Schmuckformen der Helmpyramide

Oft wurde die Vermittlung zwischen Quadrat und Achteck nur durch besondere schmückende Attribute herbeigeführt, die das Auge durchaus befriedigen. Würde man einfach auf den vierseitigen Turm eine achtseitige Pyramide setzen, die mit dem ersten vier gemeinsame Kanten hat, so würde der Blick an den harten, frei gebliebenen Mauer-eckcn Anstoß nehmen. An die Stelle der Zeltdachecken, die der Helm in Borken (48) zeigt, können auch kleine Türmchen treten. Eine besonders feine Lösung des Problems der Turmecken ist an der Jakobikirche in Lübeck (54) gefunden worden. Hier wurden die Ecktürmchen durch Kugeln ersetzt. Die Schönheit beruht hier nicht nur auf den konstruktiven Linien und den guten Proportionen des Helmes, sondern auch auf einer fein empfundenen dynamischen Wirkung, einem plastisch-bildhaften Ausdruck von Last und Kraft. Der untere Teil ist durch eine betonte Horizontale abgetrennt und erhält so die Bedeutung eines Lagers. Unter dem Drucke der hohen, starren Pyramide drängt dieses mit fein geschwungener Sil-houtte wie federnd nach außen und wird von den vier Kugeln, die auf den Ecken lagern, wie von kräftigen Fäusten gehalten. Der Helm stammt aus dem Jahre 1658 und wurde von dem damaligen Stadtbaumeister Kaspar Walter errichtet. 1820 und 1901 wurde er durch Brand gefährdet, aber glücklicherweise gerettet.

Das Motiv der vier Ecktürmchen hat eine außerordentliche Verbreitung und Beliebtheit gefunden. Es findet Anwendung auf Türmen mit horizontalem Mauerrand und auf solchen mit vier Schildgiebeln. Im letzten Falle stellen sie ausschließlich Schmuckformen dar. Aber auch in der ersten Gruppe haben sie nicht immer wie z. B. auf der Kathedrale in Doornyk (55) die Aufgabe, eine freigebliebene Ecke zu verdecken. Bisweilen haben sie auch, wie die Petrikirche in Lübeck (56) (XVI) zeigt, neben einem schlanken Helm mit bogenförmigem Schleppdach Platz gefunden. Sie ragen dort ein wenig aus dem Turmquadrat heraus. Diese Ecktürmchen haben den Lübeckern viel Kummer gemacht. Zwei wurden durch Sturm und der dritte durch Feuer vernichtet, das auch den Haupthelm gefährdete. An dessen Rettung war auch Sonnin, der Baumeister der Michaeliskirche in Hamburg, beteiligt. Die Bürger verloren vorübergehend den Mut zum Wiederaufbau und dachten daran, die Türmchen wie bei der Jakobikirche durch Kugeln zu ersetzen.

Auf dem Vierungsturm der Kathedrale in Doornyk (55) erheben sich über frei gebliebenen Turmecken kleine vierseitige Pyramiden. An der Martinskirche in Köln (57) sind die Ecktürme ein dominierender Bestandteil der Gesamterscheinung geworden. Sie überragen den Hauptturm um zwei Geschosse. In gleicher Reihe sollen noch genannt werden der Schreckensturm in Quedlinburg (58), St. Johannis in Düsseldorf, St. Willibrordi in Wesel, St. Katharinen in Osnabrück, St. Nikolaus in Gent (X) und der 132 m hohe St. Olaiturm in Reval (IV).

Das Wahrzeichen Gents und das sinnvolle Symbol der kämpferischen Kraft seiner derzeitigen Bürger ist der das Stadtbild beherrschende machtvolle Beifried Die Spitze seines leuchtenden Helmes schmückt ein goldener Drache.

Auf St. Salvator in Brügge (59) und am Beifried in Doornyk finden wir die Türmchen zweimal übereinander. Den stolzen Turm der Liebfrauenkirche in Münster, die auch den Namen Überwasserkirche (VI) führt, weil sie vom Dom aus gesehen, auf der anderen Seite des Wassers liegt, schmückt eine zierliche Mauerkrone, die die Ecktürmchen verbindet. Sein Helm wurde in die Form eines flachen Daches zurückgedrängt. Der stumpfe, wuchtige Turm, der an holländische Beifriede erinnert, wirkt mit seiner Balustradenkrone wie ein gekrönter König. Seine Erscheinung steht in auffallendem Gegensatz zu dem hohen, schlanken, grauen Lambertiturm mit seinem reichen, edlen Filigranschmuck, Er beherrscht den Prinzipalmarkt und war immer der nächststehende Zeuge der vielen weltlichen und geistlichen Festlichkeiten und der historischen Ereignisse, die sich auf diesem Platze abwickelten. Im 16. Jahrhundert sah er dem wahnwitzigen Treiben der Wiedertäufer zu und nach Ablauf des 30-jährigen Krieges dem Gepränge der politischen Würdenträger Europas. Über der Uhr des Lambertiturmes hängen noch heute die drei eisernen Käfige, in denen im Jahre 1536 die Anführer der Wiedertäufer, der Schneider Johann Bockelson aus Leiden, der als „König von Zion“ in Üppigkeit schwelgte und ein furchtbares Blutgericht hielt, mit seinen beiden Gesellen Knipperdolling und Krechting nach grausamem Tode den Vögeln zum Fraß aufgehängt wurden.

An Viergiebeltürmen zeigen u. a. das gleiche Motiv die Große Kirche in Emden, St. Patroklus in Soest (60), der Dom in Paderborn (XVIII) und St. Nikolai in Kiel.

Ein anderes schmuckhaftes Attribut der Helm-pyramide sind die vielgestaltigen Luken, die oft in größerer Zahl auftreten und rhythmisch verteilt sind. An der Patrokluskirche in Soest (IX) finden wir sie nahe der Spitze in gleicher Höhe viermal nebeneinander. An der Willibrordikirche in Wesel, der Bartholomäikirche in Demmin, der evangelischen Kirche in Düsseldorf u. a. bilden acht spitz-giebelige Luken einen geschlossenen Kranz, der meistens eine offene Laterne darstellt. Die zuletzt genannte Kirche hat wiederum einen schraubenförmig nach rechts gedrehten Helm. Der Helm der katholischen Pfarrkirche in Kulm zeigt in seinem oberen Drittel drei ringförmige Wulste.

Als weiterer Schmuck der Helmpyramide wären zu nennen die Turmuhren, Auskragungen über freihängenden Glocken und die Helmstange mit ihrem Zubehör. Sie ist in der Regel mit vier schmiedeeisernen Federn befestigt. An der Katharinenkirche in Hamburg sind diese 2,44 m lang. Auf kleineren Kirchen werden sie oft durch eine eiserne Tüte ersetzt, die über die Helmspitze gestülpt wird. Über die Stange wird von oben herein vergoldeter Knauf geschoben, der meistens aus Kupfer besteht, und weiter hinauf kündet ein ebenfalls vergoldeter Hahn oder ein drehbarer Fahnenflügel die Richtung des Windes. Die größte Verbreitung hat wohl der Wetterhahn gefunden. Wir finden ihn zum Beispiel auch auf allen Lübecker Türmen, während die Hamburger Kirchcnhelme an seiner Stelle den Fahnenflügcl aufweisen und auf der Spitze der Helmstange ein Kreuz zeigen. Um eine Vorstellung von den bedeutenden Ausmaßen dieses Hclmschmuckes zu geben, seien hier nur die Zahlen der Michaeliskirche in Hamburg angeführt. Dort hat der Knauf eine Höhe von 1,58 m und einen waagerechten Durchmesser von 1,40 m. Die Fahne ist 2,70 m lang und 1,11 m breit. Die Helmstange bis zur Spitze des Kreuzes mißt 8,44 m, das Kreuz allein 1,95 m.

Dem Knauf werden Dokumente des Tages, Berichte über Geschichte und bauliche Veränderungen der Kirche, Bücher, Münzen und andere Denkwürdigkeiten für spätere Geschlechter anvertraut. Als im Jahre 1793 die Spitze des Katharinenturms in Hamburg bedenklich schwankte, öffnete man bei den Untersuchungen auch den Knauf und fand darin über 50 Pfund Bücher und Schriften. Die Sicherheit erforderte, daß man den ganzen Inhalt durch ein Verzeichnis ersetzte.

Text aus dem Buch: Türme und Tore von Flandern bis zum Baltikum, Verfasser: Lohf, Paul.

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