Schlagwort: 18. Jahrhundert

Frankreichs Griff nach der Herrschaft.
Die Freimaurerlogen peitschen auf.

In der Mitte des 18. Jahrhunderts war in England die gefährliche Gesellschaft der Freimaurer entstanden. Von hier aus zog sich das Netz ihrer „Logen“ mit „Brüdern“, „Meistern“ und „Großmeistern“ über alle Länder.

Die Freimaurer waren ein Geheimbund und erkannten sich an geheimen Zeichen. Wer eintrat, mußte einen furchtbaren Eid schwören, daß er nichts von ihren Taten und Plänen verraten wolle. Bald traten auch Juden in die Freimaurerlogen ein und übernahmen in den „Hochgraden“ die Führung. Durch eine „Weltrevolution“ wollten die Freimaurer „Throne und Altäre“ stürzen und eine „Weltrepublik“ errichten. Auch die Völker sollten verschwinden und in einer einzigen, großen Mischrasse untergehen. Das nannten die Freimaurer „Menschenveredlung“ und „Menschheitsbeglückung“. „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ waren die Schlagworte, mit denen sie das Volk einfingen. Sie sorgten dafür, daß ihre Meister überall an die führenden Stellen kamen. Sie wurden Minister und Generale, sie schrieben die Zeitungen und beeinflußten dadurch die Öffentliche Meinung; sie bestimmten durch ihr Geld Kunst und Wissenschaft. Und überall arbeiteten sie geheim für ihre verderblichen, internationalen Ziele. Auf diese Weise verfälschten sie den Willen zur Freiheit und zu einer neuen völkischen Lebensordnung, der sich besonders bei den nordischen und nordisch geführten Völkern regte. Sie lenkten diese gewaltige Kraft in eine Richtung, die zur Weltherrschaft des Judentums führen mußte.

Eine blutige Revolution.

In Frankreich fanden die Freimaurer einen besonders günstigen Boden. Der „Ruhm“ des Landes war in den Kriegszügen gegen Friedrich den Großen, bei Roßbach, verflogen; die Kolonien hatte England geraubt. Das verschwenderische Leben der Könige hatte eine große Schuldenlast auf das Land gelegt. Die ganze Last ruhte auf den Bauern und armen Bürgern, die zwar alle Steuern zu zahlen, aber im übrigen den Mund zu halten hatten. Sie waren politisch ohne alle Rechte. Adel und Geistlichkeit waren steuerfrei. Darauf baute die Freimaurerei ihren furchtbaren Plan, die Vorbereitung der Revolution. Sie predigten die „allgemeinen Menschenrechte“ und versprachen dem Volke „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“. Einer der Hetzer fragte in einer Flugschrift, warum man den germanischen Adel nicht wieder in die Wälder Deutschlands zurückjage. König Ludwig XVI. war zu schwach, dem Treiben Einhalt zu gebieten. Der aufgehetzte Straßenpöbel 1789 stürmte das Staatsgefängnis, die Bastille, befreite die darin befindlichen Verbrecher und machte die Wache nieder. In wüstem Zuge trug er die Köpfe der Erschlagenen durch die Straßen. Diese Mordtat und Verbrecherbefreiung feierte Frankreich lange als seinen Nationalfeiertag, als Geburtstag der „Demokratie“, der „Volksherrschaft“. Immer schlimmer wurde die Lage des Königs, der keinen Mut und keine Kraft hatte. In ihrer Verzweiflung schrieb die Königin Marie Antoinette, eine Tochter Maria Theresias, an ihren Bruder, den deutschen Kaiser:

„Nehmen Sie sich dort unten gut in acht vor jeder Freimaurerverbindung. Die hiesigen Ungeheuer rechnen darauf, in allen Ländern das gleiche Ziel zu erreichen. O Gott, schütze mein Vaterland und Sie vor solchem Unglück!“

Deutsche Geschichte

DIE politische Konstellation war, wie gesagt, zu Beginn des 18. Jahrhunderts in Österreich eine für Entwicklung der Künste überaus günstige. Nicht nur die überwiegende Macht der Habsburger in Mitteleuropa, als der einzigen Dynastie, welche mit der Glorie Ludwigs XIV. wetteifern konnte, sondern speziell die Beziehungen zu anderen kunstreichen Ländern, zu den Niederlanden, zu Spanien und vor allem zu Italien hatten den Sinn für Prachtentfaltung und Kunstpflege in Österreich erweckt. Früh hatte hier eine imponierende Sammeltätigkeit begonnen, welche auf Gemälde berühmter Meister, auf Prunkwaffen und Geräte, auf Münzen und Medaillen, sowie auf kostbare Bücher ihr Augenmerk richtete. Nun kam dazu, daß infolge des spanischen Erbfolgekrieges Österreich zur Vormacht in Oberitalien gelangte, nachdem in Venedig, Mailand, Genua usw. die anderen Einflüsse zurückgedrängt waren.

Nebenlinien des Hauses Habsburg hatten in den wichtigsten alten Kunststätten die Herrschaft inne. Noch heute sind die ererbten Titel der Großherzoge von Modena und Toskana, der Parma und Este im Brauch; noch heute sind die Namen alter italienischer Geschlechter in Armee und Kirche Österreichs vielfach vertreten: die Orsini, Colloredo, Montecuccoli. Dazu kam die Übereinstimmung der religiösen Gesinnung, der gottesdienstlichen Formen.

Zunächst kam dieser lebhafte Austausch hoher Kulturwerte in der Baukunst zum Ausdruck. In Wien und Umgebung, besonders am Donaustrom, entstanden herrliche Kirchen, Klöster und Schlösser, entfaltete sich ein Zusammenwirken von Baumeistern, Steinmetzen, Tischlern, Malern, Goldschmieden usw., von dessen Intensität und Gewissenhaftigkeit man gerade in jüngster Zeit durch Publikation von zahlreichen in Archiven verborgen gewesenen Dokumenten überzeugende Kunde erhielt.

Alt-Wien; die Geschichte seiner Kunst

Viertes Kapitel

Die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts ist die Zeit, in der die stehenden Heere aufkommen, das 18. Jahrundert die, in der sie sich entwickeln.

Sie kamen mit dem Absolutismus als politischer Doktrin, denn sie waren das Element der Macht, auf das er sich stützen mußte, wollte er sich durchsetzen, aber sie haben sein Absterben überlebt. Da das Deutsche Reich nicht absolut regiert wurde, so besaß es auch nur die Bruchstücke einer Armee. Im Jahre 1681 hatte der Reichstagbeschlossen, eine Armee von 40000 Mann dauernd unter den Fahnen zu halten, und zwar 28000 Mann Infanterie und 12000 Mann Kavallerie. Diese Anzahl hieß das Simplum, 1702 wollte man es verdoppeln und später sprach man sogar davon, es zu verdreifachen; die Abneigung des Kaisers, der fürchtete, diese Truppen möchten bei Gelegenheit gegen ihn verwendet werden, hat das aber stets verhindert. Jeder Reichsstand hatte, der Kopfzahl seines Territoriums entsprechend, sein Kontingent zu stellen, die kreisweise zu Regimentern zusammengezogen wurden. Wie bei allen Angelegenheiten, die von Reichswegen gemeinsam unternommen werden sollten, ging es auch hier, das Beste blieb auf dem Papier. Die größeren Länder wollten ihre Leute nicht hergeben, die kleineren das Geld sparen, und da in allen Fällen, in denen das Auftreten einer Reichsarmee notwendig gewesen wäre, die Stände von dem Mißtrauen erfüllt waren, der Kaiser werde sich der Reichsarmee doch nur zur Erreichung seiner Privatzwecke bedienen, so hielt jeder mit seiner Leistung zurück, selbst das Simplum wurde nicht erreicht, und die Reichsarmee hat in Wirklichkeit wohl niemals mehr als 20000 Mann gezählt. Die Beschaffenheit der Truppen kennzeichnet am besten die Tatsache, daß die Regimenter aus den verschiedensten Kontingenten bestanden, so stellte Biberach z. B. mit Nördlingen zusammen eine Kompagnie von 175 Mann zum Regiment Wolfegg; Nördlingen durfte den Hauptmann ernennen, während Biberach das Recht hatte, den Oberleutnant und den Feldwebel zu nominieren. Entsprechend der  gegenseitigen Eifersucht, die die kleinen Reichsstände beseelte, befanden sich gewöhnlich so viel feindliche Parteien bei einem Regiment als verschiedene Kontingente dazu gehörten, so daß von Gemeingeist der Truppe gar keine Rede war. Nimmt man dazu die Verschiedenheit der Uniformierung und Bewaftnung, die Unterschiede m Sold und Verpflegung, so erhält man ein Bild von der Reichsarmee, das den Spott nur allzusehr rechtfertigt, den die Zeitgenossen auf sie gehäuft haben. Buntscheckig in ihrer äußeren Erscheinung, schlecht bewaffnet, … bei Roßbacli sollen von 100 Flinten keine 20 losgegangen sein ..mangelhaft aus-gebildet —, die Formierung des Reichsheeres begann erst, wenn ein Krieg schon beschlossen war —, besaß diese Truppe wirklich alle jene Eigenschaften, die J. J. Moser zu seinem berühmten Ausspruch veranlaßte: „Die bei einem Reichskrieg und bei einer Reichsarmee sich äußernden Gebrechen sind so groß, auch viel und mancherlei, daß man, solange das deutsche Reich in seiner jetztigen Verfassung bleibt, demselben auf ewig verbieten sollte, einen Reichskrieg zu führen.“ An eine Reform war unter den obwaltenden Umständen nicht zu denken, und die Ideen des Prinzen Eugen, der den Deutschen als Soldaten hochschätzte, eine andere Reichskriegsverfassung einzuführen, die mit einem Landsturm von 200000 Mann gerechnet hätte, zu jener Zeit unausführbar. Wenn das Volk nach der Schlacht bei Roßbach sang:

„Und kommt der Große Friederich

Und klopft nur auf die Hosen,

So läuft die ganze Reichsarmee,

Panduren und Franzosen“,

so fiel dieser Hohn auf alle Angehörigen dieses Heeres zurück und wurde von ihnen auch mit Bitterkeit durchaus so empfunden. „Man ist anderswo doch nur ein halber Soldat und hat keine Ehre davon,“ beklagte sich einmal ein ehemaliger preußischer Soldat, der desertiert war und den Riesbeck in Diensten eines geistlichen Fürsten sprach. Das blieb so bis zum Untergang des Reiches, und noch Lauckhardt, der am Rhein nach dem unglücklichen Feldzug gegen Frankreich auf Reichstruppen stieß, erzählt ähnliche Beobachtungen.

Mit Sicherheit konnte der Kaiser nur auf die Armee zählen, die er in seinen Erblanden hielt. 1718 kostete die österreichische Armee im Frieden bereits 23 Millionen fl.; sie sollte 100000 Mann und 30000 Pferde zählen, aber sie teilte mit der Reichsarmee das Schicksal, daß der Effektiyjbestand weit geringer war und 6S0C0 Mann kaum überstieg. Sie besaß noch eine andere Ähnlichkeit mit dem Reichsheer, daß nämlich die Soldaten je nach dem Lande, dem sie angehörten, verschieden ausgebildet waren. An ihrer Spitze stand nicht der Kaiser persönlich, sondern der Hofkriegsrat, der gewöhnlich nicht gegen den Feind, sondern gegen die eigene Generalität kämpfte. Prinz Eugen von Savoyen hatten seinen erbittertsten Feind in dem Hofkriegsrats-Präsidenten Fürsten Mannsfeld, und nachdem dieser 1715 gestorben war, in dem Nachfolger, Grafen Starhemberg. Dieser Hofkriegsrat, der in Wien seinen Amtssitz hatte, besaß die erstaunlichsten Vollmachten. So wurde in der Instruktion, die er dem Generalteldmarschall von Seckendorff ins Feld mitgab, „ihm ausdrücklich eingebunden, daß wenn er eine Belagerung oder einen Hauptmarsch tun wolle, er vorher das Parere des gehaltenen Kriegsrats nach Wien einschicken und dessen Approbation gewärtigen solle; wenn er aber Glück zu haben hoffe, so dürfe er ohne Rückfrage vorgehen.“ Daß Prinz Eugen mit dieser Armee und dem alles hindernden Hofkriegsrat doch die Taten ausführen konnte, die seinen Ruhm ausmachen, läßt sie in der Tat noch größer erscheinen als sie ohnehin sind, aber es erklärt auch, daß seine Nachfolger in dem unglücklichen Türkenkrieg von 1736—39 alle Errungenschaften des Friedens von Passarowitz wieder einbüßten! Die Generale von Seckendorff, Wallis, Neipperg, Schinettau waren unter Beihilfe des Hofkriegsrats immer damit beschäftigt, gegeneinander zu intrigieren, weil keiner dem andern einen Erfolg gegen den Feind gönnte, sie hielten sich gegenseitig die Depeschen vor und vernachlässigten die Armee, bei der die Soldaten schlecht genährt und noch schlechter gekleidet wurden. J. J. Moser erzählt, daß die Ausrüstung der k. k. Truppen so mangelhaft war, daß die Mannschaften, wenn sie in den Garnisonen Mantua und Ostende auf Wache zogen, die Schuhe voneinander entlehnen mußten, weil nicht für alle solche vorhanden waren. Uniform war eben erst eingeführt worden, 1729 für die Kavallerie, 1735 für die Grenadiere, 1737 für die ganze Infanterie. Die Löhnung eines gemeinen Soldaten betrug unter Karl VI. monatlich 4 fl.; davon wurden ihm abgezogen: 1 fl. für die Montur, 1/2 fl. für Brot und 9 Kr. Unkosten; für die Verpflegung erhielt er täglich 3 bis 5 Kr. Ein Leutnant stand sich auf 300 fl., ein Oberst auf 3000 fl. Sold, aber da jedes Regiment dem Obersten gradezu gehörte, er hatte auch im Frieden das Recht über Leben und Tod der Soldaten, so hatte er durch die Besetzung der Otfizierstellen, die bis 1809 käuflich waren, durch Nebenverdienste bei Beschaffung der Uniform u. dgl. die Möglichkeit, seine Einnahme auf lOCOOfl. und mehr im Jahr zu steigern. Diese Möglichkeit, sich persönlich bereichern zu können, diente sehr zum Schaden der Armee, denn manche sparten sogar an der Beschaffung von Pulver und Blei und ließen es an Waffen fehlen. Herzog Franz Stephan von Lothringen, der Gemahl Maria Theresias, deckte die riesigen Unterschleife auf, die im Türkenkrieg von 1737 bis 1739 begangen wurden und den unglücklichen Ausgang dieses Feldzuges mit verschulden halfen, aber er erreichte keine Änderung, er selbst kam nur in den Ruf eines Geizhalses, der andern nichts gönne.

Um die Armee im Kriegsfälle schnell zu vermehren, wurden Freikorps aufgestellt, wie die der Obersten Franz von derTrenck und Johann Daniel von Menzel, die durch Anwerbung von Haiducken, Kroaten und anderm Gesindel rasch eine Truppe auf die Beine brachten. Sie genossen einen schlechten Ruf bei Feind und Freund. „Die Freikorps Trencks und Menzels“, schreibt Fürst Khevenhiller, „üben Mordbrennerei aus bloßer Lust. Sie haben Unschuldige nach Belieben an die Stadttore oder die nächsten Bäume gehangen, Kirchen beraubt, die bayerischen Bauern mit abgeschnittenen Nasen und Ohren nach Hause geschickt, Frauen und Töchtern auf dem Rücken der gebundenen Hausväter Gewalt angetan und alsdann in die Flammen der angezündeten Häuser geschleudert, Säuglinge aufgespießt und den Hunden vorgeworfen.“ Trenck, ein richtiger Vetter des preußischen Trenck, soll sich ein Vermögen von 2 Millionei fl. zusammengeraubt haben; Maria Theresia ließ ihn wegen der Missetaten seiner Horden, nachdem man ihn nicht mehr brauchte, in den Gefängnissen des Spielberg sterben; Menzel hat es gar auf 3 Millionen fl. gebracht.

Kein Habsburger hat je Uniform angelegt, diese Mode kam erst, wie Kheven-hiller schreibt, mit dem Haus Lothringen auf. 1748 zeigte sich zum erstenmal ein Erzherzog bei einer Revue in Wien in Uniform an der Spitze eines Regiments, „ein noch nie gesehenes Spektakel“. Kaiser Josef II. hat dann aus der Mode eine Gewohnheit gemacht, er legte seit seinem Regierungsantritt nur mehr Uniform an. Schon im Jahre 1766 übertrug er die Reorganisation der Armee, die der Siebenjährige Krieg als nötig erwiesen hatte, dem Grafen Lascy, der als wichtigste Neuerung 1769 eine einheitliche Bewaffnung und ein gemeinsames Exerzierreglement einführte. 1763 wurde die „Seelenkonskription“ eingeführt, die ein Enrollierungssystem und für jedes Regiment feste Werbebezirke mit Zwangsaushebung der Inländer nach preußischem Muster bedeutete. 1772 wurde den k. k. Erblanden die Dienstpflicht auferlegt, von der nur Tirol, Ungarn und die Niederlande ausgenommen waren; Reiche und Gebildete unterlagen ihr nicht. Lascy erntete wenig Dank. „Aller seiner Verdienste ungeachtet“, schreibt Riesbeck, „ist er bei dem großen Haufen und bei der Armee, deren Vater er ist, fast allgemein gehaßt. Er verlor die Liebe der Offiziere,, weil er ihnen die Gewalt nahm, ihren Souverän zu betrügen. Ehemals lieferten die Kapitäne die Bedürfnisse für ihre Kompagnien, und sie waren gewohnt, sich bei Tuch, Hüten und Schuhen noch zweimal soviel zu machen als ihr Sold betrug.“ Josef hat die österreichische Armee auch bedeutend vermehrt, er brachte sie auf 200000 bis 25000Ö Mann und brauchte etwa 28 Millionen fl. für ihren Unterhalt, was damals soviel bedeutete wie ein Drittel der gesamten Staatseinnahmen.

Vorbild und Muster aller Länder, nicht nur der deutschen, war in Bezug auf seine Heereseinrichtungen Preußen. Unter den größeren Staaten kam es 1740 in Hinsicht auf seinen Flächenraum erst an zehnter, in Hinsicht auf die Bevölkerungszahl erst an dreizehnter, in Hinsicht auf seine Militärmacht aber bereits an dritter Stelle. Seine Armee betrug damals 80000 Mann und verbrauchte von den 7 Millionen, die der Staat einnahm, 5 Millionen für sich allein. Sie geschaffen zu haben, war das Verdienst Friedrich Wilhelms L, der sein ganzes Leben an diese Schöpfung gesetzt hat. Als er zur Regierung kam, zählte das preußische Heer 40000 Mann und kostete gegen 2 Millionen Taler. In bezug auf seine Uniformierung, Bewaffnung und Ausbildung war dieses Heer auch größeren überlegen, der König hatte nicht umsonst so tüchtige Exerziermeister angestellt, wie Fürst Leopold von Anhalt-Dessau einer war. „Es ist sicher,“ schrieb 1729 der weitgereiste Baron Pöllnitz, „daß es in der ganzen Welt keine Truppen gibt, wo der Bauer sich schneller abschleift und leichter das soldatische Wesen an* nimmt. Die Soldaten in Berlin sind gut gekleidet und halten sich so sauber, daß man immer versucht ist, sie für Offiziere zu halten.“ Wiebekannt, hat die Vorliebe Friedrich Wilhelms I. für das Militär ihn veranlaßt, sich in Potsdam eine Riesentruppe zusammenzustellen, für die der sonst bis zum Geiz sparsame König unbedenklich die größten Summen ausgab. „Als wir auf einem Spaziergange am Potsdamer Militärkirchhof vorüberkamen/‘ schreibt Baron Bielfeld 1739, „sagte mein Begleiter: Kein Ort im ganzen Lande hat dem König soviel Geld gekostet als dieser. Wirklich ist dieser Friedhof ein Abgrund, welcher einen großen Teil der unsäglichen Summen verschlingt, die der König für die großen Leute seines Regiments bezahlt.“ „Das große Regiment kostet soviel wie sechs andere,“ bemerkt Pöllnitz, und dabei würden die „langen Kerls“ im Ernstfälle nicht halb soviel geleistet haben. Da Friedrich II. diese Elätetruppe unmittelbar nach seines Vaters Tode auflöste, ist sie nie dazu gekommen, ihre militärische Brauchbarkeit auf die Probe stellen zu müssen. Sie war ein Spielzeug des Monarchen, der einzelnen der Grenadiere bis zu 2 fl. Tageslohn, anderen, recht großen, 1500 Tlr. Gehalt im Jahr zahlte, ganz abgesehen von den Summen, die ihm der Ankauf derselben gekostet hatte. Man spricht von 9000 Talern, die er für einzelne von ihnen ausgegeben haben soll. Einer der längsten war der Ostpreuße Hohmann. der 2,65 Meter maß, aber erst als zweiter im Gliede stand, der erste war ein Norweger. Friedrich Wilhelm I. war ein praktischer, verständiger, kühl überlegender Haushalter, der es immer verstand, in ökonomischen Fragen auf seinen, resp. des Landes Vorteil zu achten, die Marotte der großen Leute aber war sein Tollpunkt, durch den sich das Schicksal gewissermaßen an ihm rächte, für all den nüchternen und schwunglosen Verstand, mit dem es ihn sonst begabt hatte.

Die Summen, die er an seine Riesengarde verschwendete, waren unnütz angewandt und sozusagen weggeworfen; aber sie schrumpfen in nichts zusammen, wenn man ihnen die Ausgaben gegenüberstellt, die zu gleicher Zeit etwa ein August der Starke, ein Max Emanuel von Bayern an ihre Mätressen vergeudet haben.  Die langen Kerls waren auch die einzigen lebenden Wesen, für die Friedrich Wilhelm I. ein Herz besaß. Er konnte ihnen keine Bitte abschlagen und war sich seiner Schwäche.in.diesem, Punkte auch sowohl bewußt, daß eine Verordnung den Grenadieren verbot, Seiner Majestät Bittschriften zu überreichen.

Die preußische Armee war aus Inländern und Ausländern ziemlich bunt zusammengewürfelt, das Band, das sie zusammenhielt, war das Offizierkorps. Während die Heere der-übrigen deutschen Staaten vielfach Fremde als Offiziere anstellten; wünschte Friedrich Wilhelm I. seine Offiziere nur aus dem einheimischen Adel zu nehmen, in richtiger Erkenntnis, daß er seiner Armee damit, all den angeworbenen Mannschaften zum Trotz, den Charakter einer großen Homogenität verleihe. Bereits der Große Kurfürst hatte dem Adel seines Landes verboten, fremde Dienste zu nehmen, wodurch er billig zu Offizieren, kam, denn noch 1713 mußten Oesterreicher, Schweden, Dänen ihre Offiziere besser besolden. Friedrich Wilhelm I. selbst trug stets Uniform und fühlte sich immer als Deutscher und als preußischer Offizier, aber da das Beispiel, das er persönlich gab, nicht schnell genug die Früchte trug, die er erwartete, so griff er als richtiger Despot zur Gewalt. Er hatte das Ka-dettenhaus gegründet und es zur Erziehungsanstalt für die Söhne adliger Familien bestimmt, die hier zu Offizieren ausgebildet werden sollten. Da der Adel zögerte, seinen Nachwuchs diesem Institut anzuvertrauen, so zwang ihn der König dazu. In Ostpreußen ist auf die adligen Knaben förmlich Jagd gemacht worden; sie wurden durch Unteroffiziere eingefangen und truppweise gewaltsam in die Kadettenhäuser abgeliefert. Er hat den Adel in den Offizierstand förmlich hineingeprügelt, aber er hat ihm dann diesen Stand durch die Vorrechte, die er ihm zuteil werden ließ, annehmbar zu machen gewußt. Die gemeinsame Herkunft und die gemeinsame Erziehung brachten ein korporatives Ehrgefühl und jenen Geist der Kameradschaft hervor, die allen andern Ständen jener Zeit fremd waren, den preußischen Offizier aber im Laufe zweier Menschenalter zum ersten und kräftigsten Repräsentanten preußischen Staatsbewußtseins gemacht haben. Überall hatte der Offizier im Staat den Vorrang, und genoß Ehren und Vorteile, die z. B. Albrecht von Haller und seine Reisegesellschaft veranlassen, sich für reisende Offiziere auszugeben, als sie sich dem preußischen Territorium nähern. Als Kronprinz Friedrich seine Schwester * in Bayreuth besucht, will er gegen die Etiquette einen Leutnant aus seinem Gefolge zur Tafel ziehen, und als man ilim bedeutet, nur die Minister hätten dieses Recht, ruft er aus: „Ach was, ein preußischer Leutnant ist soviel wie ein markgräflicher Alinister!“ Daß Friedrich Wilhelm I. und sein Sohn den Zwang „dienen zu müssen“, in das Vorrecht, „dienen zu dürfen“, änderten, war ein Zug weitausschauender Klugheit, durch den diese Herrscher ihrer Armee für zwei Jahrhunderte ein Ferment sicherten, welches kein anderer Staat besaß oder sich beschaffen konnte. Um es zu beseitigen, mußte man sie in Stücke schlagen.

Neben großen Vorzügen standen große Fehler. Sie hingen mit dem engherzigen Junkersinn zusammen, bei dem sich Bildungsmangel so leicht in Bildungshaß umsetzt. „Der junge Adel, der sich dem Dienst widmet“, schreibt Friedrich der -Große einmal, „glaubte sich etwas zu vergeben, wenn er studierte; sie betrachteten die Unwissenheit wie ein Verdienst und Wissen wie eine unleidliche Pedanterie“. Berenhorst hörte einmal, wie Oberst von Manstein bei der Parole sagte: „die Herrn Offiziere sind so dumm wie die Ochsen,“ und noch zu Zeiten, als der einst beliebte Romanschriftsteller Lafontaine in Halle lebte, am Ende des Jahrhunderts, gab es Offiziere, die Geschriebenes nicht lesen konnten. Es gab höhere Offiziere, die der Feindseligkeit, mit welcher der jüngere Nachwuchs dem Wissen und der Bildung gegenüberstand, entgegen zu treten suchten. So gründete Oberst von •Schölten um 1780 in Treuenbrietzen eine gelehrte Gesellschaft für die Offiziere seines Regiments, und General von Schlieffen stiftete als Kommandant von Wesel die Patriotische Gesellschaft der Kriegskunstverehrer, die den Offizier mit den Beweg* gründen der Liebe für das Vaterland und den Kriegerstand bekannt machen und ihn dazu veranlassen sollte, sie den Soldaten mitzuteilen und einzuflößen. Solche Erscheinungen gleichen in ihrer Zeit ein wenig den weißen Raben; die Offiziere suchten, zumal nach den glorreichen Feldzügen des großen Königs, ihren Ruhm aüf ganz andern Gebieten als denen der feinen Sitte und schöngeistigen Bildung.

Sie hatten wenig zu tun, viel freie Zeit, in ihrer Mehrzahl aber waren sie nur knapp mit Geld versehen und wußten ihre Mußestunden nicht recht auszufüllen. Es ist kein Wunder, daß ein Zusammenkommen solcher Umstände junge Leute, die alle Veranlassung haben, sich für etwas Besonderes zu halten, übermütig macht und zu Unfug reizt. Schon 4763 mußte Friedrich II. den Offizieren verbieten, die Bürger zu prügeln; in den langen Friedensjahren, die folgten, nahm der Dünkel der Herren aber nur zu und machte sich in einem so herausfordernden Benehmen gegen das Zivil geltend, daß gebildete Leute Offizieren aus dem Wege gingen und den Umgang mit ihnen flohen. Nicht nur in Preußen übrigens. In Stralsund, erzählt E. M. Arndt, hatte die Unart der Offiziere sie von der besseren Gesellschaft ausgeschlossen; mit den Stuttgarter Offizieren machte Casanova recht unangenehme Erfahrungen; jeder Bürgerliche, der in Berührung mit dem Militär kam,schlug ein Kreuz. Dabei griff ein Geist des Räsonnierens und Frondierens unter dem Offizierkorps um sich, der Fernerstehende ebenso erstaunte wie bedenklich machte. Landgraf Karl von Hessen, der den Bayerischen Erbfolgekrieg im Hauptquartier Friedrichs II. mitmachte, schreibt in seinen Erinnerungen, daß von einer freudigen, hingebenden Tätigkeit-der einzelnen Befehlshaber nicht mehr die Rede war. Als ein Transport aufgefangen wurde, herrschte im Hauptquartier eine unbeschreibliche Freude darüber, daß der König einen Unfall gehabt hatte, den man ihm Schuld geben konnte. „Niemand machte dem König das Vergnügen, ihm etwas Angenehmes zu sagen, selbst wenn-es die Wahrheit war, dagegen machte man sich gewissermaßen ein Fest daraus, ihm die unangenehmsten Nachrichten zu bringen.“ Dieser Geist der Überhebung und des Dünkels gewann vollends Macht, als nach dem Tode des Großen Königs die Autorität fehlte, die ihn bis dahin noch im Zaum gehalten hatte; von 1786 bis 1806 gefiel sich das preußische Offizierkorps in einem Ton der Roheit und Anmaßung, der es im ganzen Volk verhaßt machte. Wie weit es damit gekommen war, zeigt die Kabinettsorder, die den Regierungsanfang Friedrich Wilhelms HI. beginnt. „Ich habe sehr mißfällig vernehmen müssen,“ heißt es in derselben, „wie besonders junge Offiziers Vorrang vor dem Zivilstand behaupten wollen. Ich werde dem Militär sein Ansehen geltend zu machen wissen, wo es ihm wesentlichen Vorteil bringt, auf dem Schauplatze des Krieges, wo sie ihre Mitbürger mit Leib und Seele verteidigen sollen. Allein im übrigen darf sich kein Soldat unterstehen, wes Standes er auch sei, einen der geringsten Meiner Bürger zu brüskieren; sie sind es, nicht Ich, die die Armee unterhalten, in ihrem Brote steht das Heer der iMeinen Befehlen anvertrauten Truppen, und Arrest, Kassation und Todesstrafe werden die Folgen sein, die jeder Kontravenient von Meiner unbeweglichen Strenge zu erwarten hat.“ Unter Friedrich II. wurde die preußische Armee auf 200000, unter Friedrich Wilhelm II. auf 2)5000 Mann vermehrt, während die Kosten erst auf 13, dann auf 17 Millionen Tlr. im Jahr stiegen.

ln Kursachsen hatte die Armee schon 1703 aus )4 Regimentern mit 98 Generalen und Obersten bestanden und dem Lande zwei Millionen Tlr. jährlich gekostet. Markgraf Ludwig von Baden, dem in den Reichskriegen das sächsische Kontingent unterstand, schrieb am 22. November 1703 an Kaiser Leopold: „Die sächsischen Truppen sind arm, nackend und bloß“ und nicht viel schmeichelhafter ist das Bild, welches Wolfframsdorf 1705 in seinem „Portrait de la cour de Pologne“ von der Armee entwirft. Er schreibt:

„Bei der Armee sind die Offiziere von ihren Regimentern ganze Jahre lang abwesend; während des Winters belagern sie die Vorzimmer, und während des Sommers sind sie nicht im Feldlager zu betreffen. Sie bleiben zu Hause, um von dem Gelde, welches sie aus den Winterquartieren mitgebracht haben, zu leben und in den Armen ihrer Frauen auszuruhen, denen sie Wunderdinge von den bestandenen Gefahren erzählen. Sie respektieren weder Ordnung noch Befehl, leben ohne Mannszucht und berauben ihre Soldaten aller Subsistenzmittel. — Die Beschaffenheit der neu-geworbenen Regimenter ist eine andere Manier, den König gröblich zu betrügen, indem die Offiziere nicht allein das Geld, das sie dazu erhalten, in ihren Beutel stecken, und die Regimenter, zu deren Errichtung sie sich verbindlich gemacht haben, nie vollzählig machen, sondern auch die alten Regimenter verhindern, Rekruten zu werben. Die tägliche Veränderung bei den Regimentern ist ebenfalls ein Mittel, die Armee zu ruinieren, bei der nur das Kommissariat und einige Offiziere gewinnen. Endlich glauben wir der Armee des Königs nicht unrecht zu tun, wenn wir sagen, daß sie lediglich aus Raufern, Spielern, Wucherern, Betrügern und Freunden der Schikane, schlimmer als die geriebensten Advokaten, besteht. Die Prozesse sind hier zu Hause, wie im Palais. Die Generale bereichern sich auf Kosten der Soldaten, und diese, zur Verzweiflung gebracht, dem Beispiele ihrer Offiziere folgend, in denen das wahre Ehrgefühl erloschen ist und die nur auf das Geld erpicht sind, tun nichts weniger, als ihre Schuldigkeit.“

Man hört in der Tat, daß die sächsischen Generale es verstanden hätten, im Dienst reich zu werden. Graf Schulenburg, der 1702 bei seinem Eintritt in die sächsische Armee nicht mehr als 24000 Tlr. besaß, verließ sie 1711 mit einem Vermögen von 94000 Tlr. August der Starke, der gar zu gern große Politik gemacht hätte, begann auch, sich um das Heer zu kümmern, und entzog, um es fester in der Hand zu haben, den Regimentsinhabern die Besetzung der Offizierstellen, die er sich selbst vorbehielt. Er brachte das Heer auf 27000 Mann und wäre vielleicht die Persönlichkeit gewesen, es in dieser Beziehung mit dem Preußenkönig aufzunehmen, hätte ihm nicht seine Lebenslust und Vergnügungssucht fortwährend Querstriche durch alle seine großen Pläne gemacht. Man erzählt, er habe einmal zwei Dragonerregimenter an Friedrich Wilhelm 1. gegen 48 große Vasen von japanischem Porzellan vertauscht, eine Anekdote, die um so bekannter ist, weil ihr die historischen Unterlagen fehlen. Dann aber diente ihm sein Heer in erster Linie als Instrument, um in die Zerstreuungen des Hofes einige Abwechslung zu bringen. Bei der Hochzeit einer seiner illegitimen Töchter, die er 1725 in Pillnitz festlich beging, mußten seine Soldaten, in zwei Trupps geteilt, eine Festung drei Wochen lang nach allen Regeln der Kunst belagern und schließlich stürmen, und das berühmte Atanö-ver bei Mühlberg 1730 war ein Lustlager, in dem Revuen und Scheingefechte mit Jagden, Bällen, Komödien, Feuerwerken und Konzerten wechselten. Unter seinem Nachfolger zählte das sächsische Heer zwar aut dein Papier 30000 Mann mit 168 Generalen und Obersten, unterhalten aber wurden nur 17000 und diese wurden, solange Brühl am Ruder war, schlecht oder gar nicht bezahlt; böse Zungen wollten wissen, unter dieser Überzahl der Generalität hätten sich auch einige Kastraten befunden.

Kurbayern besaß unter Max III. Josef eine Armee, die auf dem Papier 15000 Mann zählte, in Wirklichkeit 6000 Köpfe aber niemals überstieg. Graf Lehrbach berichtete 1778 nach Wien, cs seien sogar nur 3000 unter den Fahnen und von diesen ungefähr der vierte Teil Offiziere mit 39 Generalen. Bei den Chevauxlegers habe man für 160 Pferde nicht mehr als 40 Sättel. Sieben Kavallerieregimenter zählten zusammen nur 613 Pferde, die ganze Artillerie besaß nur 16 Pferde zur Bespannung der Geschütze. Die Zahl der Stabsoffiziere in der kurbayerischen Armee war so groß, daß der boshafte Wekhrlin behauptet, käme der Feind ins Land, so werde man ihn bloß mit Generals aus dem Felde schlagen. Die Offizierstellen wurden mitunter auf merkwürdige Art besetzt. War die Frau eines Offiziers in andern Umständen, so erhielt sie für das zu erwartende Kind ein Leutnantspatent, welches ihr auch in dem Falle blieb, daß sie ein Mädchen zur Welt brachte. Kurmainz hatte eine Armee von 8000 Mann zu eigen… auf dem Papier, in Wirklichkeit waren es zwischen 2000 und 3000 Infanteristen, 50 Husaren und 120 Artilleristen, aber sie hatten einen Feldmarschall, 12 Generäle, einen Hofkriegsratspräsidenten und 6 Hofkriegsräte. Es war ein patriarchalisches Regiment, die Schlüssel zu den Festungswerken in Mainz bewahrte der Hofgärtner; hatten die Ingenieure dort etwas zu tun, mußten sie ihn erst um Erlaubnis bitten, sie betreten zu dürfen. Als man 1792 gegen Frankreich rüstete, wurde den Offizieren, „die die Kräfte nicht fühlen oder deren häusliche Verhältnisse es nicht gestatteten“ erlaubt, „ihrer Ehre unbeschadet, nicht mit ins Feld zu ziehen“. Kurtrier hielt eine Leibwache für den Kurfürsten von 60 Mann, ein Regiment von 1200 Mann, und ein Jägerkorps von 260 Mann, die dem Staate gegen 70000 bis 75000 Tlr. im Jahr kosteten. Kurpfalz wollte 18000 Mann unter den Fahnen haben, von denen .der vierte Teil aus Offizieren bestand, es hatte überdies noch für die 2 oder 3 Wachtschiffe, die es auf dem Rhein hielt, einen „Großadmiral“.

So ging es unter den Reichsständen nach ihrer Größe herab, bis zum Grafen Philipp Ferdinand von Limburg-Styrum, der sich ein Husarenkorps hielt, das aus einem Oberst, sechs Offizieren und zwei Mann bestand. Lord Chesterfield traf mit seinem Spott wirklich ins Schwarze, wenn er einen deutschen Potentaten sagen läßt: „Es gibt keinen Fürsten in Meiner Nachbarschaft, der seine Armee nicht vermehrt hätte, der -eine um vier, manche um acht und einige sogar um zwölf Mann, so daß Sie ein-sehen werden, daß Ich es Meiner Ehre und Sicherheit -schuldig war, die Meine ebenfalls zu verstärken. Ich habe Mein Heer deswegen von 28 auf 40 Mann gebracht, aber um.Meine Untertanen nicht mit Steuern zu überbürden oder sie durch die Einquartierung der Leute und ihre Frechheit zu belästigen, außerdem um jeden Verdacht unredlicher Absichten von vornherein zu beseitigen, so habe Ich’ sie, um Ihnen die Wahrheit nicht vorzuenthalten, aus Wachs machen lassen und exerziere sie mittelst eines Uhrwerks.“

Manche Reichsstände, auch unter den kleineren, hielten sich größere Truppenmengen, als das Kontigent, welches sie zur Reichsarmee zu stellen hatten, eigentlich bedingt hätte, sie taten es teils aus Lust an der Soldatenspielerei, teils um sich Einnahmen zu verschaffen. Zu den ersteren gehörte u. a. Graf Wilhelm von Lippe-Bückeburg, der lange in portugiesischen Diensten gestanden hatte und sich, heimgekehrt, 1765 die Festung Wilhelmsburg im Steinhuder Meer erbaute. Er hielt sich 1000 Infanteristen und ein Artilleriekorps von 300 Mann. Die Militärschule, die er in Wilhelmsburg gründete, hat den Ruhm, Scharnhorst ausgebildet zu haben. Ein Seitenstück zu ihm in etwas größerem Stil ist der Landgraf Ludwig von Hessen-Darmstadt, dessen Neigung zu dem militärischen Beruf ihn als Prinz nacheinander in französische, preußische und österreichische Dienste trieb. Seine eigenen Soldaten wurden von den Reisenden sehr bewundert. „Schönere und geübtere Truppen als die drei Darmstädter Infanterieregimenter sieht man in Deutschland nicht, die preußischen nicht ausgenommen,“ schreibt Riesbeck, und Moore fiel besonders auf, daß sie „ungemein gut gepudert“ seien. So recht seiner Passion frönte der Fürst aber erst, seit er sich nach Pirmasens zurückgezogen hatte und hier einzig und allein für die Soldaten lebte.

Ein Wanderer, der im Jahre 1789, als der Ort in seiner höchsten Blüte stand, nach Pirmasens geriet, hat in dem „Journal von und für Deutschland“ seine Erlebnisse in folgenden Worten erzählt: „Hier in Pirmasens bin ich wie in eine ganz neue Welt versetzt, unter eine zahlreiche Kolonie von Bürgern und Soldaten, die kein Reisender auf einem so öden und undankbaren Boden suchen würde; alles um mich her wimmelt von Uniformen, blinkt von Gewehren und tönt von kriegerischer Musik.

Der Landgraf wohnt in einem wohlgebauten Hause, das man weder ein Schloß, noch ein Palais nennen kann und genau genommen nur aus einem Geschoß besteht. Nahe bei demselben, nur etwas höher, liegt das Exerzierhaus. Hierin nun exerziert der Fürst täglich sein ansehnliches Grenadierregiment, das aus 2400 Mann bestehen soll. Schönere und wohlgeübtere Leute wird man schwerlich beisammen sehen. Allerlei Volk von mancherlei Zungen und Nationen trifft man unter ihnen an, die nun freilich auf die Länge nicht so zusammenbleiben würden, wenn sie nicht immer in die Stadt eingesperrt wären, Tag und Nacht von umherreitenden Husaren beobachtet werden müßten. Soeben komme ich aus dem Exerzierhaus von der eigentlichen Wachtparade, ganz parfümiert von Fett- und öldünsten der Schuhe, des Lederwerks, der eingeschmierten Haare und von dem allgemeinen Tabakrauchen der Soldaten vor dem Anfang der Parade; wie ich eintrat, kam mir ein Qualm und Dampf entgegen, der so lange meine Sinne betäubte und mich kaum die Gegenstände unterscheiden ließ, bis meine Augen und Nase sich endlich an die mancherlei Dämpfe und widrigen Ausflüsse einigermaßen gewöhnt hatten. Wer Liebhaber von wohlgeübten, aufgeputzten und schön gewachsenen Soldaten ist, wird für alle die widrigen Ausflüsse hinlänglich entschädigt. So wie das Regiment aufmarschiert, und seine Front durch das ganze Haus ausdehnt, erblickt man von einem Flügel zum anderen eine sehr grade Linie, in welcher man sogar von der Spitze des Fußes bis an die Spitze des aufgesetzten Bajonetts kaum eine vorwärts oder rückwärts gehende Krümmung wahrnimmt; durch alle Glieder erscheint diese pünktliche Richtung, und sie wird weder durch die häufigen Handgriffe, noch durch die vielfältigen Körperbewegungen verschoben. Die Schwenkungen und Manöver geschehen mit einer außerordentlichen Schnelligkeit und Pünktlichkeit; man glaubt eine Maschine zu sehen, die durch Räder- und Triebwerk bewegt und regiert wird. Man soll sogar öfters das ganze Regiment im Finstern exerziert und in den verschiedenen Tempos keinen einzigen Fehler bemerkt haben. Auf den 25. August, als dem Namensfest des Landgrafen, ist jährlich Hauptrevue, und dann wimmelt es in Pirmasens von auswärtigen Offizieren und andern Fremden, die teils aus Frankreich, Zweibrücken, der Unterpfalz, Hessen und andern Ländern hierher reisen. Den Landgrafen habe ich auch in aller Tätigkeit dabei gesehen; mit spähendem Blicke befand er sich bald auf dem rechten, bald auf dem linken Flügel, bald vor dem Zentrum bald in den hintern Gliedern; alles war geschäftig an ihm, und er scheint mit Leib und Seele Soldat zu sein. Doch läßt er hierbei keinen fremden Zuschauer aus den Augen; es wurde sogleich bei Anfang der Parade ein Offizier an mich geschickt, der sich nach meinem Namen erkundigen sollte, und nach einiger Zeit hatte ich die Ehre, den Herrn Landgrafen selbst zu sprechen, wobei er sich in den höflichsten und gefälligsten Ausdrücken mit mir unterhielt, ln seinem Hause und in seinen Appartements erblickt man wenig Pracht; man glaubt bei einem kampierenden General im Felde zu sein, überall leuchtet die Lieblingsneigung des Fürsten hervor.“

Pirmasens, das nicht mehr als 34 Häuser umfaßte, als der Erbprinz es zu seiner Residenz erwählte, besaß 1789 schon 750 mit 6800 Einwohnern. Die Mauer, die es einschloß, hatte nur zwei Tore, deren Schildwachen stündlich visitiert wurden, um das Desertieren der. Soldaten zu verhindern. Der Landgraf, , der außerdem der größte Trommel virtuose im Deutschen Reich war, ließ jede Mitternacht die Scharwache durch die ganze Stadt trommeln, das ganze Leben des Ortes war auf das Militär eingestellt.

Herzog Karl Eugen‘ von Württemberg wußte Soldatenspielerei und Geschäftsrücksichten miteinander zu’verbinden. Als er zur Regierung kam, zählte das würt-tembergische Militär 2400 Mann und kostete dem Lande 460000 fl. im Jahre, eine Summe, die indessen nie gebraucht :wurde. Von dem Verlangen geplagt, den Monarchen großen Stils vorstellen.zu wollen, dachte er auch daran, den Feldherrn zu spielen, zu welchem Zweck er natürlich eine größere Armee benötigte. Er schloß deshalb 1752 einen SubsidienVertrag mit Frankreich, in dem er sich verpflichtete, 6000 Mann Infanterie unter den Waffen zu halten, für die er, für je 1000 Mann von Frankreich im Frieden 64473 fl., imKriege 78507 fl. jährlich erhielt. Zuerst wurde das preußische System eingeführt,»das’der Herzog, während er in Berlin weilte, kennen gelernt hatte und mit ihm die preußische Uniformierung. „In diesem von Schild-, wachen starrenden Ort“, schrieb Berenhorst 1768 aus Ludwigsburg, „sieht man nur Uniformen über Uniformen, die insgesamt den preußischen sklavisch nachgeahmt sind.“ Da der Mannschaft die Schnurrbärte nicht so rasch wuchsen, wie es für das martialische Aussehen wünschenswert gewesen wäre, so begnügte man sich damit, die Soldaten künstliche schwarze Schnurrbärte tragen zu lassen. Da der Herzog die französischen Subsidien für den Unterhalt seines Theaters verbrauchte, so stand es um die Armee recht übel, als Frankreich bei Ausbruch des Siebenjährigen Krieges die Mobilisierung forderte; die Regimenter, die gestellt werden sollten, waren einfach nicht vorhanden. Als das Heer dann schlecht und recht zusammengebracht war, und Karl Eugen sich an seine Spitze setzte, um die Preußen zu schlagen, da zog er sich eine Schlappe nach der andern zu und fand es, als er bei Fulda nur mit knapper Not der preußischen Gefangenschaft entgangen war, doch geratener, sich wieder in sein Stamm* -land zurückzuziehen. Nun ging erst die eigentliche Militärspielerei los; die Armee, die mittlerweile aut 17368 Mann mit 18 Generalen und 22 Obersten gebracht worden war, und 1600000 fl. im Jahr kostete, war nur noch gut für Paraden und Feste im sächsischen Stil. Wie August der Starke bezog auch,Karl Eugen Lustlager inmitten seiner Truppen, die zur Folie und Unterstützung seiner Vergnügungen dienen mußten. 1762 und’ 1763 schlug er solche bei Osweil und Pflugfelden auf, wo die Wohn-, Schlaf-, Ankleide-, Garderobe-, Audienz-, Ball-, Kaffee-Zelte des Herzogs eine Stadt für sich bildeten.

Der Weg, auf dem diese Heere gebildet wurden, war ein doppelter; sie kamen einmal durch die Konskription zusammen, was wir heute mit Dienstpflicht bezeichnen würden und dann durch Werbung; einige Staaten, wie Sachsen, verzichteten ganz auf Werbung und stellten nur Landeskinder ein; andere, und dies war weitaus die Mehrzahl, bediente sich beider Wege. August der Starke ließ seine Truppen seit 1713 durch Auslosung zusammenbringen, die unter den Männern der arbeitenden Klasse, die zwischen 20 und 54 Jahr alt waren, veranstaltet wurden; jedes sechste Los trug den Aufdruck „Für das Vaterland“ und machte den, der es gezogen hatte, zum Soldaten, ln Preußen war es das Kantonsreglement von 1733» in dem zum erstenmal der Grundsatz ausgesprochen wurde daß alle erwachsenen Männer des Landes dienstpflichtig seien. Die Monarchie wurde in Kantons eingeleilt, daher der Ausdruck „kantonspflichtig“,. die etwa 5000 Feuerstellen für ein Regiment Infanterie und 1800 Feuerstellen für ein Regiment-Kavallerie umfaßten. Alle, in dem Kanton wohnhaften jungen Leute wurden „enrolliert“, d. h. in die Stamm: rollen verzeichnet und von Fall zu Fall einberufen. Diese Einrichtung entstammte der alten organisierten Landmiliz, die es auch in Hannover gab, in Preußen hatte sie nie recht zustande kommen wollen, weil die Stände Bedenken trugen, den Bauern und Knechten Waffen in die Hand zu geben. Sie bedeutete in der Tat schon die allgemeine Dienstpflicht, in der Theorie wohlverstanden, denn in der Praxis sah sie durch die zahlreichen Ausnahmen anders aus. 1750 wurden vom Enrollement ausgenommen: 1. Gebrechliche, 2. Bürgersöhne, deren Eltern ein Vermögen von 10000 Tlr. und darüber besaßen, 3. alle angesehenen Bürger, Bauern und Kossäten; 4. alle Einwanderer, die sich angesiedelt hatten, 5( die einzigen Söhne von Bürgern und Bauern, 6. der Adel. Später wurden auch noch alle angestellten Gelehrten und ihre Söhne, mit Ausnahme der Schulmeister, alle Beamte, Kaufleute und Fabrikanten samt ihrer Nachkommenschaft befreit. Die Residenzen Berlin, Potsdam und Breslau waren ebenfalls mit der Gesamtzahl ihrer Einwohner frei, kurz, die Ausnahmen, die das neue Kantonsreglement von 1792 bestätigte, waren so zahlreich und so vielfältig, daß die Dienstpflicht im Grunde nur eine Last für die bäuerliche und kleinbürgerliche Bevölkerung war. Diese Ausnahmen sah das Gesetz vor, aber wozu wären die Gesetze, als um sie zu umgehen ? Joh. Christian Brandes erzählt in seiner Lebensgeschichte, daß so arm seine Mutter auch war, sie doch immer so viel erübrigte, um den Feldwebel, der ihn als Kantonisten zu sehen verlangte, mit einer Flasche Wein und einem Taler abzufinden. Andererseits bot das Enrolle-ment auch manche Handhabe der Schikane. Der spätere Oberkonsistorialrat Silberschlag, dessen Vater in Aschersleben Arzt und Apotheker war, schreibt in seinem Leben, daß ein Offizier, um sich wegen irgendeiner Angelegenheit an seinem Vater zu rächen, dafür gesorgt habe, daß sein Name widerrechtlich in die Rolle des Kavallerieregiments eingeschrieben wurde.

Durch die Konskription kam immerhin nur ein gewisser Prozentsatz der Mannschaft zusammen, die man aufzustellen wünschte, und da mußte dann die Werbung nachhelfen. Da die „kantonspflichtigen Einländer“ von den 20 Jahren Dienstzeit, zu der sie verpflichtet waren, nur eines bei der Fahne zubrachten, um später nur alle zwei Jahre zu einer Exerzierzeit von einigen Wochen einberufen zu werden, so bildeten die angeworbenen Ausländer den eigentlichen Stamm der Armee. In Preußen erhielten die Werbeoffiziere jedes Regiments bestimmte Bezirke angewiesen, in denen sie Werbungen vornehmen durften, mit Überredung, mit List, häufig mit Gewalt, denn wenn Friedrich Wilhelm I. die Zwangsaushebung auch ausdrücklich verboten hatte, so hat dieser Befehl wohl zu jenen gehört, die stillschweigend ignoriert werden durften. Das lebende Material, das beschafft werden sollte, war die Hauptsache; wie es beschafft wurde, darüber drückte der Monarch gern die Augen zu. Die Werber hielten die Post an und nahmen die Reisenden weg, die ihnen gefielen, sie brachen bei Nacht in die Häuser ein und nahmen den Familien selbst die Söhne weg, die nach dem Gesetz befreit sein sollten; auf der Straße und auf dem Felde war kein gutgewachsener junger Mann vor ihren räuberischen Händen sicher. War vollends einer von ungewöhnlicher Größe wie Gottsched, so mußte er ebenso listig und geschickt sein wie die Werber, um sich bei Zeiten in das Ausland zu flüchten. Trat im Kriege Menschenmangel ein, so hörte jede Rücksicht auf, kein menschliches oder göttliches Gesetz schützte vor der rohen Gewalt, die Männer brauchte um jeden Preis. Im Siebenjährigen Kriege sperrte man Sonntags die Kirchen ab und nahm die waffenfähigen Männer weg, gleichviel ob sie verheiratet waren oder nicht; so geriet der Großvater von Berghaus unter die Soldaten; in Schlesien fahndeten die Preußen, wie Gustav Freytag aus Familienerinnerungen wußte, .sogar auf die Zöglinge der oberen Schulklassen. In Halle kam es, als Bogatzky 1717 dort studierte, zu einem großen Tumult unter den Studenten, weil die Werber einen Kandidaten weggenommen hatten, der schon ein geistliches Amt versah; in Königsberg wird Scheffner gewahr, daß die Soldaten auf ihn spekulieren, „weil es ihm mit dem Studieren nicht Ernst zu sein scheint;“ aus Dresden schreibt Prinz August Wilhelm am 16. März 1757, der König habe 150 Mann für die Armee einfach von der Straße wegnehmen lassen, ohne jede Rücksicht, für wen es auch sei; einer Dame, die sich in einer Portechaise tragen ließ, fing man die Träger weg, so daß sie hilflos in ihrem Kasten auf dem Pflaster saß.

Alle diese Werbungen genügten nicht für den Bedarf, und so war jeder Fürst, der eine größere Armee unterhalten wollte, darauf angewiesen, auch im Auslande werben zu lassen. Nur der Kaiser hatte für seine Armee herkömmlicherweise feste Werbebezirke im Reich, die übrigen Reichsfürsten schlugen ihre Bureaus auf, wo immer man es ihnen erlaubte oder nicht erlaubte. Das letztere war für den Werbeoffizier eine kitzliche Angelegenheit, denn wenn rqan ihn erwischte, konnte es Kopf und Kragen, mindestens aber die Freiheit kosten. Die Generalstaaten hängten 1733 in Maestricht einen preußischen Werbeoffizier, der ertappt worden war, wie er versuchte, holländische Soldaten zum Übertritt in preußische Dienste zu bewegen, und wenn Friedrich Wilhelm I. auch zur Revanche einen holländischen Sergeanten über die Grenze locken und in Wesel aufhängen ließ, so machte der Tod des Unschuldigen den Offizier nicht wieder lebendig. Herzog Karl Eugen ließ einen preußischen Werber von Knobelsdorf aufheben und hielt ihn jahrzehntelang auf dem Hohentwiel gefangen, und ähnlich war das Schicksal manches anderen Werbers. Der Kurfürst von Hannover, ein persönlicher Feind seines Schwagers in Preußen, verordnete 1731, preußische Werber sollten als Straßenräuber behandelt werden, „wer einen preußischen -Werber tot oder lebendig einliefert erhält 50 Thaler“. Wo sie geduldet wurden, hatten sie meist mit starker Konkurrenz zu kämpfen, denn in den kleineren Reichsstädten wie z. B. Biberach waren ständig 2 bis 3 Werbebureaus aufgeschlagen. 25 bis 30 fl. war das gewöhnliche Handgeld; „die Preußen“, erzählt Joh. Bapt. Pflug in seinen Erinnerungen eines Schwaben, „zahlten mehr und erhöhten die Wirkung ihrer Überredungskünste durch eine reiche Uniform“.

„Die Werber“, fährt er fort, „waren Unteroffiziere von bester Haltung; eine solch gewichtige Person spazierte stets mit dem Meerrohr einher. Die Wirkung seiner Ansprache an ein taugliches Individuum: ,Hat Er nicht Lust, dem Großen König zu dienen?* Da seid Ihr von allen Sorgen frei, bekommt noch ein gutes Handgeld und‘könnt den Herrn spielen!‘ erhöhte eine mit beispielloser Nettigkeit gehaltene reiche Uniform. An Markttagen entwickelte die Lockung ihren höchsten Reiz. Da wurde ein Werbtisch aufgeschlagen, um den sich die Werber setzten. In großer zinnerner Schüssel lag das Geld aufgehäuft; diese stand mitten auf dem Tisch, von stets gefüllten Weinflaschen umgeben. Soldatenhüte mit stattlichen Federbüschen waren in Bereitschaft, um den Angeworbenen sogleich mit einem solchen versehen zu können. Von Zeit zu Zeit wurde die mit Geld angefüllte Schüssel vom Tisch genommen und in Begleitung der Werber und einiger neu Angeworbenen, welche sich noch in bürgerlicher oder bäuerlicher Kleidnung befanden, aber den Hut mit dem winkenden Busch bereits aufgesetzt hatten, ein Umzug auf dem Markt gehalten; voran eine lärmende Musik.“

Der Tücke und Niedertracht der Werber ist manches Lebensglück zum Opfer gefallen. In Welschtirol raubten sie einen katholischen Geistlichen von ungewöhnlicher Körpergröße direkt vom Altar seiner Pfarrkirche weg; den Großonkel von Karl Julius Weber, der als Kandidat einen Spaziergang vor die Tore Nürnbergs riskierte, fingen die Werber; der Hauslehrer Ernst Moritz Arndts, ein Chemnitzer, war als Student erst von preußischen Werbern gepreßt worden und fiel dann den Schweden in die Hände, die ihn in ihre Dienste nötigten. General von Krockow nahm 1773 den Schulmeister in Neukirch mitten aus dem Unterricht fort, weil er 5 Fuß, 9 Zoll, 3 Strich messe und zu Lehrern kleine Leute genügten. Als der Mann sich nicht beruhigen will und mit einem Gesuch bis an den König geht, erhält er außerdem noch 40 Stockprügel extra. Ebenso verfuhr Major von Lengefeld mit zu großen Lehrern. Kandidat Neugebauer, ein Gesinnungsgenosse des frommen Bo-gatzky, will von Glaucha als Missionar nach Malabar gehen, unterwegs aber fangen ihn preußische Werber und zwingen ihn, Soldat zu werden. Ein vollkommener Menschenhandel wird in Deutschland eingeführt, mit Preisen, die sich wie auch sonst nach Angebot und Nachfrage regeln. Friedrich Wilhelm I. bot seinen Schwiegersöhnen von Ansbach und Bayreuth 30 Tlr. ,,für jeden nackten Kerl“, ebensoviel pro Kopf wollte Friedrich der Große dem Herzog von Württemberg für etwa 3000 bis 4000 Mann zahlen. Im Siebenjährigen Kriege galt ein Infanterist 96 fl., ein Kavallerist 288 fl. und im Jahre 1772 war der Preußenkönig genötigt, seine Offerte zu erhöhen; er schrieb der Großen Landgräfin, daß er ihrem Mann jeden seiner Hessen mit 60 Tlr. bezahlen wolle, ln Augsburg, erzählte Schlözer, ließen die bischöflichen Vögte alle Fußreisenden verhaften und verkauften sie an die preußischen Werber.

Auch darin diente Preußen den anderen als Beispiel; wohin der „reisende Weißgerbergeselle“ auf seiner Wanderung durch Deutschland auch kommt, überall soll er mit Gewalt zum Soldaten gemacht werden, und er kann sich dieser Gefahr jedesmal nur durch schleunige Flucht entziehen. Die Österreicher galten für die menschlichsten Werber, und bei den Preußen würde Lauckhardt, der im Roten Ochsen zu Frankfurt a. M. ihnen in die Hände fiel, wohl nicht das Glück gehabt haben, wieder losgelassen zu werden. Sonst machten sie auch wenig fangen die Werber alle Handwerksburschen weg, die sich auf dem Schiff befinden, und Pflug erzählt, daß „wenn die Ammänner der vorderösterreichischen Gemeinden einen oder zwei Rekruten zu stellen hatten, so pflegten sie in der Nacht einen ausgewachsenen Hintersassen heimlich zu überfallen, auf einen Leiterwagen zu binden und an das k. k. Oberamt abzuliefern. War keiner da, so faßte man einen fremden Knecht oder man reiste nach Oberdischingen zum Malefiz-Schenk und kaufte sich von ihm zwei Spitzbuben um 100 fl.“

Die Kleinen unter den Großen trieben auch hier die Sache auf die Spitze. Landgräfin Karoline von Hessen will sich bei ihrem Manne einschmeicheln und glaubt das nicht besser tun zu können als durch das Geschenk eines Mannes, den sie 1762 in Bergzabern kauft und ihm nach Pirmasens schickt; zwar ist er nicht mehr jung, und ein Finger der linken Hand ist auch schon beschädigt, aber sie hofft auf Nachsicht, sie hat keine bessere Qualität bekommen. Auch liier treffen wir Herzog Karl Eugen unter denen, die am rücksichtslosesten vorgingen. Als er die 6000 Mann, auf die Frankreich ein Anrecht hatte, stellen sollte, betraute er den berüchtigten Oberst Riegger mit der Aufgabe, sie so schnell wie möglich zusammen zu bringen. Der ließ Bauern, Tagelöhner, Handwerksburschen mit Gewalt einfangen, holte sie ausdem Bett, vom Pfluge, aus Werkstatt und Kirche.

1758 erging ein Befehl, „alle, die ein liederliches Leben führen, Trunkenbolde, Rä-sonneure, Müßiggänger, unruhige Köpfe, subtile Aufwiegler und andere dem Publikum zur Last fallende Leute, welche nicht über 60 Jahre alt, nicht gebrechlich und 5 Fuß 8 Zoll hoch sind, zum Militär zu liefern, denn hier würden sie gehorchen und ruhig und vernünftig werden“. Wer sich loskaufen wollte, mußte 50 bis 100 fl. zahlen; diejenigen aber, die ausgedient hatten, wurden durch Gefängnis, Hunger und Prügel gezwungen, weiter zu dienen. Ein Landesvater ähnlichen Schlages war der Landgraf Friedrich von Hessen-Kassel, der 1762 das preußische Kantonsystem in seinem Territorium eingeführt hatte und eine Armee auf dem Friedensfuß von 16000 Mann erhielt. „Jeder robuste Bauernsohn,“ schreibt Strombeck, „wurde unter die Regimenter gesteckt, und die Felder wurden von Krüppeln, Kindern, Greisen und Weibern bestellt, welches sogar Einfluß auf die Menschenrasse zeigte: nirgends waren die gemeinen Weiber häßlicher als in Hessen“. Beklagten sich Eltern über die Wegnahme ihrer Söhne, so wandert en sie ins Zuchthaus. Lauckhardt erzählte, daß ihm 1776 bei Gelegenheit einer Wanderung durch Hessen die halbnackten Kinder nachliefen und sich beklagten, daß ihre Väter nach Amerika geschickt würden und ihre armen, verlassenen iMütter und alten, abgelebten Großväter das Land bauen müßten. In Vach fiel Seume den Werbern des Landgrafen in die Hände. „Niemand/“ schreibt er in seinem „Leben“, „war damals vor den Handlangern dieses Seelenverkäufers sicher; Überredung, List, Betrug, Gewalt, alles galt“. Man zerriß seine Ausweispapiere, und mit Studenten, Kaufleuten, Handwerkern, Beamten, Mönchen und Deserteuren anderer Armeen teilte er das Schicksal, unter den Hessen-Kasselschen Truppen dienen zu müssen.

Man kann sich leicht vorstellen, welche Stimmung unter den Soldaten herrschen mußte, die auf diese Weise zusammengebracht waren, und daß die Versuchung übergroß war, sich seinem Schicksal durch die Flucht zu entziehen. In der Tat spielte die Desertion eine große Rolle, und auch die drakonischsten Strafen haben nicht von ihr abzuschrecken vermocht. Man schnitt Deserteuren Nasen und Ohren ab, schmiedete sie in Ketten und schickte sie lebenslänglich auf Festung zu schwerster Arbeit, die gewöhnlichste Strafe aber war das Spießrutenlaufen, bei dem ein Deserteur achtmal.eine.Gasse von 200 Mann durchmessen mußte, beim drittenmal traf ihn der Tod. Man suchte sich wohl durch allerlei Vorsichtsmaßregeln zu sichern. So versprach ein preußischer Werbeoffizier 1743 durch Anzeige im Frankfurter Intelligenzblatt jedem, der kapitulieren würde, 100 Rtlr., verlangte aber für jedes Jahr. 100 fl. Kaution, und Lauckhardt, der von Halle aus seinen Vater in der Pfalz besuchen will, muß 150 Rtlr. Kaution hinterlegen, ehe er Urlaub erhält. Vor allem versicherte man sich der angeworbenen Mannschaften durch die strengste und genaueste Überwachung. Sie durften ihre Garnisonsorte nicht verlassen und hatten jedermann, der ihnen außerhalb begegnete. Rede und Antwort über ihr Vorhaben zu stehen. Ertönte die Lärmkanone, so hieß das soviel als „ein Soldat ist entflohen!“ und dann mußte die ganze Umgegend auf die Jagd nach dem Deserteurgehen. Württemberg hat sein „Deserteurattrapierungsreskript“ vom Jahre 1757 dem preußischen nachgeschrieben, mit der Übertreibung, die sich für die kleineren Verhältnisse schickte. Die Gemeinden Württembergs mußten in solchen Fällen Posten ausstellen, die alle Wege und.Stege bewachten; wegen eines Deserteurs mußte Tübingen 106, Herrenberg 94, Röblingen 101, Besigheim 48 Mann als Wachen ausstellen. Wer einem der Unglücklichen geholfen hätte, wäre ins Zuchthaus gekommen. Und trotzdem war die Desertion nicht auszurotten, glaubte doch jeder, seine Lage durch einen Wechsel-zu verbessern, und die Zerrissenheit des Reiches in so unendlich viele kleine Territorien erleichterte die Flucht jenseits der Grenzen. Man vergegenwärtige sich, daß im 18. Jahrhundert Kursachsen bis dicht an die Tore Berlins reichte! Der Rat von Frankfurt a. M. beklagte sich bitter, daß „viele angeworbene Mousquetiers mit völliger Montur auch mit Ober- und Untergewehr desertieren“ und ersucht alle Nachbarn, sie festzuhalten. Aber selbst der Generalpardon, den er 1734 allen Deserteuren verspricht, die sich wieder einfinden werden, scheint nichts gefruchtet zu haben; die Nachbarn machten sich eben kein Gewissen daraus, fremde Deserteure zu engagieren. Das Militär in Münster bestand nach Justus Grüner zum großen Teil aus ausländischen Deserteuren, „die ebenso schnell wieder desertieren“. Bei den Truppen, mit denen Seume zusammen befördert wurde, befand sich eine ganze Abteilung, die nur aus preußischen Deserteuren gebildet war, „sie sprachen beständig vom Alten Fritz und Seydlitz und Schwerin und dünkten sich nichts Kleines“. Da man sich gar keine Gedanken darüber machte, Ausländer in die Armee aufzunehmen — Friedrich II. glaubte, ohne weiteres die gefangene sächsische Armee unter die preußischen Truppen stecken zu können—»andrerseits auch die mit Zwang unter das Militär geratenen Männer nicht grade mit Leib und Seele bei der Verteidigung einer Sache waren, die sie im Grunde nichts anging, so war der Prozentsatz, den die Heere durch Desertion als Verlust erlitten, recht beträchtlich. Als Herzog Karl Eugen sich mit seinen Regimentern in Marsch setzt, desertieren Hunderte; in der ersten Schlacht, die die Württemberger mitmachen, es war Leuthen, wo sie gegen die Preußen fochten, betrug ihre Einbuße 134 Tote, 160 Verwundete und 1832 Deserteure! Als der Feldmarschall Lascy 1767 dem Kaiser sein Regiment vorstellen will, desertieren am Abend zuvor 400 Mann, und die Besichtigung fällt ins Wasser. Fürst Josef Wenzel von Liechtenstein bildete aus lauter preußischen Deserteurs ein Regiment, das er am 4. Dezember 1744 der Kaiserin Maria Theresia vorführt.

Diese Sorte Truppen ‚war gefährlich. Friedrich Wilhelm I. wollte das Herz brechen, als 1730 in Potsdam eine Verschwörung der „langen Kerls“ entdeckt wurde, welche die Residenz hatten.in Brand stecken und dann gemeinsam desertieren wollen; in Berlin hatten 159 300 russische, schwedische, österreichische und französische Deserteure, die dem Regiment Lüderitz angehörten, ein Komplott angezettelt, um sich der Hauptstadt zu bemächtigen, und ähnliche Pläne konnten in Magdeburg vereitelt werden, ehe die Festung dem Feinde überliefert war. Die trostlose Erscheinung, daß Härte und Grausamkeit zu Desertionen und Aufständen führten, und Desertionen und Aufstände eine Verschärfung der Behandlung nach sich zogen, war der traurige und eintönige Kreislauf, aus dem der Absolutismus des 18. Jahrhunderts keinen Ausweg fand.

Das ganze Militärwesen war ein Staat im Staate, nicht nur mit eigener Gerichtsbarkeit, eigenen Kirchen und Schulen, sondern auch mit eigenen Sitten. Allerdings entfernten ihn die hier herrschenden Anschauungen und der im Verkehr von Vorgesetzten zu Untergebenen üDliche Ton von dem übrigen bürgerlichen Leben so weit, als hätten Abgründe dazwischen gelegen. „Kanton-Aushebung“, so läßt sich Nettelbeck in seiner Lebensgeschichte vernehmen, „war eine Schreckenszeitung für alle Eltern jener Zeit. Diese entschiedene Abneigung des Bürgers gegen den Soldatenstand hatte aber auch ihre genügsame Rechtfertigung in der heillosen und unmenschlichen Art, womit die jungen Leute beim Exerzieren, zumal von den dazu angestell-ten Unteroffizieren, behandelt wurden. Unter den Fenstern ihrer Eltern selbst, auf öffentlichem Markt, wurden sie von diesen rohen Menschen bei solchen Einübungen mit Schieben, Stoßen und Prügeln aufs grausamste mißhandelt, oft nur, um sie die Autorität

fühlen zu lassen, oft aber auch wohl in der eigennützigen Absicht, von den Angehörigen Geschenke zu erpressen. Es war ein kläglicher Anblick, wenn die Mütter hei solchen Auftritten in Haufen daneben standen, weinten, schrieen, baten und von den Barbaren rauh abgeführt wurden. Wer es irgend vermochte, entzog sich dieser Sklaverei lieber durch die Flucht ins Ausland.“ Als die Familie Trosiener eines Tages wieder ihr Landhaus vor den Toren Danzigs besucht, entdecken Mutter und Töchter zu ihrem Entsetzen, daß die Preußen vor ihren Fenstern den Übungsplatz eingerichtet haben, „wo unter Schimpfen, Fluchen und Prügeln vom Morgen bis zum Abend Rekruten exerzierten, und die Fuchtel blutjunger Offiziere auf den Rücken alter Soldaten niederfiel“. Als sie dann noch den Spießrutenmarsch anhören müssen, fliehen sie und verlangen nie wieder hinaus.

1789 erzählte der damals 54 Jahre alte Herder dem Ober-konsistorialrat Böttiger, daß er aus seinen Jugendtagen noch immer die empörenden militärischen Exekutionen und Korporalsmißhandlungen in der Erinnerung habe, dadurch sei ihm der preußische Adler auf immer verleidet worden. Um so mehr, weil er selbst .als Sohn eines Dorfschullehrers in seinem Kantonsbezirk beim Militär eingeschrieben war und täglich die peinigende Aussicht hatte, ausgehoben werden zu können. Jahrelang lebte er deswegen in beständiger Unruhe. Man versteht dann, daß der schon genannte Silberschlag erzählt, wie sein Vater täglich mit ihm auf den Knien betete, Gott möge ihn weder so groß noch so stark werden lassen, als daß er imstande sei, die Waffen zu führen. Daher beim Bürgerstand jene unüberwindliche Abneigung gegen das Militär, die sich durch Haß und Furcht kompliziert. Als’ein .Vetter von Karl Friedrich Bahrdt zu den Husaren geht, entsteht in Leipzig das Gerücht, es handle sich um ihn. Sofort steht in der Zeitung: „Eben verbreitet sich die traurige Nachricht, daß unser guter Doktor Bahrdt das Herzeleid erlebt hat, seinen ältesten, hoffnungsvollen Sohn zu verlieren. Er ist ihm entlaufen und unter die Husaren gegangen.“ Als Lauckhardt sich 1783 in Halle anwerben ließ, schrieb ihm Professor Semler, „er hätte dergleichen nicht unternehmen können, wenn er nicht allen Glauben an die göttliche Vorsehung verloren hätte“. Die am meisten charakteristische Geschichte aber erzählt doch Büsching. Ein Berliner Predigersohn geht mit 14 Jahren freiwillig zum Militär, gegen den Wunsch der Eltern, besonders der Mutter, die offen ausspricht, sie wolle ihn lieber tot sehen wie als Offizier. Als er eben ins Feld ziehen ¦ soll, besucht er die Eltern und spaltet ihnen auf Wunsch eine Partie Holz. Dabei hat er das Unglück, sich schwer am Bein zu verletzen. Die Mutter kommt dazu, und als sie den Verwundeten ohnmächtig in seinem Blute liegen sieht und ihn für tot hält, kniet sie nieder und dankt Gott mit Freudentränen, daß er ihren Wunsch erfüllt habe. Der Ritter von Lang sollte als Knabe eine Freistelle auf der Hohen Karlsschule in Stuttgart bekommen, seine Angehörigen aber konnten sich nicht dazu entschließen, diesen Vorteil wahrzunehmen, „weil die Zöglinge exerzieren und Uniform tragen müssen“.

ln bezug auf die Mißhandlungen der Soldaten wurden zwar höheren Orts Parolebefehle erlassen, wie die des Feldmarschall von Möllendorf, der sich 1785 sehr lebhaft gegen die „Idee einiger Offiziers, den gemeinen Mann durch Barbarei tyrannisches Prügeln, Stoßen und Schimpfen zu seiner Schuldigkeit anzuhalten“, wandte, aber da er ihn schon drei Jahre darauf wiederholen mußte, beweist das, wie gering der Erfolg war. Im Ernstfall ist es wohl manchem Soldatenschinder schwer aufs Herz gefallen, daß er sich zu weit hatte fortreißen lassen, wie denn der Oberst von Stranz, der bei dem Sturm auf den Ziska-Berg fiel, zu seinen Soldaten sagte: „Kinder, ich habe euch oft mißhandelt, vergebt mir!“ aber nachher glitschte ihnen eben doch wieder die Hand aus. Es war ein Grundsatz des Generals von Saldern: „Derbe Hiebe sind gute Exerziermeister,“ und der Ritter von Lang sah noch 1798—99 in Rastatt zu, „wie die badischen Hauptleute unter seinem Fenster die Sklaven ihrer Wachplantage alle Tage mit dünnen Röhrchen durchpeitschen ließen“, ln dem stillen kleinen Weimar war die Volkswut kaum zu bändigen, wie Schiller 1788 an Körner schrieb, als der Rittmeister Freiherr von Lichtenberg einen Husaren seiner Schwadron durch 75 Stockprügel hatte zu schänden richten lassen, und der Herzog brauchte seine ganze Autorität, um den Offizier zu schützen, ln Bruchsal, der Residenz eines geistlichen Fürsten, war vor dem Tore für die Soldaten ein hölzerner Esel mit messerscharfem Rücken aufgestellt, auf dem sie zur Strafe ein bis zwei Stunden mit einer Kanonenkugel an jedem Bein sitzen mußten. Wie militärische Gerichtshöfe mit ihren Untersuchungsgefangenen verfuhren, das erzählt Johann Dietz, der als Regimentsfeldscher mit brandenburgischen und anderen Truppen um die Wende des 17. zum 18. Jahrhundert umherzog. Er schreibt: „Ich habe mein Tage dergleichen Tortur, damit die Delinquenten zum Bekenntnis gebracht wurden, nicht gesehen. Indem Solchen die Hände und Beine gebunden, über die Kniee oder Beine gespannet und ein Stock durchgesteckt, item ein Strick mit 3 oder 4 Knoten um den Kopf mit einem Prügel zugerädelt und immer besser angezogen. Auf die Weis sie alles herausbrachten. Und dies hießen sie den polnischen Bock. Und gewiß, sie lagen da wie ein Klotz und wurden mit den Beinen umgestoßen wie ein Klump, sie verkehrten die Augen im Kopf, wurden ganz dumm und bekennten alles, sie brummten wie ein Ochse/‘ Die einzige Erklärung für die unmenschliche Behandlung liegt eben darin, daß man glaubte, eine bunt zusammengewürfelte Menge von Männern aus aller Herren Länder, aus allen Berufen und Altersklassen, nur durch eine eiserne Strenge regieren zu können. Wenn das Reglement, das der Markgraf von Brandenburg-Kulmbach 1722 für seine Mannschaft erließ, ihnen ausdrücklich Stehlen, Rauben, Plündern, Vollsaufen, Straßenraub, Mordbrennen, Notzucht, Blutschande, Sodomiterei verbieten zu müssen glaubte, so fällt damit ein merkwürdiges Licht auf den moralischen Zustand dieser Truppe. Unter den Soldaten waren viele, erzählt Karl Friedrich von Klöden, der zwischen ihnen aufwuchs, die sich nur hatten anwerben lassen, um dem Zuchthause zu entgehen. „Alle Disziplinareinfichtungen waren so getroffen, als ob das ganze Heer nur aus Menschen bestünde, die allein durch barbarische härteste Strafmittel notdürftig in Ordnung zu halten seien, und diese Strafen wurden mit Unbarmherzigkeit angewendet/‘ „Bei aller Gewöhnung an die unwürdigste Mißhandlung“, fährt er fort, „mußte die unmenschliche Behandlung den Soldaten das Leben entleiden.“ Viele schnitten sich in ihrer Verzweiflung den Hals ab; verbluteten sie nicht, wurde die Wunde genäht, und sie mußten, wenn sie geheilt waren, 12mal Spießruten laufen. Andere ergriffen den Ausweg und töteten ein Kind, um als Mörder hingerichtet zu werden, das war nach der allgemeinen Anschauung eine geringere Sünde als der Selbstmord, indem ein unschuldiges Kind sogleich in den Himmel gelange.

Den deutlichsten Begriff von dem inneren Zustande der preußischen Armee und dem Leben und Treiben ihrer Angehörigen unmittelbar vor Ausbruch des Siebenjährigen Krieges geben die Aufzeichnungen Ulrich Bräkers aus dem Toggenburg-schen, den ein Landsmann einem preußischen Werbeoffizier in die Hände spielte. „Seine Exzellenz, Leutnant Markoni“ schickt ihn dann als seinen Diener nach Berlin, wo dem Betrogenen zu spät die Augen aufgehen. Wir geben ihm das Wort.

„Es war den 8. April als wir 1756, zu Berlin einmarschierten, und ich vergebens nach meinem Herrn fragte, der doch, wie ich nachwärts erfuhr, schon acht Tage vor uns angelangt war. Labrot, denn die andern verloren sich nach und nach von mir, ohne daß ich wußte, wo sie hinkamen, transportierte mich in die Krausenstraße, in Friedrichsstadt, wies mir ein Quartier an und verließ mich kurz mit den Worten: ,Da, Mousier, bleib Er, bis auf fernere Order!‘ Der Henker! dacht ich, was soll das? Ist ja nicht einmal ein Wirtshaus! Wie ich so staunte, kam ein Soldat, Christian Zittemann, und nahm mich mit sich auf seine Stube, wo sich schon zwei andere Martissöhne befanden. Nun ging’s an ein Wundern und Ausfragen: wer ich sei, woher ich komme und dergleichen. Noch könnt ich ihre Sprache nicht recht verstehn. Ich antwortete kurz, ich komme aus der Schweiz, und sei Sr. Exzellenz des Herrn Leutnant Markoni Lakai, die Sergeanten haben mich hieher gewiesen, ich möge aber lieber wissen, ob mein Herr schon in Berlin angekommen sei und wo er wohne. Hier fingen die Kerls ein Gelächter an, daß ich hätte weinen mögen; und keiner wollte das geringste von einer solchen Exzellenz wissen. Mittlerweile trug man eine stockdicke Erbsenkost auf. Ich aß mit wenigem Appetit. Wir waren kaum fertig, als ein alter hagerer Kerl ins Zimmer trat, dem ich doch bald ansah, daß er mehr als Gemeiner sein müsse. Es war ein Feldwebel. Er hatte eine Soldatenmontur auf dem Arm, die er über den Tisch ausbreitete, legte ein Sechsgroschenstück dazu und sagte: ,Das ist für dich, mein Sohn! Gleich werd ich dir noch ein Kommißbrot bringen/ ,Wa$? für mich?‘ versetzt ich, ,von wem? wozu?‘ ,Ei! Deine Montierung und Traktement, Bursche! Was gilt’s da Fragens? Bist ja ein Rekrute.‘ ,Wie, was? Rekrute?‘ erwidert ich. ,Behüte Gott! da ist mir nie kein Sinn daran kommen. Nein, in meinem Leben nicht. Mar-konis Bedienter bin ich. So hab ich gedungen, und anders nicht. Das wird mir kein Mensch anders sagen können.‘ ,Und ich sag dir, du bist Soldat, Kerl! Ich steh dir dafür. Da hilft jetzt alles nichts.‘ Ich. Ach, wenn nur mein Herr Markoni da wäre. Er. Den wirst du sobald nicht zu sehen kriegen. Wirst doch lieber wollen unsers Königs Diener sein als seines Leutnants? Damit ging er weg. ,Um Gottes willen, Herr Zittemann!‘ fuhr ich fort, ,was soll das werden?‘ »Nichts, Herr!‘ antwortete dieser, ,als daß Er, wie ich und- die andern Herrn da, Soldat und wir folglich alle Brüder sind, und Ihm alles Widersetzen nichts hilft, als daß man Ihn auf Wasser und Brot nach der Hauptwache führt, kreuzweis schließt und Ihn fuchtelt, daß Ihm die Rippen krachen, bis er content ist.‘ Ich. Das war, beim Sacker! unverschämt, gottlos. Er. Glaub Er mir’s auf mein Wort, anders ist’s nicht und geht’s nicht. Ich. So will ich’s dem Herrn König klagen. Hier lachten alle hoch auf. Er. Da kömmt Er sein Tage nicht hin. Ich. Oder wo muß ich mich sonst melden? Er. Bei unserm Major, wenn Er will. Aber das ist alles umsonst. Ich. Nun so will ich’s probieren, ob’s so gelte? Die Bursche lachten wieder, ich aber entschloß mich wirklich, morgens zum Major zu gehn und meinem treulosen Herrn nachzufragen.

Sobald also der Tag am Himmel brach, ließ ich mir dessen Quartier zeigen. Potz Most! das dünkte mich ein königlicher Palast und der Major der König selbst zu sein, so majestätisch kam er mir vor, ein gewaltig großer Mann, mit einem Heldengesicht und ein paar feurigen Augen wie Sternen. Ich zitterte vor ihm, stotterte: ,Herr Major! Ich bin Herrn Leutnant Markonis Bedienter. Für das bin ich angeworben, und sonst weiters für nichts. Sie können ihn selbst fragen. Ich weiß nicht, wo er ist. Jetzt sagen’s da, ich müsse Soldat sein» ich wolle oder nicht.‘ ,So!‘ unterbrach er mich, ,so ist Er das ’saubere ‚Bürschchen! Sein feiner Herr hat uns gewirtschaftet, daß es eine Lust ist, und Er wird wohl auch seinen Teil gezogen haben. Und kurz, jetzt soll Er dem König dienen, da ist’s aus und vorbei.‘ Ich Aber, Herr Major! Er. Kein Wort, Kerl! Oder die Schwerenot! Ich. Aber ich hab ja weder Kapitulation noch Handgeld! Ach! Könnt ich doch mit meinem Herrn reden! Er. Den wird Er so bald nicht zu sehn kriegen, und Handgeld hat Er mehr gekost’t als zehn andre. Sein Leutnant hat eine saubere Rechnung, und Er steht darin oben an. Eine Kapitulation soll Er haben. Ich. Aber — Er. Fort! Er ist ja ein Zwerg, daß— Ich. Ich bitte. Er. Kanaille! scheer Er sich zum Teufel. Damit zog er die Fuchtel. Ich zum Haus hinaus wie ein Dieb, und nach meinem Quartier, das ich vor Angst und Not kaum finden konnte. Da klagt’ ich Zittemann mein Elend in den allerhöchsten Tönen. Der gute Mann sprach mir Mut ein. .Geduld, mein Sohn! Es wird schon alles besser gehen. Jetzt mußt dich leiden, viel hundert brave Bursche aus guten Häusern müssen das gleiche tun. Denn gesetzt auch, Markoni könnte und wollte dich behalten, so müßt er dich doch unter sein Regiment abgeben, so bald es hieß: ins Feld, marsch! Aber, wirklich, einstweilen würd er kaum einen zu nähren imstande sein, da er auf der Werbung ungeheure Summen verzehrt und dafür so wenig Kerls eingeschickt haben soll, wie ich unsern Oberst und Major schon oft lamentieren gehört, man wird ihn gewiß nicht mehr so geschwind zu derlei Geschäften brauchen. So tröstete mich Zittemann, und ich mußt’s wohl annehmen, da mir kein besserer Trost übrig blieb. Nur dacht ich dabei, die Großem richten solche Suppen an, und die Kleinen müssen sie aufessen.

Des Nachmittags brachte mir der Feldwebel mein Kommißbrot nebst Unter-und Übergewehr und fragte, ob ich mich nun eines Bessern bedacht. ,Warum nicht?‘ antwortete Zittemann für mich, ,er ist der beste Bursch von der Welt.‘ Jetzt führte man mich in die Montierungskammer, paßte mir Hosen, Schuh und Stiefeletten an und gab mir einen Hut, Halsbinde und Strümpfe. Dann mußt ich mit noch zwanzig andern Rekruten zum Herrn Oberst Latorf. Alan führte uns in ein Gemach so groß wie eine Kirche, brachte etliche zerlöcherte Fahnen herbei und befahl jedem, einen Zipfel anzufassen. • Fin Adjutant, oder wer er war, las uns einen ganzen Sack voll Kriegsartikel her, und sprach uns einige Worte vor, welche die mehrern nachmurmelten, ich regte mein Maul nicht, dachte dafür was ich gern wollte, ich glaubte an Ännchen; er schwang dann die Fahne über unsre Köpfe und entließ uns. Hierauf ging ich in eine Garküche und ließ mir ein Atittagsessen nebst einem Krug Bier geben. Dafür mußt ich zwei Groschen zahlen. Nun blieben mir von jenen sechsen noch vier übrig; mit diesen sollt ich vier Tage wirtschaften, und sie reichten doch bloß für zwei hin. Bei dieser Überrechnung fing ich gegen meine Kameraden schrecklich zu lamentieren an. Allein Cran, einer derselben, sagte mir mit Lachen: ,Es wird dich schon lehren. Jetzt tut es nichts, hast ja noch allerlei zu verkaufen!

Per Exempel deine ganze Dienermontur. Dann bist du gar doppelt armiert, das läßt sich alles versilbern. Auch kriegen solche junge Burschen oft noch eine Traktements-Zulage, und kannst dich deswegen beim Obrist melden. ,Oh oh! Da geh ich mein Tage nicht mehr hin,“ sagt ich. „Potz Velten!‘ antwortete Cran, ,du mußt mal des Donners gewohnt werden, sei’s ein wenig früher oder später. Und dann der Menage wegen nur fein aufmerksam zugesehn, wie’s die andern machen. Da heben’s drei, vier bis fünf miteinander an, kaufen Dinkel, Erbsen, Erdbirnen und kochen selbst. Des Morgens für einen Dreier Fusel und ein Stück Kommißbrod. Mittags holen sie in der Garküche für ein andern Dreier Suppe, und nehmen wieder ein Kommiß. Des Abends für zwei Pfennige Kovent oder Dünnbier und abermals Kommiß.“ Aber das ist, beim Strehl, ein verdammtes Leben/ versetzt ich, und Er: Ja! So kommt man aus und anders nicht. Ein Soldat muß das lernen, denn es braucht noch viel andre Ware: Kreide, Puder, Schuhwachs, Öl, Schmiergel, Seife und was der hundert Siebensachen mehr sind. Ich: Und das muß einer alles von den sechs Groschen bezahlen? Er: Ja! und noch viel mehr, wie z. B. den Lohn für die Wäsche, für das Gewehr putzen und so fort, wenn er solche Dinge nicht selber kann. Damit gingen wir in unser Quartier, und ich machte alles zurecht, so gut ich konnte und mochte. Die erste Woche hatt ich noch Vakanz. Ich ging in der Stadt herum, auf alle Exerzierplätze, sah, wie die Offiziere ihre Soldaten musterten und prügelten, daß mir schon zum Voraus der Angstschweiß von der Stirne tropfte. Ich bat daher Zittemann, mir zu Hause die Handgriffe zu zeigen. „Die wirst du wohl lernen/ sagte er, ,aber auf die Geschwindigkeit kömmt’s an. Da geht’s dir wie ein Blitz!‘ Indessen war er so gut, mir wirklich alles zu weisen; wie ich das Gewehr rein halten, die Montur anpressen, mich auf Soldatenmanier frisieren sollte. Nach Crans Rat verkaufte ich meine Stiefel und kaufte dafür ein hölzernes Kästchen für meine Wäsche. Im Quartier übte ich mich stets im Exerzieren, las i mH alleschen Gesangbuch oder betete. Dann spaziert5 ich etwa an die Spree und sah hundert Soldatenhände sich mit Aus-und Einladen der Kaufmannswaren beschäftigen, oder auf die Zimmerplätze, da steckte wieder alles voll arbeitender Kriegsmänner. Ein andermal in die Kasernen, da fand ich überall auch dergleichen, die hunderterlei Hantierungen trieben, von Kunstwerken an bis zum Spinnrocken. Kam ich auf die Hauptwache, so gabs deren, die spielten, soffen und haselierten; andre, welche ruhig ihr Pfeifchen schmauchten und diskurierten; etwa auch einer, der in einem erbaulichen Buch las und’s den andern erklärte. In den Garküchen und Bierbrauereien ging’s eben so her. Kurz, in Berlin hat’s unter dem Militär, wie, denk ich freilich, in großen Staaten überall, Leute aus allen vier Weltteilen, von allen Nationen und Regionen, von allen Charakteren, und von jedem Berufe, womit einer noch ebenzu sein Stücklein Brot gewinnen kann.

Die zweite Woche mußt ich midi schon alle Tage auf dem Paradeplatz stellen, wo ich unvermutet drei meiner Landsleute, Schärer, Bachmann und Gästli fand, die sich zumal alle mit mir unter gleichem Regimente Itzenblitz, die beiden erstem vollends unter der nämlichen Kompagnie Lüderitz befanden. Da sollt ich vor allen Dingen unter einem mürrischen Korporal mit einer schiefen Nase, Mengke mit Namen, marschieren lernen. Den Kerl mocht ich für den Tod nicht vertragen; wenn er mir gar auf die Füße klopfte, schoß mir das Blut in den Gipfel. Unter seinen Händen hätt ich mein Tage nichts begreifen können. Dies bemerkte einst Hevel, der mit seinen Leuten auf dem gleichen Platz manövrierte, tauschte mich gegen einen andern aus, und nahm mich unter sein Peloton. Das war mir eine Herzensfreude. Jetzt kapiert’ ich in einer Stunde mehr als sonst in zehn Tagen.

Fast alle Wochen hörten wir nämlich neue ängstigende Geschichten von ein-gebrachten Deserteurs, die, wenn sie auch noch so viele List gebraucht, sich in Schiffer und andre Handwerksleute oder gar in Weibsbilder verkleidet, in Tonnen und Fässer versteckt, dennoch ertappt wurden. Da mußten wir Zusehen, wie man sie durch zweihundert Mann achtmal die lange Gasse auf und ab Spießruten laufen ließ, bis sie atemlos hinsanken, — wie sie des folgenden Tages wieder dran mußten, die Kleider vom zerhackten Rücken heruntergerissen, und wie wieder frisch drauf losgehauen wurde, bis Fetzen geronnenen Bluts ihnen über die Hosen hinabhingen. Dann sahen Schärer und ich uns zitternd und todblaß an und flüsterten einander in die Ohren: ,Die verdammten BarbarenV Was hiernächst auch auf dem Exerzierplatz vorging, gab uns zu ähnlichen Betrachtungen Anlaß. Auch hier war des Fluchens und Karbatschens von prügelsüchtigen Jünkerleins und hinwieder des La.-mentierens der Geprügelten kein Ende. Wir selber zwar waren immer von den ersten auf der Stelle und tummelten uns wacker. Aber es tat uns nicht minder in der Seele weh, andre um jeder Kleinigkeit willen so unbarmherzig behandelt und uns selber Jahr ein Jahr aus so koujoniert zu sehn: oft ganzer fünf Stunden lang, in unsrer Montur eingeschnürt, wie geschraubt stehn, in die Kreuz und Quer pfahlgrad marschieren, und ununterbrochen blitzschnelle Handgriffe machen zu müssen, und das alles auf Geheiß eines Offiziers, der mit furiosem Gesicht und aufgehobnem Stock vor uns stand, und alle Augenblick wie unter Kabisköpfe dreinzuhauen drohte. Bei einem solchen Traktement mußte auch der starknervigste Kerl halb lahm und der geduldigste rasend werden. Kamen wir dann todmüde ins Quartier, so ging’s schon wieder über Hals und Kopf, unsre Wäsche zurecht zu machen und jedes Fleckchen auszumustern, denn bis auf den blauen Rock war unsre ganze Uniform weiß. Gewehr, Patrontasche, Kuppel, jeder Knopf an der Montur, alles mußte spiegelblank geputzt sein. Zeigte sich an einem dieser Stücke die geringste Untat, oder stand ein Haar in der Frisur nicht recht, so war, wenn man auf den Platz kam, die erste Begrüßung eine derbe Tracht Prügel.“

War es ein Wunder, daß der brave, betrogene Schweizer bei solchen Erfahrungen die erste Gelegenheit wahrnahm, um in Gesellschaft vieler Leidensgefährten davonzulaufen und es dem Großen König überließ, seine Schlachten zu schlagen, mit wem er wolle?

Wie schlecht war auch im Felde für die Soldaten gesorgt. Während des Feldzugs in der Champagne ließ der Herzog von Braunschweig den Soldaten aus den eroberten französischen Magazinen in Longwy Tabak, Branntwein und Speck reichen. Das meiste wurde aber, wie Lauckhardt schreibt, von den Herren, die es verteilen sollten, an die Marketender verkauft, -auch alle Strümpfe, die den Soldaten zugedacht waren, von den Offizieren an Kaufleute verschoben. Zur Entschädigung ließ man dann in der Champagne Kreide brechen und verteilen, und ein Parolebefehl verkündete: Seine Majestät schenke diese Kreide den Soldaten. Sie mußten sie sonst zum Weißen des Lederzeuges von ihrem Gelde kaufen. Wer das Unglück hatte, an die Engländer verkauft zu werden, hatte vollends auf menschliche Behandlung keinen Anspruch mehr. Bis zur Küste wie Zuchthäusler, unter Bedeckung und ohne Waffen transportiert, erzählt Seume, „wurden wir in den englischen Transportschiffen gedrückt, geschichtet und gepökelt wie die Heringe. Im Verdeck konnte ein ausgewachsener Mann nicht gradestehen und im Bettverschlage nicht grade sitzen. Wenn vier in dem Bettkasten lagen, waren sie voll, Nummer 5 und 6 mußten hineingezwängt werden. Es war für den einzelnen unmöglich, sich umzuwenden und ebenso unmöglich, auf dem Rücken zu liegen.“ Die Kost war knapp und schlecht und stets die gleiche, Erbsen und Speck. Das Schiffsbrot, das die Engländer den Franzosen im siebenjährigen Kriege (15 Jahr zuvor!) abgenommen hatten, war voller Würmer, die sie mit essen mußten, das Wasser die reine Jauche, man mußte sich beim Trinken die Nase zuhalten. So waren sie 22 Wochen unterweges.

Verwundete waren so gut wie verloren. Prinz August Wilhelm schreibt aus Prag am 13. Mai 1757 voll Schauder über den entsetzlichen Zustand der Feldlazarette, in dem die Blessierten fünf Tage lang liegen müssen und immer noch nicht verbunden waren, aber ein Menschenalter später macht Lauckhardt dieselben Erfahrungen in dem Feldzug in der Champagne, wo er von den preußischen Feld–lazaretten, ihrer Unordnung, ihrem Mangel an allem Notwendigen, der Unmenschlichkeit der Chirurgen ein grauenvolles Bild entwirft.

Es ist lange Zeit alles beim Alten geblieben, und das Alte war weder für den Soldaten gut noch für das Zivil. Die Kavallerie lag auf dem flachen Lände bei den Bauern im Quartier, der der Willkür des Soldaten schutzlos überlassen war. Der Quartiergeber empfing zwar eine Vergütung von 2 Tlr. monatlich, die Ausgaben aber, zu denen er sich gezwungen sah, beliefen sich im Durchschnitt auf 4 bis 5 Tlr.

Die Infanterie lag in den Städten. Da Kasernen noch Ausnahmen waren, so wohnten die Soldaten durch die ganze Stadt zerstreut. Das gab mitunter sonderbare Bilder, z. B. in Potsdam, das Friedrich der Große doch ganz voller Palastfassaden gestellt hatte. Atoore wundert sich, daß selbst aus den Fenstern der ansehnlichsten Häuser Hosen, Westen und andre Wäschestücke der Soldaten zum Trocknen herausgehängt sind, und die gleiche Erscheinung bot Berlin dar. In Halle lagen zu Lauckhardts Zeit immer zwei unverheiratete Soldaten bei einem Verheirateten, der ihnen Holz, Licht und Bett geben muß, dafür aber den königlichen Service zieht; in Magdeburg und andern Orten wohnte der Soldat bei den Bürgersleuten. Nicht zu deren Freude. Hören wir den Barbier Johann Dietz über diesen Punkt.

Er schreibt in seinen Erinnerungen:

„Wir sind leider nun vierundzwanzig Jahr mit harter Einquartierung beleget worden. Und da habe ich auch viel Drangsal von Soldaten, Unteroffizieren und deren Weibern ausgestanden. Insonderheit, weil mich meine Frau und ihr Schwiegersohn bei den Predigern und in der ganzen Stadt, vor einen sehr reichen Mann von vielen tausend Talern ausgeschrieen. Daher die Soldaten bei mir alles vollauf haben wollten! Wann das nun nicht erfolgete, taten sie mir allen Tort und Herzeleid. Und ist nicht zu beschreiben, wie sie mich gequälet haben und noch quälen. Alter Schelm! alter Spitzbube! alter Racker! alter, verfluchter Geizteufel! sind meine besten Titul; meine Kinder werden von ihren Kindern gestoßen und geschlagen; alles unter der Hand weg; die Stuben vom starken Einheitzen in Brand gesteckt; den Garten verwüst und die Bäume mit Urin, ja damit den Boden und Stube überschwembt; salvo’honore vor meine Stuben hofieret, vor und in die Küche, vor den Ofen, da ich ihnen habe einheitzen und darein knieen müssen; Spiegel und Ofen zersprengt; Schüssel und Töpf entzweigeschlagen, zum Fenster naus-geworfen; aus meiner Küche mit Gewalt andere genommen, und was ihnen angestanden von kupfernen und irdenen Tiegeln und Töpfen und Feuerzeug; die Betten des Morgens lassen aus dem Hause tragen, Federn ausrappen usw. Trotz, daß ich ein Wort sagen dürfen, gleich mit dem Pallasch überloffen!

Sechsundzwanzig Hühner und Truthühner sind mir in einer Nacht gestohlen, die Köpfe in’n Garten geschmissen; wie ich hernach erfahren: Kindtauf dabei gemacht!

Einen Monat habe ich ihnen Holz, Öl, Salz, Essig, Pfeffer, Schwefel usw. in großer Menge geben müssen. Davon haben sie so viel Vorrat gesammlet, daß sie den andern Monat gnug gehabt. Da haben sie Geld vor Servis zwanzig Groschen und mehr des Monats erpreßt, wann ich Friede und Ruhe haben wollen.

Sind nicht zufrieden gewesen mit guten Bette und Kammer, sondern habe sie in meine Wohnstube einlegen müssen. Da haben sie ihre gewaschene Hosen und Stipulet usw. zum Fenster ausgehangen und, salvo honore, zur Dankbarkeit, wann ich ihnen bei Gelegenheit der Meisterstück der Barbier Wein, Bier und Braten gab, mitten in die Stube hofieret und die Fenster eingeschlagen; wie der Unteroffizier Wangenheini mir getan. Aber auch nun sein’n Lohn bekommen! Wie es insgemein von Gott gestraft wird. Sonst ist und hilft kein Klagen und will niemand helfen.“

Waren Kasernen vorhanden, so erhielt jeder verheiratete Unteroffizier eine Stube und eine Kammer, in die man zwei der schlimmsten Ausländer legte, für die er verantwortlich war. Um die angeworbenen Soldaten an die Garnison zu fesseln, erlaubte man ihnen zu heiraten, was die Regimenter dann um einen großen Troß von Weibern und Kindern vermehrte. Die sächsiche Armee, die 1790 30000 Mann stark war, zählte damals 20000 Kinder, und es war in Preußen kaum anders. Friedrich Wilhelm I. hatte in Potsdam das Militärwaisenhaus gegründet, in dem die Waisen und Kinder von Soldaten erzogen wurden; die 2000 bis 3000 Zöglinge, die es fassen konnte, wurden aber als billige Arbeitskräfte den Fabriken in der Stadt und Umgebung überwiesen; „jüdische Blutsauger beuteten sie in einer Weise aus, daß eine ungeheure Sterblichkeit die notwendige Folge war,“ ein Prediger nannte die Anstalt einst eine Alürdergrube. Diese Schar von Weibern und Kindern vermehrte das städtische Proletariat, denn abgesehen davon, daß ein verheirateter Soldat von seiner Löhnung überhaupt nicht existieren konnte, so stand es einem Kompagniechef noch außerdem frei, den dritten Teil seiner Kompagnie zwangsweise auf vier Monate zu beurlauben. In dieser Zeit floß der Sold der Beurlaubten in seine Tasche, und die Leute konnten sehen, wo sie blieben. Klöden entwirft ein schreckliches Bild von der Not, in die die Seinen dadurch ganz unverschuldet gerieten. Lauckhardt macht sich bei seinem Kapitän sehr beliebt, als er Stadturlaub nimmt; er erwirbt seinen Lebensunterhalt durch Sprachstunden und läßt jenem das Traktament. Die Hauptleute aber waren oft genug selbst nicht auskömmlich gestellt und auf derartige Manipulationen zur Erhöhung ihrer Einkünfte angewiesen, denn da in der preußischen Armee alle höheren Offiziere bis zum Generalleutnant hinauf ihre Kompagnien behielten und deren Einkünfte mit 4000 Tlr. jährlich zogen, so übernahm an ihrer Stelle ein Hauptmann zweiter Klasse die Führung, der nur 500 Tlr. bekam. Da ein Hauptmann alles für seine Mannschaft Nötige zu beschaffen hatte, so trachtete er natürlich darnach, alles so wohlfeil einzukaufen wie möglich, und er bevorzugte daher diejenigen Soldaten und Unteroffiziere, die imstande waren, sich eigene Monturen zu halten; einmal sah die Truppe hübscher aus, und dann kostete sie ihn weniger. Not und Knauserei an allen Ecken und Enden des Systems, so daß Friedrich von der Trenck sich zu der Behauptung versteigt: „Alle Soldaten der preußischen Armee, Offiziere und Unteroffiziere, sind bestechlich.“ Als man während seiner Gefangenschaft in Magdeburg seine Wachen änderte, verlor er seine besten Freunde. ,,Es währte aber nicht lange,“ schreibt er, „so hatte ich schon wieder zwei andere durch Geld gewonnen, welches mir leicht fiel, weil ich den Nationalcharakter kenne und zur Landmiliz nur arme oder unzufriedene Offiziere gewählt werden konnten.“

Eine Armee, von der ein überwiegend großer Teil, auch während er unter den Fahnen stand, bürgerlichem Erwerb nachging, war nicht grade von sehr kriegerischem Geist erfüllt, sie zog das Daheimbleiben entschieden dem Ausrücken vor. „Der Krieg ist den Soldaten noch etwas Neues,“ schreibt Baron Bielfeld am 15. Dezember 1740 aus Berlin. „Als der Befehl zum Aufbruch der Armee kam, kratzte sich ein alter Hauptmann, der seit dem nordischen Kriege nicht aus seiner Garnison gekommen war, hinter den Ohren und rief: Schon wieder marschieren!“ Grade 50 Jahre später macht Lauckhardt die gleiche Beobachtung, als die Mobilmachung von 1790 erfolgt. Er schiebt den Umstand, daß der „preußische Soldat weit un-gerner ins Feld geht als irgendein anderer“ auf das Verehelichtsein der Mehrzahl und ihr Betreiben bürgerlicher Berufe in Ackerbau und Gewerbe. Woher hätte diesen Leuten Stimmung und Sinn für ihren Beruf kommen sollen? Sie sangen nach Lauckhardts Zeugnis:

Fürs Vaterland zu sterben

Wünscht mancher sich;

Zehntausend Taler erben,

Das wünsch’ ich mich.

Das Vaterland ist undankbar,

Und dafür sterben?

0, du Narr!

Der größte Übelstand blieb immer die Zusammensetzung der Armee aus Inländern und Ausländern, zweier Elemente, die sich nicht vereinen ließen, weil Gefühle, Interessen und Behandlung nicht die gleichen waren. Während aber bei allen, die nicht dazu gehörten, das Gefühl des Mitleids mit denen überwog, die ihr unglücklicher Stern unter das Militär geführt hatte, Edelmann sah in Potsdam „sehr viele unter den Grenadieren, die wohl ein besser Schicksal als die Muskete verdient zu haben schienen“, so werden doch schon manche Stimmen laut, welche die erziehliche Wirkung der Militärzeit auf den Mann durchaus zu schätzen wissen. „Die eingeborenen Soldaten sind nicht so gefühllos und steif, als man die preußischen Soldaten zu schildern pflegt,“ schreibt Riesbeck, „im Gegenteil, es herrscht viel guter .Wille, viel Liebe zum König und zum Vaterland unter ihnen. Da sie während der Zeit ihres Urlaubs andere Beschäftigungen als mit dem Gewehr, und mit andern Leuten als mit ihren Korporalen und Kameraden Umgang haben, so sind sie auch runder, belebter und freier in ihrem Betragen als die geworbenen Fremden.“ Justus Grüner fiel bei seiner Reise durch Westfalen der Unterschied auf, der zwischen den Landleuten des preußischen Teils und denen der katholischen Stifte bestand. Diese fand er am ungebildetsten, während jene zivilisiert, reinlich, pünktlich und gebildet erschienen. Das Verdienst davon schreibt er lediglich der militärischen Organisation zu, weil in Friedenszeiten drei Vierteile der eingeborenen Soldaten sehn Monate lang auf Urlaub in der Heimat weilten. Die Beurlaubten wie die Entlassenen brächten Pünktlichkeit, Reinlichkeit, Ordnungsliebe und Bildung mit zurück. Das war auch ein Grund, der den Minister von Hertzberg unter der Regierung Friedrich Wilhelms II. veranlaßte, auf Säuberung der Armee von allen Ausländern zu dringen. Durchgesetzt hat sie erst der Zusammenbruch von 1806.

Wenn man sich Überlegt, daß während des ganzen 18. Jahrhunderts doch nur der Kaiser und einige der größeren Reichsstände imstande waren, selbständige Politik zu treiben, so taucht ganz unwillkürlich die Frage auf: Zu welchem Zweck hielten sich die Fürsten doch Heere, die zu Kräften, Mitteln und Zwecken ihrer Territorien in so auffallendem Mißverhältnis standen?

Darauf gibt es nur eine Antwort: Um sie ans Ausland zu verkaufen. Unter den schönen Ausdrücken „Allianz“ oder „Subsidien-Verträgen“ verbarg sich der Menschenhandel en gros, denn die Herren haben die Männer, die sie einzeln mit so großer Mühe aufbrachten, wenn sie als Regiment zusammengestellt waren, mit großem Vorteil an den Meistbietenden verkauft oder vermietet. Dieses Geschäft begann schon im 17. Jahrhundert. Die Grafen Waldeck überließen ihre Leute an Venedig für die Türkenkriege, Herzog Friedrich I. von Gotha gab“den Generalstaaten von Holland 1689 ein Kavallerieregiment für 20000 Tlr. und versorgte den Kaiser und Kursachsen mit Mannschaft, aber das 18. Jahrhundert ist so recht eigentlich erst die Zeit eines schwunghaften Soldatenhandels deutscher Fürsten mit dem Ausland geworden. Sie waren alle daran beteiligt, denn wenn das größere Odium auch auf Hessen-Kassel, Braunschweig, Waldeck, Anhalt u. a. fällt, so fehlt doch auch Preußen nicht in dieser Reihe. Es hat während des spanischen Erbfolgekrieges eine Reihe seiner Regimenter, darunter von Schölten, von Budberg, von Romberg den Holländern überlassen und den deutschen Kleinfürsten damit das übelste Beispiel gegeben. Auf 14 Millionen Taler veranschlagt man die Summen, die König Friedrich I. durch das Verleihen seiner Truppen einnahm. Seit Friedrich Wilhelm J. Regierungsantritt ist das nicht mehr vorgekommen, aber die Grafen, Markgrafen, Landgrafen, Fürsten und Herzoge unter den deutschen Reichsständen haben England, Holland, Frankreich und den Kaiser mit Männern versorgt; sie lieferten ihre Ware so gewissenhaft, daß sie oft genug beide im Streit liegenden Parteien bedienten, wie denn unter dem Landgrafen Wilhelm VIII. von Hessen-Kassel während des österreichischen Erbfolgekrieges hüben und drüben Hessen fochten, und es nur einem Zufall zu verdanken war, wenn sie nicht direkt gegeneinander im Feuer standen. Das Haus Hessen-Kassel steht unter den Menschenhändlern unbestritten an der ersten Stelle, weit länger wie ein Jahrhundert haben die Regenten aus dieser Familie ihre Untertanen wie das Vieh verkauft, und wenn die Hessen des ehemaligen Kurfürstentums heute die Wilhelmshöhe und ihre großartigen Bauten betrachten, so haben sie wirklich ein Recht, sich als Besitzer zu fühlen, an jedem Stein kleben Blut und Tränen ihrer Voreltern, die in fremde Sklaverei verkauft wurden, um ihren Landesherren ein prunkvolles Heim zu schaffen. Karl I. beginnt den Reigen. Er verkaufte 1687 tausend Mann an Venedig, 1702 neuntausend an die Seemächte, 1715 zwölftausend an England und schloß 1726 einen sogenannten Subsidicn-Vertrag mit England, den sein Nachfolger, Landgraf Friedrich I., der gleichzeitig König von Schweden war, erneuerte. Er empfing von Großbritannien von 17)0 bis 1750 ein und eine Viertel Million Pfund Sterling für die Soldaten, die er für die englischen Kriege zur Verfügung stellte. Der größte Geschäftsmann war Landgraf Friedrich II., dem England für 12000 Mann jährlich 772600 Tlr. zahlte. Der Reinverdienst des Landgrafen soll nach Friedrich Kapp in zehn Jahren vier Millionen Tlr. betragen haben, und vielleicht belief er sich noch höher, da der Fürst einen kleinen Schwindel nicht scheute und sich mehr Mann bezahlen ließ als er lieferte. Jeder Tote wurde ihm außerdem mit 51 Tlr. 15 Groschen bezahlt. Er ist es, der Hessen entvölkerte, umseinen Betrieb in Gang zu halten. Und dabei schrieb dieser selbe Seelenverkäufer einen „Katechismus für Fürsten“ und schickte ihn zur Begutachtung an Voltaire. Der greise Patriarch von Ferney überhäufte ihn nach seiner Art mit Lob, als er ihn aber schmeichlerisch einen Zögling des großen Preußenkönigs nannte, antwortete ihm dieser voll Empörung: „Wäre der Landgraf aus meiner Schule hervorgegangen, so würde er den Engländern seine Untertanen nicht verkauft haben, wie man Vieh verkauft, um es auf die Schlachtbank zu schleppen.“ Der Sohn dieses Menschenhändlers, Landgraf Wilhelm IX., von dem man wohl gesagt hat, er habe alle üblen Eigenschaften deutscher Fürsten in sich vereinigt, trat ganz in die Spuren seines Vaters. Er war in Hessen-Kassel noch gar nicht zur Regierung gekommen, sondern residierte noch als Graf in Hanau, da verkaufte er seine Landeskinder schon an England. Die auf diese Weise erhaltenen Gelder wanderten in die Kassen von Meyer Amschel Rothschild, der für den Fürsten gewinnbringend zu spekulieren wußte.

Bot sich die Gelegenheit, so gingen auch die übrigen deutschen Groß- und Kleinfürsten Subsidien-Verträge mit ausländischen Mächten ein. Der Markgraf von Bayreuth, Schwager Friedrichs des Großen, erhielt von Frankreich von 1751 bis 1759 jährlich 45000 Tlr., der Kurfürst von Bayern bis 1768 über acht Millionen, der Kurfürst von Köln von 1751 bis 1761 mehr als sieben Millionen, der Kurfürst von Sachsen von 1750 bis 1763 fast neun Millionen Francs. Württemberg zog vor dem Siebenjährigen Kriege 1% Millionen von Frankreich und während desselben 714 Million; die Kurpfalz vor 1757 5/4 Million und nach diesem Zeitpunkt noch mehr als 11 Millionen Francs. Dafür hatten ihre Truppen Frankreich zu Gebot zu stehen und mußten auf deutschem Boden gegen deutsche Brüder für die französischen Interessen fechten.

Die Hochkonjunktur für den Handel mit deutschem Männerfleisch trat aber erst ein, als der Unabhängigkeitskrieg der nordamerikanischen Staaten gegen England ausbrach. Großbritannien wäre in diesem Kampfe ohne Truppen gewesen, wären ihm nicht die deutschen Fürsten beigesprungen. Es begann ein Wettlaufen unter ihnen, und der englische Unterhändler, Oberst William Fawcitt, der 1775 auf dem Kontinent weilte, konnte sich der dringenden Angebote garnicht erwehren. Die Herren arbeiteten mit allen Tricks geriebener Schacherjuden und suchten einander übers Ohr zu hauen, wo sie irgend konnten. Als der Landgraf von Hessen-Kassel hört, England werde von Kurpfalz 4000 Mann kaufen, macht er darauf aufmerksam, daß diese 4000 Pfälzer ja katholisch seien und England doch nicht ein solches Risiko laufen könne, so viele Katholiken in seine Dienste zu nehmen. Zwar waren die armen Pfälzer alle reformiert, während der edle Landgraf selbst eben katholisch geworden war; bei der gänzlichen Ahnungslosigkeit der Engländer aber erreichte er seinen Zweck, sie verzichteten auf die Pfälzer und kauften lieber Hessen. In demütigen Briefen bettelte der Markgraf Karl Alexander von Ansbach darum, sich doch auch an den Lieferungen für die englische Armee beteiligen zu dürfen, und als er es endlich erreicht hat und seine Ansbacher im Augenblick der Einschiffung in Ochsenfurt meutern und sein Geschäft in Frage kommt, da übernimmt der hohe Herr in eigener Person die Führung des Transports und stellt sich mit geladener Flinte an Bord auf, solange bis er seine Ware lebend und frisch und vollzählig abgeliefert hat. Sie zeigten sich nicht einmal sehr reell; Herzog Karl I. von Braunschweig, der drei Bataillone verkaufte, eins von Landeskindern, die beiden andern aus aller Herren Länder zusammengestohlen, kleidete seine Truppen so schlecht, daß sie schon bei der Ankunft in Portsmouth völlig abgerissen waren, Mäntel besaßen sie überhaupt nicht. Es war dieser selbe Landesvater, der die englische Regierung bat, seine in Gefangenschaft geratenen Leute doch ja nicht in die Heimat zurückkehren zu lassen, dadurch werde ihm das Geschäft verdorben. Übrigens hatten die Lieferanten noch Schwierigkeiten genug, ihre Waren in den nächsten Hafen zu bringen; auf dem Rhein ließen die Kurfürsten von Mainz und Trier die Schiffe mit Rekruten schließ- lich nicht mehr durch, und auch der Preußenkönig hat ihnen die Ausreise nicht erleichtert; daß Friedrich der Große aber von den verkauften Hessen den Viehzoll erhoben habe, bei dem Durchmarsch durch Preußen, ist nur eine gut erfundene Anekdote. Insgesamt haben Braunschweig, Hessen-Kassel, Hanau, Ansbach, Waldeck und Anhalt-Zerbst etwa 30000 Mann an England verkauft, von denen 12500 die Heimat nicht wiedergesehen haben. England zahlte bar £5 73 5 908 für diese Männer und hatte alle Unkosten für ihren Unterhalt und ihre Bewaffnung zu tragen. Was dieses Treiben doppelt schmählich und schmerzlich empfinden läßt, ist die Erwägung, daß die Sache, gegen die alle diese armen verkauften Deutschen zu kämpfen hatten, die war, welche in ganz Deutschland mit der größten und allgemeinsten Sympathie begrüßt wurde. In den Staaten der Union wurde dadurch in jener Zeit und noch lange nachher, der Name „Hesse“ der Inbegriff niedriger und knechtischer Gesinnung. Erstaunlich genug ist, daß diese Truppen sich in Amerika tapfer geschlagen haben, und Desertionen unter ihnen zu den Seltenheiten gehörten.

Zu Ende war der Menschenhandel damit noch keineswegs, Herzog Karl Eugen von Württemberg ging noch 1786 einen Subsidien-Vertrag mit Holland ein. Er erhielt für ein Regiment von 1982 Mann pro Kopf 160 fl. und jedes Jahr noch 65000 fl. Die Offizierstellen ließ er sich mit 700 bis 1000 fl. bezahlen. Als sich das Korps, das 1787 nach dem Kap der Guten Hoffnung abging, in Marsch setzte, dichtete Schubart sein berühmtes Kaplied, das damals in aller Munde war:

„Auf, auf, ihr Brüder, und seid stark,

Der Abschiedstag ist da!“

Als der Prinz Cond 1792 seine berüchtigte Emigranten-Armee aufstellte, überließ ihm Landgraf Wilhelm IX. von Hessen-Kassel alle Zuchthäusler seines Landes zum festen Preise von 100 Tlr. pro Kopf.

Text aus dem Buch: Deutschland im 18. Jahrhundert (1922), Author: Boehn, Max von.

Siehe auch:
Deutschland im 18. Jahrhundert – Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation
Deutschland im 18. Jahrhundert – Die Verwaltung
Deutschland im 18. Jahrhundert – Ackerbau und Industrie

Deutschland im 18. Jahrhundert

Drittes Kapitel

Im Deutschland des 18. Jahrhunderts war noch das Gleichgewicht zwischen Ackerbau und Gewerbe erhalten, beschäftigen sich doch etwa zwei Dritteile der Bevölkerung mit dem Landbau, und selbst ein großer Teil der Städter betrieb neben seiner gewerblichen Tätigkeit Feldwirtschaft und Viehzucht, wenn auch in bescheidenem Umfang. Die Mehrzahl der deutschen Städte, wenige große Handels- und Residenzstädte ausgenommen, waren von Ackerbürgern bewohnt. Die Landwirtschaft überwog, aber es ist ihr die längste Zeit doch nur sehr geringe Aufmerksamkeit zugewendet worden, Gutsbesitzer und Bauern blieben alten Gewohnheiten treu und wurden in ihrer instinktiven Abneigung gegen Neuerungen vielfach auch durch die Regierungen unterstützt. In Österreich untersagte das Gesetz dem Besitzer von Grund und Boden sogar ausdrücklich jegliche Neuerung; Ackerfelder und Weinberge mußten in ihrem Zustand verbleiben und durften nicht einmal verbessert werden. Dieser Flurzwang herrschte auch in Württemberg, wo die Landwirte genötigt waren, einen im wesentlichen gleichen Fruchtbau mit gleicher Bestellung, Aussaat und Erntefristen inne zu halten. In Bayern lagen 5000 Bauernhöfe öde und blieb ein Drittel des Landes unbebaut. Zu dieser Vernachlässigung tat die Regierung durch die Finanzwirtschaft das Ihre, so mußte nach Westenrieder ein Bauer, der ein Gut von etwa 1500 fl. an Wert übernahm, 456 fl. Sporteln zahlen, die Inventur- und Kommissionskosten ungerechnet. In Sachsen gab es 1792 noch 535 Wüstungen aus den letzten großen Kriegen; der Schaden, den der 30 jähr. Krieg angerichtet, war auch nach 100 Jahren noch lange nicht wieder gut gemacht. Überall herrschten noch die alten Methoden und die hergebrachte Form der Beackerung, meist die sogenannte Dreifelderwirtschaft, die nach zweijährigem Anbau mit Winter-und Sommerfrucht dem Acker ein Jahr Ruhe gönnte, um sich zu erholen. „Die besten Felder“, schreibt Riesbeck bei seinem Besuche Kurbayerns, „bleiben oft 4 bis 6 Jahre brach liegen, aus Gewohnheit, keine Ahnung von Wiesenbau und Stallfütterung. In Brandenburg-Preußen hat erst Friedrich der Große mit seinem tatkräftigen Interesse für. die Landwirtschaft Wandel zu schaffen gesucht. Wenn er den landwirtschaftlichen Betrieb auch bis ins Kleinste zu überwachen suchte, um ihn leiten zu können, so wußte er die Sache doch am rechten Ende anzupacken, indem er den Landwirten billiges Geld verschaffte. Hatten sie sonst die geliehenen Summen mit 12% verzinsen müssen, so erlangten sie jetzt durch das Eingreifen des Königs Darlehen zu 5%. Friedrich II. hat allein 800 Dörfer neu gegründet und sich eingehend mit allen Angelegenheiten der landwirtschaftlichen Verwaltung befaßt. Als aufgeklärter Despot.zwang er, wo es nötig war, die Leute zu ihrem Glück, und er erlebte es sogar noch, daß die mit Gewalt Beglückten einsahen, daß der Alonarch im Recht gewesen war und sie im Unrecht. So ging es beispielsweise mit der Kartoffel, die in der Oberpfalz seit 1716 angebaut wurde. In den K. K. Erblanden hatte die Kartoffel schon ihren Einzug gehalten, seit 1734 in Böhmen und Schlesien, seit 1740 in Mähren, seit 1741 in Krain; in Brandenburg-Preußen war sie noch eine ziemlich unbekannte Frucht, wenn sie in Berlin auch schon seit der Mitte des 17. Jahrhunderts in den Gärten kultiviert wurde. Nettelbeck erzählt in seiner Lebensgeschichte, daß Friedrich II. 1745 die ersten Kartoffeln als Geschenk nach Kolberg schickte und sie gratis unter die Bevölkerung verteilen ließ. Sie waren völlig unbekannt, und der Magistrat, der die Verteilung vorzunehmen hatte, stellte sich bei diesem Geschäft so ungeschickt an, daß sie fast alle verdarben. Im nächsten Sommer wurde eine „Kartoffelschau“ gehalten, bei der die Bauern bestraft wurden, die sich beim Anbau widerspenstig gezeigt hatten. Dadurch wurde das neue Gewächs natürlich nicht beliebter. Indessen war der König klug geworden, und als ei ein Jahr darauf abermals eine Sendung Kartoffeln schickte, ließ er sie von einem schwäbischen Landwirt, namens Eilert, begleiten, der den Leuten Anweisung erteilen mußte, wie sie bei der Aussaat und Ernte zu verfahren hätten. Die Pfarrer mußten von den Kanzeln Predigten zugunsten der Kartoffeln halten und doch ist es in Pommern zu richtigen „Kartoffelkriegen’* gekommen und in dieser Provinz soll Friedrich erst 1785 in der Nähe von Stargard die ersten Kartoffeln im freien Felde gesehen haben. In Schlesien zwang Graf Schlabrendorf in den ersten Jahren des siebenjährigen Krieges die Domänenbauern durch Exekution zum Anbau der neuen Frucht und seit 1763 mußten die Kammern auf königlichen Befehl durch Landdragoner vigi-lieren lassen ob die Bauern auch Kartoffeln pflanzten. Im übrigen Deutschland hatten die Jahre 1771 bis 1772 mit ihrem Mißwachs und der großen Teuerung, die sie im Gefolge hatten, gelehrt, welch dankbare Frucht die zuerst so verkannte Kartoffel sei, sie hatte ihre Unentbehrlichkeit als Volksnahrungsmittel glänzend bewiesen.

Der Getreidebau gewisser deutscher Gegenden zog großen Nutzen aus der Tatsache, daß Ergland mit jedem Jahr, welches das Jahrhundert fortschritt, mehr Weizen einführen mußte. Zu diesen Ländern gehörte vor allem Mecklenburg, das so günstige Exportmöglichkieten zur See besaß. 1730 versicherte der Oberlanddrost von der Lühe, daß Mecklenburgische Güter, die zu Anfang des Jahrhunderts 12 bis 20000 Tlr. gekostet hätten, jetzt für 60 bis 80000 Tlr. verkauft würden.

Diese Steigerung der Güterpreise nahm so zu, daß die Hufe Landes, die früher mit 5 bis 6000 Tlr. bewertet wurde, 1804 20 bis 30000 Tlr. galt  so daß die Güter im letzten  Jahrzehnt des 18. Jahrh. ihre Besitzer oft 4 bis 5 mal gewechselt haben. Dem Futterbau ist große Aufmerksamkeit gewidmet worden, besonders machte sich Joh. Christian Schubart, der unter dem Namen „von Kleefeld“ geadelt wurde, um den Anbau des Klees verdient. Das von ihm bewirtschaftete Mustergut Murchwitz in Sachsen wurde das Versuchsfeld, auf dem die Erweiterung des Futterbaus, die Sommerstallfütterung und die Veredlung des Viehs mit großem Erfolge ausgeprobt wurden. Neben Schubart tritt Albrecht Thaer als Reformator der Landwirtschaft hervor. Er lehrte den Betrieb mit dem Auge des wissenschaftlich geschulten Beobachters ansehen und begründete seit 1784 ein naturgemäßes System der Landwirtschaft auf Grund einer zweckmäßigen Kultur des Bodens. Durch Einführung des Fruchtwechsels im Feldbau beseitigte er die Dreifelderwirtschaft, hob die Erträgnisse, führte eine vermehrte Futterproduktion herbei und bewirkte durch die Stallfütterung die Steigerung der Nutzung des Viehs. Schlechten Fruchtboden machte er der Schaf zucht nutzbar und erzielte durch Lehre und Beispiel, daß der kleine landwirtschaftliche Musterbetrieb, der er bei Celle anlegte, weithin belebend wirkte und dazu beitrug, die deutsche Landwirtschaft von uralten Mängeln zu befreien. Die Wichtigkeit, welche die französische Aufklärung, namentlich die Physiokraten, dem Landbau zuerkannten, weckte überall das Interesse für ihn. Die physikalisch-ökonomische Gesellschaft, die 1770 in Mannheim entstand, entfaltete eine Tätigkeit, die alle Ergebnisse der Forschung sofort in die Praxis übertrug. Sie legte in Siegelsbach eine Musterwirtschaft an und konnte sich schon 1774 in eine landwirtschaftliche Lehranstalt großen Stils umwandeln. Selbst in den K.K. Erblanden entstanden seit 1764 in allen Provinzen Vereine, die aufklärend wirkten, den Anbau von Klee und Flachs begünstigten und dem Fortschritt zugute kamen. In Sachsen hob man die Schafzucht durch Einführung spanischer Merinos, in Holstein entwickelte sich eine blühende Viehzucht, in der Kurpfalz wurde der Anbau von Krapp und Hopfen gefördert und die Kultur der südlichen Früchte: Mandeln, Nüsse, Edelkastanien, denen das milde Klima so günstig ist, nach Kräften unterstützt, in Württemberg ließ Herzog Karl Eugen die ersten Baumschulen anlegen, um den Obstbau zu fördern, und zumal in Baden hat Markgraf Karl Friedrich sein ganzes Leben an die Verbesserung der Landwirtschaft gesetzt. Um bei der Einführung der Futterkräuter, der Stallfütterung, einer rationellen Wiesenkultur, dem Anbau neuer Handelsgewächse, der Verbesserung der Rebsorten, der Veredlung der Viehrassen und anderen ähnlichen Maßregeln die Untertanen nicht kopfscheu zu machen, sondern zu gewinnen, zog man Vögte und Schultheiße in das Interesse, denn als echter Schüler der Physiokraten wollte der Markgraf am liebsten überzeugen und nicht zwingen. Die Förderung der Obstkultur machte das ganze Land zu einem blühenden Garten und die sorgfältige Pflege, die den badischen Forsten zugewendet wurde, während der würt-tembergische Nachbar in seinen Wäldern den übelsten Raubbau trieb, entzückte die Reisenden. Riesbeck, der aus dem speyerischen Bruchsal nach Baden gelangte, schreibt: „die Waldung ist ein-auffallender Beweis von der Vorzüglichkeit einer Erbregierung gegen die Verwaltung eines Wahlfürsten/‘ ln Hans Carl von Carlo-witz begrüßte Deutschland seinen ersten wissenschaftlichen Forstwirt, und noch im Laufe des Jahrhunderts entstanden auch die ersten forstwissenschaftlichen Lehranstalten auf deutschem Boden; 1770 die Berliner, 1772 jene in Wernigerode, 1785 die in Kiel.

Mochte immerhin ein gewisser Fiskalismus bei der Förderung der Landwirtschaft mit sprechen, so waren die Herrscher in dieser Tätigkeit wenigstens soweit unbeschränkt, als sie mir mit Eigensinn und Halsstarrigkeit der Individuen zu tun hatten, wendeten sie dagegen ihre Aufmerksamkeit der Industrie zu, und fast alle Regenten des Jahrhunderts sahen grade in ihr die wahre Quelle ihrer Stärke und suchten mit aller Macht das Volk zur Industrie zu erziehen, so stießen sie auf den gesammelten Widerstand einer mächtigen Fraktion, der Zünfte. Das Beispiel Englands, dessen Größe und dessen Reichtum sich auf Handel und Industrie gründete, wirkte außerordentlich verführerisch und legte den kontinentalen Herrschern den Wunsch nahe, es dem Inselvolke nachzutun. Ihrem Streben nach Manufakturen und dem heißen Bemühen um die Errichtung von Fabriken standen aber die Zünfte im Wege, die jedes Gewerbe am Aufschwünge zu hindern wußten. Im frühen Mittel-alter entstanden, hielten sie noch das ganze 18. Jahrh. hindurch die Gewerbe mit ihrem engherzigen Monopolgeist im Bann. Bis in die absurdesten Kleinigkeiten hinein regelte die Zunftverfassung den Betrieb eines Handwerkes und ordnete den Entwicklungsgang eines Handwerkers von dem Beginn seiner Lehrzeit bis zur Bahre. Die Aufnahme eines Knaben als Lehrling war nicht nur abhängig von seiner ehelichen Geburt, in vielen Orten, zumal den Reichsstädten wie z. B. Nürnberg, waren die Handwerker sogenannte „gesperrte“, d. h. es durften nur Söhne von Bürgern in einem Handwerk ausgebildet werden und sie mußten bei ihrer Aufnahme eidlich geloben, daß sie sich nur in ihrer Vaterstadt niederlassen würden und ihre Kunst auch nur wieder Kindern ihrer Heimat lehren wollten. Die Söhne niederer städtischer Beamten waren unfähig, als Lehrlinge in ein besseres Handwerk aufgenommen zu werden; Leineweber, Müller, Bader, Barbiere galten z. B. für Gewerbe einer niederen Qualifikation. Die Dauer der Lehrzeit war lang und schwankte zwischen 2 bis 6 Jahren. Die Lossprechung war mit allerlei Zeremonien verknüpft, die zum Teil unwürdig und zum Teil lächerlich waren und Geld kosteten. Der Losgesprochene, der nun auf Wanderschaft gehen mußte, war gezwungen, sich an die Gesellenbrüderschaft seines Gewerbes zu wenden und um Aufnahme zu bitten, die ihm nur nach harten Prozeduren gewährt zu werden pflegte. Die Wanderzeit der Gesellen dauerte zwangsmäßig 3 bis 5 Jahre, und nur den Söhnen von Meistern wurde nachgesehen, wenn sie bloß 1 Jahr auf Wanderschaft gingen. Ehe der Geselle nach Absolvierung seiner Wanderjahre Meister werden konnte, mußte er wieder pflichtgemäß eine zeitlang bei einem ortsansässigen Meister arbeiten, was man mit „muten“ bezeichnete. Um die Meisterschaft zu erwerben, mußte der Geselle ein „Meisterstück“ anfertigen und hohe Gebühren erlegen. Es wurde alles daran gesetzt, die Vorbereitungszeit auf die Meisterschaft so lang wie möglich hinauszuziehen und den Eintritt in das Gewerbe tunlichst zu erschweren. Dabei waren die Lehrlinge zu bloßen Handlangern geworden, die ihre eigentliche Arbeit oft gar nicht lernten, weil sie durch den häuslichen Dienst bei Meister und Gesellen voll in Anspruch genommen waren. Es kam auch gar nicht darauf an daß der einzelne sein Handwerk gründlich lernte und verstand, man wollte nur, daß er es nach den Vorschriften der Zunft erlernt hatte. Die Absicht der Zünfte war aller Orten, die Ausübung des Gewerbes nur einer ganz kleinen Zahl von Personen vorzubehalten. Deswegen wuchsen die Schwierigkeiten der Aufnahme, man erklärte immer mehr Gewerbe für minder oder für „unehrlich“, erhöhte die Kosten des Eintritts und machte es immer weniger möglich, ein Meisterstück abzulegen, das allen Ansprüchen genügte. Hatte ein Handwerker glücklich alle Klippen umschifft und war in den Hafen der Meisterschaft eingelaufen, so erwartete ihn ein ganzes Netzwerk von Bestimmungen, die die Ausübung seines Gewerbes erschwerten. Er durfte nur eine Werkstatt haben, nur einen Lehrling halten und nur Selbstgefertigtes verkaufen. In Aachen z. B. durfte kein Schneidermeister mit mehr als 4 Gesellen arbeiten, kein Werkmeister auf mehr als 4 Webestühlen weben lassen. Als in den achtziger Jahren ein Metzgermeister in Gotha so gute Zervelatwurst anfertigte, daß er selbst aus Berlin Aufträge erhielt, wurden die anderen Metzger unruhig und beschuldigten ihn, die Schweine durch den guten Gang seines Geschäftes zu verteuern. Der Magistrat in Gotha verbot dem tüchtigen Meister, mehr als eine gewisse Anzahl Schweine im Jahr zu schlachten, und es bedurfte eines Machtspruchs des Herzogs, um dem Mann die Freiheit seines Betriebes zu erhalten. Dieses System von raffiniert ausgeklügelten Hindernissen, das die Freiheit aller Handwerker auf das engste beschränkte und nur eine ganz geringe Anzahl zur Meisterschaft zuließ, hat selbstverständlich nicht verfehlt, die weitesten Kreise unzufrieden mit ihrem Schicksal zu machen. An vielen Orten war die Ausübung eines gewissen Gewerbes oder Handelszweigs an den Besitz bestimmter Grundstücke gebunden, auf dem sie als „Realgerechtigkeit“ hafteten, oder die Befugnis, ein Gewerbe auszuüben, mußte hoch bezahlt werden. In Bayern wurde die Ausübung der Gewerbe und Handwerke dadurch schließlich das Erbteil gewisser Familien, ein Bann, der erst 1799 gebrochen wurde. Dieser Modus, der das Betreiben derselben natürlich noch mehr erschwerte, weil er es mit hohen Kosten belastete, war in ganz Österreich eingeführt. In Wien kostete eine Perrückenmacher-Gerechtigkeit 3000 fl., eine Apotheke 3OOOO fl., eine Kaffeehausgerechtigkeit 12000 bis 16000 fl., eine Branntweinergerechtigkeit 800 bis 1200 fl. In Wien hatten sich die Musiker, welche die Tanzmusiken machten, zu einer Zunft, dem Spielgrafenamt, zusammengeschlossen; wer ihm nicht angehörte, hatte nicht das Recht, andern Leuten zum Tanz aufzuspielen. Die Zünfte griffen aber nicht nur in die individuelle Freiheit von Männern ein, die ihrer Vereinigung gar nicht angehörten, sie beschränkten selbst die ihrer Mitglieder auf das alleräußerste. Ein Handwerker, der sich irgend etwas hatte zu schulden kommen lassen, was gegen die Gesetze und Vorschriften der Innung war, wurde „gescholten“, bis er sich mit der Zunft abgefunden hatte. Dazu genügten oft die geringfügigsten Ursachen. Um 1725 haben die Schuhmacher in Krossen einen Meister ausgeschlossen, weil er einen Ritt auf dem Pferde gemacht hatte, welches dem Scharfrichter gehörte; die Schuster in Sommerfeld schlossen einen der Ihrigen aus, weil er mit dem Scharfrichter getrunken hatte. In Bruchsal hatte sich eine Hebamme aus Mitleid mit armen Leuten dazu bewegen lassen, eine Kuh, die ihr Kalb nicht gebären konnte, zu retten, fortan nahm keine Frau mehr ihre Hilfe in Anspruch. Wer einen Erhängten abschnitt, wessen Frau das erste Mal zu früh in die Wochen kam, der mußte darauf gefaßt sein, von seiner Innung gescholten oder aufgetricben zu werden. Und das war durchaus keine Kleinigkeit, denn da eine Liste der Gescholtenen geführt und andern Orten mitgeteilt wurde, so war der Betreffende im ganzen Reich gebrandmarkt. Versuchte ein Meister, sich an diese Verrufserklärung nicht zu kehren, nahm er etwa einen „gescholtenen“ Gesellen an, oder verdingte sich ein Geselle zu einem gescholtenen Meister, so wurde er aufgefordert, das zu lassen, und kam er dem nicht nach, so wurde er nach Ablauf von 2 Wochen ebenfalls „gescholten“.

So kleinlich wie sie ihre Angehörigen überwachten, so ängstlich schlossen sich die Zünfte gegen einander ab, und zogen zwischen ähnlichen oder gleichen Gewerben Grenzlinien, die oft haarscharf verliefen, damit es keinem möglich sein sollte, in das Gebiet des andern hinüberzugreifen. Wehe dem Flickschuster, der es sich hätte einfallen lassen wollen, neue Stiefel zu machen, dem Tuchmacher, der daran gedacht hätte, seine Tuche selbst zu färben. Sattler und Riemer, Grob- und Feinschmiede, Schwarz- und Buntfärber, Tischler und Zimmerleute, deren Arbeiten sich oft so nahe berühren, hatten ihre Gerechtsame und Befugnisse durch oft schon uralte Verträge Zunftbriefe und dergl. festgestellt und gesichert. Selbstverständlich führte das aber zu unhaltbaren Zuständen und zu einem Versinken in die jämmerlichste Kleinigkeitskrämerei. Da die Erlangung der Meisterschaft mit so vielen Kautelen umgeben war, daß nur die wenigsten durch den Stacheldraht der Paragraphen dazu gelangten, sahen sich viele gezwungen, ihrem Gewerbe außerhalb der Zunft als Freimeister nachzugehen, als sogenanr.te „Bönhasen“. An manchen Orten bildeten diese eigentlich „Unzünftigen“ für sich wieder Nebenzünfte, wie die Flickschneider und Flickschuster. Sie mußten widerwillig geduldet werden, durften aber weder Lehrlinge noch Gesellen halten. Wer auch dazu nicht gelangen konnte, war dazu verurteilt, sein Leben lang unselbständig zu bleiben, kein Wunder, daß die Gesellen, die sich in jedem Fortkommen gehindert sahen, immer unbotmäßiger wurden und immer schwerer zu behandeln waren. 1724 erfolgte eine fast gleichzeitige Revolte der Schustergesellen in Wien, Mainz, Stuttgart, Würzburg, Augsburg, die von Arbeitseinstellungen begleitet war. Die Regierungen standen dieser Erscheinung ziemlich hilflos gegenüber und versuchten durch Koalitions-Verbote die Gesellen im Zaum zu halten. 1722 ging Österreich mit einem solchen voran, Hannover folgte 1723, Kursachsen 1724, schließlich, als die Gesellenunruhen immer aufs neue aufflackerten, als die Gesellen, die den „Verruf“ von den Meistern gelernt hatten, ihn nun ihrerseits gegen diese ausübten, setzte sich das Reich „wegen der bey denen Handwerkern entstehenden Insolentien und Widerspenstigkeiten“ in Bewegung und versuchte eine neue Ordnung des ganzen Zunftwesens. Eine Reform der Zünfte erschien schon längst so notwendig, daß sie bei dem Reichstag bereits 1666 angebahnt worden war, aber so wenig, wie die bis zum Jahr 1672 dauernden Verhandlungen damals etwas Brauchbares zustande gebracht hatten, so wenig Nutzbringendes kam dies Mal heraus. Das Reichsgesetz von 1731 war die erste Gewerbeordnung, die alle Zünfte im Reich betraf, aber es beweist, daß man „die Klinke der Gesetzgebung“ nur aus Unbehagen in die Hand genommen hatte. Es war in erster Linie ein Gesetz gegen die Gesellen, die Reformen waren gering, von Gewerbefreiheit natürlich noch gar keine Rede. Der Zutritt zu den Handwerken sollte erleichtert, die unehelich Geborenen nicht länger ausgeschlossen werden; die Lehrlinge sollten nicht mehr so hohe Ein-schreibegebühren zu zahlen haben, die überflüssigen Meisterstücke wären abzuschaffen, Gesellen könnten auch gegen den Widerspruch der Zunft Meister werden. Die Korporationen der Gesellen wurden aufgehoben, jede Koalition als Komplott betrachtet. Alle Zusammenkünfte ohne Vorwissen der Obrigkeit wurden verboten, alle von den Handwerkern eigenmächtig getroffenen Anordnungen für unwirksam erklärt. Gesellen, die sich rottieren würden, drohte das Zuchthaus und die Galeeren, Teilnehmer an einem Gesellenaufstand sollten vogelfrei sein. Wie es in Reichsangelegenheiten stets der Fall war, blieb auch dies.Gesetz ohne Erfolg, es ist nicht.einmal in allen Teilen Deutschlands publiziert worden, so daß es denen, die von ihm betroffen werden sollten, gar nicht zur Kenntnis kam. Die angestrebte Umgestaltung der Zünfte, die sie zu Staatsanstalten machte und der obrigkeitlichen Bevormundung unterwarf, ist von verschiedenen Ständen des Reichs, Brandenburg, Sachsen, Baden, Braun-schweig wenigstens insoweit aufgenommen worden, als sie in ihren Territorien mittelst der Landesgesetzgebung in diese Verhältnisse eingriffen und sie zu regeln suchten. In Preußen wurden zwischen 1734 und 1736 zusammen 61 Generalzunftprivilegien neu ausgefertigt; in Württemberg wurde seit 1758, in Baden seit 1760 eine neue Zunftgesetzgebung durchgeführt,‘ die mit vielem Veralteten aufräumte. Vor allem wurden die Hindernisse sozialen Charakters, die dem Meisterwerden im Wege gestanden hatten, beseitigt, die Länge der Lehr- und Wanderzeit wurde eingeschränkt, das Meisterstück minder kostspielig gemacht, die Begrenzung der Zahl der Meister aufgehoben. Den Zünften wurde die Gerichtsbarkeit, die sie sich angemaßt hatten, genommen, es blieb ihnen nur die Waren- und Werkstattschau, so daß sie auf den Charakter einer gewerblichen Korporation zurückgeführt wurden.

Der Zeitgeist hatte die Grundlagen des Handwerks, soweit sie in den Zünften lagen, noch nicht zu erschüttern vermocht, und Justus Möser, der das als einen Vorzug feststellte, wollte unbedingt am Zunftzwange festgehalten wissen, während der Hamburger Rcimarus 1770, sowie der Bayer Westenrieder für Gewerbefreiheit eintraten. AlsTurgot in Frankreich die Zünfte aufgehoben hatte, erregte dies Vorgehen auch in Deutschland solches Aufsehen, daß die Frage über Zweckmäßigkeit oder Unzweckmäßigkeit des Zunftwesens wenigstens in die Diskussion geworfen wurde. Praktisch ist sie im 18. Jahrh. auf deutschem Boden nicht gelöst worden; Gewerbefreiheit wurde zuerst 1808 in Westfalen während der französischen Herrschaft eingeführt.

Der Zustand völliger Unfreiheit, in dem das Zunftwesen alle Produktionszweige erhielt, wies die Industrie, soweit sich eine solche bilden konnte, mit Notwendigkeit darauf hin, sich außerhalb der Zünfte zu entwickeln, das Gewerbeprivileg, das der Entfaltung von Handel und Manufakturen dauernd im Wege stand, führte ganz von selbst zu der neuen Auffassung, die dem Monopolium, das die Zünfte für sich beanspruchten, das Polypolium entgegensetzte, das da lehrte, jeder Mensch müsse frei sein, jede Hantierung treiben zu dürfen. Wo die Zunft Verfassung herrschte, war dem einzelnen nicht einmal erlaubt, so viel Ware herzustellen, wie er wollte oder konnte, der Markt wurde vor dem Angebot gradezu geschützt, denn Konkurrenz fernzuhalten, betrachteten die Zünfte als ihre Hauptaufgabe. Solange das mittelalterliche Wirtschaftsprinzip fortlebte, das der Erzeugung Zügel anlegte, und den freien Wettbewerb ausschloß, war an eine Industrie im modernen Sinne nicht zu denken. Aus dem Handwerk konnte sie sich nicht entwickeln, da die Zünfte ihr die Lebensbedingungen abschnürten und die fehlende Gewerbefreiheit gar keinen Spielraum’der Betätigung frei ließ, sie mußte, da der Zug der Zeit auf die Industrie hindrängte, nicht im städtischen Handwerk Wurzel schlagen, sondern in der Nebenbeschäftigung des Landarbeiters. Stadt und Land waren scharf getrennt, was dort die Menschen ernährte, Handel und Gewerbe, war auf dem Lande zu treiben untersagt, aber da dem Landmann nicht verboten werden konnte, sich in den langen Monaten, in denen die Feldarbeit ruht, zu beschäftigen, so begann er Flachs- und Wollspinnerei, Korbflechten, Stricken, Sticken, u. A. zu treiben. Die deutsche Industrie war ursprünglich eine Hausindustrie, sowohl auf dem Gebiet der Textilien wie auf dem der Spielwaren, der Nadelerzeugung, der Strumpfstrickerei und sonstiger Betätigungen. Anfänglich hatte der Produzent den Überschuß der von ihm erzeugten Waren durch eigenen Hausierhandel vertrieben, erst im Laufe der Zeit schiebt sich der Händler zwischen den Erzeuger und den Abnehmer, und erst damit wächst aus der Zufallsmanufaktur kleiner Leute eine wirkliche Industrie. Die Hergabe des Kapitals sichert dem Händler einen entsprechenden Einfluß auf die Produktion, die er anspornen oder zurückhalten kann. Auf diesem Wege hatte sich das Leinengewerbe Schlesiens entwickelt, das schon seit dem Ende des 16. Jahrh. auf Export arbeitete. Jauer war der Mittelpunkt für den Handel mit einfachen Linnen, Hirschberg das Zentrum für die Schleierstoffe. An diesen Orten wohnten die Händler, während die Weber zerstreut in den Gebirgstälern hausten, ohne zu einem Verband zusammengeschlossen zu sein und ohne einer Zunft oder Innung anzugehören. 172? wurde insgesamt in 287 Orten Schlesiens die Weberei ausgeübt, 1783—86 wurde für etwa 4 1/2 bis 6 Millionen Taler Leinen aus Schlesien ausgeführt, England, Holland, Spanien gehörten zu den regelmäßigen Abnehmern. Insgesamt führte Deutschland an Leinenwaaren für 20 bis 30 Millionen Taler aus, Bielefeld allein für 100000 Tlr., Zittau für eine Million. Auf dem gleichen Prinzip hausindustrieller Tätigkeit beruhte die berühmte Färber- und Zeughandlungskompanie zu Calw in Württemberg. Sie bestand seit 1626 und beschäftigte gegen 1000 Zeugmacher, die ihrerseits wieder 3000 bis 4000 Spinnern und Wollkämmern Arbeit gaben. Sie war eine Aktiengesellschaft und führte ungefähr für eine halbe Million fl. jährlich aus; die Anzahl der Teilhaber wechselte zwischen 23 und 43; nach dem siebenjährigen Kriege zog jeder von ihnen etwa 2000 bis 2500 fl. Reingewinn. Die leichten Wollstoffe, die sie vertrieb, unterlagen im Laufe der Zeit der Baumwolle, die Nachfrage ging so zurück, daß die Gesellschaft 1797 aufgehoben wurde. Die Baumwollenindustrie hatte ihren Hauptsitz in Deutschland im sächsischen Vogtland aufgeschlagen. Es gab in Plauen zwischen 1704 und 1780 bis zu 90 Mitgliedern, die etwa 1000 Webstühle gehen ließen; 1794 beschäftigten etwa 180 Mitglieder zusammen 24000 Köpfe. Der Umsatz auf den Leipziger Messen betrug im Jahr 6000 Stücke, die jeweils 36—40000 Jlr. einbrachten. In Chemnitz beschäftigte eine Kattunfabrik allein 1200 Menschen. 1754 wurde die Zitzfabrikation in Sulz in Württemberg eingeführt, 1764 gab sie 1751 Personen Arbeit. Hausindustrie war auch die Nadelindustrie in Schwabach, die 1787 200 Millionen Nadeln fertigstellte und die Strumpfstrickerei in Erlangen, die 169897 Wirkstühle, 1775 aber 580 im Gang hatte. Die sächsische Strumpfmanufaktur erzeugte 70000 Dutzend im Jahr und außerdem noch Handschuhe.

Zu dem Aufschwung der Industrie hatte die Einwanderung der französischen Hugenotten wesentlich beigetiagen, denn sie führten neue Gewerbe ein, die wie die Bandweberei, die Anfertigung von Passementerien, Hüten, Stickereien, Uhren u. dgl. in Deutschland bis dahin nicht ausgeübt worden waren.

Anfänglich war das Dazwischentreten des Kaufmanns, der den Verkehr zwischen dem Erzeuger und dem Verbraucher vermittelte, für den Produzenten eine Hilfe gewesen, allmählich aber verschob sich die gegenseitige Stellung, und wenn sie auch noch weit entfernt von jener scharfen Scheidung war, die Unternehmer und Arbeiter in der Folgezeit voneinander trennte, so rückte doch der Kaufmann, d. h. das Kapitel an den entscheidenden Platz. Der Hausarbeiter fand es je länger je bequemer, für den Kaufmann allein zu arbeiten und nicht für einen größeren Kreis von Abnehmern; er wurde, ohne es zu wissen, oder zu wollen, Lohnarbeiter. Je stärker sich das Kapital an der Produktion beteiligte, umso schneller ging dieser Prozeß vor sich, der den Regierungen keineswegs entgangen ist. Sie haben, da die fiskalische Politik sich von dem Aufschwung des Fabrikwesens den größten Vorteil versprach, auf ihre Weise in denselben einzugreifen versucht und mit dem Glauben der Zeit an das Allheilmittel der Vorschrift die Industrie von oben her bis ins Kleinste regeln wollen. Man dachte nicht nur die Produktion der Nachfrage anpassen zu können, man wollte auch den Wettbewerb ordnen. Ganz in der Weise der Zünfte wurde mit Verboten und Beschränkungen gearbeitet, die Zahl der Arbeiter sollte nicht beliebig vermehrt werden dürfen, Schwankungen der Löhne suchte man vorzubeugen, bis in die geringfügigsten Einzelheiten gehende Vorschriften regelten Qualität und Quantität des erzeugten Artikels. Im Sinne eines auf die Spitze getriebenen Fiskalismus war es dabei durchaus, wenn einzelne Unternehmer, die besonders kapitalkräftig waren, das ausschließliche Recht erhielten, gewisse Manufakturen allein betreiben zu dürfen, der Gewerbefreiheit also wieder sorgfältig ausgewichen wurde. So befaßten sich die Ordnungen für den schlesischen Leinenhandel, die 1724 und 1742 erschienen, mit den genauesten technischen Bestimmungen hinsichtlich der Länge und Breite der Leinewand, wodurch den mancherlei Unredlichkeiten entgegengearbeitet werden sollte. Das Bestreben, Manufakturen einzubürgern, machte die Regenten oft genug blind gegen ihr eigenes Interesse, man begünstigte sie, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, ob ihre Entwicklung nicht vielleicht schon vorhandene beeinträchtigen könne wie man denn in Kurbayern die Baumwollerzeugung mit allen Mitteln förderte und dadurch das Tuchmachergewerbe zum Eingehen brachte. 1716 zählte man in Bayern noch 171 Tuchmacher mit 125 Gesellen, 1782 nur noch 99 mit 85 Gesellen. Außerdem schreckte man wie immer in dieser Zeit keineswegs vor Zwang zurück. In Preußen wurde der Bauer genötigt, sein Garn für einen bestimmten Preis an das staatliche Lagerhaus abzugeben, eine Maßregel, die das Produkt gelegentlich unverhältnismäßig verteuerte. Die vielen Beschränkungen bewirkten dann, daß blühende Gewerbe sich von ihrer Heimat wegzogen und nach Orten übersiedelten, wo sie weniger belästigt wurden. So verlor Aachen die Tuchfabrikation an Jülich, Augsburg die Barchentweberei an Kaufbeuern. Die Maschine ist in der deutschen Industrie im 18. Jahrh. noch nicht zur Geltung gekommen, in der sächsischen Baumwollmanufak-tur kommt sie erst seit 1790 zur Anwendung, natürlich englisches Fabrikat, seit 1800 benutzte man die Wasserkraft als Motor.

Vollkommen abgewirtschaftet hatten die alten Reichsstädte, einst die Zentren deutschen Gewerbefleißes. Die Weber Augsburgs, die im 16. Jahrh. noch 6000 gezählt hatten, beliefen sich im 18. Jahrh. nur noch auf 500, die Stadt lebte nur mehr von dem Kleinkram der Heiligenbildchen und Amulette, die zu Hunderttausenden von hier aus in die Welt gingen, protestantische Reisende haben das mit ebensoviel Spott wie Geringschätzung und Erstaunen festgestellt. Nürnberg befand sich allerdings durchaus in der gleichen Lage, es ging ebenfalls immer mehr zurück. Im 16. Jahrh. besaß es 60000 Einwohner, 1740 nur doch 40000, die bis 1780 auf 30000 zurückgegangen waren. Seine Industrie beschränkte sich auf Spielzeug und Kurzwaren, mit denen es die ganze Welt versorgte. Im Gegensatz zu diesen Bezirken, deren Glanzzeit abgelaufen war, entwickelten sich die monarchisch regierten Staaten des nördlichen Deutschland zu blühenden Verhältnissen, Preußen an erster Stelle. Friedrich Wilhelm I. und Friedrich II. haben auch das Wirtschaftssystem ihres Landes dem Prinzip .des Absolutismus eingeordnet, das ihnen als das allein richtige erschien; von einer freiheitlichen Entwicklung des Handwerks konnte unter ihrem Szepter nicht die Rede sein. Bei mannigfachen Mißgriffen im einzelnen, denen die Fehlschläge auf dem Fuße folgten, haben sie doch den Gewerbebetrieb ihres Reiches auf eine achtunggebietende Höhe gefördert. Die heimische Eisenerzeugung hatte z. B. eine solche Ausdehnung erfahren, daß 1779 die Einfuhr schwedischen Roheisens verboten werden konnte.

Den Gesamtwert der in Preußen erzeugten Fabrikate schlug man gegen das Ende der Regierung Friedrichs II.auf 30 Millionen Tlr.an. Preußen besaß durch die Gewissensfreiheit, die es den Untertanen gewährte und durch die Garantie der Rechtssicherheit, die es beinahe allein im damaligen Deutschland verbürgte, eine Anziehungskraft, die keiner der andern Staaten sein eigen nannte. Trotz seiner wenig günstigen Lage wurde Berlin ein Brennpunkt industriellen Lebens und begann erfolgreich mit Leipzig, das bis dahin eine ganz außergewöhnlich günstige Stellung eingenommen hatte, zu konkurrieren. Dabei besaß die Monarchie im Jahr 1800 nur vier Städte über 50000 Einwohner und nur 14, die mehr als 10000 Einwohner zählten. Der wachsende industrielle Charakter gewisser Gegenden findet seinen deutlichsten Ausdruck in der Zahl der Einwohner. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrh. wohnten z. B. im Wuppertal 5000 Seelen auf der Quadratmeile, während man ihrer in Sachsen und Württemberg 3000, in Preußen 1000 und in Pommern nur 800 zählte. Am blühendsten war die Industrie Sachsens, welches ja auch das Glück hatte, durch die Leipziger Messen im Zusammenhang mit dem Welthandel zu stehen. Mirabeau, der Deutschland im Todesjahr des großen Königs bereiste, fand die sächsische Industrie zwar weniger schwunghaft als die preußische, aber dafür auf soliderem Fuße eingerichtet.

Das Beispiel Englands, das durch seine Fabriken und seinen Handel von Jahr zu Jahr blühender und reicher wurde, stach den deutschen Kleinfürsten in die Augen, und sie glaubten, es bedürfe nichts weiter als guten Willen, um in ihren Ländern ebenfalls Industrie und Handel einzubürgern. So wollte Kurfürst Karl Philipp von der Pfalz Mannheim mit Gewalt zu einer Fabrik- und Handelsstadt machen. Er erklärte den Ort 1736 zu einer freien Handelsstadt und ließ mit höfischer Unterstützung eine Reihe von Luxus-Manufakturen beginnen. Der Erfolg blieb, wie zu erwarten war aus, was den Nachfolger Karl Theodor nicht abhielt, seine Versuche, die Industrie in der Pfalz einzubürgern, fortzusetzen. Dieses Mal war Franken-thal der erkorene Ort. Fhr. Stephan von Stengel, der Kabinettssekretär desKurfürsten schreibt in seinen Erinnerungen über diese Tätigkeit:

,,Der Kurfürst, der alle Zweige belebt wissen wollte, hatte die Manufakturen nicht vergessen. Zu Heidelberg war seit einigen Jahren eine Savonerie-Manufaktur im Gange, die wegen der Kostbarkeit ihrer Arbeiten für den Hof allein arbeitete. Ebendaselbst eine Zizmanufaktur, und seit ungefähr 15 Jahren hatte ein Genfer, namens Regal, die Seidenmanufaktur unter dem Schutze des Kurfürsten, und mit großen Privilegien errichtet. Jetzt war es dem geheimen Sekretär Fontanesi eingefallen, aus Frankenthal eine Fabrik-.und Handelsstadt zu errichten. Die Idee wurde von dem Kurfürsten aufgefaßt und unterstützt. Fontanesi/ der schon mit der Sprache nicht fort konnte, war der Ausführung seiner eigenen Pläne nicht gewachsen, er gesellte sich daher den damaligen Hofkamnierrat von Monbuisson bei. Dieser schlaue und helle, zugleich äußerst tätige Kopf gab der Sache einen Schwung, welchen keine Kraft des Ministeriums mehr auszuschalten imstande war. Alles was nur aus Menschenhänden kommen konnte, selbst Oblaten, sollte ausschließlich in Frankenthal fabriziert, und von keinem Pfälzer anders woher beigeschafft werden, wir hatten daher dort auch Oblaten- und Nudelfabriken. Die Fabriken entstanden und verschwanden wie Pilze. Die meisten erhielten von dem Kurfürsten Häuser, Werkstühle, Werkzeuge oder Vorschüsse in Geld, oder alles zugleich. Man faßte den chimärischen Gedanken, von Frankenthal aus einen Kanal bis in den Rhein zu graben, um die Fabrikprodukte vor den Häusern der Fabrikanten gleich in die großen Rheinschiffe laden und so in alle Welt versenden zu können.“

1773 besaß Frankenthal 30 Fabriken und von den 3300 Einwohnern, die die Stadt zählte, gehörten 1200 der Industrie an.

Auf das engste hing das staatlich geförderte Manufakturwesen mit der Zollpolitik zusammen, die man in den einzelnen Ländern befolgte. Die Regierungen, die sich Monopole anmaßten, suchten sich durch die Gesetze eine Handhabe zu schaffen, die den Verbraucher nötigte, seinen Bedarf zu ihrem Vorteil zu decken. Die  Nachfrage im Inland sollte absolut auf das inländische Angebot beschränkt bleiben und jeder Konsument gezwungen werden, nur die Erzeugnisse zu kaufen, die die heimische Industrie fertigte. Zu diesem Zweck wurde jede einzelne Haushaltung dem rigorosesten Zwang unterworfen. Man versuchte durch Ausfuhrverbote die inländischen Rohstoffe im Lande zu halten und gleichzeitig durch Einfuhrverbote die ausländischen Gewerbserzeugnisse vom Markte zu entfernen. Da nun jeder Reichsteil einen in sich abgeschlossenen Volkswirtschaftskörper bildete, so suchte jeder derselben auf eigene Faust die Zollverhältnisse seines Territoriums zu ordnen und natürlich möglichst zu seinem Vorteil. Dem Nachbarn wurde Zugeständnis gegen Zugeständnis abgehandelt, und ängstlich und kleinlich um jeden Paragraphen gefeilscht; wie vielen erschien nicht schon der Schaden des andern wie ein persönlicher Nutzen. Der Fürst von Öttingen-Wallerstein dachte der Reichsstadt Nörd-lingen allen Getreidehandel im Ries zu sperren und dafür eine eigne Umschlagstelle in Wallerstein einzurichten.

Die Durchführung eines solchen, auf dem krassesten Duodez-Absolutismus beruhenden Systems, war für das Reich als solches eine Unmöglichkeit, weil keine Oberhoheit da war, dies mit Aussicht auf Wirkung hätte handhaben können. Beweis dafür ist der Versuch des Kaisers, den wirtschaftlichen Ausschluß Frankreichs zu erreichen, dessen Luxusartikel den deutschen Markt beherrschten. Dazu sollte ein allgemeines Verbot dienen, das für ganz Deutschland verbindlich gewesen wäre, aber es konnte nicht durchgeführt werden. Nach wie vor blieb die deutsche Handelsbilanz passiv; Deutschland bezog von England und Frankreich jahrein, jahraus mehr als es absetzte, der jährliche Verlust an Frankreich belief sich vom Jahre 1700 bis zur Mitte der achtziger Jahre auf 6 Atillionen Tlr., stieg aber von 1785 bis 1789 auf ungefähr 11 Millionen Taler.

Das Übel, an dem der deutsche Handel krankte, waren die Hunderte von Binnenzöllen, die nicht nur jeden Reichsstand vom andern trennten, sondern selbst die einzelnen Provinzen der größeren Territorien in ebensoviele feindliche Wirtschaftsgebiete zerrissen. So zahlten z. B. die Klagenfurter Tuche, die nach Wien gingen, erstmals in Kärnten Ausgangszoll, dann in Steiermark Durchgangszoll und schließlich in Österreich Konsumtionszoll, ln den K.K. Erblanden wurden die Zwischenzölle 1775 aufgehoben, wodurch der Tiroler Transithandel, der 1765 noch 10 Millionen fl. abgeworfen hatte, auf 3 Millionen fiel, in Preußen sind sie zwischen den Provinzen nicht vor 1805 beseitigt worden. 1764 hatte Maria Theresia ein Einfuhrverbot für alle ausländischen Gewerbsartikel erlassen, 1774 wurde es umgeändert und an Stelle des absoluten Verbots hohe Zölle gesetzt. Josef II. änderte wieder an diesen Bestimmungen indem Privaten gestattet wurde, sich gegen Erlegung einer Zollgebühr von 60% des Preises alles aus dem Ausland kommen zu lassen, was Händlern aber nicht erlaubt war. Die österreichische Industrie wurde durch diese Prohibitivzölle wesentlich gefördert, 1784 gab es in Wien 117 Fabriken mit 57000 Arbeitern. Die Kaiser hatten den Handel unterstützt, mit allen Mitteln, die ihnen zu Gebote standen, Karl VI. sogar mit Hintansetzung seiner katholischen Vorurteile protestantische Kaufleute aus dem Reich nach Wien zu ziehen gesucht und ihnen große Privilegien erteilt. Kaiser Franz I. spekulierte selbst mit großem Glück und Josef II. hob die soziale Stellung der Großhändler, indem er eine Anzahl von ihnen in den erblichen Adelstand erhob. Die Bankiers Fries und Fuchs machte er zu Grafen, was den damit Beglückten allerdings pro Person 20000 fl. kostete; 1776 befand sich der Frankfurter Bethmann unter den Geadelten, 1783 begann Josef die Nobilitierung jüdischer Familien mit dem Bankier Arnstein. Karl VI., der gar zu gern nach Übersee gehandelt hätte, erklärte 1725 den Seehafen Triest zu einem Freihafen. 1790 verkehrten dort mehr als 7000 Schiffe. Mit dieser Zahl übertraf es sogar die größte Seestadt des Reiches, Hamburg, in dessen Hafen in der zweiten Hälfte des 18. Jalirh. im Jahr durchschnittlich 2000 Schiffe ein- und ausliefen, davon etwa 150 bis 160 eigene; in Lübeck zählte man gegen 800 bis 900 jährlich, und in Bremen ungefähr 500.

Hamburg stand in innigster Verbindung mit England, für dessen Rechnung es in Deutschland alle Zahlungen einzog und dadurch gewissermaßen eine Art Alleinherrschaft über den Handel des Festlandes ausübte. Große Reichtümer strömten hier zusammen, wodurch ein leichtsinniges Spekulantentum großgezogen wurde. Die Krisen fehlten nicht; 1763 war eins der schrecklichsten Jahre für den Hamburger Großhandel, in dem 60 Handlungshäuser ihre Zahlungen einstellten. Es wurde aber von der großen Katastrophe des Jahres 1799 weit übertroffen. Die hergebrachte Gewalttätigkeit Englands, das erklärte, die Flagge decke nicht die Ware, fügte dem Hamburger Handel während der Kriege Großbritanniens mit Frankreich solche Verluste zu, daß 1799 136 große Häuser mit zusammen 36 Millionen Mark ßanko fallierten; manche dieser Firmen zahlten nur 3, 5 oder 7%.

Die kommerziellen Mittelpunkte Binnendeutschlands waren Frankfurt a. M. und Leipzig, die durch ihre Messen eine ungewöhnliche Bedeutung empfingen. Vor allem Leipzig, das am Kreuzungspunkt der großen Straßen vom Westen nach dem Osten eine der glücklichsten Lagen als Handelsstadt besaß. Den Jahresumsatz der Leipziger Messen schlug man damals auf 18 Millionen Tlr. an, die russischen Kauf-leute kamen oft in Karawanen von 200 Wagen und kauften für Hunderttausende Seidenstoffe und andere Luxusartikel. Die glänzende Situation, in der sich seine unmittelbaren Nachbarn, Hamburg und Leipzig, befanden, gab der Handelspolitik Friedrichs II. ihre Richtung: Er suchte Stettin und Berlin als Konkurrentinnen auszuspielen und den blühenden Rivalinnen soviel wie möglich zu entziehen. Die Seehandlung wurde 1772 errichtet, um die Ausfuhr der inländischen Produkte tunlichst zu steigern; ausländische Erzeugnisse, wie Tabak, Kaffee, wurden Monopole des Staats, die Seidenindustrie, die lange Jahrzehnte hindurch den Markt beherrschte, weil die Mode beider Geschlechter beinahe ausschließlich Seidenstoffe verarbeitete, wurde angeregt und in der Tat vielleicht nichts versäumt, um dem Handel Vorschub zu leisten als die Förderung des Verkehrs.

Für den Verkehr war schlecht, fast ist man versucht zu sagen, gar nicht gesorgt, denn der Grundsatz: „schlechte Wege hindern die Leute zu reisen und halten das Geld im Lande“ galt selbst bei einem so aufgeklärten Despoten, wie Friedrich der Große es war. Im ganzen Reich waren die Wege schlecht, aber schlechter als irgendwo doch in Preußen. Baron Pöllnitz im ersten Drittel des Jahrhunderts, Bielfeld und Casanova in der Mitte desselben, sind voll der Klagen, aber es hat sich in den hundert Jahren nichts geändert, denn als der Ritter von Lang 1801 von Ansbach nach Berlin reisen muß, da sind die Straßen hinter Hof so abscheulich, daß der Wagen regelmäßig alle Tage umgeworfen wird, und oft 2 bis 3 Mal täglich, so daß die Reisenden schließlich ein Gesellschaftsspiel daraus machen, zu raten, auf welche Seite sie das nächste Mal fallen werden, ln vielen Gegenden fehlten gebahnte Straßen so gut wie ganz. Als Pütter 1769 nach Westfalen reist, stellt er fest, daß seine Landsleute fast alle ihre Reisen zu Pferd machen müssen. Er und sein Bruder begeben sich zu Pferde von Iserlohn nach Altena, ihre Damen müssen die Strecke in einem zweirädrigen Karren zurücklegen. 20 Jahre später reiste Johanna Schopenhauer in derselben Gegend, außer sich „über die mit rohen Feldsteinen überschütteten Straßen, neben denen Sommerwege laufen, auf denen man über die Achsen im Kot versinkt.“ Es war in andern deutschen Ländern aber keineswegs besser. „Wir konnten nicht einmal in einem Tage Minden erreichen“, schreibt Baron Bielfeld 1741 von seiner Gesandtschaftsreise, „obgleich es nur 5 Meilen von Hannover ist und blieben mitten in der Nacht im Kot stecken.“ Dabei hatte er 12 Postpferde vor jedem Wagen und wenigstens 12 Bauern als Hilfe daneben.

In den kleineren Staaten besserte sich der Straßenbau mit der Zeit. Als Friedrich Nikolai seine große Reise im Sommer 1781 durch Deutschland unternahm, fand er jenseit von Banz vortreffliche Chausseen und bemerkt zusammenfassend, daß die Straßen im fränkischen, österreichischen, bayerischen, schwäbischen Kreis, in Hessen, Hannover, Fulda und Gotha recht gut seien. Gelegentlich macht er allerdings auch ganz andere Erfahrungen. So will er, als er sich in Württemberg befindet, einen Ausflug nach St. Blasien im Schwarzwald machen, aber weder in Stuttgart noch in Tübingen kann ihm irgend jemand Bescheid sagen, wie man dahin kommt, noch findet er den Weg auf irgend einer Karte. Schließlich gelangt er zwar unter tausend Gefahren hin, aber es stellt sich heraus, daß der Weg aus keinem andern Grunde so unerhört schlecht ist, als weil die Unterhaltung desselben zwischen Fürstenberg und der Abtei St. Blasien strittig ist, und daher von keiner der beiden Parteien etwas für ihn geschieht. Die österreichischen Chausseen und die österreichischen Posteinrichtungen erklärte dieser Berliner für die besten in Deutschland und stimmt in diesem Urteil mit der Mehrzahl der andern Reisenden überein. Der Straßenbau war eine Koketterie der österreichischen Verwaltung, wenn sie sich auch nicht damit übereilte, und z. B. an der großen Chaussee von Wien nach Breslau in 22 Jahren nur 28 Meilen gebaut wurden. Erst 1787, im Jahr nach dem Tode des großen Königs, begann man in Preußen die ersten Chausseen zu bauen, zu einer Zeit, als man in Württemberg schon 286 Kilometer chaussierter Straßen besaß. Die erste war die für den Gebrauch des Hofes bestimmte gewesen, die Ludwigsburg mit Stuttgart verband und dann beiderseitig, einmal bis Frankfurt und auf der andern Seite bis Augsburg verlängert wurde. In Württemberg hatte man vorher für den Hof die sogenannten Herrschaftswege gehabt, die zu Albrecht von Hallers Erstaunen „mitten durch Wiesen und Äcker gehen, und wann der Hof seinen Weg dadurch nimmt, denen armen Leuten einen großen Teil ihrer Ausbeute wegnehmen“. In Kurpfalz waren unter der Regierung Karl Theodors gute Chausseen gebaut und auf beiden Seiten mit Obstbäumen besetzt worden. Alle solche Verbesserungen blieben zufällig, von der Laune des Regenten abhängig, der sich dafür interessierte oder nicht. So geschah im Reich auch durchaus nichts Einheitliches für den Straßenbau. Noch als Justus Grüner in den letzten Jahren des Jahrhunderts Westfalen bereiste, hörte „mit dem Eintritt des Herbstes in Ostfriesland alle Postordnung auf, der unfahrbaren Wege halber“.

Wer Glück hatte, und wie Jung-Stilling auf dem „schrecklichen Wege von Kassel nach Marburg“ beispielsweise nur zweimal umgeworfen wurde, der konnte sich freuen. Andern ging es nicht so gut, wie denn der Professor Brunn quell, der einen Ruf von Jena an die neu errichtete Universität Göttingen erhalten hatte, ihn nur zu seinem Unheil annahm, denn er starb an den Folgen der Strapazen, die er auf der Reise von Jena nach Göttingen zu erleiden’hatte. Der Zustand der Wege machte das Reisen nicht nur unbequem und gefährlich, er verlangsamte es auch außerordentlich. Im Juli 1729 sind die Wege zwischen Magdeburg und Leipzig in einer derartigen Verfassung, daß Pöllnitz, um von einer Stadt zur andern zu gelangen, drei volle Tage unterwegs sein muß; Albrecht.von Haller, der 1726 in der Gegend von Halle reist, braucht einmal zu 5 Meilen 13 Stunden. -Die Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth rechnet in den dreißiger Jahren für die 42 Meilen, die sie von ihrer Residenz bis nach Berlin zurückzulegen hat, zehn volle Tage. Fünfzig Jahre später reist JohannaSchopen-hauer von Danzig nach Berlin. „Legten wir in 1% Stunden eine Meile zurück“, schreibt sie in ihren Erinnerungen, „so war der Postillon sehr zu loben; brachte er zwei Stunden damit zu, so hatten wir kein Recht, uns über ihn zu beklagen.“ Bei Schlawe braucht sie, um 5 Meilen vorwärts zu kommen, einen ganzen Tag.

Die Post war ein Regal, das im Reich von der Familie Thurn und Taxis ausgeübt wurde, die es ja bis zum Jahre 1866 besaß. In den K. K. Erblanden gehörte die Post den Grafen Paar, bis sie von Karl VI. abgelöst wurde und zwar auf eine für einen Kaiser beinahe zu pfiffige Art und Weise. Er soll eines Tages den damaligen Oberlandpostmeister wie zufällig gefragt haben, wie viel ihm sein Postprivilegium ab werfe, und da dieser aus Vorsicht eine sehr geringe Summe nannte, dahinter gehackt und auf Grund dieses Zugeständnisses die Abfindungssumme sehr mäßig festgesetzt haben. Jedenfalls trug die Post unter Maria Theresia dem Staat schon 200000 fl. ein. Sachsen hatte ursprünglich seine Post für 20000 Tlr. jährlich verpachtet; 1713 erneuerte es die Pacht nicht wieder, sondern betrieb wie Preußen seine Post in eigener Regie. Die Stationen waren im Durchschnitt 2 bis 3 Meilen voneinander entfernt, manchmal auch 5 Meilen, man rechnete auf die Meile 1 1/2 bis 2 Stunden und zahlte sie mit 6 Groschen, für welchen Preis der Passagier das Recht hatte, 50 Pfund Gepäck umsonst mitnehmen zu dürfen. Mehr als 5 Meilen am Tage zurücklegen zu können, durfte man mit der Post in Norddeutschland nicht hoffen, wenigstens nicht in der ersten Hälfte des Jahrhunderts; es war schon ein gewisser Fortschritt, als Garlieb Merkel 1796 in 24 Stunden 9 Meilen vorwärts kam. In Süddeutschland rechnete man auf den Tag dagegen 15 bis 18 Meilen. Von Berlin nach Cleve war man beispielsweise elf volle Tage und Nächte unterwegs. Die Gelegenheit war nicht häufig; um die Mitte des Jahrhunderts verkehrte die Post von Dresden nach Berlin nur alle 14 Tage, und nur einmal in der Woche nach den Städten Sachsens. In Süddeutschland gab es Schnellposten, die Stuttgart und Nürnberg miteinander verbanden und in Nürnberg Anschluß nach Sachsen, Preußen und Österreich fanden. Wer es im Norden eiliger hatte oder zu exklusiv war, um mit der Ordinaripost zu reisen, konnte Extrapost nehmen, welche pro Pferd und Meile 6 bis 8 Groschen, später 10 bis 15 Groschen kostete. Die Benutzung der Extrapost war insofern erschwert, als im Preußischer, die mit dieser ankommenden Reisenden in großen Städten erst nach einem Aufenthalt von 2 bis 3 Tagen, in kleineren Orten nach einem 24 stündigen Aufenthalt Weiterreisen durften. Die Postwagen waren unbequem und entbehrten auch den gewöhnlichsten Komfort; 1766 machten die Zeitungen es als einen ganz besonderen Fortschritt bekannt, daß die Postwagen von Berlin nach Hamburg künftig ein Verdeck haben würden.

Die Post beförderte selbstverständlich auch Briefe, die für unsere Begriffe lange unterwegs waren, von Frankfurt nach Berlin 9 Tage, von München nach Augsburg 2 Tage und eine Portogebühr zu zahlen hatten, die ziemlich willkürlich bemessen wurde. Briefe von Hamburg nach Frankfurt a. M. kosteten 3 gute Groschen, von Hamburg nach Leipzig 2 gute Groschen, von Berlin nach Memel 8 gute Groschen, von Ulm nach Cannstatt 4, von Cannstatt nach Berlin oder Wien 12 Kreuzer usw. Als Friedrich der Große in Berlin die Akademie neu begründete, wurde, um die Mittel für diese Stiftung zu beschaffen, das Porto für jeden Brief um 6 Pfennige erhöht.

ln Berlin entstand 1800 eine Stadtpost, die aber aus Mangel an Beteiligung 1806 bereits wieder einschlief.

Den stärksten Verkehr im Reich hatte die Poststation in Hattersheim zwischen Mainz und Frankfurt a. M., man zählte im Jahr 7200 Pferde. „Was mit der Post reiset, muß eines Lastträgers Rücken und eines Fürsten Beutel haben“, pflegte man im 18. Jahrh. zu sagen, und der Klagen über die schlechten Wege, die elenden Wagen, die nicht endenden Trinkgelder für den Wagenmeister, die Kofferträger, die Stallknechte, Postillone usw. ist kein Ende. „Die Unersättlichkeit, Unfreundlichkeit und Grobheit der Postbedienten sind für einen Reisenden unerträgliche Plackereien“, schreibt der Engländer Charles Burney 1772, der sich zwischen Frankfurt und Darmstadt über „das schlechte Betragen der Postmeister und Postillons ärgert, die ihm mehr Pferde aufnötigen als er braucht und ihm dadurch große und unnütze Kosten verursachen.“ Schlözer, der in seinen Zeitschriften so mutig für die Freiheit focht, nahm auch den Kampf gegen die Unverschämtheiten und die Prellereien der Postmeister auf und hatte besonders den Postmeister Dietzel in Nordheim aufs Korn genommen. In diesem Falle drang er nicht durch, denn die Regierung deckte den eigenmächtigen und groben Beamten mit ihrer Autorität.

Unter diesen Umständen war das Reisen natürlich kein Vergnügen und wer nicht absolut dazu gezwungen war, blieb zu Hause. Als Jung-Stilling einmal ein benachbartes Dorf besuchte, schreibt er: „Dies Dorf liegt neun ganzer Stunden von Tiefenbach ab. Vielleicht war seit hundert Jahren niemand aus der Stillingschen Familie so weit fort gewandert und so lang abwesend gewesen.“ In den ersten Jahrzehnten des Jahrhunderts machten junge Leute aus guten Familien noch die große Tour, d. h. sie besuchten das Reich, Wien,

Italien und Frankreich, um sich den Schliff der großen Welt anzueignen; wer das tat, wie z. B. der Dichter Brockes, reiste dann zu Pferde, trotzdem es auch dabei, wie er in seiner Selbstbiographie erzählt, nicht ohne Abenteuer und Fährlichkeiten abging. Er war 1704 wieder zu Haus in Hamburg.

Einfachere Leute wie etwa der Handlungsdiener Münch, der sich in eine neue Stellung begibt, mietet 1691 sich mit andern zusammen einen großen „Ordinari Bauers Leiterwagen“, mit dem sie, die Person für 3 Reichstaler von Bremen nach Minden befördert werden, unterwegs aber die größte Drangsal von Wölfen auszustehen haben und von Glück sagen können, daß die hungrigen Bestien sie nicht mit Haut und Haar verzehren. Reisende, die aus dem flachen Lande kamen, erlebten oft die stärksten Überraschungen, wenn sie beim Verlassen der norddeutschen Tiefebene das Mittelgebirge kennen lernten, das dem mit Eindrücken verwöhnten Geschlecht unserer Tage noch gar nicht recht als Berge erscheinen will. So erschrickt die Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth über „die fürchterlichen Abgründe zwischen Gera und Zeitz“, und die Familie von Christian Felix Weiße, mit der er in den siebziger Jahren von Leipzig nach Karlsbad reist, kann sich vor Verwunderung „über die Gebirgsgegenden, worein noch keins gekommen war“, gar nicht fassen. Als Friedrich Nikolai seine Reise antritt, hat er sich in Berlin einen Wagen bauen lassen, ohne Hemmschuh. Unterwegs tritt die Notwendigkeit ein, dieses unentbehrliche Instrument anzuschaffen, und der kluge Mann findet es nötig, seinen Lesern eine genaue und eingehende Beschreibung dieses Gerätes zu geben und seine Anwendung zu erklären!

Über die Reisekosten lassen sich allgemein gültige Feststellungen natürlich nicht machen, es kam dabei zu viel auf Ansprüche und Bedürfnisse an. Für den, der mit eigenem Wagen, reiste, verteuerte es sich natürlich, so kaufte sich Anton Friedrich Büsching, der in den sechziger Jahren von Göttingen nach Lübeck fuhr, in Hannover einen Reisewagen für 300 Tlr. Johann Stephan Pütter machte 1746 eine Reise von Göttingen über Wetzlar und Wien nach Göttingen zurück; sie dauerte mehrere Monate und kostete alles in allem 1103 Tlr. 16 Groschen. Schlözer veranschlagte die Kosten einer größeren Reise pro Meile und Person im Durchschnitt auf 1 Dukaten.

Ließ es sich irgend tun, so zogen die Reisenden den Wasserweg der Beförderung zu Lande weit. vor. Die Rheinschiffe, die. zwischen Mainz und Köln verkehrten, wurden schon damals als sehr komfortabel beschrieben; sie hatten ein ebenes Verdeck eine gemächliche Kajüte mit. Fenstern und Möbeln, und waren nach Riesbeck ausgestattet wie ein holländisches Jagdschiff. Die Fahrt von Frankfurt bis Köln dauerte 7 Tage, wer weiter und nach Holland wollte, mußte in Cleve das Schiff verlassen und zu Lande weiter reisen, damit die preußische Post auch etwas verdiente. Man rechnete, daß der Rhein im Jahr von etwa 1300 bis 1400 Schiffen befahren wurde, davon beförderten 200 nur Reisende und keine.-Waren. Auf dem Main braucht die Markgräfin.Wilhelmine einmal von Werthheim nach Ems 6 Tage, ebensoviel wie auf die Donaufahrt Regensburg-Wien daraufgingen. Die Donau scheint im 18. Jahrh. als Verkehrsstraße ganz anders ausgenutzt worden zu sein als in unsern Tagen, die wir freilich schnellere Fortbewegungsmittel kennen. Wer aus dem Reiche nach Wien wollte, benutzte eigentlich stets die Donau. Es gab auch da zwei Arten der Beförderung. Wer ein öffentliches Schiff benutzte, der zahlte, war er eine „gemeine Person“, 1 Tlr., gehörte er dagegen zu den „Gepuderten“, so mußte er mit den Schiffern ak-kordieren und kam selten unter einem Dukaten weg. Am hübschesten war es natürlich, mit eigenem Schiff zu reisen, das man zwar zu dem Zwecke kaufen mußte, in Wien aber jederzeit wieder verkaufen konnte. Friedrich Nikolai zahlte für die Reise von Regensburg nach Wien 55 fl„ das Schiff kostete 30 fl. und sollte in Wien für die Hälfte des Preises veräußert werden. Das Schiffsmaterial diente dann meist als Brennholz, weil es die Bergfahrt kaum ausgehalten haben würde. Außerdem waren die Stapelrechte so eingerichtet, daß es die Rückfahrt meist nicht gelohnt hätte. Die Regensburger konnten nämlich alles nach Wien bringen, zurück durften sie nur österreichische Weine als Fracht nehmen, kein Wiener Schiffer durfte weiter als bis Regensburg, kein Regensburger weiter als bis Ulm fahren. Ein eigenes Schiff, das für 12bis 16 Personen Raum bot, machte die Reise von Ulm nach Wien in 6 Tagen, während das Ordinarischiff dazu 14 bis 18 Tage brauchte. Eigentlich sind alle Reisenden, die irri Laufe des 18. Jahrh. diese Fahrt gemacht haben, einig über ihre großen Reize. Lady Mary Wortley Montague spricht in ihren Reisebriefen mit Vergnügen von der überaus anmutigen Reise, die sie im September 1716 zu Wasser von Regensburg nach Wien zurücklegte.

„Die kleinen Schiffchen“, schreibt sie, „bieten alle Bequemlichkeiten eines Palastes, wie Wohnzimmer, Kammern und Küchen.“

Ganz ebenso gefiel 1725 Job. Christ. Edelmann die „äußerst angenehme Fahrt auf der Donau von Ulm bis Wien“, wo er „bei schönem Wetter und lustiger Gesellschaft recht vergnügt“ war.

Edelmann gehört auch zu den weniger zahlreichen Reisenden, die auf dem gleichen Wege zurückkehrten; er fuhr, als seine Herrschaft ihren Wohnsitz in Österreich der Religion wegen aüfgab, mit ihr zu Berg, und gesteht, „nie eine anmutigere und vergnügtere Wasserreise gehabt“ zu haben als diese, wo ihr Schiff von vielen Pferden langsam am Ufer stromaufwärts gezogen wurde. Gewiß kam es auch vor, daß die Schiffer unerfahren oder leichtsinnig oder betrunken oder alles zusammen waren, wie sich denn Joh. Philipp Münch darüber beklagt, auf der Donau durch liederliche Schiffer in große Gefahr geraten zu sein, aber selbst solche Vorkommnisse sind manchmal zum Heil der Betroffenen ausgeschlagen. Götter begab sich als junger Mann nach Wien, um dort sein Glück zu machen und der Zufall lächelte ihm schon unterwegs. Auf dem Schiff, mit dem er fuhr, befanden sich zwei vornehme Damen der Wiener Hofgesellschaft, denen der lustige und schöne Junge nicht wenig in die Augen stach. Wie gefiel er ihnen aber erst, als seine Geistesgegenwart das Schiff davor rettete, an einem Brückenpfeiler zu scheitern. Im letzten Augenblick, als es schon verloren schien, ergriff er das Steuer, riß es mit Riesenkraft herum und sie glitten unter der Brücke durch, die ihnen eben noch den Untergang gedroht hatte. Die Damen zeigten sich dankbar, sie führten den armen Bürgerlichen in die ersten Kreise Wiens ein, in denen er sich so wohlgelitten machte, daß er die Kaiserstadt als reicher Graf erst nach Jahren wieder verließ. Die Reisegelegenheit blieb das ganze Jahrhundert über beliebt; 1772 ist Charles Burney sogar von München aus zu Wasser nach Wien gefahren. Auf dem Isarfloß, das er dazu benutzte, wurde zum Preise von 4 fl. eine Hütte für ihn allein gezimmert und er hätte sich viel wohler gefühlt, wenn er nicht versäumt hätte, sich genügend mit Proviant zu versehen. Das gehörte aber damals unbedingt zu solchen Reisen; als Büsching sich mit den Seinigen von Lübeck nach Petersburg begibt,kauft er für 78 fl. Wein, Schokolade, Kaffee, Zucker, Butter, Eier, Sago, Makronen, Mehl, Nudeln, Heringe, Lachs, Zuckerwerk, Zitronen, Gemüse, Schinken, Wurst, Hühner und vergißt selbst nicht die Ziege, die seine kleinen Kinder mit Milch versorgen soll. Wenn es schon nicht zu den Vergnügen gehörte, innerhalb Deutschlands zu reisen, so war ein Verlassen der deutschen Grenzen noch weniger anzuraten; die Gefahren, die schlechte Wege, Unsicherheit, erbärmliche Gasthäuser mit sich brachten, wuchsen damit in unverhältnismäßiger Progression. Am schlimmsten war man zur See daran, die zu allen Zeiten von Seeräubern wimmelte. Graf Balthasar Friedrich Promnitz hatte auf seiner Kavalierstour den Einfall gehabt, von Italien aus zu Schiff nach Spanien überzusetzen, was er wohl bereut haben wird, denn der Kahn wurde von tunesischen Seeräubern aufgebracht, und der junge Graf mußte sich mit 3000 Dukaten freikaufen. Münch, der sich von Amsterdam zu Schiff nach Hamburg begab, lebte die ganze Zeit der Überfahrt in zitternder Angst vor den französischen Kapern, die auch glücklich 4 Schiffe des Geschwaders wegfingen.

Nichts ist für die innere Verfassung eines Reiches so charakteristisch wie der Zustand, in dem sich die Verwaltung der Justiz befindet. Unter diesem Gesichtswinkel betrachtet, bietet das Deutschland des 18. Jahrh. einen erschreckenden Anblick. Das machtlose Reich übte eine machtlose Justiz. Neben dem Reichshofrat in Wien besaß es ein Reichskammergericht, das seit 1693 in Wetzlar tätig war, und daneben kaiserliche Landgerichte, die für Ober- und Niederschwaben in Ravensburg, Wangen, lsny und Altdorf, für Franken in Nürnberg und Ansbach gehalten wurden, und schließlich noch ein kaiserliches Hofgericht in Rottweil, aber ihre Autorität war gering. Das Reichskammergericht in Wetzlar bestand aus einem Kammerrichter, zwei R.K.G. Präsidenten, einer katholisch, einer evangelisch, zuletzt 17 R.K.G. Assessoren, neun katholisch, acht evangelisch, 30 Prokuratoren und vielen Rechtsanwälten. Von Rechts wegen sollte es mindestens 50 Beisitzer haben, mehr als 18 aber hat es nie gezählt, manchmal nur 12,1719 gar nur acht und selbst diese wenigen’ wurden nicht bezahlt, weil die Reächsstände, die zur Unterhaltung des Gerichts verpflichtet waren, ihren Kostenanteil nicht entrichteten; 1769 waren mehr als y2 Million Tlr. rückständig. Der Gerichtshof befand sich außerdem in schwieriger Lage, einmal weil die Kaiser in ihm eine mit dem Reichshofrat konkurrierende Instanz erblickten, ihm also abgeneigt waren, zweitens weil alle größeren Stände wie die Kurfürsten das Privilegium de non appellando besaßen, d. h. ihren Untertanen war verboten, das Kammergericht anzurufen. Zweifelhafte Autorität, ungenügende oder fehlende Besoldung und Mangel an Arbeitskräften, es hätte mit einem Wunder zugehen müssen, wenn die Konsequenzen ausgeblieben wären und sie taten es denn auch nicht: das Reichskammergericht galt für einen Sitz der Parteilichkeit, der Schikane und endlosen Vorenthaltung des Rechts. Ein Prozeß der Stadt Gelnhausen schleppte sich von 1549 bis 1734 hin, ein anderer zwischen Kurbrandenburg und der Stadt Nürnberg schwebte unerledigt schon seit 1526, ein Prozeß um eine reichsgräfliche Besitzung dauerte bereits 128 Jahre; im Jahre 1600 hatten die Grafen von Bentheim-Tecklenburg ihren Anspruch auf die Herrschaft Bedbur geltend gemacht und waren am Ende des 18. Jahrh. noch immer nicht endgültig beschieden; Generationen konnten ins Grab sinken, ehe an dieser Stelle ein Rechts verfahren spruchreif wurde. 1772 zählte man 62233 unerledigte Prozesse. Josef 11., der bei seiner Thronbesteigung so viel weniger zu regieren fand, als sein Tatendrang wünschte, beschloß, Abhilfe zu schaffen und mit eiserner Hand dreinzufahren. Er ordnete eine Visitation an, die allen Mißbräuchen ein Ende bereiten sollte. Goethe, der grade damals nach Wetzlar kam, schreibt darüber: „Kaiser Josef faßte das Kammergericht ins Auge, herkömmliche Ungerechtigkeiten, eingeführte Mißbräuche, waren ihm nicht unbekannt geblieben. Auch hier solle aufgeregt, gerüttelt und getan sein. Ohne zu fragen, ob es sein kaiserlicher Vorteil sei, ohne die Möglichkeit eines glücklichen Erfolges vorauszusehen, brachte er die Visitation in Vorschlag und übereilte ihre Ei Öffnung. Seit 166 Jahren hatte man keine ordentliche Visitation zustande gebracht. Ein ungeheurer Wust von Akten lag aufgeschwollen, und wuchs jährlich, da die 4 7 Assessoren nicht einmal imstande waren, das Laufende wegzuarbeiten. 20000 Prozesse hatten sich aufgehäuft, jährlich konnten 60 abgetan werden, und das Doppelte kam hinzu. Auch auf die Visitatoren wartete keine geringe Anzahl von Revisionen, man wollte ihrer 50000 zählen. Überdies hinderte so mancher Mißbrauch den Gerichtsgang, als das Bedenklichste aber vor allem erschienen im Hintergründe die persönlichen Verbrechen einiger Assessoren“. Die Visitation, wie alles was Josef II. tat, mit Ungeduld und Hast in Gang gebracht, deckte zwar schändliche Justizverkäufe auf, aber sie war eine Reichsangelegenheit, also von vornherein zum Scheitern verurteilt; nach 10 Jahren wurde die kaiserliche Kommission aufgelöst und es blieb hübsch alles beim alten; als das Reich zusammenbrach und mit ihm das Reichskammergericht in Trümmer sank, da waren noch 80000 Prozesse in der Schwebe.

Den größeren Territorien fiel in der Justizverwaltung eine vollkommen selbständige Rolle zu und die größten von ihnen, Österreich, Preußen und Bayern haben es auch unternommen, ihre Rechtsprechung mit den Ideen der Zeit in Übereinstimmung zu bringen.- Das Naturrecht, das sich eben durch das Mittel der Wolffschen Philosophie Eingang in alle denkenden Köpfe verschaffte, sah in der bestehenden Feudalverfassung, welche die Ausübung von Verwaltung und Justiz verquickte, ein Überbleibsel des Mittelalters, das in die neue Zeit nicht mehr passe, und in seiner auf das Nützliche gerichteten Denkart, in dem Wust einer unverständlichen Rechtsprechung eines der größten Hindernisse des Fortschritts. Monarchen wie Friedrich 11. und Maria Theresia konnten sich dem Einfluß dieser Ideen nicht entziehen. In dem Bestreben, für ihre Staaten ein einheitliches Recht zu schaffen, gingen sie daran, volkstümliche, gemeinverständliche und kurzgefaßte Gesetze formulieren zu lassen, die der natürlichen Billigkeit mehr entsprächen-als den Floskeln eines volksfremden Juristenjargons. 1753 gab Maria Theresia den Auftrag, ein neues Zivil- und Strafrecht auszuarbeiten, 1768 wurde das Strafrecht, die berühmte „Constitutio criminalis Theresiana“ veröffentlicht, die bis 1788 in Kraftblieb. Josef II., ein Sohn der Aufklärung, wenn es je einen gab, wollte die Quelle des Rechts in den Forderungen der Vernunft erkennen und setzte eine Kommission ein, um die Codification eines bürgerlichen Gesetzbuchs in Angriff zu nehmen. 1786 wurde der erste Teil des bürgerlichen Gesetzbuchs für die gesamten deutschen Erblande veröffentlicht, 1787 das neue Strafgesetzbuch. Sie räumten mit allen bestehenden Gewohnheiten auf, erklärte das bürgerliche Gesetzbuch doch in dem streng katholischen Lande die Ehe als einen rein bürgerlichen Vertrag und ging über die kirchlichen Ehehindernisse einfach hinweg, sogar Ehen zwischen Katholiken und Protestanten wurden gestattet.

In Preußen lag im Beginn des Jahrhunderts die Justiz im Argen. Das Zivilrecht war so unsicher, daß man im Reich zu sagen pflegte: Marchia utitur jure incerto. Das Prozeßverfahren bewegte sich in den Formen des römisch-kanonischen Rechts, und da es am Grundsatz schriftlicher Verhandlung festhielt, so waren Prozesse ebenso langwierig als kostspielig. Eine Überzahl von Richtern, Advokaten und Prokuratoren hinderte die Ausübung der Gesetze durch Schikanen und Unwissenheit, fehlte den Advokaten doch häufig genug jede gelehrte Bildung und stammten die Prokuratoren oft aus den niedersten Ständen, so daß sie den Charakter von Winkelschreibern an-nahmen. 1707 hatte man bereits die übergroße Zahl der juristischen Beamten einschränken wollen, bei dem Entrüstungssturm, der sich in den interessierten Kreisen dagegen erhob, mit diesem Vorhaben aber nicht durchdringen können. Friedrich Wilhelm I. richtete zwar sein Augenmerk auf die Verkürzung der Prozesse unter Beschneidung der Sporteln. Da der Grundsatz aber in Geltung blieb: der König ist die Quelle des Rechtes, so wurde der rechtliche und ordnungsgemäße Gang der Justiz manches Mal durch die königliche Willkür gehemmt, und es sollte erst Friedrich 11. Vorbehalten sein, die verdorbene Rechtspflege auf ein neues Fundament zu stellen. „Jedermann soll ohne Ansehen der Person eine kurze und solide Justiz sonder großes Sportulieren und Kosten finden“ schrieb er 1746 seinem berühmten Großkanzler von Cocceji und beauftragte ihn, „ein deutsches allgemeines Landrecht zu entwerfen, welches sich bloß auf die Vernunft und die Landesverfassung gründet’*. Cocceji ließ sich vor allem angelegen sein, den Personenbestand in der Justizverwaltung von den ungeeigneten Elementen zu säubern, ein Unternehmen, das er in den Jahren 1745 bis 1748 glücklich durchführte. Dadurch dämmte er die Sportel-und Intrigensucht der Advokaten ein und beseitigte die Weitläufigkeiten des Verfahrens durch eine neue Prozeßordnung. Binnen 8 Monaten wurden 2400 alte, lang schwebende Prozesse erledigt. Der Entwurf eines neuen Rechtsbuches für die preußischen Staaten wurde im Aufträge Cocceji’s von den Justizbehörden in der Absicht, ein einheitliches, klares und allen zugängliches Recht damit zu schaffen, durchgearbeitet. Der Minister von Carmer und der Kammergerichtsrat Suarez haben das Verdienst, diesen Entwurf revidiert und ihm seine endgültige Gestalt verliehen zu haben. Er trat 1781 als Corpus juris Friedericianum ans Licht, vorläufig nur mit dem Zweck, die Öffentlichkeit damit bekannt zu machen und die Kritik anzuregen. A\an bat Schlözer in Göttingen um seine Mitarbeit und setzte Prämien aus für fachmännische Beurteilung. Es war ein Riesenwerk, das Carmer und Suarez damit leisteten und ein ganzer und großer Erfolg. „Auf keinem Gebiet der inneren Entwicklung“, sagt Lamprecht so hübsch, „hat sich der deutsche Staat der Aufklärung schöner und reicher ausgelebt und auf keinem länger nachgewirkt.“ Das Preußische Landrecht atmet den Geist der Aufklärung schon in seiner Sprache; nie ist von Untertanen darin die Rede, sondern immer nur von Bürgern. Während tonangebende Juristen der Zeit Land und Leute noch als den Privatbesitz des Fürsten ansahen, führt es den Gedanken der Staatssouveränität bis zu seinem logischen Ende: die Einschränkung der natürlichen Freiheit und Rechte wird nur insoweit für erlaubt erklärt, als es der gemeinschaftliche Endzweck zuläßt, und dieser Endzweck ist das gemeine Wohl. Der Staat ist nicht für den König, sondern der König für den Staat da, aus dieser Stellung allein erwachsen seine Rechte und Pflichten. Diese Gedankenreihen sind mit solcher Konsequenz entwickelt, die Verfasser zeigen sich so stark von dem Geist der Enzyklopädisten durchdrungen, daß viele Sätze gradezu die Ideen der französischen Revolution vorwegnehmen. Rudolf Zacharias Becker konnte in Paralleldruck die Stellen des Preußischen Landrechts und die Erklärung der Menschenrechte veröffentlichen und damit beweisen, wie sehr es dem Zeitgeist entsprach. Dabei trug es auf der andern Seite den bestehenden sozialen Verhältnissen Rechnung, denn es fügte das gesamte Rechtssystem der ständischen Gliederung ein, wie sie Friedrich II. sorgsam aufrechterhalten hatte, ja, es ließ dem Adel in einem eigenen Erbrecht seine besonderen ständischen Vorrechte. Der große König hat das Werk, das ihm die Entstehung verdankt, nicht mehr in die Praxis der Gerichte einführen können; es sollte nach reiflicher Überlegung 1792 in Wirksamkeit treten, als eben die Übereinstimmung mit dem Zeitgeist es war, die sein Inkrafttreten verzögerte. Der Minister von Dankeimann machte auf die antimonarchische Gesinnung aufmerksam, die das Preußische Landrecht zu einer Gefahr für den Thron werden lasse und erwirkte eine Kabinettsorder vom 18. April 1792, welche die Rechtsgiltigkeit desselben hinausschob. Nach mancher Änderung des Wortlautes trat es endlich am 1. Juni 1794 in Geltung, „das letzte Wort des Absolutismus“, wie Treitschke es nennt.

Die segensreiche Tätigkeit, die Friedrich II. auf dem Gebiet der Justizverwaltung entwickelte, hat sich in der Schaffung des Landrechts nicht erschöpft, es war nur der letzte und sichtbarste Ausfluß seines Bemühens, die Herrschaft des Gesetzes als die lebendigste Macht im Staatsleben zu fundieren. „Ich habe mich entschlossen, den Lauf der Prozesse nicht zu stören,“ schrieb er 1752, und damit bekannte er sich zu ganz andern Grundsätzen als die Mehrzahl der zeitgenössischen deutschen Fürsten. Es gelang ihm auch in der Tat, seine Untertanen mit dem Bewußtsein zu erfüllen, daß in Preußen letzten Endes nicht die Willkür königlicher Launen, sondern der unverrückbare Buchstabe des Gesetzes bestimme* die berühmte, schon zu seiner Zeit im Umlauf befindliche Anekdote von dem Windmüller in Sanssouci, der auf seine Drohung: „Ich werde ihm die Mühle wegnehmen“, geantwortet habe: „Das wollen wir abwarten, es gibt noch Richter in Berlin“, ist ein Beweis dafür. Ja, sie beweist um so mehr, als sie zwar hübsch erfunden, aber nicht wahr ist. Merkwürdig ist in dem Verhältnis Friedrichs II. zur Justiz, daß er den Ruf, Gerechtigkeit zu üben ohne Ansehen der Person, grade einer Affäre verdankt, in der er sich die größte Ungerechtigkeit zu Schulden kommen ließ und seinem Versprechen untreu werdend, störend in den Gang eines Prozesses eingriff. Es ist der so berühmt gewordene Fall des Wassermüllers Arnold in Pommerzig, der 1779 zur Entscheidung kam, wie der König glaubte, parteiisch zu Gunsten des adligen Grundherrn, während er in der Tat durch den Müller hinters Licht geführt wurde. Die Tatsache aber, daß der Großkanzler von Fürst entlassen und fünf Kammergerichtsräte nach Spandau geschickt wurden, um einem armen Mann zu seinem Recht zu helfen, schien so unerhört und so unglaublich, daß sie in kürzester Zeit die Runde um den Erdball machte und den „Alten Fritz“ zur populärsten Erscheinung seiner Zeit stempelte.

Mit dem, was Preußen durch sein Allgemeines Landrecht geleistet hat, kann sich kein anderer deutscher Staat messen, ln Bayern hat der Frhr. von Kreittmayer der 1758 als Kanzler an die Spitze der Justizverwaltung trat, den Rechtszustand gebessert, was man schon lange geplant und doch nie durchgeführt hatte. Es handelte sich keineswegs darum, ein neues Recht zu formulieren, wie es damals in den K.K. Erblanden und in Preußen angestrebt wurde, sondern nur um die Revision des überlieferten Rechts im Sinne einer Vereinfachung des gerichtlichen Verfahrens, der Abkürzung der Prozesse und einer Vereinheitlichung der Gesetze für das kurbayrische Territorium. Vcn 1750 bis 1756 hat er einen neuen Kriminalkodex, eine verbesserte Gerichtsordnung und ein bürgerliches Gesetzbuch ausgearbeitet, womit er den übrigen deutschen Staaten auf dem Gebiet der Justizkodifikation voranging. Dieses Vorangehen hat juristisch allerdings keinen Fortschritt bedeutet, wenn die Kreitt-mayersche Formulierung der Gesetze auch eine tüchtige Arbeit darstellt. Die kleineren Reichsstände haben nicht einmal den Versuch unternommen, ihr Justizwesen zu reformieren, Versuche, die vielfach wohl schon daran hätten scheitern müssen, daß es im Reich Ortschaften gab, die unter ein Dutzend verschiedener Gerichtsherrschaften gehörten, und damit nicht genug, im fränkischen Kreise gab es einige Hundert, über welche die Gerichtsbarkeit strittig war. Da war das Recht teuer und selten und das Unrecht triumphierte. „Als Konsistorialrat in Bückeburg“, schreibt Karoline Herder von ihrem Mann, „lernte er den gerichtlichen Gang der Geschäfte hauptsächlich von der Seite kennen, daß er in jeder Session der sich hinter juristische Formen verbergenden Ungerechtigkeit entgegenstreben mußte.“ In Stadthagen sollte 1738 einer Witwe der Kopf abgeschlagen werden, weil sie beschuldigt worden war, ihr uneheliches Kind ermordet zu haben. Die Angelegenheit wurde zur Parteisache im Ort, und da der Bürgermeister eine Wette eingegangen war, man werde die Frau köpfen, so schmuggelte er falsche Berichte in die Akten und machte dem Advokaten Büsching die Verteidigung der Unglücklichen fast unmöglich. Wie es in den kleinen Territorien zuging, erzählt Justus Grüner an mehr als einer Stelle seines Reiseberichts. „Wir dulden hier keine Prozesse“, erklärt ihm der Regierungsrat der Grafschaft Rietberg, die dem in Wien lebenden Fürsten Kaunitz gehört, „wir verfahren summarisch.“ Sobald zwei Parteien vor der Kanzlei klagend auftreten, entscheidet das Wort des Rates, der in Sachen der Bauern gegen den Fürsten Partei und Richter zugleich ist. „Nur der bekommt Recht, der die vollste Tasche mitbringt; wer das nicht kann, läßt lieber sein Recht fahren.“ In Essen hört der Reisende, daß man arme Atissetäter laufen läßt, weil ihr Prozeß und Unterhalt zu viel kostet, reiche straft man mit Geld oder läßt sich bestechen und sie entwischen; unbequemen Landstreichern erteilt man gute Pässe, damit sie ihren Stab weitersetzen. In der Reichsstadt Dortmund ist die Justiz „langsam, schlecht und parteiisch. Jeder Prozeß kostet ungeheures Geld; streitet man mit einem Ratsherrn, so erlebt man niemals das Ende“. Im Herzogtum Westfalen, das damals zum Kurfürstentum Köln gehörte, „war die Justiz“, nach Gruners Worten, „wie in allen geistlichen Territorien statt die Basis des öffentlichen Glückes zu sein, der nächste und stärkste Grund des Elendes durch schnöde Verkäuflichkeit oder parteiische Aussprüche. Die Gerichtsverfassung ist ein absichtlich verwirrtes Chaos, von dem der Eingeborene sich keinen deutlichen Begriff machen kann, besonders da widerrechtliche Prozeduren herkömmlich sind.“ Die unendliche Dauer, zu der geschickte Advokaten einen Prozeß hinausziehen konnten, machte es Minderbemittelten unmöglich und Wolhabenden zur Pein, ihr Recht zu suchen. Ein Pächter Volland im Erfurtischen führte mit dem Grafen Werthern einen Prozeß, der 1764 begonnen hatte und 1790 noch nicht zu Ende war; in Lippstadt erklärte ein Justizrat, nachdem er einen Prozeß bereits 25 Jahre hingezogen hatte, bisher habe er den Prozeß nur „exercitii gratia“ geführt, nun solle derselbe erst förmlich angehen. Oft genug hing die lange Dauer auch mit der Lässigkeit zusammen, in Augsburg z. B. hatte das Stadtgericht 430 Tage Ferien im Jahr. Der Länge entsprachen natürlich die Kosten; in Osnabrück rechnete man, daß ein Prozeß, dessen Streitobjekt 100TI1. wert war, etwa 300 bis 500 Tlr. kosten könne, und da waren die Summen, die zur Bestechung der Richter aufgewandt werden mußten, nicht inbegriffen. Die Bestechlichkeit der Justiz Verwalter war etwas so allgemein Bekanntes, daß Ertel 1721 in seiner Praxis aurea die öffentlich abgegebenen Meinungsäußerungen berühmter Juristen über die Frage zusammenstellte, ob ein Richter von einer Partei Geschenke nehmen dürfe oder nicht. Am schlimmsten stand es dort, wo man das meiste Geld brauchte und die größte Korruption herrschte, z. B. unter August dem Starken in Sachsen. ,,Wenn man sieht, wie die Rechtspflege verhandelt wird,“ schrieb Herr von Wolframsdorff 1705, ,,wird man ebenfalls seufzen und die Achseln zucken. Ein Fremder hat durchaus kein Recht und ein Inländer kann es nur durch Intrigen und Geschenke erhalten. Die Minister treiben Handel damit. Frau von Gersdorf machte ehedem und Frau von Bose macht noch gegenwärtig gute Geschäfte damit. Man läßt davon an den König keine Kenntnis gelangen und derjenige, der sich an ihn und seine Protektion wendet, ist sicher, seinen Prozeß zu verlieren.“

Wo es sich im Deutschland des 18. Jahrh. um despotische Willkür handelt, steht immer Herzog Karl Eugen von Württemberg voran. Johann Jakob Moser, der die Rechte der Landschaft gegen den tyrannischen Fürsten unerschrok-ken verteidigte, wurde am 12. Juli 1759 unvermutet verhaftet und nach dem Hohentwiel gebracht. Auf der Reise durfte der damals 58 Jahr alte Mann den Wagen 38 Stunden keinen Augenblick verlassen. „Als ich nach Hohentwiel kam,“ schreibt er in seiner Selbstbiographie, „wurde ich in ein Zimmer eingesperrt, daraus ich in vier Jahren nicht kommen, noch mit jemand sprechen, noch in eine Kirche, oder ein Prediger mich besuchen, noch bei dem mich befallenen Gliederwehe und da ich an Krücken gehen mußte, jemand meiner warten oder pflegen, noch ich Bücher kommen lassen durfte, bis ich 1763 Freiheit erhielt, zuweilen mit einem Offizier auf der oberen Festung herumgehen zu dürfen.“ A\an erlaubte ihm weder Papier noch Tinte, Feder oder Bleistift, und außer Bibel und Gesangbuch auch keine Bücher, er schrieb seine geistlichen Lieder mit der Lichlputzscheere auf die Wand, den Nachtstuhl mußte er im Zimmer haben und auch im heißesten Sommer wurde derselbe nur alle 8 bis 10 Tage geleert. Während .Moser gefangen gehalten wurde, starb seine Frau, und es wurde ihm nicht gestattet, sie noch einmal zu sehen. Und das alles völlig unschuldig, ohne Urteil und Recht, nie fand ein Verhör des Gefangenen statt, und so formlos wie er arretiert worden war, wurde er nach Jahren auch wieder entlassen. „Unverzagt und ohne Grauen soll ein Christ, wo er ist, sich stets lassen schauen.“ Mit diesen Worten hatte er sein Gefängnis betreten, und ungebrochenen Geistes verließ es der aufrechte Mann nach vieljähriger Qual.

Wie dieser selbe Herzog mit dem Dichter Schubart verfuhr, ist schon erwähnt worden. Er hatte ihn durch den Oberamtmann Schall in Blaubeuren im Januar 1777 betrügerischer Weise von Ulm weglocken und auf den Hohenasperg bringen lassen. Als Schubart dort ankam, war der Herzog anwesend und bezeichnete persönlich den Kerker, in dem er verwahrt werden sollte. Man ging ebenso mit ihm um wie mit Moser, und noch heute hat niemand herausgebracht, welche Gründe den württembergischen Despoten eigentlich zu seiner Handlungsweise bestimmten. Zehn Jahre hielt er den Dichter gefangen und schämte sich nicht, während dieser Zeit eine Ausgabe von Schubarts Gedichten herauszugeben und den Erlös von 2000 fl. für sich zu behalten. Schubarts Kerkermeister, der Oberst Rieger, kannte das Gefängnis, das er bewachen mußte, nur zu gut. Als des Herzogs intimer Günstling war er selbst eines Tages unversehens bei der Parade verhaftet und nach dem Hohenasperg gebracht worden. „Riegger sah vier Jahre lang kein Menschenantlitz“, schreibt Schubart in seiner Selbstbiographie,, ,denn man haspelte ihm seine sparsame Kost von oben herunter, gab ihm weder Stuhl noch Tisch, kehrte seinen Kerker nie aus, ließ ihm Bart und Nägel wachsen und erlaubte ihm nicht einmal einen Nachtstuhl, sodaß er in Staub und Gestank hätte zugrunde gehen sollen. Außerdem mußte er die langen Winternächte in schrecklicher Finsternis verseufzen und blieb ohne jede Nachricht von seiner Familie.“ Diese drei sind aber nur die bekanntesten Opfer der Willkürherrschaft Karl Eugens, ihre Zahl ist weit größer. So hatte er schon den Musiker Pirkner und seine Frau, die berühmte Sängerin Marianne Pirkner auf dem Hohen Asperg eingekerkert, die unglückliche Künstlerin verlor darüber den Verstand. Den Oberamtmann Johann Ludwig Huber in Tübingen, der sich den Gewaltmaßregeln des Herzogs widersetzte, ließ er ebenfalls greifen und auf den Hohen Asperg verbringen, wo er zu der Zeit, die Schubart dort zubringen mußte, auch einen Herrn von Scheitlin aus Augsburg schon seit 19 Jahren, seinen Brüdern zu Liebe, hinter Schloß und Riegel hielt.

Hilflos war der Deutsche jener Zeit den Launen der Mächtigen überlassen; besaß der Herrscher kein Gefühl für Gerechtigkeit, so war kein Richter da, der das Opfer der Ungerechtigkeit hätte schützen können, der Prozeß Karl Friedrichs von Moser, von dem schon die Rede war, bezeugt es. Hat sich ja doch selbst ein Friedrich der Große durch persönliche Motive, die übrigens auch noch nicht aufgeklärt sind, dazu hinreißen lassen, Friedrich von der Trenck zehn Jahre lang ohne Prozeß, Verhör oder Urteil in schwerer Haft zu halten, die letzten Jahre mit Ketten von 68 Pfund Gewicht belastet, in einem unterirdischen Loch des Donjons der Magdeburger Zitadelle. Viele Jahre, erzählt der Ritter von Lang, saß ein armer Teufel im Kerker zu Harburg, weil die Regierung nicht wußte, was sie mit ihm machen sollte. Sie konnte ihn als Dieb hängen oder auspeitschen lassen, zu Zuchthaus verurteilen, des Landes verweisen oder unter Anrechnung einer jahrelangen Haft entlassen! Während die Behörde zwischen diesen Möglichkeiten unentschlossen hin und her schwankte, lief der Arrestant davon und ersparte ihr weiteres Nachdenken.

Mit dem Strafprozeß hing der Übelstand zusammen, daß der Untersuchungsrichter das Endurteil nicht zu fällen hatte, er sandte die Akten entweder an einen Schöffenstuhl oder an die juristische Fakultät irgend einer Hochschule, die die Spruchkollegien darstellten. Dadurch wurde der Willkür Tür und Tor geöffnet. Der Strafvollzug war von barbarischer Härte. In Sachsen wurden Kindsmörderinnen in einen Sack genäht und ins Wasser geworfen, Mordbrenner lebendig verbrannt. Eine Scharfrichtertaxe aus dem mittleren Deutschland vom Jahre 1729 nennt als Strafen: Pranger stehen, mit Ruten hauen, Abschneiden von Ohren und Zunge, Ausstechen der Augen, Brandmarken, Abhauen einzelner Finger und der ganzen Hand, lebendig verorennen oder lebendig begraben, vierteilen, spießen, rädern und ersäufen. Die verschiedenen Exekutionen trugen dem amtierenden Scharfrichter Summen ein, die zwischen 45 Kreuzern und 6 fl. schwankten. In Österreich wurden 1732 Mördern Riemen aus dem Rücken geschnitten, dann wurden sie mit glühenden Zangen gezwickt und endlich durch das Rad von unten herauf zum Tode gebracht. Die Constitutio criminalis Theresiana vom Jahre 1768, die das Strafrecht reformiert hatte, schaffte nur das Schinden, das lebendig Begraben werden und das Pfählen ab, an dem Feuertod der Verurteilten hielt sie noch ebenso fest wie am Vierteilen, Rädern, Reißen mit glühenden Zangen, Handabhauen und Zungenausreißen; auch beim Prangerstehen, öffentlichen Auspeitschen und Brandmarken hatte es noch sein Bewenden. Erst das Strafrecht Josefs 11., das 1787 eingeführt wurde, ging von dem Grundsatz aus, auch der Verbrecher bleibt Mensch, und brach mit der furchtbaren Roheit jener Strafen, auf welche die Justiz durch ihr Prinzip von der Vergeltung verfallen war. Es blieben noch Prangerstehen, Brandmarkung, Schläge mit dem Stock oder der Peitsche, Zusammenschmieden mit andern Sträflingen, Schiffziehen. Die Kreitt-mayersche Gesetzgebung entfernte sich inbezug auf das Strafrecht nicht von den Blutgesetzen der Carolina; sie setzte für 33 verschiedene Verbrechen die Todesstrafe fest, die mit Schwert, Strang, Rad, Vierteilen und lebendig Verbrennen ausgeführt wurde. Meist gingen ihr Verstümmelungen, Zwicken mit glühenden Zangen und Schleifen zur Richtstätte voran. Auf Gotteslästerung, wozu schon die Verunehrung eines Kruzifixes oder eines Heiligenbildes gehörte, stand der Feuertod; den Abfall vom katholischen Glauben strafte das Schwert, Majestätsbeleidigung wurde durch Vierteilung geahndet. Daß im Strafrecht Josefs II. Zauberei, Apostasie, Ehen zwischen Christen und Nichtchristen nicht mehr als schwere Verbrechen angesehen wurden, war ein unleugbarer Fortschritt, Kreittmayers Kodex erkannte bei Zauberei noch auf Feuertod. Verbrechen und Strafe standen in gar keinem Verhältnis. In Berlin hatte ein gewisser Joh. Gottfr. Höpner, der Bediente des Kriegsrat Fasch, seinem Herrn 1300 Tlr. gestohlen und um die Spur des Diebstahls zu verwischen, an den Schrank, aus dem er das Geld genommen, Feuer gelegt. Der Brand wurde sogleich bemerkt und gelöscht, das Geld am nächsten Morgen wieder bei-gebracht.fürsein Vergehen aber wurde der 27 Jahre alte junge Mann am 15. August 1786 — lebendig verbrannt!? Iin Bistum Speier erging 1746 eine Verordnung, daß jedem, der junge Bäume und Weinstöcke beschädigte, die rechte Hand abgehauen werden sollte; dei Fürstbischof Graf Limburg-Styrum änderte alle Geldstrafen in Prügel um, denn von Geldstrafen würden nur die Familien des Schuldigen getroffen. Unzucht wurde am Pranger gebüßt. ,,Da stand das Mannsbild“, schreibt Johann Baptist Pflug, der solche Exekution in Biberach mit ansah, ‚„mit einem Strohkranz um den Kopf und einem aus Stroh geflochtenen Degen an der Seite; das Mädchen neben ihm mit dem gleichen Kranz, langen aus Stroh gewickelten Zöpfen und einem Stroh-giirtel um die Hüften. So war das Paar eine Stunde lang dem öffentlichen Geschrei und Gelächter preisgegeben…“ „Pasquillanten wurde das Pasquill durch den Scharfrichterin der Hand verbrannt, Felddiebe wurden an einem Seil in einem eigenshierzu angefertigten Korb am Rathaus zur allgemeinen Schau aufgezogen und blieben hoch oben geraume Zeit hängen. In Waldsee wurde der Dieb in einen Käfig gesteckt, der wie ein Faßgestaltet und mit Latten vergittert war; in solchem rollte der Büttel ihn hin und her, bis der Übertäter halbtot wieder herausgezogen wurde.“.Der Strafvollzug geschah öffentlich und wurde zum Volksfest. Schubart bedankt sich 1775 bei seinem Bruder, der ihn zu einer Hinrichtung nach Aalen eingeladen hatte, lehnt die Einladung aber ab.

Der Strafprozeß, der auf Todesstrafe nur erkennen konnte, wenn der Verbrecher gestanden hatte, bediente sich als Beweismittel der Tortur. Sie wurde meist durch Daumschrauben, spanische Stiefel, Versengen u. a. ausgeübt; die Constitutio crimi-nalis Theresiana gebraucht die Vorsicht, die „erlaubten“ Arten der Tortur genau abzubilden, denn bei derartigen Manipulationen war der Phantasie des Untersuchungsrichters und des Henkers ein zu weiter Spielraum gelassen. Justus Grüner wurde in Lemgo das Torturinstrument gezeigt, das man 1777 eigens erfunden hatte, um einen verstockten Mörder, namens Kropp, zum Geständnis zu bringen. Der Kampf gegen die Tortur begann schon im Anfang des Jahrhunderts. Thomasius nannte sie 1707 die „traurige Erfindung, durch welche der noch nicht für schuldig erkannte Angeklagte einer härteren und grausameren Strafe ausgesetzt wird, als ihn treffen könnte, wenn er verurteilt wäre, welche eine unnütze Grausamkeit ist, wenn der Verbrecher ohne sie überführt werden kann, und ein ganz unsicheres Mittel, die Wahrheit an den Tag zu bringen.“ Allmählich errang die fortschreitende Aufklärung in dieser Frage einen Sieg, die Tortur verschwand aus dem Strafprozeß, zuerst in Preußen 1754, dann folgte Baden 1767, Mecklenburg 1769, Kursachsen 1770, Österreich 1776, und zuletzt entschloß sich sogar Pfalzbayern am 17. Dezember 1779 zu einer Verordnung, die den Richtern empfahl: In Anwendung der Tortur zur Erforschung der Wahrheit jedesmal Bedacht mehr ad torturam animi als corporis zu nehmen, sie jedenfalls nur im äußersten Fall der enormitatis delicti zu verhängen.

Das Strafrecht fußte auf dem System der Abschreckung und ahndete jedes Vergehen, groß oder klein, in der grausamsten Weise; ja, es tat sich in einseitiger Verfolgung dieses Grundsatzes niemals genug, denn obgleich die Kreittmayerschen Gesetze schon von der blutigsten Härte zeugten, wurden sie 1781 noch verschärft und Diebe und Räuber mit Handabhacken, Zwicken mit glühenden Zangen, Rädern usw. aufs neue fürchterlich bedroht. Ohne Erfolg. Im Rentamt Burghausen waren von 1748 bis 1776gegen 1100 Personen hingerichtet worden, in München wurden zu Nikolai’s Zeiten wöchentlich zwei bis dreigehängt oder geköpft, sodaß sich deutlich zeigt, daß dieStrenge der Gesetze die Zunahme der Verbrechen nicht hinderte. „Wenn man von Nürnberg herkommend in Bamberg anlangt“, schreibt Baron Pöllnitz 1729, „so wird man von Entsetzen erfaßt, denn man passiert eine Avenue von 72 Meile Länge, die nur von Galgen und Rädern gebildet wird.“ Deutschland und zumal die Territorien, die man vorzugsweise zum „Reich“ zählte, also die kleinen Besitzungen der zentral und westlich gelegenen Kreise, waren das ganze 18. Jahrh. hindurch ein Räuberparadies. Die Annalen der deutschen Verbrechergeschichte sind voll berüchtigter Namen und Taten. Da ist Lips Tullian, der 1714 mit vier Genossen in Dresden enthauptet wurde, der Krummfinger-Balthasar, dessen Bande, 150 Mann stark, Schwaben, Bayern, Sachsen und Hessen unsicher machte, der schwarze Friedrich, der mit 84 Genossen ein Jahrzehnt von 1758 bis 68 in Thüringen hauste und andere ihres Kalibers. Einen gewissen Ruhm erwarb sich um 1770 Matthias Klostermeicr, den man den bayerischen Hiescl nannte. Er hatte sich an den Kurfürsten von Bayern gewandt und ihm geschrieben, er sei nur aus Mangel Wilddieb geworden; wenn man ihm jährlich 70 fl. geben wollte, so verpflichte er sich, wieder ein ehrlicher Mensch zu werden. Soviel Geld war den Bayern ein ehrlicher Mann nicht wert, und sie versuchten, sich mit List und Gewalt seiner Person zu bemächtigen. Kurbayerisches, Ulmer, Augsburger, Kemptener, ßiberacher und anderes Militär wurde auf seine Spur gehetzt, lange Zeit ohne Erfolg. Das Landvolk gewährte ihm bereitwilligst Zuflucht und Schutz gegen alle Verfolgungen, und noch lange nachher erzählte man sich von seinen Taten. Einmal tanzte er grade, als die Soldaten schon in Sicht waren, er ließ sich aber nicht stören, sondern vollendete seinen Part in aller Ruhe, verbeugte sich vor seiner Tänzerin, nahm seine Flinte und war in Sicherheit, ehe man seiner habhaft wurde. 1771 haben ihn die Augsburger im Wirtshaus zu Osterzell doch überrumpelt und den frischen, feschen Kerl 1771 in Dillingen rädern lassen. In den K.K. Erblanden galt Hohenleiten unweit Wien für das eigentliche Räubernest der Monarchie, von hier aus wurde die Straße nach der Hauptstadt unsicher gemacht. Gegen des Ende des Jahrhunderts war Hannickel mit seiner Bande der Schrecken Schwabens, bis er 1787 in Sulz a. Neckar die Strafe seiner Missetaten empfing. Die Rheingegenden wurden von einer Gaunerbande unsicher gemacht, die sich meist aus Juden zusammensetzte. Der Mittelpunkt ihres Treibens war das Grenzdorf Mersen an der Maas, wo aller Raub hingebracht und verhandelt wurde. Beraubte und Bestohlene, denen an der Wiedererlangung ihres Eigentums gelegen war, pflegten der Einfachheit wegen sich stets gleich nach Mersen zu verfügen, um den Rückkaufzu betreiben. Die unglaublicheGeschicklichkeit und Schnelligkeit, mit der die Spitzbuben arbeiteten, verschaffte ihnen, im Zusammenhang mit der Tatsache, daß sie sich nie erwischen ließen, den Ruf, mit dem Teufel im Bunde zu stehen; man glaubte, sie ritten auf schwarzen Ziegenböcken an den Schauplatz ihrer Untaten, daher stammt ihr Name „Mersener Bockreiter.“ Um die Jahrhundertwende lebte der Name’ „Schinderhannes“ in Aller Munde. Dieser Räuberhauptmann machte den Odenwald und das ganze Gebiet des Spessart und des Vogelsbergs verrufen und gefürchtet. Er hieß eigentlich Johann Bückler und soll zu seinem Handwerk gegriffen haben, weil 25 Stockschläge, die er öffentlich wegen eines Diebstahls empfing, ihn in der Heimat zum Ehrlosen gemacht hatten. Seinen Spitznamen verdiente er sich durch die Grausamkeit, mit der er seine Opfer behandelte. Wenn er die Besitzer, die er überfiel, auch durch Martern mit Feuer und Schwefel nicht zur Anzeige ihrer versteckten Schätze bringen konnte, so nahm er ihre Kinder vor und schnitt ihnen die Ohren ab, um die Eltern durch das Wimmern zum Geständnis zu bringen, alte Leute hängte er auf, junge Weiber ließ er nackt ausziehen, mit glühend gemachten Zangen zwicken und halbtot peitschen. Endlich, nachdem er jahrelang allen Nachstellungen entgangen war, fiel er in Gesellschaft von 20 seiner Bande im Wirtshaus zum Roten Ochsen in Frankfurt der Justiz in die Hände und wurde 1803 in Mainz geköpft. Das Lied, das er im Gefängnis auf Julchen Blasius, seine Geliebte, verfaßt hatte, war noch jahrelang im Munde des Volkes.

Die Ausbreitung des Räuberwesens war Schuld der politischen Zerrissenheit der Gegenden, in denen die Banden ihr Unwesen trieben. Man konnte ihrer nie habhabt werden, da sie sich, wenn ein Verbrechen entdeckt wurde, schon längst auf fremdem Grund und Boden in Sicherheit gebracht hatten, und ehe ein Gesuch um Auslieferung ergehen konnte, bereits wieder an einen dritten Ort begaben. Die einzelnen Reichsstände waren den Missetätern gegenüber völlig machtlos und mußten es in der Tat dem Zufall überlassen, ob es ihnen gelingen würde, einmal einen Verbrecher zu fangen oder nicht. Viele gaben sich nicht einmal Mühe deswegen und zogen es vor, sie der Bequemlichkeit zu Liebe wieder entwischen zu lassen, wenn sie ja einmal einen hatten. Nur diese Zustände erklären es, daß, wenn man in den meisten Orten in der Sicherheitsfürsorge zu nachlässig war, man andrerseits die Verfolgung der Gauner rein sportsmäßig betrieb. So ließ es sich der Oberamtmann Schaffer in Sulz angelegen sein, die Verbrecher aufzuspüren und zu prozessieren, und vor allem errang sich Reichsgraf Ludwig Schenk von Castell, der sogenannte „Malefizschenk“, in diesem Sport einen ruhmbedeckten Namen. 1764 trat der damals 26 alte Graf die Regierung seiner Herrschaft Dischingen bei Ulm an und machte es sich fortan, bis zum Übergang seines Territoriums an Württemberg, zur Lebensaufgabe, dem Gaunerwesen durch unermüdliche Verfolgung, Aburteilung und Bestrafung der Missetäter entgegenzuwirken. Sein eigenes Gebiet wäre für dieses Streben natürlich zu klein gewesen und so trat er zuerst mit dem Ritterkanton Donau, dann mit all den beinah nicht zu zählenden Fürsten, Grafen, Abteien, Reichsstädten der Gegend in Verbindung. Ein glückliches Ungefähr hatte Johann Baptist Herrenberger, den als,,Konstanzer Hans“gefürchteten Räuberhauptmann 1784 zum Gefangenen des Oberamtrnann Schäffer gemacht, der ihn begnadigte, weil er sich bereitfinden ließ, alle Mitschuldigen anzugeben. Dadurch wurde dem „Henkersgrafen“ die Sache wesentlich erleichtert, in Oberdischingen wurden im Zeitraum von etwa 20 Jahren, bis 1805, gegen 40 Hinrichtungen vollzogen. Graf Schenk, der nach den neuesten Forschungen Ernst Arnolds seinen grausigen Spitznamen durchaus nicht verdient, ging in allen Prozessen, die er anstrengte, nach dem Buchstaben des Gesetzes und durchaus gerecht vor, nur die allerdings merkwürdige Liebhaberei, die ihn veranlaßte, sich ein Zuchthaus zum Vergnügen zu errichten, so wie andere sich wohl Lustschlösser bauten, hat die Phantasie des Volkes mächtig erregt. Zuchthäuser waren an und für sich etwas nicht Gewöhnliches, man hatte sich bis dahin begnügt, Verbrecher durch Verstümmeln oder Brandmarken zu kennzeichnen, sic aber dann wieder ungeschält unter ihre Mitbürger zu entlassen; die erste Anstalt dieser Art hatte Kursachsen 1715 in Waldheim errichtet. Wo sie bestanden, waren die Gefängnisse Häuser des Schreckens, in denen Verbrecher und Geisteskranke miteinander interniert wurden. Schubart war im Gefängnis zu Ludwigsburg unter Rasenden, die an Ketten auf faulendem Stroh lägen und von Ungeziefer geh essen wurden. Im Gegensatz dazu fiel den Besuchern des gräflichen Zuchthauses „die gute Ordnung, die menschliche Behandlung der Gefangenen, die Reinlichkeit urd die pünktliche Aufsicht“, die hier geübt wurde, angenehm auf. Allerdings wurde auch hier jeder neue Ankömmling mit einem „Willkomm“‚ von einigen Dutzend Stock* Schlägen begrüßt und mit einem ebensolchen „Abschied“ entlassen, aber das war bis tief in das 19. Jahrh. hinein allüberall der Brauch. Jedenfalls gelang es Graf Schenk, die Gegenden, die er betreute, von dem Gesindel ziemlich zu befreien und es war ein Streich bloßer Niedertracht, daß der französische General Collaud, der 1800 mit seinen Truppen nach Oberdischingen kam, alle Zuchthäusler in Freiheit setzte. Zwei der Freigelassenen zeigten, wie würdig sie der Freiheit waren, sie steckten das Schloß des Grafen in Brand. Einen Gesinnungsgenossen fand Graf Schenk in dem Grafen Bentheim in Rheda, der sich ein Vergnügen daraus machte, mit den Landhusaren auf die Jagd nach Vagabunden zu gehen; die Gefangenen verkaufte er an die englischen Werber! Statt der Zuchthäuser schickte man die Verbrecher in die Festungen, wo sie mit schweren Ketten belastet, an öffentlichen Orten allerhand Arbeiten verrichten mußten, Karrenschieben, Straßenkehren, Schanzen u. dgl., sie waren die „Baugefangenen“, von denen im 18. Jahrh. so oft die Rede ist. Wessen Land zu klein war, um solche Leute unterzubringen, der schickte sie zu fremden Herren. So war in Werl in Westfalen eine mehrköpfige Familie als Ruhestörer und Diebe verurteilt worden, und die Gemeinde erkaufte um schweres Geld die Erlaubnis, die Leute in die hessische Festung Ziegenhain verbringen zu dürfen, um sie dort zu beschäftigen. Dort angelangt, fand es der Landgraf angezeigt, die Männer unter seine Soldaten zu stecken, und da ihr Regiment in Wesel garnisonierte, so hatten die Werler die Überraschung, sie eines Tages auf Urlaub wieder begrüßen zu können und ihrer Rache ausgesetzt zu sein. Buchloe war zu jener Zeit der allgemeine Sammelplatz der Übeltäter im schwäbischen Kreise. Jeder Kreisstand trug zur Unterhaltung des hier befindlichen Zuchthauses bei und hatte dann das Recht, alle seine Galgenvögel dahin zu liefern, wo man ihnen entweder unentgeltlich den Hals brach oder sie im Zuchthaus behielt. „Noch ehe man in das Dorf kommt“, bemerkt P. Nepomuk Hauntinger 1784, „ist es ein in der Tat trauriger Anblick, so viele unglückliche Schlachtopfer der Gerechtigkeit auf verschiedene Weise entleibt vor sich zu sehen.“ Hier gab es auch noch Schreckenszellen und Folterkammern, „die man heute an verschiedenen Orten für entbehrlich ansieht,“ wie der brave Benediktiner hinzusetzt.

Dem bandenmäßigen Zusammenschluß von Räubern, Dieben und arderm Gesindel leistete das Vagantentum jeden denkbaren Vorschub, es stellte jederzeit frische

Rekruten. Es muß in Deutschland eine große Höhe erreicht haben, denn die Klage über das herumziehende Volk, das als Kesselflicker, Mausefallenhändler, Tabulaturkrämer, Bänkelsänger, ‚Schacherjuden u. dgl. das flache Land unsicher machte, nehmen kein Ende. Ihnen schlossen sich die Abgefeimteren an, die als bettelnde Edelleute, Offiziere, Pfarrer, Bekehrte, Sieche, Waldbrüder, Prinzen vom Berg Libanon usw. auf das Mitleid derer spekulierten, die nicht alle werden. In Württemberg gab es eine besondere Klasse von,Menschen, die sogenannten „Freileute“, die kein Grundeigentum besaßen, sondern als Abkömmlinge ehemaliger Mietsoldaten mit ihren Familien nomadisierend umhei zogen und sehr nachdrücklich und ungestüm zu betteln verstanden. Sie machten Schwaben und Franken in weitem Umkreise unsicher: der Ritter von Lang erzählt, daß Kinder nicht wagen durften, über die Dorfflur hinauszugehen,.weil sie sonst gestohlen wurden, einer seiner kleinen Brüder ging der Familie auf diese Weise verloren. 1733 veröffentlichte die Prälatur Roth eine Liste von Dieben, Einbrechern und ähnlichen Gaunein, die die Steckbriefe einiger 50 Männer und ihrer Zuhälterinnen enthielt. Die zum Druck geförderten Listen enthalten Tausende von Namen und Steckbriefen von den Gerichten gesuchter Gauner. In Schwaben glaubte man 1793 die Zahl der professionellen Taschendiebe, Beutelschneider u. a. mit 2726 nicht zu hoch anzunehmen; die.„General-Jaunerliste“, die der badische Oberamtmann Friedrich Roth in Emmendingen herausgab, nannte und beschrieb sogar 3147 Gauner, Straßenräuber, Mörder, Kirchen- und Marktdiebe, Falschmünzer, Falschspieler, Kollektensammler und ähnliche Herrschaften. Sehr empfindlich war man gegen die Zigeuner, die man nicht als Menschen betrachtete, sondern als Wild. Sie wurden 1722 für vogelfrei erklärt, eine preußische Verordnung von 1725 bestimmte kurzerhand, alle über 18 Jahr alten Zigeuner aufzuhängen, eine Maßregel, die 1748 von neuem empfehlend in Erinnerung gebracht wurde, ln Gießen wurden 1726 an zwei auf einander folgenden Tagen 25 Zigeuner gerädert, gehängt oder auf ähnliche Weise ins Jenseits befördert.

Für katholische Gegenden war die mißverstandene Tugend des Almosengebens eine Quelle großer Übelstände, denn sie erhielt ein Lumpenpioletariat, das sich auf den Bettel als Erwerbsquelle verließ. „Wie wir vor Bamberg kamen“, schreibt Edelmann 1725, „wären wir sowohl beim Hinein- als beim Herausfahlen von Bettelleuten bald umgebracht worden. Sie umgaben unsern Wagen, groß und klein, zu fünfzigen, dergestalt, daß der Kutscher kaum fahren konnte.“ Den schlechtesten Ruf genoß in dieser Beziehung Köln a. Rh., „die abscheulichste Stadt in Deutschland“, wie Ricsbeck sie nennt. „Ein Drittel der Einwohner“, schreibt er, „sind privilegierte Bettler. Vor den Kirchen sitzen sie reihenweise auf Stühlen und folgen einander nach der Anciemütiit. Stirbt der Vorderste, so rückt sein nächster Nachbar nach der strengsten Ordnung in der Reihe vor. Die Eltern geben ihren Söhnen und Töchtern wenn sie heiraten, einen bestimmten Platz vor einer Kirchtür als Aussteuer mit.“ Georg Förster veranschlagte die Zahl der Bettler in Köln sogar auf 20000, was genau der Hälfte der Einwohner entsprochen hätte. Es war anscheinend in protestantischen Gegenden nicht grade viel besser. Eberhard von Rochow schätzte die Summe, die ein Landpfarrer in der Mark jährlich an Almosen ausgab, auf durchschnittlich 40 Tlr., die Stadt Leipzig hatte von Magistratswegen 1803 zusammen 8438 Almosen verteilt. Eine geregelte Armenpflege macht sich erst gegen Ende des Jahrhunderts geltend; neben Herrn von Rochow auf Rekahn waren Justus Alöser in Osnabrück, Garve in Breslau und besonders der Amerikaner Rumford in München in dieser Hinsicht tätig.. Letzterer verstand es, die Sache von der praktischen Seite anzugreifen, indem er sich bestrebte, den Armen kein Almosen sondern Arbeit zu geben. Die großen Arbeitshäuser, die er in Mannheim und München gründete und die vor dem 1774 in .Berlin erbauten den Vorzug haben sollten, daß die Insassen ohne Schläge behandelt wurden, waren bestimmt, sich selbst zu erhalten.

Nichts dürfte im 18. Jahrh. so zur Entvölkerung des platten Landes und zur Bildung, von Landstreichern beigetragen haben, als die Jagd, die in einer Art und Weise betrieben wurde, die den Landleuten ihren Beruf gründlichst verleiden konnte. Die Jagd war eine Landplage, denn da sie eine der Hauptunterhaltungen der Fürsten bildete, so war die Erhaltung eines großen Wildstandes ihr Hauptaugenmerk, der Schaden, den das Wild den Feldfrüchten tat, kam dem gegenüber gar nicht in Betracht. Vom Kaiser angefangen bis herunter zum Herrn einiger Quadratmeilen waren sich in der Jagdpassion alle gleichundallehegten auch den Wunsch, soviel Wild wie möglich zum Schuß zu bekommen. Kaiser Karl VI. war die Jagd das liebste, er wie sein Schwiegersohn und Nachfolger schätzten besonders die Reiherbeize, für deren Betrieb sie ein Personal von 50 Köpfen unterhielten. Küchelbecker sah einer Hirschjagd zu, bei der der Kaiser, die Kaiserin und die Erzherzoginnen von 490 Hirschen und 150 Tieren, die .zusammengetrieben worden waren, 50 Stück erlegten. Die Pfalz war durch die Raubkriege Ludwig XIV. in Asche gelegt worden, als es an den Wiederaufbau ging, war die erste Maßregel des Kurfürsten Johann Wilhelm, die Hofjagd wieder in die Höhe zu bringen, das bedeutendste Gesetzgebungswerk seiner Regierung war die Forstordnung vom Jahre 1711. Durch ihre leidenschaftliche Jagdliebe zeichneten sich die beiden August von Sachsen-Polen aus; zu ihrer Zeit gab es in Sachsen 300 Jagdämter mit 4000 Angestellten, die nichts zu tun hatten als das Wild zu überwachen. Seit am Ende des 17. Jahrh. die Parforcejagd in Deutschland eingeführt worden war, verfolgte man den Hirsch solange, bis er nicht weiter konnte, querfeldein, ohne Rücksicht aut die Felder und den Stand der Saat. Berühmt waren die Parforcejagden der Höfe in Dresden, Köln, Bernburg, Berlin, Hannover, Darmstadt, Dessau, Waldeck. Je kleiner der Hof, je größer seine Jagden; die Einrichtungen, die Fürst Viktor Friedrich von Anhalt-Bernburg dafür getroffen hatte, erregten allgemeine Bewunderung. „Bemerkenswertere Anstalten sind in ganz Deutschland nicht zu finden,“ schrieb Bernhard von Rohr 1736; die geplagten Untertanen fanden weniger Gefallen daran und erregten 1752 einen Aufstand. Sein Nachbar, der Fürst von Anhalt-Dessau, der mit einer Meute von 150 Hunden zu hetzen pflegte, erlegte am 18. November 1724 auf einer Jagd in Wörlitz 600 Stück Wild. Döbel erzählte 1754, daß, als man den Tiergarten bei Dessau auf ließ, die Hirsche sich binnen 24 Jahren so vermehrten, daß man in einem Distrikt vor 2 Quadratmeilen, 800 bis 900 Hirsche zählte, die Tiere nicht mitgerechnet! In Altenburg gab es in einem Forst von 4 bis 5 Stunden Umfang gegen 1000 Stück Rotwild. Herzog Karl von Zweibrücken hielt sich für seine Jagden einen Marstall von 1000 Pferden und ganze Regimenter von Jagdhunden, „das ganze Land ist ein Tiergarten zum Verderben der Untertanen“, schrieb Gagern. „Zu Herzog Christians Zeiten“, erzählte ein alter Bauer in Birkenfeld, Hannibal Fischer, „da hatten wir dreimal soviel Hirchkühe in unserm Walde als Stallkühe in unserrn Dorf; jetzt werden wir wohl 50 mal mehr Kühe im Stall als Hirsche im Walde haben.“ Markgraf Ludwig Georg von Baden-Baden erlegte 1738 auf einer großen Jagd 180 Wildschweine, 8 Wölfe, 66 Dachse und 200 Hasen; die hessischen Landgrafen hegten das Wild in solcher Fülle, daß es bis nach Darmstadt hineinkam. Landgraf Ludwig VI11. erlegte 1767 bei Kranichstein mit eigener Hand 73 Stück Schwarzwild. Kardinal Schönborn, Fürstbischof von Speyer, hielt Jagden ab, bei denen nach Pöllnitzs Bericht Hirsche und Wildschweine zu Hunderten getötet wurden. Daß die französischen Heere 1735 sein Land aussaugten und- die Einwohner plünderten, schmerzte den Kurfürsten Karl Philipp von der Pfalz sehr wenig, daß aber österreichische Offiziere sein Wildbret schossen, empörte ihn und er besaß, wie Häusser so hübsch sagt, den „seltenen und nicht beneidenswerten Gleichmut“, sich bei Prinz Eugen darüber zu beschweren. Das Personal der bayerischen Parforcejagd umfaßte 30 berittene Jäger und 160 Hunde, konnte aber bei Bedarf sehr vermehrt werdei ; so wurden zu einer Jagd im Geisenfelder Forst 1729, bei der 508 Sauen erlegt wurden, 1270 Mann und 282 Pferde aufgeboten. Es versteht sich fast von selbst, daß die Herzoge von Württemberg auch hier wieder an der Spitze marschieren; da sie im 18. Jahrh. alle leidenschaftliche Jäger waren, stiftete Herzog Eberhard Ludwig doch schon 1702 den St. Hubertus-Jagdorden. „Wilde Schweine, Dam- und gemeine Hirsche“, bemerkt Albrecht von Haller 1723 in seinem Tagebuch, „sind hier so gemein als zahme Tiere, irren ungekränkt herum und fürchten niemand als das Hubertusfest, an welchem etliche Hundert gefallet werden.“ 1717 wurden auf dem kleinen Gebiet des damaligen Württemberg 6500 Hirsche und 5000 Wildschweine geschossen, und trotzdem schätzte man ein Jahr darauf den Wildschaden doch noch auf 600000 fl. Berühmt waren die Jagdfeste, die Karl Eugen veranstaltete. 1748 gab es bei seiner Hochzeit eine Hetzjagd, zu der in der Wasserhalde bei Leenberg 800 Stück Rot- und Schwarzwild zusammengetrieben worden waren, die 14 Schuh hoch in das Wasser herabspringen mußten, in dem sie erlegt wurden. 1763 wurdedasachtTagedauernde GeburtstagsfestdesHerzogsmiteiner Jagd an dem künstlichen See bei Degerloch beschlossen, 5218 Stück Wild waren dazu gefangen worden. 1782 veranstaltete der Herzog zu Ehren des Großfürsten Paul von Rußland eine Jagd, zu der er 6000 Stück Edel- und Rehwild und 2600 Sauen hatte einfangen lassen; sie wurden am Bärensee zusammengetrieben und zur Hälfte durch den See forziert, wobei 200 Stück durch Ertrinken umkamen. Am Ende des Jahrhunderts sah Pahl im Leibgehäge um Ludwigsburg „Hasen, Rehe und Füchse zu Tausenden, der Pflüger konnte sie mit der Peitsche, der Spaziergänger mit dem Stock erreichen. Was der Landmann gepflanzt hatte, war ihre Speise, ohne daß es jemand wagen durfte, sie zu hindern; niemand durfte Unruhe oder Störung in ihr freies Leben bringen oder sie durch einen Hund erschrecken. Wer eincnStein nach einem Rebhuhn geworfen hätte, wäre empfindlicher Strafe verfallen gewesen; noch größerer, wer Hand an den Hasen gelegt hätte, der ihm den jungen Kohl im Garten abfraß.“

Wie sehr die Jagd das Sinnen und Trachten ausfülltc, beweist Graf Christian Ernst zu Pappenheim, der ein leidenschaftlicher Jäger blieb, auch nachdem er das Unglück gehabt hatte, zu erblinden. Als es sich gelegentlich der großen Fürstenzusammenkunft in Mainz 1791 für den Kurfürsten darum handelte, seine hohen Gäste zu unterhalten, wußte er ihnen nichts Besseres zu bieten als auf dem Schloßplatz in Mainz eine Treibjagd anstellen zu lassen, bei der die Jäger aus den Fenstern schossen. An den Höfen kam diese Leidenschaft auch in den Zahlen der Gehälter zum Ausdruck; in Kurköln z. B. erhielt der Oberhofmeister des Kurfürsten 2660 Tlr., während ein Reihermeister 3333 Tlr. empfing.

Diese Massen von Wild verursachten natürlich gewaltigen Schaden, in Sachsen schätzte ihn der englische Gesandte in der Mitte des Jahrhunderts auf 350000 Tlr. im Jahr, ln Ansbach glaubte man ihn mit 150000 fl. nicht zu gering zu schätzen, diese Summe entsprach der Hälfte des gesamten Ertrages an Feldfrüchten. „Das Bistum Speier“, schreibt Pöllnitz 1730, „ist eine der fruchtbarsten Provinzen Deutschlands, aber die Einwohner sind außerordentlich arm, sie haben kaum so viel, daß sie die hohen Steuern aufbringen können, die sie ihrem Landesherren geben müssen. Das Land wimmelt derartig von allen Sorten Wild, daß die Felder durch die Tiere verwüstet werden. Die Landleute haben die größte Mühe, ihre Ernte zu schützen und sind gezwungen, sie Tag und Nacht zu bewachen.“ Das war die ärgste Tyrannei, die mit der Jagdliebe der Herrscher verbunden war, daß den Landleutenverboten war, sich gegen das Wild zur Wehr zu setzen, ln Sachsen war dem Bauern „verstattet, das Wild durch Rufen, Klopfen oder sonst unschädliche Schreckzeichen zu verscheuchen, er muß sich aber dabei keines Schießgewehrs bedienen“. Da jede, auch eine unabsichtliche Beeinträchtigung des Wildstandes vermieden werden mußte, so durften die Bauern keine Hunde halten oder mußten ihnen einen Knüttel um den Hals hängen, in Kurmainz ein hölzernes Kreuz, das % Ellen lang und breit war. Den Katzen der Bauern mußten die Ohren abgeschnitten werden, und dem Jäger, der einen Hund oder eine Katze erlegte, mußte der Eigentümer Schußgeld zahlen. Bei Durlach brachen die Wildschweine am lichten Tag in Rudeln in die Rebgärten, Schutzzäune aber durften nur bis zu Gürtelhöhe errichtet werden und die Pfähle derselben mußten oben abgestumpft sein, weil sonst „dem Wild im Hinüberspringen möchte Schaden begegnen“. Das Einzäunen aber war nicht einmal überall gestattet bis 1791 durften die Bauern in Ansbach und Bayreuth das Wild nur mit Schreien verscheuchen; ein Gewehr, einen Knüttel oder einen Hund bei sich zu haben, war ihnen bei Zuchthausstrafe verboten. Übrigens auch an andern Orten. „Ich habe nie ohn schmerzhafte Rührung“, schreibt Johann Peter Frank 1783 in seiner medizinischen Polizei, „in der Pfalz, im Zweibrückischer, Saarbi ückischen, im Darmstädtischen, Speyerschen und Baden-Badenschen Landen die ganze Nacht hindurch die ermüdeten Untertanen in den Herbstzeiten auf ihren Äckern wachen und sich einander zuschreien gehört, wodurch solche die schädlichen Tiere in ihren Waldungen zurückzuhalten suchen.“

Wehe, wer sich gegen diese Gesetze verging, dreimal wehe dem Wilddieb, der sich ertappen ließ. Wer ein Wild erlegte, ohne dazu berechtigt zu sein, auch wenn er es unabsichtlich getan hatte, zahlte Strafgelder, die in Preußen für einen Hirsch oder für einen Keiler 500, für ein Reh 100, für einen Hasen 50, für ein Rebhuhn 30, für eine Wildgans 40 Tlr. betrugen. Wer nicht zahlen konnte, kam für je 50 Th. drei Monate auf Festung, d. h. nach heutigen Begriffen ins Zuchthaus. Die Strafen für Wilddiebe waren gradezu ungeheuerlich. 1666 war in Friedberg i. Wetterau ein Hirsch durchgekommcn, auf dessen Rücken ein mit Ketten angeschmiedeter Mann gelegen und laut um Hilfe gerufen hatte. Ehe man aber zu seiner Befreiung Anstalten machen konnte, war das Tier verschwunden und man fand beide später tot in einem Walde bei Solms. Das ist, wenn es wahr ist, im 18. Jahrh. wohl nicht mehr vorgekommen, aber die Strafen, die man ihnen zudiktierte, waren noch barbarisch genug. Man schnitt Wilddieben die Ohren ab, haute ihnen eine Hand ab, stach ihnen die Augen aus, nagelte ihnen ein Hirschgeweih an den Kopf und hängte sie damit an den Galgen; von einem Erzbischof in Salzburg wird berichtet, daß er ertappte Wilddiebe in Felle nähen und von seinen Jagdhunden zu Tode hetzen ließ. Der Herzog von Sachsen-Weimar, Karl Augusts Großvater, bestimmte, daß alle Wilderer als offenbare Straßenräuber und Mörder angesehen und bei Betreten sofort aufgehängt werden sollten, ihre Weiber wurden gebrandmarkt und ins Zuchthaus gesperrt. Wenn ein Förster oder Jäger einen Wilddieb erschoß, erhielt er 50 Tlr. Belohnung. Dieses Schußgeld ermäßigte die Zweibrückensche Forstordnung von 1785 auf 15 Tlr.; wer dagegen einen Wilddieb lebendig einbringe, solle 20 Tlr. empfangen, ln Bayern kam ein Wilddieb das erste Mal ins Zuchthaus, das zweite Mal wurde ihm eine Hand abgehauen, und war er dann immer noch nicht geheilt, und ließ sich zum dritten Mal erwischen, wurde er gehängt. 1771 wurde diese Stufenleiter etwas gemildert: das erste Mal gab es „leibeskonstitutionsmäßige Karbatschenhiebe“, das zweite Mal die doppelte Anzahl, beim dritten Mal wurde er unter das Militär gesteckt. Die Not der Landleute war so groß, daß bei einem Wilddiebstahl, den Bürger von Neckargemünd verübt hatten, das Regierungskollegium sich gedrungen fühlte, dem Kurfürsten Karl Theodor vorzustellen „gewissenshalber“ vorzustellen, daß man nicht mit der ganzen Strenge der Gesetze vorgehen könne, „so lange die Untertanen wegen ihrer Früchte nicht gehörig gesichert und die zugefügte Beschädigung nicht ersetzt werde“. Der Kurfürst aber befahl das „Pönalgesetz stracks zu erfüllen“.

Zu den Pflichten der Untertanen gehörte auch die Pflege der Hunde, die bei großen Parforcejagdequipagen gewöhnlich weit über hundert zählten. Auch darüber wachte das Auge des Gesetzes mit Strenge. Markgraf Karl Alexander von Ansbach wurde eines Tages hinterbracht, der Fallmeister in Gunzenhausen vernachlässige die ihm anvertrauten Hunde; auf der Stelle ritt er hin, ließ den Mann rufen und erschoß ihn auf der Schwelle seines Hauses!

Besser wurde das erst in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts, vielleicht auch nur, weil zwei der markantesten Persönlichkeiten Deutschlands der Jagdpassion gar nicht frönten. Friedrich II. ging gar nicht auf die Jagd und hat sich imAnti-Macchiavel in nicht mißzuverstehender Weise darüber ausgesprochen, und Josef II. entsagte ihr, weil er das Unglück gehabt hatte, in den Donauauen einen jungen Menschen aus Versehen zu erschießen. Als ein ähnlicher Unfall dem Grafen von Schaumburg-Lippe zugestoßen war und er sich darüber Gewissensbisse machte, hatte ihn sein Hofprediger getröstet, er sei ja Herr über Leben und Tod seiner Untertanen, es habe das gar nichts zu sagen. Bei Kaiser Josef verfingen derartige Trostgründe nicht. Er war kaum zur Regierung gelangt, da wußte die Frankfurter Reichs-Oberpostamts-Zeitung vom 6. Januar 1766 schon zu melden: Kaiser Josef habe in St. Veit die Beschwerden der Einwohner über die Jagd entgegengenommen und den Bauern das Einzäunen der Weingärten und Felder gestattet. Es war schon ein gewaltiger Fortschritt, daß der Landesherr Klagen über die Jagd überhaupt entgegennahm, und die neue Jagdordnung des Kaisers, die 1786 erlassen wurde, räumte denn auch die Ursache vieler Kümmernisse der Landleute hinweg. In einigen kleindeutschen Gebieten folgten die Herren dem kaiserlichen Beispiel, so erlaubte Graf Wilhelm zur Lippe seinen Bauern, das lästige Wild abzuschießen.

Wenn cs eine offene Frage bleibt, ob man die Parforcejagd zu den Tierquälereien rechnen darf oder nicht, so kann es dagegen keinem Zweifel unterliegen, daß die Tierhetzen, wie sie im 18. Jahrh. beliebt waren, ohne jede Beschönigung als widerwärtige Tierquälerei bezeichnet werden müssen. Wie die Zeit darüber dachte, lehrt Göbel in seinem Jagdrecht, wo er, von ihnen berichtend, sagt: „Unter allen macht keiner solche Vergnügung als der Bär, wenn er von den kleinen Barenbeißern hin und her gezwackt wird, so daß er sich in ein Faß mit Wasser retirieren muß. So sitzt er darinnen und teilt aus demselben mit vieler angenehmen Lust Ohrfeigen unter die Hunde aus, wehret sich dermaßen, daß er mit den Hunden überall naß wird, oftmals nach denselben heraus und wiederum hineinfährt, dabei es viele Lustbarkeiten gibt. Es pfleget die Herrschaft auch den Bären mit Schwärmern und Stern-‚ pölzen zu vexieren und mit einem rot-ausgestopften Männchen zornig zu machen.“ Der kaiserliche Hof gab das Beispiel. „In der Mitte der Fasten“, so schreibt ein Reisender 1719 aus Wien, „pflegt der K. Hof sich mit einem Fuchsprellen und der Dachshetze im Prater zu divertieren, und weilen die eingesperrten Füchse auf die Bäume hinauf laufen, so macht die Herrschaft sich ein Plaisier daraus, dieselben herunterzuschießen. Von Kavalieren ist niemand erlaubt, hieran teil zu nehmen. Die Botschafter pflegen auch die Füchse, wenn sie ihnen nahe kommen, mit Prügeln totschlagen zu helfen, der Kaiser aber prellt selbst eine Zeitlang mit.“ In Berlin hatte Friedrich 1.1693 ein Amphitheater für Tierhetzen gebaut, in dem Auerochsen, Löwen, Bären unter sich oder mit Hunden kämpften; an dem Platz, wo es gestanden hatte, errichtete Friedrich Wilhelm I. 1720 das Gebäude des Kadettenkorps, ln Dresden fanden 1719, 1721, 1739, 1740 große Kampfspiele statt, bei denen Löwen, Tiger, Bären, Eber, Auerochsen, Büffel auftraten und sich zerfleischten. Das Intelligenzblatt in Frankfurt a. M. kündigt öfters derartige Schauspiele an, z. B. im Jahr 1723 eine Hatz von Bären und Eseln. Das gelobte Land der Tierhetzen aber blieb doch Wien. Als Charles Burney 1772 Wien besuchte, versprach das Programm des Hetztheaters: ein hungriger wütender Bär werde einen jungen Ochsen lebendig fressen, und würde er mit dieser Aufgabe nicht fertig werden, so stünde ein Wolf bereit, ihm zu Hilfe zu kommen. Als Friedrich Nikolai sich im nächsten Jahrzehnt in der Kaiserstadt aufhielt, wurden Hunde auf Stiere, Bären, Schweine, Hirsche und Wolle losgelassen. Nachdem den armen Tieren Ohren, Lippen oder Hoden abgebissen waren,wurden sie für ein weiteres Auftreten geschont. Die Hauptnummer des Programms aber hieß: „Die Raubwölfe werden auf eine lächerliche Art ihren Raub nehmen,“ das hieß so viel als, daß man zwei hungrigen Wölfen ein lebendiges zahmes Schwein vorwarf. „Dieses wehrlose Tier“, schreibt Nikolai, „wurde unter kreischendem Geschrei von einem Wolfe bedächtig und ohne Mühe am Halse befressen, während der andere ebenso ruhig den Bauch aufgebissen hatte, mit der Schnauze im Leibe wühlte und die Eingeweide verschluckte.“

Text aus dem Buch: Deutschland im 18. Jahrhundert (1922), Author: Boehn, Max von.

Siehe auch:
Deutschland im 18. Jahrhundert – Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation
Deutschland im 18. Jahrhundert – Die Verwaltung

Deutschland im 18. Jahrhundert