Sinn und Bedeutung der Türme und Tore

Wenn wir uns auf Wanderungen und Reisen Dörfern, Städtchen oder Städten nähern, so sind es immer wieder die Türme, die zunächst unseren Blick auf sich ziehen und uns den Gruß eines Gemeinwesens künden. Selbst wenn wir an einem Orte vorüberfahren, ohne ihn zu berühren, hebt sich der Kirchturm deutlich aus der unentwirrbaren Gemeinschaft der Häuser heraus. Kirchen und Stadttore mit ihren sich symbolhaft emporreckenden Türmen sind noch immer die hervorragendsten Gebäude und der Stolz jeder Gemeinde. Sie finden und verdienen wegen ihrer Schönheit und ihres Alters stets von neuem die Aufmerksamkeit und Bewunderung des Fremden. Was wären unsere Städte ohne ihre Türme, die stolzen und strahlenden Künder ihrer Romantik, ihrer Geschichte und ihrer Kultur? Sie sind aus unseren Stadtbildern nicht hinwegzudenken. Erst durch die kühn emporragenden und sie beherrschenden Türme erhalten die Gesamtansichten unserer Städte ihren Reiz. Man denke nur an Lübeck, „die Stadt mit den goldenen Türmen“. Was für herrliche Zeugen hansischen Geistes und hansischer Tatkraft stellen die gewaltigen Türme unserer norddeutschen Seestädte dar, die, erdenschwer und himmelstrebend zugleich, treu und standhaft die Jahrhunderte überdauerten! Wie wundervoll sind sie mit ihrer ganzen Umgebung zu einer Einheit verwachsen! Wir können kommen, woher wir wollen, immer wieder liegt ein prächtiger Turm in unserem Blickfeld. Er gibt den beharrenden Hintergrund in dem malerischen Wechsel der Bilder. Oft beherrscht er einen schönen, weiten Platz (Lüneburg (IV), Eutin, Bremen, Glückstadt, Lübeck, Güstrow u. a.). Bisweilen schaut er uns durch die ganze Länge einer Straße an, über die er als Wächter bestellt scheint. Im besonderen gilt diese Feststellung für die Tortürme, wohin ja die Hauptstraßen der Städte führten.

Charakteristische Bilder entstanden oft dadurch, daß doppeltürmige Kirchen zwei verschiedene Helme erhielten. (Gransee (1), Lemgo (2), Dom in Osnabrück, Katharinen- und Andreaskirche in Braunschweig (XVIII). Das war gemeinhin die Folge von Brand- oder Sturmschäden. Der zerstörte Turmhelm wurde meistens im Geiste der neuen Zeit wieder errichtet. Wenn die Kosten dafür nicht aufzutreiben waren, mußte man sich mit einem Notdach begnügen. Oft sah man sich auch schon während des Neubaues einer Kirche dazu gezwungen, wenn die Mittel für die letzte Arbeit fehlten. Beim Kölner Dom waren die Schwierigkeiten so groß, daß beide Türme seit der Mitte des 15. Jahrhunderts unvollendet blieben. Der eine erhielt ein Notdach, der andere stand etwa 400 Jahre als ungedeckte Ruine. Ein bescheidenes Turmdach neben einem stolzen Helm finden wir z. B. auf der Stephanskirche in Tangermünde (3), der Johanniskirche in Osnabrück (4), der Liebfrauenkirche in Bremen, der Nikolaikirche in Stralsund (XX) und der Marienkirche in Stargard. Diese Erscheinungen sind uns heute so lieb geworden, daß wir eine Änderung nicht mehr begrüßen könnten. Die ausschlaggebende Bedeutung der Türme für das Stadt- und Straßenbild mußte sie zu unseren vertrauten Freunden machen.

Die Befestigungen germanischer Siedelungen waren bis ins 12. Jahrhundert Erdwälle mit Palli-sadenzäunen und Holztoren. Hier hat sinngemäß der Steinbau zuerst Anwendung gefunden und ist mit zunehmender Waffenstärke immer mächtiger geworden. Dagegen begnügten sich die Bürger noch lange mit Häusern aus Holz. Tore aus Haustein oder Backstein gab es kaum vor 1200, Befesti-gungsmauem erst gegen Ende des 13. Jahrhunderts. Im 14. und 15. Jahrhundert, als ein stolzes und wohlhabendes Bürgertum in den Städten wohnte, sind die schönsten Tore entstanden. Die immer stärker werdenden Angriffswaffen machten im 14. Jahrhundert doppelte, ja sogar dreifache Tore nötig. Als die Feuerwaffen gegen Ende des 15, Jahrhunderts so stark wurden, daß die strategische Bedeutung der Tore immer mehr herabsank, bauten die Städte sie dennoch in wachsender Zahl und mit größerem Aufwand. Sie konnten auf diese traditionellen Sinnbilder ihrer Kraft und ihres Stolzes nicht verzichten.

Bewundernswert ist die Vielgestalt der Tore. Jedes hatte ein individuelles, oft ein einmaliges Gesicht. In Norddeutschland herrschte der Backsteinbau vor, in Süddeutschland der Putzbau, dem die Einfassung der Turmkanten und Torbogen mit Hausteinquadem in Form und Farbe eine schöne und klare Gliederung gaben. Der matte und glasierte Backstein mit seinen helleren Fugen, auch Lisenen und Blenden, Maßwerk undRosetten, Friese und Gesimse, Türmchen und Fialen, Giebelspitzen und Treppenstufen in auf- und absteigender Reihe, dunkle Fensterlöcher und eiserne Anker, das Schwarz und Gold der Uhr, Figuren (Stargarder Tor in Neubrandenburg, siehe Tafel XXIV) und Terrakotten (Holstentor in Lübeck) gaben dem niederdeutschen Torbau die reichsten Möglichkeiten zu einer sinnvollen Schmuckentfaltung. Die kraftvolle Geschlossenheit verbunden mit künstlerischem Feinsinn machen unsere Stadttore zu den hervorragendsten Zeugen mittelalterlicher städtischer Kultur.

Die Gesamtanlage eines Tores stellte ehemals eine regelrechte Burg dar. Sie bestand aus dem inneren und dem äußeren Teil, die etwa 30 m voneinander entfernt waren. Beide waren durch Mauern und Wehrgänge verbunden, mit denen sie einen Hof, den Zwinger, einschlossen. Hier und in den oft raffiniert angelegten Torwinkeln hatten die eingedrungenen Feinde nicht selten einen schweren Kampf zu bestehen. Hier dauerte die Verteidigung bisweilen noch lange, wenn die Stadt bereits eingenommen war. Hier ging der Feind, wenn es gelang, ihn von beiden Seiten abzuriegeln, seiner sicheren Vernichtung entgegen. Doppelte Tore finden wir noch in Xanten und Neubrandenburg (182). In den meisten Städten sind nur die inneren Tore erhalten geblieben. Sie waren eigentlich immer die am schönsten und reichsten gestalteten. Für das Treptower Tor in Neubrandenburg könnte man allerdings das Gegenteil behaupten. Dort hat der äußere Bau eine ganz besondere Breite. Das quergelagerte Dach wird von fünf Fialen und vier mächtigen Wimpergen mit reichem Maßwerk fast verdeckt. Das innere Tor hat wie viele andere Stadttore an der Innen- und Außenseite schön gegliederte Treppengiebel. Auch das Klcver Tor in Xanten (5) vermag uns von dem ehemaligen Aussehen einen klaren Eindruck zu geben. Hier ist, wie üblich, der innere Turm von überragender Bedeutung. Er hat eine Höhe von 25 m. Sein Dach wird an den Ecken von vier schmuckhjiften Wehrtürmchen eingefaßt. Das äußere Tor wird von zwei mit achtseitigen Helmen bedeckten Türmen flankiert. Die den Hof seitlich einschließenden Mauern wurden später durch kleine Häuserreihen ersetzt. Auf andere Tore soll an dieser Stelle noch nicht eingegangen werden. Alle ver1 körpern die Macht unserer alten Städte, deren Wappen sie tragen. Wenn sie auch heute keinen praktischen Zweck mehr erfüllen, so schauen wir sie mit nicht geringerem Stolz, aber wohl mit noch größerer Liebe und Ehrfurcht an als der Bürger des Mittelalters. Es ist höchst bedauerlich, wenn im vorigen Jahrhundert diese Ehrfurcht nicht immer genügend lebendig war. Man hat damals dem stark anwachsenden Verkehr manches Stadttor geopfert. ln Wismar mußten z. B. aus solchen Gründen drei Tore fallen, so daß dort heute nur noch das am Hafen stehende Wassertor zu finden ist. In jüngeren Zeiten hat man solche Opfer vermieden, indem man die Durchfahrt erweiterte oder wie beim Holstentor in Lübeck, den Verkehr an dem Baudenkmal vorbeiführte.

Oft hat auch der Kirchturm die Bedeutung eines Verteidigungswerkes angenommen. In Pommern, in der Lausitz und in Ostpreußen finden wir solche Türme. Sie sind von einem wehrhaft wirkenden Zinnenkranz umsäumt. Der Platz der Kirche wurde in der Regel auf Grund von strategischen Erwägungen gewählt. Eine solche Bauweise verdeutlicht die dauernd auf Kampf und Abwehr eingestellte Haltung der östlichen Kolonisation im Mittelalter. Der Kirchturm diente der siedelnden Bevölkerung in Stunden der Gefahr als Schutz und Trutz. Diese äußerlich gekennzeichnete wehrhafte Bedeutung des Kirchturmes ist immerhin auf gewisse Gegenden begrenzt. Wir finden die gleiche Erscheinung auffallend oft auch in Holland und am Niederrhein. Holländischer Einfluß machte sich ja in der Baukunst nach Osten hin bis in das Ordensland bemerkbar. Und wir dürfen wohl annehmen, daß wir auch in dieser Hinsicht im Westen die älteren Vorbilder zu suchen haben. In kriegerischen Zeiten ist der Kirchturm auch noch in anderem Sinne immer wieder bis in die jüngsten Zeiten von besonderer strategischer Bedeutung gewesen. Infolge der von ihm aus gegebenen weiten Sicht wird er allgemein als Beobachtungsstelle hervorragend geschätzt. Mancher schöne Turm ist leider ein Opfer solcher Aufgabe geworden.

Die Türme unserer Seestädte haben für den Seemann, sobald er sich in Küstennahe befand, von jeher auch eine nautische Bedeutung gehabt. Er kann mit ihrer Hilfe seine Schiffsortung vornehmen.

Hohe Kirchtürme haben auch häufig bei Vermessungen und wissenschaftlichen Arbeiten denkwürdige Dienste geleistet. In der Geschichte der Astronomie erhielt der Nordwestturm der Kirche in Frauenburg im Ermland eine weltwandelnde Bedeutung. In ihm hatte der Domherr Nikolaus Koppemick, der sich als Gelehrter Copemicus nannte, seinen Arbeitsraum, Von hier aus verfolgte er in stillen Nächten den Lauf der Sterne. Hier enthüllte er in ’ tiefsinnigen Berechnungen Geheimnisse des Universums, die das damalige Weltbild auf den Kopf stellten und der Menschheit einen bescheidenen Platz im Weltall zuwiesen.

Auch von dem Turm der Michaeliskirche in Hamburg werden, um nur noch ein Beispiel anzuführen, interessante wissenschaftliche Daten berichtet. 1793 stellte Sonnin dort auf dem Uhrboden eine astronomisch richtige Mittagslinie fest. 1802 nahm Benzendorf in diesem Turm seine berühmten Fallversuche vor. 1820 stellte der dänische Professor Schumacher in ihm einen großen Reflektor auf, um die Gradmessung in Holstein durchzuführen. 1823 nahm der große Physiker und Mathematiker Gauß von diesem Turm aus Vermessungen vor. 1867 wurde er Ausgangspunkt für die Triangulation des Hamburger Gebietes. Mehrmals haben auch preußische Offiziere den Turm als Basis für Neuaufnahmen und Ergänzungen von Karten und Meßtischblättern gewählt.

Die ursprüngliche Aufgabe des Kirchturms war natürlich eine andere. Er sollte mit dem Läuten seiner Glocken die Gemeinde zum Gottesdienst aufrufen. Sehr bald gewann er jedoch eine besondere architektonische Bedeutung, indem er zu einem beherrschenden und schmückenden Bauglied der Kirche wurde. Seltener finden wir ihn frei neben ihr stehend, wie ihn ihre Urform, die altchristliche Basilika, zeigte, und wie er in Italien noch heute vorwiegend auftritt.

Bei den romanischen Kirchen erhebt sich der Hauptturm über der Vierung, wo Quer- und Langschiff sich schneiden. An der Westseite stehen meistens zwei Glockentürmc, die zugleich die Aufgabe haben, die Treppen zu den Emporen aufzu-nchmen. Dazu kommen in der Regel noch zwei kleinere Osttürme. In der gotischen Zeit wird der Schwerpunkt von der Vierung nach dem Westen verlagert. Die Westtürmc erhalten die hervorragendste architektonische Bedeutung und werden zum beherrschenden Teil des Ganzen. Sie erheben sich hoch und kühn über die übrigen Baumassen und schauen stolz und weit in die Lande. Der mächtige Vierungsturm muß einem bescheidenen Dachreiter weichen und die Osttürme verschwinden ganz. Das Hauptportal wird in die Mitte der Turmwand verlegt. Es rückt damit an den Anfang des Weges, der von hier durch das Langschiff zum Allerheiligsten, dem Altar, führt. Wenn die Westwand einen Einzelturm erhält, so ist dieser meistens schmäler als das Gotteshaus. Oft nimmt er aber solche Mächtigkeit an, daß er die volle Hallenbreite erreicht. (Sanitz bei Rostock, Kavelstorf in Mecklb. u. a.) Ja, in der Uckermark wächst seine Breite oft noch darüber hinaus. Dort stellt er sich bisweilen breitschultrig, großflächig und mächtig wie schützend vor das Gotteshaus. Seine Wucht und seine Schwere verrät, daß hier ein willensstarkes Volk lebte, das auch in Zeiten der Gotik und Mystik mit beiden Beinen auf der Erde stand. Hin und wieder wurde aus besonderen Gründen von der West-Ostrichtung der Kirchenanlage abgewichen. Beispiele dafür finden wir in Sörup in Angeln und in Üterscn in Holstein. Dasselbe gilt auch für einige Rundtürme in Wagricn und in der Lüneburger Heide.

Es ist schon angedeutet worden, welchen besinnlichen Einfluß die schönen alten Türme auf den Beschauer haben. Sie erheben zu freudigem Genuß und zu ehrfurchtsvollem Erinnern an das große gestalterische Schaffen unserer Vorfahren und führen uns zu einem träumerischen Versenken in längst vergangene Zeiten. Wie stark die Romantik alter Türme und Tore auf die menschliche Gemütswelt wirkt, weiß derjenige am besten, der in ihrer Umgebung aufwuchs. Er bewahrt nicht nur ihre Bilder treu in seinem Herzen, sondern auch die Erinnerung an erhebende Gefühle, an die traulichen Glockenspiele des Kirchturms, an das feierliche Läuten zur kinderseligen Weihnachtszeit und nicht minder an die romantischen und abenteuerlichen Knabenspiele, die sich in Ecken und Winkeln alter Wehrtürme und Tore abwickelten. Besonders solche Türme, die als Schreckens-, Stock- und Hungertürme düstere Geschichten erzählen, in denen sich das harte Schicksal Schuldiger und Unschuldiger erfüllte, beleben die Phantasie und Vorstellungswelt der Jugend mit Spuk und Geheimnissen. Wer dächte nicht immer gern an diese Welt zurück.

Text aus dem Buch: Türme und Tore von Flandern bis zum Baltikum, Verfasser: Lohf, Paul.

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