Seltenere Arten und Ausnahme-Erscheinungen der deutschen Singvogelwelt.

Wenn der Leser ganz besonderes Glück hat, oder wenn er an den Grenzen unseres Vaterlandes wohnt, begegnet er vielleicht zufällig einer jener seltenen Arten, nach denen selbst der Ornithologe von Fach oft jahrzehntelang vergeblich Umschau hält, solange er nicht die beschränkten Gebiete ihres Vorkommens aufsucht Wie schon eingangs bemerkt, habe ich diese Arten hier weggelassen, um den Überblick nicht zu erschweren, will sie aber der Vollständigkeit wegen kurz anführen, um im Falle ihres Vorkommens ihre Bestimmung zu erleichtern.

Die Alpenbraunelle oder der Flühvogel, Prunella collaris (Scop.), Abb. 1, ist größer als die Heckenbraunelle. Sie brütet auf dem Riesengebirge, den Alpen und in verwandten Formen weit nach Asien hinein. Der den Kreuzschnäbeln ähnliche, aber größere Hakengimpel, Pini-cola enudeator (L), Abb. 2, erscheint als nordischer Wintergast in Ostpreußen, während ebendaselbst der etwa sperlinggroße Karmingimpel, Carpodacus erythrinus (Pall.), Abb. 3, als Sommervogel auftritt.

Der gelbschnäblige Berghänfling, Acanthis flavirostris (L), Abb. 4, wird im Winter oft an der Nordsee, sonst selten bemerkt. Der Zitronenzeisig, Chrysomitris citrinella (L), Abb. 5, ähnelt dem Grünling in der Färbung, dem Zeisig in der Größe. Sein Brutgebiet reicht von den Alpen nach Südwestdeutschland (dem Schwarzwald) herein. Der einst als Leckerbissen berühmte Ortolan, Emberiza hortulana L., Abb. 6, ist zwar in manchen Gegenden nicht selten, aber meist nur durch seinen Ruf auffindbar. Zwei andre Ammern, der Zippammer, Emberiza cia L, Abb. 7, und der Zaunammer. Emberiza cirlus L., Abb. 8, kommen in den milden Rheingegenden vor. Als Wintergast besucht uns noch aus dem Norden der weißliche Schneeammer, Emberiza nivalis L, Abb. 9. Er zeigt sich aber ebenso wie die hübsche, mit zwei Federhörnchen gezierte Alpenlerche, Eremophila striata (Brm.), Abb. 10, mehr an den Küsten als im Binnenlande. Weitere fremde Ammer- und Lerchenarten wurden nur so vereinzelt bei uns gefunden, daß ihnen kaum ein dauerndes Gastrecht zukommt

Der durch seine Größe ausgezeichnete Wasserpieper, Anthus spinoletta (L), Abb. 11, bewohnt die Gebirge von Mittel- und Südeuropa und steigt im Winter in die Ebenen herab. Er trägt dann ein den andern Piepern ähnliches Kleid mit gefleckter Kehle. Seine etwas dunklere nordische Form (littoralis Brm.) besucht die deutschen Seeküsten. Sie ist keine besondere Art. Von dem hochnordischen rothalsigen Pieper, Anthus cervinus (Pall.), Abb. 12, dagegen läßt sich eher vermuten, daß er von dem Wiesenpieper, dem er sehr ähnelt, artverschieden ist. Der weißliche Steinschmätzer, Saxicola hispanica (L), Abb. 13, ein merkwürdiger Südeuropäer, der in einem schwarzkehligen und einem weißkehligen Kleide vorkommt, mag als Beispiel einer echten Ausnahmeerscheinung, eines sog. Irrgastes, gelten. Er ist so grell schwarzweiß gefärbt, daß er sofort auffallen muß. Die Jungen und Weibchen lassen sich dagegen vom grauen Steinschmätzer fast nur an den rußigschwarzen Unterflügeln unterscheiden. Andere Irrgäste, wie sibirische Drosseln und Laubvögel habe ich weggelassen, da sie vom Beobachter kaum erkannt werden können. Recht beachtenswert ist dagegen die Steindrossel, Monticola saxatilis (L), Abb. 14, die jedoch keine echte Drossel ist, sondern den Steinschmätzern näher steht. Sie ist früher an vielen Stellen Deutschlands brütend gefunden worden. Auch kürzlich wieder auf Helgoland vorgekommen. Die Ringamsel, Turdus torquatus L, Abb. 15, ist ein ziemlich unbemerkt durchziehender Wanderer, der in einer etwas lichteren Form (alpestris Brehm) auf deutschen Gebirgen brütet. Der schmucke Rosenstar, Pastor roseus (L), Abb. 16, findet sich zuweilen in versprengten Stücken unter gewöhnlichen Staren. Er liebt noch mehr als diese die Nähe der Viehherden und ist ein eifriger Vertilger der schädlichen Heuschrecken. Der Berglaubvogel, Phylloscopus bonelli (Vieill.), Abb. 17, reicht mit seinem Brutgebiet nur in die südlichsten Teile Deutschlands. Er ähnelt dem Waldlaubvogel in Färbung des Gefieders und des Eies, ist aber kleiner und nur an den Flügeln so grün wie dieser, auf Kopf und Rücken bleich graubräunlich. Von den beiden größeren Schwirrern kommt der Nachtigallschwirl, Lo-custella lusciniodes (Savi.), Abb. 18, ein Schilfbewohner, an der holländischen Grenze und in der Mark, der Flußschwirl, Locustella fluviatilis (Wolf.), Abb. 19, ein Buschbewohner, im östlichen Deutschland vor. Die beiden so anmutig gefärbten, in Deutschland leider sehr selten gewordenen Schilfmeisen erinnern etwas an die Schwanzmeise, die Bartmeise, Parus biarmicus L, Abb. 20, durch ihren langen Schwanz, die Beutelmeise, Parus pendulinus (L), Abb., 21, durch ihren kunstreichen Nestbau.

Text und Bild aus dem Buch: Die Singvögel der Heimat (1921), Author: Kleinschmidt, Otto.

Siehe auch:
Die Singvögel der Heimat – Einleitung
Haussperling
Feldsperling
Steinsperling
Heckenbraunelle
Edelfink
Bergfink
Kernbeißer
Grünling
Stieglitz
Erlenzeisig
Bluthänfling
Girlitz
Gimpel
Kreuzschnabel
Goldammer
Grauammer
Rohrammer
Feldlerche
Haubenlerche
Heidelerche
Baumpieper
Wiesenpieper
Brachpieper
Weiße Bachstelze
Gebirgsbachstelze
Schafstelze
Rauchschwalbe
Mehlschwalbe
Uferschwalbe
Mauer- oder Turmsegler
Seidenschwanz
Grauer Fliegenschnäpper
Trauerfliegenschnäpper
Zwerg-Fliegenschnäpper
Raubwürger
Schwarzstirn-Würger
Rotköpfiger Würger
Rotrückiger Würger
Steinschmätzer
Schwarzkehliger Wiesenschmätzer
Braunkehliger Wiesenschmätzer
Hausrotschwanz
Gartenrotschwanz
Blaukehlchen
Rotkehlchen
Nachtigall
Amsel
Wacholderdrossel
Misteldrossel
Rotdrossel
Singdrossel
Pirol
Star
Wasserschwätzer
Zaunkönig
Mönch-Grasmücke
Gartengrasmücke
Dorn-Grasmücke
Zaun-Grasmücke
Sperber-Grasmücke
Drossel-Rohrsänger
Teichrohrsänger
Getreide-Rohrsänger
Ufer-Rohrsänger
Seggen-Rohrsänger
Garten-Laubvogel
Heuschrecken-Rohrsänger
Weiden-Laubvogel
Fitis-Laubvogel
Wald-Laubvogel
Gemeines Goldhähnchen
Augenstreif Goldhähnchen
Kohlmeise
Blaumeise
Nonnenmeise
Weidenmeise
Tannenmeise
Haubenmeise
Schwanzmeise
Spechtmeise
Waldbaumläufer
Hausbaumläufer

Ein Ausspruch Kants über den ästhetischen Wert der Singvögel.

Die „Natur, die keinem Zwange künstlicher Regeln unterworfen ist,“ kann dem „Geschmacke für beständig Nahrung geben“. — „Selbst der Gesang der Vögel, den wir unter keine musikalische Regel bringen können, scheint mehr Freiheit und darum mehr für den Geschmack zu enthalten als selbst ein menschlicher Gesang, der nach allen Regeln der Tonkunst geführt wird; weil man des letztem, wenn er oft und lange Zeit wiederholt wird, weit eher überdrüssig wird. Allein hier vertauschen wir vermutlich unsere Teilnehmung an der Lustigkeit eines kleinen beliebten Tierchens mit der Schönheit seines Gesanges, der, wenn er vom Menschen (wie es mit dem Schlagen der Nachtigall bisweilen geschieht) ganz genau nachgeahmt wird, unserem Ohre ganz geschmacklos zu sein dünkt“

Text und Bild aus dem Buch: Die Singvögel der Heimat (1921), Author: Kleinschmidt, Otto.

2 Comments

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    2. Februar 2016

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