Sowjetunion-Landwirtschaft

Nachdem es der Moskauer Regierung gelungen war, die Folgen des Niedergangs der Industrie in der Zeit des Kriegskommunismus wenigstens teilweise zu überwinden, nahm sie im Jahre 1925 die Verwirklichung ihrer Induatrialisierungspolitik im Angriff. Das bedingte aber eine bedeutende zahlenmäßige Stärkung der Arbeiterschaft, die nach der marxistischen Lehre für die Erreichung des sozialistischen Wirtschaftsideals unbedingt erforderlich war. Es versteht sich aber von selbst, daß die für einen intensiven Ausbau der Sowjetindusirie benötigten gewaltigen Geldmittel nur aus der Landwirtschaft her-kommen konnten. Jedoch reichten die üblichen Einnahmen aus der Besteuerung des Bauerntums und aus den Getreidebereitsteillungen zu festen Preisen dazu nicht aus, so daß die Sowjets di« sich auf dem flachen Lande ergebenden Schwierigkeiten sehr oft unter Waffenanwendung zu meistern suchten.

Als es hieß, zwischen einem Verzicht auf die industriellen Rizsenpläne und einer vollständigen Umgestaltung der Landwirtschaft zu wählen, entschied man sich für den zweiten Weg. So kam es seit 1929 — angeblich im Interesse des „Aufbaues des Sozialismus“ — zu der berüchtigten Kollektivierung der Landwirtschaft in der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken.

Ueber die konkreten Formen dieser Maßnahme wurden die Bolschewisten erst nach einem langen Experimentieren schlüssig, da sie anfangs nur die Notwendigkeit einer Unterordnung der Landwirtschaft unter den staatlichen Wirtschaftsapparat klar erkannteu und gar nicht wußten, was für Produktionsmethoden anzuwenden seien, um den sog. sozialistischen Aufbau im Dorf durchführen zu können.

Man liebäugelte zunächst mit der Idee einer Verpflanzung des Sozialismus unter die Bauern mit Hilfe von sowjetischen Staatsgütern (abgekürzt: Sowchos), die verantwortlichen Kreise hielten aber daran fest, daß die Kollektivwirtschaften (abgekürzt: Kolchos) dabei von grundlegender Bedeutung sein müßten. Andererseits war man über das Tempo der Kollektivierung nicht einig, denn die Annahme, sie stelle — sofern ihr Programm mit dem Entwicklungsplan der Volkswirtschaft nickt zusammenhängen — einem Fünfjahresprozeß dar, entsprach nicht den Tatsachen.

Deswegen sah die vom Sowjetkongreß im Frühjahr 1929 beschlossene Fassung des zweiten Wirlschaftsplanes auch einen nicht so schnellen Gang der Kollektivierung vor. Die unplanmäßig« Intensivierung aber wurde erst im Januar 1930 durch das Zentralkomitee der KPdSU(B.) gebilligt Jedoch mußte Stalin in seinem Aufsatz „Schwindel vom Erfolg“ zwei Monate darauf gegen diese Entscheidung scharf Stellung nehmen, indem er die Freiwilligkeit des Beitritts zu den Kolchosen verkündet«. Das führte naturgemäß zu einer Verlangsamung der Kollektivierung und zur Bauernflucht aus den Zwangswirtschaften. Im Herbst 1930 setzte dann eine neue Kolchoswelle ein, und im Sommer 1931 machte der Staat seine ersten Versuche zur Stabilisierung der kollektiven Landwirtschaft.

Die Zeit der Massenkollektivierung war reich an Fehlgriffen, wobei Kolchose verschiedener Größe geschaffen, die einen aufgeteilt und die anderen wieder zusammengefaßt wurden. Je nach behördlichem Druck änderte sich such der Gesamtbestand an Kolchosmitgliedern, da sehr viele Aus- und Eintritte einzelner Bauernwirtschaften zu verzeichnen waren, ln der Tat erwies sich die bolschewistische Agrarreform als sozialer Umsturz von oben, der mit seinen Ausmaßen die Revolution von 1917 weit übertraf, wie auch unzählige Opfer an Menschen und Material forderte.

Im Januar 1935 gab Molotow bekannt, daß von rund 6 Millionen Großbauern (russisch: Kulaken) des Jahres 1928 bis Ende 1933 nur noch 149 000 geblieben waren. Ein Teil von mindestens 5,5 Millionen Vertriebenen zerstreute sich über die ganze UdSSR., ging in die Stadt, verbarg seine soziale Herkunft und kam in der Sowjetindustrie unter. Andere wurden in fernen Gegenden Sibiriens zwangsweise als Landwirtschaftspioniere eingesetzt oder gerieten in Arbeitslager, Zweifellos erschöpfen die Molotowschen Verlustziffern die Gesamteinbuße des Bauerntums während der Kollektivierung nicht. Viele Opfer forderte nämlich der passive Widerstand — vor allem in der Ukraine — gegen die bolschewistischen Maßnahmen einerseits und andererseits gegen die von Moskau absichtlich herbeigeführte Hungerkatastrophe in den Jahren 1931—33, an der nach manchen ausländischen Erhebungen in einzelnen weißruthenischen und ukrainischen Gebieten bis 40 v. H. der Landbevölkerung zugrunde gegangen sein sollen. Insgesamt dürfte die Zahl der Todesopfer in die Millionen gehen.

Außerdem zogen die unglaublichen Methoden der landwirtschaftlichen Kollektivierung gewaltige Materialverluste noch sich. So erklärte z. B. Stalin auf dem XVII. Parteikongreß (1934), daß der Pferdebestand von 34 Millionen in den Jahren 1929 bis 1933 auf 16,6 Millionen zurückgegangen sei. ln derselben Zeit habe sich das Rindvieh von 68,1 auf 38,6, Schweine von 20,9 auf 12,2, Schafe und Ziegen von 147,2 auf 50,6 Millionen Stück vermindert. Die Ursachen dieser Schrumpfung lagen darin, daß die Bauern in vielen Fällen ihr Vieh den Kolchosen nicht übergeben wollten und andererseits der Futtermittelanbau infolge der zu hohen staatlichen Getreidebereitstellungen zerrüttet war.

Die in der ersten Zeit bevorzugte Landwirtschaftskommune wurde während der totalen Kollektivierung als überlebt durch die sog. Artele abgelöst, deren Satzung allen neu zu gründenden Kolchosen auferlegt war. Ungeklärt blieben aber die äußerst wichtigen Fragen der wirtschaftlichen Betätigung der Kolchose. Eine besondere Rolle spielte darunter die Versorgung der Landwirtschaft mit Maschinen, die anfangs den Kolchosen übergeben und im Jahre 1939 mit der Schaffung eines Netzes von Maschinentraktoren Stationen (abgekürzt: MTS.) teilweise an diese abgeliefert wurden.

Ebenso mußte die heikle Frage einer Abgrenzung der privaten und gemeinschaftlichen Viehhaltung in den Kolchosen viele Wandlungen erfahren. Man sah sich 1933 gezwungen, die anfänglich versuchte Kollektivierung des gesamten Viehs und Geflügels verhältnismäßig zu lockern, und in der letzten Zeit begann man im Zusammenhang mit einer Erweiterung der kollektiven Viehwirtschaft, die einzelbäuerliche Tierzucht abermals einzuschränken.

Das Problem der persönlichen Nebenwirtschaften einzelner Kolchosmitglieder unterlag gleichfalls scharfen Schwankungen. Man traf in verschiedenen Gegenden bis zum Abschluß der vollständigen Kollektivierung auf eine durchaus uneinheitliche Regelung dieser Frage.

Im Endergebnis der bolschewistischen Kollektivierungspolitik zerfiel die landwirtschaftliche Erzeugung der UdSSR, in folgende drei Kategorien: 1. Kolchose, 2. Sowchose und 3. Einzelbauernwirtschaften. Nimmt man die Grundzahlen für die gesamte Sowjetunion, so ergeben sich für das Jahr 1938 in Hektar: für Kolchose 117,9 Millionen (86,4 v. H.), für Sowchose 12,1 Millionen (8,9 v. H.) und für Einzelbauernwirtschaften 1,1 Millionen (0,8 v. H.).

Seinem Aufbau nach setzt sich ein Kolchos aus Grundstücken einzelner Bauern zusammen, die mit ihrem Beitritt zur Kollektivwirtschaft das Recht auf ihren Boden für immer verlieren, da sie im Falle eines Austritts ihren bisherigen Grundbesitz nicht etwa zuxückbekommen, sondern nur aus dem staatlichen Bodenfonds einen Anteil zu beanspruchen haben. Da der Staat aber freien Boden meistenteils nur im fernen Norden und Osten zur Verfügung hat, bedeutet dies praktisch fast immer eine unvermeidliche Uebersiedlung eines aus einem Kolchos ausgeschiedenen Bauern nach einer für ihn völlig fremden Gegend.

Die Normalsatzung sieht folgende Pflichten der Kolchosbauern vor: Gewissenhaftigkeit, Stärkung des Kollektivs, Teilung von Einkünften entsprechend der geleisteten Arbeit, Hütung des Kolchoseigentums, Pferdepflege, Befolgung von Befehlen zur Bolschewisieiung der Arbeitsgemeinschaft, Hebung des Wohlstandes aller Mitglieder, Förderung des Kollektivaufbaues, Steigerung der Arbeitsqualifizierung, Betätigung auf kulturellem Gebiet, Einbeziehung von Frauen in die Kollektivwirtschaft usw.

An der Spitze des Kolchoses stehen die von der Generalversammlung gewählten Leiter, Vorstand und KontroIlausSchuß. Das Recht auf freie Wahl von Kolchosorganen stellt jedenfalls — angesichts der Abhängigkeit der Kollektivwirtschaften von den sowjetischen Staatsstellen — in Wirklichkeit eine Fiktion dar. Werden doch nur die von der Partei und den Behörden aufgestellten Kandidaten „gewählt“.

Laut Satzung von 1935 baut sich jedes landwirtschaftliche Kollektiv auf der Verbindung des Gemeinschaftsbetriebs mit den kleinen Einzelwirtschaften auf. Es bleibt nämlich in persönlicher Nutzung eines Kolchosbauern sein Hofgrundstück, das je nach der Gegend 0,25 bis 1,0 ha mißt, mit einer Viehmenge, die in den ackerwirtschaftlichen Teilen der UdSSR, nicht mehr als eine Kuh, zwei Stück Jungvieh, eine Sau mit Ferkeln, zehn Schafe oder Zieger: und zwanzig Bienenstöcke bei einer beliebigen Anzahl von Federvieh betragen darf. Außerdem behält jedes Kolchosmitglied sein Haus, seine wirtschaftlichen Nebengebäude und sein dazu gehörendes Kleininventar. Diese einzelbäuerlichen Nebenwirtschaften wurden nach langem Hin und Her im Jahre 1935 legalisiert. Eine Aenderung in der Einstellung der Sowjets zur Frage des privaten Wirtschaftens von Kolchosbauern trat wiederum mit dem Arbeilsdisziplinerlaß im Mai 1939 ein, der — nach einer Erklärung Molotows — kleinbürgerliche Abweichungen in der Praxis des kollektivistischen Wirlschailsaufbaues beseitigen und gegen die Erscheinung ankämpfen sollte, daß die Eigeu-interessen denen der Gemeinschaft vorangestellt werden.

Die Einkünfte der Kolchosmitglieder hängen mit persönlicher Teilnahme an der Gemeinschaftsarbeit zusammen, die vom Kolleklivvorstand unter besonderen Erzeugungsbrigaden eingeteilt wird. Für landwirtsahaflliche Arbeiten werden diese Brigaden durch Zuweisung eines bestimmten Grundstücks mit Inventar, Zugvieh und Wirtschaftsgebäuden auf die Mindestdauer einer Fruchtfolge gebildet. In der Viehzucht beträgt die Arbeitsfrist einer Brigade nicht weniger als drei Jahre. Geleitet werden diese Kolchostrupps von einem Brigadier, der für die Ausführung aller aufgegebenen Arbeiten verantwortlich ist und gewisse Disziplinarbefugnisse seinen Leuten gegenüber hat. Wie in der Sowjetindustrie organisiert man auch in der Landwirtschaft — im Interesse einer Produktionssleigerung — sog. sozialistische Wettbewerbe, Stoßgruppen und Slachanowkämpfe (Stachanow ist ein „Arbeitsheld“ aus dem Donezbecken).

Im Hinblick auf Arbeitszeit und -schutz sind die Kolchosbauern den Industriearbeitern nicht gleichgestellt. Ihre Leistungen werden in ein persönliches‘ Arbeitsbuch eingetragen, wobei ein Arbeitstag als Verrechnungseinheit gilt. Je nach Schwere, Kompliziertheit und Qualifikation werden alle Leistungen in bestimmten Bruchteilen oder in einer Mehrzahl von Arbeitstagen ausgedrückt. Die Abrechnung erfolgt am Ende jedes Landwirlschaftsjahres, und im Bedarfsfälle werden inzwischen Vorschüsse gewährt. So schwankt der Geldwert eines Arbeitstages in ein und demselben Kollektiv entsprechend der Ernte, den Einnahmen und vor allem dem von den Ablieferungen an den Staat nicht betroffenen Erzeugnisvorrat.

Kennzeichnend für den Kolchosaufbau ist eine restlose wirtschaftliche Abhängigkeit, die — trotz der Zusammenfassung mehrerer Millionen von Bauernhöfen — mangels notwendiger Erzeugungsmittel eine selbständige Betriebsführung unmöglich macht. Hatte die Landwirtschaft in der UdSSR, vor der Kollektivierung genug Pferde zu ihrer Verfügung, so war sie nach einem kaum glaublichen Niedergang der Tierzucht als Folge der rücksichtslosen bolschewistischen Agrarpolitik natürlich aut eine andere Zugkraft angewiesen. Ein Ausweg aus dieser Lage bot sich in dem bereits ziemlich fortgeschrittenen Uebergang zum maschinellen Bodenanbau.

Dabei ließ die Sowjetmacht nach verschiedenen Halbmaßnahmen die sog. Maschinentraktoren Stationen (abgekürzt; MTS.) errichten, in denen alle mechanischen Arbeitsmittel zusammengezogen wurden. Diese landwirtschaftlichen Stützpunkte, deren Inventar nicht den Kolchosen gehört, bedienten im Jahre 1938 nicht weniger als 93 v. H. der gesamten kollektivierten Anbaufläche. Zur Uebernahme bestimmter Arbeiten zwischen den MTS. und den Kolchosen wird ein vom Landwirtschaflskommissariat vorgeschriebener Normalvertrag getätigt, nach dessen Schluß die Abrechnung in Naturalien zu erfolgen hat. Wie schnell sich die Maschinenstationen entwickelten, ist aus nachstehenden Zahlen zu ersehen. Es gab im Jahre 1938: 6358 MTS. mit 394 000 Traktoren, 153 000 Mähdreschern und 60 271 Lastwagen (1937); außerdem hatten die Sowchose 85 000 eigene Traktoren und 26 600 Mähdrescher.

Diese bis zu fast 100 Proz. durchgeführte Mechanisierung hat indessen auch ihre Schattenseiten. Mindere Qualität von Maschinen sowjetischen Ursprungs, Mangel an erfahrenem Fachpersonal und mitunter Sabotage verursachen ziemlich lange Unterbrechungen in der Bedienung der Kolchose durch die MTS., was eine nicht immer befriedigende Ausführung beziehungsweise Verspätung von Arbeiten nach sich zieht. Andererseits sind gleichfalls gewisse volkswirtschaftliche Nachteile der übertriebenen Mechanisierung der Landwirtschaft zu verzeichnen. Es wirkte sich z. B. der katastrophale Rückgang des Pferdebestandes auf die Verringerung von natürlichen Düngemitteln aus.

Mit der Umstellung auf maschinelle Kraft ging selbstverständlich die Nachfrage nach den Landarbeitern stark zurück. Erforderte ein 1 ha Sommerweizen 230 Arbeitsstunden von Mensch und Tier, und Winlerweizen 281, so sind es jetzt laut Berechnung des Statistischen Zentralamtes der UdSSR, nur 9 Stunden Menschen und 2 ½ Stunden Traktorenarbeit. Schon bei Beginn der Maschinisierung wurden deshalb z. B. in den Kolchosen der Ukraine nicht mehr als 41 v. H. der vorhandenen Landarbeilerschaft voll ausgenutzt.

Eine Frage für sich bildete die Ueberwindung des passiven Widerstandes des kolchosfeindlichen Bauerntums und seine allmähliche Gewöhnung an die neuen Arbeitsformen. Was für harte Maßnahmen die Sowjetmacht dabei anwendete, zeigt u. a. der Beschluß des Zentralexekutivkomitees vom 7. August 1932, wonach die Kolchosbauern im Falle eines Diebstahls an Ernten, Vieh usw. zur Erschießung verurteilt werden. Diese drakonische Verfügung traf insbesondere die fast alltäglich gewordene Erscheinung des Abschneidens von Aehren am stehenden Getreide. Dazu kamen noch bewußte Schädlingsarbeit, Disziplinlosigkeit, Unwissenheit, Mangel an Organisationssinn usw. nicht nur unter den Kolchosbauern, sondern auch bei den zuständigen Behörden, was selbst die Sowjetregierung nach vier Jahren der Kollektivierungspolitik durch den Beschluß von 30. Januar 1933 öffentlich brandmarkt. Von einer endgültigen Regelung des landwirtschaftlichen Kollektivsystems ist jedoch trotz der 1934/35 festgestellten Besserung überhaupt keine Rede.

Bekanntlich waren in der ersten Zeit der Kollektivierung die Sowjetwirtschaften oder Staatsgüter, kurz „Sowchose“ genannt. jene Organisationsform, auf die der Bolschewismus seine ganze Hoffnung setzte. Eine besondere Aufmerksamkeit wurde dabei den Ost- und Südteilen der UdSSR, geschenkt, denn man dachte hauptsächlich an die Lösung des Getreide- und Viehzuchtproblems wie auch an die neuen, sog. technischen Landwirtschaftskulturen. Seinem Wesen nach ist ein Sowchos ein staatliches Unternehmen mit einem behördlich ernannten Direktor an der Spitze, einem für einzelne Sowchosarten amtlich festgesetzten Personalbestand und mit einem eigenen Maschinenpark. Alle Arbeitskräfte auf den Sowjetgütern werden nach allgemeinen Tarifsätzen entlohnt und genießen gesetzlichen Arbeitsschutz. Im Durchschnitt betrug 1938 die Anbaufläche eines Sowchos 2691,2 ha oder fast das Siebenfache eines Kolchos. Der gesamte Boden der bolschewistischen Staatsgüter machte im Jahre 1937 rund 62 Millionen ha aus.

Die einzelbäuerlichen Betriebe stellen in der sowjetischen Landwirtschaft eine verschwindende Gruppe dar. Es gab nämlich 1938 nur 1,3 Millionen selbständige Bauern, deren restlose Liquidierung im zweiten Fünfjahresplan vorgesehen war. Wohl aus diesem Grunde wurden mit dem 1. Januar 1938 statistische Veröffentlichungen über landwirtschaftliche Privatbetriebe überhaupt eingestellt.

Die bolschewistische Wirtschaftspolitik und die Entwicklung der Verhältnisse in der kollektivierten Landwirtschaft führten zwangsweise zum eindeutigen Uebergewicht des Kolchossystems, das seine Vorherrschaft stets auszubauen trachtet. Geht man von der Struktur aller drei Gruppen der landwirtschaftlichen Betriebe aus, so wird man den Vorrang der Kolchose damit erklären müssen, daß sie dem Sowjetregime bei minimalen Finanzanforderungen maximale Wirlschaftsvorteile bieten können.

Für jede Betriebsart der Sowjetlandwirtschaft gibt es besondere Normen der Produktionsverteilung zwischen den tatsächlichen Erzeugern und dem Staat. Am einfachsten steht es damit in den Sowchosen, die verpflichtet sind, ihre gesamten Vorräte unter Abzug der für das Fortbestehen des Betriebes erforderlichen Mengen an die Behörden abzuliefern.

Dagegen ist das Entnahmesystem in den Kolchosen äußerst verwickelt. Außer für verschiedene Getreidearten im einzelnen, so daß ein Tausch ausgeschlossen ist, werden die Staatsabgaben auch für Hülsenfrüchte und Sonnenblumenkerne festgesetzt, wobei die Hektarnorm sich nach der Fruchtbarkeit der Gegend richtet und davon abhängt, ob die betreffende Kollektivwirtschaft in das Netz der MTS. eingespannt ist. Dazu kommen noch die Schwankungen je nach Anbaukultur und -stufe. Am niedrigsten werden die neubebauten Bodenflächen „besteuert“, die man zuweilen von den Ablieferungen an den Staat auch gänzlich befreit. Im Jahre 1936 wurden von einem Hektar 0,6 bis 2,2 dz erhoben. Die Sowjetregierung vergütet die Kolchoserzeugnisse zum amtlichen Preis, der je nach den Gebieten alljährlich festgesetzt wird. Bei all ihrer Verschiedenheit und Unstetigkeit ist diesen Preisen gemeinsam, daß sie dem tatsächlichen Marktwert in keiner Weise entsprechen.

Neben der Entnahme von Naturalien aus den Kolchosen führen die Sowjetbehörden noch Getreideeinkäufe durch, die formell auf Freiwilligkeit des Bauerntums beruhen. ‚Jedoch dürfe eine „wirklich bolschewistische Kollektivwirtschaft“ — nach der Lesart der Regierungspropaganda — sich dem Verkauf des übrigbleibenden Erntevorrats an die Staatsorgane nicht entziehen. Daß die gesamte Ablieferungsmenge mit der Kollektivierung der Landwirtschaft bedeutend höher wurde, beweisen u. a. folgende Worte Stalins vom 7. Januar 1931:

„Die Partei hat es erreicht, daß sie nunmehr die Möglichkeit hat, statt 500 bis 600 Millionen Pud in der Zeit des Vorherrschens der individuellen Bauernwirtschaft 1200 bis 1400 Millionen Pud Getreide bereitzustellen.’*

Die Kolchose unterliegen außerdem einer Geldsteuer, die 3 v. H. der Bruttoeinkünfte beträgt. Dagegen haben die Staatsgüter 3 v. H. des Bruttoeinkünfte beträgt. Dagegen haben die Staatsgüter 1 v. H. Bruttogewinn das eine besondere Sowchosteuer zu zahlen.

Wie hart die Getreideabgaben an die Sowjetmacht den tatsächlichen Erzeuger treffen, ersieht man aus der statistischen Erhebung von 1934, wonach in 83 240 Kollektiven 1932 — 5,5, 1933 — 9,8, 1934 — 10,9 dz oder, auf die Kopfzahl einer Familie von 4,2 umgerechuet, bestenfalls 2,6 dz auf einen Menschen für ein Jahr entfielen. Zieht man noch den Bedarf an Futter usw. in Betracht, so wird einleuchten, daß die Ablieferungsnormen eine ausreichende Versorgung der Kolchosmitglieder keinesfalls gewährleisten können. Die Folge davon waten Unterernährung, Geburtenrückgang und Massensterblichkeit, die eine kaum vorstellbare Entvölkerung der Sowjetdörfer herbeiführten.

Später fand der Kolchosbauer einen Ausweg aus dieser trostlosen Lage teilweise durch seine — wenn auch sehr kleine — Privatwirtschaft auf dem Hofgrundstück, Durch ihre Erzeugung übertrafen diese Eigenbetriebe, in denen vorwiegend Gemüse und Hülsenfrüchte angebaut, sowie Kühe, Schweine und Federvieh gehalten werden, sehr bald die Kollektivwirtschaften. Es kam noch hinzu, daß die Initiative eines Bauern in seinem Privatbetrieb ihm bestimmte Aufstiegsmöglichkeiten bieten konnte, während er an der Gemeinschaft höchstens zur Hälfte interessiert war. Eine dauerhafte und sichere Wirtschaftsgrundlage auf seinem eigenen Boden konnte sich der Kolchosangehörige — angesichts der bekannten Einschränkungen jeder privatwirtschaftlichen Entwicklung in der UdSSR. — freilich unter keinen Umständen schaffen.

Aus diesem Grunde kam es in der Zeit der Totalkolleklivierung zur Landflucht, die von 1926 bis 1938 gewaltige Ausmaße annahm. Verließen doch in diesen zwölf Jahren rund 18,5 Millionen Bauern ihre Scholle und gingen in die sowjetischen Industriebetriebe. Besonders stark war die Abwanderung in die Städte unter der Dorfjugend, die der Erniedrigung der Kolchosbauernschaft durch den Bolschewismus um jeden Preis entrinnen wollte. Die Slaatskampagne für eine Vergrößerung der bisherigen Arbeitskader würde niemals einen so starken Erfolg gehabt haben, wenn sie nicht der Stimmung unter den Bauernmassen entsprochen hätte. Nur unter größten Schwierigkeiten und mit äußerster Mühe vermochten diese neuen Industriekräfte aus dem Kollektivdorf, sich den Lebensbedingungen in der Stadt anzupassen und in die Sowjetwirklichkeit einzufügen. Auch jetzt noch sind die Auswirkungen dieser sozialen Umwälzung in der UdSSR, nicht als überwunden anzusehen.

Je nach den Natur- und Kulturverhältnissen einzelner Teile des Sowjetraumes sind äußerste Buntheit und Mannigfaltigkeit der Viehwirtschaft zu beobachten, die mit der nomadischen Renntier- und Schafzucht in der Nordtundra und den Wüsten Mittelasiens beginnt und mit einer intensiven Milch- und Butterwirtschaft im Westen und Süden des Landes endet.

Der Grundsatz der Unterordnung der sowjetischen Landwirtschaft unter die Staatsleitung behält seine Gültigkeit auch für die Tierzucht, wobei die Moskauer Regierung selbst auf jene Gebiete keine Rücksicht nahm, in denen die Viehhaltung den ausschließlichen Zweig der landwirtschaftlichen Betätigung darstellt. Eben deshalb führten die Versuche zur Errichtung kollektiver Renntierwirtschaften und zur Zusammenfassung von Rindvieh- und Schafherden in ein und demselben Kolchos zu unermeßlichen Tierverlusten.

Die besonders auffallende Verringerung der Pferdezahl um 50 v. H. im Zeitraum 1929—38 erklärt sich wohl daraus, daß das Halten von Pferden nur den Kolchosen und Sowchosen erlaubt, den Kolchosbauern hingegen verboten war. Ebenfalls war es um das Rindvieh nicht viel besser bestellt, dessen Stückzahl im Jahre 1933 nicht einmal den Stand zu Beginn der Kollektivierung (1929) zu erreichen vermochte. Die in der UdSSR, herrschende Milchknappheit erscheint in Anbetracht der geschilderten Lage der Tierwirtschaft, des Bevölkerungszuwachses und der zu starken Verstädterung durchaus begreiflich. Lediglich die Schweinebestände von 1938 waren fast um 50 v, H. höher als am Anfang des ersten Fünfjahresplanes.

Für die sowjetische Viehwirtschaft ist die Tatsache bezeichnend, daß — während der kollektivierte Teil der Landwirtschaft des Grundstock und die kleinen Eigenbetriebe der Kolchosbauern kaum 4 v. H. der gesamten Saatfläche bilden — die Tierzucht in erster Linie auf den Hofgrundstücken getrieben wird.

Die Tierfarmen der Sow- und Kolchose unterscheiden sich vor allem durch ihren Umfang und die Zusammensetzung der Viehbestände. Selbstverständlich kann die Spezialisierung auf den sowjetischen Staatsgütern viel weitgehender als in den Kollektivwirtschaften durchgeführt werden. Verschieden steht es auch mit der Personalfrage in den Viehzuchtsowchosen, deren verantwortliche Kräfte von den Zentralbehörden in Moskau oder in den Hauptstädten einzelner Teilrepubliken ernannt werden und deren Angestellte den ge–setzlichen Arbeitsschutz genießen, und in den Kolchosbetrieben, wo man seinen Verdienst nach dem Arbeitstagesystem bezieht.

Werden in den Sowchosen die Tierzuchterzeugnisse an die zuständigen Stellen zu dem von der Regierung festgesetzten Preis abgegeben, so sind die Kollektivwirtschaften, ihre Mitglieder und die Einzelbauern zu den Ablieferungen von Fleisch, Milch, Butter, Schaf-und Ziegenwolle verpflichtet.

Es geht also aus allem Ausgeführten eindeutig hervor, daß das Kolchossystem in der Landwirtschaft für die Sowjetmacht vom Nutzen und für die Bevölkerung der UdSSR, nur vom Nachteil ist. Demnach stehen die Interessen der Volkswirtschaft im Gegensatz zu denen der Politik. An eine solche Schlußfolgerung zu denken, ist jedoch für die bolschewistische Führung gefährlich, und es bleibt ihr deswegen nichts anderes übrig, als nur auf angeblich ausgezeichnete Gesamterfolge der sowjetischen Agrarreform mit allem Nachdruck hinzuweisen.

Siehe auch:
Teilrepubliken-Sowjetunion
Sowjetunion-Staatsorgane
Sowjetunion-Wirtschaft
Sowjetunion-Technisierung
Ukrainer
Donkosaken
Krimtataren
Ingrier-Esten-Letten-Litauer
Weißruthenen-Weißrußland
Idel-Uraler
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Armenier
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Ostfinnen
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Die Ukraine als Arbeitsfeld für Deutsche und Deutsches Kapital

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    31. August 2017

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