Schlagwort: Albrecht Altdorfer – Der Kindermord von Bethlehem

Die graphische Kunst kann man zu den deutschen Dingen rechnen. Es ist nicht sicher bekannt, woher sie ihren Ursprung genommen hat. Vielleicht sind wie der Steindruck, so auch der Kupferstich und Holzschnitt zuerst in Deutschland zu künstlerischer Vervielfältig gung benutzt worden. Die frühesten uns erhaltenen Beispiele, ja die Hauptmasse aller frühen Denkmale beider Arten sind deutsch. Aus dem Bildungstriebe, der in Deutschland in weiteren Kreisen lebendig war als anderswo, sind die vervielfältigenden Künste erwachsen, ebenso wie die deutsche Erfindung der Buchdruckerkunst, deren Werke der Holzschnitt schmückte und anschaulich machte.

Die einzelnen Kapitel:
Die deutsche Graphik – Die Technik des Bilddruckes
Die deutsche Graphik seit der Erfindung des Steindrucks
Die deutsche Graphik – Die Inkunabeln des Holzschnitts
Die deutsche Graphik – Die Inkunabeln des Kupferstichs
Die deutsche Graphik – Das Jahrhundert Dürers 1. Dürer und sein Kreis
Die deutsche Graphik – Das Jahrhundert Dürers 2. Die Kleinmeister
Die deutsche Graphik – Das Jahrhundert Dürers 3. Cranach und die Graphik in Norddeutschland
Die deutsche Graphik – Das Jahrhundert Dürers 4. Die Schwaben und die Schweizer
Die deutsche Graphik – Das Jahrhundert Dürers 5. Die deutsche Graphik im 17. und 18. Jahrhundert

Die deutsche Graphik

2. Die Kleinmeister

Wie ein Mikrokosmos erscheint gegenüber Dürers und Baidungs genialen Explosionen die Welt der Nürnberger Kleinmeister, der eigentlichen Kupferstecher der Dürerschule, die schon der nächstfolgenden Generation angehören. Wendet sich Dürer mit einem Hauptteile seines Schaffens an gebildete, ja gelehrte Kreise, so sind die Beham, Pencz und die andren Stecher, die man wegen des kleinen Formats ihrer Werke Kleinmeister nennt, die eigentlichen Künstler des breiten Volkes.

In ihrem Werke ist wenig mehr von künstlerischem Kampf. Was Dürer in harter Lebensarbeit sich und der deutschen Kunst erkämpft hatte, was auch seine nächsten Genossen immerhin erst erwerben mußten, die Befreiung der Form von mittelalterlicher Enge, das fiel diesen Jungen in den Schoß. Es ist bezeichnend und mit der gewonnenen Formensicherheit zusammenhängend, daß die Nürnberger Kleinmeister Hans Sebald und Barthel Beham und Pencz schon in jüngsten Jahren ihr Ziel erreicht hatten. Sie waren frühreife und unruhige Köpfe. Ihre ketzerische und kommunistische Gesinnung war der Patrizierregierung der reichen und luxuriösen Stadt Nürnberg höchst fatal. 1520 mußten sie, alle wenig über 20 Jahre alt, die Vaterstadt verlassen. Hans Sebald siedelte sich nach unruhigem Hin und Her 1531 in Frankfurt a. M. an, wo er 1550 starb, sein jüngerer Bruder wurde Hofmaler des Bayernherzogs in München und starb 1540 auf einer italienischen Reise, Jörg Pencz aber kehrte später in die Heimatstadt zurück und wurde sogar Ratsmaler.

Sie waren die Künstler, die dem bildungshungrigen Volke künstlerische Nahrung boten. Was dieses interessieren mochte und in Dürers Schaffen nur eine nebensächliche Stelle eingenommen hatte, wurde das Hauptgebiet dieser Leute, die intime Stoffe auf kleinstem Raum darstellten. Sie sind die ersten deutschen Künstler, in deren Werken der Alltag vorherrscht, bei denen auch die biblische Szene, vornehmlich des alten Testamentes, zu einem volkstümlichen Vorgang wird. Mythologie, Allegorie und vor allem das Ornament spielen des Weiteren in ihrem Werk eine große Rolle, und äußerste, schon in frühen Lebensjahren vollendete Subtilität der Technik geht mit dem kleinen Format und den intimen Motiven zusammen. Hans Sebald Beham, der neben dem Kupferstich und der Radierung auch fleißig den Holzschnitt im Einzelblatt und als Buchillustration pflegte, ist in seiner Frühzeit stark von Dürer, vor allem in seinen Radierungen und der lebendigen und wirksamen Holzschnittpassion, aber auch von dem Regensburger Altdorfer beeinflußt. Er ist der weitaus fruchtbarste und geschäftigste der Kleinmeister. In den 1530 er Jahren, als er seine ganz volkstümlichen kleinen Stiche aus dem Bauern- und Soldatenleben schuf (Abb. 98) — es war die Zeit des Bauernkrieges! — stand er auf seiner Höhe. Später ist Leichtfertigkeit wahrzunehmen, die seinem liederlichen Leben entsprach.

Er scheint in Verkommenheit gestorben zu sein. Seine Stiche fanden weiteste Verbreitung, die er durch immer neue Überarbeitung seiner Platten ermöglichte. Auch die Stiche seines vor ihm verstorbenen Bruders überarbeitete und vertrieb er. Barthel Beham, wie sein Bruder und wie Pencz auch Maler, scheint als Graphiker nur in Kupfer gestochen zu haben. Er ist der edelste und künstlerisch Gewissenhafteste unter ihnen. Wie Hans Sebald ein glänzender Techniker hat er durch selbständiges Studium italienischer Kunst seinen kleinen Stichen eine edle Formenschönheit und einen monumentalen Zug gewonnen. So sehr sein wundervolles Blatt der Madonna am Fenster

Als Münchner Hofmaler zum tüchtigen Porträtisten geworden, hat er auch mehrere Bildnisse gestochen. Einige sind unbedeutend. Umso auffallender ist das ausgezeichnete kleine Porträt des Kanzlers Leonhard von Eck (Abb. 101), dessen Gesicht mit grausamem und verschlossenem Ausdruck hervorragend charakterisiert ist.

Auch seine ornamentalen und figürlichen Querfüllungen, die überhaupt im Werke der Kleinmeister als Vorlagen für Kunstgewerbler eine bedeutende Stelle einnahmen, sind glänzend durchgebildet. Seine Kämpfe nackter Männer zu Pferde und zu Fuß und die Blättchen mit Putten und Ornamenten sind kleine unerreichte Meisterwerke. Ein anderer Nürnberger dieses Kreises, den wir nur durch sein Monogramm J B, aber nicht dem Namen nach kennen, schließt sich an Barthel Beham an, kommt ihm in seinen kleinen Kampfstücken mit männlichen Akten nahe, schädigt aber bei anderen Blättern die Ruhe der Wirkung durch schwülstige Überladung mit Zierwerk, die wohl durch den Eindruck der Dekorationsarbeiten für Kaiser Max verschuldet sind. Seine Stiche sind neuerdings — nicht unwidersprochen — für Jugendwerke des Georg Pencz erklärt worden, der in Urkunden auch Jörg Bentz genannt wird. Die Signatur J B verschwindet 1530. Das Monogramm ausG undP erscheint schon vorher. Wenn beide wirklich identisch sind, so ist ein schlimmes Nachlassen in der Spätzeit festzustellen. Pencz müßte dann erst später den eigentlichen Einfluß Dürers, dem er notorisch nahestand, erfahren

haben. DieJB gezeichneten Stiche sind stilistisch nach dem Süden orientiert. Penczens späte Blätter mit ihren weichlichen, das kleine Format der Blätter peinlich überquel® lenden Akten sind saft® und kraftlos, eine Verirrung, gegen die seine schöne Planeten® folge von 1528 und 1529 um so mehr absticht. Die hier abgebildete Luna <Abb. 103) nennt ein Sachverständiger »die am schönsten bewegte Gestalt der ganzen deutschen Kleinmeisterkunst«.

Nicht eigentlich den Kleinmeistern zuzurechnen, obwohl seine graphischen Arbeiten in ihrem wertvollsten Teil kunstgewerbliche Vorlagen sind, auch kein Kupferstecher, sondern Plastiker und Holzschneider, ist der 1522 aus Ansbach nach Nürnberg ein® gewanderte und bis zu seinemTode, 1546, dort verbliebene Peter Flötner, soweit wir seine Werke kennen, ebenso wie jene der gotischen Fessel ledig gewesen . Ja, kein zweiter hat wie er, so edel wie selbständig, so frei und doch geschlossen formend, die Zierform der Renaissance ins Deutsche übersetzt. Dürers Entfesselungskampf, überhaupt Dürers Geist und Einfluß hat ihn kaum bemüht. Er war Holzplastiker und Plaketteur,- wir können annehmen, daß er seine Holzschnittzeichnungen auch selber aus dem Stock geschnitten habe. Ebenmaß von Erfindung und Ausführung sind vollendet. Der Wohllaut der Linie in seinen Vorlagen für Prunkmöbel, die räumliche Flarmonie seiner auf schwarzem Grunde stehenden Groteskornamente sind unvergleichlich. Der norditalienischen Buchillustration hat er viel zu danken. Doch treten seine eigenen Buchillustrationen, obwohl in der gleichen, vom Umriß ausgehenden Gesinnung geschaffen, gegen seine Werke der Gebrauchsgraphik zurück.

Die Kleinmeisterkunst blieb nicht auf Nürnberg beschränkt. An Dürer und an Beham hat sich derWestfale Heinrich Aldegrever (Paderborn 1502 — Soest 1555) gebildet, wird aber durch die Beeinflussung der benachbarten niederländischen Kunst zu einer veränderten, manierierten Formensprache geführt, welche die Figuren bis zur Karikatur in die Länge zieht und durch knittrige Falten, figürliche und ornamentale Überladung die Schönheit und Klarheit der Erscheinung herabsetzt. Doch ist er erfindungsreich und lebendig und hat sich einer eigenen und sorgfältigenTechnik bedient. Wie die Nürnberger, so stand auch er freidenkerischen Anschauungen nahe, und zu seinen besten Arbeiten gehören die großen gestochenen Bildnisse der Wiedertäufer (Abb. 110).

Einen breiten Raum nehmen auch in seinem fast 300 Stiche zählenden Werke kunstgewerbliche Vorlageblätter ein in etwas groben, teilweise plumpen Formen, Er ist der einzige hervorragende Graphiker der Zeit am Niederrhein. Der Kölner Jakob Binck ist zwar technisch gewandt, aber ohne eigene Erfindungskraft. Fast sein ganzes Werk besteht aus Kopien nach Autoren der verschiedensten Nationen. Beachtung verdient sein Bildnis des Königs von Dänemark (Abb. 111), dessen Hofmaler er eine Zeitlang war.

Auf Franz Brun von Straßburg, der unselbständig unter Behams und Holbeins Einfluß stand, und den Essener Johann Ladenspelder, dessen dünne Ornamentstiche von italienischer Manier sind, gehe ich nicht ein. Brosamer und Erhard Altdorfer sollen im sächsischen Schulzusammenhang bedacht werden.

Zu den süddeutschen Kleinmeistern zählt auch der Regensburger Maler, Kupferstecher und Radierer, Holzschneider .und Baumeister Albrecht Altdorfer (um 1480—1538), der Bruder des Erhard. Vielleicht ist durch seinen, des soviel Älteren, Einfluß überhaupt diese Gattung begründet worden. Verdankt er auch Dürer viel, wenn nicht unmittelbar, dann vielleicht durch den weiter oben genannten Stecher MZ, so verkörpert sich doch in diesem zarten, phantasier und geistreichen Künstler eine ganz andere und eigene Kunstrichtung, die der Donauschule. Zu fein, um damals so breit wirken zu können, wie die Kunst der Beham, ist die seine von einer natürlichen Art, die wir heute um so mehr zu schätzen wissen. Die Donaumeister bringen eine naive Naturfreude in die Kunst und auf eine so natürliche Weise, wie sie bis dahin darzustellen nicht gewagt wurde. Zum ersten Male begegnen wir der Landschaft ohne Staffage als Bildmotiv für die Radierung. Sein genaues Verhältnis zur Natur läßt ihn auch seine figürlichen Darstellungen in eine bedeutender behandelte Umgebung einbetten als die Meister des Dürerkreises, denen die menschliche Gestalt durchaus die Hauptsache war.

Die Erstlinge seiner Graphik, kleine figürliche Stiche, setzen die Kenntnis italienischer Niellen voraus, die überhaupt als eine Quelle der Kleinmeisterkunst zu beachten sind. Einen starken Einfluß auf seine Stilbildung hatte die wohl auf einer Fahrt nach Tirol und Italien kennen gelernte Kunst des Mantegna und Pacher, die noch lange in ihm nachklingt. Eine Vorliebe für die Untersicht, für kühne Verkürzungen, exaltierte Bewegungen, wirres Gefältel ist ein äußeres Merkmal. Der Holzschnitt des Kindermordes von 1511 (Abb. 115) gehört in diese Zeit.

Voll Innigkeit und leidenschaftlicher Bewegung, gesteigert durch seltsame krause Ver-schnörkelung des Linienwerkes, ist seine vierzig Blatt umfassende Holzschnittfolge des Sündenfalls und der Erlösung der Menschheit (Abb. 119 und 120).

Immer spielt die Landschaft eine große Rolle. Möglich, daß auch Cranach, dessen Jugend in irgend einem Zusammenhänge mit der Donaukunst gestanden hat, an der StiL bildung des Meisters beteiligt ist. Es ist nicht klar, wie der Einfluß zustande kam, auch nicht, ob nicht vielleicht eine Wechselwirkung stattfand. Allmählich greift eine Beruhigung in Altdorfers Formensprache Platz. Mehrere intime und feine Arbeiten — auch einen etwas überschätzten Farbenholzschnitt — hat er zu Ehren der »schönen Marie« geschaffen, welcher 1519 an Stelle der zerstörten Synagoge eine Kirche in Regensburg gebaut wurde. In diese Zeit mag auch der wundervolle Holzschnitt der heiligen Familie am Taufbecken (Abb. 121) gehören, »dessen Stimmungswerte vielleicht kein deutscher Graphiker wieder erreicht hat«. Wie das menschlich Figürliche in das krause zierliche Gewirr des Ornamentalen am Brunnen einbezogen ist, macht das Ganze wunderlich intim. Es ist der höchste Ausdruck einer dekorativen Gesinnung, die wohl durch die Arbeiten für den Kaiser Max, an denen auch Altdorfer beteiligt war, befruchtet wurde.

Eine robustere Natur als der zarte Altdorfer, aber ebenso vielseitig ist Wolf Huber, der, wahrscheinlich aus Feldkirch stammend, bis 1553 in Passau lebte. Niemand sollte sich den Genuß seiner kühnen und vielseitigen Landschaftszeichnungen entgehen lassen, wie überhaupt der mit jedem neuen Blatte sich wandelnde Reichtum seiner Persönlichkeit mehr aus seinen Handzeichnungen als aus seinen Holzschnitten sich erschließt. Der Landschaft ist mehr noch als bei Altdorfer die Hauptrolle zugeteilt. Während aber dieser eine Freude an dem einfachen Dasein der Natur hat, ist es erstaunlich zu sehen, wie Huber die Landschaft durch ihren Ausdrude den bildlichen Inhalt seiner Darstellungen stärken und verdeutlichen läßt. Ihre aufgeregte Leidenschaftlichkeit hebt den pathetischen Ton der Kreuzigung <Abb. 125) ebenso, wie ihr sinnlich flimmerndes Lichterspiel die Szene des Parisurteils <Abb.l26>. Eine ungeschlachte Landschaft umgibt den riesigen Christoph. Stimmunggebend sind auch die reich erfundenen Architekturen seiner wenigen biblischen Holzschnitte. Aus seiner Jugendzeit stammen ein paar Holzschnitte mit Landsknechten. Die derbe technische Ausführung steht ganz im Einklang mit der unbekümmerten Drastik der fröhlichen Figuren. Wie dem Schweizer Landsknecht Urs Graf, so mag auch Hubern etwas von der Art dieser heiteren Rüpel im Blut gesteckt haben. Wir kennen aus der bayerischen Schule eine stattliche Anzahl von Künstlern aus ihren Werken, ohne doch ihre Namen zu wissen. Weniger in der Graphik als in Werken der Zeichnung, Malerei und Plastik zeigt sich uns ein reiches Bild dieses Idylles in der deutschen Kunst.Außer Huber ist als Schüler Altdorfers Michael Ostendorfer in Regensburg tätig, gest. 1559) zu nennen, der Buchillustrationen und 1522 einen großen und lebendigen Holzschnitt der neuen Marienkirche in Regensburg machte.

Text aus dem Buch: Die deutsche Graphik (1922), Author: Bock, Elfried.

Siehe auch:
Die deutsche Graphik – Die Technik des Bilddruckes
Die deutsche Graphik – Die Inkunabeln des Holzschnitts
Die deutsche Graphik – Die Inkunabeln des Kupferstichs
Die deutsche Graphik – Das Jahrhundert Dürers 1. Dürer und sein Kreis

ALBRECHT DÜRER 1471-1528 Die deutsche Graphik