Schlagwort: Bauernkrieg

Inbetreff der Heimat, des Verfassers und der Entstehungszeit der 12 Artikel gehen noch heute die Meinungen auseinander. Doch hat sich seit den Studien Alfred Sterns!) im Gegensatz zu früher die Forschung nur nocli in 2 Richtungen bewegt. —

Die 12 Artikel wurden von Oberschwaben aus verbreitet. Sie tauchten dort an den versehiedensten Punkten fast gleichzeitig auf.

Diese Tatsache gab schon in der Reformationszeit Anlaß, diesen Landstrich als ihre Heimat zu bezeichnen. Eben sie bildet soweit ich sehe dafür das einzige Beweisstück. Weiter der Sache nachzugehen hatte man auf keiner Seite Ursache. Den Katholiken galt gleichviel, wo jene Artikel herstammten; daß sie von dem lutherischen Gift beeinflußt waren, sab jedermann. Die Wittenberger Reformatoren, denen der Bauernkrieg bekanntlich sofort Schuld gegeben wurde — eine Unterscheidung zwischen Zwingli und Luther war nicht Sache der Gegner —, mochten froh sein, mit der Hervorhebung dieser Tatsache auf leichteste Weise die Schuld von sich auf die unleidlichen Zwinglianer abwälzen zu können, die nach ihrer Meinung mit den Schwärmern in einer Reihe standen. Denn wenn die 12 Artikel in Oberschwaben ihre Heimat hatten, so kamen eigentlich lutherische Kreise für den Verfasser derselben kaum in Betracht, da Obersclnvaben eine Provinz des Zwinglianismus war. Aus eben diesem Grunde mögen sie dem Verdacht Raum und Ausdruck gegeben haben, daß der aus St. Gallen gebürtige und mit Zwingli in Verbindung stehende Memminger Pfarrer Christoph Schappeler ihr Verfasser oder ihr Redaktor gewesen sei. Johannes Carion hat in seiner Chronik, die er von Melanchthon durchsehen ließ, diese Vermutung für Jahrhunderte festgelegt.

Der deutsche Bauernkrieg


Bis in den März 1525 fehlte der Bewegung unter den Bauern, die sich in den 10 Monaten seit dem Beginn der Unruhen mehr und mehr mit dem Geist der Mission erfüllt hatte, dem Evangelium ein Beistand zu sein, ein allgemeines Manifest, zu dem sich sämtliche oder doch die Mehrzahl der Bauern bekannten, und in und mit dem sie ihr Beginnen zu rechtfertigen versuchten. Wie ich in der ersten Studie ausführte hatten sich die Bauern immer mehr in ein gewisses Gefühl der Macht einleben können.

Eben deshalb hatten sie zu dem, was der Bewegung den Anstoß gegeben hatte, die vielfachen Beschwerden in die Artikel aufnehmen können, die als Grundlage für die Verhandlungen mit den einzelnen Obrigkeiten dienen sollten, welche schon im gewöhnlichen Verlauf des politischen Lebens und erst recht zahlreich in unruhvollen Zeiten empfunden zu werden pflegen. Oft verschwand so hinter dem Nebensächlicheren das Allgemeine. Erst in Augenblicken der Gefahr, wenn alles in Frage gestellt ist, pflegt der Mensch sich auf das ihm Wesentliche zu besinnen. Als nach der Flucht Ulrichs aus Württemberg der Schwäbische Bund bereit war gegen die Bauern zu ziehen, war solch Augenblick für die Bauernerhebung gekommen. Seit dem 22. März weiß man daß das Manifest im Druck verbreitet wurde, das seitdem gewissermaßen als Programm für die Bauernschaften fast des ganzen südwestlichen Deutschlands seine gefährliche Rolle spielen sollte. Ich meine die 12 Artikel.

Siehe auch:
Der deutsche Bauernkrieg : Momente der Fortentwicklung der Unruhen, Kräfte des Widerstandes.
Der deutsche Bauernkrieg : Der Beginn der Unruhen. Gründe für ihre Ausdehnung.
Der deutsche Bauernkrieg : Die Entwicklung der Unruhen zum Bauernkriege
Der deutsche Bauernkrieg: Balthasar Hubmaier als Verfasser der 12 Artikel

Der deutsche Bauernkrieg

Der Haupteinwand, den die Forschung bisher gegen die Autorschaft Hubmaiers erhob, stützte sich auf die Tatsache, daß sich an den Bauernartikeln im südlichen Schwarzwald eine Hinneigung zur evangelischen Lehre bis in den April 1525 nicht bemerken ließ. Sie galt als Voraussetzung für das Auftreten der 12 Artikel. Durch meine erste Untersuchung dürfte dieser Einwand als hinfällig erwiesen sein. Von der Reformation Luthers war die bäuerliche Bewegung nicht erst in Oberschwaben beeinflußt. Wenn sich dennoch erst hier Forderungen finden, die davon berührt scheinen, Forderungen, von denen bis zum März 1525 sonst nur noch die 12 Artikel wissen, so ist mindestens mit derselben Sicherheit zu behaupten daß sie sich an dieses Manifest anlehnten wie das Gegenteil. Ja der Beweis hierfür ist sogar leichter erbracht, da alle die z. T. wörtlichen Anklänge in den Bauernbeschwerden so kurz und knapp gehalten sind, daß man sie ohne Heranziehung einer Vorlage kaum versteht. Meinte man ferner im Zusammenhang damit behaupten zu müssen, daß die 12 Artikel die gemeinsame Arbeit eines Bundestages von bäuerischen Abgesandten sei, so zeigt die Brüchigkeit der Argumentation allein die Tatsache zur Genüge, daß sie eine große Reihe von Vertretern derselben Meinung hinsichtlich der Herkunft der 12 Artikel als eine Privatarbeit ansehen zu sollen glaubte. Andere warfen sogar die Frage auf, ob der Bundestag, an dem sie hätten beraten werden müssen, überhaupt stattgefunden hat.

Eine besonders große Schwierigkeit bot den Gegnern von Stern bis vor einem Jahrzehnt das Zeugnis Fabers. Faber, Generalvikar des Bischofs von Konstanz und als solcher von diesem mit der Restauration des Katholizismus in Waldshut nach dessen Unterwerfung betraut, fand nach seiner Angabe in einer 1528 herausgegebenen Schrift: Ursach warum der Widertäufer Patron und erste Anfänger Balthasar Hubmaier zu Wien … 1528 verbrannt sei, bei einer Haussuchung in Hubmaiers Wohnung neben andern Manuskripten von dessen Hand, „sondere Bauernartikel, die in dem Druck ausgegangen, daraus erfolget, daß die Stühlinger Bauern und in dem Klettgau die ersten gewesen sind, die sich wider die Obrigkeit erhoben“. Faber bemerkt, daß Hubmaier sie „gemacht“ habe.

Er muß also aus dem Manuskript den Eindruck gewonnen haben, daß es sich nicht bloß um eine Abschrift handle. An einer anderen Stelle derselben Schrift veröffentlichte Faber ein Bekenntnis des Waldshuter Pfarrers, das von diesem selbst geschrieben „für den, welcher einen Zweifel trägt, in Königl Majestät zu Ungarn und Böhmen Kanzleien aufbewahrt ist“. Hier heißt es im 4. Artikel, daß Hubmaier eingestanden habe, der Bauern Artikel, so ihm von ihnen aus dem „Höre“ zugekommen wären, ihnen erweitert und ausgelegt zu haben „imd denselbigen solchs eingebildet die anzunehmen als christlich und billig.“ Die Artikel, von denen an diesen beiden Stellen die Rede ist, sind die 12. Das ist noch von niemanden in Zweifel gezogen worden. Auch an der Glaubwürdigkeit Fabers wagte man einen solchen nicht: warum sollte dieser Mann auch die Unwahrheit gesagt haben, noch dazu hinsichtlich eines Sektenführers? Wohl aber hat man das Gewicht seiner Angaben beseitigen zu können gemeint, indem man in ihrem Wortlaut einen Widerspruch konstruieren wollte: hier, in der Ursach heiße es, Hubmaier habe die Artikel „gemacht“, dort in der Urgicht, er habe Artikel, die ihm von anderer Seite zugetragen wurden, nur erweitert. Eine dritte Angabe in einer zweiten Schrift Fabers, der orthodoxae fidei catholica defensio, ebenfalls aus dem Jahre 1528, lasse sich wohl mit der der Urgicht in Einklang bringen, insofern hier Hubmaier der Vorwurf gemacht werde, daß er multa et longa verborum serie sediciosos articulos Evangelicis monumentis applicavit, nimmermehr aber sei das bei diesen beiden gegenüber der der Ursach möglich.

Der deutsche Bauernkrieg

Der deutsche Bauernkrieg; Untersuchungen über seine Entstehung und seinen Verlauf.

Die ersten Wochen des Oktober 1524 waren nicht nur insofern von Bedeutung, als in ihnen der Aufruhr an Ausdehnung zunahm. Jetzt wie vor- und nachher gab sich die große Masse der Bauern gern zufrieden, wenn sich die geringste Aussicht auf ein Entgegenkommen zeigte. Zu irgendwelcher kraftvollen Aktion ließ sie sich, wohl im Hinblick auf die Macht der Habsburger, die sie kannte, nicht hinreißen. Aber an eben diese Zeit konnte aiikiiüpfen, wem es auf den Nachweis ankam, daß die Gegensätze unversöhnbar seien, daß die Herren gar nicht daran dachten, sich auch nur in ernstliche Diskussion mit ihren Untertanen einzulassen, ln jenen Oktobertagen erfolgte wahrscheinlich der erste bewaffnete Zusammenstoß; er hatte zwar keinen blutigen Ausgang, aber die Bauern wußten nun, woran sie waren. Das Feuer schwelte also immer weiter. Je mehr die katholische Reaktion von sich reden machte, desto rascher breitete es sich aus.

Und die Gegensätze vertieften sich dabei. In der Schweiz, wo die Lage für die evangelisch gesinnten Kantone immer bedrohlicher ward, dachte Zwingli im Spätherbst an einen Krieg gegen die Waldstätte und das Haus Habsburg zugleich.1) In Vorderösterreich verschwand in der zweiten Hälfte Oktober nach den Anständen von Riedheim und Ewatingen unter dem Druck anderer gleich zu berührender Geschehnisse die Gefahr, die soeben noch so nahe gewesen war. Hubmaier kehrte deshalb nach Waldshut zurück. Und nun begann unter seinen Auspizien eine immer stärkere Abwendung vom römischen Katholizismus. Bald konnte selbst die radikalste Richtung, die der Wiedertäufer, hier sich eines Anhangs rühmen. Eben um diese Zeit fand Thomas Münzer den Boden in diesen Grenzgebieten vorbereitet genug, den Samen seiner giftigen Predigt auszustreuen.2) Naturgemäß setzte mit alledem zugleich eine religiöse Propaganda ein, deren Spuren bald sichtbar wurden. Noch die Bauei n im Hegau und die Untertanen des Abts von St. Blasien, die im November ihrem Herrn die Leibeigenschaft mit all den Gefällen und Leistungen aufsagten, die ihm daher gebührten, verlangten nur, daß man sie bei Recht bleiben lasse, worunter sie eben Befreiung von jenen Pflichten begriffen.3) Seit dem Dezember aber taucht unter den Bauern des südlichen Schwarzwalds jenes Schlagwort vom göttlichen Recht als Bezeichnung für eben diese Forderungen auf.

Der deutsche Bauernkrieg