Schönheit

Die Schönheit, was das ist, hat der Altmeister Dürer einst geäussert, weiss ich nicht, wiewohl sie vielen Dingen anhangt; es lebt auch kein Mensch auf Erden, der endgiltig sagen könnte, wie die allerschönste Gestalt, z. B. des Menschen, beschaffen sein möchte: niemand weiss das, denn Gott allein. Freilich, meint er, müsse die rechte Wohlgestalt und Hübschheit in der Gesamtheit aller Menschen, also in der Natur, tatsächlich vorhanden sein, denn der Schöpfer habe nun einmal die Menschen so gemacht, wie sie sein müssten. Wir könnten aber nur suchen, so viel der Schönheit zu erfassen, als uns je nach unserer Geschicklichkeit gegeben ist; denn einen absoluten Maßstab für die höchste Vollkommenheit besessen wir nicht. Wer freilich anderer Meinung sei und davon rede, wie die Menschen eigentlich beschallen sein sollten, mit dem wolle er nicht streiten: er halte aber in solchem die Natur für die Meisterin und der Menschen Wahn für Irrsal. Wir müssten uns damit begnügen, das für schön zu halten, was alle Welt für schön erachtet.

Solches ist auch in aller Folgezeit der echte künstlerische Maßstab geblieben. Dem Künstler wie jedem künstlerisch empfindenden Menschen ist der Glaube an eine Schönheit, die der sichtbaren Welt thatsächlich zu Grunde liegt, eingeboren; er bestrebt sich nach Kräften, dem inneren Bilde, dem Ideal, das in ihm lebt, nahe zu kommen: von da aber bis zur Erkenntnis eines absoluten Ideals ist ein Schritt, der über die menschliche Kraft hinausgeht.

Die Schönheit ist somit einerseits kein leerer Wahn; stets wird ihre Darstellung das höchste Ziel des Künstlers bilden, weil er sie als thatsächlich vorhanden und darstellbar erkennt: nur sucht er sie nicht in der Natur, wo sie ihm stets unfassbar bleiben muss, sondern in seinem eigenen Innern, das eine zweite, für sich bestehende Welt bildet.

Anderseits zerfliesst aber auch der Wahn von einer einzigen Schönheit, die alle Vollkommenheit in sich schlösse. Das ist ein Begriff, dessen der Philosoph nicht zu entraten vermag, mit dem aber der Künstler nichts anzufangen weiss. Für ihn besteht die Schönheit in dem inneren Bilde, das er sich von der Aussenwelt macht; die Kraft, Fülle und Klarheit dieses Bildes giebt den Maßstab ab für die Schönheit seines Werkes, und es kommt nur darauf an, wie weit er seine Darstellung diesem Bilde anzunähern vermag. Es handelt sich dabei um eine gegebene Grösse, die nicht in der Natur, sondern in dem menschlichen Geiste liegt und die gerade so nur in der Individualität des betreffenden Künstlers und auch nur in einem ganz bestimmten Zeitpunkt seiner Entwickelung anzutreffen ist: derselbe Gegenstand, von einem andern Künstler erfasst, wird ganz verschieden erscheinen; ja selbst wenn derselbe Künstler ihn, jedoch zu verschiedenen Zeiten seiner Entwickelung, behandeln wollte, wird er verschieden erscheinen. Die Natur an sich ist unendlich und unerschöpflich an Fülle; es kommt nur darauf an, wie viel der einzelne Künstler aus ihr, je nach seinen Kräften, hervorzuholen vermag.

Was all den verschiedenen möglichen Bildern eines Gegenstandes gemeinsam sein wird, beschränkt sich auf die allgemeinsten Gesetze, denen die Bildungen der Natur unterworfen sind, namentlich auf das Gleichgewicht der Kräfte und die daraus hervorgehende Verhältnismässigkeit der einzelnen Teile. Darin allein aber liegt noch nicht die Schönheit begründet. Die Harmonie, die der Künstler aus seinem eigenen Innern schöpft, die Vollkommenheit, die er vermöge seiner Schöpferkraft den Abbildern der Natur einzuflössen vermag, verleihen seinen Werken erst den Stempel des Göttlichen. Ob der Giegenstand als solcher Gefallen oder Missfallen zu erregen geeignet ist, kommt dabei gar nicht in Betracht. Die regelmässigsten Züge, ohne Gieist wiedergegeben, lassen kalt, während der Hauch des Genius selbst das Abstossende zu adeln und zu verklären vermag.

In Zeiten der aufsteigenden Kunst, wo immer grössere Kreise für die Verwirklichung des künstlerischen Ideals sich begeistern, kann ein ganzes Volk an der Erreichung des Schönheitszieles mitarbeiten. Dann steigt die Entwickelung von Stufe zu Stufe immer höher empor, bis ein äusserstes Mass erreicht ist, worüber hinaus zunächst kein Fortschritt möglich ist. Nur zu leicht aber tritt da aus Furcht, das Erreichte zu verlieren, eine Erstarrung ein, die geeignet ist, die schöpferischen Kräfte zu unterbinden. Im übermütigen Genuss eines scheinbar gesicherten Besitzes einigen sich die Menschen dann zeitweilig in stillschweigender Uebereinkunft zur Anerkennung gewisser Schönheitsnormen, die für die einzig gültigen ausgegeben werden. Im Grunde erweist sich jedoch diese Tyrannei der Mode als ebenso launisch und wechselnd, wie jede Mode. Es handelt sich dann nicht mehr um das Schöne, sondern nur um das Hübsche, d. h. das zur Zeit Gefallende.

Wahrhaft verderblich erweist sich diese, aller echten Kunstentwicklung entgegenwirkende Neigung der Massen in Zeiten, die infolge mangelnder Schöpferkraft ihr Ideal längst vergangenen, ganz anders gearteten Epochen als ein fertiges entnehmen, wie solches z. B. in der Mitte des vorigen Jahrhunderts mit der vermeintlichen Wiedergeburt der Antike der Fall war. Eine Form, die zu ihrer Zeit die schönste Verkörperung warm pulsierenden Lebens gebildet hatte, selbst wenn sie an künstlerischer Kraft von keiner der folgenden Zeiten übertroffen worden sein sollte, wird alsdann zu einer leeren Hülle entwürdigt und erweist sich als ein nur mit Hilfe der grössten, langwierigsten und stets wiederholten Anstrengungen zu überwindendes Hindernis für eine kraftvolle Gestaltung der in der Zeit liegenden, daher wahrhaft lebendigen Ideale.

Woldemar von Seidlitz.