Schwarz-Weiss-Ausstellung-Berlin

Das schönste Glück des denkenden Menschen ist, das Erforschliche erforscht zu haben, und das Unerforschliche ruhig zu verehren.

Goethe.

Die Berliner Sezession tat Recht daran, alljährlich im Winter graphische Erzeugnisse ihrer Mitglieder und Freunde auszustellen und sie verdient umso größeren Dank, als der Graphik gegenüber heute mit einem sehr geringen Interesse des Publikums zu rechnen ist. Der Jury gereicht es zu besonderem Ruhme, daß man kaum ein einziges formal minderwertiges Blatt unter den Kunstwerken findet. Freilich aber öfters, und gerade bei den Jüngeren, eine Sterilität der Empfindung, die für die künstlerische Persönlichkeit nichts Gutes erhoffen läßt. — Die Ausstellungsleitung hat das graphische Material in fünf Abteilungen in besondere Räume geschieden; in dem großen Saal sind dazu eine Anzahl dekorativer Arbeiten untergebracht, und einige Plastiken in allen Räumen gut verteilt. — Unter dem deutschen Erzeugnis steht diesmal an erster Stelle ein imponierendes Werk Max Slevogts; die zahlreichen Lithographien zum „Lederstrumpf“.

Es ist bewundernswert, wie viel Erzählergabe, — eine seltene Erscheinung in unseren Tagen — Geist und Können der Künstler an diese Arbeit gewandt hat. Lieber mann, der viele Lithographien, Zeichnungen und Pastelle ausstellt, kann so viel und vielerlei, daß man nur seinen Namen zu nennen braucht, um die Vorstellung hohen Genusses zu wecken. Thoma hat Lithographien und Zeichnungen gesandt; seine liebenswerte Persönlichkeit begrüßen wir stets mit Freude. Für Boehle hege ich immer mehr die bange Befürchtung, daß er manieriert werden wird oder schon ist. Aber man weiß von seinen neuesten Arbeiten so wenig, daß er diese Epoche seiner Entwicklung schon längst überwunden haben kann. Corinth ist mit einer Anzahl Radierungen und Zeichnungen vertreten, die wie immer sein großes Talent verraten; seine farbigen Lithographien zum Buche Judith gefallen mir wenig. Trübner, von dem nur einige Radierungen zu sehen sind, scheinen die Ausdrucksmittel der Graphik nicht zu liegen. — Aus Kalckreuths Graphik spricht ganz der noble Mensch und gediegene Künstler. Orlik hat ein paar Schabkunstblätter und Zeichnungen ausgestellt, die den erfahrenen und gewissenhaften Graphiker gut charakterisieren. Baluschek ist zwar besser als sonst, doch ihm schadet die Nachbarschaft der Käthe Kollwitz.

Die Trostlosigkeit der Stimmung der Blätter dieser starken Künstlerin ist eben nicht jedermanns Sache. Martin Brandenburg überrascht durch eine Anzahl Pastelle und Zeichnungen. Seine „Spielenden Jungen“ sind ein in Farbe und Bewegung gleich gutes Werk. Auch fallen die sentimentalischen und verstiegenen Stoffe seiner Ölbilder und die oft manierierte Farbengebung in diesen kleinen Arbeiten weniger auf. Immerhin erstaunt man vor Sachen wie: „Der Vampyr“, „Der Selbstmörder“, „Das Plötzliche“, über eine fast pathologische Richtung der Phantasie. Ähnlich ergeht es mir mit Marcus Be hm er. Fs sind von ihm so viel hübsche Radierungen und Zeichnungen zu sehen, daß man sich fragt, ob es derselbe Mann ist, den man gelegentlich auf recht extravaganten Wegen erblickt. Paul Bach, Paul Baum u. Theo v. Brokhusen haben z. T. sehr hübsche Zeichnungen gesandt. Christ. Rohlfs zeichnete einen schönen weiblichen Akt, seine Aquarelle aber sind in Vorwurf und Farbengebung bedenklich.

Bischoff-Culm, Linde-Walther, Oscar Moll, Philipp Franck, Hans von Volkmann kennt man als tüchtige Künstler. Von einer Dame, Erna Frank, sah ich schon öfters feine Radierungen. Fritz Rheins Aquarelle sind in der Farbe sehr schön, und Eugen Spiro hat überraschend gute Zeichnungen und Pastelle von vornehmer Stilisierung und Farbengebung geliefert. Ernst Stern zeigt mit einer Anzahl Zeichnungen, daß er auch anderes kann als Karikaturen zeichnen, während Zille alles zum oft amüsanten Zerrbild wird. Von Ulrich Hübner sind eine Anzahl Gouachen, Meerbilder, ausgestellt. Er malt heute die relativ besten Marinen. Schließlich wären noch die stets einwandfreien Radierungen des geschickten Hermann Struck, schöne und in ihrer Art genügend bekannte Arbeiten von E. R. Weiß und in der Farbe eigenartige Entwürfe zu Theaterdekorationen von Carl Walser zu nennen. Die Zeichnungen Karl Hofers sind sehr talentvoll wie immer.

Es ist besonders erfreulich zu sehen , wie gern und oft unsere jungen Künstler sich der graphischen Ausdrucksmittel bedienen. Wir haben einen sehr respektablen künstlerischen Nachwuchs, der allerdings hier in der Sezession nicht so zur Geltung kommt, wie etwa auf der letzten Ausstellung des „Deutschen Künstlerbundes“ in der Galerie Arnold zu Dresden. Immerhin braucht man nur Namen wie Wilh. Laage, Adolf Schinnerer (der sein jüngstes Werk, den Zyklus „Simson“, ausgestellt hat), Walter Klemm, Adolf Thomann, Reifferscheid herauszugreifen, um allein die Reifsten zu nennen. Von Max Beckmann sieht man eine Anzahl Zeichnungen, erste Entwürfe zu seinen Riesenbildern wie „Auferstehung“ und „Untergang von Messina“. Büttner, Feininger, Großmann, Winkel, Wulff zeigen sich als sehr geschickte Künstler. Richard Dreher hätte lieberein paar seiner schönen Federzeichnungen ausstellen sollen als die vier Aquarelle.

Als Ausländer sind van Gogh, Manet, Toulouse – Lautrec, Constantin Guys mit z. T. sehr schönen Blättern vertreten. Es sind dann ferner da hübsche Sachen von Le Beau, Conder, Matth es, ein paar interessante Zeichnungen von Puvis de Chavannes, Pissarro, Renoir, Rodin, Gauguin und schließlich einige charakteristische Aquarelle der Neoimpressionisten Signac und Croß. Anders, Zorn und Larsson haben größere Kollektionen von Radierungen und Zeichnungen zur Verfügung gestellt, und man bewundert bei dem einen mehr das große Können, bei dem andern die schöne Seele.

Sehr merkwürdige Zeichnungen sieht man von dem verstorbenen Schweden Ernst Josephson aus seiner Wahnsinnszeit. Von Munch ist ein Zyklus Steinzeichnungen da. Mit Jan Toorops Arbeiten, soweit sie einer christlich-katholischen Mystik ihr Dasein verdanken, kann ich mich wenig befreunden. Umso schöner zeugen von seinem großen Talent die farbigen Lithographien.

In dem großen Saal des Sezessionshauses sind dann, an Stelle der sonst üblichen Plastik, dekorative Gemälde und Entwürfe zu sehen. Interessant sind Ho eile rs Riesenleinwande, „Aufstieg und Absturz der Bergsteiger“, als Diorama im Auftrag gemalt in früheren Jahren. Die Arbeiten Arn. Wald Schmidts — Zeichnungen und ein großes Temperagemälde: „Prometheus“ — legen Zeugnis ab von einem bewundernswürdigen Willen zur Kunst und von einem Bemühen um die höchsten Aufgaben. Aber der Künstler ist nicht „Auge“ genug und zu viel Philosoph.

Wenige, aber gute Plastiken von Corinth (so viel ich weiß ein erster Versuch), Barlach, Kolbe,Kruse etc. dienen eigentlich mehr raumschmückenden Absichten der Ausstellungsleitung.

Siehe auch:
Die Kunst vor Gericht
Moyssey Kogan
George Minne
Wirtschaft und Kunst
Eindrücke von der Brüsseler Welt-Ausstellung
Bernhard Hoetger-Bildhauer
Georg Kolbe-Bildhauer
Eine Deutsche Welt-Ausstellung?
Erste Ausstellung der „Künstler-Vereinigung Dresden“
Wettbewerb für das Bismarck-National-Denkmal
Sascha Schneider auf der Dresdner Kunstausstellung