Schlagwort: Baugeschichte

Erste Periode. (1263—1482.)

Beginn der Münsterfassade. — Spaltung der Bürgerschaft. — Ausbildung der Zünfte. — Ihr Eintritt in die Stadtregierung. — Allmähliche Festigung der Verhältnisse. — Die Stadtverwaltung seit 1482. — Aeussere Geschichte. — Kulturgeschichtliches. — Zur Münsterbaugeschichte. — Die Bauhütte. — Sonstige Bauthätigkeit in Strassburg. – Plastik. — Erweiterungen und Befestigungen. —Aeusserer Anblick der Stadt. — Bevölkerung. — Gewerbe und Handel. — Rheinschifffahrt und Rheinbrücke. — Buchdruckerkunst.

Was für ein Hochgefühl die Bürger nach der Abschüttelung der bischöflichen Herrschaft durchdrang, lässt sich am besten daraus erkennen, dass sie in diesen Jahren den Entschluss fassten, den Münsterbau durch eine grossartige Fassade abzusehliessen. Aber die freudige Einmüthigkeit dauerte nicht lange; denn bald begannen die verschiedenen Elemente der Bürgerschaft, die bis dahin durch die gemeinschaftliche Gegnerschaft gegen den Bischof zusammengehalten worden waren, sich zu scheiden. Es zeigte sich, dass die eigentlichen Führer der Opposition, die Ministerialen, die die Handwerker zum Kampfe fortgerissen und mit ihrer Hilfe gesiegt hatten, jetzt durchaus nicht gewillt waren, dieselben am Stadtregiment theilnehmen zu lassen. Die allmählich zur Vollfreiheit emporgestiegenen Handwerker ihrerseits, durch Fleiss und Tüchtigkeit zu Wohlstand und Bildung gelangt, durch ihren Antheil am Kampfe ihrer Kraft bewusst geworden, hatten nicht Lust, sich länger wie Unmündige regieren zu lassem um so weniger, als die Geschlechter ihren ererbten Einfluss in der schmählichsten Weise missbrauchten.

Daher sind die nächsten zwei Jahrhunderte durch das Ringen der Handwerker nach Antheil in der Stadtverwaltung, die sog. Zunfkämpfe, ausgefüllt, deren Ergebniss eine Verfassung war, die mehr als dreihundert Jahre gedauert hat. Waren die Handwerker zu markt- und gewerbepolizeilichen Zwecken schon längst geeinigt, so erhielten sie seit 1263 auch magistri aus ihren eigenen Kreisen. Aus dem Recht der einzelnen Handwerke auf Gerichtsbarkeit in ihren speciellen Gewerbesachen ist langsam der geschlossene Zunftverband hervorgewachsen. Da im Mittelalter jedes Gericht aber zugleich politischer Berathungskörper war, so bekamen auch die Zünfte neben dem gewerblichen und gerichtlichen einen politischen Charakter. Im Anfang des vierzehnten Jahrhunderts werden durch sie alle öffentlichen Dienste und Steuern in ihrem Bereiche umgelegt. Die Schöffen, welche aus ihnen zu den Zunftgerichten herangezogen werden, erhalten allmählich den Rang einer festen Institution; ihre Zahl fixirt sich auf im ganzen 300, fünfzehn aus jeder der zwanzig Zünfte.

Stadt Strassburg

Abbildungen Stadtansichten

MEMHARDT UND NERING / UM 1640-96/

Zwar sind die umfangreichen Schloßbauten des Großen Kurfürsten bis auf einige Überreste verschwunden oder in späteren Umbauten aufgegangen, aber ein Überblick darüber ist notwendig, weil sie die Grundlagen für die spätere Entwicklung bilden. Das Berliner Residenzschloß mit seiner unregelmäßigen, vom 15. bis zum Ende des 16. Jahrhunderts entstandenen Gruppe von Bauten längs der Spree und den zwei großen Höfen nach Westen mußte zunächst nach dem Verfall infolge des Dreißigjährigen Krieges instand gesetzt werden.

Die Oberleitung erhielt im Jahre 1642 der holländische Ingenieur Johann Gregor Memhardt (gest. 1678). Nur ein Neubau kam damals zustande: die Kapelle neben dem „Grüner Hut“ genannten mächtigen Rundturm, dem Überrest der ältesten Burg Friedrichs II. aus dem 15. Jahrhundert (Tafel 1). Die um 1645 entstandene Kapelle, eingeklemmt in einen engen Hof, ist außen schlicht, im Innern aber ist der quadratische, mit flacher Kuppel und durchbrochener Laterne bekrönte Raum aufs reichste und bemerkenswerteste verziert. Die Wände sind durch Pilaster gegliedert — auch in die Ecken sind gebrochene Pilaster eingestellt. In der Mitte sind große Kartuschen mit Knorpelwerkrahmen in der Art von Elefantcnohren und mit üppigen Fruchtgehängen belebt. Die Gewölbe zieren reiche Akanthusranken und selbst die Pilaster sind von stark profilierten Eierstableisten eingefaßt. Diese unter Mcmhardts Oberleitung entstandene Kapelle zeigt in ihrer kubischen Form wie auch im einzelnen der Ornamentik drastisch die Übernahme des holländischen Barockstils. Das Ornament gehört zu jener von Paul von Vianen und Quellinus bestimmten niederländischen Dekorationsweise, in der das Rahmen- und Knorpelwerk der Spätrenaissance mit den Frucht- und Blumenmotiven des Frühbarock sich verschmelzen. Der bisher noch nicht veröffentlichte Raum gehört zu den wichtigsten Denkmälern der Anfänge des Barock in Norddeutschland.

Gleichzeitig mit der Instandsetzung des Schlosses ließ der Große Kurs fürst um 1650 den an der Nordseite des Schlosses gelegenen Lustgarten im holländischen Stil neu anlegen. Er wurde dort, wo heute das alte Museum von Schinkel liegt, durch eine halbrund gebogene Orangerie abgeschlossen, hinter der der Obst- und Gemüsegarten die Spitze der Spreeinsel einnahm. Der mit regelmäßigen Beeten, mit Terrassen und Balustraden gegliederte Lustgarten war reich mit Brunnen und Marmors und Bleistatuen holländischer Künstler besetzt, von denen die Statue des Kurfürsten selbst, ein ausgezeichnetes Werk des QuellinussSchülers Dusart, in der langen Galerie des Berliner Schlosses erhalten ist. In der Ecke des Lustgartens zwischen der Spree und der Orangerie in der Nähe des heutigen Domes errichtete Memhardt im Jahre 1650 ein großes Lusthaus (Tafel 2), das durch einen Arkadengang mit der vors springenden Schloßapotheke verbunden wurde. Das in Backstein mit Sandsteinglicderung erbaute Lusthaus war ein Zentralbau mit zwei Stockwerken: ein großes Mittelquadrat und vier achteckige Räume an den Ecken, hinter den vorderen zwei Treppentürme angelehnt. Unten im Erdgeschoß war eine Grotte mit Muscheln und Korallen und im Obergeschoß ein Saal mit achteckiger Kuppel. Das Äußere hatte durchgehende Pilaster und Fruchtgehänge unter den Fenstern. Von dem mit einer Balustrade versehenen flachen Dach, das die Kuppel umzog, genoß man den Blick über den von Memhardt geschaffenen Lustgarten, der an dem Spreegraben von Baumreihen begrenzt war und von dort weiter über die eben entstandene sechsreihige Lindenallee zum Tiergarten. Auch dieses Lusthaus war ein äußerst charakteristisches Denkmal der holländischen Baukunst auf dem Boden der Mark, eine jener von Paladios Villen abgeleiteten Zentralbauten, wie sie damals Pieter Post und seine Zeitgenossen für die Oranier und die reichen Holländer schufen.

Zwei weitere Zeugnisse in derselben Richtung waren die Lusthäuser von Oranienburg und Bornim, die in den gleichen Jahren entstanden, aber ebenfalls verschwunden sind. Leider ist das von Luise Henriette von Oranien zugleich mit einer Holländerkolonie in der Havelniederung von Memhardt errichtete ursprüngliche Lust- und Jagdschloß Oranienburg nicht einmal in genauen Abbildungen überliefert. Eine allgemeine Vorstellung aber vermittelt uns ein großes Gemälde des späteren 17. Jahrhunderts im alten Waisenhause von Oranienburg, wo Kurfürst und Kurfürstin als Äneas und Dido dargestellt und im Hintergrund Leute mit der Absteckung des Terrains beschäftigt sind. Mitten auf dem Felde erhebt sich das neuerbaute Schloß, wieder ein Zentralbau in Würfelform mit fünf Fensterachsen in drei Stockwerken, mit steilem Dreiecksgiebel und flachem, von vier Ecktürmchen flankiertem Dach, dessen Altan mit Galerie zum Umgang und zur Aufstellung von Orangenbäumen eingerichtet ist. Der einzige Überrest von Luise Henriettens Gründung ist das zugleich mit dem Schlosse entstandene Waisenhaus (Tafel 3), ein langgestreckter zweistöckiger Bau in dunkelrotem Backstein mit steilem Ziegeldach, die Wände durch Pilaster gegliedert und mit Fruchtgehängen aus Stuck in eingetieften Feldern. Also doch wenigstens e i n erhaltenes Beispiel des Außenbaues der früheren holländischen Richtung, deren Raumkunst und Dekoration durch die Kapelle im Berliner Schloß vertreten sind.

Auch das Lustschloß in Bornim bei Potsdam (Tafel 4) war ein würfetförmiger Zentralbau mit einem pilastergegliederten Saal in der Mitte. Mit steilem Dach bekrönt, erhebt sich der viereckige, pilasterbesetzte Baukörper auf einem hohen Sockel, zu dem Rampen, mit Grotten und Tritonen belebt, hinanführten. Der 1661—1675 errichtete Bau war das dritte Zeugnis des holländischen Schloßbaues in der Mark.

Das vierte und umfangreichste Zeugnis ist das Potsdamer Stadtschloß (Tafel 5), das in dem heutigen Umbau wenigstens in den Grundmauern teilweise erhalten ist. Die wald- und wasserreiche Potsdamer Gegend hatte es dem jagdfrohen und naturfreudigen Kurfürsten angetan. An der Stelle des kurfürstlichen Jagdschlosses aus dem 16. Jahrhundert ließ er seit dem Jahre 1660 ein ausgedehntes Residenzschloß erbauen, während das Berliner Residenzschloß in seinem alten Stande verblieb. Das Potsdamer Stadtschloß wurde von dem wallonischen Architekten La Chieze (bis 1673) begonnen, von Memhardt (bis 1676) fortgeführt und von Nering 1682 vollendet. Der Bau hatte einen Haupttrakt nach dem Lustgarten zur Havel hin und zwei lange, nach der Stadt zu rechtwinkelig ansetzende Flügel. In der Mitte des Hauptbaues trat ein fünffenstriger Körper hervor, durch ein allseitig abgeschrägtes, altanbekröntes Dach herausgehoben, vorgelagert eine Rampe, die zu dem hohen, den ganzen Mittelbau einnehmenden rechteckigen Saal hinaufführte. Auch an den Ecken erhoben sich kleinere fünffenstrige Körper in Art von Pavillons, mit abgeschrägten Dächern und mächtigen Kaminen auf der Spitze. Also auch hier die Grundzüge der holländischen Schloßarchitektur: die charakteristische würfelförmige Körpcrbildung der Gebäude, die Vorliebe für knappe Profile, für steile Dächer mit Balustraden und Aufsätzen und im Innern für einen möglichst kubisch geformten Hauptsaal. Der Bau des alten Stadt-Schlosses ist in seinen Grundmauern noch in dem Umbau Friedrichs des Großen erhalten, aber was hat Knobelsdorffs beseelende Meisterhand aus den plumpen Massen geschaffen! Selbst der große Saal ist in der Grundform beibchalten. Er erweckt die Erinnerung an die Oranierresidenz im Busch beim Haag, die das Vorbild für die Schöpfungen des Großen Kurfürsten war, auch heute noch durch die riesigen allegorischen Gemälde, Verherrlichungen des Großen Kurfürsten im Heroengeschmack des Barock von van Thulden, Vaillant und Leygebe, Angehörigen der flämisch-niederländischen Schule, die den großen Saal im Haus im Busch mit Glorifikationen des Oranierhauses schmückte. Sie sind von Friedrich I., der das Schloß vollendete, bestellt worden. Zwischen den Fenstern stehen fünf Marmorstatuen der Oranier von Dusart aus dem Potsdamer Lustgarten, den der Große Kurfürst zwischen dem Stadtschloß und der Havel anlegte.

Von den übrigen in der Umgegend Potsdams entstandenen Lust- und Jagdschlössern des Großen Kurfürsten ist das zu Glienicke bis auf wenige Reste, das zu Fahrland ganz verschwunden, während das von La Chiezc erbaute Schlößchen Caputh auf dem linken Havelufer in seinem späteren Umbau einige ursprüngliche Teile, so einen mit holländischen Fliesen verkleideten, gewölbten Saal bewahrt hat.

Durch einen späteren Umbau ist auch das 1670 errichtete, für die zweite Gemahlin des Großen Kurfürsten Dorothea von Cornelius Rykwarts erbaute Schloß in Schwedt an der Oder verdrängt worden. Dagegen sind von Rykwarts zwei Schloßbauten erhalten, die nicht unmittelbar hierher gehören, nämlich das Schloß des mit einer Oranierin vermählten Fürsten von Anhalt in Oranienbaum bei Dessau und das einfache, in Ziegelrohbau errichtete Rcsidenzschloß des Johanniter-Ordens in Sonnenburg bei Küstrin in der Neumark, das der Vetter des Großen Kurfürsten, der Oranier Johann Mauritz, erbauen ließ. Johann Mauritz von Nassau-Siegen, der Erbauer des berühmten Mauritzhauses im Haag, ist überhaupt als Vermittler des holländischen Geschmacks nach Brandenburg-Preußen wirksam gewesen. So als Statthalter des Großen Kurfürsten durch die Anlage seines Lustgartens in Cleve. In den fünfziger Jahren war er wiederholt in Potsdam und hat den Kurfürsten bei seinen Planungen beraten. In einem Brief an diesen sagt er:

„Nunmehr, da der Kurfürst die adeligen Güter um Potsdam herum an sich gebracht habe, ließ sich das ganze Eiland in ein Paradies verwandeln.“

Zugleich mit den Schlössern hat das Kurfürstenpaar von holländischen Gärtnern, wie Dietrich de Langenaer, Lust- und Obstgärten anpflanzen lassen, die bedeutungsvoll für die Baum- und Blumenzucht in der Mark geworden sind. Aber nur einzelne, mit Eichen und Linden bepflanzte Alleen haben die Zeiten überdauert. Im Berliner Tiergarten sind noch Bestände mächtiger Eichen von den Pflanzungen übrig geblieben. In dem letzten Jahrzehnt seiner Regierung, nachdem der Große Kurfürst gegen die Schweden und Franzosen hohen Kriegsruhm errungen und sein Land durch den Frieden von St. Germain zu einer mitbestimmenden Macht der europäischen Politik erhoben hatte, setzte er den Ausbau seines Residenzschlosses in Berlin fort. Um 1680 wurde im Anschluß an den Lynarschen Querflügel, der die beiden Schloßhöfe trennte, der sogenannte Alabastersaal errichtet, von dem noch die Gesimse und korinthischen Kapitelle in Stuck vorhanden sind. An den Wänden standen lebensgroße Marmorstatuen von vier Kaisern und zwölf Kurfürsten als Heroen im barocken Geschmack, Werke des Holländers Bartholomäus Eggers, die heute im Treppenhaus und oberen Korridor des Schloßmuseums verteilt sind.

An der Spree, angelehnt an das um 1600 entstandene, mit zwei Ecktürmen besetzte Haus der Herzogin, erhob sich seit 1681 der Arkadenbau, heute der Bibliotheksbau genannt, und als Abschluß des Hofes ein rechtwinklig ansetzender Flügel bis zur alten Apotheke. Der Arkadenbau, wahrscheinlich vom Holländer Smids begonnen und von Nering um 1688 vollendet, ist dreigeschossig. Das Erdgeschoß kräftig gefugt mit Rundbogenfenstern, das Hauptgeschoß mit einer ehemals offenen Pfeilerarkade und das Obergeschoß mit schlanken Fenstern. Auf beiden Seiten tritt die Fassade in einachsigen Risaliten leicht vor. Nering schließt sich näher an die italienischen Palastfassaden an als die älteren Holländer aus der Pieter Post-Schule — zur Fassade des Arkadenflügels sollen ihn genuesische Paläste angeregt haben. Aber seine Kunst ist doch durch die Strenge der Behandlung, durch die knappen Profile in ihrer Grundrichtung der gleichzeitigen holländischen verwandt — das zeigten noch deutlicher seine leider untergegangenen Schöpfungen, wie das dem Arkadenflügel sehr verwandte alte Berliner Rathaus, das Palais des Fcldmarschalls Derfflinger am Kölnischen Fischmarkt, das des Geheimrats von Dankeimann, später zum „Fürstenhaus“ gemacht, auf dem Werder von 1685 und das schöne Leipziger Tor von 1683, der alte Marstall und die dorischen Bogenlauben mit Kaufläden am Schloß nach dem Schloßplatz zu (1679—1681). Nicolai bezeichnet denn auch Nering als einen Holländer.

In ausgesprochen holländischen Formen der Zeit ließ sich der Kurprinz Friedrich III. in den Jahren 1681—1685 das Schloß Köpenick an Stelle eines kurfürstlichen Jagdschlosses des 16. Jahrhunderts von dem Niederländer Rütger von Langesfeld erbauen. Dieses stattliche,, im Äußern noch wohlerhaltene Schloß liegt malerisch auf einer Halbinsel an der hier sceartig erweiterten Oberspree. Ein dreistöckiger Bau mit zwei kurzen, nach dem Garten zu vorspringenden Flügeln, der Mittelrisalit mit flachem Scgmentgicbcl bekrönt. Die Anlage und die Einzelheiten — z. B. das Portal von dorischen Halbsäulen eingefaßt und die schlanken Fenster mit ausgeeckten Rahmen — gehören wie der Aufriß der holländischen Richtung des Dankerts und Vinkboons an. Im Inneren, das zu einem Lehrerseminar eingerichtet ist, sind einige Stuckdecken mit Akanthusranken im großen Rittersaal und anderen Räumen erhalten. Ein charakteristisches Beispiel dieser Vorschlüterschen Stuckdekoration bietet die im Garten gelegene, von Nering erbaute rechteckige Kapelle mit dreiseitigem Chorschluß und flacher Wölbung.

Nach der Thronbesteigung Friedrichs III. 1688 hat Nering als Baudirektor bis zu seinem Tode 1695 das Bauwesen am Hofe weiter beherrscht. Seine Hauptschöpfung aus dieser späteren Zeit ist das Schloß Oranienburg, das Friedrich III. um 1690 an Stelle der Lieblingsschöpfung seiner oranischen Mutter größer und stattlicher erbauen ließ (Tafel 6). Das im Äußeren gut erhaltene Schloß besteht aus einem Hauptbau, dessen Mittelteil durch Pilaster und Statuenattika hervorgehoben ist, und zwei nach rückwärts rechtwinklig ansetzenden Flügeln, die in hohen gegliederten Pavillons abschließen, zwischen den Pavillons läuft eine Arkadenmauer als Abschluß des viereckigen Hofes. Das Innere, gleichfalls zum Lehrerseminar eingerichtet, ist bis auf einige Räume im Obergeschoß verändert. Darunter ist ein großer, mit freistehenden Säulen gegliederter Saal, mit einem Deckengemälde, Sophie Charlotte, die Gemahlin Friedrichs III., als Schirmherrin der Porzellankunst verherrlichcnd, von Terwesten. Dieser Saal war früher mit chinesischem Porzellan ausgestattet. Als der neugekrönte König von Königsberg nach Berlin zurückkehrte, empfing ihn vor dem Schlosse ein mit chinesischem Porzellan geschmückter Triumphbogen. Links vom Schlosse springt ein von Eosander hinzugefügter Flügel vor und daneben führt ein schönes, offenbar von Nering herrührendes Portal in den ehemals so berühmten, nun völlig verwilderten Garten mit Orangeriegebäude am linken Rande. Für die Königin Sophie Charlotte begann Nering kurz vor seinem Tode das Schloß in Lietzenburg, jenseits des Tiergartens, das nach der Gründerin den Namen Charlottenburg erhielt und alsbald durch eine breite Allee in der Fortsetzung der Linden mit dem Berliner Schloß in Verbindung gesetzt wurde. Es war nur eine zweistöckige Villa mit dreiachsigem Mittelrisalit, dessen große Öffnungen halbbogig schlossen, im Erdgeschoß gefugt und im Obergeschoß mit Pilastern gegliedert. Also eine jener Villen mit verhältnismäßig kurzem Baukörper, die im späteren 17. Jahrhundert in Deutschland wiederholt begegnen, wofür der Mittelbau des Schlosses Nymphenburg und das Palais im neuen Garten bei Dresden die bekanntesten Zeugnisse sind. Der Mittelbau ist bald darauf von Eosander mit Kuppel und Flügeln erweitert worden, wovon später. Ähnlich und noch ziemlich im ursprünglichen Zustande ist das von Friedrich III. gleichzeitig erbaute Lustschloß in Niederschönhausen im Norden von Berlin, in einem von uralten Eichen bestandenen, von der Panke durchflossenen Hain gelegen. Auch hier ist die Mitte des verhältnismäßig kurzen Gebäudes durch einen Mittelrisalit betont, der im gequaderfen Erdgeschoß drei Rundbogentüren und drei große Rundbogenfenster im Hauptgeschoß zeigt. Beide Schlösser verband Friedrich III. durch einen von der Panke zur Spree führenden Graben, um auf festlich geschmückten Booten zwischen ihnen verkehren zu können.

Die späteren Neringschen Bauten bezeugen eine Zunahme in der Belebung der Gliederungen. Pilaster, Fensterverdachungen, Rahmen, Konsolengesimse und eingetiefte Nischen — besonders an den Pavillons in Oranienburg — sowie die Profilierung aller andern Einzelheiten gehen doch über die kahle Nüchternheit der Memhardtschen Epoche hinaus. Aber die Grundtendenz ist bis zuletzt die auf Palladio aufgebaute Formenstrenge.

Die Innendekoration der brandenburgischen Schlösser unter dem Großen Kurfürsten, die in der Kapelle des Berliner Schlosses zuerst begegnet ist, läßt sich leider nur noch in einer Reihe von Stuckdecken im Berliner Schloß, in den Neubauten an der Spree, in einem Raum des Potsdamer Stadtschlosses und in Köpenick studieren. Vorherrschend sind krause Akanthusranken zwischen gebrochenen Rahmen —- jene von Holland durch ganz Niederdcutschland gehende Dekoration, die im letzten Viertel des 17. Jahrhunderts durch zunehmende Plastik, durch Belebung mit Putten, Trophäen, Kartuschenrahmen und dergleichen bereichert wird. Für dieses spätere Stadium haben wir glücklicherweise in der Kapelle in Köpenick und in der Wohnung, die sich Friedrich III. gleich nach seiner Thronbesteigung in dem Spreeflügel eingerichtet hat, charakteristische Beispiele. Die Wohnung Friedrichs III. enthält in den kleineren Wohnräumen Decken mit goldenen Akanthusranken und Sonnenblumen als Umrahmungen von allegorischen Gemälden und in dem Schlafzimmer des Kurfürsten, der sogenannten Brautkammer, sowie in dem großen Wohnzimmer große Kartuschen mit Trophäen, beides Dekorationen, die noch die holländische Tradition festhalten, wie denn auch in den eingelegten Fußböden und den Nußholzmöbeln dieser Räume holländische Elemente sichtbar werden. Die Deckenbilder sind von den Niederländern Vaillant und Langerfeld, die Wandverkleidungen teils dunkle genuesische Samte, in der Brautkammer reich gestickt und appliziert. Das chinesische Kabinett mit flachgeschnittener und bemalter Lackvertäfclung und ebenso die anstoßende Porzellangalerie haben reiche Stuckdecken mit krausen Akanthusranken und Putten, die dem Hofbildhauer Döbler zuzuschreiben sind und ein charakteristisches, von der holländischen Tradition abweichendes deutsches Gepräge tragen (Tafel 7). Auf die wichtigen Einzelheiten dieser Räume müssen wir uns versagen einzugehen. Eine Reihe von chinesischen Lackschränken und Porzellanen der Kanghizeit mit kraftvollen Schmelzfarben oder Unterglasurblau gehören noch der alten Ausstattung an- Der Große Kurfürst hat bereits über Holland China importieren lassen. Er hat auch der Delfter Fayence sein Interesse geschenkt — zwei wundervole Fliesengemälde mit Blumensträußen und Vögeln aus der Fabrik von Freytom haben sich im Schlosse erhalten. Wenige Jahre vor seinem Tode hat er einen Delfter Fayencebäcker van der Lee nach Berlin gezogen, der hier den Grund zu einer um 1700 erblühenden Fayenceindustrie gelegt hat, von deren Erzeugnissen auch die Ausstattung der Schlösser profitiert hat.

An den Decken der Räume Kurfürst Friedrichs III. aus diesen Jahren begegnet wiederholt die Devise des Kurfürsten, umrahmt von dem Hosenbandorden. Dieser Hinweis ist uns willkommen als weltgeschichtliche Erinnnerung. Der Kurfürst hatte den Orden von seinem Vetter Wilhelm III. von Oranien erhalten zum Dank hauptsächlich für die Unterstützung, die er ihm bei der Erlangung des englischen Königsthrones im Jahre 1689 gewährt hatte. Ein Beweis zugleich, wie lange die während des Dreißigjährigen Krieges geknüpften Beziehungen der Häuser Brandenburg und Oranien bestanden haben, die für die Geschichte der brandenburgisch-preußischen Schlösser bis zum Auftreten Schlüters so bedeutsam sind.

Text aus dem Buch: Preussische Königsschlösser, Verfasser: HERMANN SCHMITZ.

Siehe auch:
Preussische Königsschlösser – Vorwort
Bedeutung und Charakter der Preusischen Königsschlösser
Geschichtlicher Überblick über die Preussischen Königsschlösser

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Preussische Königsschlösser

Der Große Kurfürst, Friedrich Wilhelm von Brandenburg (1640—1688), der die Mark aus den Trümmern des Dreißigjährigen Krieges neuaufgebaut und durch seine Politik den Grund zur Macht der brandenburgisch-preußischen Monarchie legte, schuf auch die Grundlagen für die neuere Entwicklung der Schlösser seines Hauses.

Der Große Kurfürst fand bereits von seinen Vorfahren her eine Reihe von Schlössern vor, unter denen das Berliner Schloß in der Ausdehnung wenigstens sogar dem heutigen gleichkam. Das unter dem zweiten brandenburgischen Kurfürsten aus dem Hohenzollernhause, Friedrich II. Eisenzahn, als Zwingburg gegen die Städte Berlin und Köln an der Spree errichtete Schloß war durch den Kurfürsten Joachim II. in der Mitte des 16. Jahrhunderts beträchtlich erweitert worden mit zwei großen rechteckigen Höfen im heutigen Umfang, nach dem Schloßplatz zu mit einem stattlichen dreistöckigen Giebelbau und mit niedrigen Altanbauten um den äußeren Hof. An der Spree fügte der Nachfolger Johann Georg das Haus der Herzogin und die Apotheke hinzu, beide heute noch erhalten und mit ihren Rollwerkgiebeln die Herkunft der Baumeister aus dem Kreise der sächsischen Renaissance bekundend, dem auch der Schöpfer des Schlosses Joachims II., Kaspar Theiß, und der noch erhaltencn spätgotischen Kapelle neben dem grünen Huf angehörten. Auf der Ecke des äußeren Schloßhofes entstand der sogenannte Münztürm, mit einem Wasserwerk zur Bewässerung des zugleich entstandenen Lustgartens zwischen dem Schloß und den beiden Spreearmen. Außerdem erbte der Große Kurfürst die Jagdschlösscr Grunewald, wieder eine Schöpfung Joachims II., heute noch erhalten und vom Tiergarten aus durch den so berühmt gewordenen „Kurfürstendamm“ erreichbar, dann Köpenick, Potsdam und Bötzow, das heutige Oranienburg, die aber in den späteren Umbauten aufgegangen sind. Die meist schmucklosen, enggebauten, durch äußere Treppentürme zugänglichen, mit steilen Dächern und Rollwerkgiebeln bekrönten Bauten der Renaissance konnten unmöglich dem lange Jahre hindurch am oranischen Hofe im Geiste der neuen Zeit, des Barock, erzogenen Kurfürsten Friedrich Wilhelm und seiner von dort her mitgebrachten Gemahlin Luise Henriette von Oranien Genüge tun.

Bald nach seiner Thronbesteigung und vor allem nach Beendigung des Dreißigjährigen Krieges berief der Kurfürst mehrere holländische Architekten, Bildhauer, Maler, Kunsthandwerker und Gärtner und begann in Berlin und Potsdam und der Umgegend eine Reihe von Schloßgebäuden, Lustschlössern und Gärten im neuesten holländischen Geschmack zu errichten. An der Spitze dieser Künstlerkolonie standen Johann Gregor Memhardt, Festungsingenieur und Architekt, der Wasserbau- und Schleusenbaumeister M. Smids, denen sich noch der Ingenieur Rykwaerts hinzugesellte. Gegen Ende der Regierung des Großen Kurfürsten wurde Nering der Oberleiter des Bauwesens, auch er ein Vertreter der holländisch-paladianischen Richtung, die durch Memhardt eingeführt worden war und als Nachfolger Memhardts dessen Fortsetzer im Ausbau der neuregulierten und um mehrere Stadtviertel links der Spree erweiterten Residenz. Er blieb auch als Oberbaudirektor unter dem Nachfolger des Großen Kurfürsten, Friedrichs IIL, bis zu seinem Tode 1695 der wichtigste Baumeister der Schlösser. Nur weniges ist aus dieser fünfzigjährigen Epoche erhalten, darunter aus der Spätzeit der Bibliotheksflügel des Berliner Schlosses, das von dem Niederländer Rütger von Langerfeld für Friedrich III. als Kurprinzen 1681 erbaute stattliche Schloß Köpenick an der Oberspree und der von Nering für Friedrich III. ausgeführte Bau des Schlosses Oranienburg in seinen Hauptteilen. Von Innenräumen dieser älteren durch den holländischen Geschmack bestimmten Barockrichtung sind die Kapelle des Großen Kurfürsten im Schloß und die Wohnung Friedrichs III. um 1690 im Berliner Schloß wie einiges in Köpenick zu nennen. Der prunkliebende und großzügige, nach sichtbarem Ausdruck königlicher Machtfülle strebende Friedrich III. als König Friedrich I. (1688— 1713) und seine Gemahlin Sophie Charlotte aus dem Hause Hannover, die Freundin ihres Landsmannes Leibniz, konnten sich auf die Dauer mit dem schlichten holländischen Barockstil nicht begnügen. Namentlich als in den letzten Jahren des 17. Jahrhunderts die Erhebung des Kurhauses zur Königswürde in greifbare Nähe trat, erwachte in dem Fürsten die Begierde, ein den glanzvollsten Palastbauten der europäischen Fürstenhöfe ebenbürtiges Residenzschloß zu errichten. In dem im italienischen Künstlerkreise des Polenkönigs Johann Sobieski in Warschau geschulten Hamburger Andreas Schlüter fand der Kurfürst einen Meister, der zur Gestaltung dieses großen Baugedankens wie kaum ein zweiter berufen war. Mit seinen Schöpfungen zieht der römische Barok, die Richtung Berninis und Pietro da Cortonas in die Mark ein und, befruchtet und bereichert durch Gedanken der Pariser Kunst unter Ludwig XIV., entfaltet er sich an den Ufern der Spree zu einer späten herrlichen Blüte. Nachdem der als Bildhauer und als Archiv tekt überragende Schlüter auf der Höhe seines Ruhmes durch den Einsturz des großartig geplanten Ausbaues des Münzturmes am Berliner Schloß im Jahre 1707 seine Stellung als Schloßbaudirektor eingebüßt, übernahm sein Rivale Eosander von Goethe, ein geborener Schwede, die Verdoppelung des Schlosses. Er erweiterte auch für Sophie Charlotte das von Nering begonnene Schloß in Charlottenburg und begann das kleine Lustschloß in Monbijou für den allmächtigen Minister Wartenberg und vielleicht Niederschönhausen für den König. Eosander, als Innendekorateur hinter Schlüter kaum zurückstehend, neigt in dem Äußeren seiner Bauten und dem Inneren teilweise stärker der akademischen Pariser Geschmacksrichtung zu, die in Berlin damals durch Jean de Bodt, einen Schüler des älteren Blondei, mit dem Zeughaus und dem Marktportal am Potsdamer Stadtschloß Fuß gefaßt hatte. Nach dem Tode Friedrichs I. verließen die beiden Schöpfer des Schlosses Schlüter und Eosander mit vielen anderen Künstlern und Handwerkern Berlin, Schlüter ging an den Hof Peters des Großen und Eosander an den Augusts des Starken nach Dresden, wo später auch de Bodt und sein mit ihm nach Berlin gekommener Freund Longuelune einen Wirkungskreis fanden.

Durch die einschneidenden, aber infolge die Schuldenlast seines Vaters notwendig gewordenen Sparmaßnahmen des Soldatenkönigs Friedrich Wilhelms I. (1713—1740) ist der großartige Betrieb im Schloßbauwesen des preußischen Hofes stark beschränkt worden. Aber die Berliner Schloßbauschule hat doch keine eigentliche Unterbrechung erfahren. Unter dem neuen König ist durch Schlüters Schüler Böhme in

genauem Anschluß an Schlüters Formen das Berliner Schloß durch den Flügel am Schloßplatz im Jahre 1716 vollendet worden. Für den Vetter des Königs, den Markgrafen von Schwedt, einer durch die zweite Gemahlin des Großen Kurfürsten begründeten Nebenlinie des Königshauses, erbauten in den folgenden Jahren Böhme und Dietrichs das stattliche, wenigstens im Äußeren wohlerhaltene Schloß in Schwedt und in und bei Berlin schufen diese und andere Baumeister eine Reihe von Palästen und Schlössern für die Prinzen und aus dem Adel hervorgegangenen hohen Staatsbeamten. Neben Dietrichs, dem Schöpfer des Prinzessinnenpalais, ist der Oberbaudirektor Gerlach, unter dem die Friedrichstadt bis zur Wilhelmstraße ausgebaut wurde, der hervorragendste Vertreter der Schloßbauarchitektur unter Friedrich Wilhelm I. Die Richtung der französischen Akademie, die durch de Bodt — bis 1728 Festungskommandant von Wesel — eingeführt worden war, ist in der hufeisenförmigen Anlage der meisten Schlösser, in der symmetrischen Gruppierung der Zimmer um die Mitte und im Aufriß und in der Mansarddachbildung zur Vorherrschaft gelangt, während in den herrlichen Turmbauten der zahlreichen Kirchen des Soldatcnkönigs teilweise Gedanken der Schlüterschen Münzturmprojekte fortleben und in einigen Jagd- und Lusthäusern des Königs in Backsteinrohbau bezeichnenderweise das holländische Element wieder zutage tritt. Dagegen hatte die Königin Sophie Dorothea aus dem Hause Hannover, eine Schwester Georgs I. von England, ihr Schlößchen Monbijou, das sie 1710 von Friedrich I. zum Geschenk erhalten hatte, dem feineren Geschmack der Regence eröffnet. Sic legte die ersten Keime zu der künstlerischen Empfindung ihres Sohnes Friedrich.

Friedrich der Große (1740—1786) hatte bereits als Kronprinz seit 1735 in dem Schloßbau und Park von Rheinsberg zusammen mit seinem Freunde Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff die Bahnen einer neuen Kunstrichtung betreten, die aus dem Barock in das Rokoko hinüber führte. In den ersten Jahren nach seiner Thronbesteigung schuf der König mit Knobelsdorff den Ostflügel des Charlottenburger Schlosses, in dem sich der Rokokostil voll entfaltet zeigt, zwischen 1745 und 1750 entstehen die Schöpfungen des Potsdamer Stadtschlosses mit seiner Umgebung und die von Sanssouci. Stellt Schlüters Werk den Höhepunkt des Barock vor Augen, so erscheint hier das Rokoko in seinem höchsten Glanz. Durch Knobclsdorffs Reise nach Paris und durch den dekorativen Bildhauer Joh. Aug. Nahl, wie auch durch Friedrichs Leidenschaft für die französische Malerei und Skulptur ist das französische Moment jetzt von der gleichen richtunggebenden Bedeutung wie das römische unter Schlüter. Nur einzelne bemerkenswerte Fäden laufen in der Berliner Bautradition von Schlüter bis zu Knobelsdorff hin. Es sind namentlich die ausführenden Architekten der Knobclsdorffschcn Bauten, die die Tradition des Berliner Barock in die Zeit des Rokoko hinüberführen. Die Gartenkunst, die unter Friedrich Wilhelm I. fast ganz militärischen und landwirtschaftlichen Zwecken geopfert worden war, belebt sich von neuem: Lustgärten mit Bassins, Grotten und Lauben erstehen und bevölkern sich wie die Attiken der Gebäude mit Scharen von Göttern und Musen aus Marmor, Stein und Blei.

Nach dem Siebenjährigen Kriege hat die Bautätigkeit des großen Königs eher zu als abgenommen. Von den Schloßbauten zeugen dafür die Riesenanlage des Neuen Palais mit den „Kommuns“ und der Umgebung in dem erweiterten Park von Sanssouci. Die führenden Baumeister sind jetzt Gontard und Ungcr aus Bayreuth, die bereits den französischen Frühklassizismus vertreten. In der Innendekoration hält der alte König länger am Rokokostile fest. Erst in den letzten Dekorationen des neuen Palais im Obergeschoß und vereinzelt in den neuen Kammern bei Sanssouci gewinnt der Louisseizegeschmack Eingang. Ein eifriger Förderer des neuen war der Bruder des Königs Prinz Heinrich, der bald nach dem Siebenjährigen Kriege das Rheinsberger Schloß neu ausstattete und auch in Berlin durch den großen Saal seines dortigen Palais, der heutigen Universität, den klassizistischen Formen Vorschub leistete. Mit dem von dem Prinzen Ferdinand, dem zweiten Bruder des großen Königs, erbauten Schloß Bellevue entstand kurz vor dem Tode Friedrichs ein Bau ganz in den neuen Formen, die zuerst durch Erdmannsdorff in Dessau in Norddcutschland ihr Gepräge erhalten hatten.

Mit der Thronbesteigung Friedrich Wilhelms II. (1786—1797) setzt die Blütezeit des Berliner Frühklassizismus ein, unmittelbar durch den von Dessau zur Einrichtung der Königskammern berufenen Erdmannnsdorff gefördert. Der führende Architekt als Schloßbaumeister ist jetzt Karl Gotthard Langhans, berühmt als Erbauer des Brandenburger Tores, der Schöpfer zahlreicher schöner Schloßt und Parkgebäude und einer der glänzendsten Innendekorateure des Frühklassizismus. Einzelne Schöpfungen David Gillys, Ludwig Catels und Heinrich Gentz’ für Friedrich Wilhelm III. bilden den Abschluß dieser Gruppe von Bauten, deren späteste bereits in die Zeit der Niederwerfung Preußens durch Napoleon fallen.

Nach den Freiheitskriegen beginnt unter Schinkels Oberleitung die letzte Epoche in der Geschichte der preußischen Königsschlösser, die mit Friedrich Wilhelm IV. ein Jahrzehnt nach der Revolution von 1848 ihr Ende erreicht.

Text aus dem Buch: Preussische Königsschlösser, Verfasser: HERMANN SCHMITZ.

Siehe auch:
Preussische Königsschlösser – Vorwort
Bedeutung und Charakter der Preusischen Königsschlösser

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Preussische Königsschlösser