Die deutsche Wehrmacht hat den vom bolschewistischen Moskau aus Lüge und Verdrehung gewobenen Vorhang, durch den der Blick in den Ostraum so lange versperrt war, für immer zerrissen. Ihrem opferbereiten Ansturm, ihrer kämpferischen Ueberlegenheit hat Europa, hat die Welt dafür zu danken, daß die Wirklichkeit in einem Staat, der fast ein Sechstel der Erdoberfläche umfaßte, wieder klar vor aller Augen liegt. Die deutsche Führung wird nunmehr ihr Augenmerk darauf richten müssen, daß die Gegebenheiten dieses Riesenraumes in allen Fragen des Volkstums, des Einsatzes an Mensch und Gut und der verwaltungsmäßigen und wirtschaftlichen Gestaltung zum Segen des gesamten europäischen Kontinents zur Auswirkung gelangen.

Wie unendlich groß sind die Gebiete des bisher wiedererschlossenen Ostens! Ihre Einführung in die neue europäische Völkergemeinschaft räumt mit allen irrigen Vorstellungen auf, die das ehemalige Moskowitertum geschaffen und aufrechterhalten und der dahinscheidende Bolschewismus mit einer erlogenen marxislisch-leninistisch-stalinistischen Hülle umgeben haben. Nie wieder darf die Behaupiung Glauben finden, daß die erst zaristisch und dann bolschewistisch regierten Länder von einem Volk bewohnt wurden. Niemand konnte eindeutiger als der deutsche Soldat feslslellen, wie verschieden nach Rasse, Volkstum, Sprache, Art und Sille die Menschen sind, die man von der Eismeertundra über Wälder hinweg bis zur baumlosen, mit Gräsern und Kräutern bedeckten Steppe zwischen dem Schwarzen mad der Wolga an traf. Finnen, Esten, Letten, Litauer, Weißruthenen, Küssen, Ukrainer, Donkosaken, Krimtataren, Nordkaukasier, Georgier, Aserbeidschaner, Armenier, Idel-Uraier, Turkestaner und viele andere, darunter auch Deutsche, waren in einem Staatsmonstrum zusammengeschlossen, in dem die europateindlichen Kräfte durch Jahrhunderte hindurch immer wieder einen Ansturm gegen den Westen unternahmen und die Schicksalsfrage zunächst für Moskowien entschieden

Genau so wie der Zarismus setzte die Sowjetmacht das unter ihre Führung gezwungene Völkergemisch für die politischen Ziele ein, die sich aus den inneren und äußeren Umständen der zusammengeklammerten Menschen und Räume ergaben. Sprach jener von einem Einheitsrussen, der gar nicht existierte, so erfand diese den Sowjetbürger. Dieser Zweckbegriff sollte der eigenen Bevölkerung und der gesamten Welt vorgaukeln, daß es dem Kreml gelungen sei, über alle rassisch-völkischen Unterschiede hinweg eine ungezählte Masse von sowjetischen Einzelwesen zu schaffen, die in bolschewistisch-ideologischer Verbundenheit geeinigt seien. So erdachte und propagierte man den Sowjetpatriotismus, durch dessen trügerische Konstruktion alle Volkstumsverschiedenheiten wenn nicht gänzlich ausgetilgt, so doch wenigstens zum Schweigen gebracht werden sollten. Da Moskau hierbei jedes Machtmittel bis zum hemmungslosen Mord anwenden ließ, wurden Wille und Möglichkeiten zum Widerstand, zum Eigenleben und Selbstbewußtsein mehr und mehr eingeengt. Es entstand jene Fassade der „Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken“, die eine Einheit vortäuschen sollte. Die Kremlgewaltigen errichteten sie im Inland aus Terror und Blut, im Ausland aber sorgten die bezahlten, meist jüdischen Propagandisten dafür, daß Schaubilder, Statistiken und Reportagen den Glauben an Echtheit und Zuverlässigkeit dieser Behauptung verbreiteten.

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3. Reich Die Sowjet-Union

Das eigentliche Siedlungsgebiet des armenischen Volkes, das ein Volk von alter Kultur mit starken Bindungen an Sitte und Kirche ist, bildet in der UdSSR, das Südkaukasische Hochland mit Eriwangebiet und einigen Nachbarbezirken. Ein großer Teil der Armenier, die auf dem Sowjetboden 2 150 000 (1939) zählten, lebt außerdem über ganz Kaukasien verstreut und vor allem in seinen Großstädten (Tiflis, Baku u. a.).

Unter westeuropäischem Einfluß vermochte der armenische Volksgedanke im Laufe der Zeit sich zum neuzeitlichen Nationalismus der stark gegen das Türkentum gerichteten Kampforganisalionen der Armenier zu entwickeln. Das russische Armenien, das von der Zarenregierung aus begreiflichen Gründen gefördert wurde, war Ausgangspunkt und Rückzugsfeld der armenischen Bewegung in der Türkei.

Trotz ihrer loyalen Haltung konnten auch, die Armenier der Russifizierung nicht entgehen. Armenische Schulen wurden in russische umgewandelt, und auf Grund eines Regierungsbeschlusses gingen auch armenische Kirchengüter in russische Verwaltung über. Gleichzeitig setzte eine strenge Zensur gegen das armenische Schrifttum ein. All das zwang nationalbewußte Armenier, Anschluß an russische revolutionäre Kreise zu suchen. Bereits im Jahre 1907 wurde denn auch von armenischer Seite die Umgestaltung Rußlands in eine sozialistische Bundesrepublik gefordert.

Die Lage änderte sich jedoch von neuem, als die großarmenische Frage kurz vor dem Weltkrieg von Petersburg wieder aufgeworfen wurde. Deshalb zögerten die Armenier 1917 eine Zeitlang mit ihrem Abfall von Rußland, sie schlossen sich allerdings dem Staatenbund von Transkaukasien an und erklärten ihrerseits Ende Mai 1918 die Unabhängigkeit, der Moskau im Dezember 1920 ein blutiges Ende bereitete.

Siehe auch:
Teilrepubliken-Sowjetunion
Sowjetunion-Staatsorgane
Sowjetunion-Wirtschaft
Sowjetunion-Technisierung
Sowjetunion-Landwirtschaft
Sowjetunion-Das Land
Goten-Waräger-Deutsche
Sowjetunion-Russen
Ukrainer
Donkosaken
Krimtataren
Ingrier-Esten-Letten-Litauer
Weißruthenen-Weißrußland
Idel-Uraler
Nordkaukasier
Aserbeidschaner
Turkestaner
Armenier
Georgier
Ostfinnen
Westfinnen
Sowjetunion-Schlußwort
Die Ukraine als Arbeitsfeld für Deutsche und Deutsches Kapital

Die Sowjet-Union

In allen islamitischen Ländern ist die Regierung die mittlere Linie zwischen dem demokratischen Sinn der Bevölkerung und der absoluten Vollmacht des Kalifen. Der Koran predigt ja, daß alle Mohammedaner Brüder, alle einander gleich seien. In der Tat ist denn auch der Sohn einer Negerin genau so erbberechtigt, wie der Sohn ihrer begünstigteren hellhäutigen Nebenbuhlerin. Auch sind der Rassenanlage nach die meisten Träger des Islam, namentlich Türken und Araber, demokratisch. Bei den neuesten Vorgängen haben die Ulema ausdrücklich erklärt, und zwar selbst die, die in Konstantinopel bei der Gegenrevolution mitgewirkt hatten, daß der Sultan die Verfassung nicht wieder antasten dürfe, und daß jeder Muslem nicht nur berechtigt, sondern sogar verpflichtet sei, dem Sultan im Falle einer Übertretung zu widerstehen. Der Sultan ist vor allem den Bestimmungen des Koran unterworfen, sodann den Ordnungen der Multeka, einer Sammlung von Sprüchen und Entscheidungen, die Mohammed und seine ersten Nachfolger getan haben. Dagegen wird das Kanon-Nameh Suleimans des Glorreichen, eine Sammlung von Hatti-Scherifs Suleimans selbst und seiner Vorgänger, zwar sehr geachtet, ist jedoch nicht bindend. Es gibt allerdings gefällige Gesetzesinterpreten, die, z. B. von der Tatsache ausgehend, daß der Prophet nur vier legitime Frauen erlaubt, und selber doch vierzehn besessen habe, die Meinung aufstellen, dem Kalifen sei schlechterdings alles gestattet. In jedem Falle hat sich der Absolutismus so mancher Sultane tatsächlich einfach über die Bestimmungen des Korans hinwegsetzt.

Der Sultan ernennt selbst — auch beim neuesten Regime — die zwei höchsten Reichsbeamten, den Sadrazan (Sdar-azam, persisch) oder Großwesir als oberste weltliche Autorität, und den Scheich ül Islam, das Haupt der Kirche. Bei der Wahl des letztgenannten haben jedoch die Ulema, die man demnach den Kardinälen vergleichen kann, mitzuwirken. Die Ulema stellen aber zugleich die obersten Juristen und besetzen die Theologieprofessuren. Ihnen eng verbunden sind die Mufti, die Ausleger des Korans. Westliche Einflüsse in der Verwaltung enthält zuerst das Hatti-Hamayun von 1856. Dem Großwesir steht ein Kronrat oder Medschlis i Haß zur Seite.

Bekannt genug ist die Einteilung des Reiches in Vilajets, Sandschaks, Kazas und Nahiets, die einem Wali, Mutessarif, Kaimakan und Mudir unterstehen. Wali kommt, was vielleicht weniger bekannt ist, aus dem Arabischen, wo es ursprünglich „oben“ bedeutet. Dieselbe Wurzel steckt im Vilajet, wo es lautgesetzlich ebenso von Wali gebildet ist, wie Kilafyet von Kalif.

Im übrigen ist das Osmanenreich zur größeren Hälfte nur Fortsetzung des byzantinischen. Selbst der Halbmond ist ursprünglich wahrscheinlich byzantinisch.

In der Bevölkerung bildet den Hauptunterschied die Religionsangehörigkeit. Nur die Mohammedaner sind verpflichtet, ja nur sie berechtigt, Waffen zu tragen und in den Krieg zu ziehen. Die Christen oder Rayah sind ohne weiteres die Untergebenen der Mohammedaner. So will es ausdrücklich der Koran. Mithin ist schon dadurch das Gesetz des Korans übertreten worden, daß später die Juli-Revolution Gleichheit aller Konfessionen bestimmte. In einem islamitischen Staate ist eine derartige Gleichheit schlechterdings nicht durchzuführen. Angenommen, das Waffentragen könnte allen Bürgern zugestanden werden, so ist schon allein das Eherecht eine Klippe, an der die Gleichheit vor den Gerichten scheitern muß. Ist doch für die Christen die Einehe gesetzlich, während für die Anhänger des Propheten die Vielehe, wenn nicht geboten, so doch vollkommen legitim ist. Auf der anderen Seite ist aber ebenfalls das Gesetz des Korans von dem absolutistischen Regime und seinen Trabanten außerordentlich oft in der Vergangenheit und vielfach auch in der Gegenwart verletzt worden, insofern der Koran zwar zur Bedrückung der Ungläubigen auffordert, allein ihr Leben unter Schutz stellt. Rein praktisch war ja auch eine Ausrottung der Ungläubigen nicht durchzuführen, aus sehr begreiflichen Gründen war vielmehr deren Erhaltung im Interesse des Staates. Denn die Rayah zahlten eine Kopfsteuer, die, namentlich in den ersten Jahrhunderten der arabischen Eroberung, den Hauptstock der Staatsfinanzen bildete.

Für die islamischen Herren war es dabei stets, auch in Nordafrika und Persien, von der größten Bedeutung, daß die Christen durch ihre konfessionellen Streitigkeiten gespalten waren und noch sind. Noch im Jahre 1881 wollten die römisch-katholischen Albanesen lieber mit den Mohammedanern als mit den griechisch-unierten Montenegrinern Zusammengehen. Im Februar 1909 lehnten sich die arabischen Christen gegen die griechisch-unierten auf, und es kam in Jerusalem zu blutigen Zusammenstößen. Von den Nestorianern und Armeniern haben sich viele der englischen Hochkirche angeschlossen, während 1898 an 15000 Ne-storianer in das Lager der russischen Prawoslavie übergingen. Auf der islamischen Gegenseite freilich fehlt es auch nicht an Spaltungen. Die Wahabiten, deren Sekte seit rund 1720 besteht, haben so manchen Padischah arg zu schaffen gemacht. Noch in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts haben verschiedene Wahabitenfürsten, darunter der berühmte Jahja, die Vilajets Asyr, El Hasa und das Nedschd von der Herrschaft des Kalifen losgerissen. Am fühlbarsten war stets die Kluft zwischen Sunniten und Schiiten. In der jüngsten Zeit soll sich die Zahl der Schiiten in Mesopotamien, besonders in der Nähe von dem schiitischen Wallfahrtsort Kerbela, wesentlich vermehrt haben. Auch einige wenige Kurdenstämme sollen, wie ich bei meiner Reise durch Adherbaitschan hörte, der Schia anhängen. Genaueres ist darüber nicht zu erfahren. Andere Kurdenstämme gehören der pantheistischen Sekte der Kisilbaschi an, die im Grunde mit dem Islam ebensowenig zu tun hat, wie der Sufismus. Auch im Libanon ist eine Sekte, die sich mit den orthodoxen Satzungen des Islams in Widerspruch befindet. Nichtsdestoweniger ist aber doch die religiöse Einheit bei der mohammedanischen Bevölkerung des osmanischen Reiches viel stärker ausgeprägt als bei der christlichen.

Um so größer sind sowohl bei den Mohammedanern als auch bei den Christen die Unterschiede und Spaltungen der Volkheiten und Rassen. Im ganzen Reiche gibt es zum mindesten ein Dutzend verschiedener Rassen, als da sind: Türken, Slaven, Griechen, Albanesen, Wlachen, Armenier, Tscherkessen, Lasen und Georgier, Jyrücken, Kurden, Syrer und Araber; Juden, Zigeuner und Levantiner nicht einmal mitgerechnet. Im allgemeinen gehören die einzelnen Rassen ausschließlich ganz bestimmten Religionen, an, eine Ausnahme machen jedoch Albanesen und Araber, die sich in Islam und Christentum teilen. Von den Georgiern bemerke ich, daß im Gegensatz zu ihren christlichen Volksgenossen im Kaukasus die Engeloj Mohammedaner sind. Natürlich gibt es noch eine große Menge von Konvertiten, die teils ganz in das Türkentum aufgehen, wie einst die Janitscharen, wie noch in der Neuzeit der Magdeburger Osman Pascha und der polnische Graf Tschaikowsky, der um 1880 Wali des Libanon wurde.

Um in der Erscheinungen Flucht einigermaßen festen Boden zu gewinnen, wird ein Überblick über die Kopfzahl der einzelnen Nationen von Nutzen sein. Allerdings muß man eine Unsicherheit in der Statistik mit in Kauf nehmen, an der außer Japan alle orientalischen Staaten kranken. Sie erklärt sich durch den Chauvinismus der Bewohner, die gern ihre Kopfzahl viel zu hoch angeben, so daß bei Schätzungen zwischen ihnen und ihren Gegnern Unterschiede von ungefähr 1000% Vorkommen; so schätzensich dieSerben von Mazedonienselbstauf zwei Millionen ein, während die Bulgaren sie nur auf zweihunderttausend berechnen. Da würde die Wahrheit nicht einmal in der Mitte liegen, sondern man muß eine weit geringere Zahl als richtig erkennen. Zu diesen Schwierigkeiten allen gesellt sich noch für die Statistik die sehr beträchtliche Einwanderung, die seit 1855, und stärker seit 1877 stattfand. Im Jahre 1902 haben sich die Mohammedaner Anatoliens laut einer Schätzung des Obersten von Diest seit dem russisch-türkischen Kriege fast verdoppelt, und von der Goltz Pascha erzählt uns von ganzen osmanischen Dörfern, die er zu seinem Erstaunen im Östlichen Mazedonien vorfand, ohne daß sie auf den Karten irgendwo verzeichnet gewesen wären. Die Geometer, meist christlichen Glaubens, hatten es eben nicht für nötig gefunden, die große Zahl der Mohammedaner noch besonders hervorzuheben. Der Zensus aber hängt, wie überall, mit dem Steuersystem zusammen, und so erklärt es sich, warum sich viele der Statistik entziehen. Auf Grund dieser vielen Mißstände ist es ziemlich schwierig, auch nur annähernd zuverlässige Zahlen anzugeben. Doch sei folgende Aufstellung versucht.

Hübner-Juraschek nimmt nur 24 Millionen an. Ebenso das Statesmans Yearbook. Beide nach den offiziellen Schätzungen. Nicht nur in der Hauptzahl, auch in den Zugehörigkeiten der Einzelzahlen herrscht, wie schon angedeutet, viel Unstimmigkeit. So beanspruchen namentlich die Hellenen die griechisch redenden Albanesen und Wlachen für sich, was deren jüngst erwachter Nationalismus aber nicht bestätigen will.

Ein Hauptproblem türkischer Politik bildet der Nationalitätenkampf. Araber undTürken hassen sich gegenseitig, wie jüngst wieder zwei vortreffliche Kenner, Hartmann und der Graf Mülinen, betont haben. Der Türke sieht mit Verachtung auf die ungeleckten Kurden herab. Der Albanese geht oft mit dem Türken, aber er fühlt sich doch sehr deutlich und sehr bestimmt als ein ganz anderer Mensch. Daß weder Kurden und Armenier noch Bulgaren und Serben und Griechen an einem Strange ziehen, ist bekannt genug. Der beständige Wechsel der Gruppierungen der Volks- und Bandenbündnisse, der in den letzten zehn Jahren Platz gegriffen hat, könnte einem Spezialisten der Variations und Permutationsrechnung ein gutes Material abgeben. Die Griechen waren vor allem und seit Jahrhunderten gegen die Slaven. Dann beehrten sie, besonders seit den Albanisierungs-bestrebungen des großen Ali Pascha Tepelenli die Albanesen mit ihrer Feindschaft; im Anfang des 20. Jahrhunderts entflammten sie plötzlich in heller Wut gegen die Rumänen und Wlachen, sie gingen sogar, trotz 1897, wieder mit den Türken. Dieses Paradigma kann man ähnlich auf Albanesen und Kurden und ütti quanti anwenden.

Am wichtigsten ist die Arabische und die Albanische Frage. Es war schon von den Bestrebungen arabischer Kreise die Rede, kraft deren das Kalifat auf einen Araber übertragen werden sollte. Die Anschauungen und Bemühungen der Senussi und verwandter Orden gehen denen der jetzigen Reformer, der verächtlich Pariser oder Ferengy-Türken genannten, entgegen. Andererseits haben jene eifrigen Verteidigerder koranischen Weltanschauung doch auch westliche Gedanken aufgenommen. In Ägypten haben sich mohammedanische Freimaurerorden aufgetan, und stehen mit englischen, politisch stark gefärbten Freimaurern in reger Verbindung. Der scheinbare Widerspruch solcher Bestrebungen spiegelt sich in dem Widerspruche englischer Politik. Denn die Liberalen haben sich seit der Zeit Gladstones, wenigstens theoretisch, stets für die unterdrückten und nach Emanzipation ringenden Völker erwärmt, während sie doch gleichzeitig die britischen Interessen wahrnahmen und sich daher manchmal gerade gegen jene Emanzipationsgelüste stellten. Das hat man in den Tagen Cannings und Palmerstons wie auch 1882 bei der Beschießung Alexandrias gesehen. Und wollten die Liberalen nicht, so wurden sie eben von den Konservativen, den Unionists, abgelöst, die sich nicht an etwaige Abmachungen ihrer Vorgänger im Amte hielten. Die Arabische Frage greift selbst bis nach Persien und nach Marokko hinüber. Eine persische Provinz, Chuzistan, ist zur größeren Hälfte von Beduinen bewohnt, und wie sehr die arabisch-panislamitische Agitation in Nordafrika den Franzosen zu schaffen machte, ist ja genugsam bekannt.

Zwar nur auf ein kleines Gebiet beschränkt, aber in ihren inneren Gegensätzen und ihren äußeren Ausstrahlungen nicht minder verwickelt, ist die Albanische Frage. Lediglich um ihre Nationalität zu retten, sind einstens viele Albanesen zum Islam übergegangen. Ihr Volkstum stand ihnen höher als die Religion. In der Gegenwart hat dies Gefühl einen weiteren Schritt gezeitigt. Christen und Mohammedaner haben sich zusammengeschlossen. Das geschah schon 1879. Dann griffen wieder Stammesfehden Platz. Neuerdings aber wurde ein allalbanischer Kongreß abgehalten, der im November 1908 zu Monastir zusammentrat. Die Albanesen wollen weder ein Vorrücken der Griechen noch ein Übergewicht italienischen Einflusses. Sie bekämpfen offen eine Vormacht der Türken und halten sich sehr reserviert gegenüber dem Gedanken einer Annäherung an Österreich. Am liebsten möchten sie die Autonomie. Da sie sehr wohl wissen, daß sie sich mit ihrer geringen Zahl im Wechselspiel der Großmächte nicht allein behaupten können, so erkennen sie die Notwendigkeit eines Schutzes an. Als Suzerän wäre ihnen der Herrscher am liebsten, der ihnen am meisten Freiheit im Innern gewährte.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
Die Condottieri
Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer
Aufstieg der Nordvölker : Kämpfe in Ostasien
Aufstieg der Nordvölker : Abschließung Ostasiens
Aufstieg der Nordvölker : Peter der Große
Aufstieg der Nordvölker : Das Wachstum Preußens
Aufstieg der Nordvölker : England und Frankreich werden Weltmächte
Aufstieg der Nordvölker : Friedrich der Große
Aufstieg der Nordvölker : Die Vereinigten Staaten von Amerika
Zeitalter der Revolutionen : Napoleon
Zeitalter der Revolutionen : Wachstum Englands
Zeitalter der Revolutionen : Lateinisch-Amerika unabhängig
Zeitalter der Revolutionen : Heilige Allianz und Romantik
Zeitalter der Revolutionen : Die Woge des Liberalismus
Zeitalter der Revolutionen : Englands Hand über Asien und Afrika
Zeitalter der Revolutionen : 1848
Zeitalter der Revolutionen : Krimkrieg
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Ostasiens
Zeitalter der Revolutionen : Bürgerkrieg in Nordamerika
Zeitalter der Revolutionen : Einigung Italiens und Deutschlands
Zeitalter der Revolutionen : Der Mikado stürzt den Shogun
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Afrikas
Zeitalter der Revolutionen : 1870/71
Zeitalter des Nationalismus : Der Staatsbegriff in der Neuzeit
Zeitalter des Nationalismus : Disraeli
Zeitalter des Nationalismus : Russisch-türkischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Der Berliner Kongreß
Zeitalter des Nationalismus : Dreibund
Zeitalter des Nationalismus : Afrikanische Wirren
Zeitalter des Nationalismus : Deutsche Kolonien
Zeitalter des Nationalismus : Bismarcks Ausgang
Zeitalter des Nationalismus : Goldausbeute und Industrie
Zeitalter des Nationalismus : Wachstum der Bevölkerungen
Zeitalter des Nationalismus : Japanisch-chinesischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Der Jamesons-Raid
Zeitalter des Nationalismus : Der Streit um die Goldfelder in Venezuela
Zeitalter des Nationalismus : Kämpfe in vier Erdteilen
Zeitalter des Nationalismus : Spanisch-amerikanischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Nationalitätenhader in Österreich
Deutschtum und Türkei : Südmarsch der Deutschen
Deutschtum und Türkei : Kommerzieller Imperialismus
Deutschtum und Türkei : Der Sultan
Deutschtum und Türkei : Westöstliches

Männer; Völker und Zeiten

Eine Weltgeschichte in einem Bande.

Die Religion ist in ihrer äußeren Form, in der sie ins öffentliche Leben tritt und auf die Welt einwirkt, ein Teil der Kultur, und das Werden der Kultur ist ein Teil der Geschichte. So fügt sich der Kampf der Weltreligionen in die politische und kulturelle Entwicklung ein.

Der Buddhismus breitet sich in der Zeit Asokas nach drei Richtungen zugleich aus, nach Barma, nach dem Dekhan und Ceylon, endlich nach Kabul. Seit der Zeit Christi beginnt er im Tarimbecken und bald darauf in China einzusickern sowie nach Ostiran vorzudringen. Die Spaltung in die Lehren des kleinen und großen Wagens fand 192 n. Chr. statt. Ein beträchtlicher Teil Barmas war schon in den 380 er Jahren für den kleinen Wagen gewonnen. Das sumatranische Reich Kandari hatte 515 einen buddhistischen König. In China wurde das erste Duldungsedikt für den Buddhismus 451 erlassen. Dreitausend indische Buddhisten waren 510 im Reich der Mitte, und 630 zählte man dort schon 3716 Klöster. Im nordkoreanischen Reiche Koguryu tritt die Predigt Gautamas 374, in Silla erst um 500 auf. Japan sah die ersten Jünger Gautamas 552 und eine größere Ausdehnung ihrer Lehre seit etwa 590. Das siebente Jahrhundert ist für den Buddhismus zugleich das Zeitalter seiner weitesten Ausdehnung und seiner höchsten inneren Blüte in Indien und Mittelasien. Tibet eröffnete sich dem großen Wagen 632. Dieselbe Form des Buddhismus fand auf Java Anerkennung, namentlich in dem Reiche von Borobudor. Gegen 650 ist eine buddhistische Theokratie in Merv. Um und seit 700 erreichte die Nirwanalehre die Chazaren nördlich vom Kaukasus.

Trotz der friedlichen Anlagen der buddhistischen Weltanschauung sind deren Träger doch sehr oft einander in die Haare gefahren. Häufig wird die Sanftmütigkeit und Friedensliebederer, die an das „Licht Asiens“ glauben, in einen beschämenden Gegensatz zur Zänke- und Ränkesucht der Christen gestellt. In Wahrheit sind auch die buddhistischen Kirchen und Sekten von Kabalen und Streitigkeiten jeder Art stets erfüllt gewesen. Die Gehässigkeit der gegenseitigen Sekten erreichte einen solchen Grad, daß, genau so wie auf den Räubersynoden der Griechen und bei den Albigenserzügen Frankreichs, auch in der buddhistischen Welt gar nicht selten die frommen Mönche ihren Leib mit weltlichem Rüstzeug versahen und mit dem Schwert in der Faust aufeinander losgingen. In Japan gab es Klöster, deren Abt sich tausend und mehr solch bewaffneter Mönche hielt. Auch verstand es die Kirche im fernen Osten genau so gut wie im fernen Westen, weltliche Besitztümer und Schätze an sich zu bringen, und das bedrohliche Anwachsen der Reichtümer der „toten Hand“ war es denn auch, das frühzeitig das bracchium saeculare zum Eingreifen trieb. In China wurden 714 zwölftausend Bonzen säkularisiert. Trotzdem wurde um 770 der Buddhismus wieder sehr stark, und 819 wurden die Knochen Buddhas mit großer Feierlichkeit eingeholt. Nun hetzten aber die Taoisten gegen ihre Rivalen, die es auf 44660 Tempel und Klöster gebracht hatten. Die Agitation, die von 841 bis 845 währte, hatte Erfolg. Die Tang erließen ein Einschränkungsedikt gegen den Buddhismus. Dreißigtausend Mönche wurden zur Arbeit gezwungen. Dagegen erstarkt der Taoismus und begründet 1118 eine feste Hierarchie mit einem Papst an der Spitze. In der Folge haben sich Buddhismus und Taoismus zu einem schier unlösbaren Ganzen verschmolzen.

Ebensowenig ist in den anderen Ländern die reine Nirwanalehre zur Herrschaft gelangt. Sie wurde überall von den urangestammten Volksanschauungen und den Landeskulten unterwühlt, umgestaltet und nicht selten in ihr Gegenteil verkehrt. In Hinterindien und Australasien hatte sie mit Schlangen- und Dämonenverehrung und dem Schiwaismus zu kämpfen, in Tibet mit der rohen Naturreligion Bon, in Japan mit einem lebenslustigen , farbenprächtigen Polytheismus, der ungefähr das Gegenteil von der Abtötung des Fleisches darstellte; überall mit der naiven Sinnlichkeit der Massen und einem mehr oder weniger ausgeprägten Fetischismus.

In Indien selber waren die fremden Einflüsse, die der Buddhismus erlitt, so übermächtig, daß derselbe zuletzt in ihnen ganz versank. Eine Mischreligion kam auf, in der Zeit vom 8. bis 11. Jahrhundert, der Hinduismus, in dem theoretisch die Lehre der Brahmanen den Ausschlag gab.

Ganz und gar in anthropomorphe Gestalten wurde der Buddhismus in Tibet gezwängt, überall aber im Norden zu einer derartigen Aufnahme von Lokalgottheiten veranlaßt, daß dort das größte Pantheon der Erde entstand. Man spricht dort von Lamaismus.

Das Christentum war um 200 schon in Südarabien, Edessa, Mesopotamien und wahrscheinlich in Persien. Die Träger der östlichen Ausbreitung waren Jakobiten und Nestorianer. Vorläufer der Christen waren Manichäer und Juden. Mani soll Missionare nach Indien und China abgeordnet haben. Ein nestori-anischer Bischofssitz war 330 in Merw, ein anderer 490 in Oman (Südostarabien). Das Christentum gewann weiter Armenien und Iberien sowie seit dem sechsten Jahrhundert die Kaukasushunnen. Es faßte in Indien seit 370 Fuß, um seit dem sechsten Jahrhundert eine stärkere Tätigkeit zu entfalten. Zu Justinian kamen christliche Mönche aus China. Auch sollen damals schon Metropolitane in Herat, Samarkand und China gewesen sein. Nach der arabischen Eroberung Transoxaniens kamen auch wieder die orthodoxen Syrer, die Melkiten, in Asien auf und verbreiteten sich nach Persien und Mittelasien. Genau aber wie einst die Sassa-niden, so begünstigten auch die Kalifen aus politischem Gegensatz zu Byzanz die Nestorianer und ordneten ihnen die Melkiten unter.

Bestimmt nachweisbar ist die Ankunft von Nestorianern in China erst 635. Die Führung der Ankömmlinge hatte der Syrer Olo-pun, der von Taitsong gut empfangen wurde. Gerade wie die Juden sich immer nach den Hauptstädten ziehen, so war das Ziel der nestorianischen Wanderung die Residenz des Himmelssohnes selber. In Sianfu entstand eine große nestorianische Gemeinde. Sie erhielt von den Tang ein Duldungsprivileg, das in den Denkstein von Sianfu 781 eingemeiselt wurde. Die Christen hatten nämlich einen solchen Zulauf, daß sehr bald eine Bewegung gegen sie entstand; 699 und 713 brach zeitweilig eine Verfolgung gegen sie aus. Daher die Notwendigkeit eines Toleranzediktes. Infolge der Duldung wuchs ihre Zahl aber wieder so an, daß 845 die Tang ein Edikt gegen das Uberhandnehmen der christlichen Kirchen erließen. Die Christen wurden dabei mit den Buddhisten in einen Topf geworfen, offenbar weil sie sich diesen inzwischen angenähert und angeähnelt hatten. Es wurden damals 260000 nestorianische Mönche und Nonnen und 3000 Klöster eingezogen.

Bei den Türken wurde das Christentum anscheinend durch Manichäer verbreitet. Gewisse Erfolge hatten christliche Send-linge bei den Chazaren, bei denen ja auch der Slawenapostel, Method, einige Zeit weilte. Im Jahre 800 soll Timothius, Patriarch der Nestorianer — die Residenz dieser Patriarchen war seit 762 Bagdad, wo der Kalif unmittelbare Kontrolle über das von ihm anerkannte Oberhauptder östlichen Christenheitausüben konnte — einen Kakan der Türken bekehrt haben. Derselbe Timothius schickte einen Metropoliten nach China. Auch ein nestorianischer Uiguren-Apostel, Modza, der um 800 in China wirkte, wird namhaft gemacht. Seit dieser Zeit ist das Christentum im nördlichen Mittelasien fest eingewurzelt. In Talas (heutige Provinz Semirjetschensk) gab es 893 eine Hauptkirche, die von den erobernden Mohammedanern in die Hauptmoschee umgewandelt wurde.

Samarkand blieb auch unter den moslimischen Türken der Sitz eines nestorianischen Metropoliten. Im Jahre 1007 erfolgte durch den Einfluß nestorianischer Kaufleute die Bekehrung der Keraiten zum Christentum, darauf sandte der Metropolit von Merw Priester in die Mongolei zu ihnen. Später wurden auch die mongolischen Naiman bekehrt. Nicht minder hatte bei den Guzen die Lehre Christi zahlreiche Anhänger. Diese Tatsachen, in den Fokus einer einheitlichen Betrachtung gesammelt, veran-laßten die Legende von dem Königreich des Priesters Johannes.

Der Islam eroberte, nachdem er einmal in Arabien die Herrschaft errungen, in nur 30 Jahren ganz Vorderasien. Seit 660 dringt er in Turkestan und Sindh ein, ohne jedoch vorläufig dort viel zu bedeuten. Die späteren Fortschritte sind weit langsamer. Nach China kommt der Islam zuerst 754. Die Türkenwelt wird seit 900 für ihn gewonnen. Das Pendschab ernstlich seit 820, das Gudscherat seit 835, das übrige Indien seit 1000. Mohammedaner gibt es im zehnten Jahrhundert auf Sumatra und in Korea. Im Westen versucht es der Islam, aber ohne großen Erfolg, Armenier, Kaukasusvölker, Madjaren und Slawen zu bekehren. Mohammedanische Kaufleute verkehren in Prag und bereisen Deutschland. Zu verschiedenen Zeiten, um 740, um 860, um 950 erwirbt der Prophet Jünger bei den Chazaren, 922 werden die Wolga – Bulgaren seine Anhänger. 780 und dann wieder 1000 berührt seine Lehre Westtibet.

Als die jüngste Religion war der Islam die unduldsamste. Ungläubige beließ er nur, weil sie allein oder doch viel größere Steuern zahlten als die Moslime. Halt, Bedeutung und Dauer erhielt die neue Religion erstdadurch, daß sie die Perser gewann.

Die Zarathustrier oder Mazdäer hatten 621 und 677 die Erlaubnis erwirkt, in Sianfu einen Tempel zu errichten. Sie waren in China und bei den Türken bis ins zehnte Jahrhundert eine Macht. Überall aber suchte der Islam sie zu vertilgen.

Ich muß gestehen, im Grunde ist mir das Verhalten der Perser immer unerklärlich geblieben. Es sind keine Semiten. Es sind Empörer gegen den Islam. Sobald es nur irgend anging, haben sich einheimische iranische Dynastien gegen die Kalifen erhoben. Die Lehre von der Wiedergeburt, von dem verborgenen Imam, ist arisch und den Gedanken Mohammeds fremd, wenn nicht entgegengesetzt. In Persien endlich hat sich die Lehre der Sufi aufgetan, eine völlige Durchbrechung und Verneinung des Islams. Und dennoch sind die Perser heutigen Tags viel fanatischer als Araber und Türken. Ein Sejjid, ein Abkömmling des Propheten, gilt dreimal mehr in Persien, als irgendwo sonst. Wenn ein Europäer aus dem Glase eines Schiiten getrunken hat, so wird der erzürnte Gläubige es meist zerbrechen. Unmöglich für einen Europäer, ein Perserweib anzusprechen, geschweige mit ihr zu verkehren. In Marokko, das als das unduldsamste der islamischen Länder verschrien ist, geht Becher und Pfeife ohne weiteres zwischen Gläubigen und Ungläubigen von Mund zu Mund, und ist der gedachte Verkehr an der Tagesordnung. Man hat allerdings in Persien Unterschiede zu machen. Die Kurden sind religiös gleichgültig. Von den Persern sind die Massen fanatisch, die Vornehmen und Gebildeten, die aber nur eine sehr geringe Zahl darstellen, stellen sich freundlicher zu den Europäern als selbst, mit Ausnahme der ganz großen Städte, die vornehmen Türken, die in Sachen des Glaubens mehr mit dem Volke verwachsen sind. Am ehesten könnte man noch dadurch sich die seltsame persische Anschauungsweise erklären, daß man annähme, die überwiegende Menge der Bevölkerung gehe auf alarodische Rassen und nur ein kleinerer Bruchteil auf reine Arier zurück.

Wie in der christlichen Welt, so ist auch in der islamischen die Sekten mit der Staatsbildung innig verquickt. Die Hauptspaltung entstand 661 durch die Kluft zwischen Sunna undSchia. Die Perser und ihre iranischen Nachbarn wurden Schiiten, Araber und Türken und die meisten Inder sind Sunniten. Der Zwiespalt der verschiedenen Sekten trug nicht wenig zum Zerfall des Kalifates bei.

Entstand bereits die Kluft zwischen Sunna und Schia aus Rassenverschiedenheit, so taten sich solche noch merklicher seit dem Aufkommen der Turanier hervor. Türken und Mongolen waren, nachdem ihre erste Gleichgültigkeit überwunden, glaubenseins mit den Arabern, aber fügten ihnen viel mehr Leides zu, als die ursprünglich im Glauben abweichenden Perser. Ebenso hatten und haben die chinesischen Mohammedaner fast nichts mit den arabischen gemeinsam, obwohl keine Ketzerei hemmende Schranken errichtete.

Das Judentum gewann um 50 n. Chr. Adiabene und seit dem dritten Jahrhundert Teile Arabiens und Mesopotamiens. Es setzte sich am Nordpontus und im Kaukasusstaate Dschundar fest und errang großen Einfluß in Iran. In der zweiten Hälfte des achten Jahrhunderts nahm der Adel der Chazaren Schrift und Religion der Juden an. Indien beherbergte Israeliten seit dem vierten Jahrhundert und zwar besonders in Trawankor, China seit dem ersten Jahrhundert in Sianfu. Im achten Jahrhundert waren jüdische Kaufleute sehr zahlreich in Hangtschoufu. Eine Synagoge wurde 956/8 in Kaifengfu gebaut, eine andere ebendort 1163. Marco Polo traf zahlreiche Enkel Abrahams in China und der Mongolei.

Seit 500 trat die jüdische Literatur aus der talmudischen Periode in das Zeitalter des Targum und der Mischna. Staatliche Organisation hatten die Juden in den Ländern des Islams und der Franken keine mehr; sie gehorchten geistigen Führern, die eine Reihe von Geschlechtern hindurch der Sippe der Gaonäer entsproßten. Die Juden nahmen regen Anteil an der philosophischen Bewegung der Zeit, übersetzten viele Werke griechischer Weltweisen und ließen sich auch von iranischen Spekulationen und gnostischen Emanationsphantasien beeinflussen, aus denen schließlich die Kabbala hervorging. Das Hauptbuch der Kabbala, Sophar, erschien zwar (im elften Jahrhundert) in Spanien, seine Wurzeln aber sind in Iran. Im übrigen äußerte sich die Bedeutung der Juden mehr in Handel, Arzneikunde, Ubersetzertätigkeit und in diplomatischen Sendungen, als in einer Einwirkung auf die rivalisierenden Glaubenssysteme. In China vollends sind die Juden zuletzt ganz Jin der Masse des sie umgebenden Volkes aufgegangen. Es hat allerdings lange genug gedauert, die Aufsaugung der letzten Reste geschah gerade ein Menschenalter vor der Ankunft europäischer Juden, die sich jetzt vergeblich um das Wiederanfachen der erloschenen Funken bemühen. Immerhin ist China das einzige Land der Erde, welches das schwierige Aufsaugungsexperiment fertig gebracht hat.

So ziemlich in ganz Asien trafen die vier Weltreligionen aufeinander. Der Hauptkampf fand in der Periode, die uns in dem gegenwärtigen Abschnitt beschäftigt, im frühen Mittelalter, auf der Linie statt, die sich vom Kaukasus und der Wolga zum Ili hinzieht. Es handelte sich vor allem um die Türkvölker. Um sie stritten Buddhismus und Islam, Juden- und Christentum, außerdem noch das den Sturz der Sassaniden überlebende Mazdatum. Gegen 730 scheint der Streit am intensivsten gewesen zu sein. Der Buddhismus weicht dann zurück, und die semitischen Religionen gewinnen an Boden. Seit 900 dringt der Islam auf der ganzen Linie vor. Er faßt an der mittleren Wolga Fuß, um sich dort ungebrochen acht Jahrhunderte und in Resten bis zur Gegenwart zu behaupten. Er verbreitet sich bis zur Krim, wo er ebenfalls bis heute andauert, und zum Dnjestr. Er bedroht demnach schon ein halbes Jahrtausend vor den Osmanen Europa auf der ganzen östlichen Flanke. Ohne Zweifel hätte er auch die haltlosen Slawen erobert, von denen einige schon den Chazaren gehorchten, aber hier griffen Germanen und Griechen ein und zwangen den Slawen das Christentum auf. So wurden notgedrungen die Slawen ein Vorwerk der Christenheit gegen den Islam. Sie verhielten sich jedoch fast lediglich passiv und sahen zu, während die Kreuzfahrer den Islam im eigenen Lande, in seinen Hauptzitadellen aufsuchten. Im wesentlichen beschränkten sich die Slawen darauf, die heidnischen Finnen und Litauer innerhalb des eigenen Gebietes zu bekehren : einVorkampf für dieheiligsten Güter Europas gegen den Orient lag nicht in ihrem Geschmack, für Kreuzzüge hatten sie nichts übrig. Erst Iwan III. Wassiljewitsch ging (im fünfzehnten Jahrhundert) aggressiv gegen Orient und Islam vor.

Zugleich mit dem völligen Anfall der Chazaren, 900, die durch das Versprechen, vollzählig zum Islam überzugehen, die Hilfe der Khowaresmier gegen die Madjaren erlangt haben sollen, beginnt das Tarimbecken mohammedanisch zu werden, bestimmter gehören aber die Türkvölker zum Islam erst seit 1050. Jetzt verschwindet der Buddhismus. Dagegen erhält sich das Christentum bei den Türkvölkern bis um 1330. Darnach sind diese alle moslimisch.

Als ein Hauptgrund für den Untergang des Christentums in Ost- und Nordasien wird der Zwiespalt ihrer Sekten angegeben. Die Sendlinge der römischen Kirche hätten sich gegen das ansässige Christentum, das allerdings vielfach mit buddhistischen Formen verquickt war, feindselig benommen. Das scheint wenig stichhaltig, wenn man bedenkt, daß auch die anderen Religionen in zahlreiche Sekten zerspalten waren. Der Hauptgrund wird doch wohl in dem erwachenden staatlichen Argwohn des fernen Orients gegen das Abendland, mit dem es eigentlich jetzt erst recht bekannt geworden, zu suchen sein.

Nicht selten endet der Kampf der Weltreligion in einem Ausgleich. Nicht leicht fürwahr ist es in so manchem Falle zu entscheiden, ob taoistische, ob buddhistische Zeremonien vorliegen. In Indien soll es an der Tagesordnung sein, daß jemand am Freitag in die Moschee geht und an einem anderen Wochentage den brahmanischen Göttern seine Aufwartung macht. In China soll es sogar Vorkommen, daß dem Buddha, Mohammed und Konfuzius ein und dasselbe Individuum abwechselnd seine Verehrung zollt.

Ein Ausgleich ist auch darin zu finden, daß ab und zu die gleiche religiöse Erscheinung sich in den verschiedensten Religionen offenbart. So ging vom elften Jahrhundert an ein pantheistischer Zug durch die Welt. Er scheint von Iran ausgegangen zu sein. Die Lehre von der Inkarnation ist indo-iranisch; mit ihr verbanden sich kommunistische Anschauungen. Frauen- und Gütergemeinschaft hatte im sechsten Jahrhundert Mazdak gelehrt. Auf ihn gehen die Ismaeliten zurück. Es sind Atheisten, Religions- und Menschenverächter und Selbstvergötterer. Aus den Reihen der Ismaeliten geht Darasi hervor. Er stiftete nach 1017 die schwärmerische Sekte der Drusen. Unter ismaelitischem Einflüsse steht die ganze Dynastie der ägyptischen Fatimiten. Um dieselbe Zeit entsteht die Freimaurergilde der Sufi. Um 1090 fallen die Anfänge der sufisch gefärbten Assassinen. In seiner höchsten Entwicklung war der Sufismus zu der Lehre gelangt, daß ein vollkommener Mensch Gott selber sei, daher sei ihm auch alles erlaubt. Er kann sich des Lebens auf jede Art freuen, kann trinken, kann lieben, er kann auch jegliches Verbrechen begehen. Er ist jenseits von Gut und Böse. Er ist nicht nur gleich Gott, sondern er ist Gott selber, der ..ja aus eigener Macht Gesetze schafft, der sich selber Gesetz ist. Ähnliche Erscheinungen tauchen in Indien auf; vor der bhakti, der Gottesliebe, erblassen alle anderen Tugenden.

Die bhakti, vereinigt mit der Askese, führt zur mystischen Gotteinheit. Das Glück der Gottgeeinten äußert sich in Gesang, Musik und Tanz. Der Doppelnatur der Gottheit entsprechend war auch deren weibliche Seite mit einbegriffen. Das führte zu einem Dienst des Weiblichen, führte zu orgiastischen Feiern. Schon im zehnten Jahrhundert ungefähr lehrten die Schiwaiten von Kaschmir den Sieg über die Illusion, als sei unsere Seele von Gott verschieden. Um 1200 entsteht die schiwaitische Sekte der Sittar. Sie lehrt, daß durch Elixiere der Leib sich in ein unzerstörbares Wesen verwandle. Die Seele ist erlöst; wonnetrunkene Hymnen dieser Sekte erinnern stark an die Dichtungen der Sufi. Kenner haben denn auch eine Entlehnung aus sufischen Kreisen angenommen. Ähnliche pantheistische Lehren tauchen 1270 in Japan, 1300 in Deutschland auf.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung

Männer; Völker und Zeiten