Randzeichnungen in einem gedruckten Exemplare des Encomium Moriae von Erasmus, das zu Ende des Jahres 1514 in der Frobenschen Druckerei zu Basel erschien, gelten als die frühesten Zeichnungen des jungen Holbein. Das also mit Buchschmuck ausgezeichnete Exemplar scheint vom Verleger zur Dedikation an den Autor bestimmt gewesen zu sein. Es kam aber an einen Freund des großen Gelehrten, an Oswald Myconius, der es zum Gebrauch für die Vorlesung mit Randglossen versah, gelangte später an den Stadtschreiber Daniel Wieland zu Mühhausen und wurde im Jahre 1578 durch den Maler Jakob Klauser aus dessen Besitz für Basilius Amerbach erworben.

Holbein hat nur einen Teil der Zeichnungen gemacht, zwar den größeren, aber es lassen sich außer ihm noch mehrere Hände feststellen, so daß die Vermutung nahe liegt, Froben habe den ganzen Stab von Künstlern, der für seine Druckerei arbeitete, zur Illustration dieses Buches beigezogen. Holbeins scharfer Federstrich unterscheidet sich deutlich von der Manier der übrigen Zeichner, auch von der Hand seines Bruders Ambrosius, der allerdings, beim gleichen Meister geschult, in einer ähnlichen Technik arbeitet und in einzelnen, gut gelungenen Zeichnungen sehr nahe an ihn herankommt. Hans Holbein führt die Feder wie einen Grabstichel und die Qualität seiner Illustrationen ist von gediegener Gleichmäßigkeit. Die übrigen Künstler gehören in den Kreis des Urs Graf; sie sind gröber in Erfindung und Ausführung als die beiden Brüder.

Die hübsche Zeichnung mit der inbrünstig betenden Matrone ist durch die geschlossene Bildwirkung beachtenswert. Holbein hat den zur Verfügung stehenden Raum meisterlich ausgenützt und durch eine geschickte Vertiefung der Architektur einen jener dunklen, vom Scheine flackernder Kerzen spärlich erleuchteten Kirchenwinkel geschildert, in denen die abergläubige Verehrung der Heiligenbilder am tiefsten wurzelt.

Siehe auch:
Hans Holbein der Jüngere-Der abergläubige Bilderkultus

Hans Holbein der jüngere Kunstdrucke