Schlagwort: Baltikum

Die in Deutschland am 9. November 1918 ausgebrochene Revolution wirkte sich äußerst ungünstig auf die Kampfkraft der im Baltikum stationierten 8. Deutschen Armee aus. Es war vorauszusehen, daß die Front von Narwa-Pleskau-Dünaburg nicht lange gehalten werden konnte.

Auch die Unsicherheit im Lande nahm durch die Wühlarbeit bolschewistisch gesinnter Elemente zu. Unter dieser Spannung genehmigte die Militärbehörde am 10. November 1918 endlich die Aufstellung einer Freiwilligentruppe aus der Bevölkerung des Landes, die vorher schon von baltischer Seite vergeblich beantragt worden war. Sie sollte alle Nationen des Baltikums umfassen. Die Letten verhielten sich zu diesem Projekt wenig enthusiastisch, die Russen zeigten wenigstens guten Willen. Bei den Balten, die sich dessen bewußt waren, daß es sich jetzt um Sein oder Nichtsein für sic handelte, strömten die Freiwilligen im Alter von 15 bis 60 Jahren am zahlreichsten zu den Sammelstellen. So konnte schon am 12. November die erste Kompanie der Rigaschen Landeswehr kaserniert werden. Die Landeswehr sollte dem Kommando des Oberbefehlshabers der deutschen Truppen unterstellt werden. Die ersten erforderlichen Geldmittel wurden von der inländischen Ritterschaft, der Rigaer Kaufmannschaft und dem dortigen Börsenkomitee zur Verfügung gestellt. Die Ausrüstung der Truppe, Verpflegung und Löhnung übernahm das Oberkommando der 8. Armee.

Die im deutschen Heer dienenden Balten ließen sich entlassen, um sich für den Dienst in der Heimat zu stellen. Trotz ihrer zurückhaltenden Einstellung beanspruchten die Letten den Oberbefehl über die Landes wehr. Da sie aber keine geeignete Persönlichkeit für diesen Posten vorschlagen konnten, einigte man sich auf den seit vielen Jahren in Riga ansässigen russischen General Junowitsch. Seine militärischen Kenntnisse waren allerdings recht bescheiden, weil er nur die Grenzwacht befehligt hatte. Da er auch wegen vorgeschrittenen Alters die Truppe im Felde nicht führen konnte, wurde die Führung dem reichsdcutschcn Major Scheibert übertragen.

Nach Wallensteinscher Manier wurde eine Armee in kürzester Zeit aus dem Boden gestampft: drei Rigaer Kompanien, bestehend aus im russischen Heer gedienten und unausgebildeten Freiwilligen. Die Führer waren höhere Offiziere der kaiserlich-russischen Armee. Ferner entstand eine Haubitzbatterie, Führer Oblt. Heinz Barth, und die Batterie Schmidt, später Sievert, mit zwei Geschützen, außerdem wurde die Stoßtruppe ZBV, anfangs rund 300 Mann, Führer Lt. Bohm, die Begleitbattcrie des Stoßtrupps, Führer Oblt. Pfeil, die Kavallerie-Abt. Engelhardt, Führer der ungediente Baron W. Engelhardt, und die Kavallerie-Abtg. Drachenfels, Führer Oberstltn. Baron Drachenfels, gebildet. In Mitau formierte sich mit etwa 135 Mann die Kompanie Rahden, Führer Oblt. W. Baron Rahden, die Kavallerie-Abtg. Hahn, Führer Rittmeister Baron Hahn (etwa 30 Mann), und die Kompanie Kleist, Führer Oberst-Lt. Baron Kleist.

Die Russen stellten in Riga nur eine Infanterie-Kompanie von rund 70 Mann auf. Die Letten brachten es auf drei Kompanien von 600 Mann. Ferner hatten sie eine Offiziers- und eine Studentenkompanie.

Zu den Abwehrkräften gegen die Rote Flut gehörte schließlich noch die »Eiserne Brigade«, später »Eiserne Division« genannt. Sie bestand aus reichsdeutschcn Freiwilligen und verdankte ihre Bildung dem Reichsbeauftragten August Winnig. Ursprünglich sollte es ihre Aufgabe sein, die Räumung des Baltikums durch die 8. Deutsche Armee zu sichern.

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Vom Parlamentarismus zu autoritären Systemen

Die nach der Unabhängigkeit etablierten demokratischen Systeme konnten sich nicht festigen. Mangelnde Erfahrung, das Aufkommen radikaler Strömungen und Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise stellten sie bald in Frage. Die Regierungen in Reval waren zwischen 1919 und 1933 durchschnittlich ganze acht Monate und 20 Tage im Amt.

Veteranen des Unabhängigkeitskrieges, in der »Liga der Freiheitskämpfer« zusammengefaßt, schlugen eine Verfassungsänderung für Estland vor, die bei einer Volksabstimmung im Oktober 1933 von fast 73 Prozent angenommen wurde und eine Trennung von Ministerpräsident und starkem Staatspräsident beinhaltete. Zu dessen Befugnissen gehörte unter anderem die Ausrufung des Ausnahmezustandes.

Diese Verfassung war seit dem 24. Januar 1934 in Kraft. Gleichzeitig lief ein stark polarisierter Wahlkampf für das Amt des Staatspräsidenten an, bei dem der Kandidat der reaktionären populistischen »Freiheitskämpfer«, General Larka, die besten Aussichten hatte. Daraufhin machte der amtierende Staatspräsident, Konstantin Päts, von seinen neuen Befugnissen, Gebrauch, erklärte am 12. März den Ausnahmezustand, verbot die »Liga der Freiheitskämpfer« wegen angeblicher Putschpläne und 1935 außerdem alle Parteien. An ihrer Stelle rief er die Einheitsorganisation »Vaterländische Union« (Ismaaliit) ins Leben. Sein Präsidialregime war autoritär, mitunter überdehnte er den großzügigen Rahmen seiner verfassungsmäßigen Rechte. Dennoch bestätigte eine erneute Volksabstimmung im Februar 1936 vor dem Hintergrund eines rechtzeitig aufgedeckten Umsturzversuches der im Untergrund nach wie vor tätigen »Freiheitskämpfer«, eine von Päts vorgeschlagcne neue Verfassung, die in den wesentlichen Punkten seine Macht bestätigte. Zugleich näherte sie sich aber tendenziell wieder einer parlamentarischen Demokratie an. Jedoch nicht sie, sondern die stalinistische Okkupation wurde bald darauf Realität.

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Maschinengewehr-Scharfschützen-Abteilung von Medern. Aufnahme aus dem Sommer 1919. Als Führer der angegliederten leichten Batterie gehörte Schlageter dem Freikorps Medern an.

Am bedrohlichsten sah es 1918 in Estland aus. Gab es überhaupt eine Möglichkeit, ohne deutsche Hilfe der herannahenden Walze Einhalt, geschweige denn Umkehr zu gebieten? Oder blieb für die Balten nur noch die Flucht in das von der Revolution erschütterte Deutschland übrig? Eine dritte Möglichkeit hätte nur noch das Beispiel Wendens geboten, wo sich die Reste der Besatzung der Burg mit Frauen und Kindern vor 300 Jahren in Luft sprengte, um Folter, Tod oder Verschleppung ins Innere Rußlands zu entgehen. Nachdem man »feiger Gedanken bängliches Schwanken« als hier nicht am Platze von sich gewiesen hatte, beschloß man, sich bis zum Äußersten zu wehren.

Jetzt kam es nur noch darauf an, wie man das am ehesten wagen konnte. Auf Grund eines Aufrufes des estländischen Ritterschaftshauptmanns Baron Dellinghausen wurde in größter Eile eine baltische Freiwilligentruppe aufgestellt. Ihrerseits bemühte sich die provisorische estnische Regierung ebenfalls. Kampfeinheiten zu formieren, um der herannahenden roten Flut Einhalt zu gebieten. Sie stellte zunächst vier Regimenter auf. Aus mangelndem Zutrauen zu ihren Volksgenossen wollten die Esten anfangs auf eine baltische Beteiligung am Kampf verzichten. Die immer größer werdende Gefahr veranlaßte sie jedoch zur Änderung ihres Standpunkts. Sie gaben ihre Bedenken gegen eine baltische Truppe auf. Diese stand unter dem Befehl des früheren Gardeobersten in russischen Diensten. Constantin v. Weiß.

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Man diskutierte auch Alternativen zu einer Annexion des Baltikums durch Preußen: so wurde vorgeschlagen, dem Gebiet analog zum Verfahren im Fall Elsaß-Lothringen den Status eines Reichslandes zu verleihen und es so in den Besitz des deutschen Gesamtstaates zu überführen. Nach der Einnahme Rigas durch die deutschen Streitkräfte 1917 war von den Delegierten dieser Stadt derselbe Vorschlag unterbreitet worden. Die OHL hatte damals angeregt, man solle der deutschen Regierung eine Flut von Petitionen mit dem Wunsch nach einem Anschluß an das Reich unterbreiten. Zahlreiche Petitionen trafen ein, und es gibt keinen Grund, an ihrer Echtheit und Aufrichtigkeit zu zweifeln. Das Problem war nur, daß diese Petitionen ausnahmslos von Baltendeutschen verfaßt waren. Indessen war in einer Zeit wachsenden Nationalbewußtseins und der Forderungen nach dem Selbstbestimmungsrecht der Völker jeder Versuch einer Annexion von Kurland, Livland und Estland zum Scheitern verurteilt.

Die angestrengten Bemühungen, die Vorherrschaft der Baltendeutschen im politischen, wirtschaftlichen und sozialen Bereich, die sie seit dem Mittelalter innegehabt hatten, aufrecht zu erhalten, waren gleichfalls zur Fruchtlosigkeit verdammt. Die deutsche Okkupation hatte eine freilich unerwartete Folge: sie half den Litauern, Letten und Esten in den Jahren zwischen der zaristischen und der bolschewistischen Herrschaft, ihre eigenen Nationalstaaten aufzubauen. Gegen Ende des Krieges erkannte man schon bei der deutschen Regierung unter Max von Baden, daß die Weiterverfolgung des annexionistischen Kurses nicht zum Ziel führen würde; also richtete sich das Augenmerk auf die Schaffung solcher Beziehungen, die geeignet schienen, den wirtschaftlichen Einfluß Deutschlands im Baltikum sicherzustellen und die baltischen Staaten für die deutsche Seite zu gewinnen.

Anstatt die erwartete Selbstverwaltung in eigenen Angelegenheiten zu gewähren, unterdrückte das deutsche Besatzungsregime all solche Forderungen, ja mehr noch, es verstärkte die einseitige Unterstützung der Baltendeutschcn. Wie sich die Lage in bezug auf die slawischen Nachbarn für den baltischen Adel darstellte, spiegelt eine Petition wider, die der Baron von Stryk, einer der bekanntesten Politiker des deutsch-baltischen Adels, verfaßt hatte und in der es heißt, »daß es nunmehr keinem Zweifel unterliegen kann, daß die Gesamtbevölkerung Livlands und Estlands in ihrer überwiegenden Mehrheit, abgesehen vom Proletariat und den zahllosen… aus… Rußland stammenden Industrie- und Hafenarbeitern, die Loslösung von Rußland unbedingt erreichen will…«

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