Schlagwort: Arier

Vorkämpfer deutscher Ostpolitik.

Im Osten und Südosten war für das Deutschtum Land wiederzugewinnen, das schon von Ariern und Germanen urbar gemacht war. Gegen Ende der großgermanischen Zeit ging es an die Wenden und andere Slawen,  Hunnen und Awaren verloren.

Der Südosten erlebte die erste deutsche Neusiedlung, die von Bayern und Franken ausging. Schon um 600 drangen bayrische Bauern nach Tirol vor. Die awarische Mark Kärnten, von Karl dem Großen um 800 gegründet, reichte von Böhmen bis zum Plattensee und zur Adria. Viel ging unter den schwachen Karlingem wieder an die vordringenden Ungarn und Südslawen (Winden) verloren.

Heinrich I. und Otto I.

Im Osten machte Kaiser Karl mit der Gründung der sorbischen Mark den Anfang. König Heinrich I. widmete seine volle Kraft der Wiedergewinnung des Ostens. Die Ungarn erfuhren es an der Unstrut, die Wenden bei Brennabor und Lenzen, wie scharf das deutsche Schwert schlägt, und Böhmen wurde ein Teil des Reiches. Otto I. drang mächtig vor und gründete Magdeburg; auch die Ungarn mußten auf dem Lechfelde deutscher Kraft weichen.

Markgraf Gero.

Mit den Großen seines Reiches hält Kaiser Otto Rat: „Wen wollen wir entsenden, daß er die Mark an der Elbe sichere und die Wenden zur Taufe bringe? Ich weiß nur einen, der würdig ist: meinen getreuen Gero. Er ist nicht fürstlichen Geschlechts, aber beim Wendenzug war er der Schrecken der Feinde.“ — ..Bauernsohn, nicht ebenbürtig“, murrten die hohen Herren; aber Otto erhob sich: ..Gero, Markgraf der Ostmark, schütze die Grenze des Reiches!“

In Gernrode am Harz stand die Burg des Markgrafen. Drüben aber, jenseits der Elbe, saßen die Wenden. Immer wieder brachen sie über die deutschen Grenzen, sengten, raubten und mordeten.

Mit tapferer Hand scheuchte sie Gero zurück und drang selber vor. Durch die Sümpfe und Urwälder des Wendenlandes kam er bis an die Oder. Er legte feste Burgen an und sicherte das eroberte Land. Auf dem Fuße folgten die christlichen Priester im Schutze des Schwertes. Immer wieder mußte Gero reiten. Weit über die Oder hinaus bis an die Warthe drang er vor und machte auch den Polenherzog zinspflichtig.

Nur kurze Zeit überlebte ihn und seinen Kaiser das Werk. Noch fehlten die deutschen Siedler, die es verteidigt hätten. Im großen Wendensturm.

Deutsche Geschichte

Woher kommen die Welten, die Götter, die Menschen und alle die Dinge, die zwischen Himmel und Erde sind? Und wohin gehen sie alle wieder, vor allem die Götter und Welten, die, wenngleich sie das irdische Leben des Menschen überdauern, doch einem grollen kosmischen Gesetz unterworfen sein müssen?

So fragt der Mensch aller Zeiten und Völker, und die vergleichende Betrachtung von Mythen und Märchen ergibt eine oft erstaunliche Übereinstimmung in der Fragestellung sowohl als auch in der Beantwortung. Es will deshalb zunächst auch nicht einfach erscheinen, eine russische Unterschiedlichkeit in der vergleichenden Mythenforschung zu erkennen. Und doch ist eine solche vorhanden, ist der arische Mythus der Weltentstehung grundsätzlich verschieden vom chinesischen, babylonischen oder dem der Azteken. Obwohl die Vorstellungen von einer kosmischen Ordnung auch im arischen Rassebereich auf den ersten Blick verschieden zu sein scheinen, ist doch trotz räumlicher und zeitlicher Unterschiede ein großes, gemeinsames Grundgefüge erkennbar. Gleiches Wissen um ein ewiges Weltgesetz tut sich kund im gestaltgewordenen Erlebnis des germanischen Nordlandes, im grübelnden Versunkensein des vedischen Indien und im feiernden Gebet des grollen, glaubensstarken Ariers Zarathustra.

Von den Weltentstehungsmythen, die uns aus dem arischen Rassebereich überkommen sind, geben Rigveda und Edda die erhabensten Zeugnisse. Fast 2000 Jahre vor dem Beginn der philosophischen Weltbetrachtung in Griechenland stoßen arische Weise in Indien bereits bis an die Grenzen menschlicher Erkenntnis vor, über die hinaus es kein Wissen mehr gibt. Wir können heute nur in Ehrfurcht vor der zwingenden Klarheit arischen Weistums stehen, das sich in all seiner Tiefe im 10. Buch des Rigveda, Kapitel 129, offenbart:

1. „Nicht das Nichtseiende war damals und auch nicht das Seiende; nicht der Luftraum war, nicht der Himmel darüber Was bewegte sich? Wo? In wessen Schutz? War das Wasser, die unergründliche Tiefe?

2. Nicht der Tod war damals und auch nicht die Unsterblichkeit, kein Unterschied war zwischen Nacht und Tag. Das Eine atmete ohne Wind aus eigener Kraft; nichts anderes als dieses gab es.

6. Wer weiß es gewiß, wer kann es hier verkünden, woher sie geboren ist, woher diese Schöpfung stammt? Diesseits sind die Götter von der Erschaffung dieses All. Wer aber weiß, woraus es geworden ist?

7. Woraus diese Schöpfung geworden ist, ob sie erschaffen ist oder nicht? Er, der ihr Aufseher ist im höchsten Himmel, er weiß es gewiß, oder ob auch er es nicht weiß?“

Jedem christlichen Denken wäre diese letzte Frage als ein schwerer frevel und eine Verleugnung der göttlichen Allmacht erschienen. Der arische Geist Indiens kennt keine solche lähmende Fessel, weiß um keine absolute göttliche Offenbarung, die jedes diesbezügliche menschliche Sinnen und Denken von vornherein verdammt. Gleich den Griechen Homers, gleich den Germanen der eddischen Heldenlieder, so tritt auch er mit stolzem Selbstbewußtsein und einer fast heiteren Gelassenheit seinen Göttern gegenüber. Auch er weiß, daß die Götter „diesseits sind von der Erschaffung des All“  und daß sie wie der Mensch einer größeren Weltordnung unterworfen sind. Und diesen letzten Grund der Welt in Worten zu fassen, unterfängt er sich in ganz nach innen gewandter, einsamer Versenkung in die lockenden und verheißenden Gefilde des Geistes. Was am Anfang nicht war, das vermag auch er nur zu sagen. Aber gleich einem Heimatlosen, der es nicht mehr zu deuten vermag, so sucht er und ringt um Erkenntnis, treibt das Wort in die tiefsten Gründe und findet lange vor einem Plato und Aristoteles letzte und oberste Grundbegriffe: atman und brahman — das Eine und das All. — sat und ǎsat — Sein und Nichtsein. So ist gerade unser Text ein bezeichnendes Beispiel für die Abwendung des arischen Indiens von der mythischen und bildhaften Gestaltung des dichterischen Erlebens und der Hinwendung zum grübelnden Verstand, zum abstrakten Begriff.

Das Weltenschicksal in der Edda ist noch echter Mythus, umwoben vom inhaltsschweren Nornenspruch und geheimnisdurchwirkten Gesichten weiser Seherinnen. Wo in Indien schon letztmögliche Helligkeit begrifflichen Denkens ist, da umwittert die Weissugung der germanischen Wölwa das raunende Singen des nordischen Landes, da atmet jedes Wort noch erdhafte Nähe. Gewiß, es sind in Frage und Beantwortung viele verwandte Züge unverkennbar vorhanden, jedoch wirkt „Der Seherin Gesicht“ wie eine machtvolle Musik, brausend in schicksalhaften Akkorden und wiederum flüsternd und von ewigen Dingen leise erzählend — wo sich im arischen Indien nur noch das Wort um letzte Sinndeutung müht.

Mit der Weissagung der Seherin beginnt die Edda. Daran allein schon mag die Bedeutung erkannt werden, die man ihr von alters her zumaß. Versuche dieses Gedicht vom Weltenschicksal in einem aus gänzlich anderen Regionen stammenden religiösen Sinne deuten zu wollen, sind immer wieder gescheitert. Die Weissagung der Wölwa ist keine Religion, und sie will keine sein. Sie ist eine begnadete, mythische Vision einer Zeit, die noch urtümliche Erlebnisbereiche kannte, einer Zeit, die Wäldern und Meeren wabernde Geheimnisse abzulauschen verstand.

Die Seherin berichtet ihre geheime Kunde mit einer Stimme, die allen Lärm gebieterisch verstummen macht und feierliche Stille fordert:

„Ich heische Gehör von den heiligen Geschlechtern,
von Heimdalls Kindern, den hohen und niedern;
Walvater wünscht es, so will ich erzählen
der Vorzeit Geschichten aus frühster Erinnerung.
Zu der Riesen Ahnheer reicht mein Gedächtnis,
die vor Zeiten erzeugt mich haben;
neun Welten kenn ich, neun Räume des Weltenbaums,
der tief im Innern der Erde wurzelt.
In der Urzeit war´s, als Ymir lebte:
da war nicht Kies noch Meer und kalte Woge;
nicht Erde gab es noch Oberhimmel,
nur gähnende Kluft, doch Gras nirgends!“

Welch eine Kluft zwischen dem „Sein und Nichtsein“ des Rigveda und dem „Kies und Meer und kalte Woge“ unseres Gedichts! Dort die Grenzen einsamer Grübeleien des Geistes, hier die erlebten Züge des nordischen Landes! Auf der einen Seite bereits der erste große Versuch einer rein verstandesmäßigen Erlassung eines heimatlos und in jener Umwelt nie heimisch gewordenen Ariertums, auf der anderen die großartige Ausformung von Geschautem und Erlebtem im mythischen und zugleich dichterischen Wort, das noch lebendigste Beziehung zu jenem Grunde zeigt, auf dem es gewachsen ist. Wenn irgendwo, so werden hier am besten die Klüfte ersichtlich, die den arischen Geist in der weiteren Entwicklung verschiedene Wege gehen lassen.

Der germanische Mythus von der Weltentstehung ist ein zeitloses Dokument lebendiger Wechselwirkung von Erleben und Gestalten. Und wie die Seherin zunächst die früheste Vorzeit aus der mythischen Erinnerung heraufbeschwört, so entrollt sie im folgenden Zug um Zug ein grandioses Weltbild vor unseren Augen, ein Weltbild, aus dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft mit unerbittlicher Notwendigkeit folgern. Götter und Menschen entstehen, ein Schaffen und Bauen ist’s, — und „da kam auch Krieg in die Welt“, eine Tatsache, mit der es sich heldisch auseinanderzusetzeu gilt. Mutet es zunächst an, wie wenn der Werdeprozeß der Welt eine großartige Symphonie in Dur ist, so flicht die Seherin bald die ersten Mollakkorde hinein. Sie ahnt das Unheil, das niemand abzuwenden in der Lage ist. Götter- und Weltendämmerung zieht herauf. Die Götter rüsten, und es rüsten die Menschen, in unnachahmlicher Weise deutet die Wölwa die untrüglichen Anzeichen des bevorstehenden Endes:

„Es befehden sich Brüder und fällen einander,
die Banden des Bluts brechen Schwestersöhne;
arg ist´s in der Welt, viel Unzucht giebt es –
Beilzeit, Schwertzeit, es bersten die Schilde,
Windzeit, Wolfzeit, eh die Welt versinkt –
nicht einer der Menschen wird den andern schonen.

Die Sonne wird schwarz, es sinkt die Erde ins Meer.
Vom Himmel fallen die hellen Sterne;
es sprüht der Dampf und der Spender des Lebens,
den Himmel bedeckt die heiße Lohe.“

Götter- und Weltendämmerung. — das ist der kühnste arische Gedanke. Er erst vollendet den Mythus der Weltentstehung und läßt das großartige Werden in einem ebenso gewaltigen Vergehen ausklingen. Eine fertige, geschaffene und dann sich selbst überlassene Welt kennt arischer Geist ebensowenig wie ein Jüngstes Gericht. Welt ist ihm vielmehr „ein aus sich selbst rollendes Rad“, sinnhaft gedeutet im Symbol des Hakenkreuzes. Vedische Texte heißen die kosmische Ordnung auch oft „das große Rad des Werdens“, das schicksalerfüllt unaufhaltsam weiterrollt. Götter- und Weltenuntergang ist selbst auch kein letztes Ende, dem ein Leben in was auch immer für einem Jenseits folgt.

Leitgedanken

Eine Weltgeschichte in einem Bande.

Die Religion ist in ihrer äußeren Form, in der sie ins öffentliche Leben tritt und auf die Welt einwirkt, ein Teil der Kultur, und das Werden der Kultur ist ein Teil der Geschichte. So fügt sich der Kampf der Weltreligionen in die politische und kulturelle Entwicklung ein.

Der Buddhismus breitet sich in der Zeit Asokas nach drei Richtungen zugleich aus, nach Barma, nach dem Dekhan und Ceylon, endlich nach Kabul. Seit der Zeit Christi beginnt er im Tarimbecken und bald darauf in China einzusickern sowie nach Ostiran vorzudringen. Die Spaltung in die Lehren des kleinen und großen Wagens fand 192 n. Chr. statt. Ein beträchtlicher Teil Barmas war schon in den 380 er Jahren für den kleinen Wagen gewonnen. Das sumatranische Reich Kandari hatte 515 einen buddhistischen König. In China wurde das erste Duldungsedikt für den Buddhismus 451 erlassen. Dreitausend indische Buddhisten waren 510 im Reich der Mitte, und 630 zählte man dort schon 3716 Klöster. Im nordkoreanischen Reiche Koguryu tritt die Predigt Gautamas 374, in Silla erst um 500 auf. Japan sah die ersten Jünger Gautamas 552 und eine größere Ausdehnung ihrer Lehre seit etwa 590. Das siebente Jahrhundert ist für den Buddhismus zugleich das Zeitalter seiner weitesten Ausdehnung und seiner höchsten inneren Blüte in Indien und Mittelasien. Tibet eröffnete sich dem großen Wagen 632. Dieselbe Form des Buddhismus fand auf Java Anerkennung, namentlich in dem Reiche von Borobudor. Gegen 650 ist eine buddhistische Theokratie in Merv. Um und seit 700 erreichte die Nirwanalehre die Chazaren nördlich vom Kaukasus.

Trotz der friedlichen Anlagen der buddhistischen Weltanschauung sind deren Träger doch sehr oft einander in die Haare gefahren. Häufig wird die Sanftmütigkeit und Friedensliebederer, die an das „Licht Asiens“ glauben, in einen beschämenden Gegensatz zur Zänke- und Ränkesucht der Christen gestellt. In Wahrheit sind auch die buddhistischen Kirchen und Sekten von Kabalen und Streitigkeiten jeder Art stets erfüllt gewesen. Die Gehässigkeit der gegenseitigen Sekten erreichte einen solchen Grad, daß, genau so wie auf den Räubersynoden der Griechen und bei den Albigenserzügen Frankreichs, auch in der buddhistischen Welt gar nicht selten die frommen Mönche ihren Leib mit weltlichem Rüstzeug versahen und mit dem Schwert in der Faust aufeinander losgingen. In Japan gab es Klöster, deren Abt sich tausend und mehr solch bewaffneter Mönche hielt. Auch verstand es die Kirche im fernen Osten genau so gut wie im fernen Westen, weltliche Besitztümer und Schätze an sich zu bringen, und das bedrohliche Anwachsen der Reichtümer der „toten Hand“ war es denn auch, das frühzeitig das bracchium saeculare zum Eingreifen trieb. In China wurden 714 zwölftausend Bonzen säkularisiert. Trotzdem wurde um 770 der Buddhismus wieder sehr stark, und 819 wurden die Knochen Buddhas mit großer Feierlichkeit eingeholt. Nun hetzten aber die Taoisten gegen ihre Rivalen, die es auf 44660 Tempel und Klöster gebracht hatten. Die Agitation, die von 841 bis 845 währte, hatte Erfolg. Die Tang erließen ein Einschränkungsedikt gegen den Buddhismus. Dreißigtausend Mönche wurden zur Arbeit gezwungen. Dagegen erstarkt der Taoismus und begründet 1118 eine feste Hierarchie mit einem Papst an der Spitze. In der Folge haben sich Buddhismus und Taoismus zu einem schier unlösbaren Ganzen verschmolzen.

Ebensowenig ist in den anderen Ländern die reine Nirwanalehre zur Herrschaft gelangt. Sie wurde überall von den urangestammten Volksanschauungen und den Landeskulten unterwühlt, umgestaltet und nicht selten in ihr Gegenteil verkehrt. In Hinterindien und Australasien hatte sie mit Schlangen- und Dämonenverehrung und dem Schiwaismus zu kämpfen, in Tibet mit der rohen Naturreligion Bon, in Japan mit einem lebenslustigen , farbenprächtigen Polytheismus, der ungefähr das Gegenteil von der Abtötung des Fleisches darstellte; überall mit der naiven Sinnlichkeit der Massen und einem mehr oder weniger ausgeprägten Fetischismus.

In Indien selber waren die fremden Einflüsse, die der Buddhismus erlitt, so übermächtig, daß derselbe zuletzt in ihnen ganz versank. Eine Mischreligion kam auf, in der Zeit vom 8. bis 11. Jahrhundert, der Hinduismus, in dem theoretisch die Lehre der Brahmanen den Ausschlag gab.

Ganz und gar in anthropomorphe Gestalten wurde der Buddhismus in Tibet gezwängt, überall aber im Norden zu einer derartigen Aufnahme von Lokalgottheiten veranlaßt, daß dort das größte Pantheon der Erde entstand. Man spricht dort von Lamaismus.

Das Christentum war um 200 schon in Südarabien, Edessa, Mesopotamien und wahrscheinlich in Persien. Die Träger der östlichen Ausbreitung waren Jakobiten und Nestorianer. Vorläufer der Christen waren Manichäer und Juden. Mani soll Missionare nach Indien und China abgeordnet haben. Ein nestori-anischer Bischofssitz war 330 in Merw, ein anderer 490 in Oman (Südostarabien). Das Christentum gewann weiter Armenien und Iberien sowie seit dem sechsten Jahrhundert die Kaukasushunnen. Es faßte in Indien seit 370 Fuß, um seit dem sechsten Jahrhundert eine stärkere Tätigkeit zu entfalten. Zu Justinian kamen christliche Mönche aus China. Auch sollen damals schon Metropolitane in Herat, Samarkand und China gewesen sein. Nach der arabischen Eroberung Transoxaniens kamen auch wieder die orthodoxen Syrer, die Melkiten, in Asien auf und verbreiteten sich nach Persien und Mittelasien. Genau aber wie einst die Sassa-niden, so begünstigten auch die Kalifen aus politischem Gegensatz zu Byzanz die Nestorianer und ordneten ihnen die Melkiten unter.

Bestimmt nachweisbar ist die Ankunft von Nestorianern in China erst 635. Die Führung der Ankömmlinge hatte der Syrer Olo-pun, der von Taitsong gut empfangen wurde. Gerade wie die Juden sich immer nach den Hauptstädten ziehen, so war das Ziel der nestorianischen Wanderung die Residenz des Himmelssohnes selber. In Sianfu entstand eine große nestorianische Gemeinde. Sie erhielt von den Tang ein Duldungsprivileg, das in den Denkstein von Sianfu 781 eingemeiselt wurde. Die Christen hatten nämlich einen solchen Zulauf, daß sehr bald eine Bewegung gegen sie entstand; 699 und 713 brach zeitweilig eine Verfolgung gegen sie aus. Daher die Notwendigkeit eines Toleranzediktes. Infolge der Duldung wuchs ihre Zahl aber wieder so an, daß 845 die Tang ein Edikt gegen das Uberhandnehmen der christlichen Kirchen erließen. Die Christen wurden dabei mit den Buddhisten in einen Topf geworfen, offenbar weil sie sich diesen inzwischen angenähert und angeähnelt hatten. Es wurden damals 260000 nestorianische Mönche und Nonnen und 3000 Klöster eingezogen.

Bei den Türken wurde das Christentum anscheinend durch Manichäer verbreitet. Gewisse Erfolge hatten christliche Send-linge bei den Chazaren, bei denen ja auch der Slawenapostel, Method, einige Zeit weilte. Im Jahre 800 soll Timothius, Patriarch der Nestorianer — die Residenz dieser Patriarchen war seit 762 Bagdad, wo der Kalif unmittelbare Kontrolle über das von ihm anerkannte Oberhauptder östlichen Christenheitausüben konnte — einen Kakan der Türken bekehrt haben. Derselbe Timothius schickte einen Metropoliten nach China. Auch ein nestorianischer Uiguren-Apostel, Modza, der um 800 in China wirkte, wird namhaft gemacht. Seit dieser Zeit ist das Christentum im nördlichen Mittelasien fest eingewurzelt. In Talas (heutige Provinz Semirjetschensk) gab es 893 eine Hauptkirche, die von den erobernden Mohammedanern in die Hauptmoschee umgewandelt wurde.

Samarkand blieb auch unter den moslimischen Türken der Sitz eines nestorianischen Metropoliten. Im Jahre 1007 erfolgte durch den Einfluß nestorianischer Kaufleute die Bekehrung der Keraiten zum Christentum, darauf sandte der Metropolit von Merw Priester in die Mongolei zu ihnen. Später wurden auch die mongolischen Naiman bekehrt. Nicht minder hatte bei den Guzen die Lehre Christi zahlreiche Anhänger. Diese Tatsachen, in den Fokus einer einheitlichen Betrachtung gesammelt, veran-laßten die Legende von dem Königreich des Priesters Johannes.

Der Islam eroberte, nachdem er einmal in Arabien die Herrschaft errungen, in nur 30 Jahren ganz Vorderasien. Seit 660 dringt er in Turkestan und Sindh ein, ohne jedoch vorläufig dort viel zu bedeuten. Die späteren Fortschritte sind weit langsamer. Nach China kommt der Islam zuerst 754. Die Türkenwelt wird seit 900 für ihn gewonnen. Das Pendschab ernstlich seit 820, das Gudscherat seit 835, das übrige Indien seit 1000. Mohammedaner gibt es im zehnten Jahrhundert auf Sumatra und in Korea. Im Westen versucht es der Islam, aber ohne großen Erfolg, Armenier, Kaukasusvölker, Madjaren und Slawen zu bekehren. Mohammedanische Kaufleute verkehren in Prag und bereisen Deutschland. Zu verschiedenen Zeiten, um 740, um 860, um 950 erwirbt der Prophet Jünger bei den Chazaren, 922 werden die Wolga – Bulgaren seine Anhänger. 780 und dann wieder 1000 berührt seine Lehre Westtibet.

Als die jüngste Religion war der Islam die unduldsamste. Ungläubige beließ er nur, weil sie allein oder doch viel größere Steuern zahlten als die Moslime. Halt, Bedeutung und Dauer erhielt die neue Religion erstdadurch, daß sie die Perser gewann.

Die Zarathustrier oder Mazdäer hatten 621 und 677 die Erlaubnis erwirkt, in Sianfu einen Tempel zu errichten. Sie waren in China und bei den Türken bis ins zehnte Jahrhundert eine Macht. Überall aber suchte der Islam sie zu vertilgen.

Ich muß gestehen, im Grunde ist mir das Verhalten der Perser immer unerklärlich geblieben. Es sind keine Semiten. Es sind Empörer gegen den Islam. Sobald es nur irgend anging, haben sich einheimische iranische Dynastien gegen die Kalifen erhoben. Die Lehre von der Wiedergeburt, von dem verborgenen Imam, ist arisch und den Gedanken Mohammeds fremd, wenn nicht entgegengesetzt. In Persien endlich hat sich die Lehre der Sufi aufgetan, eine völlige Durchbrechung und Verneinung des Islams. Und dennoch sind die Perser heutigen Tags viel fanatischer als Araber und Türken. Ein Sejjid, ein Abkömmling des Propheten, gilt dreimal mehr in Persien, als irgendwo sonst. Wenn ein Europäer aus dem Glase eines Schiiten getrunken hat, so wird der erzürnte Gläubige es meist zerbrechen. Unmöglich für einen Europäer, ein Perserweib anzusprechen, geschweige mit ihr zu verkehren. In Marokko, das als das unduldsamste der islamischen Länder verschrien ist, geht Becher und Pfeife ohne weiteres zwischen Gläubigen und Ungläubigen von Mund zu Mund, und ist der gedachte Verkehr an der Tagesordnung. Man hat allerdings in Persien Unterschiede zu machen. Die Kurden sind religiös gleichgültig. Von den Persern sind die Massen fanatisch, die Vornehmen und Gebildeten, die aber nur eine sehr geringe Zahl darstellen, stellen sich freundlicher zu den Europäern als selbst, mit Ausnahme der ganz großen Städte, die vornehmen Türken, die in Sachen des Glaubens mehr mit dem Volke verwachsen sind. Am ehesten könnte man noch dadurch sich die seltsame persische Anschauungsweise erklären, daß man annähme, die überwiegende Menge der Bevölkerung gehe auf alarodische Rassen und nur ein kleinerer Bruchteil auf reine Arier zurück.

Wie in der christlichen Welt, so ist auch in der islamischen die Sekten mit der Staatsbildung innig verquickt. Die Hauptspaltung entstand 661 durch die Kluft zwischen Sunna undSchia. Die Perser und ihre iranischen Nachbarn wurden Schiiten, Araber und Türken und die meisten Inder sind Sunniten. Der Zwiespalt der verschiedenen Sekten trug nicht wenig zum Zerfall des Kalifates bei.

Entstand bereits die Kluft zwischen Sunna und Schia aus Rassenverschiedenheit, so taten sich solche noch merklicher seit dem Aufkommen der Turanier hervor. Türken und Mongolen waren, nachdem ihre erste Gleichgültigkeit überwunden, glaubenseins mit den Arabern, aber fügten ihnen viel mehr Leides zu, als die ursprünglich im Glauben abweichenden Perser. Ebenso hatten und haben die chinesischen Mohammedaner fast nichts mit den arabischen gemeinsam, obwohl keine Ketzerei hemmende Schranken errichtete.

Das Judentum gewann um 50 n. Chr. Adiabene und seit dem dritten Jahrhundert Teile Arabiens und Mesopotamiens. Es setzte sich am Nordpontus und im Kaukasusstaate Dschundar fest und errang großen Einfluß in Iran. In der zweiten Hälfte des achten Jahrhunderts nahm der Adel der Chazaren Schrift und Religion der Juden an. Indien beherbergte Israeliten seit dem vierten Jahrhundert und zwar besonders in Trawankor, China seit dem ersten Jahrhundert in Sianfu. Im achten Jahrhundert waren jüdische Kaufleute sehr zahlreich in Hangtschoufu. Eine Synagoge wurde 956/8 in Kaifengfu gebaut, eine andere ebendort 1163. Marco Polo traf zahlreiche Enkel Abrahams in China und der Mongolei.

Seit 500 trat die jüdische Literatur aus der talmudischen Periode in das Zeitalter des Targum und der Mischna. Staatliche Organisation hatten die Juden in den Ländern des Islams und der Franken keine mehr; sie gehorchten geistigen Führern, die eine Reihe von Geschlechtern hindurch der Sippe der Gaonäer entsproßten. Die Juden nahmen regen Anteil an der philosophischen Bewegung der Zeit, übersetzten viele Werke griechischer Weltweisen und ließen sich auch von iranischen Spekulationen und gnostischen Emanationsphantasien beeinflussen, aus denen schließlich die Kabbala hervorging. Das Hauptbuch der Kabbala, Sophar, erschien zwar (im elften Jahrhundert) in Spanien, seine Wurzeln aber sind in Iran. Im übrigen äußerte sich die Bedeutung der Juden mehr in Handel, Arzneikunde, Ubersetzertätigkeit und in diplomatischen Sendungen, als in einer Einwirkung auf die rivalisierenden Glaubenssysteme. In China vollends sind die Juden zuletzt ganz Jin der Masse des sie umgebenden Volkes aufgegangen. Es hat allerdings lange genug gedauert, die Aufsaugung der letzten Reste geschah gerade ein Menschenalter vor der Ankunft europäischer Juden, die sich jetzt vergeblich um das Wiederanfachen der erloschenen Funken bemühen. Immerhin ist China das einzige Land der Erde, welches das schwierige Aufsaugungsexperiment fertig gebracht hat.

So ziemlich in ganz Asien trafen die vier Weltreligionen aufeinander. Der Hauptkampf fand in der Periode, die uns in dem gegenwärtigen Abschnitt beschäftigt, im frühen Mittelalter, auf der Linie statt, die sich vom Kaukasus und der Wolga zum Ili hinzieht. Es handelte sich vor allem um die Türkvölker. Um sie stritten Buddhismus und Islam, Juden- und Christentum, außerdem noch das den Sturz der Sassaniden überlebende Mazdatum. Gegen 730 scheint der Streit am intensivsten gewesen zu sein. Der Buddhismus weicht dann zurück, und die semitischen Religionen gewinnen an Boden. Seit 900 dringt der Islam auf der ganzen Linie vor. Er faßt an der mittleren Wolga Fuß, um sich dort ungebrochen acht Jahrhunderte und in Resten bis zur Gegenwart zu behaupten. Er verbreitet sich bis zur Krim, wo er ebenfalls bis heute andauert, und zum Dnjestr. Er bedroht demnach schon ein halbes Jahrtausend vor den Osmanen Europa auf der ganzen östlichen Flanke. Ohne Zweifel hätte er auch die haltlosen Slawen erobert, von denen einige schon den Chazaren gehorchten, aber hier griffen Germanen und Griechen ein und zwangen den Slawen das Christentum auf. So wurden notgedrungen die Slawen ein Vorwerk der Christenheit gegen den Islam. Sie verhielten sich jedoch fast lediglich passiv und sahen zu, während die Kreuzfahrer den Islam im eigenen Lande, in seinen Hauptzitadellen aufsuchten. Im wesentlichen beschränkten sich die Slawen darauf, die heidnischen Finnen und Litauer innerhalb des eigenen Gebietes zu bekehren : einVorkampf für dieheiligsten Güter Europas gegen den Orient lag nicht in ihrem Geschmack, für Kreuzzüge hatten sie nichts übrig. Erst Iwan III. Wassiljewitsch ging (im fünfzehnten Jahrhundert) aggressiv gegen Orient und Islam vor.

Zugleich mit dem völligen Anfall der Chazaren, 900, die durch das Versprechen, vollzählig zum Islam überzugehen, die Hilfe der Khowaresmier gegen die Madjaren erlangt haben sollen, beginnt das Tarimbecken mohammedanisch zu werden, bestimmter gehören aber die Türkvölker zum Islam erst seit 1050. Jetzt verschwindet der Buddhismus. Dagegen erhält sich das Christentum bei den Türkvölkern bis um 1330. Darnach sind diese alle moslimisch.

Als ein Hauptgrund für den Untergang des Christentums in Ost- und Nordasien wird der Zwiespalt ihrer Sekten angegeben. Die Sendlinge der römischen Kirche hätten sich gegen das ansässige Christentum, das allerdings vielfach mit buddhistischen Formen verquickt war, feindselig benommen. Das scheint wenig stichhaltig, wenn man bedenkt, daß auch die anderen Religionen in zahlreiche Sekten zerspalten waren. Der Hauptgrund wird doch wohl in dem erwachenden staatlichen Argwohn des fernen Orients gegen das Abendland, mit dem es eigentlich jetzt erst recht bekannt geworden, zu suchen sein.

Nicht selten endet der Kampf der Weltreligion in einem Ausgleich. Nicht leicht fürwahr ist es in so manchem Falle zu entscheiden, ob taoistische, ob buddhistische Zeremonien vorliegen. In Indien soll es an der Tagesordnung sein, daß jemand am Freitag in die Moschee geht und an einem anderen Wochentage den brahmanischen Göttern seine Aufwartung macht. In China soll es sogar Vorkommen, daß dem Buddha, Mohammed und Konfuzius ein und dasselbe Individuum abwechselnd seine Verehrung zollt.

Ein Ausgleich ist auch darin zu finden, daß ab und zu die gleiche religiöse Erscheinung sich in den verschiedensten Religionen offenbart. So ging vom elften Jahrhundert an ein pantheistischer Zug durch die Welt. Er scheint von Iran ausgegangen zu sein. Die Lehre von der Inkarnation ist indo-iranisch; mit ihr verbanden sich kommunistische Anschauungen. Frauen- und Gütergemeinschaft hatte im sechsten Jahrhundert Mazdak gelehrt. Auf ihn gehen die Ismaeliten zurück. Es sind Atheisten, Religions- und Menschenverächter und Selbstvergötterer. Aus den Reihen der Ismaeliten geht Darasi hervor. Er stiftete nach 1017 die schwärmerische Sekte der Drusen. Unter ismaelitischem Einflüsse steht die ganze Dynastie der ägyptischen Fatimiten. Um dieselbe Zeit entsteht die Freimaurergilde der Sufi. Um 1090 fallen die Anfänge der sufisch gefärbten Assassinen. In seiner höchsten Entwicklung war der Sufismus zu der Lehre gelangt, daß ein vollkommener Mensch Gott selber sei, daher sei ihm auch alles erlaubt. Er kann sich des Lebens auf jede Art freuen, kann trinken, kann lieben, er kann auch jegliches Verbrechen begehen. Er ist jenseits von Gut und Böse. Er ist nicht nur gleich Gott, sondern er ist Gott selber, der ..ja aus eigener Macht Gesetze schafft, der sich selber Gesetz ist. Ähnliche Erscheinungen tauchen in Indien auf; vor der bhakti, der Gottesliebe, erblassen alle anderen Tugenden.

Die bhakti, vereinigt mit der Askese, führt zur mystischen Gotteinheit. Das Glück der Gottgeeinten äußert sich in Gesang, Musik und Tanz. Der Doppelnatur der Gottheit entsprechend war auch deren weibliche Seite mit einbegriffen. Das führte zu einem Dienst des Weiblichen, führte zu orgiastischen Feiern. Schon im zehnten Jahrhundert ungefähr lehrten die Schiwaiten von Kaschmir den Sieg über die Illusion, als sei unsere Seele von Gott verschieden. Um 1200 entsteht die schiwaitische Sekte der Sittar. Sie lehrt, daß durch Elixiere der Leib sich in ein unzerstörbares Wesen verwandle. Die Seele ist erlöst; wonnetrunkene Hymnen dieser Sekte erinnern stark an die Dichtungen der Sufi. Kenner haben denn auch eine Entlehnung aus sufischen Kreisen angenommen. Ähnliche pantheistische Lehren tauchen 1270 in Japan, 1300 in Deutschland auf.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung

Männer; Völker und Zeiten

Eine Weltgeschichte in einem Bande.

Jedoch zurück zu den athenischen Unternehmungen! Alkibiades wurde wegen eines kindischen Skandals, der nicht recht aufgeklärt worden ist, zurückberufen, um vor Gericht gestellt zu werden; er zog es jedoch vor, in die Verbannung zu gehen und zwar nach Sparta. Dort hetzte er die Spartaner auf und vermochte sie dazu, ebenfalls ein Heer nach Sizilien zu senden. Die glänzende Flotte der Athener und ihr Heer wurde vor Syrakus vernichtet, und der Aufschwung Athens war abermals geknickt. Alkibiades konnte sich jedoch bei den Spartanern ebenfalls nicht halten, von denen er auf Schritt und Tritt beargwöhnt wurde, und entfloh zu den Persern. Als jedoch die Not im athenischen Reiche aufs höchste gestiegen war, da knüpfte man wiederum Verhandlungen mit Alkibiades an. Er ging bereitwillig darauf ein. Und siehe da! in wenigen Monaten war die Sachlage in ihr Gegenteil verkehrt, und waren die Spartaner so verzweifelt, daß sie eine Botschaft nachhause schickten:

„Glück dahin. Mindaros (der Admiral) ist tot. Es hungern die Männer. Wissen nicht was tun.“

Alkibiades hielt einen glänzenden Einzug in seine Heimat, wo er wie ein Halbgott gefeiert wurde. Allein wiederum wendete sich das Geschick. Zum Teil war Alkibiades selbst daran Schuld. In ein nächtliches Liebesabenteuer verstrickt, war er nicht zur Stelle, als die Gegner zum Angriffe nahten. Die erzürnten Athener setzten Alkibiades sofort ab. Natürlich kann man auch bei den Athenern eine solche Wetterwendischkeit nicht billigen. Denn welcher Feldherr hätte nicht auch einmal eine Dummheit gemacht? Jedenfalls schied Alkibiades wiederum aus und verblieb nunmehr bis an sein Lebensende bei den Persern. Die Athener erfochten trotzdem noch einen glänzenden Sieg 406 bei den Arginusen, aber die Thörichten setzten die eigenen Admiräle — weil sie die auf den Wracks umherschwimmenden schiffbrüchigen Soldaten nicht gehörig aufgelesen hätten — in Anklagezustand und verurteilten sie zum Tode. Nur ein Jahr später brach dann endgültig das Verderben über Athen herein. Lysander, der spartanische Feldherr, schlug die athenische Flotte bei den Ziegenfiüssen in den Dardanellen 405 aufs Haupt, fuhr dann nach Athen und zwang die Stadt zur Ergebung. Damit war der peloponnesische Krieg, der fast 30 Jahre gedauert hatte, beendet.

Thukydides hat diesen Krieg für das bedeutendste Weltereignis erklärt, das überhaupt in der Weltgeschichte stattgefunden habe. Wir urteilen kühler. Wir können uns der Einsicht nicht verschließen, daß jene Katzbalgereien doch recht wenig für die Entwickelung der Welt zu bedeuten hatten, ja daß sie nicht einmal in dem Leben der Griechen selbst Epoche gemacht haben. Gewiß, einstweilen war die Macht und die staatliche Blüte Athens dahin.

Daß der peloponnesische Krieg nur eine vorübergehende Episode war, geht auch daraus hervor, daß der weit wichtigere Kampf gegen Persien sofort wieder aufgenommen wurde. Die Verhältnisse lagen dazu ausnahmsweise günstig. Es war nämlich im Aehämenidenreiche ein Thronstreit entstanden. Ein jüngerer Bruder Cyrus wollte gegen seinen älteren Bruder, der den Thron des Großkönigs einnahm, zu Felde ziehen, um sich selbst die Königstiara aufzusetzen. Zu dem Ende nahm Cyrus 10000 Griechen in Sold, und marschierte mit ihnen 401 von Sardes gegen Susa. Mehrere Tagreisen vor Susa, stieß er indes auf das Heer seines Bruders, des Artaxerxes, bei Kunaxa. Die Sache ging für Cyrus ganz gut, aber er ließ sich durch sein jugendliches Ungestüm dazu fortreißen, selbst an dem Handgemenge teilzunehmen, und kam darin um. Hierauf gingen seine persischen Truppen zu Artaxerxes über. Die Griechen waren nun in übler Lage. Sie ließen sich daher zu Verhandlungen bereit finden. Da geschah ein Treubruch von seiten der Perser, wie er auch noch in der Gegenwart leider nur zu oft zu verzeichnen ist: Die Führer, die zu friedlicher Verhandlung gekommen waren, wurden meuchlings ermordet. Trotzdem wollte sich die führerlose Schaar der 10000 nicht ergeben. Sie faßte den Entschluß, den Weg nach der Heimat zurück zu erzwingen, und siehe da, was niemand erwartet: aus unzähligen Fährnissen, aus dem Herzen des dichtbevölkerten Perserreiches heraus hat dies Häuflein von Griechen sich retten können! Viel trug zur Rettung bei, daß sie die großen Weltstraßen vermieden und sich seitwärts in schwer zugängliche, dem Großkönig selbst nur ungern gehorchende Gebirgsgegenden schlugen. Die Zehntausend gingen den Euphrat aufwärts, setzten in Keleks, Fahrzeugen, die in der Hauptsache aus aufgeblasenen Ziegenhäuten bestanden, über den Strom und flüchteten sich in die Alpen Kurdistans. Dort waren sie hinfort vor den Truppen des Großkönigs sicher, dafür hatten sie eine ununterbrochene Reihe von Gefechten gegen die wilden Gebirgs-vÖlker, Kurden, Chalyber, Drilen zu bestehen. In der Nähe von Trapezunt erblickten sie wieder das Meer.

Die Hauptaufgabe, der Kampf gegen die Perser, wurde hiernach jedoch auf Jahrzehnte hinaus vernachlässigt. Schuld daran waren die Spartaner. Sie gaben im Frieden des Antalkidas 387 die griechischen Rechte schnöde preis. Wiederum tobte sich die Kraft der Griechen in unnützen und verheerenden Bürgerkriegen aus. Athen hatte sich zwar einigermaßen wieder erholt. Zur alten Vormachtstellung konnte es jedoch nicht wieder aufsteigen; es schloß sogar ein Bündnis mit Sparta. Dafür errangen jetzt, unter Pelopidas und Epaminondas, die Böotier die Führung. Sie siegten bei Platää und Mantinea (362) über die Spartaner. Wenn aber zwei sich streiten, freut sich der Dritte. Der Gewinnende bei den Bruderkriegen der Hellenen war der Mazedonenkönig Philipp.

Die Mazedonier waren ursprünglich keine Arier, genau wie die Bewohner von Hellas. Später wurden die Mazedonier oberflächlich arisiert, allein die Oberschicht war viel dünner als bei den Hellenen. Das so entstandene Volkstum war von dem griechischen so weit entfernt, wie etwa das französische von dem deutschen oder zum mindesten so viel wie die Dänen von uns. Das Herrschergeschlecht jedoch scheint griechischen Ursprungs gewesen zu sein. Philipp besetzte in unermüdlicher Arbeit Nordgriechenland. Er war ein Wühler und Bohrer, mehr Diplomat als Feldherr. Er wirkte lieber durch Gold als durch Schlachten. Sein Hauptgegner war der Redner Demosthenes. Er wollte noch einmal die Athener zu heißerVaterlandsliebe entflammen, wollte sie zu entscheidender Tat anstacheln. Er stieß dabei auf den Widerstand des Phokion. Das war ein sauertöpfiger Pessimist, der nicht mehr an die Zukunft des eigenen Volkes glaubte. Die Demokratisierung Athens hatte immer weitere Fortschritte gemacht. Allein statt die Massen zu Staatsgefühl, zu einem verantwortlichen Anteil an den Geschäften zu erziehen, hatte sie im Gegenteil nur das bewirkt, daß die Massen den Staat als eine melkende Kuh ansahen, daß sie an der Staatskrippe möglichst viel und möglichst gutes Futter zu ergattern trachteten. Eine verderbliche Friedensliebe machte sich breit. Man wollte nur noch erwerben und genießen. Wenn es aber galt, für die Freiheit und Unabhängigkeit einzutreten, wenn man Strapazen und Wunden für das Vaterland ertragen sollte — ja, da waren die biederen Athener nicht zu haben. Phokion traf also eigentlich den Nagel auf den Kopf. Er vermeinte, daß seine Mitbürger schon so verrottet seien, daß ihnen schlechterdings nicht mehr zu helfen wäre, und er erwartete das Heil nur noch von außen. Neben Demosthenes arbeitete auch ein anderer Staatsmann umsonst daran, die Athener zur Erkenntnis ihrer Lage zu bringen: Isokrates. Isokrates steht an der Schwelle eines neuen Zeitalters. Er will die vielzerklüfteten, stets unter sich uneinigen Hellenen zur Einheit bringen. Er erfand einen neuen Begriff, das Allgriechentum. Also einen Zusammenschluß aller die gleiche Sprache redenden Stämme, wie sie in unseren Tagen das Alldeutschtum und das Allangel-sachsentum anstrebt. Isokrates ging aber noch einen Schritt weiter. Nicht nur alle, die als Griechen geboren waren, sondern alle, die griechischer Erziehung teilhaftig geworden, begrüßte er als Freunde und Brüder. Nicht gemeinsame Rasse schwebte ihm als Einigungsmittel vor, sondern die gemeinsame Sprache und Bildung. Das ist ein sehr bedeutsames Unterscheidungsmerkmal. Damit war für alle Nachbarn, die dem Einfluß der griechischen Umwelt günstig gesinnt waren, für die Mazedonier in erster Linie und dann für die halbalbanischen Epiroten (Bewohner von Epiros, gegenüber dem heutigen Korfu), für halbgräzisierte Lyder, Karer und andere Kleinasiaten, sowie auch Fremdstämme in Unteritalien und auf Sizilien, die Möglichkeit gegeben, mit dem Griechentum zu verschmelzen. Für die Griechen, die bereits durch Uberfeinerung üppig und schlaff geworden, hatte das den Vorteil, daß ihnen neue ungebrochene Kräfte zugeführt wurden; freilich auch den Nachteil, daß dadurch ihre Kultur vergröbert und getrübt wurde und daß die Gefahr einer charakterlosen Mischung entstand. Die Mazedonier waren der hellenischen Bildung ebenfalls schon gewonnen. Philipp war deren Freund. Den Sohn, den ihm eine albanische Frau, Olympias, geschenkt, Alexander, übergab er dem größten Philosophen seinerZeit, dem Aristoteles, zur Erziehung.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms

Männer; Völker und Zeiten