ist ihnen allmählich die Verklärung zur Ruhe, zur Würde Ägyptens und Hellas’ geworden.

Wie Schönheit und Charakter sich im Kunstwerk einen, sei an einzelnen Gemälden angedeutet, leider ist es dabei dem Schreiber nicht möglich, mit Worten jede Linie der Körper kosend abzutasten. Das genießende Auge gleitet beglückt über das sanfte An- und Abschwellen der Konturen, und in zartesten Rhythmen lösen sich tiefste Empfindungen.

„SchachspielendeKinder.“ Blond und Schwarz, Ausdruck zweier Temperamente, zweier Arten einander gegenübergestellt, sollen sie nichts anderes als durch ihre Existenz erfreuen. Ist dies nicht der eigentliche Sinn jedes Kinderdaseins?

Freude am Leben, im Gefühl des Lebens. Allein Kinder sind nicht Herr der Gefühle und ihrer Glieder, sie setzen der Bewegung nicht immer das rechte Maß. Daher spreitet der Dunkelhaarige, Rassigere seine Arme weit. Alles wie unabsichtlich, dennoch von innen heraus gebildet und durch die Fläche, die diese Körper beleben und zieren, gefordert.

Anders wieder der aufrechtstehende Knabe in der Zeit, da das Sehnen erwacht. Er hat zum ersten Mal empfunden, was „Ich“ sein heißt. Hat mit Schaudern gefühlt, daß Worte, die ein Schmerz entpreßt, ins Leere gehen können. Ohne Widerhall in Vater- und Mutterherzen. Langsam wird aus diesen Sehnsüchten die Gewißheit und der Wille erwachen, sich in einem anderen Wesen zu ergänzen und eine neue Einheit zu schaffen. Doch jetzt nach der ersten Erkenntnis seiner selbst, zieht er sich in sich zurück; daher der enge Zusammenschluß der Linien, das Stemmen der Arme in die Seiten, daher der gesenkte Blick.

Dagegen der dunkelhaarige Jüngling in der Vollkraft der Jahre. Nicht enggeschlossen gehen die kräftigen Arme parallel dem Körper. Angriffbereit schmiegen sie sich nicht an. Auch die Beine, etwas gespreitet wie zum Sprunge, künden kühnen Entschluß. Hier ist kein Entringen innerer Gebundenheiten, hier ist Freiheit, Männlichkeit und Schönheit, Kalokagathia der Griechen.

„Die behelmten Wächter.“ Sehnig und elastisch, im Bewußtsein der Stärke hüten sie Heiliges, doch ohne Übermut, weil jeder im andren den ebenbürtigen Partner findet und nicht ahnt, daß Schwäche und Mutlosigkeit leben. Als Krieger lieben sie bunten Glanz der Waffen, lieben sie das Gold, das Sieger ziert.

Der mit dem Schwerte ist der Angreifende. Dementsprechend gibt sein Umriß nicht Geschlossenheit, sondern Entschlossenheit. Den Verteidiger des Errungenen, den Erhalter hält ein fester Kontur zusammen, dessen Linien variiert und verstärkt werden durch das Gefält seines roten Gewandes.

Frauen und Kinder sind gleicher Seele. Ihr Dasein schon ist Wert, weil freudespendend. Nicht mit Mühe müssen sie gleich dem Manne wirken, um wertvoll zu sein, sondern indem sie sind, wirken sie erfreuend. So wird ihr Dasein Spiel, und Spiel ist ihnen Arbeit- Dabei bleibt der Kreis ihrer Wirkung nicht eng umgrenzt. Jeder, der sie sieht, empfängt ihren Wert, genießt Glück. Nicht im Wollen tragen sie ihren Reichtum wie der Mann, den erst die Tat krönt. Ihre Krone ist ihre Existenz. So verschwenden sie, ohne sich wegzuwerfen, so bleiben sie stets spendend, ohne zu zerflattern. Daher ihre reicheren Bewegungen, grazil, preziös. Erst die Schleier, ein Äußeres, geben Zusammenschluß. Aber wer, dessen Äußeres Wert bedeutet, könnte der Äußerlichkeit entraten?

Doch eins muß noch erwähnt werden, wo der Künstler die Natur zu durchbrechen scheint, wo er über den Charakter hinweg in den Mythos schreitet. Es ist das die Gestalt des Mannes mit den langen Haaren, sowohl in Malerei wie Plastik dargestellt.

„Lange Haare sind nicht ein Vorrecht des weiblichen Geschlechts“, sagt der Künstler. „Zweifelsohne hat das männliche stärkeren Haarwuchs überhaupt. Kurz geschnittenes Haar als charakteristisch für Männlichkeit anzusehen, ist Tradition; sie ist jedoch falsch. Kurzes Haar ist nur praktisch. Langes Haar beim Manne tritt fast stets in besonders kriegerischen Zeiten und bei besonders kriegerischen Rassen auf. Wir finden es bei den Assyrern, den Persern, den Spartanern , den Japanern, den Mandschus, den Indianern, den Germanen, den Rittern. Allongeperücke und Zopf gehören ebenfalls kriegerischen Zeiten an.

Das lange Haar Simsons ist ganz bezeichnend. Der bekannte Christustyp mit dem gescheitelten langen Haar entstand unter den kriegerischen Normannen in Sizilien“. — Doch das Haar ist nicht allein ungewöhnlich und bedeutungsvoll. Trotz der Angriffstellung scheint dieser Heros, dessen Dasein nicht von dieser Welt ist, auf sich selbst gestellt zu sein. So ist er trotz seiner Kraft abgeschlossen, zeitlos, ewig. Hier schwindet unter der Charakterisierung der Größe der menschliche Charakter. „Alles Willkürliche, Eingebildete fällt zusammen, da ist Notwendigkeit, da ist Gott“. (Goethe.) — So wollen diese Gemälde als Gestaltung erfaßt sein.

Wer ihnen Bedeutung als Malereien abspricht, halte in dieser Weise mit ihnen Zwiesprache und bedenke, daß Sascha Schneider nicht wie Lovis Corinth malen darf und kann, sondern nur wie Sascha Schneider. — Leichter zugänglich für die Allgemeinheit dürfte des Künstlers Plastik sein. Auch sie sucht aus der menschlichen Erscheinung das Typische herauszureißen. Unsere Zeit steht diesen Bestrebungen so fremd gegenüber; wer aber sich erinnert, daß Schneider bewußt dort anfängt, wo Carstens’ müden Händen Pinsel und Meißel entsunken sind, der wird an Raffael, den Abgott jenes römischen Kreises, denken: „Per dipingere una bella mi bisognerebbe vedere piú belle, ma per essere carestia di belle don-ne, io mi servo di una certa Idea, che mi viene in mente“ (aus Raffaels Brief an Conte Castiglione).

Nur begnügt sich der Künstler nicht allein mit der „weichen Schönheit des Weibes“. Erfordert „dieselbe Einsicht und Pflege auch gegenüber dem männlichen Geschlecht, dessen stattlichere und größer geartete Schönheit, so unendlich reicher an Ausbildungsmöglichkeiten, ganz in den Hintergrund getreten, um nicht zu sagen, vergessen ist.“ — Bei den Plastiken kommt auch das feine Körpergefühl Schneiders zum Ausdruck, das er in den Gemälden bewußt unterdrückt, um der Fläche zu geben, was der Fläche ist. Auf ihr gibt es kein Vorn und Hinten, nur Rechts und Links, Oben und Unten. Was Hodler im Aulagemälde der Universität Jena der erstaunten Mitwelt mit seinen parallel laufenden Friesen in nicht einwandfreier, dennoch genialer Form beweisen wollte, wird erfüllt. Hodler scheiterte daran, daß er auf Licht und Schatten innerhalb der Figuren, damit auf die dritte Dimension, nicht ganz verzichtete. — Sascha Schneider vermeidet dieses, indem er die Parallelperspektive in seinen Gestalten mit heller Frontal- und Parallelbeleuchtung verbindet.

Da schwinden die Gegensätze von Licht und Schatten, da ist alles Helligkeit. — Zu den Plastiken, deren Form ansprechend, gar leicht verständlich sein dürfte, zumal ein Marmor von der hohen Schönheit des Gürtelbinders, möchte ich als erläuternde Worte die folgenden des Künstlers selbst setzen: „Metall und Marmor fordern ihr Materialrecht. Eine Figur in Kupfer ist Metall, eine Gestalt in Marmor — Stein. Das heißt von vornherein alle Versuche aufgeben, aus dem Metall oder Stein eine „fleischige“ Wirkung oder eine ähnliche Naturnachahmung „herauszukriegen“. Weder die Augen noch die Fingernägel, noch die roten Lippen oder die Weichteile können mehr das sein, was sie in Natur sind: Die Augen sind weder feucht, transparent und mit weichen Wimpern umsäumt, noch sind die Fingernägel elastisch, oder sind die Lippen rot, und die Weichteile dem Druck nachgebend — sondern alles ist im Kunstwerk durchweg Stein oder Metall. Am allermeisten wandeln sich die Haare, die nun eine kompakte starre Masse werden. Es heißt vollständig und bewußt übersetzen.“ — Ob dies dem Künstler geglückt ist? Wer möchte es vor dem Gürtelbinder, vor den Bronzen bezweifeln ?

Hier ist das Typische so dem lebendigen Charakter verschmolzen, daß man vor ihnen, wie es bei den Siegerstatuen von Olympia noch heute gelehrte Archäologen annehmen, an Porträts glauben könnte. Nur ein geschärftes Auge wird am Edelmaß aller Proportionen das Ideal erkennen, und die mythische Mannesgestalt überschreitet jede menschliche Begrenzung der Körperbildung. Wer diese Gestalten verstehen will, muß sich nicht nur in bestimmter Richtung mit der Kunst, nein auch mit dem Leben auseinandersetzen. Er muß Gesundheit — Mannhaftigkeit — Schönheit fordern. Ihn erfreut die schöne Seele, die sich den Körper schön gestaltet.

„Es ist eine Kunst für das Leben außerhalb der vier Wände; der richtige Platz wäre die offene Sporthalle, die Palästra, wo sie als bildliche Anregung und monumentales Beispiel die übende Jugend umgibt. Es ist ein Versuch, die Kunst wieder zu einem unmittelbaren Ausdruck unseres pulsierenden Lebens zu gestalten, in ihr eine Gefährtin zu erwecken, zu neuzeitlichen Menschheits-Zielen. Es ist eine Ansprache an ein verständiges und aufgeklärtes Publikum“.

Dr. Robert Corwegh.

Bildverzeichnis:
Sascha Schneider-Bronze-Plastik
Sascha Schneider-Die behelmten Wächter
Sascha Schneider-Jüngling
Sascha Schneider-Jüngling-Bronze
Sascha Schneider-Knabenkopf
Sascha Schneider-Knabenkopf-II
Sascha Schneider-Knabenkriege
Sascha Schneider-Marmorplastik-Knabe
Sascha Schneider-Marmorplastik-Knabe-II
Sascha Schneider-Schachspielende Kinder
Sascha Schneider-Zwei Frauen

Siehe auch:
Die Kunst und die Gegenwart
Die Lebensfrage der Kunst
Die Landschaft ist ein Seelenzustand
Vom Wert der Anschauung
Ein Kriegerdenkmal
Was ist Expressionismus?
Linie und Form in der Plastik
Der Tastsinn in der Kunst
Fritz Boehle
Ratschläge vorm Verkauf von Kunstbesitz
Silhouetten
Die Kunst nach dem Kriege
Ein Deutsches Ledermuseum
Heldenhaine und Ehrenhaine
Kriegs-Gedächtnis-Male
Lebenswerte der Kunst
Constantin Meunier-Denkmal der Arbeit
Die Anfänge einer neuen Architektur-Plastik
Neue Brunnen und Denkmäler von Franz Metzner
Monumentale Kunst
Franz Metzner-Steinmetz und Bildhauer
Bildhauer Georg Kolbe
Zum Denkmals-Problem
Die Grosse Berliner Kunst-Ausstellung
Quellen des Behagens