Schlagwort: Ariovist

Über dem Beginn der griechischen Geschichte steht wie ein Morgenrot die homerische Poesie.

Hellenische und asiatische Fürsten verlassen ihre schimmernden Stadtpaläste, um zehn Jahre hindurch auf dem Gefilde zwischen dem schiffbedeckten Gestade, Priams hoher Feste und dem waldigen Idagebirge um schöne Weiber, Waffen, Schätze und Ruhm mit einander zu ringen. Dann fahren sie von Trojas rauchenden Trümmern in ihren dunklen Schiffen heim, manche von Insel zu Insel, von einem Abenteuer zum andern verschlagen, bis in die Tiefe des Hades hinab. Über alles ragt der Berg Olympos, auf dessen Gipfel unter Vater Zeus Lenkung die glanzvolle Götterfamilie wohnt, ewig und selig und doch oft von Liebe und Haß unter sich entzweit und in Liebe und Haß dem Treiben der Sterblichen dort unten zugewandt. So schwingen sie sich denn auch hilfreich oder verderblich zu ihnen herab oder empfangen droben den Fettdampf ihrer reichen Schlachtopfer oder die Gebete, die aus einfachen Tempeln zu ihnen aufsteigen. Auf einer nicht weiten und fest umrissenen Bühne, den Wogen und Inseln und Küsten des östlichen Mittelmeers, bewegen sich diese Menschen und diese Götter, nach Alter und Geschlecht, Geburt und Schicksal, Wuchs und Gemüt, Rang und Beruf scharf von einander geschieden. Ihre klare, milde, freie Schönheit, die reife und doch so frische Frucht einer langen Kultur, erquickt uns fremde Ungläubige noch heute, und ihr phantastisches Bild schwebt noch heute uns vor Augen wie eine zwar zerronnene, einst aber lebendig gewesene Wirklichkeit.

Und nach Homer verkündeten den Glauben an diese Wunderwelt und viele andere Götter und Dämonen und ihre mannigfachen Schicksale, Dienste und Feste Hunderte von hochbegabten Dichtem, Geschichtschreibern, Reiseschriftstellern und fast lauter noch zahllose Baumeister, Bildhauer und Vasenmaler durch unvergleichliche Werke, jeder in seiner, jeder aber in echt griechischer Weise. Schier unerschöpflich fließen die reinen Brunnen hellenischer Überlieferung.

Der Urkundenschatz unsrer germanischen Mythologie ist weit ärmer an alten, vollen heimischen und echt heidnischen Zeugnissen und ist untermischt mit viel fremdem Gut. Denn er ist bunt zusammengesetzt aus Berichten römischer Offiziere, Inschriften fremder Steinmetzen, Straf- und Bußparagraphen kirchlicher Synoden und Mönchsorden und aus Anekdoten christlicher Bekehrungsgeschichten, aus deutschen Zaubersprüchen, nordischen Götterliedern und isländischen Romannotizen, aus noch heute nicht verschollenen Sagen und still geduldeten Bräuchen unsrer Bauern. Es fehlt ein klares, echtes zusammenfassendes Bild, denn die altnordische Völuspa, die von der Götterdämmerung singt, ist voller Rätsel und noch dazu aus christlichen Ideen erwachsen; es fehlt auch fast völlig der Schmuck der Bildnerei. Aber überall, wo er nicht zu stark verschüttet ist, bricht auch aus germanischem Boden ein reicher Strom von Glaubenspoesie hervor, die denn doch trotz aller Renaissance und allem Humanismus uns oft tiefer ergreift als alle andre Heidenpracht, weil sie aus einem Geist geboren ist, von dem wir noch immer einen Hauch in uns selber verspüren.

die Quellen der germanischen Mythologie Mythologie der Germanen


In diese Zeit des größten Aufschwungs der Südkultur fällt das Emporkommen der Germanen. Wir haben oben gesehen, daß die Germanen ein Zweig der Indogermanen oder Arier sind. Als ihre nächsten Verwandten kann man die Italiker (die ursprünglich wohl in Litauen saßen) und die Slawen ansprechen. Die Germanen treten zuerst an der mittleren Donau, dann am Rhein, und noch später am Schwarzen Meere auf. Ob die Bastarner, die um 200 v. Chr. Verhandlungen mit dem Mazedonier Philipp dem Zweiten pflogen, germanischen Blutes waren, ist unsicher. Nicht einmal von den Kimbern und Teutonen ist es völlig gewiß. Der erste bestimmt beglaubigte Zug der Germanen ist der der Sueven oder Schwaben, die unter Ariovist in das Elsaß einbrachen und sich bis zur oberen Seine ausbreiteten. Wir müssen uns vergegenwärtigen, daß damals Europa noch von einer Fülle anderer Rassen bewohnt war. Von dem Atlantischen Ozean bis zur Wolga und zum Kaukasus hausten Verwandte der Tscherkessen und Georgier. Alle die oftgenannten Urvölker, die Iberer, die Ligurer, Rätier, Vindelizier und Jazygen gehörten zu dieser Rasse. Bis in die Gegenwart ragt ein Überbleibsel jener europäischen Kasstämme, nämlich die Basken. Im Norden aber, vom Weißen Meer bis nach Jütland und vielleicht bis Holland saßen die Finnen. Außerdem war ein beträchtlicher Teil Europas noch von den Kelten erfüllt, deren Niederlassungen von Portugal bis zum Bosporus reichten. Die Germanen scheinen von der Gegend zwischen mittlerer Donau und oberer Weichsel ausgegangen zu sein. Jüngste Forschung hat entdeckt, daß in der Urzeit Bayern und Angelsachsen zusammengewohnt haben. Das kann nur in der beschriebenen Gegend gewesen sein. Von Osteuropa aus breiteten sich die Germanen, den keltischen Block umfließend, zugleichnach Norddeutschland und nach der oberen Donau und dem oberen Rhein zu aus. Umstritten ist die Frage der Besiedlung Skandinaviens. Wahrscheinlich sind auch nach Skandinavien die Germanen erst spät, und zwar von Osteuropa aus gekommen. Die niederrheinischen Germanen hatten Berührungen und Reibungen mit den keltischen Beigen, die oberrheinischen mit den Alpenvölkern. Ariovist hatte zwei Gattinen zu gleicher Zeit; die eine davon war die Tochter des nichtarischen Königs vonNorikum (Oberösterreich und Steiermark). Es ist nur natürlich, daß die zahlreichen, bereits ansässigen Fremdvölker nicht ohne Rückwirkung auf das Blut und die Gesittung der Germanen blieben. In vielen Fällen wird die ältere Bevölkerung die Kulturgeberin gewesen sein. Sogar die Waffen der Germanen sind zu einem großen Teile keltischen Ursprungs. Und von den Kasstämmen hat sich so manches Wort wie Spanferkel, Zelter, Lawine bis zum heutigen Tage bei uns erhalten, gleichwie auch im Französischen und im Italienischen noch viele baskische Wörter ihr Dasein fortsetzen. Aus Urkunden läßt sich nachweisen, daß noch im zwölften Jahrhundert Rätier zwischen Garmisch und Innsbruck saßen. Der fremde Einfluß im Skandinavischen erhellt aus der seltsamen Gewohnheit des Schwedischen und Dänischen, den Artikel hintenan zu setzen. Das ist die Gepflogenheit des Baskischen und Finnischen. Die Edda erzählt, daß die Äsen das Pferd von den Thursen kennen lernten. Die Thursen aber sind, wie schon Jacob Grimm sah, die Thyrsener oder Etrusker.

Weit entfernt jedoch, der Art und Sitte der Unterworfenen sich gänzlich anzubequemen, haben vielmehr die Germanen den großen Schatz eigener Einrichtungen und Sitten, die sie mitbrachten, im wesentlichen behauptet. Sie hatten selbständige Ansichten über das öffentliche Leben, über Anlage der Dörfer und Hausbau, endlich über die Stellung der Frauen und das Walten der Gottheit. Immerhin muß darauf hingewiesen werden, daß die Namen der meisten Städte in germanischen Landen vorgermanischen, und meist vorarischen Sprachen entnommen sind, und in den Alpengegenden wenigstens hat sich die Tracht der älteren Volksschicht siegreich durchgesetzt. Das Hochziel des Germanen war Jagd oder Krieg. Den Ackerbau überließ man den Unfreien, das heißt den unterjochten Nichtgermanen, die ihren Herren frohnden und zinsen mußten. Erst allmählich gewöhnten sich auch Freie an den Gedanken, daß ein selbst ausgeübter Ackerbau keine Schande bringe.

Nun stießen die Germanen mit den in gewaltigster Ausdehnung begriffenen Römern zusammen. Ein Naturvolk, zwar hochbegabt, aber noch auf niedriger Stufe stehend, ohne Schrifttum, ohne festere Staatsformen, ohne die Zucht, die ein Zusammenarbeiten in größeren Heeresverbänden bringt, wollte den Kampf mit den unerschöpflichen Hilfsquellen, mit der Artillerie und der straffen Zucht der Römer aufnehmen. Es war ein Wunder, daß die Germanen da nicht erlagen. Ein einziger Mann rettete sie: Arminius. Er ist zuversichtlich der Siegfried unserer Sagen. Es gibt keine große Gestalt unserer Heldenlieder, die nicht geschichtlich wäre. Also muß auch Siegfried im Fleische gewandelt haben. Zudem zeigen die anderen Namen seiner Sippe, Segest, Segimer und Segistag dieselbe Wurzel wie Siegfried — eine Gewohnheit der Namengebung, die auf germanischem Boden sehr häufig ist.

Freilich waren die Germanen weiter von der Südkultur und ihrem überwältigenden Einflüsse entfernt, als die Kelten. Aus dem gleichen Grunde haben sich die Türken besser der chinesischen Umklammerung zu erwehren gewußt, als die dem Reich der Mitte näheren Tungusen. Gleichwohl haben es die Römer wahrlich nicht an Mühe und Anstrengung fehlen lassen, um die widerspenstigen Feinde im Norden zu bezwingen. Zu Wasser und zu Lande rückten sie ihnen von allen Seiten zu Leibe. Auf der ungeheuren Linie, die von der mittleren Donau und der oberen Elbe über den Spessart nach der Weser führt, drangen die römischen Legionen vor; so war die Germanenwelt von Südosten, Süden und Westen her flankiert. Auf der Nordsee aber kreuzte eine römische Flotte, die an der friesischen Küste Landungen versuchte — ein Zusammenwirken, wie es dem Geiste Wallensteins bei der Belagerung Stralsunds vorschwebte, insofern spanische Truppen von Oberitalien nach dem Niederrhein marschiert waren und Wallenstein eine spanische Flotte nach der Ostsee wünschte. Auf dem Landwege war Drusus bereits bis zur unteren Elbe gekommen, und nur wenig Jahre vergingen, da war Böhmen mit dem nördlichen Vorlande ein römischer Vasallenstaat. So fehlte wenig und der Ring wäre geschlossen worden. Arminius, der in römischen Heeren gedient hatte und dabei weit in der Welt herum, vielleicht sogar bis Armenien gekommen war, erkannte die furchtbare Gefahr. Ehre und Preis dem Manne, der aus einem dunklen Naturgefühl heraus, lediglich aus Selbsterhaltungstrieb, den heimischen Boden gegen feindlichen Einfall verteidigt. Allein Arminius stand weit höher als ein Kirgisenhäuptling, der gegen die Russen kämpft, oder ein Emir des Sudans, der sich der Franzosen zu erwehren sucht. Bei ihm war es mehr als ein dunkles Gefühl, als ein unklarer Instinkt. Arminius war ein Staatsmann von hohem Wurf. Warum sollte man ihm weniger Zutrauen als dem Ariovist oder seinen Vorgängern, die mit einer Partei in Rom und dem fernen Mithridat in Verbindung standen? Der Cherusker hat denn auch ebensoviel durch List, wie durch persönliche Tapferkeit sein Ziel erreicht. Er lockte den Varus in den Teutoburger Wald, in die Nähe der Porta Westfalika, und vernichtete fast zwanzigtausend Mann. Ihn selbst, den Befreier des Vaterlandes, traf im eignen Hause schweres Geschick; sein geliebtes Weib, Thusnelda, fiel in die Gefangenschaft der Römer. Das war so zugegangen. Mit stürmender Hand hatte einst Armin die Braut aus der Feste Segests geraubt. Der Schwiegervater wider Willen, der es ohnehin mit den Römern hielt, zürnte unversöhnlich und nun doppelt dem jungen Cheruskerfürsten. Er benutzte eine Abwesenheit Armins, um sich mit Gewalt der Thusnelda zu bemächtigen, und er überlieferte selbst die Tochter, die damals hochschwanger war, dem Neffen des Tiberius, dem Germanikus, der herbeigeeilt war, um die Niederlage im Teutoburger Walde zu rächen. Thusnelda blieb bis an ihr Lebensende in Gefangenschaft. Wer kann den Schmerz ihres hochgemuten Gatten ermessen? Vielleicht entflammte ihn der Verlust zu immer größerer Anstrengung, zu heißer Wut. Als die Nachricht von dem Kommen des Germanikus erscholl, da ritt Armin wie auf den Flügeln der Windsbraut, wie der lichtschnelle Gott Freier selbst durch die deutschen Gauen, um die Stämme zum Zusammenschluß und zum erbitterten Widerstande anzustacheln, Waffenä! erbrauste es überall, und begeistert folgten die Mannen dem erprobten Führer. Von neuem maßen sich die starken Gegner in offner Feldschlacht; es war der Sommer des Jahres 15 n. Chr. Die Wahlstatt lag etwas weiter östlich, als im Jahre 9, da Varus dahinsank. Die Männer des Südens nannten sie Idistavisus, das ist die Geisterwiese. Es wird die Gegend am heutigen Deister sein, und der Morast, in den die Legionen gerieten, wird unweit des Steinhuder Meeres gewesen sein. Beim Bade Nenndorf, in der Nähe, wird heute noch eine Römermauer gezeigt. Fast wären die Legionen neuerdings erlegen. Nur mit äußerster Mühe fochten sie sich durch. Tiberius hielt ein weiteres Ringen für zwecklose Vergeudung von Geld und Gut, gebot Einhalt, und versetzte den tatenfreudigen Germanikus, der gern einen entscheidenden Sieg davontragen wollte, nach Vorderasien. Der Kaiser, der selbst jahrelang gegen die Germanen im Felde gestanden hatte, tat dabei den denkwürdigen Ausspruch: Unsere beste Bundesgenossin gegen die Germanen ist deren eigene Uneinigkeit.

In der Tat brach bald ein Bürgerkrieg zwischen Armin und Marbod, der in „Böheim“ und Sachsen ein Reich begründet hatte, aus. Auch regte sich die Eifersucht der eigenen Verwandten gegen den Cheruskerfürst. Wie es ein vogtländischer Dichter der Spätromantik, Deeck, in einem „heldischen“ Gesänge ausgedrückt hat,

Ruhm Hermann, dem Vaterlandsretter!

Tod Hermann, dem Freiheitsdränger!

Es war die berühmte „Libertät“, um die noch während des Dreißigjährigen Krieges die Fürsten stritten. Wir nennen es heute Partikularismus. Ein Mord also war der Dank der Niedersachsen — oder waren es Hessen? — für ihre Befreiung. Sofort bemächtigte sich denn auch die Sage der Gestalt Armins. Selbst der große Geschichtsschreiber seiner Gegner, Tacitus, (um 90 n. Chr.) hat von den Heldenliedern erfahren. Die Sage laßt Siegfried durch Anstiftung seiner Verwandten fallen, nachdem er das meiste dazu beigetragen, den Ansturm eines gefährlichen Feindes zurückzuwerfen.

Der eine Trost konnte wenigstens dem Sterbenden bleiben: sein vaterländisches Werk war erfolgreich gewesen. Zwar ist fast ein Drittel Germaniens, das durch einen ungeheuren Wallgraben, den Limes, von dem freien Germanien abgeschnürt war, auf vierhundert Jahre, und in manchen Gegenden, wie bei Regensburg, noch länger der Romanisierung verfallen. Das Herz des Landes aber mit dem breitflächigen Gebiete, das sich bis jenseits derWeichselund des Riesengebirges erstreckte, war selbstständig geblieben. Nur einmal in der Weltgeschichte, wenn man von den paar spanischen Söldnern Karls V. und den Kroaten Tillys und Wallensteins absieht, ist das innere Deutschland von einem nichtgermanischen Feinde erobert worden: von Napoleon. Indessen dauerte diese Besetzung nur sieben Jahre. Wie oft sind dagegen slawische und romanische Staaten von Rassefremden, und zwar lange Zeiträume hindurch, beherrscht worden!

Der Limes ging von Kehlheim an der Donau oberhalb Regensburgs über den Spessart und Taunus nach dem Rheine, wo er gegenüber von Andernach aufhörte. Mit Vorliebe wählt der Limes den Kamm der Gebirge, weil man von darnach allen Seiten bequem ausschauen kann, und sich vor einer Überrumpelung schützt. Alle zehn bis fünfzehn Kilometer wurde ein befestigtes Lager errichtet. Auch fehlte es nicht an Wachttürmen längs der Linie. Im Taunus geht der Limes gerade über den Feldberg, gar nicht weit vom Brünhildisfelsen, berührt also heilige Stätten der Germanen. Dort im Taunus ist ein großes Lager noch in den Grundfesten erhalten, und ist auf Veranlassung Kaiser Wilhelms II. ganz in römischer Art wieder aufgebaut worden. Es ist die Saalburg. Zwei Stunden davon ist die kleinere Kapernburg. Nicht ausgeschlossen ist, daß die Römer, die von der großen Mauer Chinas Kentnis hatten, durch das chinesische Vorbild auf den Gedanken des Limes verfielen. Jedenfalls dienten beide Riesenwerke dem gleichen Zweck, die kriegerischen Völker des Nordens im Zaume zu halten. Gleiche Lage aber erzeugt wohl gleiche Maßregeln. Noch in der Gegenwart hat Lord Kitchener in Südafrika eine Art Limes mit Blockhäusern zur Abwehr der schweifenden Burenscharen ersonnen.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus

Männer; Völker und Zeiten

„Weder mit dem Tode noch mit Fesseln noch selbst mit Schlägen zu strafen, ist irgend einem gestattet außer den Priestern, und auch diesen nicht icie zur Strafe oder auf Befehl des Herzogs, sondern gleichsam auf Befehl des Gottes, der nach ihrem Glauben bei den Kämpfern ist. Holen sie doch Bilder und gewisse heilige Zeichen aus den Hainen, wo sie geivöhnlich auf bewahrt werden, hervor und nehmen sie in die Schlacht mitu (Germ. 7). Ans diesen Worten des Taci-tus geht hervor, daß der Krieg eine heilige Handlung, ein furchtbarer Opferdienst war. Der Anmarsch gegen den Feind glich den feierlichen Umzügen, bei denen das Bild der Götter vorangetragen, heilige Lieder angestimmt und weihevolle Opfer dargebracht wurden. Der Krieger fühlte sich im Dienste seines Gottes; fiel er, so wußte er, daß sein Tod vom höchsten Gotte bestimmt gewesen war, und daß der Gott ihn als sein Opfer gezeichnet hatte, um ihn teilnehmen zü lassen an seiner Herrlichkeit (S. 243). Daher stammte die den Tod verlachende Tapferkeit der germanischen Krieger. Von den Vorbereitungen zur Schlacht an bis zur Niederlage der Feinde war der Krieg durch gottesdienstliche Gebräuche bestimmt. Unter dem Gesetze desselben Gottes, der über den Streit der Schwerter waltete, stand der Friede wie da3 Recht, und wie die Ding- oder Malstätte dem Schutze des Himmelsgottes Tius übergeben ward, so ward im Altertum der zur Walstatt auserlesene Platz mit Haselstecken umgrenzt, und wie man vor Gericht den Gegner an eine bestimmte Stätte am bestimmten Tage lud, so forderte man auch den Feind zur Entscheidung durch die Waffen auf ein bestimmtes Feld zur bestimmten Zeit. Diesem altgermanischen Kriegsbrauche folgte Boiorix, der König der Kimbern. Er ritt mit wenigen Begleitern an das römische Lager heran und forderte Marius auf, er möchte Tag und Ort bestimmen, wann und wo er sich stellen und mit ihm um den Platz kämpfen wollt». Der dritte Tag ward zum Schlachttage, die Ebene von Vercellae zum Walplatze festgesetzt (Plutarch, Marius 25). Zum Zeichen, daß der Kriegsgott selbst bei den deutschen Völkern gegenwärtig war, standen seine Bilder und Symbole bei den Heeressäulen: der Adler oder das Schwert des Tius, die Lanze Wodans, der Hammer Donars. , Tacitus erwähnt, daß die Bilder der wilden Tiere den Hainen entnommen wurden, wie es bei jedem Stamme Brauch sei, in den Krieg zu ziehen (Hist. 422); es wraren Bilder von Drachen, Wölfen, Ebern, Adlern und Raben. Ein eherner Stier war das Feldzeichen der Kimbern (Plut., Mar. 23). Im Frieden schwebten sie an den heiligen Bäumen der geweihten Waldplätze über den Opferfesten der Gau- und Volksgemeinde, wo auch die eroberten Feldzeichen der Feinde hingen (Ann. 159). Jetzt nahm sie der Priester, dem es allein gestattet wrar, herab, unter feierlichem Gebete, daß der Gott unter sein Heer kommen wolle (vgl. Germ. 40.: nur dem Priester ist es gestattet, den Wagen der Nerthus zu berühren). Damm erinnerte Civilis vor der entscheidenden Schlacht am Rheine seine Scharen daran, daß der Rhein und Deutschlands Götter ihnen vor Augen stünden, unter ihrem Segen sollten sie den Kampf beginnen (Hist. 517).

Die Priester waren auch während der Schlacht Träger und Hüter der heiligen Feldzeichen, und deshalb war auch die Handhabung der Kriegszucht nicht Sache des Herzogs, sondern Pflicht des Priesters (Germ. 7). Ehe die Schlacht beschlossen ward, forschten die Deutschen nach dem Willen des Gottes: er w?ard befragt, ob er dem Kampfe günstig sei oder nicht.

Die im Lager der Ariovist befindlichen Hausmütter mußten aus Los und Weissagung verkünden, ob es Tätlich sei, eine Schlacht zu liefern oder nicht; sie sagten: es sei nicht der Götter Wille, daß die Deutschen Sieger blieben, wenn sie vor dem Neumonde eine Schlacht schlügen (Cäsar, b. g. Iso). Fielen die Zeichen ungünstig, so schob inan den Kampf auf oder ließ sich auf Friedensverhandlungen ein (Amm. Marc. 14,10, 9). Als trotz des Abratens ihrer Seher die Alemannen die Schlacht gegen Narses begannen, wurden sie besiegt (Agathias 28). Weissagende Frauen, vor allem die westfälische Veleda waren von größtem Einflüsse auf die kriegerischen Unternehmungen (Rist. 461, M, b22, 2B. Germ. 8).

Mittel zur Erforschung des göttlichen Willens waren das einfache Loswerfen, das der Oberpriester des Volkes im Kriege wie bei allen öffentlichen Angelegenheiten vollzog (Germ. 10), die Beobachtung der Eingeweide und des rinnenden Blutes der Opfer (Strabo 72, S. 384), das Horchen auf verschiedene Stimmen, das schwellende Schlachtgeschrei (barditus Germ. 3, S. 264),. sowie das Wiehern der Tempelrosse und endlich der Zweikampf (Germ. 10).

Die Deutschen stellten einen Gefangenen aus dem feindlichen Volke einem auserlesenen Krieger des eigenen Stammes, jeden mit seinen heimischen Waffen ausgerüstet, gegenüber und nahmen den Sieg des einen oder anderen als Vorentscheidung. Als die Vandalen und Alemannen sich im Felde gegenüberBtanden, weil ihre Wohnsitze zu nahe bei einander lagen, sagte der Alemannenkönig: „Wie lange soll denn der Krieg das ganze Volk heimsuchen? Labt doch nicht so viel Volks auf beiden Seiten umkommen, sondern zwei von uns mögen mit ihren Kriegswafien auf den Kampfplatz treten und die Sache unter sich ausfechten. Wessen Kämpfer dann siegt, der nehme das Land ohne Streit/ Alle stimmten dem bei, die Partei der Vandalen unterlag, und Geiserich gelobte, Spanien zu verlassen (Greg. v. Tours H. F. 2,).

Waren die Vorbedeutungen günstig ausgefallen, so wurden der Gottheit Opfer dargebracht, um sie zu versöhnen, falls sie etwa einen alten Grimm gegen das Volk hätten. Die gegen Drusus verbündeten Völker der Sueben, Cherusker und Sugambrer kreuzigten 20 römische Centurionen, gleichsam als Bundesopfer (Florus 4j2; S. 222). Um den göttlichen Zorn zu besänftigen, mußte menschliches Blut fließen‘. Mit diesem Sühnopfer war das Gelübde verbunden, die Erstlinge des Krieges und die furchtbaren Früchte des siegreichen Walfeldes den Göttern als Dankopfer zu bringen: antheiz hieß bei den Oberdeutschen solch Gelöbnis und Opfer. Vor der Schlacht bei Idisiaviso stellte Armin die Römer als den zürnenden Göttern verfallen dar (Ann. 2m). Auch die Verwünschungsformel, die Civilis die Seinen nachsprechen ließ, hatte religiöse Bedeutung und gelobte den Göttern das feindliche Heer (Hist. 415). Das Blut aller Christen gelobte der heidnische Gotenkönig Radagais seinen Göttern bei dem Zuge nach Italien 405, wenn sie ihm den Sieg gäben (Isidor, chron. got.; weitere Zeugnisse für die Franken und Goten S. 222).

Ständen sind die Höfe gegenüber,  ward ein Speer übef die feindlichen Reihen geschleudert. Aus seinem Fluge ergab sich ein Wahrzeichen über den Ausgang des Kampfes (S. 235). Noch in christlicher Zeit war es Sitte, vor der Sclilacht einen Speer mit Verwünschungsformeln über das feindliche Heer zu schleudern. Der Sperwurf geschah aber zugleich als eine Opferhandlung für den Totengott, der der wilde Kriegsgott geworden war, für Wodan. Erfolgte dann der Ansturm selbst, so erbrausten wie bei den festlichen Umzügen zur Friedenszeit heilige Gesänge, in denen die Heldentaten der Götter zur Nacheiferung gepriesen wurden (Germ. 3; S. 264).

Unter wildem Gesänge rückten die auf Seite des Vitellius kämpfenden Germanen vor (Hist. 2m). Im thracischen Aufstande jagt die Sugam-brische Kohorte dem Feinde Schrecken ein durch ihren brausenden Schlachtgesang. Im Befreiungskämpfe der Bataver unter Civilis rücken die Römer ganz still, die Germanen aber unter Gesang und Geheul der Weiber vor (Hist. 4l8). Als die Römer 377 den Goten schlachtbereit in Thracien gegenüberstanden, erhoben sio ihr Kriegsgeschrei, barritus mit Namen, das leise anfing und immer lauter anschwoll, dadurch stärkten sie ihren Mut; die Westgoten ab£r antworteten mit Gesängen auf ihre Götter, von denen die germanischen Völker und Königsgeschlechter abstammten, die Anses (Amm. Marc. 81,7, n).

Vor Beginn der Schlacht war den Göttern gelobt worden, ihnen für den errungenen Sieg die Feinde zu opfern. Dem Gelübde mußte die Erfüllung folgen.

Nach dem großen Siege über die Römer bei Arausio (105) warfen die Kimbern das erbeutete Gold und Silber ins Wasser, zerrissen die Gewänder, zerhieben die Rüstungen, zerstörten die Reitzeuge, ertränkten die Rosse im Flusse und henkten die lebenden Gefangenen an die Bäume (Orosins 5l8). Ein anderes furchtbares Bild solcher Opferstätte bot das Walfeld des Varus, wie es Germanicus sechs Jahre später antraf (15). So wie die Römer gefallen waren, lagen die Gebeine unbestattet, samt den Waffeniesten und Pferdegerippen; an die Baumstämme waren die Pferdeschädel genagelt, das eigentliche Opfer für die Götter. In den nahen Wäldern standen die Altäre, an denen die Tribunen und Centurionen ersten Ranges geopfert waren. Die anderen Gefangenen hingen an Galgen oder waren in Gruben lebendig begraben worden (Ann. 181). Ebenso opferten die Hermunduren nach ihrem Siege über die Chatten am Salzflusse alles dem Tius und Wodan, was an lebenden Menschen und Tieren in ihre Hände gefallen war (Ann. 13*7; vgl. S. (222). Pie Sachsen bestimmten aua den Kriegsgefangenen durchs Los dpn zehnten Mann und opferten sie (Sid. Apoll. 80; S. 353).

Text aus dem Buch: Deutsche mythologie in gemeinverständlicher darstellung (1906), Author: Paul Herrmann.

Siehe auch:
Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Der Seelenglaube
Deutsche Mythologie – Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut
Deutsche Mythologie – Die Seele in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die Seele in Menschengestalt
Deutsche Mythologie – Der Aufenthaltsort der Seelen
Deutsche Mythologie – Der Seelenkultus
Deutsche Mythologie – Zauberei und Hexerei
Deutsche Mythologie – Der Maren- oder Alpglaube
Deutsche Mythologie – Schicksalsgeister
Deutsche Mythologie – Der Mütter- und Matronenkultus
Deutsche Mythologie – Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Naturerscheinungen in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Elfen und Wichte
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Zwerge
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Hausgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Wassergeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Waldgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Feldgeister
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Name und Art der Riesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Luftriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Berg- und Waldriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Wasserriesen
Deutsche Mythologie – Der Götterglaube
Deutsche Mythologie – Name und Zahl der Götter
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise – Der Feuergott
Deutsche Mythologie – Mythenkreise – Licht und Finsternis. Gestirnmythen.
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Tius
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Foseti
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Wodan
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Donar
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Balder
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Deus Requalivahanus
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen
Deutsche Mythologie – Die Mutter Erde
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Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Schwanjungfrauen
Deutsche Mythologie – Der Kultus
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Gottesdienst, Gebet und Opfer
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Opferspeise
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Opferfeuer
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst im Wirtschaftsverbande
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst itn Staatsverbande

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