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Acropolis of Athens

DIE Akropolis von Athen, heute nur ein Denkmal der großen Vergangenheit, war einst der Ausgangs- und Mittelpunkt des politischen Lebens von Athen und Attika. „Akropolis“, d. i. „Hochstadt“, wurde sie erst genannt, als sich ein Unterstadt gebildet hatte; und deren Anfänge reichten in so frühe Zeit hinauf, daß Thukydides, der große Geschichtschreiber des Peloponnesischen Krieges, um das Jahr 410 v. Chr. nur aus scharfsinnigen Beobachtungen schließen konnte, nach welcher Seite ungefähr die Stadt von dem naturfesten Platz aus sich zuerst ausgebreitet hatte. Nicht in der Ebene nördlich der Burg, die sie zu seiner Zeit einnahm, und die auch das neuere Athen zuerst besetzte, sondern im Süden, wo einige uralte Heiligtümer im Südosten und Südwesten ihm die Richtung zu weisen schienen.

Den Königen, die damals in Athen herrschten und mit einem Teile ihrer Leute auf der Burg wohnten, gehorchte noch durch Jahrhunderte nur ein Stück der Landschaft. Schauten sie von ihrer Höhe (156 m) hinaus, so blickten sie an der Landseite gewiß an mehr als einem Punkte in das Gebiet benachbarter Könige. Nach drei Seiten sahen sie die Berge, vielleicht etwas weniger entwaldet als heute, die Ebene einrahmen: gegen Osten ist es der einförmige Rücken des Hymettos (1027 m, Abb. 1) der südlich ins Meer verläuft und seine Wurzeln gegen Athen und die Ebene schiebt, besonders kenntlich die das Stadion umgebende Höhengruppe, die nachmalige Vorstadt Agrai. Sie steigt unmittelbar hinter dem meistens fast wasserlosen Bett des Ilisos (Abb. 6) auf. Vom Nordende des Hymettos durch eine Senkung geschieden, erhebt sich der nach Nordwest streichende Brilessos (1110 m, Abb. 2), meist nach dem an seinem Fuße belegenen Orte Pentele benannt. Ein Marmorgebirge wie jener, liefert dieser weißen, jener mehr graublauen Stein. Auch der Umriß des Pentelikon ist einfach, doch von beiden Seiten gleichmäßig ansteigend, ähnelt er einem Tempelgiebel. Seine nordwestlichen Vorhöhen verbinden sich mit denen der Parnes (1413 m), die, grade im Norden in breiterer Masse gelagert, auch den höchsten Teil des ganzen Bergrings bildet, Vor ihrem im Hintergründe sichtbaren Hauptzug, der nach Westen zum boeotischen Kithaeron streicht, legt sich, von Athen aus gesehen, eine niedrigere Abzweigung, der Aegaleos (Abb. 3). Nur bis 467 m ansteigend, zieht er dem Hymettos scheinbar parallel nach Südwest, fällt schroff zu dem kaum erkennbaren Sund ab, jenseit dessen die kahlen Höhen der Insel Salamis wie seine Fortsetzung erscheinen (Abb.4).

Stadtansichten

Abbildungen Acropolis of Athens

Eine Weltgeschichte in einem Bande.

Das Reich des Himmelssohnes, so lautet die Lehre chinesischer Weltweisen, heißt Tien-hia, das Erdenrund. Daß nicht alle Völker hinieden ihm gehorchen, ist nicht die Schuld unseres himmlischen Gebieters. Seine rechtmäßigen Ansprüche scheitern an dem Starrsinn und der Widersetzlichkeit der Barbaren, welche der heiligen Pflicht des Gehorsams widerstreben. Zwischen der Menschheit und dem Himmelssohne, zwischen dem Volke und seinem Gebieter herrscht dem Prinzipe nach dasselbe Verhältnis wie zwischen Vater und Sohn. Die Pietät ist das Fundament, worauf das ganze Staats- und bürgerliche Leben des chinesischen Kultursystems aufgebaut wurde; es schimmert durch in den höchsten wie in den niedrigsten Verhältnissen des östlichen Asiens. Der Sohn des Himmels hat den Auftrag, die Gebote seines Vaters hier auf Erden zu vollziehen; dem Volk ward die Pflicht, zu gehorchen wie erwachsene Kinder ihrem Vater. Hieraus folgt, daß der Herrscher in der Theorie kein unumschränkter Gebieter ist, nach Laune und Willkür. Der Monarch Chinas ist im Gegenteil ein durch Sitte, Herkommen und Gesetze höchst beschränkter Fürst. Er hat die Pflicht, das Volk in Tugend und Gerechtigkeit zu erziehen und zu regieren, es zu ernähren und zu beschützen. Der Fürst bedenke, heißt es daher in dem chinesischen Staatsrechte, daß die Beschlüsse des Himmels, wie in allen Dingen, so in der Erteilung der Herrschaft, nicht unwiderruflich sind, daß sie es nur dann werden, wenn man seine Befehle vollzieht. Der Herrscher ward des Reiches wegen eingesetzt: Das Reich ist nicht des Herrschers wegen vorhanden. Das Volk kann seiner wohl entbehren; er nicht des Volkes. Das Wasser bleibt immer Wasser, wenn sich auch kein Fisch darin bewegt; der Fisch stirbt ohne Wasser.

Nicht viel verschieden ist die Anschauung der Juden. Jehova regiert; aber sein Stellvertreter, der König, ist durchaus nicht unfehlbar. Er kann abgesetzt werden, wie Saul und so mancher andere abgesetzt worden ist. Bei den Irariern ist dagegen der Schahanschah, der König der Könige, der unmittelbare Gesandte Ahuramazdas; wer sich seinem Gebote widersetzt, handelt zugleich wider die Gebote des gütigen Himmelsherrn.

Auch bei den Griechen mangelt nicht ganz die göttliche Weihe. Wenn Homer gegenüber demokratischen Einflüssen, die sich schon damals geltend machten, als das einzig Richtige den Grundsatz aufstellte „Einer soll herrschen“ fügt er zur Bekräftigung hinzu „denn so bestimmt es Kronion, der Himmelsgott“. In der Folge aber tritt das demokratische Element immer stärker hervor, und so ändert sich auch der Staatsbegriff. Um ihn zu erkennen, muß man zu den Rednern gehen, die ja nichts anderes als Parteiführer und Parlamentarier waren, zu einem Perikies, Ai-schines, zu einem Sokrates, einem Demosthenes. Auch bei ihnen darf man keinen einheitlichen Begriff erwarten, weil sie eben Parteimänner waren. Das Um und Auf des Demosthenes war ein Sichzusammenraffen des Griechentums gegen die — doch halbgriechischen — Mazedonier. Isokrates forderte dagegen mit flammenden Worten zu einem Allgriechenbund auf, der den Krieg gegen den Erbfeind, die Perser, zu einem siegreichen Ende führen sollte. Immerhin kann man aus den Äußerungen der Politiker und Redner, zusammen mit denen der Philosophen und Dichter, ein Bild vom Staate gewinnen.

Da finden wir vor allem als Ideal den Tod fürs Vaterland. Und nicht nur aus ethischen, nein, auch aus ästhetischen Gründen. „Nur der gefallene Jüngling“, singt Tyrtaios, „in strotzender Gliederpracht ist schön, nicht aber der Leichnam des sterbenden Greises.“ Auch Solon, auch Pindar, auch Aischylos rühmen solchen Tod mit verklärenden Dichterworten. Das ist keineswegs selbstverständlich! Wo fände man solches in der chinesischen, wo in der hebräischen, ja selbst in der altiranischen Poesie? Ganz natürlich : Denn der Staat der Chinesen entstand und wuchs durch Zunahme der Bevölkerung, durch allmählige Ausbreitung; der spätere Staat der Juden beruht nicht einmal auf Territorialmacht, sondern — wie ein Pfahlbau, der nicht auf dem festen Erdboden gegründet ist — auf abstrakter Grundlage, auf dem Ritualgesetz der Priester. Dagegen ist der Staat der Arier sowie der Türken aus Eroberung hervorgegangen. Er entsteht daher rasch, plötzlich; er ist mehr Tat als Entwicklung. Bei der Gründung der griechischen Städte fehlte es zwar nicht an religiöser Weihe; allein in der Folge kümmern sich weder die Oligarchen noch die Demokraten um den Willen des Himmels. Die Größe des Staates und die Wohlfahrt der Bürger wurde die greifbare Forderung des Tages. Das Vaterland zu fördern, war die erste, ja fast die einzige Pflicht. Was jedoch war das Vaterland? Keineswegs Hellas, die große Mutter, sondern Argos, Sparta, Athen, Korinth, Theben, Syrakus :Vaterländer wie Baden, wie Schaumburg-Lippe, wie Waldeck und Lichtenstein. Außerhalb seines Heimatkantones, seines Miniaturvaterlandes war bis auf Alexander der Grieche ein Verbannter, Geächteter, war in Armut und Elend, wenn anders er nicht einen Gastfreund fand; nur zu häufig wurde er schlankweg in die Sklaverei verkauft. Man hatte wohl einen unbestimmten Begriff von der Gemeinbürgschaft aller Hellenen gegen die Barbaren, jedoch tatsächlich blühte nur der Lokalpatriotismus. Erst durch dieüberseeischePolitik Athens kam eingroßzügiges Element in den Staatsbegriff der Griechen. Die unruhigen Wanderer, die Sophisten, erklärten sich bereits öffentlich als Weltbürger.

Auch der große Gegner der Sophisten, Platon, ist von solcher Wandlung beeinflußt. Sein Staatsideal hat im Grunde kaum hellenisches Gepräge. Es ist nicht national, sondern ein abstraktes Gebilde philosophischen Hochflugs. Daher es denn auch, zumal es Gott, dieTugend, die Selbstzucht und die Selbstvervollkommnung voranstellt, von den Kirchenvätern aufgenommen und weitergeführt wurde. Die Schöpfung Platons, der auch die Hölle mit ihren Strafen nicht fehlt, ist das unmittelbare Vorbild der civitas dei des Augustin. Als ein Protest sowohl gegen den Kosmopolitismus der Sophisten, als auch den farblos zerfließenden Staat latons ist das Werk des Isokrates und seiner mächtigen Schule zu bezeichnen. Isokrates erdachte das Allgriechentum, und wies ganz richtig“ darauf hin, daß ein gemeingriechischer Staat nur durch einen siegreichen Krieg entstehen könne. Also ein Gegenstück zur Einigung Deutschlands. Isokrates predigte unermüdlich, daß die Schranken zwischen den einzelnen Miniaturstaaten fallen sollten, daß alle griechischen Staaten sich zum Kampf gegen die Perser verbünden müßten. An persönlicher Wucht, an philosophischer Tiefe stand Isokrates weit unter Platon; an politischem charfblick aber war er ihm überlegen.

Wie sah es nun bei den Römern aus? In ihrem Staat war die Herrschaft der peinlichsten Ordnung. Alles, von der Wiege bis zur Bahre, war im Leben des einzelnen genau geregelt. Jeder kleinsten Handlung steht irgendeine Gottheit vor. Nichts darf der Bürger tun, ohne daß die Rückwirkung auf das Staatswohl kalt erwogen würde. Der Staat war alles, der einzelne nichts. Das ist die Größe, aber auch die Einseitigkeit Roms. Daher sein unaufhaltsames Wachstum, daher andrerseits der Mangel an Farbe, an individuellem Leben bis auf die Zeit der Gracchen. Die Zucht, der Gehorsam verbürgte den Erfolg, die Kraft und das Wachstum des römischen Reiches. War somit Rom den Griechen an Buntheit des Lebens, an der Fülle persönlicher Entfaltung unterlegen, so vermied es dafür die Fehler des Partikularismus und eines schrankenlosen Individualismus. Die Griechen waren Dichter, Dialektiker, Philosophen, Künstler, sie waren Bildner und Redner: die Römer waren Praktiker und Politiker. Daher haben es auch die Bewohner Italiens in der Welt weiter gebracht als die unverbesserlichen Nörgler und Partikularisten in Hellas. Die Römer, von härterem Metalle als die Griechen, scheuten sogar vor Grausamkeiten nicht zurück, im Gegenteil, man kann sagen, daß sie dem zielbewußten Willen zur Grausamkeit ihre staatlichen Erfolge verdankten. Das blieb sich gleich, ob unterm Königtum, ob Freistaatform, ob Kaiserreich. „Debellare superbos“, und womöglich sie vernichten, wieCäsar eineMillion Gallier zertreten hat: das war das Ideal.

Der Staatsbegriff als solcher ist von dem Wandel der Zeiten wenig berührt worden. Erst kleines Landstädtchen am Tiber, dann Herrscherin der Apeninnenhalbinsel, schließlich eines Weltreiches — derartige Erschütterungen waren doch wohl geeignet, eine Weltanschauung umzustoßen. Mit nichten! Starr und unerschütterlich blieb dieselbe Grundlage bestehen. Die Staatsrai-son — nicht etwa Moral oder Humanität oder Lebensfreude — die oberste Richtschnur. Der einzelne bedeutet nur so viel, als er dem Gemeinwesen nützt; er ist ein Glied in großer Kette.

Die äußerliche Form jedoch der Verfassung Roms war für eine Stadt, für einen Klassenstaat zugeschnitten. Nun ging sie allmählich in die Brüche, denn allmächtig erhob sich jetzt das Imperium.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege

Männer; Völker und Zeiten

Eine Weltgeschichte in einem Bande.

Jedoch zurück zu den athenischen Unternehmungen! Alkibiades wurde wegen eines kindischen Skandals, der nicht recht aufgeklärt worden ist, zurückberufen, um vor Gericht gestellt zu werden; er zog es jedoch vor, in die Verbannung zu gehen und zwar nach Sparta. Dort hetzte er die Spartaner auf und vermochte sie dazu, ebenfalls ein Heer nach Sizilien zu senden. Die glänzende Flotte der Athener und ihr Heer wurde vor Syrakus vernichtet, und der Aufschwung Athens war abermals geknickt. Alkibiades konnte sich jedoch bei den Spartanern ebenfalls nicht halten, von denen er auf Schritt und Tritt beargwöhnt wurde, und entfloh zu den Persern. Als jedoch die Not im athenischen Reiche aufs höchste gestiegen war, da knüpfte man wiederum Verhandlungen mit Alkibiades an. Er ging bereitwillig darauf ein. Und siehe da! in wenigen Monaten war die Sachlage in ihr Gegenteil verkehrt, und waren die Spartaner so verzweifelt, daß sie eine Botschaft nachhause schickten:

„Glück dahin. Mindaros (der Admiral) ist tot. Es hungern die Männer. Wissen nicht was tun.“

Alkibiades hielt einen glänzenden Einzug in seine Heimat, wo er wie ein Halbgott gefeiert wurde. Allein wiederum wendete sich das Geschick. Zum Teil war Alkibiades selbst daran Schuld. In ein nächtliches Liebesabenteuer verstrickt, war er nicht zur Stelle, als die Gegner zum Angriffe nahten. Die erzürnten Athener setzten Alkibiades sofort ab. Natürlich kann man auch bei den Athenern eine solche Wetterwendischkeit nicht billigen. Denn welcher Feldherr hätte nicht auch einmal eine Dummheit gemacht? Jedenfalls schied Alkibiades wiederum aus und verblieb nunmehr bis an sein Lebensende bei den Persern. Die Athener erfochten trotzdem noch einen glänzenden Sieg 406 bei den Arginusen, aber die Thörichten setzten die eigenen Admiräle — weil sie die auf den Wracks umherschwimmenden schiffbrüchigen Soldaten nicht gehörig aufgelesen hätten — in Anklagezustand und verurteilten sie zum Tode. Nur ein Jahr später brach dann endgültig das Verderben über Athen herein. Lysander, der spartanische Feldherr, schlug die athenische Flotte bei den Ziegenfiüssen in den Dardanellen 405 aufs Haupt, fuhr dann nach Athen und zwang die Stadt zur Ergebung. Damit war der peloponnesische Krieg, der fast 30 Jahre gedauert hatte, beendet.

Thukydides hat diesen Krieg für das bedeutendste Weltereignis erklärt, das überhaupt in der Weltgeschichte stattgefunden habe. Wir urteilen kühler. Wir können uns der Einsicht nicht verschließen, daß jene Katzbalgereien doch recht wenig für die Entwickelung der Welt zu bedeuten hatten, ja daß sie nicht einmal in dem Leben der Griechen selbst Epoche gemacht haben. Gewiß, einstweilen war die Macht und die staatliche Blüte Athens dahin.

Daß der peloponnesische Krieg nur eine vorübergehende Episode war, geht auch daraus hervor, daß der weit wichtigere Kampf gegen Persien sofort wieder aufgenommen wurde. Die Verhältnisse lagen dazu ausnahmsweise günstig. Es war nämlich im Aehämenidenreiche ein Thronstreit entstanden. Ein jüngerer Bruder Cyrus wollte gegen seinen älteren Bruder, der den Thron des Großkönigs einnahm, zu Felde ziehen, um sich selbst die Königstiara aufzusetzen. Zu dem Ende nahm Cyrus 10000 Griechen in Sold, und marschierte mit ihnen 401 von Sardes gegen Susa. Mehrere Tagreisen vor Susa, stieß er indes auf das Heer seines Bruders, des Artaxerxes, bei Kunaxa. Die Sache ging für Cyrus ganz gut, aber er ließ sich durch sein jugendliches Ungestüm dazu fortreißen, selbst an dem Handgemenge teilzunehmen, und kam darin um. Hierauf gingen seine persischen Truppen zu Artaxerxes über. Die Griechen waren nun in übler Lage. Sie ließen sich daher zu Verhandlungen bereit finden. Da geschah ein Treubruch von seiten der Perser, wie er auch noch in der Gegenwart leider nur zu oft zu verzeichnen ist: Die Führer, die zu friedlicher Verhandlung gekommen waren, wurden meuchlings ermordet. Trotzdem wollte sich die führerlose Schaar der 10000 nicht ergeben. Sie faßte den Entschluß, den Weg nach der Heimat zurück zu erzwingen, und siehe da, was niemand erwartet: aus unzähligen Fährnissen, aus dem Herzen des dichtbevölkerten Perserreiches heraus hat dies Häuflein von Griechen sich retten können! Viel trug zur Rettung bei, daß sie die großen Weltstraßen vermieden und sich seitwärts in schwer zugängliche, dem Großkönig selbst nur ungern gehorchende Gebirgsgegenden schlugen. Die Zehntausend gingen den Euphrat aufwärts, setzten in Keleks, Fahrzeugen, die in der Hauptsache aus aufgeblasenen Ziegenhäuten bestanden, über den Strom und flüchteten sich in die Alpen Kurdistans. Dort waren sie hinfort vor den Truppen des Großkönigs sicher, dafür hatten sie eine ununterbrochene Reihe von Gefechten gegen die wilden Gebirgs-vÖlker, Kurden, Chalyber, Drilen zu bestehen. In der Nähe von Trapezunt erblickten sie wieder das Meer.

Die Hauptaufgabe, der Kampf gegen die Perser, wurde hiernach jedoch auf Jahrzehnte hinaus vernachlässigt. Schuld daran waren die Spartaner. Sie gaben im Frieden des Antalkidas 387 die griechischen Rechte schnöde preis. Wiederum tobte sich die Kraft der Griechen in unnützen und verheerenden Bürgerkriegen aus. Athen hatte sich zwar einigermaßen wieder erholt. Zur alten Vormachtstellung konnte es jedoch nicht wieder aufsteigen; es schloß sogar ein Bündnis mit Sparta. Dafür errangen jetzt, unter Pelopidas und Epaminondas, die Böotier die Führung. Sie siegten bei Platää und Mantinea (362) über die Spartaner. Wenn aber zwei sich streiten, freut sich der Dritte. Der Gewinnende bei den Bruderkriegen der Hellenen war der Mazedonenkönig Philipp.

Die Mazedonier waren ursprünglich keine Arier, genau wie die Bewohner von Hellas. Später wurden die Mazedonier oberflächlich arisiert, allein die Oberschicht war viel dünner als bei den Hellenen. Das so entstandene Volkstum war von dem griechischen so weit entfernt, wie etwa das französische von dem deutschen oder zum mindesten so viel wie die Dänen von uns. Das Herrschergeschlecht jedoch scheint griechischen Ursprungs gewesen zu sein. Philipp besetzte in unermüdlicher Arbeit Nordgriechenland. Er war ein Wühler und Bohrer, mehr Diplomat als Feldherr. Er wirkte lieber durch Gold als durch Schlachten. Sein Hauptgegner war der Redner Demosthenes. Er wollte noch einmal die Athener zu heißerVaterlandsliebe entflammen, wollte sie zu entscheidender Tat anstacheln. Er stieß dabei auf den Widerstand des Phokion. Das war ein sauertöpfiger Pessimist, der nicht mehr an die Zukunft des eigenen Volkes glaubte. Die Demokratisierung Athens hatte immer weitere Fortschritte gemacht. Allein statt die Massen zu Staatsgefühl, zu einem verantwortlichen Anteil an den Geschäften zu erziehen, hatte sie im Gegenteil nur das bewirkt, daß die Massen den Staat als eine melkende Kuh ansahen, daß sie an der Staatskrippe möglichst viel und möglichst gutes Futter zu ergattern trachteten. Eine verderbliche Friedensliebe machte sich breit. Man wollte nur noch erwerben und genießen. Wenn es aber galt, für die Freiheit und Unabhängigkeit einzutreten, wenn man Strapazen und Wunden für das Vaterland ertragen sollte — ja, da waren die biederen Athener nicht zu haben. Phokion traf also eigentlich den Nagel auf den Kopf. Er vermeinte, daß seine Mitbürger schon so verrottet seien, daß ihnen schlechterdings nicht mehr zu helfen wäre, und er erwartete das Heil nur noch von außen. Neben Demosthenes arbeitete auch ein anderer Staatsmann umsonst daran, die Athener zur Erkenntnis ihrer Lage zu bringen: Isokrates. Isokrates steht an der Schwelle eines neuen Zeitalters. Er will die vielzerklüfteten, stets unter sich uneinigen Hellenen zur Einheit bringen. Er erfand einen neuen Begriff, das Allgriechentum. Also einen Zusammenschluß aller die gleiche Sprache redenden Stämme, wie sie in unseren Tagen das Alldeutschtum und das Allangel-sachsentum anstrebt. Isokrates ging aber noch einen Schritt weiter. Nicht nur alle, die als Griechen geboren waren, sondern alle, die griechischer Erziehung teilhaftig geworden, begrüßte er als Freunde und Brüder. Nicht gemeinsame Rasse schwebte ihm als Einigungsmittel vor, sondern die gemeinsame Sprache und Bildung. Das ist ein sehr bedeutsames Unterscheidungsmerkmal. Damit war für alle Nachbarn, die dem Einfluß der griechischen Umwelt günstig gesinnt waren, für die Mazedonier in erster Linie und dann für die halbalbanischen Epiroten (Bewohner von Epiros, gegenüber dem heutigen Korfu), für halbgräzisierte Lyder, Karer und andere Kleinasiaten, sowie auch Fremdstämme in Unteritalien und auf Sizilien, die Möglichkeit gegeben, mit dem Griechentum zu verschmelzen. Für die Griechen, die bereits durch Uberfeinerung üppig und schlaff geworden, hatte das den Vorteil, daß ihnen neue ungebrochene Kräfte zugeführt wurden; freilich auch den Nachteil, daß dadurch ihre Kultur vergröbert und getrübt wurde und daß die Gefahr einer charakterlosen Mischung entstand. Die Mazedonier waren der hellenischen Bildung ebenfalls schon gewonnen. Philipp war deren Freund. Den Sohn, den ihm eine albanische Frau, Olympias, geschenkt, Alexander, übergab er dem größten Philosophen seinerZeit, dem Aristoteles, zur Erziehung.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms

Männer; Völker und Zeiten