Das eigentliche Siedlungsgebiet des armenischen Volkes, das ein Volk von alter Kultur mit starken Bindungen an Sitte und Kirche ist, bildet in der UdSSR, das Südkaukasische Hochland mit Eriwangebiet und einigen Nachbarbezirken. Ein großer Teil der Armenier, die auf dem Sowjetboden 2 150 000 (1939) zählten, lebt außerdem über ganz Kaukasien verstreut und vor allem in seinen Großstädten (Tiflis, Baku u. a.).

Unter westeuropäischem Einfluß vermochte der armenische Volksgedanke im Laufe der Zeit sich zum neuzeitlichen Nationalismus der stark gegen das Türkentum gerichteten Kampforganisalionen der Armenier zu entwickeln. Das russische Armenien, das von der Zarenregierung aus begreiflichen Gründen gefördert wurde, war Ausgangspunkt und Rückzugsfeld der armenischen Bewegung in der Türkei.

Trotz ihrer loyalen Haltung konnten auch, die Armenier der Russifizierung nicht entgehen. Armenische Schulen wurden in russische umgewandelt, und auf Grund eines Regierungsbeschlusses gingen auch armenische Kirchengüter in russische Verwaltung über. Gleichzeitig setzte eine strenge Zensur gegen das armenische Schrifttum ein. All das zwang nationalbewußte Armenier, Anschluß an russische revolutionäre Kreise zu suchen. Bereits im Jahre 1907 wurde denn auch von armenischer Seite die Umgestaltung Rußlands in eine sozialistische Bundesrepublik gefordert.

Die Lage änderte sich jedoch von neuem, als die großarmenische Frage kurz vor dem Weltkrieg von Petersburg wieder aufgeworfen wurde. Deshalb zögerten die Armenier 1917 eine Zeitlang mit ihrem Abfall von Rußland, sie schlossen sich allerdings dem Staatenbund von Transkaukasien an und erklärten ihrerseits Ende Mai 1918 die Unabhängigkeit, der Moskau im Dezember 1920 ein blutiges Ende bereitete.

Siehe auch:
Teilrepubliken-Sowjetunion
Sowjetunion-Staatsorgane
Sowjetunion-Wirtschaft
Sowjetunion-Technisierung
Sowjetunion-Landwirtschaft
Sowjetunion-Das Land
Goten-Waräger-Deutsche
Sowjetunion-Russen
Ukrainer
Donkosaken
Krimtataren
Ingrier-Esten-Letten-Litauer
Weißruthenen-Weißrußland
Idel-Uraler
Nordkaukasier
Aserbeidschaner
Turkestaner
Armenier
Georgier
Ostfinnen
Westfinnen
Sowjetunion-Schlußwort
Die Ukraine als Arbeitsfeld für Deutsche und Deutsches Kapital

Die Sowjet-Union

Eine Weltgeschichte in einem Bande.

Die Religion ist in ihrer äußeren Form, in der sie ins öffentliche Leben tritt und auf die Welt einwirkt, ein Teil der Kultur, und das Werden der Kultur ist ein Teil der Geschichte. So fügt sich der Kampf der Weltreligionen in die politische und kulturelle Entwicklung ein.

Der Buddhismus breitet sich in der Zeit Asokas nach drei Richtungen zugleich aus, nach Barma, nach dem Dekhan und Ceylon, endlich nach Kabul. Seit der Zeit Christi beginnt er im Tarimbecken und bald darauf in China einzusickern sowie nach Ostiran vorzudringen. Die Spaltung in die Lehren des kleinen und großen Wagens fand 192 n. Chr. statt. Ein beträchtlicher Teil Barmas war schon in den 380 er Jahren für den kleinen Wagen gewonnen. Das sumatranische Reich Kandari hatte 515 einen buddhistischen König. In China wurde das erste Duldungsedikt für den Buddhismus 451 erlassen. Dreitausend indische Buddhisten waren 510 im Reich der Mitte, und 630 zählte man dort schon 3716 Klöster. Im nordkoreanischen Reiche Koguryu tritt die Predigt Gautamas 374, in Silla erst um 500 auf. Japan sah die ersten Jünger Gautamas 552 und eine größere Ausdehnung ihrer Lehre seit etwa 590. Das siebente Jahrhundert ist für den Buddhismus zugleich das Zeitalter seiner weitesten Ausdehnung und seiner höchsten inneren Blüte in Indien und Mittelasien. Tibet eröffnete sich dem großen Wagen 632. Dieselbe Form des Buddhismus fand auf Java Anerkennung, namentlich in dem Reiche von Borobudor. Gegen 650 ist eine buddhistische Theokratie in Merv. Um und seit 700 erreichte die Nirwanalehre die Chazaren nördlich vom Kaukasus.

Trotz der friedlichen Anlagen der buddhistischen Weltanschauung sind deren Träger doch sehr oft einander in die Haare gefahren. Häufig wird die Sanftmütigkeit und Friedensliebederer, die an das „Licht Asiens“ glauben, in einen beschämenden Gegensatz zur Zänke- und Ränkesucht der Christen gestellt. In Wahrheit sind auch die buddhistischen Kirchen und Sekten von Kabalen und Streitigkeiten jeder Art stets erfüllt gewesen. Die Gehässigkeit der gegenseitigen Sekten erreichte einen solchen Grad, daß, genau so wie auf den Räubersynoden der Griechen und bei den Albigenserzügen Frankreichs, auch in der buddhistischen Welt gar nicht selten die frommen Mönche ihren Leib mit weltlichem Rüstzeug versahen und mit dem Schwert in der Faust aufeinander losgingen. In Japan gab es Klöster, deren Abt sich tausend und mehr solch bewaffneter Mönche hielt. Auch verstand es die Kirche im fernen Osten genau so gut wie im fernen Westen, weltliche Besitztümer und Schätze an sich zu bringen, und das bedrohliche Anwachsen der Reichtümer der „toten Hand“ war es denn auch, das frühzeitig das bracchium saeculare zum Eingreifen trieb. In China wurden 714 zwölftausend Bonzen säkularisiert. Trotzdem wurde um 770 der Buddhismus wieder sehr stark, und 819 wurden die Knochen Buddhas mit großer Feierlichkeit eingeholt. Nun hetzten aber die Taoisten gegen ihre Rivalen, die es auf 44660 Tempel und Klöster gebracht hatten. Die Agitation, die von 841 bis 845 währte, hatte Erfolg. Die Tang erließen ein Einschränkungsedikt gegen den Buddhismus. Dreißigtausend Mönche wurden zur Arbeit gezwungen. Dagegen erstarkt der Taoismus und begründet 1118 eine feste Hierarchie mit einem Papst an der Spitze. In der Folge haben sich Buddhismus und Taoismus zu einem schier unlösbaren Ganzen verschmolzen.

Ebensowenig ist in den anderen Ländern die reine Nirwanalehre zur Herrschaft gelangt. Sie wurde überall von den urangestammten Volksanschauungen und den Landeskulten unterwühlt, umgestaltet und nicht selten in ihr Gegenteil verkehrt. In Hinterindien und Australasien hatte sie mit Schlangen- und Dämonenverehrung und dem Schiwaismus zu kämpfen, in Tibet mit der rohen Naturreligion Bon, in Japan mit einem lebenslustigen , farbenprächtigen Polytheismus, der ungefähr das Gegenteil von der Abtötung des Fleisches darstellte; überall mit der naiven Sinnlichkeit der Massen und einem mehr oder weniger ausgeprägten Fetischismus.

In Indien selber waren die fremden Einflüsse, die der Buddhismus erlitt, so übermächtig, daß derselbe zuletzt in ihnen ganz versank. Eine Mischreligion kam auf, in der Zeit vom 8. bis 11. Jahrhundert, der Hinduismus, in dem theoretisch die Lehre der Brahmanen den Ausschlag gab.

Ganz und gar in anthropomorphe Gestalten wurde der Buddhismus in Tibet gezwängt, überall aber im Norden zu einer derartigen Aufnahme von Lokalgottheiten veranlaßt, daß dort das größte Pantheon der Erde entstand. Man spricht dort von Lamaismus.

Das Christentum war um 200 schon in Südarabien, Edessa, Mesopotamien und wahrscheinlich in Persien. Die Träger der östlichen Ausbreitung waren Jakobiten und Nestorianer. Vorläufer der Christen waren Manichäer und Juden. Mani soll Missionare nach Indien und China abgeordnet haben. Ein nestori-anischer Bischofssitz war 330 in Merw, ein anderer 490 in Oman (Südostarabien). Das Christentum gewann weiter Armenien und Iberien sowie seit dem sechsten Jahrhundert die Kaukasushunnen. Es faßte in Indien seit 370 Fuß, um seit dem sechsten Jahrhundert eine stärkere Tätigkeit zu entfalten. Zu Justinian kamen christliche Mönche aus China. Auch sollen damals schon Metropolitane in Herat, Samarkand und China gewesen sein. Nach der arabischen Eroberung Transoxaniens kamen auch wieder die orthodoxen Syrer, die Melkiten, in Asien auf und verbreiteten sich nach Persien und Mittelasien. Genau aber wie einst die Sassa-niden, so begünstigten auch die Kalifen aus politischem Gegensatz zu Byzanz die Nestorianer und ordneten ihnen die Melkiten unter.

Bestimmt nachweisbar ist die Ankunft von Nestorianern in China erst 635. Die Führung der Ankömmlinge hatte der Syrer Olo-pun, der von Taitsong gut empfangen wurde. Gerade wie die Juden sich immer nach den Hauptstädten ziehen, so war das Ziel der nestorianischen Wanderung die Residenz des Himmelssohnes selber. In Sianfu entstand eine große nestorianische Gemeinde. Sie erhielt von den Tang ein Duldungsprivileg, das in den Denkstein von Sianfu 781 eingemeiselt wurde. Die Christen hatten nämlich einen solchen Zulauf, daß sehr bald eine Bewegung gegen sie entstand; 699 und 713 brach zeitweilig eine Verfolgung gegen sie aus. Daher die Notwendigkeit eines Toleranzediktes. Infolge der Duldung wuchs ihre Zahl aber wieder so an, daß 845 die Tang ein Edikt gegen das Uberhandnehmen der christlichen Kirchen erließen. Die Christen wurden dabei mit den Buddhisten in einen Topf geworfen, offenbar weil sie sich diesen inzwischen angenähert und angeähnelt hatten. Es wurden damals 260000 nestorianische Mönche und Nonnen und 3000 Klöster eingezogen.

Bei den Türken wurde das Christentum anscheinend durch Manichäer verbreitet. Gewisse Erfolge hatten christliche Send-linge bei den Chazaren, bei denen ja auch der Slawenapostel, Method, einige Zeit weilte. Im Jahre 800 soll Timothius, Patriarch der Nestorianer — die Residenz dieser Patriarchen war seit 762 Bagdad, wo der Kalif unmittelbare Kontrolle über das von ihm anerkannte Oberhauptder östlichen Christenheitausüben konnte — einen Kakan der Türken bekehrt haben. Derselbe Timothius schickte einen Metropoliten nach China. Auch ein nestorianischer Uiguren-Apostel, Modza, der um 800 in China wirkte, wird namhaft gemacht. Seit dieser Zeit ist das Christentum im nördlichen Mittelasien fest eingewurzelt. In Talas (heutige Provinz Semirjetschensk) gab es 893 eine Hauptkirche, die von den erobernden Mohammedanern in die Hauptmoschee umgewandelt wurde.

Samarkand blieb auch unter den moslimischen Türken der Sitz eines nestorianischen Metropoliten. Im Jahre 1007 erfolgte durch den Einfluß nestorianischer Kaufleute die Bekehrung der Keraiten zum Christentum, darauf sandte der Metropolit von Merw Priester in die Mongolei zu ihnen. Später wurden auch die mongolischen Naiman bekehrt. Nicht minder hatte bei den Guzen die Lehre Christi zahlreiche Anhänger. Diese Tatsachen, in den Fokus einer einheitlichen Betrachtung gesammelt, veran-laßten die Legende von dem Königreich des Priesters Johannes.

Der Islam eroberte, nachdem er einmal in Arabien die Herrschaft errungen, in nur 30 Jahren ganz Vorderasien. Seit 660 dringt er in Turkestan und Sindh ein, ohne jedoch vorläufig dort viel zu bedeuten. Die späteren Fortschritte sind weit langsamer. Nach China kommt der Islam zuerst 754. Die Türkenwelt wird seit 900 für ihn gewonnen. Das Pendschab ernstlich seit 820, das Gudscherat seit 835, das übrige Indien seit 1000. Mohammedaner gibt es im zehnten Jahrhundert auf Sumatra und in Korea. Im Westen versucht es der Islam, aber ohne großen Erfolg, Armenier, Kaukasusvölker, Madjaren und Slawen zu bekehren. Mohammedanische Kaufleute verkehren in Prag und bereisen Deutschland. Zu verschiedenen Zeiten, um 740, um 860, um 950 erwirbt der Prophet Jünger bei den Chazaren, 922 werden die Wolga – Bulgaren seine Anhänger. 780 und dann wieder 1000 berührt seine Lehre Westtibet.

Als die jüngste Religion war der Islam die unduldsamste. Ungläubige beließ er nur, weil sie allein oder doch viel größere Steuern zahlten als die Moslime. Halt, Bedeutung und Dauer erhielt die neue Religion erstdadurch, daß sie die Perser gewann.

Die Zarathustrier oder Mazdäer hatten 621 und 677 die Erlaubnis erwirkt, in Sianfu einen Tempel zu errichten. Sie waren in China und bei den Türken bis ins zehnte Jahrhundert eine Macht. Überall aber suchte der Islam sie zu vertilgen.

Ich muß gestehen, im Grunde ist mir das Verhalten der Perser immer unerklärlich geblieben. Es sind keine Semiten. Es sind Empörer gegen den Islam. Sobald es nur irgend anging, haben sich einheimische iranische Dynastien gegen die Kalifen erhoben. Die Lehre von der Wiedergeburt, von dem verborgenen Imam, ist arisch und den Gedanken Mohammeds fremd, wenn nicht entgegengesetzt. In Persien endlich hat sich die Lehre der Sufi aufgetan, eine völlige Durchbrechung und Verneinung des Islams. Und dennoch sind die Perser heutigen Tags viel fanatischer als Araber und Türken. Ein Sejjid, ein Abkömmling des Propheten, gilt dreimal mehr in Persien, als irgendwo sonst. Wenn ein Europäer aus dem Glase eines Schiiten getrunken hat, so wird der erzürnte Gläubige es meist zerbrechen. Unmöglich für einen Europäer, ein Perserweib anzusprechen, geschweige mit ihr zu verkehren. In Marokko, das als das unduldsamste der islamischen Länder verschrien ist, geht Becher und Pfeife ohne weiteres zwischen Gläubigen und Ungläubigen von Mund zu Mund, und ist der gedachte Verkehr an der Tagesordnung. Man hat allerdings in Persien Unterschiede zu machen. Die Kurden sind religiös gleichgültig. Von den Persern sind die Massen fanatisch, die Vornehmen und Gebildeten, die aber nur eine sehr geringe Zahl darstellen, stellen sich freundlicher zu den Europäern als selbst, mit Ausnahme der ganz großen Städte, die vornehmen Türken, die in Sachen des Glaubens mehr mit dem Volke verwachsen sind. Am ehesten könnte man noch dadurch sich die seltsame persische Anschauungsweise erklären, daß man annähme, die überwiegende Menge der Bevölkerung gehe auf alarodische Rassen und nur ein kleinerer Bruchteil auf reine Arier zurück.

Wie in der christlichen Welt, so ist auch in der islamischen die Sekten mit der Staatsbildung innig verquickt. Die Hauptspaltung entstand 661 durch die Kluft zwischen Sunna undSchia. Die Perser und ihre iranischen Nachbarn wurden Schiiten, Araber und Türken und die meisten Inder sind Sunniten. Der Zwiespalt der verschiedenen Sekten trug nicht wenig zum Zerfall des Kalifates bei.

Entstand bereits die Kluft zwischen Sunna und Schia aus Rassenverschiedenheit, so taten sich solche noch merklicher seit dem Aufkommen der Turanier hervor. Türken und Mongolen waren, nachdem ihre erste Gleichgültigkeit überwunden, glaubenseins mit den Arabern, aber fügten ihnen viel mehr Leides zu, als die ursprünglich im Glauben abweichenden Perser. Ebenso hatten und haben die chinesischen Mohammedaner fast nichts mit den arabischen gemeinsam, obwohl keine Ketzerei hemmende Schranken errichtete.

Das Judentum gewann um 50 n. Chr. Adiabene und seit dem dritten Jahrhundert Teile Arabiens und Mesopotamiens. Es setzte sich am Nordpontus und im Kaukasusstaate Dschundar fest und errang großen Einfluß in Iran. In der zweiten Hälfte des achten Jahrhunderts nahm der Adel der Chazaren Schrift und Religion der Juden an. Indien beherbergte Israeliten seit dem vierten Jahrhundert und zwar besonders in Trawankor, China seit dem ersten Jahrhundert in Sianfu. Im achten Jahrhundert waren jüdische Kaufleute sehr zahlreich in Hangtschoufu. Eine Synagoge wurde 956/8 in Kaifengfu gebaut, eine andere ebendort 1163. Marco Polo traf zahlreiche Enkel Abrahams in China und der Mongolei.

Seit 500 trat die jüdische Literatur aus der talmudischen Periode in das Zeitalter des Targum und der Mischna. Staatliche Organisation hatten die Juden in den Ländern des Islams und der Franken keine mehr; sie gehorchten geistigen Führern, die eine Reihe von Geschlechtern hindurch der Sippe der Gaonäer entsproßten. Die Juden nahmen regen Anteil an der philosophischen Bewegung der Zeit, übersetzten viele Werke griechischer Weltweisen und ließen sich auch von iranischen Spekulationen und gnostischen Emanationsphantasien beeinflussen, aus denen schließlich die Kabbala hervorging. Das Hauptbuch der Kabbala, Sophar, erschien zwar (im elften Jahrhundert) in Spanien, seine Wurzeln aber sind in Iran. Im übrigen äußerte sich die Bedeutung der Juden mehr in Handel, Arzneikunde, Ubersetzertätigkeit und in diplomatischen Sendungen, als in einer Einwirkung auf die rivalisierenden Glaubenssysteme. In China vollends sind die Juden zuletzt ganz Jin der Masse des sie umgebenden Volkes aufgegangen. Es hat allerdings lange genug gedauert, die Aufsaugung der letzten Reste geschah gerade ein Menschenalter vor der Ankunft europäischer Juden, die sich jetzt vergeblich um das Wiederanfachen der erloschenen Funken bemühen. Immerhin ist China das einzige Land der Erde, welches das schwierige Aufsaugungsexperiment fertig gebracht hat.

So ziemlich in ganz Asien trafen die vier Weltreligionen aufeinander. Der Hauptkampf fand in der Periode, die uns in dem gegenwärtigen Abschnitt beschäftigt, im frühen Mittelalter, auf der Linie statt, die sich vom Kaukasus und der Wolga zum Ili hinzieht. Es handelte sich vor allem um die Türkvölker. Um sie stritten Buddhismus und Islam, Juden- und Christentum, außerdem noch das den Sturz der Sassaniden überlebende Mazdatum. Gegen 730 scheint der Streit am intensivsten gewesen zu sein. Der Buddhismus weicht dann zurück, und die semitischen Religionen gewinnen an Boden. Seit 900 dringt der Islam auf der ganzen Linie vor. Er faßt an der mittleren Wolga Fuß, um sich dort ungebrochen acht Jahrhunderte und in Resten bis zur Gegenwart zu behaupten. Er verbreitet sich bis zur Krim, wo er ebenfalls bis heute andauert, und zum Dnjestr. Er bedroht demnach schon ein halbes Jahrtausend vor den Osmanen Europa auf der ganzen östlichen Flanke. Ohne Zweifel hätte er auch die haltlosen Slawen erobert, von denen einige schon den Chazaren gehorchten, aber hier griffen Germanen und Griechen ein und zwangen den Slawen das Christentum auf. So wurden notgedrungen die Slawen ein Vorwerk der Christenheit gegen den Islam. Sie verhielten sich jedoch fast lediglich passiv und sahen zu, während die Kreuzfahrer den Islam im eigenen Lande, in seinen Hauptzitadellen aufsuchten. Im wesentlichen beschränkten sich die Slawen darauf, die heidnischen Finnen und Litauer innerhalb des eigenen Gebietes zu bekehren : einVorkampf für dieheiligsten Güter Europas gegen den Orient lag nicht in ihrem Geschmack, für Kreuzzüge hatten sie nichts übrig. Erst Iwan III. Wassiljewitsch ging (im fünfzehnten Jahrhundert) aggressiv gegen Orient und Islam vor.

Zugleich mit dem völligen Anfall der Chazaren, 900, die durch das Versprechen, vollzählig zum Islam überzugehen, die Hilfe der Khowaresmier gegen die Madjaren erlangt haben sollen, beginnt das Tarimbecken mohammedanisch zu werden, bestimmter gehören aber die Türkvölker zum Islam erst seit 1050. Jetzt verschwindet der Buddhismus. Dagegen erhält sich das Christentum bei den Türkvölkern bis um 1330. Darnach sind diese alle moslimisch.

Als ein Hauptgrund für den Untergang des Christentums in Ost- und Nordasien wird der Zwiespalt ihrer Sekten angegeben. Die Sendlinge der römischen Kirche hätten sich gegen das ansässige Christentum, das allerdings vielfach mit buddhistischen Formen verquickt war, feindselig benommen. Das scheint wenig stichhaltig, wenn man bedenkt, daß auch die anderen Religionen in zahlreiche Sekten zerspalten waren. Der Hauptgrund wird doch wohl in dem erwachenden staatlichen Argwohn des fernen Orients gegen das Abendland, mit dem es eigentlich jetzt erst recht bekannt geworden, zu suchen sein.

Nicht selten endet der Kampf der Weltreligion in einem Ausgleich. Nicht leicht fürwahr ist es in so manchem Falle zu entscheiden, ob taoistische, ob buddhistische Zeremonien vorliegen. In Indien soll es an der Tagesordnung sein, daß jemand am Freitag in die Moschee geht und an einem anderen Wochentage den brahmanischen Göttern seine Aufwartung macht. In China soll es sogar Vorkommen, daß dem Buddha, Mohammed und Konfuzius ein und dasselbe Individuum abwechselnd seine Verehrung zollt.

Ein Ausgleich ist auch darin zu finden, daß ab und zu die gleiche religiöse Erscheinung sich in den verschiedensten Religionen offenbart. So ging vom elften Jahrhundert an ein pantheistischer Zug durch die Welt. Er scheint von Iran ausgegangen zu sein. Die Lehre von der Inkarnation ist indo-iranisch; mit ihr verbanden sich kommunistische Anschauungen. Frauen- und Gütergemeinschaft hatte im sechsten Jahrhundert Mazdak gelehrt. Auf ihn gehen die Ismaeliten zurück. Es sind Atheisten, Religions- und Menschenverächter und Selbstvergötterer. Aus den Reihen der Ismaeliten geht Darasi hervor. Er stiftete nach 1017 die schwärmerische Sekte der Drusen. Unter ismaelitischem Einflüsse steht die ganze Dynastie der ägyptischen Fatimiten. Um dieselbe Zeit entsteht die Freimaurergilde der Sufi. Um 1090 fallen die Anfänge der sufisch gefärbten Assassinen. In seiner höchsten Entwicklung war der Sufismus zu der Lehre gelangt, daß ein vollkommener Mensch Gott selber sei, daher sei ihm auch alles erlaubt. Er kann sich des Lebens auf jede Art freuen, kann trinken, kann lieben, er kann auch jegliches Verbrechen begehen. Er ist jenseits von Gut und Böse. Er ist nicht nur gleich Gott, sondern er ist Gott selber, der ..ja aus eigener Macht Gesetze schafft, der sich selber Gesetz ist. Ähnliche Erscheinungen tauchen in Indien auf; vor der bhakti, der Gottesliebe, erblassen alle anderen Tugenden.

Die bhakti, vereinigt mit der Askese, führt zur mystischen Gotteinheit. Das Glück der Gottgeeinten äußert sich in Gesang, Musik und Tanz. Der Doppelnatur der Gottheit entsprechend war auch deren weibliche Seite mit einbegriffen. Das führte zu einem Dienst des Weiblichen, führte zu orgiastischen Feiern. Schon im zehnten Jahrhundert ungefähr lehrten die Schiwaiten von Kaschmir den Sieg über die Illusion, als sei unsere Seele von Gott verschieden. Um 1200 entsteht die schiwaitische Sekte der Sittar. Sie lehrt, daß durch Elixiere der Leib sich in ein unzerstörbares Wesen verwandle. Die Seele ist erlöst; wonnetrunkene Hymnen dieser Sekte erinnern stark an die Dichtungen der Sufi. Kenner haben denn auch eine Entlehnung aus sufischen Kreisen angenommen. Ähnliche pantheistische Lehren tauchen 1270 in Japan, 1300 in Deutschland auf.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung

Männer; Völker und Zeiten

Eine Weltgeschichte in einem Bande.

In China war auf die Flut der Ausdehnung  die Ebbe eingetreten. Als nach dem Tode jenes Griechenkönigs von Kaschmir, des Hermaios, eine Gesandtschaft aus diesem Alpenlande in der Residenz des Himmelssohnes anlangte, gab man den Bescheid: Kaschmir ist zu weit entfernt, um mit ihm Beziehungen zu pflegen. Diese Zurückhaltung hinderte aber nicht, daß wenigstens kulturelle Beziehungen entferntester Art Platz griffen. Der Buddhismus gelangte 67 n.Ch. erstmalig nach China. Er wurde vom Kaiser selbst mit Wohlwollen aufgenommen. Einstweilen jedoch waren seine Fortschritte nur sehr langsam. Auf griechischen und persischen Mustern aufgebaut, entwickelte sich in Afghanistan, unter Beiwirkung der Dravida, die damals wohl noch bis Mekran, einer Provinz Südpersiens wohnten, ein Mischstil. Nach der südafghanischen Stadt Gandhara wurde er Gandharastil genannt. Er lieferte die Grundlage für die ganze buddhistische und auch einen Teil der brahmanischen Skulptur. Von Indien aus verbreitete sich diese Bildhauerei einerseits nach Ostasien, andrerseits bis Java. In so manchen Buddhastatuen, besonders in den Falten des Gewandes, erkennt man noch deutlich das griechische Vorbild, erkennt man Statuen des Äschines und Sophokles. Durch die Griechen hat die chinesische Bildhauerei, und zugleich auch die Malerei, ihre bedeutendsten Anregungen erhalten.

Auf die politische Ebbe folgte um das Jahr 100 nach Christi wieder eine große Flut. Ein chinesischer Feldherr, Pantschao, zog nach Westen und brachte alle Völker bis zum Aralsee dazu, die Oberhoheit des Himmelssohnes anzuerkennen. Möglicherweise hat sogar eine chinesische Truppe bei Kämpfen mitgewirkt, die im östlichen Armenien spielten.

Mit der größten Ausdehnung der Chinesen fiel die der Römer zusammen. Im Westen war wieder ein neues Herrscherhaus aufgekommen. Ein alter Senator, Nerva, wurde 96 zum Kaiser ausgerufen. Er adoptierte den Trajan, der zwei Jahre später den Purpur annahm. Trajan war für Kampf und Abenteuer. Er beschloß, die konservative Verzichtleistung, die bisher, abgesehen von Britannien, in der auswärtigen Politik geübt worden war, zu durchbrechen und von der Verteidigungsstellung, bei der man sich bisher begnügt hatte, wieder zum Angriffe vorzugehen. In allen seinen Unternehmungen begleitete den Trajan das schönste Glück. Zudem bewies er, daß er nicht nur als Feldherr, sondern auch als Organisator und Verwalter Bedeutendes leisten konnte. Im Jahre 106 unterwarf erDacien, das heutige Rumänien, und besiedelte es mit seinen Veteranen und anderen Kolonisten. Im Jahre 113 begann er einen großen Krieg gegen die Parther, in dessen Verlauf Ktesiphon erobert und gestürmt wurde, und ganz Mesopotamien den Römern zufiel. Dabei wurde das Vorgehen Trajans durch einen gefährlichen Aufstand erschwert, den die Juden in Syrien und Nordafrika anzettelten. Der große Eindruck, den die Zerstörung Jerusalems durch Titus gemacht hatte, war schon wieder verblaßt. Auch war die Stadt wieder erstanden, wenn auch nicht in dem gleichen Glanze und Umfange wie früher.

Der Erwerb Mesopotamiens wäre von weltgeschichtlicher Bedeutung gewesen. Rom, das schon alle Küsten des Mittelländischen Meeres und die westeuropäischen Gewässer nebst der Nordsee beherrschte, hätte dann auch den ganzen See- und zugleich den Überlandverkehr nach Indien in die Hand bekommen — eine Kombination, wie sie erst in unserer Zeit England beinahe geschaffen hat. Die einzigartige Gunst der Lage dauerte jedoch für Rom nur zwei Jahre. Trajan starb, als er sich eben zu dem Feldzug gegen die Juden in Bewegung setzen wollte. Sein Nachfolger aber, der von ihm adoptierte Hadrian, gab die Eroberungen an der Ostgrenze auf. Er hielt es für weise Mäßigung, sich von „uferlosen Plänen“ frei zu halten. Militärisch war der schwächliche Verzicht durchaus nicht geboten. Auch half er insofern nicht das Geringste, als alle Augenblicke doch wieder Kriege mit Persien ausbrachen. Zunächst freilich hatte der neue Kaiser alle Hände voll zu tun, um die Juden niederzuschlagen. Die Operationen glückten; Jerusalem wurde belagert und abermals zerstört. An seiner Stelle wurde eine römische Niederlassung begründet, die nach Aelius Hadri-anus, dem Kaiser, den Namen Aelia Capitolina erhielt. Von nun an war Jerusalem dauernd für die Juden verloren. Sie zerstreuten sich hinfort in alle Welt. Besonders in Mesopotamien, aber auch im fernen Westen, im romanischen Europa, und selbst in Marokko, mehrten sich ihre Kolonien und wuchsen an Kopfzahl. Die Zerstreuung der Juden hat im Grunde bis zum heutigen Tage gedauert. Der Schlag traf das geistige Leben des Volkes besonders hart. Die Überlieferung wurde durchbrochen und hörte einige Geschlechter hindurch ganz auf. Es fehlte sogar fast völlig an Rabbinern und Synagogen. Erst im dritten Jahrhundert sammelten sich allmählich wieder Gemeinden. Der Mittelpunkt der rabbinischen Wissenschaften wurde Mesopotamien. Die Pirkeh Abboth, die „Sprüche der Väter“ wurden gesammelt. Die Grundlagen entstanden für den Talmud. Das Ritual und dieTheologie der heutigen Juden’geht eigentlich auf jene Epoche der Frühzeit des Talmud zurück, und nicht auf das alte Testament.

Audi Hadrian brach mit mancher alten Überlieferung innerhalb seines eigenen Kreises. Eine äußerliche Kleinigkeit: er hat, entgegengesetzt der Gewohnheit völligen Rasierens, die seit Jahrhunderten Mode war, den Bart wiedereingeführt. Das ist von jetzt an Sitte geblieben, während es bisher für eine schmutzige Gepflogenheit galt, die sich höchstens die Anhänger einiger Philosophenschulen herausnehmen durften. Auf vielen Gebieten suchte sich Hadrian zu betätigen. Er entfaltete eine unersättliche Bauwut. Er hatte eine Leidenschaft für das Wandern und allerlei Sport. Fast alle Teile des weiten Reiches hat er selbst durchzogen. Er war wohlwollend und menschlich, aber sehr launisch, und gegen Ende seines Lebens, wie so manche Herrscher, argwöhnisch und mitunter grausam. Einen Sohn hinterließ er ebensowenig wie seine beiden Vorgänger. Es ist höchst merkwürdig, daß auch noch sein Nachfolger keine Kinder hatte und zu dem gleichen Mittel wie er griff, um keinen Bruch in der Überlieferung eintreten zu lassen, so daß über achtzig Jahre lang die Dynastie sich lediglich durch Adoption fristete.

Die gleiche Beobachtung können wir in Japan machen. Zwar besteht dort noch jetzt die amtliche Auffassung, daß die Mikado von 660 v. Chr. bis zur Gegenwart in ununterbrochener Reihenfolge „das Land der Götter“ beherrscht hätten. Erstens ist das frühe Datum ganz und gar sagenhaft. Die Japaner treten nicht vor der Zeit Christi in das Licht der Geschichte, und zwar als Seeräuber, die an der südkoreanischen Küste landeten, und erst im zweiten und dritten Jahrhundert hören wir einiges wenige, aber auch nicht sehr genaues, über ihre Sitten und Staatsverfassung. Die Vorfahren der Mikado waren damals noch Stammeshäuptlinge, oder im besten Falle Fürsten von Stammesbünden. Unabhängige Staatswesen entstanden in Japan an mindestens drei verschiedenen Orten und wahrscheinlich annähernd zu gleicher Zeit. Die Ausstrahlungspunkte der frühen Kultur waren alle im Süden des Landes. Ihrer Rasse nach sind die Japaner ein Mischvolk. Sie gehören einerseits den Uralaltaiern, andererseit den Malaien an. Auch sind noch andere Elemente, Zwerge und Aino, in ihr Volkstum aufgegangen. Von den malaischen Vorfahren haben die Japaner ihre auffallende Vorliebe fürs Baden, und für das was wir heute Nacktkultur nennen würden. Nicht minder die Anlage zur Kunst. Auch der Hausbau der Japaner und manche ihrer Tänze gehen auf malaische Muster zurück. Nach und nach schlossen sich nun die verschiedenen, noch locker gefügten Stammesbünde zu einem einheitlichen Staatswesen zusammen. An die Spitze traten die Mikado, die in der südwestlichen Landschaft Yamato ihren Stammsitz hatten, und die auf die strahlende Sonnengöttin Amaterasu ihren Ursprung zurückleiteten. Wie die römischen Kaiser des zweiten Jahrhunderts, so haben nun auch die Mikado nur durch Adoption ihre Dynastie so lange zu fristen verstanden, allerdings gleich für siebzehn Jahrhunderte. So ist die Dynastie Japans doch die langlebigste aller Dynastien geworden.

Etwas länger als das Inselreich war schon Korea aus dem Dunkel geschichtsloser Nacht emporgetaucht. Um das Jahr 200 vor Chr. bildete sich, von dem Chinesen Kidja und dem einheimischen Krieger Weiman begründet, ein mächtiger Staat in Nordkorea. Einige Geschlechter darauf entsteht das Reich Pak-jeh, in der Mitte, undSillah, im Süden der Halbinsel. Zeitweilig gerät das ganze „Land der Morgenfrische“ in Abhängigkeit von China. Seit der Zeit Christi aber wird die Unabhängigkeit, und werden die erwähnten drei einheimischen Reiche so ziemlich wiederhergestellt. Seit dem dritten Jahrhunderte vor Chr. dringt der Buddhismus in Korea ein. Daneben gewinnt die chinesische Bildung an Boden.

Wie in der nördlichen Hälfte Asiens, so breitet sich der Buddhismus auch in der Südhälfte aus. Die Schnelligkeit der Ausdehnung wird durch eine Kirchenspaltung und den hierdurch entzündeten Eifer der Nebenbuhlerschaft noch beschleunigt. Die mehrfach genannten Jüetschi, deren Wanderung die erste Ursache zum Hunnensturm (und, im Anschluß daran, zu europäischen Umwälzungen) gab, herrschten jetzt über ganz Hindo-stan, das heißt die Tiefebenen des Indus und des Ganges, oder mit anderen Worten, die größere Hälfte der Himalaja-Insel, und außerdem über ganz Mittelasien, mit Einschluß von Afghanistan und einem Teile Westturkestans. „König der Könige“ war bei den Jüetschi der große Kanischka. Er hielt um 130 nach Chr. ein ökumenisches Konzil des Buddhismus ab. Richtiger: er wollte es abhalten. Denn die Buddhisten von Ceylon, und überhaupt vom äußersten Süden machten eine Sezession, und gründeten eine eigeneSekte, die des „Kleinen Wagens“. Die Sprache dieser Südsekte wurde in den heiligen Büchern das Pali, eine Base des Sanskrit. Die nördlichen Buddhisten glaubten dagegen im Besitz des „Großen Wagens“ zu sein, um die Lehren Buddhas darin fortzutragen. Die Nordsekte, die Anhängerin des „Mahajana“, erlaubte, die heiligen Schriften in einheimische Sprachen zu übersetzen. So entstand ein chinesischer, ein mongolischer, und mehrere Jahrhunderte später ein tibetischer und japanischer Kanon der buddhistischen Bibel.

In Siam ist einstweilen nur die brahmanische Religion mächtig. Ebenso auf den Sundainseln, wo sie dem einheimischen Heidentum eine Anzahl von Gläubigen entrissen hatte. Tibet liegt noch ganz in Nacht. Dagegen hören wir in Arabien von jüdischen und christlichen Kolonien.

Hier ist der Ort und die Zeit, von der Gesamtbevölkerung Asiens zu sprechen. Begreiflicherweise sind wir vielfach lediglich auf Schätzungen angewiesen. In den ersten nachchristlichen Jahrhunderten wird Asien beiläufig 230 Millionen Seelen beherbergt haben. Die Volkszahl Europas mag sich auf 35 Millionen belaufen haben. Mithin betrug die Bevölkerung des kleineren Erdteils nicht einmal ein Sechstel von der des größeren Kontinents. Heute beträgt sie fast die Hälfte. Das Verhältnis hat sich also stark zugunsten Europas verschoben. Zum Teil ist daran eine Wanderung von Osten nach Westen schuld. Die Juden konnten ehedem in Asien auf eine Kopfzahl von annähernd drei Millionen blicken, denen kaum einige Hunderttausende, wenn nicht nur Zehntausende, in Europa gegenüberstanden: heute ist ihre Zahl in Asien auf zwei Drittel Millionen gesunken (und das trotz der jüngsten Einwanderung in Syrien und Sibirien), während in Europa neun Millionen wohnen. Sodann sind, wie wir weiter unten sehen werden, große Stämme, wie die Zigeuner und die Türken, von Asien nach Westen gewandert. In der Hauptsache aber rührt der Aufschwung, die jetzige günstigeLage Europas, von der Urbarmachung und Neubesiedlung der europäischen Länder nördlich von den Pyrenäen und Alpen her. Man bedenke, daß Gallien nach dem Abzug Cäsars nur wenig über eine Million Bewohner hatte, und daß Germanien höchstens vier Millionen Seelen besaß. Jetzt ernährt Frankreich vierzig und Deutschland fünfundsechzig Millionen Menschen. Ganz Europa hat heute 445 Millionen gegenüber den 930 Millionen Asiens.

Gegen Ende des zweiten Jahrhunderts nach Christi brachen blutige Thron wirren sowohl im chinesischen, als auch im römischen Reiche aus. Der Aufstand „der gelben Turbane“ dauerte in Ostasien fünfzehn Jahre, im Abendlande, wo Prätendenten in Syrien, am Bosporus, in Gallien, Britannien und Italien selbst zu bekämpfen waren, drei Jahre. Als Sieger ging aus dem Streite der Afrikaner Septimius Severus hervor, der zu Karnuntum, unweit vom heutigen Wien, von den Truppen ausgerufen wurde. Belangreiche Ruinen von Karnuntum hat die Gegenwart ausgegraben. Severus brachte dem sinkenden Reiche noch einmal neuen Glanz. Er vermehrte das stehende Heer auf das Vierfache. Er schlug sich überall tapfer herum; im Osten mit den Parthern, in Syrien mit den Juden, gegen die er die Hilfe der Samaritaner erhält, in Britannien mit den Gebirgsvölkern, den Pikten und Scoten, ferner mit Armeniern und Pannoniern. Sein Sohn Karakalla besiegte 207 die Germanen in Rätien. Neuerdings war ein Vormarsch der Germanen nach den Alpen und nach dem Schwarzen Meere eingetreten. Die Goten wurden die Herren aller der weiten Striche zwischen Schwarzem Meer und Südschweden, wo Götaborg und Gothland noch von ihnen zeugen. Unter den Taten des Severus war eine fast dreijährige Belagerung von Byzanz. Die Nachricht vom Falle der Stadt kam, in anscheinend nur zehn Tagen, nach Mesopotamien, wo sich damals der Kaiser aufhielt. In wenig mehr als drei Monaten marschierte dann der Kaiser mit seinem Heer bis zur mittleren Donau — wiederum eine der großartigen Marschleistungen der römischen Soldaten. Auch gegen die Araber hatte der Kaiser Kämpfe zu bestehen. Wie die Germanen von Norden, so drängten die Araber von Süden her in die fruchtbaren Provinzen des römischen Reiches. Die Wanderung der Araber erreichte bereits den oberen Euphrat. Gegen sie allein hatte Severus keinen Erfolg aufzuweisen. Ein Fehlschlag war auch die Verfolgung der Christen, die er 201 befahl. Ein origineller Zug des Kaisers war folgender. Er ließ dem Hannibal ein Denkmal setzen. Es ist sonst kaum üblich, daß ein Herrscher den Fürsten eines feindlichen Volkes durch ein Denkmal ehrt. Nur Wilhelm II. hat dies für Antoninus Pius auf der Saalburg getan. Zur Erklärung von Severus Handlung wird man jedoch annehmen müssen, daß er in Hannibal seinen Rassegenossen sah. Severus hat eine Semitin geheiratet, die Syrerin Julia Domna. Der Kaiser führte noch einen Wallgraben von Meer zu Meer durch Schottland. Er dämpfte den Aufstand der Mäaten und Kaledonen und starb in Ebora-kum, dem heutigen York. Neben Karnuntum an der Donau, Aventikum, dem heutigen Avenches in der Schweiz, Argen -toratum, jetzt Straßburg, Kolonia, jetzt Köln, Lugdunum oder Lion, Londinium oder London, und vielleicht noch Kantabrigium oder Canterbury gehörte Eborakum zu den bedeutendsten Städten der nördlichen Provinzen Roms.

Es folgte Karakalla. Er besiegte abermals germanische Stämme, nämlich die Markomannen und Allemannen in Rätien, erlitt jedoch eine Schlappe durch die Hand der Chatten, die sich heute Hessen nennen. In Thrakien bezähmte er ein tscherkes-sisches Volk, die Jazygen. Was aber den Namen des Karakalla auf die Nachwelt gebracht hat, war seine Verordnung, kraft deren alle Bewohner des Imperiums das römische Bürgerrecht erhalten sollten. Der Unterschied der Rassen war also aufgehoben. Aber nicht der Stände. Denn die Verordnung kam nur den Freien zugute, nicht den Sklaven.

Mit dem severischen Hause waren Semiten auf den Kaiserthron gekommen. Von jetzt an ist überhaupt kaum noch ein Römer Kaiser geworden. Meist waren es Männer der Provinz, die den Purpur an sich rissen. Gleich nach dem Tode des Alexander Severus (235), des letzten der Dynastie, bemächtigte sich ein Thraker, Maximinus, ein gewöhnlicher Soldat, aber ein tüchtiger Krieger von riesiger Länge und Körperkraft, der Zügel der Herrschaft. Ein halbes Jahrhundert hindurch folgte ein Usurpator auf den andern. Man sprach von der Zeit der dreißig Tyrannen. Im ganzen Reiche war Anarchie obenauf, und jedermanns Hand war wider jedermann. Dieselbe Erscheinung in China! Thronkämpfe und Zersplitterung. Eine Periode der „drei Reiche“ und dann gar der „sechzehn Reiche“. Die Han hörten seit 216 auf zu regieren, Tungusische, Hunnische und Tibetische Häuptlinge warfen sich zu Teilkaisern im Reiche der Mitte auf. Nicht selten konnten sie einen Anspruch auf Legitimität erheben, da die Ahninnen so mancher Häuptlinge chinesische Kaisertöchter gewesen waren, die sich bei irgendeinem Friedensvertrag Barbarenfürsten als besonderes Unterpfand ausbedungen hatten. Ähnlich erhoben sich im großen Reiche des Abendlandes Thraker, Araber, Spanier und Illyrier. Nur galt hier der Grundsatz der Legitimität nichts; Gewalt allein gab den Ausschlag. Wer die Truppen für sich hatte, konnte nach dem Purpur langen; wer die Gunst der Truppen verlor, wurde von steiler Höhe wieder herabgestoßen und ermordet. Zuletzt gelang es einem Illyrier, Diokletian, sich an der Spitze zu behaupten und die zerfallenen Teile des Reiches wieder zusammen zu schweißen. Die Sehnsucht nach Einheit stachelte ihn ferner zu einer Christenverfolgung auf. Er sah eben in dem Christentum ein Element der Zwietracht, der inneren Zerklüftung.

Eine Festigung der Verhältnisse vollzog sich nur in Persien. Dort erhob sich eine nationale Dynastie, die Sassaniden. Sie knüpfte an die alten großen Erinnerungen der Achämeniden an, denen ein Cyrus und ein Darius angehört hatte. Sie strebte namentlich nach einer Einigung der Gemüter, und zwar durch eine Vertiefung des Glaubens. Zu dem Ende ließen die Sassaniden die heiligen Schriften sammeln, in denen die Aussprüche Zarathustras und andere Stücke zusammengefaßt sind. Man nennt die Sammlung den Zendavesta. Die Sassaniden regierten über vierhundert Jahre. Sie begannen 224 und erreichten ihre Blüte nach 500. Unter ihnen nahm die Kunst einen hohen Aufschwung. Die Teppichweberei erreichte einen staunenswerten Grad von Vollkommenheit. Wahrscheinlich haben alle anderen Völker sie von den Persern gelernt. Die Kenntnis der Glasbläserei ist im vierten Jahrhundert von Persien nach China gewandert. Nach außen hin hatte Persien lange nicht so glänzend dagestanden. Es eroberte Armenien und führte dort, nicht ohne rücksichtslose Grausamkeit gegen die Heiden sowohl als auch gegen die Christen, die Lehre Zarathustras ein. Die Statthalter der Sassaniden faßten in Arabien Fuß. Das Gebot des Großkönigs wirkte selbst bis nach Ceylon hinüber, wo es mit Sendlingen der aufstrebenden abessinischen Macht zusammentraf. Zeitweilig überschwemmten persische Heere ganz Vorderasien, eroberten Jerusalem und lagerten sogar auf dem asiatischen Ufer des Bosporus, gegenüber von Konstantinopel.

So hieß nämlich jetzt Byzanz. Ein Nachfolger Diokletians, der seinen Lebensabend an der dalmatinischen Küste in Spalato verbrachte und dort einen ungeheuren Palast errichtete — das ganze mittelalterliche Spalato ist auf dem Boden dieses Palastes und von seinen Steinen erbaut — war Konstantin. Er verlegte das Schwergewicht des römischen Reiches nach Osten, nach Byzanz, das er nach seinem eigenen Namen umtaufte. Er entschloß sich ferner zu einem schroffen Wandel in der Religionspolitik.

Im dritten Jahrhundert wurde die Lehre Zarathustras die Staatsreligion von Persien. Im vierten Jahrhundert verkündete Konstantin die Duldung des Christentums, das unter seinen Nachfolgern ebenfalls zur Staatsreligion erwuchs. Im fünften Jahrhundert wurde der Buddhismus eine der staatlich anerkannten Hauptreligionen Chinas.

Jetzt warfen sich Hunnen und Germanen und später die Araber auf das Römerreich.

Zu gleicher Zeit stürzten sich neue Scharen von Tungusen und Hunnen und Tibetern und dazu, neuauftauchend, Türken, Mongolen und Malaien auf China.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han

Männer; Völker und Zeiten


In diese Zeit des größten Aufschwungs der Südkultur fällt das Emporkommen der Germanen. Wir haben oben gesehen, daß die Germanen ein Zweig der Indogermanen oder Arier sind. Als ihre nächsten Verwandten kann man die Italiker (die ursprünglich wohl in Litauen saßen) und die Slawen ansprechen. Die Germanen treten zuerst an der mittleren Donau, dann am Rhein, und noch später am Schwarzen Meere auf. Ob die Bastarner, die um 200 v. Chr. Verhandlungen mit dem Mazedonier Philipp dem Zweiten pflogen, germanischen Blutes waren, ist unsicher. Nicht einmal von den Kimbern und Teutonen ist es völlig gewiß. Der erste bestimmt beglaubigte Zug der Germanen ist der der Sueven oder Schwaben, die unter Ariovist in das Elsaß einbrachen und sich bis zur oberen Seine ausbreiteten. Wir müssen uns vergegenwärtigen, daß damals Europa noch von einer Fülle anderer Rassen bewohnt war. Von dem Atlantischen Ozean bis zur Wolga und zum Kaukasus hausten Verwandte der Tscherkessen und Georgier. Alle die oftgenannten Urvölker, die Iberer, die Ligurer, Rätier, Vindelizier und Jazygen gehörten zu dieser Rasse. Bis in die Gegenwart ragt ein Überbleibsel jener europäischen Kasstämme, nämlich die Basken. Im Norden aber, vom Weißen Meer bis nach Jütland und vielleicht bis Holland saßen die Finnen. Außerdem war ein beträchtlicher Teil Europas noch von den Kelten erfüllt, deren Niederlassungen von Portugal bis zum Bosporus reichten. Die Germanen scheinen von der Gegend zwischen mittlerer Donau und oberer Weichsel ausgegangen zu sein. Jüngste Forschung hat entdeckt, daß in der Urzeit Bayern und Angelsachsen zusammengewohnt haben. Das kann nur in der beschriebenen Gegend gewesen sein. Von Osteuropa aus breiteten sich die Germanen, den keltischen Block umfließend, zugleichnach Norddeutschland und nach der oberen Donau und dem oberen Rhein zu aus. Umstritten ist die Frage der Besiedlung Skandinaviens. Wahrscheinlich sind auch nach Skandinavien die Germanen erst spät, und zwar von Osteuropa aus gekommen. Die niederrheinischen Germanen hatten Berührungen und Reibungen mit den keltischen Beigen, die oberrheinischen mit den Alpenvölkern. Ariovist hatte zwei Gattinen zu gleicher Zeit; die eine davon war die Tochter des nichtarischen Königs vonNorikum (Oberösterreich und Steiermark). Es ist nur natürlich, daß die zahlreichen, bereits ansässigen Fremdvölker nicht ohne Rückwirkung auf das Blut und die Gesittung der Germanen blieben. In vielen Fällen wird die ältere Bevölkerung die Kulturgeberin gewesen sein. Sogar die Waffen der Germanen sind zu einem großen Teile keltischen Ursprungs. Und von den Kasstämmen hat sich so manches Wort wie Spanferkel, Zelter, Lawine bis zum heutigen Tage bei uns erhalten, gleichwie auch im Französischen und im Italienischen noch viele baskische Wörter ihr Dasein fortsetzen. Aus Urkunden läßt sich nachweisen, daß noch im zwölften Jahrhundert Rätier zwischen Garmisch und Innsbruck saßen. Der fremde Einfluß im Skandinavischen erhellt aus der seltsamen Gewohnheit des Schwedischen und Dänischen, den Artikel hintenan zu setzen. Das ist die Gepflogenheit des Baskischen und Finnischen. Die Edda erzählt, daß die Äsen das Pferd von den Thursen kennen lernten. Die Thursen aber sind, wie schon Jacob Grimm sah, die Thyrsener oder Etrusker.

Weit entfernt jedoch, der Art und Sitte der Unterworfenen sich gänzlich anzubequemen, haben vielmehr die Germanen den großen Schatz eigener Einrichtungen und Sitten, die sie mitbrachten, im wesentlichen behauptet. Sie hatten selbständige Ansichten über das öffentliche Leben, über Anlage der Dörfer und Hausbau, endlich über die Stellung der Frauen und das Walten der Gottheit. Immerhin muß darauf hingewiesen werden, daß die Namen der meisten Städte in germanischen Landen vorgermanischen, und meist vorarischen Sprachen entnommen sind, und in den Alpengegenden wenigstens hat sich die Tracht der älteren Volksschicht siegreich durchgesetzt. Das Hochziel des Germanen war Jagd oder Krieg. Den Ackerbau überließ man den Unfreien, das heißt den unterjochten Nichtgermanen, die ihren Herren frohnden und zinsen mußten. Erst allmählich gewöhnten sich auch Freie an den Gedanken, daß ein selbst ausgeübter Ackerbau keine Schande bringe.

Nun stießen die Germanen mit den in gewaltigster Ausdehnung begriffenen Römern zusammen. Ein Naturvolk, zwar hochbegabt, aber noch auf niedriger Stufe stehend, ohne Schrifttum, ohne festere Staatsformen, ohne die Zucht, die ein Zusammenarbeiten in größeren Heeresverbänden bringt, wollte den Kampf mit den unerschöpflichen Hilfsquellen, mit der Artillerie und der straffen Zucht der Römer aufnehmen. Es war ein Wunder, daß die Germanen da nicht erlagen. Ein einziger Mann rettete sie: Arminius. Er ist zuversichtlich der Siegfried unserer Sagen. Es gibt keine große Gestalt unserer Heldenlieder, die nicht geschichtlich wäre. Also muß auch Siegfried im Fleische gewandelt haben. Zudem zeigen die anderen Namen seiner Sippe, Segest, Segimer und Segistag dieselbe Wurzel wie Siegfried — eine Gewohnheit der Namengebung, die auf germanischem Boden sehr häufig ist.

Freilich waren die Germanen weiter von der Südkultur und ihrem überwältigenden Einflüsse entfernt, als die Kelten. Aus dem gleichen Grunde haben sich die Türken besser der chinesischen Umklammerung zu erwehren gewußt, als die dem Reich der Mitte näheren Tungusen. Gleichwohl haben es die Römer wahrlich nicht an Mühe und Anstrengung fehlen lassen, um die widerspenstigen Feinde im Norden zu bezwingen. Zu Wasser und zu Lande rückten sie ihnen von allen Seiten zu Leibe. Auf der ungeheuren Linie, die von der mittleren Donau und der oberen Elbe über den Spessart nach der Weser führt, drangen die römischen Legionen vor; so war die Germanenwelt von Südosten, Süden und Westen her flankiert. Auf der Nordsee aber kreuzte eine römische Flotte, die an der friesischen Küste Landungen versuchte — ein Zusammenwirken, wie es dem Geiste Wallensteins bei der Belagerung Stralsunds vorschwebte, insofern spanische Truppen von Oberitalien nach dem Niederrhein marschiert waren und Wallenstein eine spanische Flotte nach der Ostsee wünschte. Auf dem Landwege war Drusus bereits bis zur unteren Elbe gekommen, und nur wenig Jahre vergingen, da war Böhmen mit dem nördlichen Vorlande ein römischer Vasallenstaat. So fehlte wenig und der Ring wäre geschlossen worden. Arminius, der in römischen Heeren gedient hatte und dabei weit in der Welt herum, vielleicht sogar bis Armenien gekommen war, erkannte die furchtbare Gefahr. Ehre und Preis dem Manne, der aus einem dunklen Naturgefühl heraus, lediglich aus Selbsterhaltungstrieb, den heimischen Boden gegen feindlichen Einfall verteidigt. Allein Arminius stand weit höher als ein Kirgisenhäuptling, der gegen die Russen kämpft, oder ein Emir des Sudans, der sich der Franzosen zu erwehren sucht. Bei ihm war es mehr als ein dunkles Gefühl, als ein unklarer Instinkt. Arminius war ein Staatsmann von hohem Wurf. Warum sollte man ihm weniger Zutrauen als dem Ariovist oder seinen Vorgängern, die mit einer Partei in Rom und dem fernen Mithridat in Verbindung standen? Der Cherusker hat denn auch ebensoviel durch List, wie durch persönliche Tapferkeit sein Ziel erreicht. Er lockte den Varus in den Teutoburger Wald, in die Nähe der Porta Westfalika, und vernichtete fast zwanzigtausend Mann. Ihn selbst, den Befreier des Vaterlandes, traf im eignen Hause schweres Geschick; sein geliebtes Weib, Thusnelda, fiel in die Gefangenschaft der Römer. Das war so zugegangen. Mit stürmender Hand hatte einst Armin die Braut aus der Feste Segests geraubt. Der Schwiegervater wider Willen, der es ohnehin mit den Römern hielt, zürnte unversöhnlich und nun doppelt dem jungen Cheruskerfürsten. Er benutzte eine Abwesenheit Armins, um sich mit Gewalt der Thusnelda zu bemächtigen, und er überlieferte selbst die Tochter, die damals hochschwanger war, dem Neffen des Tiberius, dem Germanikus, der herbeigeeilt war, um die Niederlage im Teutoburger Walde zu rächen. Thusnelda blieb bis an ihr Lebensende in Gefangenschaft. Wer kann den Schmerz ihres hochgemuten Gatten ermessen? Vielleicht entflammte ihn der Verlust zu immer größerer Anstrengung, zu heißer Wut. Als die Nachricht von dem Kommen des Germanikus erscholl, da ritt Armin wie auf den Flügeln der Windsbraut, wie der lichtschnelle Gott Freier selbst durch die deutschen Gauen, um die Stämme zum Zusammenschluß und zum erbitterten Widerstande anzustacheln, Waffenä! erbrauste es überall, und begeistert folgten die Mannen dem erprobten Führer. Von neuem maßen sich die starken Gegner in offner Feldschlacht; es war der Sommer des Jahres 15 n. Chr. Die Wahlstatt lag etwas weiter östlich, als im Jahre 9, da Varus dahinsank. Die Männer des Südens nannten sie Idistavisus, das ist die Geisterwiese. Es wird die Gegend am heutigen Deister sein, und der Morast, in den die Legionen gerieten, wird unweit des Steinhuder Meeres gewesen sein. Beim Bade Nenndorf, in der Nähe, wird heute noch eine Römermauer gezeigt. Fast wären die Legionen neuerdings erlegen. Nur mit äußerster Mühe fochten sie sich durch. Tiberius hielt ein weiteres Ringen für zwecklose Vergeudung von Geld und Gut, gebot Einhalt, und versetzte den tatenfreudigen Germanikus, der gern einen entscheidenden Sieg davontragen wollte, nach Vorderasien. Der Kaiser, der selbst jahrelang gegen die Germanen im Felde gestanden hatte, tat dabei den denkwürdigen Ausspruch: Unsere beste Bundesgenossin gegen die Germanen ist deren eigene Uneinigkeit.

In der Tat brach bald ein Bürgerkrieg zwischen Armin und Marbod, der in „Böheim“ und Sachsen ein Reich begründet hatte, aus. Auch regte sich die Eifersucht der eigenen Verwandten gegen den Cheruskerfürst. Wie es ein vogtländischer Dichter der Spätromantik, Deeck, in einem „heldischen“ Gesänge ausgedrückt hat,

Ruhm Hermann, dem Vaterlandsretter!

Tod Hermann, dem Freiheitsdränger!

Es war die berühmte „Libertät“, um die noch während des Dreißigjährigen Krieges die Fürsten stritten. Wir nennen es heute Partikularismus. Ein Mord also war der Dank der Niedersachsen — oder waren es Hessen? — für ihre Befreiung. Sofort bemächtigte sich denn auch die Sage der Gestalt Armins. Selbst der große Geschichtsschreiber seiner Gegner, Tacitus, (um 90 n. Chr.) hat von den Heldenliedern erfahren. Die Sage laßt Siegfried durch Anstiftung seiner Verwandten fallen, nachdem er das meiste dazu beigetragen, den Ansturm eines gefährlichen Feindes zurückzuwerfen.

Der eine Trost konnte wenigstens dem Sterbenden bleiben: sein vaterländisches Werk war erfolgreich gewesen. Zwar ist fast ein Drittel Germaniens, das durch einen ungeheuren Wallgraben, den Limes, von dem freien Germanien abgeschnürt war, auf vierhundert Jahre, und in manchen Gegenden, wie bei Regensburg, noch länger der Romanisierung verfallen. Das Herz des Landes aber mit dem breitflächigen Gebiete, das sich bis jenseits derWeichselund des Riesengebirges erstreckte, war selbstständig geblieben. Nur einmal in der Weltgeschichte, wenn man von den paar spanischen Söldnern Karls V. und den Kroaten Tillys und Wallensteins absieht, ist das innere Deutschland von einem nichtgermanischen Feinde erobert worden: von Napoleon. Indessen dauerte diese Besetzung nur sieben Jahre. Wie oft sind dagegen slawische und romanische Staaten von Rassefremden, und zwar lange Zeiträume hindurch, beherrscht worden!

Der Limes ging von Kehlheim an der Donau oberhalb Regensburgs über den Spessart und Taunus nach dem Rheine, wo er gegenüber von Andernach aufhörte. Mit Vorliebe wählt der Limes den Kamm der Gebirge, weil man von darnach allen Seiten bequem ausschauen kann, und sich vor einer Überrumpelung schützt. Alle zehn bis fünfzehn Kilometer wurde ein befestigtes Lager errichtet. Auch fehlte es nicht an Wachttürmen längs der Linie. Im Taunus geht der Limes gerade über den Feldberg, gar nicht weit vom Brünhildisfelsen, berührt also heilige Stätten der Germanen. Dort im Taunus ist ein großes Lager noch in den Grundfesten erhalten, und ist auf Veranlassung Kaiser Wilhelms II. ganz in römischer Art wieder aufgebaut worden. Es ist die Saalburg. Zwei Stunden davon ist die kleinere Kapernburg. Nicht ausgeschlossen ist, daß die Römer, die von der großen Mauer Chinas Kentnis hatten, durch das chinesische Vorbild auf den Gedanken des Limes verfielen. Jedenfalls dienten beide Riesenwerke dem gleichen Zweck, die kriegerischen Völker des Nordens im Zaume zu halten. Gleiche Lage aber erzeugt wohl gleiche Maßregeln. Noch in der Gegenwart hat Lord Kitchener in Südafrika eine Art Limes mit Blockhäusern zur Abwehr der schweifenden Burenscharen ersonnen.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

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Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
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Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
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Kelten und Romanen
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Römischer Imperialismus

Männer; Völker und Zeiten