Strassburg als Freie Reichsstadt

Dritte Periode (1592—1681).

Das Jahrhundert des grossen Kriegs.

Charakteristik des Jahrhunderts. — Der bischöfliche Krieg. — Der dreissigjährige Krieg. — Uebergang Strassburgs an Frankreich. — Daniel Specklin. — Befestigungsarbeiten. — Kunst und Kunstgewerbe. — Litteratur.

Die Zeit von 1592—1681 ist für Strassburg dadurch charakterisirt, dass es allmählich in den Machtbereich des französischen Staates hineingezogen wird, der seine Kreise um das alte Bollwerk deutscher Nation immer enger und enger zieht, um schliesslich die langersehnte Beute einzuheimsen. Zwei gewaltige Mächte standen sich gegenüber: das habsburgische Haus mit seinem Streben nach einer die Welt umspannenden Herrschaft, die es nicht ohne Vernichtung des Protestantismus erreichen zu können glaubte, und das französische Königthum, das, im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert zu höchster Macht im Innern aufgestiegen, soeben im Begriff war, die die Reichseinheit schädigende hugenottische Bewegung abzustossen oder unschädlich zu machen, beide Mächte durch und durch katholisch, jene fanatisch und bestrebt, alle Zwecke auf einmal zu erreichen, diese weitblickend und sicher, ihre Früchte reifen zu sehen. Zwischen diese beiden gewaltigen Kolosse gestellt, wurde Strassburgs Selbstständigkeit erdrückt; willenlos fiel es dem Geschickteren zur Beute.

Im Jahre 1583 hatte Erzbischof Gebhard Truchsess von Waldburg versucht, das Kurfürstenthum Köln dem Augsburger Religionsfrieden zuwider für den Protestantismus zu gewinnen; sonst häufig gezwungen, die Reformation in Bisthümern zu dulden, griff hier die kaiserliche Macht energisch ein, da es sich um den Bestand der katholischen Majorität im Kurfürstenkollegium handelte. Gebhard musste sein Erzbisthum aufgeben und begab sich nach Strassburg, wo er die Würde eines Domdechanten inne hatte. Mit ihm kam ein Gährstoff in das durchaus nicht streng katholische Kapitel. Als 1592 der Bischof Johann von Manderscheid starb, wählten die protestantischen Kapitelherrn den jungen Markgrafen Johann Georg von Brandenburg, während die katholischen ihre Stimmen dem mächtigen Kardinal Karl von Lothringen zuwendeten. Deutlicher konnten die Absichten der Wähler nicht kundgegeben werden; jede Partei suchte sieh bei dem nothwendiger Weise entbrennenden Kampfe eine mächtige Bundesgenossenschaft zu sichern. So kam es denn zu einem furchtbaren zwölfjährigen, dem sog. bischöflichen Kriege (1592—1604), in dem die Stadt Strassburg, entgegen ihrer sonstigen Gepflogenheit, Partei ergriff, und zwar für den protestantischen Bischof. Der Krieg fand sein Ende in einem Vergleich, den — das war das Schlimmste bei der Sache — Heinrich IV. von Frankreich vermittelte. Der Kardinal erhielt das Bisthum, der Brandenburger eine Entschädigung in Geld, Strassburg wurden seine furchtbaren Verluste nicht vergütet. Dafür zog in die Herzen der Bürger ein Groll gegen die deutschen Fürsten ein, welche die Stadt im Stiche gelassen hatten. Nach des Kardinals baldigem Tode wurde ein Habsburger auf den erledigten Stuhl erhoben ; man wollte die mühsam behauptete Position dadurch noch mehr befestigen. Auch der Jülich-Klevische Erbjolgekrieg (1609—1614) brachte dem Elsass neue Verwüstungen, der Stadt neue Verluste.



Der dreissigjährige Krieg liess Strassburg zunächst unberührt. Erst nach dem Sturze des böhmischen Winterkönigs schlug sich der protestantische Söldnerführer Mansjeld 1621 ins Elsass, um die in die Pfalz eingebrochenen Spanier, den habsburgischen Bischof und die österreichische Herrschaft im Oberelsass zu bedrohen. Bei Strassburg fand er die erwartete Hülfe nicht, da dieses seinen Frieden mit dem Kaiser gemacht hatte. Das Ansehen, das die Stadt noch immer genoss, lässt sich daraus abnehmen, dass, um ihre Neutralität zu gewinnen, der unduldsame Ferdinand II. die Erweiterung der protestantischen Hohen Schule zu einer mit allen kaiserlichen Privilegien ausgestatteten Universität gestattete. Erst das Restitutionsedikt von 1629 schreckte die Strassburger wieder auf. Der Kaiser verlangte ohne Weiteres von der Stadt die Herstellung des Zustandes von 1555. Mit Mühe und Noth wusste der Rath die Verhandlungen so lange hinzuziehen, bis Gustav AdolJ in erreichbarer Nähe anlangte und mit ihm ein Bündniss geschlossen werden konnte. Aber Gustav Adolf fiel 1632, die schwedischen Truppen wurden 1634 bei Nördlingen geschlagen; wiederum zog sich das Ungewitter drohend um Strassburg zusammen. Da waren es die Franzosen, denen man die Rettung verdankte. Unter Bernhards von Weimar kühner und kluger Führung schien noch einmal eine bessere Zeit für das Elsass kommen zu sollen. Aber auch er sank in der Blüthe der Jahre dahin; das Schicksal schien den Franzosen wohlzuwollen. Jahre lang zog sich der Krieg noch hin, furchtbar waren die Wunden, welche er Deutschland schlug, und als er endete, geschah es aus allseitiger Erschöpfung. Das Elsass, so weit es Österreichisch war, die verschiedenartigen Hoheitsrechte, welche das Haus Habsburg im Elsass ausübte, gingen an die Krone Frankreich über. Strassburg, wie alle unmittelbaren Reichsstände blieben beim heiligen Reiche; es war aber vorauszusehen, dass Frankreich in den verzwickten Bestimmungen des westfälischen Friedens Anhaltspunkte genug finden würde, je nach Befund seine Herrschaft weiter auszudehnen.

Die nächsten Jahrzehnte zeigen uns die allmähliche Ausdehnung der französischen Herrschaft über alle im nunmehr französischen Elsass enklavirten Gebiete. Im holländischen Kriege (1672—1678) warfen die Franzosen zum ersten Male die Maske der Freundschaft Strassburg gegenüber ab. Am 14. November 1672 liess Condé von Breisach acht Schiffe den Rhein hinabfahren und die Rheinbrücke verbrennen. Die Stadt stellte die Brücke wieder her; da aber der Regensburger Reichstag allen Bitten gegenüber taub blieb, musste sie sich soweit demüthigen, die Brücke selbst wieder abzureissen. Man kann sich keine traurigere Lage vorstellen, als die des Strassburger Rathes in dieser Zeit: mit Ausnahme weniger Franzosenfreunde war er fest entschlossen, sich vom Reich nicht abdrängen zu lassen, aber die ganz verschrobenen Verhältnisse zwangen ihn einen Schritt nach dem andern vor der französischen Macht zurückzuweichen, wodurch er noch obendrein den Unwillen der deutschgesinnten Bevölkerung, die sich bisweilen zum wirklichen Aufruhr hinreissen liess, erregte, da man sich die Politik des Rathes nicht anders als durch Verrath und Bestechung erklären konnte. Bei alledem kann von so etwas durchaus keine Rede sein. Dass es in Strassburg Leute gab, welche aus Ueberzeugung den Anschluss an Frankreich verfochten, und dass diese Leute in den ersten Jahren nach der französischen Besitzergreifung besonders hervortraten, Hegt in der Natur der Sache. Am ersten liesse sich noch der Vorwurf unlauteren Vorgehens gegen den Bischof Frans Egon von Fürstenberg erheben, der 1674 seiner offenbaren französichen Gesinnungen wegen seiner Stimme und seines Sitzes auf dem Reichstage beraubt wurde und schon vor der Einnahme Strassburgs eine jährliche Rente von Ludwig XIV. bezog; doch das ist in jenen Zeiten auch sonst nichts Unerhörtes. Nein, die Zerrissenheit des deutschen Reichs, die Zerfahrenheit, vor .allem seiner protestantischen Fürsten, die Engherzigkeit der Habsburger trieb Strassburg, sehr gegen seinen Willen, dem französischen Nachbarn in die Arme. Vorläufig wurde der Stadt noch eine Gnadenfrist gewährt. Im Juli 1678 wagte der Marschall Crequi nicht die Stadt anzugreifen; er nahm die Kehler Schanze, verbrannte das Dorf und 21 Joch der Rheinbrücke, und sandte von der Zollschanze am kleinen Rhein in die Stadt eine Kugel als Gruss, die an der Stelle, wo sie das Münster traf, durch eine Inschrift verewigt wurde, welche schloss: „Gott wolle die Kirch und die Stadt, so lange die Tage des Himmels währen, ferner gnädiglich bewahren.“ Aber die Tage ihrer Reichsfreiheit waren gezählt. 1680 wurden die Reunionskammern (Chambres de Réunion) errichtet, Gerichtshöfe, welche die letzten Friedens Verträge durchstöbern sollten, um die zweifelhaften Stellen ausfindig zu machen, an die sich die Ländergier Ludwigs XIV. heften könnte, um weiteren Raub zu maskiren. Was für ein Hohn in der That! Ein vom französischen Könige eingesetztes Kollegium sollte über internationale Fragen zu Gericht sitzen! Die Reunionskammern timten ihre Schuldigkeit, grosse Gebiete deutschen Landes wurden als der französischen Krone zuständig erklärt. Am 6. August 1680 sprach die Kammer zu Breisach aus, dass Strassburg dem Könige den Huldigungseid zu leisten habe. Die Stadt suchte noch einmal das Reich für ihre Noth zu interessiren. Der Kaiser that sogar einige Schritte, aber die Schwerfälligkeit seiner Unterhändler, das Misstrauen der Strassburger gegen ihn, der ihre Nothlage ausbeuten wollte, machten dieselben wirkungslos. Die Franzosen zogen ihre Truppen im Elsass zusammen; in der Nacht vom 27. auf den 28. September 1681 nahmen sie die Zollschanze diesseits des kleinen Rheins, zogen über die Brücke und setzten sich in der Kehler Schanze fest. Noch einmal flammte die Begeisterung der Bevölkerung auf, aber an Widerstand war nicht zu denken. 30000 Mann standen südlich der Stadt in und um Illkirch und hier wurde am 30. September die Kapitulation mit Louvois abgeschlossen: die Stadt blieb bei allen ihren Freiheiten und Rechten, nur wurde die Benutzung des Münsters den Katholiken zurückgegeben, Appellation an das französische Gericht in Breisach in Rechtsstreitigkeiten von über 1000 Franken gestattet, die Waffen und die Munition des Zeughauses ausgeliefert. Die Stadt wurde sofort besetzt, am 4. Oktober leistete der Rath dem französischen König den Eid der Treue und begann Vaubari die Citadelle zum Schutze und zur Beherrschung der Stadt. Am 23. Oktober traf Ludwig XIV. in Strassburg ein; er hatte es eilig, sich seiner Beute zu versichern. An der Pforte der wieder gewonnenen Kathedralkirche empfing ihn der Bischof und versicherte, nachdem er durch Ludwigs königliche Hände in den Besitz seiner Kirche eingesetzt sei, könne er mit dem lieben alten Simon sagen, dass er nunmehr das Ende seiner Tage in Frieden und mit Freuden erwarte (Lukas 2, 25). Ein Schrei der Entrüstung ging durch das Reich, aber was war zu thun? Es war die Zeit, wo Ludwig XIV. die frohe Botschaft erwartete, dass Wien in die Hände der Türken gefallen sei. Am 15. August 1684 erkannte das Reich die Annexion Strassburgs und Kehls vorläufig an, der Ryswicker Friede vom 30. Oktober 1697 trat die Stadt definitiv an Frankreich ab, während Kehl zum Reich zurückkehrte.

Man könnte versucht sein zu glauben, die Befestigung der früher als uneinnehmbar geltenden Stadt sei zu dieser Zeit in sträflicher Weise vernachlässigt gewesen; das ist aber durchaus nicht der Fall. Im Gegentheil war die Stadt auch in diesem Jahrhundert, soweit ihre Mittel, die durch die schwere Kriegszeit natürlich immer beschränkter wurden, es gestatteten, eifrig bemüht, sich ihre Uneinnehmbarkeit zu erhalten. Im besonderen tritt uns hier der Name eines Mannes entgegen, der bisher, wenn von Strassburgs Baugeschichte die Rede war, als einer der ersten genannt wurde, Unverdientermassen, wie die neuesten Forschungen ergeben haben. Ich meine Daniel Speckliu, dessen Leben in eine frühere Periode fällt, der aber in Verbindung mit der Befestigung Strassburgs an dieser Stelle genannt werden muss. 1536 zu Strassburg geboren, lernte er als Seidensticker und Formschneider und begab sich 1552 auf die Wanderschaft, die ihn 1555 nach Wien führte. Hier war er unter dem kaiserlichen Ingenieur Hermann Schallantzer im Festungsbauwesen thätig, an dem er auf seinen Wanderungen Interesse gewonnen haben mochte, und wirkte auch an der Befestigung einiger ungarischen Städte mit. Weitere Wanderungen lehrten den lebhaften, unbeständigen Jüngling Polen und Skandinavien kennen; 1560 war er in Antwerpen, 1561 wiederum in Wien, 1564 in Strassburg, wo er sich dem Rath durch Anfertigung eines grossen Stadtplanes angenehm zu machen suchte. Aber die Herren hielten das ihnen vorgelegte, noch nicht ganz vollständige Werk für gefährlich, untersagten seine Fertigstellung, verlangten die Einlieferung des Hergestellten und zahlten ihm eine Entschädigung für seine Mühe. Bald darauf war Specklin in Düsseldorf, 1567 in Regensburg; hier trat er mit dem kaiserlichen Feldhauptmann Lazarus Schwendi in Verbindung. 1569 wurde er von Schallantzers Nachfolger Carlo Tetti nach Wien berufen, wo er bis 1571 der kaiserlichen Rüstkammer Vorstand. 1572 war er schon wieder im Elsass im Dienste des Herrn Samson von Fleckenstein, 1574 dem Herzog von Bayern bei der Befestigung von Ingolstadt behilflich, wo man ihm aber der Glaubensverschiedenheit halber nicht recht getraut zu haben scheint, und dann in Regensburg thätig. 1576 finden wir ihn wieder in Strassburg, wo er die von ihm entworfene Karte des Ober- und Unterelsasses fertig stellte, deren erstes Exemplar er 1577 dem Rate überreichte. Das Datum 1576 tragen auch die hier zum grossen Theile wiedergegebenen Zeichnungen der Befestigung Strassburgs, die Specklin zugeschrieben werden. 1577 endlich entschloss sich der Rath, in dessen Mitte er viele Gegner gehabt haben muss, ihn in städtische Dienste zu nehmen und schuf für ihn das Amt des Stadtbaumeisters; einerseits kamen die Einzelhonorare, die Specklin forderte, zusammen höher als eine jährliche Besoldung, andererseits wusste man, dass Specklin die Befestigungen Strassburgs zu genau kannte, um nicht unter Umständen gefährlich werden zu können. Das Merkwürdigste ist nun, dass während Specklins Amtsthätigkeit von 1577 bis 1589, wo er starb, ausnahmsweise wenig an der Befestigung gebaut wurde, dass Mitte der achtziger Jahre immer wieder Klagen über seine Unthätigkeit laut wurden, dass er fast fortwährend unterwegs war, um bei Fürsten und Städten Gutachten über Befestigungsanlagen abzugeben, dass ihm etwa 1584 ein Gehülfe in der Person des Büchsenmeisters Neuner gegeben und bald darauf auf dieses Neuner Antrag ein bekannter niederländischer Baumeister Kornpütt herangezogen wurde, der Specklins Ansichten schroff entgegentrat. Trotzdem scheute man jedesmal wieder vor seiner Entlassung zurück. 1589 erschien seine „Architcctura von Vestungen“, der es ohne Zweifel zuzuschreiben ist, dass sein Name einen so guten Klang gewonnen hat. Es ist ein Band von 120 Folioblättern Text und vielen sehr zierlich ausgeführten, geschmackvoll kolorirten Bildern. Es wird von den Fachleuten als Specklins Verdienst angesehen, dass er die in Deutschland, Italien und den Niederlanden gelegentlich gemachten Erfahrungen und Versuche zu einer Theorie zusammenfasste. Dass er aber seine Theorie bei der Strassburger Befestigung in die Praxis übersetzt habe, dass unter seiner Leitung eine vollkommene Aenderung in der Befestigungsweise eingetreten sei, wie man behauptet hat, ist aus den Thatsachen nicht ersichtlich. Zwar soll er schon 1577 einen Plan über „die gantze Zarg (Umwallung), wie sie soll verbessert werden auf einen newen Model“, eingereicht haben; doch widerspricht dem, dass er am 7. September 1587 wieder ein Werk dem Rate anbietet, „wie E. G. (Euer Gnaden, die Herren Dreizehner) heutt oder morgen künnen und mögen diese Statt mit ett-lichen und aller handt Verbesserungen, auch mit rechten volkomnen gantzen ge-bewen zu wasser und landt vilweg künnen virnemen“; von einem früher eingereichten allgemeinen Plan ist keine Rede. Auch diesmal scheint „meinen Herren“ der Entwurf Specklins recht gleichgültig gewesen zu sein, wie er denn augenscheinlich in den letzten Jahren seines Lebens schlecht behandelt worden ist. So wird auch dieser Entwurf Entwurf geblieben sein. Es wird in der That bis 1633 ganz in der früheren Weise ohne bestimmten Plan bald hier, bald dort an der Stadtbefestigung weiter gearbeitet, im wesentlichen zu dem Zwecke, die Wirkung des Geschützes abzuschwächen: es werden neue Wälle gebaut, alte erhöht, getrennt stehende Stücke verbunden. Thorthürme werden erniedrigt und mit Wachtstuben versehen, überflüssige Wasserläufe zugeworfen, Fallgatter in den Thoren, bei manchen sogar doppelt, angebracht, an einigen Thorpassagen gewölbte Gänge hergestellt.

Als aber nach dem Tode Gustav Adolfs 1632 die Befürchtung erwachte, dass die mit den Schweden verbündete Stadt Strassburg angegriffen werden könne, nahm sie auf Anrathen des Feldmarschalls Gustav Horn den ehemaligen schwedischen General-Ingenieur, Oberstlieutenant Mörshäuser in Dienst, nach dessen Plan eine Befestigung nach dem Bastionärsystem sofort begonnen wurde. Am 10. Mai 1633 wurde der erste Spatenstich zwischen Kronenburger- und Weissthurmthor am Heidenbollwerk gethan, das an der Stelle des heutigen Hauptbahnhofs lag. Man benutzte wo es ging, die alten Anlagen, z. B. die „runde Wehre“ am Kronenburger Thor; aber im Ganzen bekam die Befestigung ein vollständig neues Gesicht, was man am besten erkennt, wenn man den nach Specklin’s Modell von L. Weissandt gezeichneten Plan von 1577 (in Hegel’s Städtechroniken, Band IX) mit dem 1680 vergleicht.Vom rechten Ufer des Illeinflusses an wurden um die Stadt 16 Bollwerke (Bastionen) gezählt, von denen zwei zum Finkmatt-Kronwerk vereinigt waren. — Zunächst nahm man 1633/34 die gefährdetste Seite der Stadt, die Westfront, in Angriff und legte ausser dem genannten Heidenbollwerk das Roseneck- und das Steinstrasserbollwerk, sodann das Finkmatt-Kronwerk an. 1636 begann man die Bastionen am Elisabethenthor, das jetzt geschlossen wurde, und nahe dem Spital; heute sind diese beiden durch einen die Spitze der Bastionen verbindenden geraden Wall vereinigt und umschliessen eine Reihe medizinischer Unterrichtsinstitute. Im gleichen Jahre fing man auch am Klapperthurm (nahe der heutigen Grandidierstrasse) zu bauen an. Doch scheinen die Arbeiten bald ins Stocken gerathen und jedenfalls so lange lässig betrieben worden zu sein, bis die sich immer drohender gestaltende Politik Ludwigs XIV. in den sechziger Jahren zur Inangriffnahme neuer Bauten am Metzgerthor und an der Strecke zwischen Weissthurmthor (83) und Illeinfluss, sowie zur Vollendung der begonnenen Bauten drängte. Man legte in den siebziger Jahren eine grosse Anzahl von Ravelinen an, vor dem Spitalthor, dem Fischerthor, dem Judenthor (95), dem Steinthor, dem Kronenburger- und dem Weissthurmthor, am Einfluss des Rheingiessens (117), links am Ausfluss der Ill, zwischen Finkmatt und Roseneck, einen Halbmond vor dem Roseneck und ein Hornwerk zwischen dem Kronenburger Thor und dem Heidenbollwerk. Wo die Wälle noch unterbrochen waren, wurde der Zusammenhang hergestellt. — Der Beginn des dreissigjährigen Krieges veranlasste die Strassburger auch ihren Rheinübergang zu befestigen. 1619 begann man das Dorf Kehl, das auf der Stelle der heutigen Stadt gleichen Namens lag, zu umschanzen und beendigte diese Arbeit 1633. 1622 wurde vor dem kleinen Rhein die Zollschanze angelegt, die 1671 erweitert und seitdem auch Sternschanze genannt wurde. 1671 warf man am Ende der grossen Rheinbrücke zu deren Deckung eine Schanze auf und errichtete auf der Rheinbrücke zwei Blockhäuser mit je vier Geschützen. 1676 endlich schritt man zur Erbauung der Rheinschanze auf der Insel zwischen dem grossen und dem kleinen Rhein. Im Jahre 1681 waren also an Befestigungen am Rheinübergang die Zoll- oder Sternschanze diesseits und die Rheinschanze jenseits des kleinen Rheins, ferner die Kehler Schanze jenseits des grossen Rheins vorhanden; ausserdem war Kehl selbst mit Erdwerken umgeben. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass diese Arbeiten sowie die gesammte Bastionärbefestigung der Stadt vollendet waren in dem Moment, wo Ludwig XIV. seine Hand auf die Stadt legte: seine Kampfmittel waren wirksamer als Geschütze und Laufgräben.

Auf dem Gebiet der Künste hat dies Jahrhundert in Strassburg fast keine Leistungen aufzuweisen, kaum dass im Anfang desselben einige Privatleute noch den Sinn für stylgemässen Aufbau und künstlerische Ausstattung ihrer Häuser bewahrten. Die Bevölkerung nahm um ein Drittel ab: beim Uebergang in die französische Herrschaft zählt Strassburg 22000 Seelen. Die Finanzen der Stadt wie der Einwohner gingen in erschreckender Weise zurück, und woher sollte bei diesen unsicheren Zeitläuften die Freudigkeit und das Zutrauen kommen, das zur Inangriffnahme grösserer Unternehmungen nöthig ist? Von Strassburger Bauleuten werden die beiden Heckler, Vater und Sohn, als hervorragend tüchtig genannt. Der letztere, Hans Georg, liess, als im Jahre 1654 der Blitz die Münsterpyramide bedeutend beschädigt hatte, ein gewaltiges Gerüst um dieselbe errichten und den Thurm um fast 20 m abtragen. Nach drei Jahren war der Schaden gut gemacht. Sehr werthvoll sind die Aufzeichnungen, die er über das Münster hinterlassen hat. — Das Kunstgewerbe, das wie die Kunst, in den Rahmen der Zünfte hin ein gepresst war, hatte unter dem Niedergange dieser Einrichtung zu leiden. Aus einem zum Schutze der Kunst und des Handwerks gebildeten Verbände wurde eine den freien Wettbewerb ausschliessende Genossenschaft privilegirter Familien. Das Wirthschaftsgcbiet einer Stadt war für die neue Zeit zu klein. Es war daher das Bedürfniss nach neuen Bildungen vorhanden, denen sich die bestehenden Institutionen entgegenstemmten. Diese Verhältnisse waren für die Entwickelung bedeutender Künstler nicht günstig; es mögen nur Isaak Brunn, Frans Brunn und Matthias Greuter als gute Kupferstecher genannt sein.

Für die Entwickelung einer dramatischen Literatur ist Strassburg durch sein Theater auf dem „Grasboden“ des Protestantischen Gymnasiums noch immer von hervorragender Bedeutung; auf ihm wurden die lateinischen Stücke von Kaspar Brülow, einem geborenem Pommer, der in Strassburg seine zweite Heimath gefunden hatte, und die deutschen von Wolf hart Spangenberg aufgeführt, einem gelehrten Theologen, der im Anschluss an die Strassburger Meistersingerschule in lehrhafter Behaglichkeit sein Publikum zu unterhalten wusste. Schliesslich mag noch der wackere Johann Michael Moscherosch genannt sein, zwar im rechtsrheinischen Willstädt geboren, aber seiner Erziehung und Bildung nach ein Strassburger. Die traurigen Zeitereignisse kräftigten wie bei vielen seiner Landsleute auch bei ihm die Anhänglichkeit an alles Deutsche. Rührend naiv spricht sich dies in den „Wunderlichen und wahrhaftigen Gesichten (= Visionen) des Philander von Sittewald“ (Anagramm von Willstädt) aus, wo er die auf der Burg Gross-Geroldseck bei Zabern versammelten Helden Ariovist, Armin, Wittekind u. a. ihren Unwillen und ihren Kummer über die Verwälschung Deutschlands aussprechen lässt. „O alte Mannheit! o alte deutsche Tapferkeit und Redlichkeit, wo bist du hin geflogen?“

Moscherosch mochte die Einnistung der Franzosen am Oberrhein nicht mit ansehen. Er verliess Strassburg und trat in hessische Dienste. 1669 ist er in Worms gestorben.