Schlagwort: Asien

Der erste Schritt zum Aufbau der Kultur war die Seßhaftwerdung der Menschen, und diese war durch den Ackerbau bedingt. Ohne Sicherung des täglichen Brotes gab es kein ruhiges Leben, die Sorge um Nahrung verhinderte die Jägervölker an dauernder Niederlassung und Gründung größerer Siedlungen. Um von der Jagd allein zu leben, brauchte der Jäger viel Land, war also an sehr weitmaschige Niederlassung gebunden.

Wie und wo aber entstand der Ackerbau? Bis vor kurzem war die Meinung verbreitet, er habe sich zuerst in den großen Flußtälern entwickelt, im Niltal und Zweistromland, im Gebiet des Indus und am Gelben Fluß. Heute wissen wir, daß diese Stromlandkulturen schon die zweite Stufe in der Entwicklung des Getreidebaues darstellen und daß sich die erste in den Hochländern vollzog, in den Grassteppen der Kordilleren und Anden, der ostafrikanischen Hochplateaus, des Hochlandes von Iran. Dort wuchsen, wie auch heute in den Alpen, die Gräser wild, die dazu ausersehen waren, einst der Menschheit das Brot zu liefern, die Windhalme, die Hafer-und Rispengräser, die Schwingel. Jahrtausendelang begnügte sich der Mensch damit, sie jährlich zur Reifezeit zu sammeln, wie wir Schwämme sammeln; endlich aber begann er den Samen um seine Hütte zu säen, und so begann der Getreidebau. Nun konnten sich die Menschen in Siedlungen zusammenfinden, sie vermehrten sich rascher. Trockenheit oder Fehden zwischen den Clans bewogen sie zu Wanderungen, sie erkannten den Wert des nicht versiegenden Wassers und zogen hinab in die großen Flußtäler. Dort ernteten sie hundertfältige Frucht…

Asien

Während die Kontinentalstaaten von revolutionären Zuckungen zerwühlt wurden, schritt England auf dem Wege zur Weltherrschaft weiter. Auch England blieb von den Zuckungen nicht ganz verschont. Es erlebte heftige Stürme im Hause der Gemeinen, und erlebte eine Arbeiterrevolte, die Chartistenbewegung (1840). Allein der politische Sinn, der aus Erfahrungen von Jahrhunderten schöpfte, hat es in England stets verstanden, derartige Bewegungen, meist durch Konzessionen und Kompromisse, unschädlich zu machen. Ein jeglicher Uberschuß an Tatendurst kann sich seit vier Jahrhunderten bei den Engländern nach außen hin austoben. So kommt es, daß England mehr als irgendein anderer Staat der Erde von gefährlichen inneren Umwälzungen verschont geblieben ist. Die Briten hatten zwei große Aufgaben der äußeren Politik zu lösen: die Regelung der türkischen Verhältnisse, und die Gewinnung der Buren.

In der Türkei hatte sich ein Dualismus ausgebildet. Der Süden stand gegen den Norden, das Arabertum gegen das Türkentum. An der Peripherie zeigten sich autonome Neigungen: in Mesopotamien, wo Jussuf Pascha allmächtig waltete, in Albanien, wo Ali Tepelenli unumschränkt herrschte(1822auf einer Insel des Sees von Janina getötet),ferner in Kurdistan und Arabien, endlich inÄgypten. Der Khedive von Ägypten, dessen (möglicherweise albanische) Vorfahren aus der Gegend westlich von Saloniki auswanderten, Mehemed Ali, errang in Ägypten, Nubien, Arabien, Syrien und Mesopotamien eine äußerst starke Stellung. Die Türken aber, durch zwei Kriege mit den Russen (1812 und 1826/27), ferner durch den Aufstand der Griechen geschwächt, der durch die Einmischung der Großmächte und die Niederlage des Kapudan Pascha (Admiral, wörtlich Kapitän) bei Navarino 1827 entschieden wurde, waren in der übelsten Verfassung. Die Reformen von Mahmud dem Zweiten, der sich der Janitscharen durch ein Blutbad entledigte, und der westlichen Geist in Heer und Verwaltung einführen wollte, hatten zunächst nur das Ergebnis gehabt, daß die Auflösung und Verwirrung im Osmanischen Reiche noch größer wurde. Im Jahre 1833 zog der Khedive gegen die Türken, in deren Lager sich Moltke befand, durchzog Kleinasien, und erreichte fast den Bosporus. In seltsamer Eintracht rafften sich da aber die Mächte, die noch kurz zuvor bei Navarino die Kraft der Türkei gebrochen hatten, zum Schutze derselben Türkei auf und zwangen durch Gewalt den Khedive zur Umkehr. Die Russen legten Truppen an den Bosporus, die Engländer schickten Admiral Napier nach Syrien. Die ängstliche Sorgfalt für das Wohlergehen des Sultans — jetzt war Abdul Medjid am Ruder — war lediglich eine Frucht der Eifersucht. Keine Macht gönnte der anderen den Besitz von Konstantinopel. Die Engländer hatten weiters ein großes Interesse daran, sich nicht den Weg nach Indien über die Länder des östlichen Mittelmeeres versperren zu lassen; sie wünschten daher nicht, daß ein zu starker.Mann sich in dem strategisch wichtigsten Lande der Erde, in Ägypten, festsetzte.

Die andere Aufgabe der Briten lag in Südafrika. Teils durch Rassenhaß, teils durch die gewaltsame Beraubung ihrer Selbständigkeit erbittert, wurden die Buren neuerdings durch die Aufhebung der Sklaverei gereizt. Die Engländer wollten überall die Sklaverei abschaffen. Die erste Anregung dazu gab die philanthropische Agitation des Bischofs Wilberforce; bei der Durchführung spielte wohl die Hoffnung mit, die spanischen und portugiesischen Nebenbuhler zu ruinieren. Denn ohne Sklavenarbeit konnten die Pflanzungen in den tropischen Kolonien nicht mit dem Nutzen betrieben werden wie bisher. Daher richtete sich die Maßregel auch gegen die Vereinigten Staaten von Amerika, in deren südlichen Gebieten die Sklaven die Hauptträger der Wirtschaft waren. Die Engländer selbst hatten damals noch wenig mit tropischen Pflanzungen zu tun; höchstens in Westindien und Mauritius. Im übrigen dachten die Engländer durch ein schmiegsames Verwaltungssystem die Vorteile der Sklaven Wirtschaft zu retten, ohne deren Gehässigkeit auf sich zu laden. Sie führten einfach eine hohe Steuer für Farbige ein; um diese zu bezahlen, mußten die Eingeborenen monatelang arbeiten. So hatten die weißen Herren doch die Arbeit umsonst, und brauchten die freien Arbeiter noch nicht einmal zu ernähren. In Kanada, am Kap und in Australien glaubte man vollends der farbigen Hilfe ganz entraten zu können. So war die Aufhebung der Sklaverei ein Schachzug gegen die anderen Kolonialmächte. Der Schlag traf auch die Buren hart. In ihrer wirtschaftlichen Gebarung und ganzen Lebensführung waren und sind die Buren noch heute auf schwarze Hilfskräfte angewiesen. Nun wurden ihnen mit einem Male die Xosa, Fingo, Tembu, Griqua und Basuto entzogen, die für sie gefrondet hatten. Zwar wurden viele Millionen von England ausgezahlt, um die Leibeigenschaft abzulösen, aber von den großen Summen gelangte nur ein Viertel bis ein Fünftel in die Hände der Buren. Den wirtschaftlichen Ruin vor Augen entschlossen sich die Buren 1835 zu dem großen Treck über den Oranjefluß. Sie trafen es schlecht, denn die Zulu waren, durch ihren Ober Induna Tschakka militärisch organisiert, mit ihren Impi (Regimentern) auf dem Kriegspfad, und überschwemmten „das ganze nichtbritische Südafrika. Gegen eine hundertfache Übermacht wehrten sich die Buren am Vechtkopp (16. Dezember 1836), dann fielen sie in Natal ein. Dort wurden sie bei Weenen (vom Weinen, das sich erhob) von den Zulu überrascht, aber schlugen sie bei Colenso. Natal ist immer für die Buren das blühende Land der Sehnsucht gewesen, ungefähr das, was Italien für die Deutschen ist. Hierauf säuberten die Buren das Gebiet jenseits des Vaalflusses von den Matabele, einem Stamme der Zulu. In den neu gewonnenen Gebieten gründeten sie drei unabhängige Staatswesen: den Oranjefreistaat, die Transvaalrepublik und die Niederlassung in Natal. Jetzt stellten die Engländer, denen der Treck durchaus unerwünscht war, eine überraschende Lehre auf. Wie es in der römischen Kirche heißt: einmal ein Priester, immer ein Priester, so behaupteten die Kapbehörden: einmal ein Engländer, immer ein Engländer. Nirgends also auf dem ganzen Erdenrund sollte man sich der Habsucht der Briten entziehen können! Die Engländer machten Ernst, zogen Truppen zusammen und unterwarfen Natal und den Oranjefreistaat. Lediglich weil das Oranjegebiet mehr zu kosten als einzubringen drohte, gaben es später die Engländer an die Buren zurück.

Die dritte Aufgabe Großbritanniens war in Südasien zu lösen. Noch war bei weitem nicht ganz Indien unterworfen, und schon strebten die Angelsachsen über die Grenzen Indiens hinaus. Sie mischten sich 1837 in Persien ein und besetzten Buschir, den Haupthafen am Persischen Golf. Sie führten 1838—1840 Krieg mit Afghanistan. Zum Teil war diese fast krankhafte Ausdehnungssucht durch die Sorge vor russischem Vordringen veranlaßt. Durch zwei große Kriege, den einen um die Jahrhundertwende, den anderen 1827—1828, beendet durch den Frieden von Turkmantschai (zwischen Rescht und Teheran), hatten die Russen große Stücke von Persien losgerissen. Allmählich nisteten sich die Russen in den mittelasiatischen Gebieten Südsibiriens ein, und im Jahre 1839 stellte Perowski eine Riesenkarawane zusammen, um Khiwa zu überrumpeln. Die Eroberung scheiterte völlig, mehr durch Sandstürme als durch Angriffe der Turkmenen; aber ebenso mißglückte der gleichzeitige Zug der Engländer, die in Afghanistan bis auf den letzten Mann aufgerieben wurden.

Den Mißerfolg machten die Engländer weiter im Osten wett, nämlich in China, Sie machten sich ans Werk, um das bisher fast hermetisch verschlossene Ostasien dem Weltverkehr und der europäischen Bildung zu eröffnen. Im Grunde war das nicht sehr schlau von den Europäern, denn aus den gelehrigen Schülern erweckten sie sich Feinde; sie lieferten Armstrongs und Krupps den Ostasiaten, um damit Weiße niederzuschießen; sie brachten ihnen eine Kenntnis von Fabriken bei, die sie dann zum Nachteil des Westens verwerteten. Der Antrieb zu der Erschließung Chinas war gerade wiebei der Aufhebung der Sklaverei, doppelter Art, sittlich und wirtschaftlich. Die Missionare, die schon einige Jahrzehnte am Platze waren, hofften, China und Korea, wie auch die Liu Kiu für das Christentum zu gewinnen, die Kaufleute trachteten nach einer Erweiterung ihrer Kundenzahl und ihres Absatzmarktes. Für die Staatskunst Großbritanniens kam lediglich der materielle Punkt in Betracht. Es war ungefähr das Gegenteil von christlicher Menschenliebe, das die Engländer zur Einmischung in Kanton veranlaßte. Die Chinesen wollten sich nicht mehr vom Opium vergiften lassen, das von Indien kam; für die Engländer aber war der Ertrag des Opiums und der Opiumsteuer, die in manchem Jahre auf sechshundert Millionen Mark stieg-, zu wichtig, als daß sie auf sie hätten verzichten mögen. So brach denn der Opiumkrieg 1839 aus. Mit leichter Mühe vernichtete eine englische Flotte die schlechten chinesischen Schiffe und bombardierte Kanton. China wurde gezwungen, mehrere seiner Häfen für den regelmäßigen Handel mit Kaufleuten der Westmächte zu eröffnen.

Während die erdumspannende Politik der Engländer — auch in Amerika waren sie nicht müßig und kamen über die Oregongrenze beinahe mit der Union in Streit— eifrig damit beschäftigt war, die Weltkarte rot zu färben, waren die Franzosen in Algerien und Westafrika an der Arbeit. Vorläufig berührten sich die Einflußkreise nur wenig, außer in Syrien, wohin 1840 ein französisches Heer abging. Da zugleich sich die beiden Westmächte durch die gemeinsame liberale Strömung verbunden fühlten, so entstand zwischen ihnen die Entente Cordiale, die allerdings erst ein Jahrzehnt später Früchte tragen sollte.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
Die Condottieri
Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer
Aufstieg der Nordvölker : Kämpfe in Ostasien
Aufstieg der Nordvölker : Abschließung Ostasiens
Aufstieg der Nordvölker : Peter der Große
Aufstieg der Nordvölker : Das Wachstum Preußens
Aufstieg der Nordvölker : England und Frankreich werden Weltmächte
Aufstieg der Nordvölker : Friedrich der Große
Aufstieg der Nordvölker : Die Vereinigten Staaten von Amerika
Zeitalter der Revolutionen : Napoleon
Zeitalter der Revolutionen : Wachstum Englands
Zeitalter der Revolutionen : Lateinisch-Amerika unabhängig
Zeitalter der Revolutionen : Heilige Allianz und Romantik
Zeitalter der Revolutionen : Die Woge des Liberalismus

Männer; Völker und Zeiten

Eine Weltgeschichte in einem Bande.

Karthago war gefallen; der Orient mit Ägypten lag hilflos zu Roms Füßen. Nun schwang sich Italien zur Weltmacht empor. Zum ersten und einzigen Male in der ganzen Entwicklung der Menschheit wurden sämtliche Küsten des Mittelländischen Meeres von einemeinzigenStaate beherrscht. Mit kurzenUnterbrechungen dauerte diese Herrschaft 700 Jahre.

Seit 130 v. Chr. führte der Kaiser Wuti eine große Ausdehnung der Reichsgrenzen aus und gab den Anstoß zu einer folgereichen Kolonisation im Süden, Westen und Nordwesten. Von auswärtigen Feinden hatte Wuti besonders die Hunnen zu bekämpfen. Diese hatten sich seit rund 200 zu einer mächtigen Herrschaft, die von dem Golf von Petschili bis zum Balkaschsee reichte, zusammengeschlossen. Jetzt wollten die Hunnen nach Süden Vordringen. Es gelang ihnen, das tibetische Volk der Jüetschi aus der Gegend des Lobnor zu verjagen, sich an ihre Stelle zu setzen und so die Chinesen von Westen her zu flankieren. Kaiser Wuti erkannte die Gefahr und beschloß, hier vorzubeugen. Er trieb die reisigen Horden der Hunnen in vielen Feldzügen aus der Südmongolei nach Norden zurück und er versuchte sich mit den Jüetschi, die vom Lobnor nach dem einige tausend Kilometer entfernten Fergana und den benachbarten Strichen Turkestans geflohen waren, in Verbindung zu setzen, um wenn möglich die Hunnen im Rücken zu fassen.

Durch Tschang-Kien, den Gesandten Wutis, wurde neben seiner diplomatischen Aufgabe unbeabsichtigt noch etwas anderes gefördert, nämlich daß die Westwelt mit der Ostwelt in Verbindung kam. Die Chinesen erfuhren von dem Partherreiche und von Ta-tsin. Das ist das vorderasiatische Gebiet des Römerreiches. Warum es Ta-tsin genannt wurde, ist bis zum heutigen Tage noch nicht aufgeklärt. Man kann die Geschichte Asiens, ja die ganze Weltgeschichte in einen Zeitraum vor Tschang-Kien und nachher einteilen. Von jetzt ab beginnt die wechselseitige Kenntnis des fernen Ostens und des Abendlandes, von jetzt an eine Wechselwirkung von Ende zu Ende der alten Welt, eine Wirkung, die nie mehr ganz abbricht. Bisher gab es im Grunde nur eine Sonderentwicklung einzelner Länder; nun erst münden die verschiedenen Ströme der Entwicklung in einen gemeinsamen Ozean ein.

Um 250 war Italien einig, 220 China, in den folgenden Menschenaltern werden die Grundlagen für die Romanisierung Nordafrikas und Spaniens sowie für die Chinesierung Setchuans und der Striche südlich vom Yangtse gelegt. Seit 130 beherrscht Rom das Mittelmeer, und reckt sich zur Weltmacht empor; seit 120 vereinigt China die Hauptländer des festländischen Ostasiens und rückt nach Nord- und Westasien vor. Soweit entsprechen sich also aufs genaueste die Linien der abendländischen Entwicklung und die des fernen Ostens. Nur fehlte dem römischen Imperium noch ein Imperator. In den 120 er Jahren wollte Gajus Gracchus diese Rolle spielen, aber unterlag. Sulla war um 80 glücklicher. Cäsar endlich begründete eine abendländische Dynastie. Vollkommen glich dagegen wieder die weitere Ausdehnung des chinesischen Reiches dem römischen. Die Ausdehnung gingvor-zugsweise nach Norden. Wie Reiter auf einem Sattel, so hingen Kelten und Germanen, Hunnen und Tungusen auf der Grenze der Weltreiche. Beständig machten sie Einfälle in das Kulturland, um reiche Beute, Sklaven, kostbare Gewänder, Gold und Edelsteinschmuck, endlich Rinder und Pferde von da heimzubringen. Andrerseits brauchten die Weltstaaten einen größeren Markt für ihre Industrieprodukte, überschwemmten die Barbarenvölker mit den Waren des Südens und gewöhnten sie so an früher unbekannte Genüsse, an Wein und Südfrüchte, an weiche Kleider und bequemeren Hausrat; auch wollten sie ihrerseits Sklaven billig haben und bedurften neuen Tributes, um die wachsenden Bedürfnisse der Verwaltung und die ungemessene Begehrlichkeit der Verwalter zu befriedigen. Nicht selten hat ein römischer Konsul oder Prätor nur deshalb einen Krieg angefangen, weil er aus der Beute Millionen herauszuschlagen hoffte, während die Chinesen für ihre wachsende Volksmenge neues Land brauchten. Bei dem gewaltigen Ringen, das nun anhob, haben ein halbes Jahrtausend hindurch die Weltreiche ihre Überlegenheit behauptet. China gewann weite Striche im Nordwesten: die jetzige Provinz Kansu und das Tarimbecken; dazu Gelände im Nordosten: die heutige Provinz Tschili und ein Stück der Mandschurei. Auch wurde Korea und zeitweilig Fergana zinspflichtig. Die neubesetzten Gebiete wurden sofort der Chinesierung unterworfen, ein Vorgang, der im Nordosten gut, in Kansu und in der Mongolei aber bis zum heutigen Tage nur unvollständig durchgeführt ist. Die Zurückdrängung der Hunnen, zu der drei große Mauern, auf Tausende von Kilometern sich erstreckend, beitrugen, war gegen 50 vor Christi vollendet. Die südlichen Hunnen wurden aufgesogen, die nördlichen flohen nach Westen, durchwanderten ganz Asien und warfen sich auf Persien und Osteuropa. Die ersten Vorläufer der Hunnen kamen 44 vor Christi in der Krim an. Unterdessen tat Rom ähnlichen Zwang den Kelten. Es gliederte zunächst die südlichen Stämme der Kelten an, die sich in der Lombardei, auf der iberischen Halbinsel und in Kleinasien niedergelassen hatten. Es schritt 123 vor Christi zur Einverleibung der Gegend an der unteren Rhone und machte daraus die Provinz Narbonensis. Es drängte die halb keltischen, halb germanischen Kimbern und Teutonen zurück und schickte seine Legionen bereits bis in die grünen Täler der Steiermark. Nun kam Cäsar. Er warf ganz Gallien zu Boden und bereitete die Besetzung Britanniens vor; nicht minder führte er einen blutigen Feldzug gegen dieSchwaben unter Ariovist und setzte zweimal über den Rhein. Gallien ist der Romanisierung mit Haut und Haar verfallen. Britannien aber und Germanien verstanden es, ihre Eigenart zu wahren. Genau so sind bis zum heutigen Tage die türkischen und mongolischen und einige tungusischen Stämme der Chinesierung die sie seit zwei Jahrtausenden bedroht, fast unversehrt entronnen. Auch gegen Süden machten beide Weltreiche Erwerbungen, die jedoch nicht so bedeutend waren und die im Laufe einiger Jahrhunderte wieder verloren gingen. Weder ist Nordafrika dauernd romanisiert noch Barma, Tibet und Tonking dauernd chinesiert worden.

Die Hauptsache aber ist dies: von jetzt an, und für alle Folgezeit gibt es zwei große Kulturwelten auf der Erde: eine abendländische, aus Europa und dem nahen Orient bestehend, und eine ostasiatische, deren Mittelpunkt China ist, in deren Bannkreis zuletzt alle Länder von Japan bis nach Siam gezogen werden.

Zwischen diesen beiden Welten erhebt sich noch eine persische und eine indische Welt. Seit dem zweiten Jahrhundert vor Christi wurde der Hellenismus allmählich in Persien wieder abgestreift, und die Parther gründeten eine Dynastie, die zwar nicht als einheimisch anerkannt wurde, zumal sie wahrscheinlich nichtarischen Ursprungs war, die aber jedenfalls eine Rückwirkung gegen die Einflüsse des Okzidents bedeutete. Zwar wurden auch noch am Hofe der Parther griechische Theaterstücke aufgeführt; das ist jedoch nicht anders zu beurteilen als die Versuche des verschwenderischen Khediven Ismail, sich und seinen Harem durch eine französische Oper, etwa Aida, zu unterhalten. Die Parther dehnten zur Zeit Christi ihre Macht bis nach Indien aus. Einen Teil ihrer Macht mußten sie jedoch an die Jüetschi ablassen, die sich in Turkestan und Afghanistan einnisteten, und zeitweilig die Herrschaft über ganz Hindostan errangen. Es scheint jedoch, daß gerade die Fremdherrschaft eine gewisse Einigkeit in dem ewig zerklüfteten Indien herbeigeführt habe, ähnlich wie der Angriff Napoleons bei uns in Deutschland. Der Gegensatz zu dem nordasiatischen, Vielmännerei pflegenden Reitervolke der Jüetschi erzeugte bei den Hindu ein neues Gefühl der Gemeinsamkeit. Außerdem brachte er eine Bewegung hervor, die sich in einer Wanderung nach Südosten und der Kolonisation von Australasien Bahn brach. Kambodscha und Siam, Java und Sumatra wurden für die Sanskrit- und Palikultur gewonnen.

Wenn man nun zahlenmäßig die Bedeutung dieser vier Kulturwelten feststellen will, so hat man nur für zwei bestimmtere Angaben. Das römische Reich zählte zur Zeit Christi ungefähr 55, China ungefähr 60 Millionen Bewohner. Das Partherreich dürfte 30 bis 40 Millionen beherbergt haben, während man Indien ohne die Kolonisationsländer auf 50 Millionen anschlagen mag. Weit über die Hälfte der damaligen Bevölkerung Indiens gehörte den dunkelhäutigen Kol und Dravida an.

Man darf sich billig darüber wundern, daß gerade die Zeit der erfolgreichsten Ausdehnung Roms zugleich ein Zeitalter unaufhörlicher Bürgerkriege war. Nach den gracchischen Unruhen war zwar fast ein Menschenalter Ruhe, aber dann fing es wieder um so schlimmer an. Die demokratischen Anhänger des Marius, der in Nordafrika einen glücklichen Krieg gegen Jugurtha (in dem finsteren Kerker Mamertinum am Forum 106 hingerichtet) geführt, und danach die Teutonen bei Aix in der Provence 102, und die Kimbern bei Vercelli in Oberitalien 101 vernichtet hatte, und die aristokratischen Freunde des Sulla, der den Mithridat, König von Pontus, und zeitweilig Oberherrscher über halb Vorderasien, mehrmals niedergeworfen hatte, sie richteten von 87 bis 82 ein Blutbad nach dem andern an. Zur Krönung aller Schrecknisse waren die anderen Italiker gegen Rom aufgestanden. Sulla wird Diktator. Nach seinem Tode schwält die Glut, bis sie von neuem zu heller Flamme auflodert. Cäsar, der Eroberer Galliens, wendet sich gegen den Pompejus. Zwanzig Jahre lang dauert der Bürgerkrieg, bis er durch die Schlacht bei Actium beendet wird. Rom bietet jedoch nicht das einzige Beispiel dafür, daß unruhige Tatkraft sich zugleich nach außen und innen entlädt. Auch in dem England Cromwells ging Bürgerkrieg und Eroberung fremder Länder Hand in Hand, und Frankreich schreitet, die durch die Revolution entfesselten Kräfte zu starkem Stoße nach außen zusammenfassend, unmittelbar nach den schwersten Wirren, ja, noch während des Bürgerkrieges zur Weltmacht empor. Allen drei Vorgängen ist das gemeinsam, daß der Sieger im inneren Streite nur durch Erfolge nach außen seine Stellung erringt oder behauptet. Mit der Staatskunst allein ist es nicht getan, ein Feldherr, ein kühner Wäger ist nötig, der mehr als einmal alles auf eine Karte setzt. Namentlich Cäsar hat es gewiß nicht leicht gehabt. Er focht gegen Riesen; er stritt gegen eine übermächtige Oligarchie; treu bewährte Freunde, ja selbst seine eigenen Generäle wie Labienus verließen ihn.

Cäsar war in dem blutigen Ringen der Vertreter des äußersten Westens, Pompejus der des östlichen Abendlandes. Nicht nur Gallien hatte Cäsar in acht langen Jahren derart unterjocht, daß von den drei Millionen der dortigen Bevölkerung eine Million in der Schlacht gefallen, und eine andere in die Sklaverei verkauft war, sondern er räumte vor allem, nachdem er am 12. Januar 49 das Grenzflüßchen, den Rubikon, mit nur5000 Mann überschritten, zunächst Italien, und dann bis zum Herbste desselben Jahres Spanien von den Truppen des Pompejus. So hatte er den ganzen Okzident auf seiner Seite. Der Zug nach Spanien war ein gefährliches Wagnis. Der Erfolg hat ihn zwar gerechtfertigt, aber die Notwendigkeit dazu leuchtet doch nicht ganz ein. Vermutlich wäre es doch richtiger gewesen, gleich den fliehenden Pompejus in Illyrien anzugreifen. Der Gedanke an Hannibal und die Möglichkeit eines Überfalls von Spanien her hat wohl hier noch mitgewirkt. Jedenfalls benutzte Pompejus das halbe Jahr, das der Gegner ihm zur Sammlung ließ, um eine starke Stellung in Illyrien einzunehmen. Daß selbst große Feldherrn manchmal große Fehler begehen, weiß man durch Kunersdorf und Hochkirch. Es war keineswegs ausgeschlossen, daß Cäsar viel länger in Spanien aufgehalten worden wäre, und er Italien noch einmal hätte erobern müssen. Dies wenigstens blieb ihm erspart. Dagegen stieß er sich fast den Kopf in Dyrrhachium (zwischen dem heutigen Skutari und Korfu) ein. Nach zähem, viermonatlichen Kampfe schlug Pompejus den Cäsar und machte sich von ihm frei. Der Usurpator war nun in einer üblen Lage. Auf dem Seewege konnte er nicht zurück, denn seine Flotte war von den Pompejanern zerstört. Auf dem Landwege durch die Schwarzen Berge und das unfruchtbare, meist wüste, und von lauter Räubern bewohnte Gebiet der dinarischen Alpen sich nach dem Norden des Adriatischen Meeres, und von da nach Rom durchzuschlagen, v/ar, zumal wegen der Schwierigkeit der Verpflegung, nicht wohl angängig. Gar nicht selten ist es das Unerwartete, das am vorteilhaftesten wirkt. Im Schach und im Krieg wendet der unerwartete Zug häufig die schlimmste Lage zugunsten des Mutigen. Cäsar ging noch weiter von Rom weg, wo doch seine Hochburg, der Hauptquell seiner Hilfskräfte war. Er warf sich nach Thessalien. In sechs Tagen marschierten seine Veteranen durch die schwierigen Alpen Albaniens, durch das Gelände des heutigen Janina und des alten Dodona, weiterhin durch den Engpaß von Mezofon und Malakasi nach der Gegend der heutigen Stadt Trikkala, auf einem Wege, den noch 1897 die Türken benutzten. Andere Soldaten als Veteranen hätten das nicht geleistet, hätten die Strecke nicht in so kurzer Frist durchmessen. Täglich mußten 60 bis 70 km zurückgelegt werden. Wahrscheinlich war jedoch die Straße besser als heutzutage, wo sie, besonders bei Mezofon, alles zu wünschen läßt. Der Marsch Cäsars war eine Flucht. In den reichen Ebenen des südlichen Thessaliens konnte er sich indes erholen. Erst viele Wochen später folgte ihm Pompejus nach. Am 6. Juni 48 kam es zur Entscheidungsschlacht. Pompejus unterlag bei Pharsalus, und floh nach Ägypten, wo er Ende September von Mannen der Ptolemäer ermordet wurde.

Pharsalus war der Geburtsort der abendländischen Weltmonarchie. Ein Weltstaat hatte schon bald hundert Jahr bestanden, allein er wurde mit der Ausnahme der kurzen Herrschaft Sullas von einer aus Geburtsadel und Milliardären zusammengesetzten Oligarchie geleitet. Von jetzt an erhält der StaaFdie monarchische Spitze, um in dieser Form einstweilen vierhundert Jahre zu überdauern. Bei Pharsalus kämpften zahlreiche Germanen mit. Cäsar hatte aus ihnen eine Schutztruppe errichtet. Der Gedanke war den Römern immer geläufig gewesen. Sie hatten schon längst eine Schutztruppe numidischer Reiter (aus dem heutigen Algerien) und von Schleuderern aus den Balearen. Bei den nordischen Kriegen fochten immer Gallier gegen Gallier, wie in der Gegenwart Kanaken im Solde der Weißen gegen unabhängige Kanaken, wie Suaheli und Galla für Deutsche und Engländer gegen andere Afrikaner. Die germanischen Reiter hat Cäsar zuerst zu einer Schutztruppe organisiert. Vor Pharsalus betranken sie sich beständig an den süßen schweren Weinen des Südens, und wurden darob von den Legionen verspottet; in der Schlacht aber gaben sie den Ausschlag. So war das römische Kaisertum mit germanischer Hilfe errichtet, gleichwie der chinesische Einheitsstaat durch tatarischen Kitt geschaffen wurde.

Cäsar eilte jetzt nach Ägypten. Er verfiel seiner alten Neigung, die so stark im Gegensatz zu der Napoleons steht. Der unabänderliche Grundsatz des Korsen war der, überall womöglich gleich mit solcher Übermacht aufzutreten, daß allein durch die gewaltige Zahl die Feinde zermalmt würden. Cäsar dagegen warf sich mit ganz geringer Begleitung plötzlich und schmetternd wie ein Gewitter an einen bedrohten oder ihm sonst wichtigen Punkt, grub und biß sich dort mit erstaunlicher Zähigkeit fest, und suchte nun erst nach und nach Verstärkungen anzuziehen. Natürlich kam er nur zu oft in eine äußerst mißliche Lage, aus der ihn lediglich die unerschöpfliche Findigkeit seines Genies rettete. Manchmal freilich ging es auch gänzlich schief, wie einst in Gallien und wie vor kurzem in Dyrrhachium. In Alexandrien aber geriet Cäsar in die allerschlimmsten Gefahren seines Lebens. Mehr als einmal hing alles nur an einem Haar. Einmal mußte er sich schwimmend durch einen Nilarm retten, das Schwert in den Zähnen. Nachdem er glücklich aus allen Wirrnissen heraus war, entschädigte er sich für die vielen Mühen in den schönen Armen der Kleopatra. Fünf Monate verbrachte er an ihrer Seite. Ein Fest folgte dem anderen. Der geniale Leichtsinn des Eroberers hatte — außer einem Sohne — keine Folgen. Die Gegner waren zu stark getroffen, um sich so bald wieder zu sammeln. Im Jahre 47 durchzog der Eroberer Vorderasien. Im August schlug er den Sohn des Mithridat, den Pharnakes, bei Zeila im nördlichen Kleinasien, und schrieb an den Senat: „ich kam, sah, siegte!“ Nur wenige Wochen darauf, im September, ist Cäsar wieder in Rom. Inzwischen aber hatten seine Gegner in Gemeinschaft mit Juba, dem Könige von Numidien, bedeutende Streitkräfte in Nordafrika vereinigt. Drei Monate dauerte der Feldzug gegen sie; ihn krönt der Sieg von Tebessa oder Thapsos am 8. April 46. Noch ein letztes Mal begibt sich der Imperator in große Gefahr, in Spanien, wo die Reste der Pompejaner sich zum letzten verzweifelten Widerstande ordneten. Bei Munda, Anfang 45, geht es ihm so schlecht, daß er schon im Begriff ist, Gift zu nehmen, das er in seinem Ringe bei sich trug, aber die Reiterei haut ihn abermals heraus.

Man hätte denken sollen, daß Cäsar nun genug von den unaufhörlichen Kämpfen, von kalten Nachtlagern und anstrengenden Märschen, von Aufregungen und Entbehrungen gehabt hätte. Ohnehin war er schon über sechzig Jahre alt. Allein weit gefehlt! Der Unermüdliche erledigte allerdings zunächst eine große Fülle von Friedensarbeiten; er verbesserte den Kalender, er ordnete neue Siedlungen an, und gab eine Menge von nützlichen Gesetzen. Aber noch war kein halbes Jahr vergangen, da rüstete Cäsar von neuem. Diesmal sollte es gegen die Parther gehen.

Die Parther waren die einzige Macht, die in der den Alten bekannten Welt westlich vom Pamir, die im Abendlande (wenn man diesen Begriff weiter faßt als bisher) neben Rom in Betracht kam. Sie hatten den Römern unendliche Scherereien gemacht. Wie viele stattliche Heere waren vor der wildanstür-menden Reiterei der Parther in den Staub gesunken, und wie viele erbeutete Legionsadler waren nach Ktesiphon in die Schatzkammer des Großkönigs geschleppt worden! Gegen die Parther errangen die berühmtesten Feldherren ihre Hauptlorbeeren und Parthien war dann wiederum für viele das Grab ihres Ruhmes. Eine gewisse geographische und kulturliche Notwendigkeit drängte die Römer (und später noch die Byzantiner) dazu, immer wieder den Versuch einer Eroberung Parthiens zu erneuern. So wie die Chinesen damals nicht nur durch ihre Bildung, sondern auch rein territorial die ganze ihnen bekannte Welt im fernen Osten umspannten, so empfand auch Rom einen inneren Zwang, alle Staaten und Kulturen des Abendlandes, das ist des Mittelmeeres und seiner.Hinterländer in einem einzigen Reiche zusammen zu fassen. Überdies war es den Römern äußerst lästig, daß sie von dem direkten Handel mit den reichen Ländern Süd- und Ostasiens durch die Parther, die den ausgiebigen Zwischengewinnst einheimsten, abgesperrt waren. Der Verbrauch von Gewürzen Indiens und der Mollukken, sowie von Seide hatte im Abendlande schon einen großen Maßstab angenommen. Der Umsatz ging in viele Millionen. Naturgemäß waren die Römer bestrebt, unmittelbar mit den Bezugsländern in Verbindung zu treten. Das konnten sie am leichtesten, wenn sie das von den Parthern beherrschte Persien einfach eroberten. Dann waren sie die Grenznachbarn sowohl Indiens als auch der Außenprovinzen Chinas.

Der Gedanke Cäsars war mithin durchaus berechtigt. Bevor er jedoch den großartigen Plan ausführen konnte, wurde er von Parteigängern der Oligarchen ermordet. Man kann es verstehen, daß Goethe urteilte: „es war die absurdeste Tat der Weltgeschichte“. Nicht leicht kann ein Volk etwas Dümmeres tun, als einen Mann, dessen glücklichem und fruchtbarem Genie es Ordnung, Einheit und wirtschaftliche Wohlfahrt verdankt, und von dessen wirkungsvoller und segensreicher Gesetzgebunges noch ungemessene Vorteile erwarten kann, gerade im hoffnungsvollsten Augenblick aus dem Wege zu räumen. Denn Cäsar war nicht nur der Mann, den Partherkrieg, eine Aufgabe, an der alle scheiterten, siegreich durchzuführen, sondern er hat durch die durchgreifenden Maßregeln, die er während dreier kurzer Aufenthalte in Rom zur Ordnung der Verhältnisse traf, vollauf bewiesen, daß in seinen starken und geschickten Händen das Reich einer großen Blüte entgegengesehen hätte. Der Mord geschah am 15. März 44. Noch keine zwei Jahre war Cäsar Imperator und Diktator gewesen. Von dreiundzwanzig Dolchstichen wurde er zu Füßen des Standbildes des Pompejus durchbohrt. Die Häupter der Verschworenen waren der unklare Schwärmer Brutus und der hagere Cassius.

„Sohn, Du bist der größte Römer worden,

„Da durch Vaters Brust Dein Eisen drang.

„Geh und heul es bis zu jenen Pforten

„Brutus ist der größte Römer worden.

Was der Räuber Karl Moor zu seiner nächtlichen Unterhaltung phantasiert, geht auf die bestimmte Überlieferung zurück, daß die Mutter des Brutus, die Servilia, die Geliebte Cäsars war. Ob freilich gerade Brutus dieser Verbindung entsproßte, kann man nicht wissen. Servilia, von der der bitterzüngige Sallust sagt, sie sei den Männern noch mehr entgegengekommen, als diese ihr, war die Schwester des jüngeren Cato, eines eifrigen Anhängers der pompejanischen Partei. Nach der entscheidenden Niederlage von Thapsos hatte sich Cato selbst den Tod gegeben. Denn

„Die siegreiche Sache gefiel den Göttern,

„aber die unterliegende dem Cato!

So war in Liebe und Haß die Sippe der Servilia mit den Geschicken Cäsars verstrickt. Die Verschworenen hatten ihre Sache noch nicht gewonnen. Das Volk murrte. Der Liebling des Volkes und der Frauen, der gewandte Antonius, benutzte die Stimmung der Unzufriedenen. Er war Konsul des Jahres, und nahm sich infolgedessen das Recht, die Grabrede für Cäsar zu halten. Shakespeare hat aus ihr ein Meisterstück der Weltliteratur gemacht. Antonius scheint zuerst für die Freiheit zu sprechen:

„Doch Brutus sagt, daß er voll Herrschsucht war „Und Brutus ist ein ehrenwerter Mann.

Doch im weiteren Verlaufe der Rede wendet Antonius geschickt das Blatt, rühmt die Verdienste des Ermordeten und verdächtigt die Verschworenen, bis der immerwiederkehrende Ausspruch „und Brutus ist ein ehrenwerter Mann“ zu scharfem Hohne, ja zu vernichtender Anklage wird. Der Konsul versichert sich des Heeres, das für den Feldzug gegen die Parther einberufen war, und will mit seiner Hilfe sich zum Herrn Italiens aufwerfen. Nun aber erscheint ein neuer Mitspieler auf der Bühne: Oktavianus. Er ist noch gewandter als Mark Anton. Und noch zielbewußter. Überdies ist er der Neffe Casars; für sich hat er die Überlieferung, hat er den Abglanz des Ruhmes. Oktavian verdrängt den Antonius. Neue Wirren brechen aus, bei denen neben anderen der Redner und Politiker Cicero zugrunde geht. Zuletzt vereinigt sich Oktavian wieder mit Antonius; beide zusammen bilden mit dem wenig bedeutenden Lepidus das Triumvirat. Die beiden ersten marschieren nach Mazedonien und schlagen das Heer des Brutus und Cassius bei Philippi. Zwölf Jahre später erfolgte die Auseinandersetzung mit Antonius, der in der Gesellschaft der gealterten Kleopatra seine beste Zeit und Kraft vergeudete. Das schöne Weib war auch in der Schlacht sein Unglück. Bei Aktium, gegenüber von Korfu, wenige Stunden von dem heutigen Prevesa, der südlichsten Stadt Albaniens, stießen die Streitkräfte des Antonius mit denen des Oktavian zusammen. Nun war die Seeschlacht — das gleichzeitige Landgefecht kam nicht in Betracht — noch nicht im geringsten entschieden, da gab plötzlich, ganz ohne Grund, wahrscheinlich lediglich deshalb, weil sie den Aufregungen nicht gewachsen war, Kleopatra ihrem Geschwader das Zeichen zur Flucht. Ebenso unnötig war es, daß der rettungslos verliebte Antonius ihr sofort nacheilte. Und diese Schlacht, die nicht durch technische Gründe, nicht durch Mangelhaftigkeit der Schiffe oder der Truppen oder der strategischen Stellung, sondern einzig und allein durch die Charakterlosigkeit des Antonius verloren wurde, war von weltgeschichtlicher Entscheidung. Oktavian, der sich hinfort Augustus nannte, war nun Alleinherrscher. Zunächst folgte er dem flüchtenden Liebespaar nach Ägypten nach. Antonius beging Selbstmord; Kleopatra ist anscheinend auf Befehl Oktavians getötet worden. Später erfand man die Geschichte, daß sie durch Natternbiß sich selbst aus dem Weg geräumt habe.

Die Cäsaren Chinas waren die Herrscher der Dynastie Han. Wuti (140 bis 86) gewann in erster Linie die wichtigen Provinzen Fokien und Szetschuan dem Reiche. An Größe übertrifft Sze-tschuan die meisten Staaten Europas. Es hat jetzt 80 Millionen Einwohner, so viel, wie die ganze nordamerikanische Union ohne die Neger. Die Mandschurei huldigte; nicht minder Annam, dessen streitbare Königin gedemütigt wurde. Am schwierigsten war das Verhältnis zu den Hunnen. Sie waren die Parther Ostasiens — die einzige Macht, die neben dem Imperium unabhängig bestehen konnte. Wuti gab ihrem Oberkönig, dem Schan-Yü seine Tochter. Schan-Yü bedeutet ungefähr Himmelsglanz. Dem Oberkönig standen zwei Oberführer, „das linke und das rechte Horn“ zur Seite. Das Reich war feudal gegliedert. Die Heirat erwies sich als eine zweischneidige Maßregel, denn die Nachfahren der kaiserlichen Prinzessin machten später Ansprüche auf den Thron Chinas. Auch nutzte die Heirat nicht einmal für den Frieden des Augenblicks. Sehr bald ergab sich die Notwendigkeit, den Hunnen mit Waffengewalt entg egenzutreten. Der Mann freilich, der dies am eifrigsten anriet, der Statthalter an der Grenze, Wang-Kua (Wang bedeutet Prinz, Fürst) endete unglücklich. Er wurde geschlagen und schritt zum Selbstmord. Jetzt suchte Kaiser Wuti durch Diplomatie zu erreichen, was seine Generäle nicht durch das Schwert vermochten. Er entsandte, wie oben berichtet, den Tschang-Kien zu den Juetschi in Turkestan, um durch sie die Hunnen im Rücken zu fassen. Es dauerte nicht weniger als zehn Jahre, bis der Gesandte, der mehrfach in Gefangenschaft geriet, zurückkam. In der Hauptsache aber war die Sendung erfolgreich. Mittlerweile hatte der Krieg mit den Hunnen wieder begonnen. Der General Wei-Tsing schlug sie aufs Haupt, nahm 15000 Gefangene mit, und plünderte ihr Lager. Ein chinesisches Heer, das ausschließlich aus Reitern bestand, durchzog, jeden Widerstand brechend, das ganze Hunnengebiet, und kam bis Soponomo am Himmelsgebirge, dem Tianschan. Wuti rückte nun selbst an der Spitze seiner Truppen ins Feld, und forderte den Schan-Yü zur Ergebung auf. Dieser, dem das feindliche Reiterkorps schon seine goldenen Götzen geraubt hatte, ließ sich nicht einschüchtern, schlug den Kaiserboten in Ketten und warf dem Kaiser selbst den Fehdehandschuh hin. Seltsamerweise nahm Wuti den Handschuh nicht auf. Er ließ sich verblüffen, und schickte seine Truppen weg nach den entgegengesetzten Enden des Reiches, nach Yünnan im Süden, und Liaotung im Nordosten. Einige Jahre darauf, 117, brachte er jedoch neuerdings ein riesiges Heer gegen die Hunnen zusammen. Die Chronisten sprechen von Elfhundert Tausend. Das wird übertrieben sein, wie so oft die Zahlen im Altertum. Der Schwager des Kaisers, Li-Kwang-Li wurde Generalissimus, aber er sowohl wie sein Enkel Liling zeigte sich völlig unfähig. Beide gerieten in die Hand der Tataren, und dienten hinfort unter deren Fahnen.

Den Hunnen, die jetzt durch Thronwirren geschwächt wurden, gab erst der Enkel Wutis, Si-wen-Ti, den Rest. Der Hunnenstaat wurde ausgelöscht in Ostasien. Sogar vom Kaspisee soll Tribut an den Himmelssohn gekommen sein. Doch auch das stolze Haus der Han wurde von Thronwirren erfaßt. Die ehrgeizige Gattin des Veziers, deren Tochter eine Nebenfrau des Kaisers war, ließ die richtige Kaiserin vergiften. Der Arzt, der ihr Werkzeug gewesen, hätte das Verbrechen offenbart, aber der Vezier verbot durch einen Machtspruch, bei dem Arzte die Geständnisse erpressende Tortur anzuwenden. Das ehrgeizige Weib, Ho-Hien hatte die Genugtuung, ihre Tochter zur Kaiserin alles Rechtens erklärt zu sehen, allein Thronerbe wurde der Sohn der Vergifteten. Nun trachtete die Ho-Hien auch diesem Erben nach dem Leben, aber ihr Plan wurde entdeckt, und sie und die ganze Familie des Veziers, mit Ausnahme des Familienvaters, wurden genötigt, selber Gift zu nehmen.

Im Jahre 6 n. Chr. kam ein Usurpator auf den Thron, und hielt sich siebzehn Jahre lang. Danach wurde das Haus der Han wieder hergestellt und regierte noch fast zwei Jahrhunderte. Seine Macht erstreckte sich bis Kaschmir, wo ein griechischer König, Hermaios, Vasall des Himmelssohnes wurde.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus

Männer; Völker und Zeiten

Das Nein ist der Gegenwurf des Ja, sagt Jakob Böhme. Und Goethe:

„Jedes ausgesprochene Wort erregt den Gegensinn.“

Wie bei Worten, so bei Taten. Jede Handlung ruft eine Gegenhandlung hervor. Der indische Zug Alexanders hatte das Reich der Gupta, den ersten indischen Einheitsstaat, zur unmittelbaren Folge. Auf das Vordringen der Römer erfolgte der Gegendrang der Sassaniden. Durch Byzanz wurden die Araber erweckt. Auf die Kreuzzüge nach Syrien kam der Sturm der Mongolen und Osmanen. Auf den Kreuzzug der Mächte nach China kam der Vorstoß Japans in Nordasien.

Einst waren die Europäer gar nicht so verhaßt im Orient. Seit dem späten Mittelalter hatten die europäischen Angriffe auf Asien aufgehört. So hatte sich der Orient daran gewöhnt, uns weniger zu fürchten. Daher konnten Marko Polo und Pordenone unbehelligt ganz Asien durchziehen, daher waren Landreisen von Europäern aus Indien über Afghanistan oder Belutschistan nach Syrien oder Rußland keine allzu große Seltenheit — eine Art Bädecker geradezu für die Reise von der Krim nach Turkestan und China ist uns aus dem 14. Jahrhundert erhalten —; daher endlich konnten die Kapuziner noch im 18. Jahrhundert ungestört in Lhasa wirken und verkehren. Weit entfernt, den rothaarigen Barbaren zu hassen, zogen vielmehr die südlichen Daimyo, die Herrscher von Siam und die Mandschu Portugiesen, Deutsche, Franzosen an ihre Höfe, um ihre wissenschaftlichen Kenntnisse, ihr politisches Geschick, ihre militärische Technik, ihre Verbindungen und Fähigkeiten auszunutzen. Das alles änderte sich, als die europäischen Absichten auf Asien immer offenkundiger wurden, als wir den Orientalen immer härter „an die Gurten“ gingen. So wurden zuerst in dem am meisten exponierten Japan die Christen grausam verfolgt, so wurden um etwa 1740 China, Tibet und Afghanistan für Europäer verschlossen. Der Osten fühlte sich in seiner Herrschaft, in seinem Glauben, in seiner ganzen Lebensführung aufs unmittelbarste bedroht.

Doch der Westen drang jetzt umso unaufhaltsamer vor. Plassey und Seringapatam gaben Indien den Engländern, die Russen wollten schon 1787 sich in Kobdo festsetzen und 1805 Japan erschließen. Der kurze Sonnentag eines Jahrhunderts ward der Europäerherrschaft beschieden.

Und wieder folgte auf das Ja des Angreifers das Nein des Angegriffenen. Die Rückwirkung äußerte sich im Entstehen des Panislamismus und des Panbuddhismus, in der wachsenden Abneigung gegen Europa bei den Arabern, den Afghanen, Tibetern, Chinesen, in der Bildung eines indischen Nationalparlaments, in dem waffenstarrenden Chauvinismus der Japaner.

Noch ist Asien zum größten Teil zerfallen. Noch wühlen in Persien die Babisten und Sufi gegen den Islam, noch ist „der Weg der Götter“, das Shinto, gegen den Buddhismus; noch sträuben sich die arabischen Seyide, den Barbarensultan, der nicht zur Nachkommenschaft des Propheten gehört, den Padischah anzuerkennen. Auch verachtet der einzelne Araber den ungebildeten Türken, der Türke den noch roheren Kurden. Es fehlt jedoch nicht an bedeutsamen Zeichen der Zeit, die darauf hinweisen, daß eine Annäherung der feindlichen Elemente im Werke ist, daß die einende Macht der orientalischen Weltkirchen größer wird und daß gleichzeitig in die zersplitterten Völker der nationale Gedanke dringt.

Am wichtigsten ist für die nächste Zukunft die Frage der Wiedergeburt Chinas. Von Peking ist vor einiger Zeit der Befehl ergangen, das ganze Heer gleichartig zu organisieren. Damit begänne die Nationalisierung des ungeheuren Reiches. Noch zieht Japan aller Augen auf sich. Demnächst werden wir aber auch der militärischen Erstarkung des Reiches der Mitte alle Aufmerksamkeit zu schenken Ursachen haben. Wir dürfen dabei nicht nur die tatsächlichen, sondern müssen auch die latenten Fähigkeiten des Chinesen berücksichtigen. Auch die Möglichkeit eines moralischen Umschwunges ins Auge ‘fassen. In der Neuzeit war China das Land der Gelehrten und Kaufleute. Unter den Tsin galt des Soldat mehr als beide. Noch im 11. Jahrhundert n. Chr. wurde die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht von patriotischen Chinesen gefordert. Noch um 1790 war das Reich der Mitte der kriegerischste Staat Asiens. Was einst lebendig war, kann es wieder werden. Ein Volk wie das chinesische verliert nicht seine Eigenschaften in einem kurzen Jahrhundert. Und war nicht auch die deutsche Reichsarmee das Gespött des In- und Auslands? Aber auf den tiefsten Stand der Reichsarmee in der Rheinbundzeit folgten die Freiheitskriege. In China ist der selbe Umschwung möglich, wenn auch eine neue Sensation längere Zeit braucht, um den Elephantenleib zu durchzittern.

Noch mag Persien fallen und vielleicht Arabien; aber dann ist der Nationalismus Asiens reif, und seine Frucht wird uns nicht wohlschmeckend sein. Und dazu hat der lange, faule Frieden den Westen geschwächt.

Was aber tun? —

Rüsten und kämpfen!

Text aus dem Buch: Orient und Weltpolitik, Verfasser: Albrecht Wirth.

Siehe auch:
Der deutsche Gedanke in der Welt
Kultur-Europa bei den andern Völkern
Orient und Weltpolitik – die Weltlage
Der Nationalismus in Asien
Orient und Weltpolitik – Der Aufstieg des Balkans
Orient und Weltpolitik – Die Balkanvölker im einzelnen
Die Fragen der asiatischen Türkei
China und der Dreibund
„Timeo Danaos“ oder Englands Schwenkung zu Deutschland
Orient und Weltpolitik – Die Irrtümer der deutschen Politik

Orient und Weltpolitik