Schlagwort: Amerikaner

Hätte die Hansa Amerika entdeckt, erforscht und erschlossen, die Weltentwicklung wäre unter deutscher Führung in ganz andere, der Menschheit viel segensreichere Bahnen gelenkt worden … sie wäre fortschrittlicher als die durch die Lateiner gewesen und hätte sicherlich keinen Seeraub und Sklavenhandel betrieben, wie die “frommen” Engländer, die im Zeichen der Bibel die Völker unterdrückten und ausraubten … auch das hat nicht sollen sein . . .

Die deutsche Zukunft liegt im deutschen Geiste; nicht durch die äusserste Ausbeutung der menschlichen körperlichen Arbeitskraft, sondern durch angestrengte Geistesarbeit wird Deutschland sich den ihm gebührenden Platz an der Sonne sichern . . . warum braucht es ein Indien, wenn es den Indigo billiger und besser künstlich herstellen kann als die Natur es vermag? Das war es ja gerade vor dem Weltkrieg, das instinktiv die Furcht der Völker erregte: dass Deutschland die Chemie zur Alchemie machte; dass es in den Retorten seiner Laboratorien Goldwerte erzeugte; und dass es die theoretische Wissenschaft mit der praktischen Produktion verschmolzen hatte …

Mag man auch der Kraft des deutschen Adlers die Flügel stutzen und die Fänge stumpfen; dem Schwung des deutschen Genius kann man aber nicht dauernd Fesseln anlegen . . . die Zeit wird kommen, da deutscher Geist Himmel und Erde, Luft und Wasser beherrschen wird — zum Segen der Welt…
Dem Deutschen Volke gehört die Zukunft!

„Wir Deutsche meinen Wunder, was für einen Vorteil wir davon haben, wenn deutsche Sitte, Sprache und Bildung in die Vereinigten Staaten Nordamerikas versetzt sei. Wir träumen von dem vortrefflichen Alliierten, den wir uns jenseits des Weltmeeres nach und nach bilden, während wir doch im Grunde nichts thun als uns einen gefährlichen Nebenbuhler erziehen. Zur Zeit fühlen wir das noch nicht; es wird wohl auch noch eine oder zwei Generationen dauern, bis wir es fühlen. Dann aber, wenn es zu spät sein wird, Mittel dagegen zu finden, dann werden wir erfahren, dass eine Nation nicht ungestraft Menschen und Kapital verschenken kann. So wird denn die Zeit kommen, da der Enkel des deutschen Bauern unser Deutschland mit den Produkten nordamerikanischer Industrie überschwemmt und durch diese Konkurrenz nicht bloss unsere Industrie, sondern auch die deutsche Landwirtschaft an der Wurzel angreift.“

Augsburger Allgemeine Zeitung: Wissenschaftliche Beilage vom 21. Februar 1844.

Nachstehende Festrede, wurde gehalten am 27. Januar 1908 in der „Germania“ in Chicago. Oberst Halle präsidierte; Generalkonsul Wever, der unermüdliche Vorkämpfer für deutsche Geisteskultur in Amerika, brachte den Trinkspruch auf Präsident Roosevelt aus; der Präsident der Universität Chicago, Judson, brachte das Hoch auf den Kaiser aus und nach dem Bankett hielt ich die folgende Rede.

Deutsche Landsleute! Vom stillen ehrwürdigen Boston haben Sie mich heute in Ihr junges kraftstrotzendes Chicago gerufen, von dem alten Stammsitz des reinsten Angelsachsentums zu dem gewaltigen Tummelplatz aller Völker. Und mit frohem Herzen bin ich Ihrem Rufe gefolgt, denn in dieser Feierstunde des Deutschtums empfinde ich lebhaft, wie der große Strom der deutschen Einwanderung das puritanische Boston fast unberührt ließ, Chicago aber für Hunderttausende von Deutschen eine neue Heimat geworden ist. Hier wahrlich ist der rechte Platz, deutsche Ehrentage zu feiern, und freudig danke ich es Ihnen, daß ich mich zu Ihrer deutschen Festschar heute gesellen kann und wieder einmal in der geliebten deutschen Sprache zu Deutschen reden darf.

Freilich, wenn ich mich umschaue in dieser stolzen „Germania„-Halle mit ihren Flaggen und ihren Bildern aus Deutschlands größten Tagen, vor allem, wenn ich die Begeisterung sehe, die aus Ihren Augen leuchtet, dann scheint es mir, als wenn es hier nicht erst der Rede bedarf. Ein starkes lebendiges einheitliches Gefühl hat Sie heute zusammengeführt; in größerer Schar als je sind Sie herbeigeeilt, um Ihre Treue zum Deutschtum aufs neue zu bekunden; schon haben Sie jubelnd eingestimmt, als die deutsche Hymne Sie grüßte. Was bedarf es da noch der Rede, was bedarf es anderer Worte als des einen herrlichen Festrufs, nach dem unsere Seele heute stürmisch verlangt, des Festrufs: es lebe der Kaiser!

Und doch, wir würden keine rechten Deutschen sein, wenn wir wirklich uns heute nur dem überströmenden Gefühl überließen und gedankenlos gar nicht darauf achten wollten, daß wir da doch eigentlich vor einer seltsamen weltgeschichtlichen Frage stehn. Fast alle, die sich heute zur Kaiserfeier hier zusammengefunden, sind amerikanische Bürger und somit politische Republikaner. Wir paar, die wir auch in der Neuen Welt deutsche Staatsbürger bleiben, verschwinden in der gewaltigen Überzahl.

Und nicht nur Zufallsrepublikaner wollen Sie sein, unbekümmert um die politische Gestaltung des neuen Vaterlandes, das Sie selbst oder Ihre Eltern erwählten. Nein, mit reinster und tiefster Begeisterung glauben Sie an die demokratische Republik der Vereinigten Staaten. Ihr lauter Beifall sagt es aufs neue: das stolze republikanische Bewußtsein ist es, das Sinn und Kraft Ihrer täglichen Arbeit gibt. Und trotzdem will Ihr Republikanergeist den mächtigen Monarchen feiern: wäre es unser würdig, über solchen Gegensatz stillschweigend hinwegzusehen? Würde es nicht scheinen, als wenn nur Unklarheit und Verschwommenheit solche Gegensätze vereinen kann? Oft genug hören wir es ja in allen Gassen, daß der Geist der Republik ein flammender Protest gegen die veraltete Monarchie sei. Ist es wahr, daß Sie sich selber untreu werden, wenn Sie der republikanischen Staatsform die Treue geschworen und doch mit Hochgefühl zur deutschen Kaiserkrone blicken? Wahrlich, wir werden der Weihe dieser Stunde nicht gerecht, wenn wir nicht furchtlos und klar diesem Widerspruch ins Auge schauen.

Und wenn sich so ernste Fragen für uns in den Vordergrund schieben, so bleiben wir ja nur der deutschen Art getreu. Hier im Lande feiert schon der Schuljunge das Nationalfest mit knallendem Feuerwerk und lautem Jubel. Der Deutsche empfindet anders. Als sich kürzlich von New York aus eine Vereinigung über das ganze Land hin bildete, dem wüsten Lärm am 4. Juli entgegenzuarbeiten, wurde ich gebeten, kurz darzulegen, wie die deutsche Jugend patriotische Tage feiert. Unser Feiertag, antwortete ich, ist Kaisers Geburtstag und aus frohen Jugendjahren blieb mir die alljährliche Feier in meiner Heimatstadt in dankbarer Erinnerung. In Feiertagsstimmung zogen wir zur geschmückten Schule; Lieder erklangen und in schlichter Weise führte die Rede des Lehrers uns zur Vergangenheit. Kein lautes Brüsten und kein hohles Prahlen: in weitausblickender historischer Rede wurde uns die Bedeutung des Tages vor die Seele geführt, und die Eindrücke solcher Stunden hafteten fürs ganze Leben. Ja, so soll es bleiben: wo Deutsche zusammenweilen, um nationale Ehrentage zu feiern, da gilt es, in ernstem Worte den Geist der Stunde festzuhalten, den Zusammenhang mit der Vergangenheit zu sichern und vor allem klarzustellen, mit welchem Rechte die Feierstunde unser Herz und unsere Seele fordert.

Mit welchem Recht, so steht die Frage heute vor uns, können wir des Kaisers Geburtstag hier inmitten eines Volkes feiern, das in jeder Faser seines Wesens republikanisch ist? Die Republik, in der wir leben, ist längst nicht mehr ein Experiment. Daß unser öffentliches Leben nicht frei von Schäden und Gefahren ist, weiß jedermann; aber kein Nörgler und kein Schwarzseher kann den Geist des Landes so völlig mißverstehn, daß er die Heilung der Schäden von einer Zerstörung der republikanischen Staatsform erhoffen möchte. Im Gegenteil, wer Amerika versteht, weiß es wohl, daß die Schäden seiner Demokratie gerade dort liegen, wo der demokratische Geist nicht energisch und nicht konsequent genug durchgeführt wird; nicht durch weniger, sondern durch mehr Demokratie müssen sie beseitigt werden. Die politische Republik war niemals zuvor so fest gegründet, niemals zuvor so einstimmig anerkannt. Eine soziale Aristokratie mag sich herausbilden, eine politische Aristokratie ist eine Unmöglichkeit in Amerika; und jeder von uns fühlt es tief: die Monarchie gar wäre das Ende Amerikas.

Gedankenlosigkeit und Übereifer hastet nun von hier aus weiter: der Amerikaner glaubt an die Republik — er ist sich deshalb nur dann treu, wenn er überall auf Erden den Glauben an die Monarchie bekämpft und vernichtet. Der Amerikaner ist ein Priester der Demokratie — er soll seinen Glauben zu den politischen Heiden tragen. Wer Republikaner ist, muß in jedem Monarchisten seinen politischen Gegner sehn; wer die Freiheit kennt, muß die Knechtschaft überall verachten. Und mag der Amerikaner das deutsche Volk schätzen und würdigen, die deutsche Staatsform muß er mit flammender Überzeugung bekämpfen. Wollen das gar rechte Amerikaner sein, die des Kaisers Geburtstag feiern? Zwischen dem republikanischen Amerika und dem monarchischen Deutschland klafft eine unüberbrückbare Kluft. Wie oft haben wir alle so die Torheit poltern hören — wie oft hat der Unverstand so auf uns eingescholten. Und doch, solches Gerede hat uns Deutsche nur selten irregeführt. Nicht nur unser eignes Gemüt widersprach, sondern wir sahen wohl auch bald, daß gerade die besten und reifsten Amerikaner die Engherzigkeit, ja den Widersinn solcher Geschichtsauffassung durchschauten.

Der Tieferblickende weiß in der Tat, daß es keinen Sinn hat, nach der besten Staatsform im allgemeinen zu fragen. Republik und Monarchie sind nicht logische, sondern historische Probleme. Es wäre sinnlos, zu streiten, ob Dichtkunst oder Malerei die bessere oder höhere Kunst wäre; die göttliche Komödie kann nicht gemalt, die sixtinische Madonna kann nicht gedichtet werden; ein jedes will seine eigene Form des Ausdrucks. Daß sicherlich Amerikanertum nur in der republikanischen Form sich ausleben darf, bedeutet nicht den geringsten Gegensatz gegen das Deutschtum, das die monarchische Form verlangt. Ja, wer vorurteilslos prüft, der wird finden, daß dieser äußerliche Unterschied zwischen Amerika und Deutschland nicht nur keinen Gegensatz darstellt, sondern vielmehr aus einer tiefen Wesensähnlichkeit beider Nationen hervorgeht.

Daß Deutschland und die Vereinigten Staaten viel Ähnliches und Verwandtes zeigen, wird ja meist anerkannt, aber die gemeinschaftlichen Züge werden zu oft auf der Oberfläche gesucht. Bald wird betont, daß beide einen Staatenbund darstellen mit künstlichem Gleichgewicht der bundesstaatlichen und der einzelstaatlichen Mächte. Bald wird der Schwerpunkt auf die glänzende wirtschaftliche Entwicklung gelegt; wie beide in wenigen Jahrzehnten ein unerhörtes Wachstum der wirtschaftlichen Kräfte erfahren, wie ihre Städte im Wettlauf vorangestürmt, wie die Industrie rastlos den Weltmarkt erobert. Wesentlicher aber dünkt mir ein andres: Wenn Deutschland und die Vereinigten Staaten einander gut verstehen können, so beruht es nicht auf der Ähnlichkeit äußeren Erlebens, sondern auf tiefer Seelen Verwandtschaft: gemeinsam ist beiden ein sittlicher Idealismus, der so einheitlich vielleicht nirgends wiederkehrt. Dort aber werden wir von sittlichem Idealismus sprechen, wo das Leben erfüllt ist von dem Verlangen, nicht zu genießen, sondern Aufgaben zu erfüllen, wo die Seele des Volkes nicht den Zufallszielen des Nutzens nachjagt, sondern nur das eine Ziel sucht, sich selber treu zu sein.

Deutsch-Amerikaner

Abbildungen Karikaturen

Der Kampf um deutsche Kultur in Amerika.

(1886.)

Für den denkenden Deutschen gibt es heute wirklich eine deutsche Frage in Amerika, die endlich einmal zum Austrag gebracht werden muß. Freilich existiert sie eigentlich schon lange, und jede Schule, jede Kirche, jeder Verein ist ein Versuch, sie zu lösen. Niemand wird nun leugnen wollen, daß alle diese Versuche, dem deutschen Charakter so recht gemäß, vereinzelte, zersplitterte waren, so ganz im seligen bundestaglichen Geiste, daß ihnen ein gemeinsamer, kräftiger, großer Zug fehlte. Nur ein Motiv liegt allen Bestrebungen verborgen oder ausgesprochen zugrunde, und das ist — sonderbar und charakteristisch genug — die Religion. Im Einklang oder im Widerspruch zur religiösen Weltanschauung haben die Führer der verschiedenen Parteien das Deutschtum zu erhalten gesucht. Nun hat sich seit einigen Jahren jedoch ein Umschwung vollzogen. Allen Schreihälschen zum Trotz, die sich im stillen für Bismarcke halten, hat die Wiedererrichtung des Deutschen Reiches auch uns aufs tiefste beeinflußt. Der gewaltige Hauch nationaler Begeisterung hat über den Ozean her auch uns berührt. Wir fühlten uns nicht mehr allein als Bayern, Schwaben und Krähwinkler, nicht mehr bloß als Protestanten, Katholiken oder Atheisten, sondern als Deutsche. Und während wir mit stolzer Freude, wie ein Mann, der über Nacht reich geworden ist, uns darauf besinnen, daß wir einem Volke angehören, das viel größer ist, als wir eigentlich gedacht hatten, sehen wir, wie die Amerikaner in ihren besten Erziehungsanstalten durch Erlernung der deutschen Sprache sich die Schätze deutschen Geistes anzueignen streben. Wahrlich, wir wären ein unbegreiflich verblendetes Geschlecht, wollten wir nicht wenigstens erhalten, was diese erst mühsam anstreben.

Und wie uns ein gesteigertes deutsches Gefühl, wie uns das Vorbild der Amerikaner mahnt, unser Deutschtum zu bewahren, so gebieten uns noch ganz andere Erwägungen, für dessen Fortbestand zu kämpfen. Es liegt mir fern, das deutsche Volkstum als ein besonders heiliges zu preisen. Wer jedoch die furchtbare politische Korruption, die erschreckende Gewissenlosigkeit in Geldsachen und die tiefer verborgenen, oft grauenerregenden gesellschaftlichen Schäden mancher Kreise hier beobachtet und dabei den Anteil und das Verhalten des Deutschtums im allgemeinen erwägt, der mag sich doch vielleicht der größeren sittlichen Freiheit seines Volkes freuen. Sieht er nun ferner, wie es die Kirche in ihrem Wirken meist nur zum entgegengesetzten Extrem bringt, dem, wie z. B. in der fanatischen Temperenzbewegung, jeder Begriff von sittlichem, wahrem Lebensgenuß abgeht, wie sie im besten Falle dem Menschen vor der innewohnenden Bestie Angst macht, ohne dieselbe doch zähmen zu können, dann wird er sich auch wohl fragen, warum es im ganzen bei unserem Volkstum anders steht. Und ohne Überhebung, denn jeder aufrichtige Mensch ist sich seiner Schranken und Schwächen stets bewußt, darf er sich sagen, daß es allein die deutsche Erziehung ist, die wohl imstande wäre, unser ganzes Volksleben veredelnd umzugestalten.

Eine deutsche Frage existiert für uns aber noch viel mehr, seitdem das erwachende Nationalgefühl im alten Vaterlande den Aderlaß der jährlichen Auswanderung ganz empfindlich zu merken beginnt. Da der alte Kosmopolitismusschwindel glücklicherweise nur noch in den Köpfen von Sonderlingen spukt, so fragt sich das deutsche Volk jetzt mit Recht: was wird denn aus unseren Landsleuten jenseits des Ozeans? Die deutsche Regierung, welche diese Frage noch aus anderen Gründen stellt, scheint sogar Emissäre in unsere Mitte zu senden, um den Stand der Dinge zu erforschen. Diese geben dann in Vorträgen*), Broschüren und Zeitungsartikeln, die leider nicht ganz unwahre Antwort, daß unser Deutschtum als solches hier seinem Untergang entgegenschreite. Und früher oder später muß diese Antwort auch einmal auf die Auswanderung zurückwirken. Nun gibt es bei uns zwar Leute, die kurzsichtigerweise den Rückgang des Deutschtums in Abrede stellen oder sich und ihrem Anhang wenigstens einreden, es wäre dem nicht so. Meist sind es solche, die in ihrem Kreise von der Einwanderung, d. h. dem Import leben, denen es in ihrer Weisheit nie aufgegangen ist, daß ein Volkstum zu existieren aufgehört, hat, sobald es kein eigenartiges, den neuen Verhältnissen entsprechendes Geistesleben entwickelt. Und auf welchem Gebiete haben wir denn mehr als die schwächsten Ansätze hierzu aufzuweisen?

Die alten Ratschläge sind längst aufgebraucht. Karl Schurz hat uns gesagt:

„treibt Musik und lehrt eure englischen Mitbürger Feste feiern“.

Wir sind es müde, nur „clowns“ und Musikanten zu sein. Ein Anderer rät uns:

„lernt Englisch und importiert euern geistigen Bedarf vom Vaterland“.

Ist längst geschehen, und mit dieser Klugheit haben wir es dahin gebracht, daß bald kein Deutscher mehr im Kongreß sitzen wird. Ja, das deutsche Volk hat vollkommen recht, wenn es seinen Auswanderern abrät, auf solche Weise zum amerikanischen Kulturdünger zu werden.

*) Vgl. A. Sariorius, Die Zukunft des Deutschtums in Amerika. Deutsche Zeit-und Streitfragen, Heft 212.

Noch mehr aber empört sich unser eigenes Gefühl gegen diese Düngermission. Das amerikanische Deutschtum ist eine geistige, eine sittliche Macht kraft seiner Erziehung, kraft nationaler Geistesschätze ohnegleichen. Will es diese Macht aber betätigen, dann muß es mit der wahren deutschen Erziehung, die ganz andere Menschen bildet als die landläufige, bei der eigenen Jugend neu beginnen und durch Lehre und Vorbild auf die Volksschulen des Landes einwirken. Vor allem aber müssen wir uns, über Parteien und Meinungen hinweg, in dem einenden Bande der Muttersprache zusammenschließen.

Gestützt aber auf das weitverbreitete Verlangen unseres deutschen Volkes in Amerika, für welches die wenigen charakterlosen Überläufer nicht in Betracht kommen, dürfen wir es wohl wagen, die Erhaltung des Deutschtums zur Volkssache zu machen und damit auch seine Zukunft zu sichern. Wir schlagen darum vor, daß sich alle diejenigen, in denen das stolze Gefühl noch lebt, dem größten Kulturvolk der Neuzeit anzugehören, und welche durch die Erhaltung unserer Sprache und Kultur an der Zukunft dieses Landes mitarbeiten wollen, sich zu tätiger Gemeinschaft zusammenschließen.

Sollte es gelingen, auf dieser breiten Grundlage unseres gesamten hiesigen Deutschtums einen allgemeinen Verband zur Erhaltung der deutschen Sprache und Kultur zu errichten, so müßte dieser naturgemäß sich nicht bloß nach unsern Verhältnissen organisieren, sondern nach diesen auch seine letzten Zwecke bemessen. Während wir gern bereit sind, vom ausländischen Vorbild zu lernen, sind wir doch stark genug, auf eigenen Füßen zu stehen. Hat uns das Fiasko des deutsch-amerikanischen Schulvereins doch gezeigt, wie geistloses Importieren zum Untergang führt. Lassen wir uns von diesem Fiasko aber nicht ab-schrecken, denn es war der Abschluß des letzten Versuchs einer Richtung, die überhaupt nur vom Importe lebt. Wenn wir uns aber ermannen und endlich selbstschöpferisch auftreten, dann sei es uns nicht hohle Phrase, daß politische wie religiöse und antireligiöse Agitation für immer ausgeschlossen sein muß. In dem heißen Wunsche, die deutsche Sprache zu erhalten, begegnet sich unser ganzes hiesiges deutsches Volk trotz aller Verschiedenheit der Meinungen und Richtungen, die hier und da leider auf Kosten der Einheit unseres Volkstums geflissentlich wachgehalten werden. Hinweg darum mit aller Cliquenwirtschaft, hinweg mit den falschen Propheten, die alle der deutschen Sache zu dienen vorgeben und dabei nur ihre eigenen Zwecke fördern. Warum aber sollte das höchste Gut eines Volkes mit all den Schätzen an Geist, Gemüt, Sitte und Kultur, unsere Muttersprache, nicht ebensogut ein Band der Einheit abgeben wie der nationale Gedanke, der seit 1870 die verschiedensten Elemente des alten Vaterlandes zur Weltmacht vereinigt?

Freilich gilt es für unser ganzes hiesiges Geistesleben einen neuen´Wurf zu tun, und besonders unsere Schulverhältnisse wären im Geiste der vorstehenden Kritik umzuschaffen. Man fürchte jedoch nicht für das bestehende Alte. Alle die Äußerungen unseres gesellig geistigen Lebens, die Vereine, Schulen, Kirchen wie die Presse können dabei nur erstarken. Das fast ausschließliche Zehren von der Einwanderung und dem Import der verschiedensten Art, das endlich doch einmal, wie jede kopflose Wirtschaft, zum Bankerott führen muß, wird aufhören, indem auch hier die Lebenskeime unseres unverwüstlichen Volkstums zur Entfaltung kommen.

Und glauben wir nicht, daß uns das einsichtige Amerikanertum, das ja längst bei den Deutschen in die Schule geht, in unsern deutschen Bestrebungen entgegengetreten werde. Hier findet sich oft mehr Verständnis und Unterstützung als bei den eigenen Volksgenossen.

„Wie im Mittelalter das Lateinische, so ist heute das Deutsche die Sprache der Gelehrsamkeit und Bildung, und kein Student kann auf diese Anspruch machen, welcher das Deutsch nicht gründlich ‚beherrscht‘,“

sagte kürzlich der Präsident unserer besten amerikanischen Universität. — Den eingefleischten Nativisten dürfen wir aber entgegenhalten, daß das Deutschtum zufällig auch eine Geschichte hat in Amerika, daß auch deutsches Blut und deutscher Fleiß die Größe unserer Republik haben gründen helfen, daß wir als echte amerikanische Bürger uns darum das Recht nicht nehmen lassen, ein eigenes Geistesleben zu führen.

An uns aber wird es liegen, ob wir, ähnlich den Helden des Revolutions- und Bürgerkrieges, zur geistigen Entwicklung dieses Landes beitragen, was an uns ist, oder ob wir, noch immer mit dem alten Fluche beladen, klanglos nach und nach zerbröckeln und in ein anderes Volkstum aufgehen, nachdem wir das reiche geistige Erbe des Vaterlandes mit der Muttersprache elend vergeudet haben. Das Verhalten unseres Deutschtums in der nächsten Zeit wird die-Antwort auf diese wichtige Frage sein.

Text aus dem Buch: Der Kampf um deutsche Kultur in Amerika : aufsätze und vorträge zur deutsch-amerikanischen Bewegung, Verfasser: Goebel, Julius.

Siehe auch:
Die deutsche Bewegung in Amerika. Rückblicke und Aussichten.

Der Kampf um deutsche Kultur in Amerika