Schweden im Auge des Künstlers

Fall, Weihnachtsschnee, und rausche, tiefes Moos!
Funkl’, Stern des Ostens, nachts in Junilüften!
Schweden, Mutter! schirme unser Loos,
Du Land, das unsre Kinder birgt im Schoss
Und unsre Väter lieget in den Kirchengrüften,

so singt ein Dichter, der schwedische Natur und schwedisches Wesen innig erfasst hat. »Schweden, Mutter!« Man liebt seine Mutter, aber scheut doch davor zurück, dem nächstbesten ihre Vorzüge anzupreisen. Wir wissen zu gut, dass es andere Mütter gibt, schönere, stattlichere, klügere als unsre eigne Mutter. Wir verlangen ja auch nicht, dass andere für unsre Mutter mehr als Achtung empfinden sollen, seihst aber wissen wir, was sie uns geschenkt hat, das Leben und vieles mehr. Grosse Künstler haben oft etwas ganz Besonders geleistet, wenn sie ihre eignen Mütter malten oder zeichneten. Die Liehe und Ehrfurcht, welche ihnen dahei die Hand führte, hat Schönheitswerte von hoher Dauer geschaffen. Ich erinnere an Dürers Zeichnung, an Rembrandts, Whistlers, Carl Larssons Bilder, welche die Spenderin ihres Lebens zum Vorwurf haben. Wir finden, dass hier die Quelladern ihres Wesens, entfesselt und von Liebeswürme aufgetaut, reiner als sonst hervorsprudeln und, wie Dürer sagt, »der heimliche Schatz des Herzens offenbar wird durch das Werk«. Ebenso geschieht es, wenn der Künstler die Mutter Erde schildert, die ihn erzeugt hat. Er entdeckt und ruft in die Erscheinung Schönheit hier und Grösse dort, wo kein anderer sie gesehen hat. Er vertieft dadurch und bereichert die Gefühle seiner Landes-geuossen für das gemeinsame Vaterland.

Wir befinden uns eben jetzt in Schweden in einem Zeitabschnitt, wo wir uns zwar gegen das falsche Pathos für das Vaterländische auflehnen, das wir aus älteren Zeiten herübergenommen haben, aber auch gegen die Neigung zu nationeller Selbstverleugnung, ungerechter Unterschätzung des Eigenen, welche die frühere Strömung im Gefolge hatte, und die womöglich noch mehr Schaden stiftete. Vor den grossen Worten und Gebärden scheuen wir zurück, aber ebensogut vor der unfruchtbaren Nörgelei; nach echter, warmer, wenngleich anspruchsloser Vaterlandsliebe tragen wir Verlangen.

Von aussen her, besonders von französischen Kunstströmungen befruchtet, hat sich unsre Kunst, die heute im Zeitalter ihres Glanzes steht, auf die schwedische Eigenart in Natur und Volkscharakter konzentriert und gewaltig dazu beigetragen, unsre Kenntnis von unsrem Land und von uns selber zu verliefen. Ist der Satz wahr, dass Selbstkenntnis das Wesentliche ist, so hat die schwedische Kunst einen bedeutungsvollen Einsatz in unser nationelles Lehen gemacht.

Schweden, welches den östlichen und grössten Teil der skandinavischen Halbinsel einnimmt, hat eine Längenausdehnung von 1600 Kilometern — die Entfernung von Malmö bis Neapel! Es ist klar, dass ein Land mit einer solchen ungeheuren Ausdehnung in nord-südlicher Richtung ein mannigfach geartetes Klima haben muss. Nahezu der siebente Teil liegt innerhalb des Polarkreises, während das reiche, dichtbevölkerte Skäne eine mittlere Temperatur hat, die sich derjenigen Mitteleuropas nähert.

»Gamla Sverige« — »das alte Schweden« heisst es. Mit recht; denn der germanische Volkstamm, der dieses gewaltige, an Ausdehnung beinahe Frankreich gleichkommende Gebiet, wennschon viel zu wenig dicht bevölkert, ist schon seit Urzeiten in unseren Wäldern ansässig gewesen. Das Schwedenreich — »Svea rike«, daraus später »Sverige« — ist die älteste erhaltene Staatsbildung in Europa, und sogar der Grund und Roden, die Gebirge gehören der ältesten Formation der Erde an. Fast drei Viertel des Landes sind von Granithügeln erfüllt, die, von den Gletschern der Eiszeit abgesehliffen und jetzt zum Teil mit Moos und Waldung bewachsen, der Landschaft ihren Charakter verleihen. Manche unsrer Vorzüge lassen sich dem Fremden nicht leicht zeigen wie z. ß. allgemeine Schulbildung oder ungewöhnlich niedere Sterblichkeit, obwohl uns selber diese beiden Tatsachen hoch beglücken. Hingegen pflanzen wir uns zu wenig fort und heiraten viel zu wenig, und die Auswanderung entzieht jedes Jahr dem Lande Tausende von jungen, gesunden und strebsamen Leuten, die Nahrung und gute Volkbildung genossen haben so lange sie noch nichts leisteten, und die jetzt ihre tüchtige Arbeitskraft auf fremdem Roden entfalten. Die nationalökonomischen und psychologischen Ursachen dieser Blutabzapfung sind vielfacher Art. Die sympathischeste Ursache ist eben jener Wagemut, den die alten Wikinger besassen, und die Lust, sich in der Welt umzusehen, die am wenigsten ansprechende Seite ist der Mangel an Gefühl für den Wert der schwedischen Eigenart. Jenes stille, mehr oder weniger berechtigte Überzeugtsein von dem überlegnen Wert des Eigenen, das wir hei Engländern, Norwegern, Franzosen, Ungarn und Amerikanern finden, suchen wir leider immer noch vergebens in Schweden.

Abgesehen von der Grenze gegen Norwegen und von den Strömen, die uns vom russischen Reich trennen, ist Schweden rings vom Meere umflulet. Sowohl unsre Kriegs- als unsere Handelsflotte ist mit Leuten von höchster Beschaffenheit bemannt, Männern, die man nicht ohne Grund in den Motten fremder Länder ihrer Entschlossenheit und ihres Mutes wegen schätzt und sucht. Die »Seewölfe«, der Schrecken der Küslenbewohner Frankreichs und Englands im 9. Jhd., sind heule in gutmütige »Seebären« verwandelt. In ihrem Äusseren sind sie den Wikingern recht ähnlich, wenn man von einer kleinen Anschwellung der Unterlippe absiehl, die vom Kauen des Schnupftabaks herrührt.

Diese Typen haben vor allem Carl Wilhelmson und Albert Engström geschildert, wie sie mit einem scherzhaften Blitzen der Augen und sicheren Schrittes an Bord einherwanken. Diese beiden Künstler geben die schwedischen Schären und deren Bevölkerung wieder. Beinahe die ganze schwedische Küste mit Ausnahme von Skäne und Hailand ist von einem Ring von Schären geschützt, von jenen Inseln, Klippen und Rillen, die im Frieden für unsre eignen Schiffe gefährlich, im Kriege hoffentlich noch gefährlicher für eins feindliche Flotte sind. Unser Küstenvolk bewegt sich sicher zwischen Brandung und Untiefen, in Bohuslän auf den Koster-Booten, die so breit und felsenfest gebaut sind wie die Schiffer, die sie steuern, in Blekinge auf Blekingsekor (Blekinger Nachen), in Norrland auf sog. Sköt-Booten. In der Umgegend von Stockholm betreiben die »Rospiggar«, die Bevölkerung der nördlich von Stockholm gelegenen, zu Uppland gehörigen Schären (Roslagen), auf ihren hübschen Segelkuttern Frachtschiffahrt und befördern Holz und Sand auf den vielen schmalen Meerarmen mit der gleichen Kühnheit und Geschicklichkeit wie die Sportsleute, welche in ihren eleganten weissen oder mahagonibraunen Lustjachten zwischen den Felsen-inseln an den vielen Hunderten von Landungsbrücken und Badehütten vorbei-kreuzeu. Zur Sommerzeit sind die Landungsstege voll von hellgekleidelen Mädchen, kecke Knaben klettern auf den Geländern herum und warten auf den Dampfer, der in seinem schmucken weissen Anstrich, erstaunlich geschickt manövriert, an einer Landungsstelle nach der anderen anlegt und am Abend über die dunklen Wasser hingleitet, selbst eine kleine, sich dahinbewegende Welt, die im Herbst von eignem Licht erstrahlt und mit ihren Scheinwerfern die Landungsplätze und die engen Passagen zwischen den Inseln erhellt. Im Winter erhöhen die abgesperrten Landhäuser, die ans Land heraufgezogenen jetzt teilweise eingeschneiten Senkbecken der Badhäuser das Gefühl der Verlassenheit und verleihen der Landschaft eine herbe Melancholie, welche vielleicht gerade dann ihren eignen Reiz für die Schlittschuh- und Skiläufer hat, die über das Eis hineilen. Mancher durchlebt hier nochmal im Geiste die Begebenheiten des Sommers, wie man laut kreischende Mädchen am Badstrand überraschte, ein geliebtes Wesen auf der Veranda Fröding oder Karlfeldt lesen hörte, oder, wenn man etwas älter geworden war, sich über die lärmenden Kinder freute, die von Hecken und Stachelbeersträuchern zerkratzt, die Mäulchen blau von den Heidelbeeren und benommen von der Freiheit der Sonimerferien, bitten, hinaus zum Rudern zu dürfen.

Unter den Malern haben Axel Sjöherg und Richard Lindström die Schären im Winter am vorzüglichsten dargestellt. In Schweden, wo der Winter so lang ist, will man sich im Sommer dafür schadlos halten. Man hat instinkt-massig eingesehen, wie wichtig, besonders für die Kinder, es ist, sich im grünen Gras zu tummeln, herumklettern und schwimmen zu dürfen und eine gehörige Zeit lang sich von Kälte und Schulzwang völlig frei zu fühlen. Die langen schwedischen Sommerferien sind ein Nationalgut, das man freilich jetzt zu beeinträchtigen sucht, das aber zum Glück seine eifrigen Verteidiger hat. Kein Schwede hat wie Carl Larsson im Bild gezeigt, wie herrlich die Kinder es auf dem Lande haben »im Sommer, dem schönen, da die lüde sich freut«, wie es im Liede heisst. Auf die Frage: »Was ist das Schönste auf der Welt« hat jemand die Antwort gegeben: »Eine blumige Wiese« — und von diesem Schönen hat Schweden einen grossen Reichtum, Wie Liljefors »Familie Reineke«, die jungen Füchse, die sich unter den hohen weissen Doldenblütlern und gelben Butterblumen herumbalgen, so freuen sich die Kinder im lichten Junigriin Himmeissehliissel zu pllücken und im Hochsommer nach Erdbeerstellen zu suchen, und sie jubeln laut, wenn sie im Ackerrain die tiefroten Beeren entdecken, in denen sieb der Duft des ganzen Sommers und seine Süssigkeit aufgespeichert zu haben scheint. Schweden hat neben anderen guten Dingen den grossen Vorzug, dass wir uns rühren können, dass nicht alles eingezäunt ist; man kann sich ins Gras setzen und wird nicht forlgejagt, man kann am Strand baden ohne Strafe zahlen zu müssen und das gehört zum Schönsten für die Kinder, übrigens auch für die Erwachsenen. Zum blossen Vergnügen darf man beinahe überall fischen, es gibt immer noch genug Fische trotzdem. Carl Larsson hat sowohl das Fischen bei Regenwetter gemalt »wenn sie gut an-beissen«, als die Art Fischerei, an welcher die Kinder das grösste Vergnügen haben, das Krebsfangen, das grosse Ereignis des Hochsommers, wenn man barfuss mit den kleinen Keschern herumsteigt und die schwarzgrünen, krabbelnden Krebse unter lautem Freudengeschrei aulliest. Für die Älteren ist der Höhepunkt der Krebsfischerei der Augenblick, wo die Krebse in dem lebendigen Hochrot ihres lit de parade auf einer Riesenschüssel mitten auf dem Tische aufgetürmt liegen und man ihren Leichenschmaus mit einem Glase alten schwedischen Branntwein einweiht.

Ein gesunderes Nass, das uns im Sommer viel Genuss bereitet, ist das Wasser, und wahrlich gibt es wenig Länder, wo im offenen Meer soviel gebadet wird wie in Schweden. Die Weltverlassenheit der Landschaft gestattet oft eine Unabhängigkeit von allem Badeanzug, die für den Künstler grossen Reiz hat. Zwei prächtige Bilder im Museum zu Göteborg, das eine von Acre, welches ein paar nackte männliche Körper darslellt, die sich gegen das frische, tiefblaue Meer abheben, und das in Schweden hoch geschätzte Bild von Zorn »Draussen« , sind wohl die vorzüglichsten Proben auf diesem Gebiete. Auf dem letzteren Gemälde, einem der allerbesten des Künstlers, erblickt man ein echt schwedisches Bild, das allgemein verständlich sein dürfte: auf einem grauen, vom Wasser abgeschliffenen Granitfelsen steigen ein paar blonde Mädchen vorsichtig herab zu dem lauen, schimmernden Wasser. Die weichen Leiber gegen den harten Felsen, das Ruderboot, das Gefühl der Freiheit und Frische draussen in der unberührten Natur, dies alles hat der Künstler auf eine Weise wiedergegeben, die uns Schweden herzlich zufrieden damit macht, dass wir es so schön haben.

Die Schären, angefangen von der äussersten Region an der offenen See, wo Axel Sjöbergs Schnabelmöwen unterm Sternenhimmel träumen und wo Liljefors Eidergänse im Lichte der Morgensonne auf der äussersten Schäre ins Wasser herabwatscheln, wo an den halbverfallenen Landungsstegen die Heringsnetze der Fischer zum Trocknen und Ausbessern aufgehängt sind, dies alles hat Strindberg in seinen »Leuten auf Hemsö» und Albert Engström in seinen Zeichnungen meisterlich geschildert. Andere Künstler haben die laubwaldbewachsenen Buchten weiter innen gegen Stockholm zu gemalt. Ungewöhnlich stark tritt das Gefühl des Sommers in Richard Berghs grossen Gemälde »Sommerabend« im Museum von Göteborg hervor. Wir befinden uns auf Lidingö an Kyrkviken (der Kirchenbucht) auf einer oberen Veranda. Ein junges Paar blickt hinaus über das üppige Grün. Drunten am Rand des Wassers ist der Landungsplatz zu sehen. Es ist ein Augenblick des Glückes. Man glaubt die Bienen in der Warme summen zu hören. Der eintönige Gesang der Biene lässt uns die Fülle des Augenblicks womöglich noch stärker empfinden.

Der Stockholmer sieht auf seine Schären mit den Augen der Liebe. Es wird ihm schwer, sich vorzustellen, wie die Schären auf den Fremden wirken, der von Osten her sich der Hauptstadt nähert und von einem grossen Dampfschiff aus die vielen kleinen Inseln überschaut, auf denen die Seehunde kriechen, wenn er an den langen, schmalen Inseln vorübergleitel, auf denen vom Sturm verkrüppelte marlallar (Latschen) um das Leben ringen, hin über weite, bald tiefblaue, bald blangraue Meerarme, durch enge Sunde hindurch, an schattigen Ufern vorbei, die nicht selten von architektonisch zweifelhaften oder richtiger zweifellos hässlichen Landhäusern verunziert sind, um schliesslich Stockholm zu erreichen. Ob wohl ein Fremder, der alles dieses zum erstenmal von seinem hoben Dampferdeck aus sieht, etwas erfassen kann von all dem Heiteren, Schönen, Rührenden und Grossarligen, was wir darin sehen, die an, auf, in diesem Wasser gelebt haben, wir, denen Sehlstedls Lieder und Carl Laussons Zeichnungen dazu, Strindbergs Erzählungen und Romane, ein Liljefors, ein Axel Sjöberg, ein Richard Lindström, die Augen geöffnet haben?

Die Schären der westlichen Küstenlandschaft Bohuslän zeigen gewaltigere Formen und eine herbere Schönheit, wenigstens in den äusseren Regionen, die weiter landeinwärts gelegenen hohlisländischen Fjorde haben nämlich üppige Vegetation. Die Reisenden, welche von England her mit dem Root nach Göteborg (»Gotenburg«) kommen, erblicken zuerst Felsenküsten, kahl wie Festungsmauern, aber mit ansprechenderen Formen sich aus den Wogen erheben. Karl Nordstrom, der auf der bohusländisehen Insel Tjörn geboren ist, hat mit strenger Männlichkeit diese Granitfelsen mit ihren unbestimmten Linien dargestellt, das einemal mit zischen dem Schaum ringsum ihren Fuss,das anderemal mit auf den Gipfeln flammenden Feuern.

Nordströms Kunst hat einen gewissen Zusammenhang mit der Naturmystik unserer ältesten Vorväter. Wenn man seine Bilder mit dem Titel »Osterfeuer« (Thielsche Galerie) sieht, auf denen die Lohe den anbrechenden Lenz begrüsst, so denkt man von selbst daran, dass seit Jahrtausenden Schweden um diese Feuer herum gejubelt haben und sich dessen gefreut, dass die Herrschaft des Dunkels und der Kälte wieder einmal gebrochen war. Karl Nordstrom und Carl Wiluelmson sind es, die Natur und Volk an der Westküste geschildert haben, der ersteie jene Felsen und die dekorativen Wolkenmassen, auf welchen sie sich abhebeii oder auch die weltentrückten Täler, wo die Sonne herabslichl und dichtbelaubtes Buschwerk, das vor dein Wind geschützt ist, die Bergrilzen füllt; der letztere, Wilhelmson, malt das ernste Volk, welches diese Landschaft bewohnt und sich im Winter damit beschäftigt, den glitzernden Heringsschwarm in Silbernhinzen umzuselzen. Aus Wilhelmsons Bildern weht einem ein Atem entgegen von jenem tiefen Ernste, der sich in ganz natürlicher Weise hei einer Küstenbevölkerung entwickelt hat, die so oft die Lebsucht mit Todesgefahr erkaufen muss. Wilhelmson liebt die starken Farben, die dieser Landschaft eigen sind, wenn die Sonne die ins Rosenrote hinüberschimmernden Klippen bescheint und sich die hellbraunen, breiten Boote mit den weissen Segeln gegen die roten Fischerhütten abzeichnen. Für die Fischer dieser Gegend, die Anhänger von Schartaus harter und enger ReligionsaulTassung, wird die Kirche zum Gegenstand der Sehnsucht während ihrer mühevollen Arbeit, und besonders die Frauen in ihren schwarzen seidenen Kopftüchern und mit dem Gesangbuch ins Schnupfluch gewickelt schauen so sorgenbeladen drein als gingen sie zu einer Beerdigung, wenn sie sich zu Fuss oder im Boot ihren gewöhnlichen Weg zum Hause des Herrn begeben.

Die Mehrzahl der Fremden kommt von Süden her nach Schweden, mit den dänischen oder den riesigen schwedischen und deutschen Fähren und sieht dadurch zuerst die schwedischen Gestade, die nicht von Schären eingefasst sind. Bloss an die Küste von Skäne und Halland reicht das Meer unmittelbar heran und noch ein gutes Stück von Malmö oder Trelleborg entfernt überschaut man schon von der hohen See aus die gewaltige grüne Ebene mit den weissen Kirchen und den schwarzen Windmühlen. Eigentümlicherweise hat keiner von unseren grossen Künstlern der Gegenwart sich mit dem Öresund befasst, der blau und buchenwaldumkränzl, zuweilen mit Hunderten von schimmernden weissen Segeln angefüllt, wohl zu den schönsten Fahrwassern der Welt zählt. Die seichtabfallenden hailändischen Buchten und die grossen Linien und kräftigen Farben dieser heute gänzlich abrasierten Landschaft besitzt in Nils Kreuger einen Bewunderer und Darsteller von höchstem Rang. Skäne unterscheidet sich in Natur und Kultur von dem übrigen Schweden, mit dem es erst seit 250 Jahren politisch vereint ist.

Die Bewohner von Skäne sind mit sich selber und ihrem Lande höchst zufrieden. Die Skäningar haben die stattlichsten Schlösser, die wohlgenährtesten Bauern, die reichsten Gewerkvereine und die gewalttätigsten Anarchisten, dies alles natürlich in dem bescheidenen schwedischen Masstabe. Diese Vorzüge hat ihnen auch niemand abgesprochen und begabte skänisehe Verfasser haben dies alles vorzüglich wiedergegeben, nur nicht die Schlösser, die von Baumriesen umgeben sich in den Schlossteichen spiegeln und auf denen sich — wenigstens auf einigen dieser skänischen Schlösser— ein Leben abspielt, das selbst der anspruchsvollste Engländer für menschenwürdig erklären würde: Jagden in roten Fräcken, Gastfreiheit in grossem Stil, lebenslustige junge Offiziere und elegante Damen, deren Herzen vielleicht dort unten leichter zu erweichen sind als in den nördlicheren Teilen des langgestreckten Schweden reiches. Bei uns zulande ist es an der Tagesordnung, die begüterten Klassen ungerecht zu beurteilen und zwar trotzdem die in sozialer Hinsicht am höchsten Stehenden an der nationeilen Arbeitsleistung regen Anteil nehmen und es weder an Arbeitskraft noch an Geld fehlen lassen, wenn es das allgemeine Beste gilt. Von Schlössern und Parken hat, wie gesagt, die schwedische Kunst, wenn man von einigen vorzüglichen Porträten von Georg von Rosen, Anders Zorn und Oscar Björck absiehl, ihre Motive nicht geholt, »Skäneland«, wie es nicht ohne Rührung in dieser reichen Landschaft selbst heisst, hat dagegen im allgemeinen in letzterer Zeit sehr gute Darsteller gefunden. Der alte Gustaf Rydrerg und in neuester Zeit Ernst Norlind und Axel Kulie haben uns die weissen Bauernhöfe gezeigt, die so einheitlich und fest gebaut sind, dass man schon aus ihrem Äusseren darauf sch Messen kann, was die Inwohner für Leute sein müssen. Wenns gut gehl, kriegt man die aristokratische Gestalt eines langbeinigen Storches auf dem Dach zu sehen, während man unter den Hühnern und Gänsen auf dem Hofe gewiss die Abzeichen der Bourgeoisie findet: Selbstgefälligkeit und Rundung der Körperformen. Die Schönheit des skänisehen Flachlandes ist oft in Romanen und Liedern zum Ausdruck gekommen; unter den Schriftstellern, die hieher gehören, sind Ernst Ahlgren, K. G. Ossian-Nilsson und Ola Hansson wohl die hervorragendsten.

Skane hat jedoch immer noch nicht seine definitive Darstellung durch die bildende Kunst gefunden. Es harrt noch auf die Huldigung von seiten der modernen Malerei, die es verdient. Die alte, solide ländliche Kultur Skänes war der Gegenstand der Bilder von Hugo Salmson; auch Einzelheiten von melancholisch entästeten Weidenalleen, von grünen Weiten mit dekorativen Baumgruppen, die wie heilige Haine auf den Bergrücken stehen, die den Gesichtskreis einfassen, dies und anderes mehr nahmen sich die begabteren unter den skänisehen Malern zum Vorwurf, aber die Grösse, die ein Nils Kreuger oder ein Karl Nordstrom in ihren Schilderungen von Hailand und Bohuslän aufweisen, haben sie nicht erreicht. Nicht einmal das malerische Badleben auf dem Sandstrand von Falsterbo oder auf den felsigen und steilen Ufern von Kulten hat seinen Zeichner gefunden. Die gewaltige, ins Meer hinausragende, meilenlange Klippenlandzunge von Kullen gehört zum Schönsten, was Schweden aufzubieten hat. Ein ganzer Schwarm junger Künstler sind bestrebt, die verwitterten Riesenfelsblöcke, die üppigen Buchenwälder und das Meer wiederzugeben, wie es bald wild auf brüllt und gegen das phantastisch geformte Felsenufer aufschäumt, bald vom Leuchtturni von Kullen aus gesehen, der nun bald 400 Jahre lang am Eingang des Öresund geleuchtet hat, am Abend spiegelblank und ruhjg daliegl, während der Schimmer von den Leuchtfeuern auf Sjadland das Gefühl der Unendlichkeit des überschaubaren Gebietes noch erhöht. Dass auf den skänischen Ebenen Getreide und Zucker, Bier und Branntwein in reichen Mengen hervorgebracht wird, daran denkt man, wenn man die hohen Fabrikschornsteine sich dicht aneinander auf dem platten Lande mitten unter den wohlbebauten Feldern erheben sieht. Die Skäningar selber huldigen der Ansicht, dass gutes Essen — und vielleicht auch gesunder Verstand — eigentlich bloss in Skäne zu Hause sind. Das geht freilich ein wenig zu weit, aber zweifellos hat diese wohlgenährte, arbeitstüchtige und kluge Bevölkerung mit ihrer breiten, gutturalen Mundart ein natürliches Selbstgefühl, das den übrigen Einwohnern des Reiches ebenfalls gut anstünde.

Wenn der vom Ausland kommende schon in Malmö mildem Sehwedentum in Form eines »besonnenen Gepäckträgers« in Berührung kommt, wie Heidenstam ausserordentlich treffend sagt, so macht doch Skäne mit seinem ertragreichen Flachland, seinen gelben Ziegelfabriken und den weissgetünchten Bauernhäusern im ganzen einen unschwedischen Eindruck. Erst wenn der Zug die Nadelwälder von Smäland durchbraust und dort auf den Stationen kleine flachshaarige, schüchterne und blauäugige Mädchen, stumm wie Fische mit flehenden Blicken in Rindenkörbchen ihre Himbeeren und Blaubeeren feilbieten, da fühlt man, dass man zu Hause in Schweden ist. Richard Bkrgh hat gerade ein solches kleines Mädel gemalt, das still und anspruchslos mit ihren Wiesenblumen beschäftig ist. In Schweden gibt es viele solche kleine Mädchen, die einem das Gattertor aufmaehen und auf ein Geldstück warten und sich lieber die Zunge abbeissen würden als auf die freundliche Frage antworten, wie sie heissen- Smäland isl gross, ebenso gross wie die ganze Schweiz. Die Bevölkerung gilt für verschlagen und man sagt ihr nach, dass sie auf den Heller aus sei; kein Wunder auch, denn die meisten haben oft das Nachsehen nach einem roten Heller. Weder Hering noch Kartoffel fliegt ihnen ins offene Maul hinein, die Smäläiider müssen Steine blechen, sich abrackern und plagen, und bleiben doch dabei so mager wie ihre Kühe. Wer Smäland recht begreifen will, muss Albert Engströms Erinnerungen aus der Kindheit lesen und dazu seine Zeichnungen ansehen. Dann versteht man, wie sich der Lauf der Welt in diesen kleinen roten Bauernhäusern ausninimt, wie warm und gemütlich man es im Winter hat, wenn man sich sein Glas Glühbrannl wein zusammengiesst und die Luft dick ist von dem Dampf der nassen Kleider, oder wie gestärkt und erhaben über das Einerlei des Alltagslebens man sich in der Erbauungsandacht fühlt mit ihrem Kaffee und Hallelujah und mehr oder weniger brüderlicher und schwesterlicher Liehe. Einer der grössten modernen Künstler, der gezeigt hat, wie herrlich der Wald sein kann, und der den Wald wirklich so gemalt hat, dass man den Duft des Forstes (Ledum), das Harz und alle die starken, frischen Gerüche einatmet, die sich an einem warmen Sommer tag im Walde sammeln und uns in einem kühlen Windzug von einer Moorstelle (mit ihrem Wollgras und ihrer mystischen Flora und Insektenfauna) her entgegenweht, ist Herman Norrman. Eine Art leidenschaftlicher, zugleich physischer und psychischer Wärme spricht aus Norrmans Landschaften, in denen sowohl Himmel als Wald rötlich schimmern. Wenn man diese Norrmauschen Bilder betrachtet, füllt sich das Herz mit einer Art sozusagen trotziger Glückseligkeit.

Am Strand des Sundes von Kalmar wogt der Weizen auf dem Acker. Weit oben nördlich liegt, von seinem Sehärenriug umgehen, das schöne Tjust, welches Gottfrid Kallstenius wiedergegeben hat. Merkwürdigerweise hat das gewaltige, pittoreske Schloss zu Kalmar, das man einst den Schlüssel Schwedens genannt hat, keinen künstlerischen Darsteller gefunden.

Die alte Aussichtsmalerei ist freilich nicht mehr modern, aber es ist doch zu verw undern, dass der zwreitgrössle See des Landes, der eigentümliche, länglichschmale Vättern, der in Heidenstams Dichtung eine so grosse Rolle spielt und dessen smäländischer Strand fast einen südländischen Charakter hat, nicht von unsren Grössten gemalt worden ist. Omberg und die Gegend um Jönköping und Grenna herum, der gemütlichen kleinen Stadt, von der aus man über die leicht erregbare Fläche des blauen Riesensees ausblickt, gehört zu den Sehenswürdigkeiten unsres Landes.

Gustaf Axkarcrona hat mehrere von den alten smäländischen Gütern gemalt, auf denen man sich Sommer und Winter gleich gemütlich einzurichten versteht.

Dort wird mau mit überschwenglicher Herzlichkeit empfangen, es werden einem allerlei Würste und Kuchen, Spezialitäten der alten schwedischen Kultur auf dem Lande aufgeliseht, und der alte Major und Gutsbesitzer blinzelt seinem Freunde im Schlitten schon von der Vortreppe aus zu und macht eine Bewegung mit den Lippen als ob er andeuten wollte, dass ihm sein höchstprivales Punschgebräu nach dem guten, alten Rezept prächtig geraten sei.

Das mittlere Schweden zeichnet eine grosse Anzahl Seen aus, von denen der Vänern ein wirkliches Binnenmeer darstellt, das drillgrösste in Europa. Nördlich der Hochebene von Smäland dehnen sich rings um die Ufer der beiden grossen Seen Vänern und Vättern herum die uralten Kullurherde von Ösler-götland und Västergölland aus. Auf dem Flachlande Väslcrgötlands erheben sich eigenartig geformte Berge, Kinnekulle, Halle- und Hunneberg, der Billingen sowie der Alleberg, welch letzteren Karl Nokdström gemalt hat. ln dieser västgötischen Gegend fasste das Christentum zuerst Fuss. Hier lebte Olof skötkonung (der Schosskönig), der in Husahy am Fusse des Kinnekulle die Taufe empfing. Hier erhob sich in der Nähe des Billingen die hübsche Klosterkirche von Varnhem und in der Ebene Skara, die alte Stadt der Gelehrsamkeit, im Schallen ihrer Domkirche.

Wenn man mit einem der Kanalboote Trollhättan verlässt, wo heute wie dazumal der Troll von seinem Toppöfall herab brüllt — freilich muss er jetzt einen Teil seiner Kraft an die Turbinen ab treten -—, und dann an dem allen Leckö vorüber fährt, wo Magnus Gabriel de la Gardie, der grosse schwedische Mäzen des 17. Jhds,, einstens Hof hielt, sieht man am Västgöta-Ufer Kinnekulle in der Ferne blau herüberleuchten. Auf der Västgötalinie des Götakanals gelangt man auf den Vättern hinaus und steuert auf das vierhundert Jahre alte Schloss von Vadstena zu, dessen gewaltige Formen und von Erinnerungen umsponnene Mauern von Oscar Björck gemalt worden sind.

Östergötland ist noch nicht so recht von den Künstlern entdeckt. Die Östgötagegend ist reich an historischen Erinnerungen und Sagenstolfen, die in unsren eignen Augen der hübschen Landschaft zu beiden Seiten des Götakanals noch einen ganz besonderen Schimmer verleihen. Still gleitet das Boot über den Kanal hin, Baumäste streifen hie und da das Deck. Es liegt etwas von Stille und Buhe über einer Kanalreise durch Östergötland, über den See Boren mit dem Schloss von Ulfäsa und seinen Folkungererinnerungen, hinab durch die Schleusen von Berg zum See Boxen, wo die Klosterkirche von Vreta liegt, die einst Magnus Laduläs eingeweiht hat. Nördlich des hohen Ufers des Fjordes Bräviken breitet sich die waldige Gegend von Kolmärden aus, wo der junge Maler Alfred Wahlberg im romantischen Stil der Düsseldorfer Schule die grossartige Landschaft malte.

In der Gegend um den Mälaren herum, Schwedens Kernpunkt, südlich, westlich und nördlich von »Lögarens sjö« (dem See Lögaren, wie er von alters her hiess), waren die Svear ansässig, die den vornehmsten Opfertempel des ganzen Landes, den Opferplatz von Uppsala innehatten und allmählich die anderen Stämme unterjochten, das Reich einigten und demselben ihren Namen gaben: Svea Rike, Sverige, Schweden-Reich. Der Künstler, welcher die Mälarlandschaft so wiedergegeben hat, dass man, trotzdem er Land und Volk bloss so malte wie sie heutzutage aussehen, ein Gefühl hat, dass wir und die unsrigen seit Jahrtausenden im Mälartal gelebt haben zwei alte BAUERNWEIBER Ze.chnung und auf den Mälarinseln denselben zackigen von albert ENGSTRÖM. Waldrand sich gegen den Himmel der Sommernächte haben abheben, die Birken im Herbst gelb, im Winter haben weiss werden und im Vorfrühling schwarz dastehen sehen, um bald wieder zu grünen, ist Gunnar Hallsthöm. Weissund hoch, mit edler Haltung und Traumesrau.sehen in den Kronen, stehen die Birken auf den Hünengräbern von Björkö, wo mitten auf dem blauen Fjord die alle Königsstadt Birka den Franken Ansgar, den Apostel des Nordens, unter ihren wilden Männern und silbergesehmüekten Frauen aufnahm. Alles, was Hallström gezeichnet und gemalt hat, erhält einen Duft von Schwedentum, der nicht äusserlich au Igel ragen ist, sondern aus der Urquelle des schwedischen Wesens entspringt, so wie es aus dieser Natur hervorgegangen ist, wo unser Volk zuerst sich seiner seihst bewusst wurde, in den Weideplätzen von Sörmland (Södermanland), wo die Mädchen dem Kuckuck in den Frühlingsnächten lauschten und wo man auf der winterlichen Ebene von Uppland über das rote Opferblut auf dem weissen Schnee jauchzte und wildberauscht für guten Ernteertrag Schlachtopfer darbrachte.

Wenn man mit dem Machtzuge von Süden kommt und einen Sommermorgen auf einer sörmländischen Station aufwacht, schlägt einem ein frischer Hauch aus dem Wald und von dem Granitgrund des Erdbodens entgegen. Man fühlt, dass dies Schweden ist. Kräftige, blonde Arbeiter sind in gewohnter Stille mit Hacke und Spaten am Geleise beschäftigt, im übrigen ist das Schweigen ungestört. Am See — Seen gibt es hier überall — liegt eine weisse Kirche. Wenn man der Strasse folgt, kommt man wieder an einen See, mit einem Herrengut, das in Fruchtbäume eingebettet daliegt. Das Erdreich auf Wiesen und Ackern ist allerdings steiniger Boden, aber der Klee gedeiht und der Roggen steht so dicht, dass man unwillkürlich daran denken muss, dass der Boden an wenigen Stellen in Europa so reichen Ertrag liefert wie in Schweden. Dies haben wir einem in der letzteren Zeit intensiv betriebenen Ackerbau zu danken. Über ein Drittel von allem bebauten Boden in Schweden ist in den letzten 30 bis 40 Jahren zum ersten Male bebaut worden, aber wir haben trotzdem — und eben dies gibt der Natur des mittleren Schweden ihren besonderen Reiz — glücklicherweise viel Roden, der sich überhaupt nicht bebauen lässt, Weidenplätze und hagcir (Gehege), wo zwischen den Erlen am Rach die Kühe hervorlugen und wo scheue Pferde in der Freiheit grasen, von den Lok-kungen der Kleewiesen bloss von Zäunen und Gattern abgehalten. In den siebziger Jahren malte, man kann wohl sagen entdeckte Edvard Rergh die Schönheit dieser Weideplätze (hageir). In den achtziger Jahren beschrieb Strindberg dieses Zwischending von Wiese und Wald, das wir »hage« nennen, als das im eigentlichen Sinne Schwedische. Der Grund eines »hage« setzt sich aus Granit-felscn und kurz ahgeweidetem Rasen zusammen; oft findet man an den schattigen Stellen weisse Maiglöckchen oder rosenrote Bergerbsen (Orobns), an den sonnigen den blau-und-gelben Wachtelweizen (Melampyrum), der so dicht steht wie eine Kolonne Soldaten. Im Herbst, wo sich die Nebelschwaden zwischen die Birkenstümme dieser Waldplätze hineinziehen, leuchten die feuerroten Fliegenschwämme im feuchten Grase.

Reinhold Norstedt hat auf die eingehendste, feinfühligste Weise gerade diese Natur Sörmlands gemalt, den Rach, der glitzernd die Erlenwurzeln bespült, halb überschattet von den tiefgrünen, glatten Laubmassen der Erlen, das stolze Schloss Eriksberg, wie es unter den dichtbelaubten Baumgruppen hervorschimmert, die Birkenhaine, die bald wild sind, bald mehr einem Park gleichen, wie auf dem grossen Gemälde im Dramatischen Theater in Stockholm. Ein milder, melancholischer Ton von Frieden und Glück, etwas von Schüchternheit und Träumerei, das eine Seite unsrer schwedischen Eigenart darstellt, liegt über Norstedts oft kleinen, stets aber an Stimmung reichen Bildern. Die schwedische Landschaft ist im allgemeinen unplastisch. Grosse Gesichtskreise finden sich an den Seen und grossen Flüssen, aber die Höben sind, wenn man von Norrland absieht, wenig bedeutend. »Lächelnd«, »anmutig«, »einladend« sind die Worte, die einem vor allem auf die Zunge kommen, besonders wenn von der Landschaftsform des Mälartales die Rede ist. Einer von denen, die den Kern des Schwedischen in dieser Landschaft am besten verstanden haben, ist Prinz Eugen. Ein lyrischer Zug, eine Lust, sowohl das äussere als das innere Dasein in einen Ton abgestimmt zu sehen, gehört zum schwedischen Charakter, und hierin liegt auch die psychologische Erklärung des Hanges, sich zu berauschen, der von alters her im Volkscharakter liegt. Den höchsten Ausdruck dieses schwedischen Zuges linden wir in Bellman, in dessen Dichtungen Rausch und Träumerei, ausgelassene Lebensfreude und tiefe Melancholie vereinigt sind. Das Verlangen, dass die Landschaft sich in einen Ton abstimmt, ist wohl auch die Erklärung dafür, dass hei uns so v iele Bilder gemalt werden, deren Gegenstand bei Nacht gesehen ist, vorzugsweise in einer Sommernacht, wo eine bleiche
Dämmerung alles Störende überdeckt und alle schreienden Farben herabstimmt. Die Stimmung wird volltönig und einheitlich. Gleichwie die zweiblättrige Orchis (unsere nattviol, »Nachtviole«) in den Wäldern in der Nacht am stärksten duftet, so tun sich manche scheue schwedische Herzen auf und geben ihr Bestes und Innerstes, wenn sie die Landschaft in den fremdartigen und doch zugleich so wohlbekannten Beleuchtung erblicken und sich die Brücke zwischen Wirklichkeit und Traum von selber baut. Prinz Eugen hat in seinem Bild »Sommernacht« (im Nationalmuseum) und ebenso auf einer Anzahl anderer Bilder, am meisten vielleicht auf dem Gemälde in Thiels Galerie »Nachtwolke«, dem einen ungewöhnlich starken Ausdruck verliehen, was wir anderen Schweden fühlen, wenngleich nicht so stark wie der Maler selbst, von der Seligkeit und Bedeutung des Daseins, wenn gerade eine gewaltige, grauweisse Wolke langsam über die im blassen Lichte der Sommernacht daliegende Landschaft hinsegelt. Die Umgegend Stockholms, oft auch die Gegend um das alte Schloss von Tyresö auf Södertörn herum, hat Prinz Eugen diesmal so voll Leidenschaft, ein anderes-mal so träumend wiedergegeben, dass er uns mit neuen Schönheitswerten bereichert hat. Bewunderung ein (lössend ist seine gewaltige Leinwand »Abendlandschaft auf Tyresö« in »Norm latinläroverket« (dem humanistischen Gymnasium im nördlichen Stadtteil) in Stockholm.

Die felsige Natur Upplands, von flachen Strecken lehmigen Bodens unterbrochen, hat vielleicht, abgesehen von der Meeresküste und dem Mälarufer, nicht so viel des Lockenden für den Maler, wenn freilich auch die neue Landschafterschule gezeigt hat, dass sich zuweilen den nichtssagendsten Motiven die grösste Schönheit abgewinnen lässt. Der schwedische Künstler, der mehr als irgend ein anderer uns »Schweden sehen« gelehrt hat, ist auf der Ebene von Uppland geboren, Bkuno Liljeeoks. Er hat gezeigt, dass es vor allem gilt, die Schönheit ans Licht zu ziehen, die überall vorhanden ist. Er liebt jedoch ganz besonders den Wald und das Meer, und er malt sie, man möchte beinahe sagen vom Gesichtspunkt der Tiere aus. Er malt, wie man gesagt hat, eine Entenfamilie wie eine Ente malen würde, wenn sie es könnte. Die Entenmama wirft einen vorsichtigen Blick auf ihre kleinen Daunenböllehen, die zwischen den Basenhügeln herumrollen oder in der zauberischen Sommernacht auf den Wasserringen im Röhricht zwischen den schwankenden Schilfrohren schnatternd hin und wieder kreuzen. Zum Teil sind es die Waldgegenden von Uppland und Södermanland, zum Teil die smäländischen Küstenstriche und in beiden Gegenden vor allem die Tierwelt, die Liljefoks am liebsten malt und zeichnet. Nach dem Waldinneren, zur »dumpfen Trauermusik der Föhren«, sehnen sich viele schwedische Herzen, dort hören sie das Echo ihrer eignen und der Kindheitserinnerungen ihres Volkes, dort ist es zugleich frei und geschützt, zugleich still und voll von mancherlei Lauten und Stimmen. Selten ist dieser Zauber des Waldes stärker ausgedrückt worden als in Liljefors »Jäger auf dem Anstand«. Sein aufmerksamer, beinahe andächtiger Ausdruck macht diesen ländlichen Schützen zu einem Sinnbild dessen, was für uns der Wald bedeutet als Spender geistigen Reichtums. Bei uns gibt es noch Urwald. Der Wald ist noch nicht zahm wie die Haustiere, gerecht wie ein Park. Er hat noch etwas sagenhaftes, ist voll von Geheimnissen und Ungeheuerlichkeiten. Die innersten Geheimnisse offenbaren sich nicht jedem nächsten besten, auch hier gilt es, dass der, welcher versteht und liebt mehr zu sehen und zu hören bekommt als andere. Die kleine, rosenrote, mandelduftende Linnea, die ihren Namen von dem schwedischen König im Reiche der Blumen erhallen hat und die im Moos unter den Kiefern wächst, findet bloss ein aufmerksames Auge, und noch schwieriger ist es, von der Tierwelt etwas zu erblicken, Augenzeuge zu sein bei den Dramen, die sich zwischen den Eigen abspielen, beim Liebesfest der grossen Waldvögel zugegen zu sein, wenn sie mit wunderlichen Lauten und erstaunlichen Gebärden die Stunde ihres Liebestaumeis erleben, den Höhepunkt ihres Lehens, oder wenn die Raubtiere, schnaubend vor Leidenschaft und Hunger ihre Opfer töten. Wenn wir gewöhnliche Menschen durch den Wald gehen, sehen wir nicht viel. Einige können freilich sagen, ob eine Köhre von der Wurzel aufwärts ihre fünf Kronen wert ist, und bestimmen, wie ein solcher Baum mit möglichst geringem Kubikvcrlust in lange Breiter zersägt wird, und auch dies ist an sich eine wichtige Sache in unsrem Nutzholz produzierenden Land; wie viele aber slossen auf einem Waldspaziergang von ein paar Stunden auf Elch-spuren? bekommen einen Birkhahn zu sehen? linden einen Fuchsbau oder, wenn ihnen das Glück besonders hold ist, werden Augenzeugen einer Auerhahnbalz? Dies alles aber hat Liljefors selber gesehen, und zwar viele Male. Der Uhu, der mit glühenden Augen zischend und pfauchend aut seinem Felsen im Walde sitzt (Museum zu Göteborg); die verschlagenen Füchse, die sich in den Felsenrilzen verstecken, während die bleiche Mondsichel am Himmel glänzt (Thiels Galerie); die wohlgenährte Birkhenne, die faul und selbstgefällig auf ihrer Kiefer hockt und sichtlich nur ungern ihren Platz verlässt um sich mit dem Birkhahn in ein verliebtes Zwiegespräch einzulassen, und mit ihrem unbeholfenen Flug so auf die Erde herabpolterl, dass alle kleinen Vögel auf und davon stieben; die eleganten Stelzenläufer, die sich mit ihrem diskreten, graubraunen Federkleid auf dem Moorboden mit seinem silbernen und braunen Ton so zart abheben; die künstlerische Seite von alledem hat uns Lil.iefors aufgetan. Ein paar Besuche in Thiels Galerie, wo die grösste und auserlesenste Liljefors-Kolleklion zu sehen ist, und in den Museen zu Göteborg und Stockholm (Nationalmuseet), wo sich mehrere wertvolle Bilder von dem gleichen Künstler befinden, bieten demjenigen die wertvollste Belehrung, der von dem Tiefsten in der schwedischen Natur etwas wissen will.

Aus dem südlicheren Uppland und besonders von dem Gut Öräker hat Gi:onc. Pauli sein Motiv zu dem Freskogemälde »Das Zieren des Maihaums« genommen. Zur Sonnwendzeil, wenn die Sonne am höchsten steht, wenn der Sommer sich eben ganz entfaltet hat und die Fliederbüsche in Blüte stehen, da ziert man den Maibaum mit Laub und da schlägt selbst dem ärgsten Griesgram die Stunde des Erblübens. Wie an Weihnachten werden die Menschen auch zur Sonnwendzeit ein wenig freundlicher im Verkehr miteinander. Die Temperatur der Liebenswürdigkeit steigt oft um einen oder mehrere Grade und erreicht nicht selten den Siedepunkt, wie man aus den vielen Verlobungsanzeigen dieser Zeit ersieht! Gleichsam als Huldigung, die wir der hellsten Nacht des ganzen Jahres darbringen, besteht der Brauch, dass die Jugend, nachdem sie sich um den Maibaum herum müde getanzt hat, an einem schönen Aussichtspunkt den kommenden Tag ah wartet. Eine solche Sonnwend vigilie auf einem Berg hei Skuru-sund unweit von Stockholm hat Georg Pauli auf einem sehr stimmungsvollen Bild »Sonnwendnacht« (hei Direktor Erik Frisell, Stockholm) verewigt. Der scharfe Gegensatz zwischen der Härte des Winters und der Milde des Sommers bringt es mit sich, dass wir vielleicht mit grösserem Eifer als südlichere Völker uns leidenschaftlich der Natur in die Arme werfen, wenn sie sich in ihrer vollen Schönheit zeigt, und sicher glauben wir nicht ohne Grund, dass unsere Blumen stärker duften, unser Gras dichter wächst, dass der Wald üppiger ist, unsere Beeren einen reicheren Geschmack haben als weiter südwärts. Andererseits gehört die schwedische Landschaft zu einem Typus von Schönheit, der sich einem nicht sofort aufdrängt; wenn uns jedoch gerade das, was zugleich so bescheiden und so stolz ist in der schwedischen Natur, einmal richtig gepackt hat, dann liebt man sie um so inniger. Freilich muss man, um seinem Gefühl Ausdruck zu geben, immer nach dem in manche Sprachen gar nicht übersetzbaren Worte »Stimmung« greifen. Stimmung, d. h. das, was wir vor allem in unsrer Natur, unsrer lyrischen Dichtung, unsrer Malerei suchen. In der Musik dürfte wohl August Söderman die richtige schwedische Stimmung am klarsten geschildert haben, und zwar in seiner »Bauernhochzeit«, die etwas von sonnigem Sommermorgen in Birkengehegen und mitten unter glitzernden Seen an sich hat. Ein bedeutendes Kunstwerk mit einem Ton von Stahl, der auch schwedisch ist, haben wir in Edvard Rosenbergs »Märzabend«. Dies Bild stellt eine Talsenkung in der Gegend von Stockholm dar. Ein goldrotes Licht liegt noch auf den Höhen und den nackten Birkenwipfeln. Wind und Sonne haben einander geholfen, die Schneewehen zu Wällen umzuformen, die jetzt in der frostigen Abendluft hart gefroren sind und auf denen sieh die dunkelblauen Schatten verdichten. Hier tritt trotz Kälte und Härle etwas Frühlingverheissendes hervor. Wer diese Landschaft in der richtigen Weise auffasst, erlebt einen Moment, in dem sich Gegensätze mischen; wie in einem volltönigen Akkord Glück und Schmerz so vereint sein können, dass wir eben dadurch voll und ganz davon erfüllt werden.

»Ach Värmeland, du schönes, du herrliches Land, Du Krone unter den Landstrichen Schwedens!«

heisst es im Liede, und wenn auch die meisten anderen Landschaften sich selber für den schönsten Edelstein in Schwedens Krone halten, so hat niemand seine Liehe zur Heimat so auszudrücken vermocht wie die Värinländer. Ihr Gesang brauste, von gewaltiger Leidenschaft getragen, wie ein mächtiger Bergstroin hinaus über das ganze Schwedenland.

»Es gehl ein Gürtel von Eisen um die Mitte Schwedens herum«,

in den Bergwerken Värmlands wird viel Eisenerz gegraben, aber edlere Metalle haben sich aus dem värinläudischen Herzen losgelöst.

»Im grössten Teil des Landes hat erst das Eisen die Rodung mit sich gebracht«,

schreibt Erik Gustaf Geijer von seiner Heimat, und aus seiner männlichen Brust ertönt ein schwedischer Ton, der an Teguérs Worte über unsere Sprache erinnert:

»Rein wie das Erz ist dein Klang«.

Geijer hat auch an der Rodung teilgehabt. Sein Geist hat einen Zug von frischer Luft. Als der Värmländer Tegnér in einer Sommernacht des Jahres 1811 eine Fuhr Erz vom Eisenwerk in Rämen nach Filipstad fuhr, entsprang seinem Herzen auf der Fahrt durch die tiefen Wälder das Gedicht »Svea«, in dessen klingendem Rhythmus und flammenden Bildern alle Unruhe und Besorgnis um die Gegenwart
und alle guten Vorsätze für die Zukunft eine Gestaltung erhielten, die den Jubel des ganzen Vaterlandes wachrief.

In den Hüttenwerken, auf den Rittergütern, Pfarrhöfen und Bauernhöfen in Värmland hat sich Gesang und Märchen kräftiger erhalten als an anderen Stellen in Schweden. Sitten und Gebräuche an Feiertagen, Erinnerungen an uralte Kultushandlungen, die uns mit so starken Banden an die heimatliche Gegend und an die Menschen gebunden haben, die dort vor uns lebten, hält man in Värmland mehr in Ehren als in anderen Gegenden.

Weihnachten ist die grösste schwedische Festzeit, wo man alle Augen leuchten, alle Herzen brennen sehen will, um das Dunkel und die Kälte siegreich zu überwinden. Um diese Zeit versammelt man sich im Vaterhause, man stärkt sich indem man zugleich selber fühlt und auch andere sehen lässt, dass es Menschen gibt, die man lieb hat, dass man mit ihnen froh sein, der Toten gedenken, auf die Zukunft hoffen will, am allermeisten, wenn man sieht, wie sieb die Kinder über den Christbaum, die Lichter und die Weihnachtsgeschenke freuen und zu den Tönen einer allen Weihnachtspolka um den Baum des Lebens mit Lichtern, Äpfeln und einem Stern im Gipfel, herumtanzen. Zur Weihnachtsmette fährt man in den alten Waldgegenden heule noch mit Fackeln. Die einen freuen sich am meisten auf den alten Psalm, »Gegrüsst sei, schöne Morgenstund’«, andere hallen den Schnaps für die Hauptsache und den kalten Schinken, zu dem man danach gerufen wird. Die richtigen Weihnachtsverehrer freuen sich über alles zusammen. Eine schöne vürmländische Sitte ist die Luciafeier.

Man leitet Weihnachten, das Fest des Lichtes, damit ein, dass am 13. Dezember, noch vor Tagesanbruch, die Frau des Hauses oder eine der Töchter in einem weissen Kleid und mit brennenden Lichtern, die in einem Tannenreiserkranz stecken, auf dem Kopfe, allen Mitgliedern des Hauses im Bett Kaffee serviert. Gunxar Hallström hat diesen schönen symbolischen Brauch gezeichnet, in dem man einen warmen Hauch und einen Lichtstrahl von zugleich heidnischer und ehristlischer Andacht vernimmt. Eben das ist es, was einem auch die grosse Värmländerin Selma Lagerlöf mit ihrer reichen Phantasiewelt eintlösst. Diese Vala, welche die Zukunft Värmlands deutet, die alle guten Mächte heraufbeschwört, hat nicht nur Schweden, sondern die ganze Welt gelehrt, wie es in Gösta Berlings Heimat aussieht. Unser grösste Lyriker seit Bellman, Gustaf Fröding, ist auch Värmländer. Er singt von seinen Wäldern und Weiden, so dass es um uns herum von Tannenreisern duftet, von Maiglöckchen und Birkenlaub, und wenn wir Fröding lesen, so fühlen wir alle, wie teuer uns unsre Felsenklippen und Latschen sind. Wir erinnern uns, wie uns zu Mute war, wenn wir als Kinder auf den Weideplätzen die Schlüsselblumenstellen für uns in Anspruch nahmen und auf dem Geröll nach Himbeeren suchten.

»Wäldchen, so lieb‘ ich Dich, mahnst an die Kindheit mich«

heisst es in einem von Frödings Gedichten und darin stimmen alle Schweden ein. Fröding hat auch das Volk geschildert, die schweigsam Leidenden, aber auch die Leichtsinnigen und ihre Tanz- und Trinklust, ihr wildes Walzen und Drehen mit »Stina Slursk« und anderen rotbackigen und kichernden Mädeln in Kopftüchern, die im Taumel des Augenblicks alles vergessen und nicht bedenken, was die Zukunft im Schosse haben kann.

Carl Wilhhelmson hat auf seinem Bild »Erdarbeiter« (in Thiels Galerie) värmländische Bauern gemalt und uns innig zufrieden damit gestimmt, dass wir zu einem so vertrauenerweckenden Volk gehören. Alle Leute in dem Bilde, bis herab zu dem kleinen Knaben, haben etwas Zuverlässiges und Sicheres an sich. Der Knabe ist vermutlich recht langsam und vorsichtig, wenn man ihn etwas Tragt, aber man kann sich auf ihn verlassen. Schickt man ihn, den Pferden Wasser zu geben, so weiss er sieb zu helfen, erlaubt man ihm, allein nach Karlstad hineinzugehen, einen Einkauf zu machen, so wird er das Geld nicht auf dem Weg verschleudern. Man reift langsam im Norden. Dieser junge Mensch bleibt sicher hübsch lange unbeholfen und tölpisch, aber es wird etwas aus ihm, wenn er fertig ist.

Fjestad hat das Moos an den Baumstämmen und Felsen, fliessende und zuge-frorene Gewässer, am allerliebsten aber den Schnee gemalt, wie er sich unter den Fichtenstäminen in meterhohen, phantastischen Wehen anhäuft (siehe das Bild auf dem Umschlag), und Björn Algrensson zeigt in seinem »Interieur«, in Thiels Galerie, wie man sich in einer abgelegenen Bauernbütte im Walde fühlt, wenn man durchs Fenster sieht, wie die grossen, schweren Flocken langsam herabfallen bis man schliesslich die Schneeschaufel anwenden muss um überhaupt zur Tür hinauszukommen. Auf diese Weise bekommt man Gefühl für Häuslichkeit. Am See Fryken, der langgestreckt ist wie ein Fluss, liegt Rottneros, das Ekeby der Gösta-Berlings-Saga. Diese Gegend hat Georg Pauli in seinen Zeichnungen geschildert. Gegen die ungeheure Wasserfläche des Vänern zu, an dem grossen Süsswassermeer, dessen bedeutendster Zufluss der Klarälfven ist, der ganz Värm-land durchzieht, liegt Säffle. Dort hat Otto Hesselrom seine Wohnstätte, der in Venedig bekannt wurde ehe man von ihm in Vänersborg etwas wusste. Unsere Zeit hat sich, wie gesagt, etwas vor der Aussichtsmalerei gescheut, Otto Hessel-bom aber hat gezeigt, welche dekorative Grösse in der Struktur der Landschaft an sich liegen kann, wenn man sie von einem erhöhten Punkt aus betrachtet. Auf seinem Gemälde »Unser Land« sieht man waldbewachsene Höhen, welche die langgestreckten Seen beschatten, und in weiter Ferne eine Ahnung vom Vänern, Schwedens grösstem See. Värmland vermittelt durch seine Bergformationen, seine Eigenschaft als Flusstal des Klarälfven und seine einsamen, ungeheuren Wälder nicht nur den Übergang nach Dalarne (»Dalekarlien«), an das es nordöstlich angrenzt, sondern auch zur rein norrländischen Natur. Bergslagen heisst das Gebiet von Värmland, Vastmanland, Närke, Uppland und Dalarne, wo Bergbau getrieben wird. Dort wird Erz gefördert und in Hochöfen oder Hütten geschmolzen, und dort brennt man Holzkohle in den einsamen Kohlenmeilern im Walde.

Den Dalälfven aufwärts und bis in die Täler seiner beiden Quellflüsse sind einst vor tausend Jahren die Vorväter der Dalkarlar (»Dalekarlier«) vorgedrungen, die heutzutage Dalarne bewohnen. Das Volk, welches unter den weissen, geradstämmigen Dalabirken aufwuchs, hat lange in Dorfgemeinschaften und zwar vom übrigen Schweden abgeschieden gelebt. Dalarne war die Kraftquelle des Landes und verblieb Jahrhunderte lang das Herz Schwedens, das rotes einheimisches Blut in die Adern des hinsiechenden Staatskörpers pumpte; die Teilnahme der Dalkar-lar an Engelbrekts Freiheitskrieginden 1430er Jahren und an. Gustaf Vasas um 1520 zeugte von ungebrochener schwedischer Kraft.

Das Urteil, das der alte König Gösta (Gustaf Vasa) über die Schweden fällte, dass sie ein björs mia. hartnäckiges und zu grossen Taten geneigtes Volk sind, gilt vor allem von den Dalkarlar. »Sükert», sicher, ist eines ihrer Lieblingswörter, und die Dalamundarl hat einen ungewöhnlich männlichen und reinen Klang. In einigen Gegenden hat sich dort eine Sprache erhalten, die für die übrigen Schweden unverständlich ist. In den Dörfern am Ufer des Siljan, in den Gemeinden von Mora, Bättvik und Leksand behält man noch heute, mehr als sonst in Schweden, die alten, hübschen Volkstrachten, und wenn auch neuere, ausgleichende Strömungen die schönen Spitzen und kunstreichen Gewebe verdrängt haben, so dass sogar die Frauen zur Hälfte im Sladlge-wand, »slimsklädd», erscheinen, wenn sich auch das ätzende Gift sozialen Missvergnügensgerade im südlicheren Daiarne ungewöhnlich stark geltend macht noch gibt es in den genannten Siljansgemeinden Männer und Weiber, die gehärtet, gesund und kräftig sind wie alle Maserbirken. Von alters her gab es in Daiarne keine anderen »Herren« als Geistliche und Richter. Heute haben wir es dort mit den sowohl ethisch als sozial grössten Gegensätzen im Volke zu tun. Bauern und Proletariat.

Die ausgeprägte volkliehe Eigenart, die farbenfrohen Volkstrachten und die nach si’itl- und mittelschwedischen Begriffen bergige Landschaft um den schönen See herum bat stets die Künstler nach Dalarne gelockt. Bei Sundborn in der Gegend von Falun hat sieb Gaul Larsson sein Heim gebaut, so schwedisch und persönlich nuanciert wie man es von einem Manne erwarten muss, der selber ein gut Teil schwedischer Eigenart in sich verkörpert. Die Serien Aquarellbilder »Larssons«, »Die heimatliche Scholle« und »Auf der Sonnenseite« zeigen uns in Wort und Bild, in Wesen und Wahrheit die feinsten Seiten schwedischer bürgerlicher Häuslichkeit. Alles ist von Herzlichkeit und Schönheit übervoll; schelmisch ist es, aber im Grunde doch nicht ohne einen ernsten Ton. Jeder malt sich seine Behausung auf seine eigene Weise aus, aber viele Schweden möchten die ihrige am liebsten im Stile Carl Larssons haben. Die schwedischen Kinder hat vielleicht keiner gemalt wie er. Wir haben eine heilige Scheu in Schweden vor allem Altklugsein, dem Gezierten und Verzärtelten, und wir glauben, dass es unsren Kindern gut tut, Sommer und Winter so viel als möglich in der freien Luft zu sein, und in unsren zum Unterschied von anderen Ländern billigen Elementarschulen mit vielen Freiplätzen teilen die Kinder verschiedener Klassen Schulzimmer und Arbeitszeit, und auf dem Lande will man gern, dass sie mit den Bauernkindern und den Kindern der Knechte spielen sollen. Ich kam schon früher auf die Schüchternheit der Bauernkinder zu sprechen. Die Kinder der Städter hingegen und die der oberen Volksschichten auf dem Lande sind in der Kegel offenherzig und frohgemut und schauen den Fremden mit respektvollem Vertrauen in die Augen. Die Kinder, diesen wertvollsten Schatz Schwedens, in deren Händen die Zukunft liegt, hat Carl Larsson gezeichnet und gemalt: wie sie sich mit ihren Schularbeiten abmühen, wie sie baden, fischen, rudern, im tiefen Schnee stapfen, diese selbstbewussten kleinen Bündel in grauen Kleidern und roten Mützen, oder allerliebste Mädeln mit lichtem Haar, die mit mütterlichem und weiblichem Instinkt sich des kleinen Tropfnaschens annehmen.

Eine reiche Abwechslung bieten die verschiedenen Volkstrachten in Dalarne. Wo der östliche Dalälf am Südufer des Siljan aus diesem abtliesst und sich im Sand ein Belt höhlt, liegt Leksand. Auf einer Landzunge sieht man eine weissgelünchle Kirche, um die herum sich seil Jahrhunderten die Masar (Männer) in langen, schwarzen Röcken, die verheirateten Frauen in weissen, die unverheirateten Kullor (Mädchen) in roten oder geblümten Häubchen geschart haben. Die ‚Fracht von Leksand gibt den Kullor gern etwas Kugelrundes in ihrer Erscheinung.

Es ist ein selten schöner Anblick, wenn die langen Kirchenboole über den Siljan gerudert kommen und sich das Bauernvolk auf der Kirchenhöhe unter den mächtigen Birken zusamniensehart und sich der Sonntagsruhe und der Geselligkeit freut. Ein geschätzter Künstler und gründlicher Kenner der Sitten und Trachten in Dalarne ist Emerick Stenberg, der in einem Dorf im Kirchspiel von Leksand seinen Wohnsitz hat. Seine »Leicbenwacht in Leksand« (Museum zu Göteborg) zeigt uns diese kernigen Alten und ihre ebenso prächtigen Weiher um einen offenen Sarg versammelt.

Die Typen sind vortrefflich und die Trauerfarben, schwarz und gelb, nehmen sich in dem Schein der Lichter prächtig aus. Sten-bergs »Björs-Mia«, die so breitspurig und ihrer Sache sicher da hockt, als oh sie eben eine solche sarkastische, humoristische Antwort, wie sie für dies Volk bezeichnend sind,in Bereitschaft hätte, ist eines der lehrreichsten Bilder aus Dalarne, die wir kennen (S. 39). Es wirft ein ganz vorzügliches Licht sowohl auf das Innere wie auf das Äussere dieses Typus von Bauernmädchen. Ihre nachlässig bequeme Haltung hat sicher den Beifall ihrer Verehrer. — Rätt-vik, das ebenfalls am Siljan liegt, hat keinen besonderen künstlerischen Darsteller gefunden, wenngleich Zorn in seinen Radierungen hie und da Rättviks-kullor zum Modell genommen hat. Ihre spitzigen Hauben und bunten, quergestreiften Vorderteile der Röcke kennt man in ganz Schweden und oft sieht man die dreisten, kräftigen Mädchen in den Gärten der Landhäuser ausserhalb Stockholms arbeiten. Nirgends in Schweden findet sich eine so starke bäuerliche Kultur als in Dalarne, und es ist ein wahrer Glückszufall, dass unser wohl grösster Künstler, Anders Zorn, in Mora geboren, und auch seit er Weltruhui erlangt hat, dort ansässig ist. Alle diese schwedische Urkraft, die es stets in Dalarne gegeben hat und noch gibt und die ihre Wurzeln bis ins Heidentum zurückerstreckt, das aus den blutroten Farben der Trachten herausleuchtet und aus »einer heidnischen, markigen Musik« in den Weisen der Birkenrinden- und Bockhörner herausklingt, die zwischen den Bergwänden und durch den Wald wiederhallen, diese Kraft ist auch Anders Zorn eigen. Er hat, wie sein Freund und Landsmann Karlfeldt, von Kindesbeinen an mit allen Fasern seines Wesens eingesogen was Dalarne an Schönheit bietet über Gesundabergs glitzernder Bucht, er hat das kalte, rostbraune Wasser des Dalälfven getrunken, den Saft des Beeren tragenden Erdbodens genossen, das Harz der Fichten gekaut und Sennhüttenluft geatmet, jenen Duft gemischt aus Kuhstall- und Waldgeruch, den Duft saurer Milch aus der Milchkammer. In der gleichen Umgehung und mit der gleichen Kost aus hartem Brot und Erbsenpfannkuchen mit dann und wann einer Schleckerei am Sonntag ist auch »Kings-Karin» aufgewachsen, das frische Bauernkind im roten Kopftuch mit ihren unbändigen Augen, ihren etwas hervortretenden Backenknochen, der gesunden, etwas zu roten Gesichtsfarbe und mit einem Zug unbewusster, natürlicher Sinnlichkeit; in ihr ist etwas von dem wertvollsten in unsrem Volksstamm verkörpert, sie ist ein Sinnbild des unverdorbenen Wesens im Bauernvolk, einer Kraftquelle, von der wir hoffen, dass sie uns nie getrübt wird und nie an Stärke verliert.

Kein Maler hat es verstanden, das Bäuerliche in seiner ganzen kräftigen Fülle zu geben wie Zorn. In seinen vollwüchsigen nackten Kullor ist nichts vom dozierenden Sittenbild für böse Hauplstadtmenschen, nichts von hygienischer Apologie für eine naturgemässe Lebensweise, wenn sie auch ein Produkt derselben sind. Einmal zeigt er sie uns im heissen Bad, wo die mächtigen Formen von der Nässe glänzen, ein anderesmal an der offenen Bodentüre, wieder ein anderesmal waden die blonden, jugendlichen Gestalten in den Bach hinaus, die süssesten und saflreichsten Beeren, die der schwedischen Erde entsprossen sind. Zorn mall das verschlagene Gesicht des ländlichen Uhrmachers, der an seiner Morastanduhr herumpaslell und zu mechanischen Verbesserungen Lust und jenes besondere Verständnis bat, das uns Schweden von je auszeichnete und das bei John Ericsson, dem Erfinder des Monitor und des Propellers, in de Lavals Separator und in L. M. Ericssons sinnreicher Telephon-einrichlung in welterobernder Weise zum Ausdruck gekommen ist. Ausnahmsweise einmal schildert Zorn auch die schlechteren Seiten unsres Volkes. Auf seinem »Markt in Mora« sieht man einen sternhagelbesoffenen Dal-Mas im Grase liegen. Neben ihm sitzt in betrübtem Stumpfsinn ein flachshaariges Weib und wartet drauf, dass er sich regen soll. Ob er zwar dann besser zu haben sein wird, ist eine andere Frage.

Wenn auch der Hochsommer, wo die Abende warm sind und das aufgestapelte Heu duftet, in Dalarne das Hochzeitsfest des Jahres ist, so kann man nicht leugnen, dass man auch dann, wenn der Schnee unter den Schlittenkufen knirscht und die Insassen mit Schaffellen und roten sich vom Schnee leuchtend abhebenden Schlittendecken ringsum eingehüllt sind, wenn das Schlittengeläute über die weissglilzernde Landschaft hinsehalll, ein recht deutliches Gefühl davon hat (wie ein Dal-Mas sich einmal ausdrückte), »dass wir in einem wohligen Norden leben«! Anshelm Schultzberg hat in seinen Winterbildern aus dem südlicheren Dalarne die winterliche Schönheit dieser Landschaft gezeigt, die auch Arbore-lius geschildert hat. In Schultz re ros grossem Gemälde »Walpurgisnachtfeuer in Bergslagen« sieht man, wie die Feuer auf den Bergen lodern, während die Schneewehen in nächster Nähe davon zeugen, dass die Herrschaft des Winters noch nicht ganz überwunden ist. Wer in der Geschichte zu Hause ist, denkt daran, wie im 17. und 18. Jhd. die Hexenprozesse gerade in Dalarne ihr Unwesen trieben. Die alten Weiber verbrannte man auf dein Scheiterhaufen, und die Opfer, selbst von dem finsteren Aberglauben, der sie rings umgab, verblendet, bekannten, mit dem bösen Geist selber in Verbindung gestanden zu haben. Vom Küringberg (Altweiberberg) bei Leksand haben, wie der Name andeutet, diese vermeintlichen Opferfeuer an das Licht und die Wahrheit über das Land hin geleuchtet. Gleich den Kirchenglocken, die einst in den Zeiten des düsteren Teufelsglaubens erschallten um die bösen Geister zu verjagen, und die uns heute mit ihrer tiefen, an Erinnerungen reichen Stimme auffordern, unsere Herzen zu erheben — das Sursum corda, dessen wir alle bedürfen und vor dem sich alle gerne beugen — so leuchten heute die symbolischen Feuer, selber gereinigt von Übelgeruch und Elend, ein Andenken an die alte Zeit, voll Zuversicht für das Kommende und zuallernächst für den kommenden Sommer, dessen grosses Fest wohl sicher nirgends feierlicher begangen wird als auf den Rasenplätzen vor den Kirchen um die Maibäume herum im alten Dalarne.

Mora liegt am Nordufer des Siljan, wo der östliche Dalälfven in den See mündet. Es liegt auf einem ziemlich tiefliegenden Isthmus zwischen Siljan und dem Orsa-See, welch letzteren Aron Gerle gemalt hat. Über der grossen Fläche des Siljan steigt im Westen der Gesundaberg auf. Auf dem Kirchenplatz in Mora war es, wo Gustaf Vasa im Jahre 1521 die ernsten Worte sprach, die in den Sinnen der Leute von Mora Wurzel fassten. Hier wurde der männliche Beschluss gefasst, der den Grund legte zu einem freien Schweden. Diesen, den wichtigsten Augenblick in der Geschichte Schwedens hat Zorn in seinem meisterhaften Standbild Gustaf Vasas verewigt, das sich auf einem Hügel in Mora erhebt, ebenda, wo der junge uppländische Edle seine ganze Seele in die Ansprache an die Leute von Dalarne legte. Einige Jahrzehnte später sollte er und seine Nachkommen der Garbe, nase, im Wappenschild der Vasa Grösse und Glanz verleihen:

»Nim nicht mehr die bleiche Garbe,
Die auf Upplands Feldern stand.
Neben Lilien ihre Farbe,
Neben Adlern weltbekannt.«

Am Sonnwendabend 1523 hielt König Gösta seinen Einzug in das mit Laub geschmückte Stockholm. Das Befreiungswerk war vollbracht. Seit dieser Stunde können wir das Sonnwendfest mit grosser Freude feiern, und wenn wir die belaubten Zweige an Haustüren, den Steven der Boote, auf den Tanzplätzen sehen und den Duft der Birkenreiser einatmen, erfüllt uns eine doppelte Freudenstimmung, über die grosse Feslzeil des Sommers und auch über unser Land und unser Volk. Der Schwede hat grosse Neigung zur Düsterkeit und Grübelei, aber auch Anlage zum Gegensatz, wildes Gelärme und Rauferei mit Messerstichen und Schnapsflascheuhieben. Es ist ein Glück, wenn sich diese Gegensätze in Gesang und Tanz auflösen. Die Unduldsamkeit des freireligiösen Pietismus hat oft nur der soziale Hass abgelöst, den die berüchtigte schwedische Neidsucht noch besonders giftig macht. Es arbeiten aber auch gute Mächte in der Eigenart unsres Volkes, Sinn für das, was recht und billig ist, Achtung vor jedem Menschen, er mag noch so arm und unbedeutend sein, und eine gesunde Sinnlichkeit und Lebensfreude, die an der Natur und dem Natürlichen ihren Gefallen hat. Voll Freude am Zusammensein, zusammen zu essen, zu trinken, zu tanzen und draussen unter freiem Himmel zu singen, so feiert man Sonnwend auf die rechte Art; so hat Zorn den Tanz am Sonnwendfest (S. 40) gemalt, wo im Gras getanzt wird, die Männer anfangs etwas feierlicher als man es im Süden sieht; später aber, wenn die Kullor von Lebenslust jauchzen und die Herzen der Masar schlagen, freut man sich über den Augenblick und über alles, was man gelobt und was man erhofft in dieser lauen Sommernacht, der hellsten Nacht des Jahres.

Norrland taucht in der Geschichte Schwedens erst spät auf; erst spät hat man die norrländischen Wälder und Bergwerke nutzbar gemacht und erst in neuester Zeit hat man Norrland literarisch und künstlerisch »entdeckt«. Adalens Poesie hat Pelle Molin beschrieben, Olof Högberg hat das Leben in Norrland im 17. Jhd. geschildert, und Ludvig Nordstrom hat uns mit saftigem Humor gezeigt, wie es in den norrländischen Küstenstädten zugeht und wie dort kleinbürgerliche Einfall und aufgeblasenes Parvenuwesen die Köpfe hart aneinanderstossen. Norrland ist grösser als das gesamte übrige Schweden, aber es zählt bloss 950 000 Seelen. Die Grenze gegen Norden und Westen sind Vor- und Hochgebirge; das übrige Land, das gegen das Meer zu abfällt, umfasst die Täler der Ströme und Flüsse und unendliche Wald- und Moorstrecken. Nur etwas über ein Hundertstel von Nordland ist bebaut, und auf diese Weise hat beinahe das ganze Land den Charakter der Naturlandschaft bewahrt. Wie soeben bemerkt, ist es neuerdings »entdeckt« worden. Von den dort schlummernden Millionen sind allerdings einige flüssig geworden und sind mit der Ofotenbahn nach Narvik oder die Ströme entlang zu den Sägwerken hinunter gelaufen um dort in Gold umgesetzt zu werden, was dem Lande sehr not tut; was aber immer noch schläft, sind die grossen Schönheitswerte Norrlands. Hier sind die Wassermassen der Ströme Jahrtausende lang zum Meere hinabgeglitten. Ehe aber nicht ein Dichter und Künstler das Ewigkeitsgefühl besingt oder malt, das von dem still im Schatten der Fichtenwälder dahinfliessenden Wasser in uns wachgerufen wird, tun sich diese Schönheilsgeheimnisse wenigstens uns anderen nicht in ihrer ganzen Fülle auf.

Die Natur Gästriklands, die mit derjenigen von Dalarne übereinstimmt und nicht zum eigentlichen Norrland gehört, hat Erik Hedberg geschildert. Er fängt den hohen Stimmungswert auf, der in den Augen des Verstehenden auch im Ärmlichen liegen kann.

Härjedalen und Jämlland, die vom Jahre 1111 bis 1645 zu Norwegen gehört haben, zeigen mit diesem Lande auch eine gewisse Ähnlichkeit. Die Einödenschönheil der ersteren Landschaft harrt noch auf ihren Entdecker. Jämlland hat ebenfalls die Bolle in der schwedischen Kunst, die es verdient, durchaus noch nicht gespielt. Allerdings hat Anton Genberg die weissgefleckten Berge gemalt, die eine Silhouette von veilchenroter Farbe gegen den Abendhimmel bilden, aber die fruchtbare Gegend um den See Storsjö herum, die charakteristische Form des Berges Äreskutan und der Wasserfall Tännforsen, der in der Stille der Gebirgslandschaft tost, haben, obzwar in ganz Schweden bekannt, unsere den allzu leichtfasslichen Aussichtsmotiven gegenüber misstrauischen Künstler noch nicht anzulocken vermocht. Man möchte glauben, dies komme davon, dass man ihre Schönheit für an sich gegeben hält.

Nordschweden ist so ungeheuer gross, dass, geographisch genommen, die Gegend um den Slorsjö herum in der Mitte Schwedens liegt. Wenn man von dem schönen Norrland spricht, denkt man gewöhnlich an drei Dinge: den Are-skutan mit dem Tännforsen; die Flüsse, die in den Flusstälern vom Gebirge herab-fliessen und sich durch Erde und Sand ihr Heit wühlen; das Hochgebirge und den See Torneträsk in Lappland. Natürlich ist alles dies in den letzten Jahrzehnten im Bilde dargestellt worden, aber nicht auf eine Weise, die sich mit dem vergleichen Hesse, was in südlicheren Teilen des Reiches gemalt worden ist. Carl Johansson hat die ruhigen, ernsten Linien der Flusslandschafl gemalt, die Kämme der Bergrücken gegen das Abendrot am Himmel, meist Motive vom Indalsälfven, der Jämtland und Medelpad durehfliesst. Eine Reise den Indalsälfen oder Angermanälfven aufwärts, zuerst mit dem Dampfer, wo die Baumstämme, die zum Sägwerk an der Küste herabgleiten, an die Seiten des Bootes anstossen, und dann im Wagen durch Adalen, gehört zu den Dingen, die man unternehmen muss, um Norrland kennen zu lernen. »Wie einen Akkord auf der Orgel«, um mit Pelle Molin zu sprechen, hört man zuweilen auf eine Meile (10 km) Entfernung das Tosen des Wasserfalls, welches das Gefühl der Einsamkeit betont.

Jahrtausende lang ist der Wald gewachsen und verfault ohne Nutz und Zweck. Nun ist ein neues Amerika mit unerwartetem Gewinn — und ebenso unerwarteten Konkursen —, mit ausgehauenen und verwüsteten Landstrecken, mit roher Plünderung, sozialpolitischen Messerstichen und Revolverschüssen an Stelle der völligen Ruhe getreten. Die schwedische Verschwendungssucht und die schwedische Unbändigkeil hat es wohl von jeher gegeben. Hatte man einen Wolfshunger, so frass man wie ein Wolf, solange es etwas zu essen gab. Wenn bei —110° Gels, dranssen die Balken der Hütte krachten, so hatte man heftiges Verlangen nach etwas Wärmenden. Waren die Zeiten gut, so konnten die norrländischen Holzarbeiter wohl auch einmal Champagner zu amerikanischem Schweinefleisch trinken und die Bauern, denen man ihren Hof für ein paar Tausendkronenbanknolen abgelockl — mit seinen Wäldern war so ein Hof vielleicht seine hunderttausend Kronen wert —, behielten das Geld nur kurze Zeit in ihren Kommoden, und es brauchte bloss eine günstige Gelegenheit zu kommen um es in ein paar Augen blicken dranzuselzen und zu verlieren. Der Handel hat nie zu den starken Seilen der Schweden gehört, und hierin sind die Norrlünder echte Schweden. Anders Buneus schrieb schon um 1(500 von seinen angermanlaudischeu Landsleuten, dass sie sich ungern zu Geschäften herbeilassen, und so ist es heule noch eine unüberwindlich schwere Sache, aus einem norrländisclien Bauern ein Wort herauszukriegen, wenn es eine geschäftliche Abmachung gilt. »Mir nichts, dir nichts, so haben wir alle beide nichts« hielt Karl IX. für den passendsten Wahlspruch der Schweden; der Norrlänning wenigstens lässt seine Schneehühner lieber verfaulen als dass er einem Käufer den Gewinn am Wiederverkauf gönnte; die Gastfreiheit hingegen, diese schöne, barbarische Tugend, wird in Luleä mehr gepflogen als in Paris.

Was die Natur an Schönheit bietet ist jedoch in Norrland mehr wert als seine Kultur. Stora Harspränget, »Der grosse Hasensprung«, der gewaltigste Wasserfall Europas, belegen in der Gemeinde Jokk-mokk in Lappland, besitzt grössere Schönheit als die Neubauten von Sundsvall, eine Landschaft aber hat Norrland, die grösste Landschaft Schwedens, die eine zugleich ewig junge und ewig schöne Natur aufzuweisen hat, ja auch eine alte, feine Kultur. Das ist Lappland. In der schwedischen Kunst ist Lappland auf Höckerts, P. D. Holms und J. Tirens Bildern vertreten gewesen. Wie verdienstvoll, in rein technischer Beziehung, auch die Bilder des zuerstgenannten grossen Malers sind, so sieht man doch in seinem »Lappenzelt« im Nationalmuseum, dass Höckerts alte Lappin vielzu viel vom Parisermodell an sich hat. »Die Hochzeit auf Hornavan« mehr wieder von den ungekünstelten Bocksprüngen des Naturvolkes mit der Branntweinflasche, während die Braut auf dem laubgeschmückten Boot anlandet, ln seiner »Lappenkirche« im Museum zu Lille hat Höckert die von religiösen Strömungen so leicht und stark mitforl-gerissenen Lappen gemalt, wie sie eine Predigt hören.

Nachdem sich das schwedische Volk einige Jahrzehnte lang dafür interessiert hat, wie sich das neueste Schweden durch die Brille des Bankiers ausnimmt, nachdem man so viel von »Ertrag aus Wüsteneien« gelesen und sich über den Gewinn geärgert hat, den man durch Energie und Weitsicht endlich den grossen Erzgebirgen von Gellivare und Kirunavara, die sich über diesen unendlichen Flächen erheben, abzugewinnen verstanden hat, fing man an, sich auch künst-lerischerseits an diese Landstriche heranzumachen. Der eigenartige Gegensatz zwischen dem Naturvolk, dessen Ruhe in der Einöde dort oben durch Sprengschüsse gestört wurde, den Lappen, die auf ihrer langsamen Wanderung über die Schneeflächen das elektrische Licht auf dem Berge leuchten sahen, wird noch erhöht durch die Stille und Leere, welche diese Bergwerksansiedelungen innerhalb des Polarkreises umgibt. Gaul Wilhelmson hat dieses Erzsprengen im Freien auf einer grossen Leinwand dargestellt (S. 44). Unten ist die Wasserfläche des Luossa-järvi zu sehen, eine Aussicht von grösserer Ausdehnung als man sonst zu haben pflegt, wenn man das Erz in den Eingeweiden der Erde sucht. Auch die Luft ist bedeutend frischer auf dem Kirunaberg. Im Winter ist es auch mitten am Page dunkel, und da muss bei elektrischem Licht gearbeitet werden. Kahl Nohd-ström hat die schönen Linien des Kirunaberges gemalt, wenn sich der gewaltige Eisenerzfelsen in der Abendsonne rötet und wie Metall glüht. Prinz Eugen hat denselben Berg im Schnee gemalt und die Gegend wiedergegeben, in der die Lappen ihre Renntierherden die Eisenbahn entlang treiben; die eisenerzbeladnen Güterzüge hat Albert Engström gezeichnet, dessen Wesensart in ganz besonders hohem Grad zu der dieser Wildnis und zum innersten Wesen und zur Ursprünglichkeit des Naturvolkes stimmt.

Unsere Kultur ist der Untergang der Lappen. Wenn man von Abisko aus über den Tornelräsk ausblickt und an dessen Ufern die grauen Rennlierhcrden auf den Ebenen äsen und zwischen den Bergbirken ein paar dunkelblaue Lapptrachten hervorschimmern sieht, so denkt man mit einer gewissen Wehmut daran,
dass bald der letzte Lappe mit seinem eigentümlichen Gang dahinschaukeln wird unter den Zwergbirken, die gerade so verkümmert sind wie er selber, im Nordlicht verschwinden wird mit seiner Pulka (Akja), das letzte Zelt verlassen, in dem er sich so vergnügt und guter Dinge mit seinem verzierten Beinmesser ein Stück Renbraten abschnitt, jetzt vertrieben von Mächten, die er nicht fassen kann und denen er noch weniger Widerstand zu leisten vermag. Wenn es einmal so weit kommt, hat Schweden eine Einbusse erlitten, die freilich nicht zu vermeiden war. Die Kultur dringt vor, der Reichtum nimmt zu, bis schliesslich auch unsere Stunde schlagen wird, w enn die Kälte zunimmt und uns südw ärts treibt. Diesen Gedanken legt Albert Engström in das Geläute der Kirchenglocke in Kiruna:

Steige, Glockengeläut, hinauf zur Sonne, zum Nordlicht,
Wecke den schlafenden Berg, wecke Heide und Moor,
Weihe zur Arbeit ein die fruchtbaren Felder des Tales,
Weihe zuletzt sie ein zu ewiger Stille und Ruh.


Die beiden grossen Ostseeinseln Gottland und Öland besitzen sowohl in ihrer Natur als in ihrer Kultur eine eigenartige Schönheit, die von den Künstlern geschätzt wird. Mit seinem milden Klima und infolgedessen südländischer Vegetation, seinem vom übrigen Schweden abweichenden Kalkstein- und Sandsteinboden unterscheidet sich die gotlländische Landschaft von dem, was wir auf dem Festland gewöhnt sind. Auf Goltland liegt die malerischeste von Schw edens Städten, Visby. Wenn auch die Bedeutung Gottlands nunmehr eine historische ist, so leben doch im Volke noch viele alte Traditionen aus der Vorzeit fort; altererbte Spiele und alle Volkslieder und Weisen sind heule noch im Schwange auf dieser sagenumwobenen Insel. Was die Künstler am meisten angezogen hat, ist die eigenartige Architektur, die innerhalb dieser stattlichen, altertümlichen Stadtmauern von Visby, die mit ihren Hängetürmen und tiefgemauerten Türmen noch heute aufrecht dastehen und beinahe unbe-Gemälde von schädigt sind, im Mittelalter blühte, und die LOUIS SPARHE. stimmungsvollen Ruinen der Kirchen der Übergangszeit, welche die ganze Insel schmücken. Gleich einem Cypern oder Sizilien unter nördlicherer Breite ist Gottland einst der Mittelpunkt in der Ostsee gewesen, wo sich verschiedene Knllurströmungen vereinigten und wo die Handelsflotte von Visby das von allen Küsten des baltischen Meeres zusammengetragene Gold sammelte. In architektonischer Hinsicht ist Gottkind Schwedens interessanteste Provinz. Auf dem Lande gibt es eine ungewöhnliche grosse Anzahl im Mittelalter aufgeführter Kirchen mit architektonischen Einzelheiten, die dieser Insel eigen sind. Die Gottlander Axel Herman Häg« und Robert Haglund haben die Ruinen von Visby in Radierungen dargestellt. Ein unhistorischer Zeitgeist wollte diese im Jahre 1783 schleifen, was glücklicherweise aus Mangel an Geld unausgeführt blieb. Auch die Armut kann Segen bringen!

Hanna Pauli und besonders Richard Rergii haben die Stadtmauer von Visby, eines der bedeutendsten Denkmäler der Vorzeit in ganz Skandinavien, malerisch wiedergegeben. Öland, Schwedens kleinste Landschaft, die langgestreckte Insel an der Küste von Smäland, ist mit der schärfsten Beobachtungsgabe und kerniger Naturtreue von unsrem wohl besten Landschaftsdarsteller Carl von Linne geschildert worden, der 1741 seine ölän-dische Reise unternahm. Der Öländer Per Ekström, der Maler des Sonnengeglitzers, hat auf vielen Bildern die waldarme Insel gezeigt, wo man beinahe überall die Sonne und das Meer sieht. Die mittelalterliche Burg von Borghohn, welche Karl Gustaf von Nikodemus Tessin d. Ä. umbauen liess, ist nie ganz fertig geworden. Heute ist die Burg die stattlichste Schlossruine unsres Landes. Oben auf dem Hochplateau »Landborgen«, wo schroff zum Meer abfallende Küstenwälle eine weite Aussicht über die nackte Kalkheide gewähren,ist das alte Schloss gelegen, welches mehrere Künstler wiedergegeben haben, u. a. Prinz Eugen.

Ölands eigentlicher Darsteller ist Nils Kreuger, einer der hervorragendsten Künstler Schwedens, der uns die farbenreiche Schönheit in der eigenartigen Natur von Öland gezeigt hat, die Pferde, wie sie in dem tiefblauen Wasser waden, die Rinderherden, welche das kurze Gras der braungedorrlen Rasenflächen abweiden, und die Schafe, die hinter den roten Kalksteinmauern Schutz vor dem Winde suchen. Auf Alfvaren (der Kalkheide) findet sich ein Zug der Öden Grösse, die der Wüstenlandschaft eigen ist, und sowohl dieser Zug wie auch die üppige Vegetation auf der Küstenstrecke unterhalb des Hochplateaus hat in Kreugers Gemälden die künstlerischeste Darstellung gefunden.

Die Städte auf dem platten Lande haben durch rücksichtsloses Vorgehen viel, ja zuweilen alles verloren von der beschaulichen Anmut, die sie einst auszeichnete. Bis in die letzte Zeit aus Holzhäusern bestehend, sind sie von Feuersbrünsten gründlicher verheert worden als Städte mit Steinbauten. Die rasche Entwicklung, welche Schweden im Laufe der letzten vierzig Jahre durchgemacht hat, trug natürlich das ihrige dazu bei, dass die Neuerungslust gewaltsame Formen annahm, und dass die künstlerischen Gesichtspunkte erst in allerneuester Zeit zu den Ohren der Praclici gedrungen sind. Die Architekten, welche zuvor die Domkirchen in Uppsala und Lund und in mehreren anderen Städten durch Restaurierungen so gut wie vollkommen verdorben haben, sind jetzt mit besonderem Interesse für den Schulz der übrig gebliebenen Denkmäler vergangner Zeiten eingelreten. Die zweitgrösste Stadt des Reiches, Göteborg, hat noch einige von den Kanälen bewahrt, welche an das holländische Ideal erinnern, das damals herrschend war, als die Stadl im Jahre 1619 unter Mitwirkung von Holländern angelegt wurde. Die Kanäle haben Reinhold Noustedt und Axel Erdman gemalt. An dem vornehmsten derselben erhebt sich das Museum, ein Gebäude, in welchem im 18. Jhd. die ostindische Kompagnie ihr Hauptkontor halte. Durch diese Gesellschaft kam jene Menge echt chinesischen Porzellans ins Land herein, die heute noch einen verfeinerten, altväterlichen Glanz über manche schwedische Mittagstafel verbreitet. Das Museum ist besonders reich an moderner schwedischer Kunst, und gründliche Besuche im Museum zu Göteborg sind eine unumgängliche Voraussetzung für den, der sich für die schwedische Malerei interessiert. Die schwedische Malerei ist den Kunstförderern in Göteborg, vor allem Pontus Fürstenberg, zu grossem Dank verpflichtet. Auf den Höhen um die Stadt herum erheben sich heute noch die malerischen Schanzen Göta Lejon (der Goten-Löwe) und lvronan (die Krone), die letztere nach dem Entwurf Erik Dahlbergs aufgeführt, der dem schwedischen Heer den Weg über den Belt wies. Der Hafen mit der grössten Handelsflotte Schwedens ist von O. Holmström gemalt und gezeichnet worden.

Ein Stück nördlich von Göteborg, am Götaälf, liegt, von den bohuslänischen Bergen beschattet, Kungälf, das Hanna Pauli gemalt hat — vielleicht das schönste Bild von einer schwedischen Kleinstadt. Am Vättern liegt die Gartenstadt Grenna, wo sich in den Obstgärten zwischen den langen weissen Häusern an der Land-slrasse, welche die Hauptslrasse der Stadt bildet, die Bäume unter der Fülle von »Bürgermeisterbirnen« und Herzkirschen beugen. Grenna hat, wie noch ein paar andere von unsren Kleinstädten, den Vorzug »auf dem Lande« zu liegen. Alfred Bergström und Lennart Nyblom haben die Gegend von Grenna gemalt, ln Vadstena, dessen alles Schloss von Oscar Björck gemalt worden ist, sind noch einige mittelalterliche Denkmäler bewahrt. Die Bläkyrka (blaue Kirche), von der hl. Birgitta selber auf Christi eigene Anweisung aus bläulichem Kalkstein gebaut, weckt die Erinnerung an das von Birgitta gegründete Kloster und jene weibliche, schwedische Kraftnatur des 14. .Ihds., die sich mit nordischer Bestimmtheit sogar dem Papste widersetzte.

Eine Gruppe unsrer interessantesten Kleinstädte liegt um den Malaien herum. Die Stadt Sigtuna ist stolz darauf, älter zu sein als Stockholm. Ihre Glanzzeit war im 12. Jhd., und ihre vielen Kirchenruinen verleihen der gemütlichen kleinen Stadt die Melancholie dahingeschwundener Grösse. Der grasbewachsne Marktplatz ist jetzt mit Kies bestreut worden, damit die Bewohner von Sigtuna der peinlichen Frage herzloser Fremder entgehen, ob die Weide in diesem Jahr auf dem Marktplatz gut gewesen sei. Mariefred träumt mit seinen kleinen roten Holzhäusern am Fusse von Gripsholm, Schwedens mächtigster Burg. Das Schloss hat Ankarcrona gemalt. Trotzig erheben sich die hohen Mauern, und das Schloss, welches auf Gustaf Vasas Befehl ins Leben gerufen wurde, in dem Gustaf Vasas Söhne einander gefangen hielten, wo Gustaf 111. im sog. Kirchenturin sein kokettes Theater einrichten liess und wo die Kulissen, auf welchen sich einst die theaterspielenden Hotleute abzeichneten, heute noch stehen, ist sicher eines der bedeutendsten Denkmäler des Landes.

Für schwedische Ohren haben schon die blossen Namen der Städte Sträng-näs, Arboga, Köping, Västeräs einen Klang von Idyll und Geschichte, und es ist zu verwundern, dass sie von unsren Künstlern nicht mehr abgebildet worden sind. Hesselhom hat die alte Mälarstadt Slrängnäs und ihren roten, von Dohlen umflatterten Domkirehenturm gemalt.

Ein unersetzbares Schönheitskapital ist durch die pietätlose Behandlung unsrer Städte verloren gegangen, aber von dem alten, stillen Ystad kann man doch heute noch sagen, dass »hier in dieser Stadt«, die, wie Linne schreibt, »fast mitten auf die Südseite von Skäneland liegt«, »alte Häuser recht zahlreich vorhanden sind«. Für unsere Zeit ist es die Hauptaufgabe, in grösstmöglicher Ausdehnung die alten Fachwerkbauten und den alten Stadtplan zu schonen.

Die beiden Universitätstädte Uppsala und Lund sind reicher an Erinnerungen als an eigenartiger Architektur. Die Domkirchen haben nach ihrer Restaurierung für den Künstler an Interesse verloren, und die Schönheitseindrücke, die besonders mit Uppsala verbunden sind, sind wohl vor allem lyrischer und musikalischer Art. Am Walpurgisnachtabend (30. April) ziehen die weissen Mützen durch die Allee von Odinslund, der Frühlingsgruss der singenden Studenten steigt in der frostigen, kalten Abendluft zu einigen am Himmel glimmenden Sternen auf, und allenthalben auf der Uppsalaebene rings umher leuchten die Walpurgisnachtfeuer.

Stockholm ist die grösste und schönste Stadt auf der Halbinsel. Man huldigt ihr, und dies mit gutem Grund, wie einer schönen Königin, dem Kleinod ganz Schwedens. Mit dem besten Verständnis haben diejenigen die Stadt geschildert, welche ihre Kindheit auf den Inseln zugebracht haben, auf denen Stockholm liegt, die auf diesen Plätzen als Kinder gespielt haben, solche Stock-hohnerkinder wie Bellmaii, Strindberg, Carl Larsson, Oscar Levertin, Hjalmar Söderberg, Prinz Eugen. Wenn sich uns allerdings auch nicht immer »das Stockholm« zeigt »umwoben von der Sonne und Gesang — — —, das, wenn man zwanzig Jahre und Poet, man kurze Zeit sieht, wen’ge Jahre lang«, so haben jedenfalls Dichter und Künstler mit der Zauberrute uns viele von den Schönheiten geoffenbart, die jetzt unsre Liebe zu der schönen Stadt erhöhen, die vor allen anderen Schwedens gemeinsames Eigengut ist.

Von dem Stockholm, das sich im Jahre 1523 mit Birkenlaub schmückte und den jungen König Gösta bewillkommnete, ist heute nicht viel erhalten. Das alte Schloss — »der Hauptbau«, wie es so bescheiden genannt war — wo Gustaf Vasa herrschte, und dies im wahren Sinne des Wortes, steht nicht mehr. Als Gustaf Adolf dies Schloss verliess, um bei Breitenfeld und Lützen Schw eden zu verteidigen und »für des Vaterlandes Majestät und Gottes Kirche, die in demselben ruht«, w ie er selber sagte, sein Leben zu lassen, sprach er den Wunsch aus, »dass die kleinen Holzhütten der Bürger grosse Steinhäuser und ihre kleinen Boote grosse Schiffe und Fahrzeuge werden mögen, und dass das Öl in ihren Krügen nie ein Ende nehme«, — und grossartig war tatsächlich der Aufschwung, den Stockholm zur Zeit der grossen Kriege nahm. Am Ende dieser Zeit wurde mit dem neuen Schloss begonnen, der Schöpfung des Nikodemus Tessin. Am besten ist es wohl gemalt w orden von einem, der selber innerhalb seiner Mauern aufgewachsen ist, Prinz Eugen, der den »edlen Würfel« auf einem grossen Gemälde (S. öl) wiedergegeben hat, auf dem man das Stockholmer Schloss in einer Sonnwendnacht sieht. Über den dunklen Wassern des Strömmen (Meerarm zwischen See und Malaien) schweben einige Möwen, Nachkommen der Vögel, die über die Stadt flogen, als Bellman an einem Morgen des Jahres 1780 den Hafen von Stockholm beschrieb:

»In Rollen und Tau’n nicht den kleinsten Laut Das Ohr vernimmt, wvnn so früh aus schaut Des Wanderers Aug nach der Möwe, die hoch Den Masten vorbei jetzt tlog.«

Die meisten künstlerischen Stockholmdarsteller behandeln den Hafen und das Leben um diesen Mittelpunkt der Stadt. Im Gegensatz zu anderen Hafenstädten gehen die grossen Dampfer mitten im Herzen Stockholms vor Anker. Sowrohl in der Richtung gegen Saltsjön (Meerseite) als gegen den Malaien laufen imposante granitene Ufermauern. Wenn auch der idyllische Zug des Stockholm in den 40er und 50er Jahren, das G. V. Palm malte, heute in der Hauptsache nicht mehr vorhanden ist, wenn man nicht mehr wie dazumal auf dem Riddarholmkanal herumgondeln kann und keine Quartette mehr gesungen werden dort unten unter dem Gewölbe der alten, schönen Palmstedlschen Riddarholmbrücke, wo sich das Riddarhus (Rilterhaus) mit seiner Barockfassade im Kanal spiegelt, so kommt es doch zuweilen vor, dass man an der hohen Baumgruppe drunten am Riddarholmkai das alte Lied »Kapitän, Volldampf voraus« von den Vereinen und Gesellschaften zu hören bekommt, die an Sonntagsmorgen mit einem Mälardampfer »hinaus aufs Land, zu den Vögeln hinaus« wallfahrten, um der Natur mit jener punschangeheiterlen Sentimentalität zu huldigen, die sich in unsren Tagen so veraltet komisch ausnimmt, dass man darüber gerührt sein muss. Stockholms Ström hat Axel Lindman auf einem grossen Bild voll Dampfschiffen, Segelbooten, Sonnenschein und Wogengeglitzer gemalt. Als dies Bild entstand, halte man soeben, vor allem durch August Strindberg (S.50), unsren grössten und ursprünglichsten Schilderet* schwedischer Natur, dank seinem »Roten Zimmer« und seinen Erzählungen »Ehe«, einen neuen und gesunderen Blick für die Schönheit Stockholms erhalten, und mehr als je schätzte man die Frühjahrsmorgen, wo die bis zur Wasserhöhe rolgestrichenen Dampfer an ihren Seilen und Tauen ziehen. Andeus Zorn entdeckte und zeigte die eigenartigen Kreise und Linien des Wellenschlages. Er hat einen Sommerabend des Jahres 1890 verewigt, gesehen von einem der schönsten Punkte aus, Skeppsholmen; im Vordergrund sieht man einige Damen auf dem Holmen promenieren, den Hintergrund bildet Strömmen, der vielleicht am allerentzückendsten ist an einem jener hellen Abende, wenn sich der Fliederduft von den Hecken mit der frischen Luft vom Wasser her mischt, und einige Töne vom Orchester in Strömparlerren sich mit dem Brausen des Norrström vereinen. Den Hafen im Winter hat Oscar Björck auf einer farbenleuchtenden Leinwand, jubelnd wie eine Fanfare, gemalt. Den Schnee und die dunklen Schiffskörper mit der malerischen Silhouette des Skeppsholmen hat Alfred Wählberg geschildert, und schliesslich hat uns Per Ekström die majestätischen Linien des Schlosses im Schneegestöber über dem Norrström gezeigt.

Unter der Bedingung, dass zugegeben wird, Stockholm sei im Winter vortrefflich, und zwar morgens, mittags und abends sowie auch in der Nacht, kann man sich ja den Ausdruck gefallen lassen, Stockholm sei »eine Sommersladl«. Die weissen, eleganten Dampfer auf dem grünen Wasser gehen nach den Som-merwohnstätten im Skärgärden ab, beladen mit frohen Menschenkindern. Der Stockholmer hält sich, und hoffentlich mit Recht, für bedeutend lebensfroher als etwa ein Bewohner von Härjedalen, und selbst als ein Göteborger. Die Seeluft weht nicht nur kühlend über die Rasenflächen des Kungsträdgärden, wo das Wasser über die Muschelschale der grossen Fontäne glänzend herabstäubt, sondern auch hinauf durch Gassen und Gässchen bis zu den allen, krummen, langen Strassen Väsler- und Österlänggatan. Die letztere hat Eugen Jansson gemalt an einem frühen Sommermorgen, wo das Flaggentuch des Segelmachers schlaff herabhangt und die Schritte auf dem Pflaster wiederhallen, und wo sich diese mittelalterliche Stockholmergasse, die sonst seil Jahrhunderten von den unverfälschtesten betrunkenen Hafenarbeitern voll ist, einige frühe Morgenstunden lang in einen mystischen Schimmer hüllt.

Stockholm ist eine Wasserstadt, — oft mischt man freilich etwas Kräftiges ins Wasser. Es gibt nicht nur gutes Trinkwasser, sondern herrliches Sodawasser, welches in grossen Quantitäten vertilgt wird, ohne amerikanische Eile. Es ist ein harmloses Vergnügen, mit einem Glas »Vichyvatten« vor sich auf dem Tisch die Welt anzugucken, d. h. wenigstens die kleine Welt des »Marktes« (Torget id est Kungsträdgärden) von jener Bank aus, die durch Hjalmar Söderbergs »Doktor Glas« literarische Berühmtheit erlangt hat. Zu weiteren Wasserorgien anderer Art locken die vortrefflichen Warm- und Kaltbadhäuser. Eugen Jansson hat auf zwei sonnenhelltübergossenen Bildern das Innere eines Stockholmer Schwimmbades gemalt, wo einem die sonnenverbrannten Leiber einen starken Eindruck von unserer nationalen Gesundheit geben. Die Sprünge werden oft mit so grosser Geschicklichkeit und Geschmeidigkeit ausgeführt, dass ein wirklicher Schönheitseindruck erreicht wird. Ein ausgezeichneter Stockholmdarsteller ist Axel Erdman. Er hat Götgatan, eine der langen Strassen auf Södermalm (dem südlichen Stadtteil), gemalt, wo die Bauern vom Lande herein gefahren kommen, um auf dem Marktplatz Kornhamnslorg ihre Esswaren zu verkaufen. Erdman hat ein scharfes Auge für die malerische Anziehungskraft der eingemummten Marktweiber, die in Wind und Wetter in olympischer Ruhe an ihren Ständen sitzen um nur hin und wieder in Affekt zu geraten wenn ein Küchlein einen Fluchtversuch macht oder ein Obstdieb ihre moralische Indignation weckt.

»Die Stadt zwischen den Brücken« ist einstmals das ganze Stockholm gewesen. In diesem Stadtteil, wo das neue Leben mit grösserem Lärm pulsiert als in den übrigen, stehen unsre ältesten und schönsten Gebäude. Das Leben im Hafen des neuen Stockholm ist auf Carl Wilhelmsons Freskogemälde im Postgebäude geschildert. Die Barockfassaden aus dem 17. Jhd. sind von Louis Sparre gemalt worden, der auch die pompöse Auffahrt zum Schloss gemalt hat, den Lejonbaeken, »Löwenhügel«, mit seinen Broneelöwen, die schon im 17. Jhd. Stockholms altes Schloss zierten. In einer Reihe Zeichnungen, Aquarellen und Ölbildern hat er die Stockholmer darauf aufmerksam gemacht, wie viel noch auf dem Spiele steht, wenn wir nicht den gleichen bestimmten Ton im Interesse historischer und ästhetischer Werte anschlagen wie zugunsten dessen, was sich leichter in Geldwerten bestimmen lässt.

Sparre, Erdman und Gerda Wallander haben den Marktplatz Kornhamnstorg gemalt mit seinen Verkaufständen und Giebelhäusern. Auf einem grossen Gemälde in einer Volksschule in Stockholm hat Nils Kreuger ein Bild vom Hafen gegeben, wie er sich am Tage vor Sonnwend von Slussen (der Schleuse) aus darstellt. Es ist ein sonniger Vormittag. Es weht ein frischer Wind vom Wasser her. Im Vordergründe sieht man einige dem Tage zu Ehren mit Laub geschmückte Arbeitswagen über das Strassenpflaster rasseln. Es liegt Eeststimmung in der Luft.

Kreuger hat Stockholm und die schönste Brücke des ganzen Landes, die Norr-bro, welche den nördlichen Stadtteil Norriiialm mit Staden (der Altstadt) verbindet, zu wiederholten Malen dargestellt. Die mächtigen Brückengewölbe aus den allerersten Jahren des 19. Jhds. haben Adelchantz zum Urheber, den Architekten und Schöpfer des schönsten (jetzt leider abgerissenen) Opernsalons der Welt, in dem Gustaf III. von Anckarströms Pistolenkugel fiel. Die Norrbro ist zu allen Tages- und Nachtzeiten schön, am schönsten vielleicht an Sommerabenden, wenn, wie Snoilsky in seinem »Bild von Stockholm« sagt, »ein gedämpfter Ton dahinschwebt durch die Lüfte, der berauschend aufsteigt aus der Tiefe« des Wassers unter Norrbro, und wenn die elektrischen Lichter ihren Silberschein über die Baumkronen in Strömparterren werfen. Ebenso schön ist die Aussicht, welche man einige Stunden später von der nördlichen Seite der Brücke aus geniesst, von wo aus Strömmen, das Schloss, Blasieholmen und Skeppsholmen zu sehen sind. In lichten Sommernächten ist alles abgetönt und es macht einen geheimnisvollen Eindruck, die wohlbekannten Fassaden von einer Seite beleuchtet zu sehen, die den Stockholmern, wrenn sie auch noch so häufig spät nachts nach Hause gehen, oder vielmehr früh am Morgen, doch nicht ganz so vertraut ist. Reinuold Nohstedt hat auf einer ausserordentlich grossen Leinwand dieses Motiv wiedergegeben. Der gleiche Maler zeigt, wie die Kunst auch über die so nüchterne Fassade eines Geschäftshauses ihren Glanz verbreiten kann. Nimmt man seinen Standpunkt bei dem von Bobeiig gebauten Restaurant Rosenbad, das seine gelbliehweissen Mauern und sein grünglasiertes Dach im Norrström spiegelt und das zum Schönsten gehört, was in letzterer Zeit in Stockholm gebaut worden ist, so kann man an einem Februarlag die grossen Eisschollen vom Mälaren herabschwimmen und die Vasabro passieren sehen. Am anziehendsten für das moderne Gemüt ist die Stunde, wo es noch nicht ganz dunkel ist und man anfängt, die Lichter anzuzünden. Eben sieht man in den Fenstern von Norstedts Druckerei ein paar Lichter auftauehen.

ln Stockholm macht man grosse Kraftanstrengungen, sich zu amüsieren, und oft glückt cs uns auch. Von allen Vergnügungseinrichtungen ist wohl Skansen die gemütlichste. Wo es am wenigsten gemütlich zugeht, lässt sich nicht so leicht sagen, w enn man aber den Alkohol verbrauch zum Masstab nimmt, dürfte eine jener Schenken, in denen die Lieblinge Albert Engstböms (Bobban, Feta Fille und andere »Strix»-Kuriositäten) sich auf ihre Art ein Glück träumen, der passendste Gegensatz sein. Dass Hotte Leben hat die schwedische Kunst nicht oft geschildert.

Auf Skansen hat jedoch Zorn das Motiv geholt zu seinem lustigen Bild der Delsbostinta, wie sie eine Geschichte erzählt; von den sieben Theatern Stockholms findet sich jedoch nichts, nicht einmal vom neuen dramatischen Theater, welches doch selber, sowohl im Innern wie an der Aussenseite, so reich an guten Kunstwerken ist. Aus dem Gebiete des Zirkus- und Varietelebens hat Gösta von Hennings sowohl in Charakterzeichnung als Kolorit sehr wertvolle Bilder gebracht, aber mit »Schweden im Auge des Künstlers« hat dies w’enig zu tun. Hennings hat aber auch das Punschtrinken auf der Opernterrasse gemalt und das soll ja, sagt man, zu dem Schwedischsten zählen, was sich denken lässt, auf dieser Terrasse zu sitzen, die schöne Aussicht zu gemessen, eine der herrlichsten der Welt, den Ausblick über Stockholms Ström, zuzuhören wie das Streichorchester unsre melancholischen Volkslieder spielt und drüber das Punschglas nicht zu vergessen, mit dem man hin und wieder das Schweigen unterbricht und seinem Nachbarn ein »Skal i alla fall!« (Prosit, wie ’s auch geht!) zuruft.

Obwohl in Stockholm die Zahl von alten schönen Häusern nicht gering und der Reichtum an neuen ziemlich gross ist, haben sehr wenige Künstler unsrer Tage Riddarhuset, die Börse am Platz Storlorget und die alle Reichsbank an Järntorget dargestellt. Einen hohen Wert durch seine Stimmung hat Karl Nord-ströms Zeichnung »Riddarholmen an einem Frühlingsabend«. ln vornehmer Abgeschlossenheit liegt die kleine Insel mit ihren stillen offenen Plätzen; Riddarholmen beherbergt viele grosse Erinnerungen. Jede Einzelheit in den alten Ziegelsteinmauern der Riddarholmskyrka hat uns etwas zu erzählen. Magnus Laduläs bat einst darum, hinter den roten Mauern dieser Kirche den letzten, langen Schlaf tun zu dürfen. In der Gustavianischen Grabkapelle sind in abgenützten Buchstaben die sich auf Gustaf Adolf beziehenden Worte zu lesen: SVECOS EXALTAVIT . MORIENS TRIVMPHAVIT und auf dem Kupferdach auf dem Karolinischen Grabchor glänzt die goldene Krone in der Abendsonne. Da drinnen in dem Sarge mit der Löwenhaut und der Herculeskeule liegt mit von einer Kugel durchbohrtem Haupt »König Karl, der junge Held«, der einst dem Schicksal und dem Unglück die eherne Stirn bot.

In letzterer Zeit sind viele hübsche Gebäude entstanden. Die vornehmsten sind Ferdinand Bobergs Postgebäude, Lallerstedts Haus der Versicherungsgesellschaft »Trygg«, dessen kräftige Formen über den Baumkronen des Parkes Humlegärden zu sehen sind, das Nordische Museum nach Gustaf Clasons Entwurf, wo sich auf ebenso sinnreiche als schöne Weise der Vasastil mit dem unsrer allen Holzkirchtürme vereinigt, Carl West.uans Haus der Gesellschaft der Ärzte am alten Friedhofe der Klara-Kirche, wo Bellman ruht, der Stockholm am schönsten zu sehen vermochte, und endlich Ragnar Östbergs Gymnasium auf üstermalm, das monumentalste Schulgebäude wenigstens bei uns zu Lande und reich an Kunst sowohl im Äussern als im Innern. Zur Zeit entbehren diese architektonischen Kunstleistungen noch der Patina, welche ein Maler nicht vermissen will; trotzdem aber haben selbst die banalsten neuen Stadtviertel, Zinskasernen und halbfertigen, schnurgeraden Strassen Karl Nordstrom, Aron Gerle und insbesondere Eugen Jansson Motive für ihre Kunst geliefert. Diese Maler verstehen es, in ihre Farbe eine gewisse Leidenschaft, in ihre Bilder einen modernen Geist von schönem Trotz zu legen, wenn sie diese den Nicht-Künstler langweilenden, trostlosen Stadtteile malen und uns beibringen, das Schöne auch hier zu finden. Viele Stockholmer und nicht zum mindesten Künstler und Schriftsteller wohnen ausserhalb der Stadt. Von Djursholm aus haben sie die Aussicht über die Bucht Slora Värtan, von Lidingö aus über Lilla Värtan, und von der Insel Djurgarden aus über den Einlauf des Stockholmer Hafens. Hier hat Prinz Eugen seine mit dem Besten in schwedischer Kunst geschmückte Villa. Hier malt der Fürst und Künstler den Naturpark Djurgarden, seine Wiesen und Buchten zu allen Tages- und Jahreszeiten. Man könnte vielleicht sagen, dass er die grössten historischen, kulturellen und vor allen künstlerischen Voraussetzungen hat, Stockholm mit Künstleraugen zu sehen, wenn er von seiner Villa Valdemarsudden aus die Stadt betrachtet, wie sie sich hier über die Wasserfläche erhebt.

Der Stockholmermaler, welcher das Feinste vom Wesen der Stadl auf seinen Bildern aufgefangen hat, der, welcher sich in herrlich klingenden symphonischen Dichtungen in Farben als wirklicher Neuschöpfer in der Landschaflsmalerei erwiesen hat, ja einer der vorzüglichsten Naturdarsteller der Gegenwart überhaupt, ist Eugen Jansson. Meist überblickt er die Stadt von den Höhen des südlichen Stadtteiles (Söder) aus und vielleicht hat er die Stadt am schönsten und monumentalsten wiedergegeben in jenem Meisterwerk, das in Carl Robert Lamms Sammlung verwahrt ist, dem grossen Bilde, auf welchem die Nacli-mitlagssonne ihren Goldglanz über Riddarfjärden, Kungshohnen und die roten Fabrikgebäude auf Södern herabgiesst. In Eugen Janssons Landschaftskunsl finden sich viele von den ausgeprägt schwedischen Zügen, Wehmut, Sehnsucht, Sinn für prächtige Farben, etwas lyrisch-musikalisches, etwas zugleich weiches, trotziges und weltumfassendes. Wie Bellinan einen seiner Trinkbrüder in der Stunde des Sterbens singen lässt

»Sternenklares Himmelszelt, sink’ auf mich hernieder«,

so hat man bei Eugen Janssons Bildern ein Gefühl von der Vergänglichkeit unter dem Gesichtswinkel des Ewigen. Von seiner eigenen Aussicht hoch auf den Bergen von Söder hat er viele Darstellungen gegeben. Die meisten befinden sich in Ernst Thiels reicher Sammlung. Bald zeigt er uns einen Winternachmittag, wenn die Boote das Eis durchfurcht haben und die letzten Sonnenstrahlen in den Fenstern des Schlosses glühen, bald führt er uns verlassene, steile Strassen mit hölzernen Treppen und geheimnisvoller Gasbeleuchtung hinauf, ein anderesmal sehen wir wie im Traum das Wasser im Dunkel schimmern, wenn sich Gas- und elektrische Lampen wie glänzende, blaugrüne, das Ufer einfassende Edelsteine drunten abspiegeln.

Wenn man in einer Sommernacht auf die Strasse oder in eines der Gärtchen hinausgeht, die auf den Bergen auf Söder noch hier und dort versteckt liegen, so hat man den grossen Mälarfjord und beinahe die ganze, in der hellen Nacht träumerisch daliegende Stadt zu seinen Füssen. Am nördlichen Rande des Gesichtskreises geht die Abendröte schon in Morgenrot über. Die Häuser und Kirchturmspitzen auf Riddarholmen zeichnen sich gegen den sich aufhellenden Himmel ab. Stockholm schläft, aller Strassenlärm ist verstummt, die Arbeiter haben ihre klappernden Dampfwinden und Eisenstangen verlassen, die Seeleute schlafen in ihren Vordersteven, die Orchester in Kungsträdgärden und in Strömparterren haben längst zu spielen aufgehört. Da hört man vom Turme der Rid-darholmskirehe, dessen Uhrwerk einst Fredman mit zitternder Hand repariert hat, einen Glockenschlag, der über die Wasser und die Stadt hintönt. Man denkt an die Grossen, welche in den Grabgewölben der Kirche schlummern, an die, welche gekämpft, gelitten und gestorben für das Schwedenland. Der Klang pflanzt sich über die ganze schlafende Stadt hin fort, die sieben hundert Jahre lang der Mittelpunkt und grösste Schatz des Landes war. Man denkt an alle, die da drunten in dieser Stadt gedacht, gedichtet, gelebt, und unser Gedanke schweift hinaus über das Land zu den duftenden Heuhaufen in Sörmland, nach Norrland hinauf, wo jetzt das bleiche Licht der Mitternachtssonne über die Erzberge und die Sommerzelte der Lappen scheint, hinab zu den Buchenwäldern in Skäne, über unser ganzes ungeheuer grosses Land hin, wie es in der Sommernacht daliegt, zu unsrem Volk in den roten Hütten, zu denen, die sich in der steinigen Erde müdegearbeitet haben. Man denkt auch dankbar an die, welche uns in Gesang und’Kunst die Schönheit und den Wert dessen geoffenbart haben, was unser war, ist und immerdar das Eigentum unsrer Nachkommenschaft bleiben soll, und unsrem Herzen entspriesst die ernste und zugleich frohe Gewissheit: ich liebe Schweden.

Text und Bild aus dem Buch:Schweden im Auge des Künstlers (1911), Author: Laurin, Carl G.

One Comment

  1. Mecklenburg said:

    […] einmal die überragende Rolle Rostocks in der Geschichte des norwegischen Geisteslebens betont. In Schweden galt Rostock für die nächsten zweihundert Jahre trotz der im Jahre 1477 erfolgten Gründung der […]

    22. November 2015

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