Stuttgarts neuer Bahnhof und seine Umgebung

Wenn es heute noch Leute gibt, die die naive Frage aufstellen, ob denn ein neuer Bahnhof für Stuttgart durchaus das Wichtigste sei, so muss man über eine solche Aeusserung den Kopf schütteln. Denn auch diejenigen, welche sich gern in die Zeit „des Postgangs und des Trabs“ zurückversetzen, werden, wenn sie einmal die Verhältnisse auf dem alten Bahnhof an eigenem Leibe erfahren haben, dahinter gekommen sein, wie notwendig ein neuer ist. Die Frage, der Nützlichkeit eines solchen braucht daher wohl nicht erörtert werden. Vor genau 76 Jahren, zur gleichen Zeit, als die ersten Droschken fuhren, wurde der erste Eisenbahnzug van Cannstatt aus nach Stuttgart-Ludwigsburg abgelassen, da Cannstatt viel früher einen Bahnhof hatte als die damalige Residenz. Der Zug hatte in Stuttgart eine Stunde Aufenthalt, zum Entsetzen derer, die nach Ludwigsburg wollten.

Erst am 13. Mai 1867 wurde der von Morlock und Wolff erbaute Bahnhof dem Betrieb übergeben. Dass dieser alte Bahnhof überhaupt so lange den gesteigerten Bedürfnissen einer grossen Stadt genügen konnte, ist zu bewundern. Nun ja: wenn der Krieg nicht gekommen wäre, hätten wir ja den neuen Bahnhof schon längst.

Man mag über das Gesicht dieses neuen Bahnhofs denken wie man will: zum Charakter unserer Zeit passt es ausgezeichnet. Die äusseren Masse sind grosszügig und für die Zukunft berechnet. Der Bürger wird sich sehr bald mit dem neuen Bahnhof befreunden, wenn er sich über seine Zweckmässigkeit vollkommen überzeugt hat. Er wird schon zufrieden sein, wenn er nicht mehr so lange vor den Schranken der Bahnsteige warten braucht und wenn ihn nicht mehr das erschütternde: Achtung! des Gepäckwagenschiebers bei Seite schleudert. Wir haben gewiss zu Anfang noch mit manchen Unvollkommenheiten zu rechnen, die sich erst nach und nach regeln lassen werden.

Ohne mich ausführlich auf die innere Beschaffenheit der Anlage einzulassen, möchte ich das Gesamtbild als solches betrachten. Bevor der alte Bahnhof mit all seinen baufälligen Nebengebäuden und Häusern und Hütten, Unterführungen und Gleisanlagen nicht verschwunden ist; bevor auch das Areal des neuen Bahnhofs mit all seinen Plänen und Projekten nicht seine Bestimmung erfahren hat, kann man so wie so noch nicht von einem Gesamtbild sprechen. Dazu ist noch alles viel zu unvollkommen und zu lückenhaft. Und doch: seitdem an der Ostseite der Bretterverschlag verschwunden ist, seitdem die letzten Häuser der vorderen Schillerstrasse dem Erdboden gleich gemacht worden sind, „man sieht doch, wo und wie!“ Unwillkürlich klettert der Blick jedes Neugierigen an dem massiven Steinturm empor, dessen Uhr noch immer keine Zeiger hat. Da macht sich nun so mancher seine Gedanken, wie das dann wohl sein wird, wenn man in dem Fahrstuhl bis auf die Plattform gezogen wird, um sich droben vom Winde ausblasen zu lassen, Umschau zu halten, oder gar, wie manche sagen, sein Glas Tee zu trinken. Nun: eines der höchsten Erhebungen wird es ja wohl in der Stadt sein, und es mag sich von droben ganz prächtig in die Weite schauen lassen. Der schönste Anblick wird wohl der in den nahen Schlossgarten sein, der sich nach Eröffnung des Bahnhofs überhaupt wohl eines äusserst regen Besuchs zu erfreuen haben wird.

Kann sich der Laie auch eine Vorstellung machen von der allernächsten Umgebung des Riesenbaues, so vermag er das nicht, was die entferntere Nachbarschaft anbelangt. Denn schon hat sich das Urprojekt des Marstalls verändert, und wer weiss, ob nicht noch manchmal der Plan umgestossen werden wird. Wie dem auch sei: schon hat der „lange Stall“ von der Solitude die rechte Ecke des oberen Teils verloren, und damit ist er gewissermassen schon zerstört worden. Wenn jemand eine Geschichte über das Marstallgebäude schreiben wollte, dürfte er nicht vergessen, in die Mansardenwohnungen zu schauen, wer darin einst gewohnt hat. Es war von jeher ein sogenanntes herrschaftliches Gebäude mit den Kanzleien des Oberstallmeister – Stabs, der Land-Gestüts-Kommission und der Land-Gestütskasse. Unten war der Marstall. In dem Gebäude wohnten nun alle höheren und unteren Beamten jener Behörden: die Stallmeister, die meistens von Adel waren (wie v. Hügel, v. Reischach, v. Taubenheim u. a.), die Bereiter und alles Personal, das mit dem Marstall in nähern oder weitem Beziehungen standen. Feodor Wehl, der fünfzehn Jahre lang Intendant des Theaters war, hat auch einmal längere Zeit in einer der Mansarden gewohnt: „die mir darin gebotene Dienstwohnung sah mich öde und grämlich, jedenfalls wenig anheimelnd an“, schreibt er in seinen Erinnerungen.

Die neue Zeit hat die Poesie, die trotz der Luft der Pferdeställe über diesem Riesenbau lag, verdrängt. Wies er auch weder innen noch aussen auffallende Merkwürdigkeiten auf, schien besonders der weite Hof öde und ermüdend: auch er hatte sein Anziehendes, und wenn das nur in den beiden einfachen Laufbrunnen bestanden hätte. Die sind freilich gleichfalls ein Opfer des Umbaus geworden, und sie werden wohl nirgends mehr aufgestellt werden.

Untergang des Alten und Aufblühen des Neuen ist das Los, ist Schicksal! Der Alt-Stuttgarter, der zu all dem Neuen, das ihn jetzt umbrodelt und umbraust, missbilligend die Nase rümpft, weiss nicht, was er sagen soll. Er geht wohl auch zu einer Stunde am Sonntag die Königstrasse entlang bis zu der Stelle, wo das Königstor stand, blickt sich verwundert um, schüttelt den Kopf und erholt sich von seinem Schrecken auf einer Bank im Schlossgarten. Ein anderer, ein Kind seiner Zeit, kann es nicht erwarten, bis hier die Strassenbahn die ersten Gäste zur Bahn bringt und der erste Zug in die Hallen donnert!

Hanns Baum.

Siehe auch:
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Lokomotiven für das Ausland
Die Lokomotivfabrik
Das Stammwerk als Zulieferer der Lokomotivfabrik
Von Kohle und Erz zur Lokomotive
Krupp-Lokomotiven im Bild
Lokomotiven für die Deutsche Reichsbahn
Enstehung und Entwicklung der Firma Orenstein & Koppel-Arthur Koppel Aktiengeselleschaft
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