Schlagwort: Blutrache

Erziehung ohne Prügelstrafe bei heroischen Völkern. — Aelteste Strafe, Kastration als älteste Strafe — Von der Beschneidung — Kastratäonskomplex und Straffälligkeit. — Angst — Schuldgefühl — Ambivalenz. — Zwang als Bedingung der Kultur-Zivilisation. — Erziehung durch Dressur als Schutz vor Gefahren. — Sexuelle Wirkung der Körperstrafe — Trotzphase — Das Wesen der Unart. — Unart der Eltern. — Michael Kohlhaas. — Was Rosegger erzählt — Vom strafenden Erzieher. — Reaktionen auf das Zusehen beim Strafen. — Der Intellekt als Helfer beim Fortschritt der Menschheit.

Nach Mitteilungen von Brakens zählt ein Ethnologe zweiunddreissig Naturvölker auf, deren Kinder ohne Prügel erzogen werden. Sie weisen ausgezeichnete Erziehungsresultate auf. Wohl sind die Erziehungsziele jener Völker andere wie unsere, aber charakterlich können sie sich ausgezeichnet mit den Kulturmenschen messen. Die grönländischen Eskimos hängen, wie durch Nansen erwiesen, mit einer besonderen Liebe an ihren Kindern, sie halten jede Züchtigung für unmenschlich. Auch das harte Wort ist verpönt. Nansen erzählt:

«Obwohl ich in vielen Eskimohäusern der Westküste verkehrt habe, ist mir nur ein einziges Mal eine ungezogene Eskimorange begegnet, und das war in einer mehr europäischen als grönländischen Familie. Wenn die Kinder grösser und verständiger waren, genügte stets eine freundliche Aufforderung seitens des Vaters oder seitens der Mutter, damit sie unterliessen, wozu sie keine Erlaubnis hatten. Nie habe ich Eskimokinder, sei es im Haus oder im Freien, sich erzürnen, schimpfen oder gar schlagen sehen. Ich habe ihnen oft beim Spielen zugeschaut, auch oft genug mit ihnen Fussball (ein eigenes, von ihnen selbst erfundenes, dem englischen Football ähnliches Spiel) gespielt, und dabei haben, wie bekannt, Knaben oft genug Grund zum Zanken: aber nie sah ich einen heftig werden, ja, ich sah nicht einmal ein unfreundliches Gesicht. Wie könnte das in Europa Vorkommen?»

Auf ihre Erziehungsmethoden gehen wir später noch ein. Auch von einzelnen Indianerstämmen wissen wir ähnliches. Bei den Melanesiern mit mutterrechtlicher Organisation schildert Malinowsky, dass Kinder zurückhaltend und vorsichtig erzogen werden, die Prügelstrafe Spielt keine Rolle.

Nicht wenige Völker, bei denen die Körperstrafe verpönt ist, haben aber andere, ältere Erziehungseinrichtungen oder hygienische Massnahmen gewaltsamer Natur, vor allem jene Urstrafe der Menschheit, die Kastration und deren Abschwächung in der sakralen Beschneidung als Weihezeremonie. Andere Pubertätsriten sind als sühnender und reinigender Akt auf der Seite der Jugend aufzufassen und als feindselige Aktion der Stammesväter gegen die heranwachsenden Söhne, deren unbewusste In-zestgelüste vorbeugend geschwächt und gebändigt werden sollen. Die Straffunktion der echten Kastration ist deutlich sichtbar bei den Skopzen in Russland, die in sakraler Angst vor ihren eigenen Trieben sich vorbeugend bestrafen. Die Ambivalenz der menschlichen Natur erklärt, dass die Beschneidung zum — oft unbewussten — Strafmittel wird und dadurch im Bewusstsein Anlass zu einer grossartigen Hebung des Ichge-fiihls gibt. Aber auch ihre Unterlassung kann ein Strafmittel stärkster Wirkung werden. Bryk berichtet über eine Mitteilung eines Forschers:

«Der Ritus der Beschneidung wird von der Seite der Xosa-Kaffern und Fingos als eine der wichtigsten in ihrem Leben angesehen, der auf ihre soziale Stellung von grösstem Einfluss und von weitgehender Tragweite und Bedeutung ist. Wer sich nicht beschneiden lässt, wird sein ganzes Leben lang als Knabe angesehen und nicht nur von Männern, sondern auch von den Mädchen verlacht und verspottet, er wird gewissermassen als Zivil-Toter betrachtet und geht aller Ehren verlustig, darf keiner Versammlung beiwohnen, man nimmt keinen Rat von ihm an — lauter Nachteile und Strafen, die für einen Kaffer einfach ganz entsetzlich und furchtbar sind. Endlich kann ein Unbeschnittener nicht heiraten.»

Diese und zahlreiche Beobachtungen lassen verstehen, dass der in der heutigen Psychologie bedeutsame Begriff «Kastrationskomplex» (Freud) auch erzieherisch wichtig ist. Die Straffälligkeit von Kindern wird durch schwere Bedrohungen, man schneide ihnen einen Körperteil ab, wenn sie irgend eine Unart nicht unterlassen, zu einer schweren Angstreaktion und Verletzung der normalen Ich- und Gewissensstruktur gesteigert. Das uralte Erbgut der Menschheit, die Sexualangst, wird überstark und verhindert die normale Wirkung der Erziehungsmittel. Homburger, einer der erfahrensten Heilpädagogen, sah unter dieser Schädigung oft das abnorme Anwachsen eines krankhaften Interesses für den eigenen Körper und die verfrühte Ausprägung sexueller Triebhaftigkeit in den ersten Kinderjahren.

Die Erziehung konnte oder könnte wenigstens auf die Prügelstrafe verzichten, wenn in der betreffenden sozialen Gemeinschaft die wichtigsten Einrichtungen und Einstellungen durch Glaube und Gesinnung Aller gesichert erscheinen. Vorher wurde und wird überall durch Gewaltmassnahmen künstlich — oder besser, entsprechend der Menschennatur, natürlich — Angst erzeugt, um den Einzelnen nach den Gesetzen seines Stammes (Standes, Volkes, Staates) zu erziehen und den Stamm (usw.) zur Wahrung seiner Gesetze.

Die Ambivalenz des Kindes bringt es mit sich, dass der Erwachsene meint, von zweien die eine Neigung, die ihm nicht passt, autoritativ unterdrücken zu sollen. Dies gelingt recht gut durch Strafe und durch Angst, unter deren Einfluss eben das Kind sich zu einem «brav gemachten Wilden» entwickelt. Wo aber solche Angsterregungen als Motive wirken, entsteht beim Kinde zwanghaftes Ausweichen in der einen Richtung und zwanghaftes Festhalten an der anderen, der Wille ist innerlich zerrissen und unsicher, aber äusserlich fest. Da das Kind mancherlei Schuldgefühle in sich trägt, so passt es sich der strafenden Erziehung so leicht an, dass es auch, wenn später eine möglichst wenig autoritative Erziehung einsetzt, die alten Schuldgefühle weiter stark spürt und sich, ohne zu wissen weshalb, nach der Erziehung unter Strafe und nach autoritativer Gewalt zurücksehnt. Die autoritative Erziehung gleicht in manchem der Dressur des wilden Tieres. Sie muss einen gewissen Grad von Schreckhaftigkeit beim Kinde pflegen.

Strafen und Erziehen

Erziehungsgruppen als Strafraum. — Der sakrale Ursprung. — Das Talion. — Wandlung der Strafe und ihrer Motive. — Verschiedene Formen der sakralen Strafe und Beginn der Justiz. — Die Blutrache. — Humanisierung der Strafe. — Fluch als Strafmethode. — Das Denken der Primitiven und das Unbewusste. — Dämonologie der Strafe und göttliches Strafgericht. — Der Henker als Magier.

Gemeinschaft als Lebensform bedeutet eine innere und äussere soziale Verbundenheit der Individuen als Träger persönlicher und überpersönlicher Strebungen. In der Gemeinschaft spielt die Erziehungspaargruppe eine bedeutsame Rolle: Erwachsener und Kind, Lehrer und Schüler, Mann und Frau, Staat und Bürger erziehen einander absichtlich und unabsichtlich. Hierbei wirken sich Impulse und Ueberlegungen aus mit dem Ziel der Selbst- und Fremdhilfe. Verstösse oder Vergehen werden gerächt oder bestraft, die Gefahr ihrer Wiederholung soll dadurch vermindert oder unmöglich gemacht werden. Bevor Belohnen und Bestrafen zu Erziehungsmitteln wurden, musste jene Epoche überwunden sein, in der nicht eigentlich erzogen wurde, sondern die Kinder aus Instinkt und Not sich den Erwachsenen assimilierten.

Um die Frage zu verstehen, wie Strafe überhaupt zum Erziehungsmittel wurde, spüren wir ihre Urformen auf. Wie rechtfertigt sich das Strafen? Welche Ergebnisse hat das Strafen gezeitigt? Welche Rolle spielen Traditionen und Fortschritt beim Festhalten und Verwerfen dieser uralten, aber auch ganz modernen Einrichtung?

Das Strafen als unbewusster und bewusster Versuch, Menschengruppen oder Individuen methodisch leiden zu machen, um sie zu erziehen, ist uralt, war aber immer gemischt mit anderen Motiven. Historisch gesehen lässt sich eine klare Scheidung zwischen irrationalen und verständlichen Strebungen, zwischen Leidenschaft, Willkür und Nützlichkeitsüberlegung, Magie, Hass, Rache und Nothilfe, Justiz, Religion und Pädagogik nicht vornehmen. Aber eines scheint uns historisch gesichert: Das Modell der Erziehungsstrafe ist geprägt in der Werkstatt der Rache und Vergeltung, der sakralen oder heiligen Handlung, der Feindseligkeit und des Zornes.

Die Erziehungsstrafe hat wie alles Strafen ihren Ursprung nicht im Verstand, sondern im Affekt, im heiligen Zorn, in der sakralen Hilflosigkeit und im «Tremendum Mysterium», im Rausch, in der Ekstase und im Schauer.

Das «Heilige» ist in der Vorgeschichte der Menschheit uralt, Rudolf Otto vor allem wies nach: es ist ursprünglich die dämonische Scheu, das primitive religiöse Gefühl. Die dämonische Scheu durchläuft viele Stufen, bis ihre «verstreuten und verworrenen aufzuckenden Gefühle» zu Religion werden, auch bis sie mit Ethik und Verstand in Fühlung tritt.

Strafen und Erziehen

Ehe die Samoaner unter deutscher Gerichtsbarkeit standen, hatten sie schon ihre eigene Rechtspflege. Diese war natürlich sehr primitiv, da in den meisten Fällen Macht und Stärke vor Recht gingen, und beim Mangel einer höchsten anerkannten Autorität die Streitigkeiten durchschnittlich zwischen den beteiligten Familien zum Austrage kamen, wobei man sehr häuiig zur Blutrache griff.

Allerdings wurden einzelne Verbrechen, wie Mord, Ehebruch, Beraubung von Taropflanzungen in grösserem Stil oder schwere Beschimpfung angesehener Familien oder Häuptlinge, ihrer Schwere wegen vor den Dorfrat, bestehend aus den älteren angesehendsten Männern der Dorfschaft, gebracht und durch diese abgeurteilt. Mord allein wurde mit dem Tode bestraft. Sonst bestand die Strafe meist in Herbeischaffung einiger fetter Schweine und einer bestimmten Anzahl Taro und Yams. Genügte dies dem Kläger nicht, und war er aus angesehener Familie, so konnte diese Strafe noch verschärft werden durch Zerstörung des Hauses und der Pflanzung. Ebenso wurde er in solchem Falle häuiig zum „ifoga“ verurteilt, dem Akte der schwersten Demütigung, der mit grossen Sühnegeschenken an feinen Matten und Schweinen verbunden war.

Noch 1905 erlebten wir ein solches „ifoga“, als übermütige, unbotmässige Häuptlinge mit Gewalt das Gefängnis der kaiserlich deutschen Regierung erbrachen und einen der Ihrigen befreiten. Das „ifoga“ geschieht in der Weise, dass die Schuldigen schon bei Tagesanbruch sich vor das Haus des Beleidigten, in diesem Falle die Residenz des Gouverneurs, begeben, beladen mit Feuerholz und Steinen. Zur Sühne bringen sie feine Matten und Schweine. Feuerholz und Steine sollen bedeuten, dass sie es dem Beleidigten überlassen, sie wie Schweine zu rösten. Diese Demütigung konnte Stunden währen, ehe sie angenommen wurde. Im alten Samoa galt das „ifoga“ für die grösste Schmach. Ob die Samoaner aber auch heute noch, da sie ihren alten Sitten und Gebräuchen immer mehr entfremdet werden, und speziell ob sie so dem Weissen gegenüber empfinden, ist eine grosse Frage. 1905 hat sie wohl die Furcht vor noch schlimmerer Strafe, wie vielleicht die Deportation nach einer fernen Insel, zum „ifoga“ getrieben.

Da die weitaus am häufigsten vorkommenden Vergehen in Diebstählen von Nahrungsmitteln bestanden, so suchte man sein Eigentum durch das „tabu“, samoanisch „sa“, (heilig= verboten) zu schützen. Man empfahl seine Pflanzung oder bestimmte Fruchtbaume einem aïtu (Dämon) also höheren Gewalten, die den Dieb mit Krankheit oder gar Tod treffen sollten. Noch heute gebrauchen die Samoaner dieses „sa“, indem sie die althergebrachten Zeichen an einen Palmbaum oder irgend einen andern Fruchtnaum anbringen. Am häufigsten findet man ein Palmblatt um den Baum geflochten oder zwei aneinandergebundene Kokosnüsse am Stamme aufgehängt, doch sieht man auch noch kleine viereckige Matten und Palmblätter in Fischform geflochten.

Im allgemeinen hat dieses „Verboten machen“ selbst jetzt noch Erfolg, wo die Samoaner ausnahmslos Christen sind, wenigstens äusserlich; denn der Samoaner neigt sehr zum Aberglauben und hat eine unbegrenzte Furcht vor dem rächenden Aïtu.

Else Deeken.

Kolonie und Heimat

Mit besonderer Berücksichtigung der Gegenwart.

„Ihr Betragen gegen die Feinde ist unmenschlich, noch lebend fallen sie über sie her, schneiden sie in Stücken, rösten und verzehren sie. Und doch sind sie gegen Verwandte und Freunde von zärtlichem Gefühl, ihre Religion ist erhaben, ihre Kosmogonie gut, ihre Mythologie edel, ihre Gesänge sind poesievoll. Trotzdem sind sie Kannibalen.“

Als die grossen Erdumsegler den fabelhaften Wundertieren, den Lebermeeren und Magnetbergen durch ihre kühnen Fahrten endgültig ein Ende bereitet hatten, brachten sie nicht minder merkwürdige Kunde über die neuentdeckten Länder und geschauten Völker. Zu diesen in der Heimat teils belächelten, teils übertriebenen Neuheiten zählten auch die Kannibalenvölker, deren Existenz wohl niemand bezweifelte aber auch niemand bisher fest behaupten konnte. Nur verschwommen und sagenhaft war oie Kunde über derartige Menschenfresser gewesen, von denen schon der alte Homer in der Odyssee berichtete.

Als erster Europäer kam der Holländer Abel Tasman auf seinen Fahrten nach den Fidschi-Inseln, einst dem Paradies des Kannibalismus. Seine Berichte über diesen Punkt sind aber recht mangelhaft. Erst Cooks Leibarzt, Anderson, schrieb eingehend und ausführlich über die Kannibalen Neuseelands. Es soll nun in diesen Zeilen weniger eine Aufzählung oder eine blosse Berichterstattung über die betreifenden Zustände gegeben werden als vielmehr ein Versuch, mit Hilfe der vorhandenen Reiseberichte der älteren, neueren und neuesten Zeit durch wissenschaftliche Beleuchtung ein besseres Verständnis dieser merkwürdigen menschlichen Verirrung zu gewinnen.

Rührt die Sitte wohl aus der Zeit her, wo der Urmensch dem Tiere noch ganz nahe stand? Hat sie sich von damals bei den Völkern erhalten, die noch nicht zur Höhe unsrer Kultur gestiegen sind? Undenkbar, denn erstens sind unsre nächsten Verwandten im Tierreich durchweg Pflanzenfresser, und zweitens zeigen die Ursachen des Kannibalismus eine solche Ueberlegung, dass er erst in einer Zeit entstanden sein kann, wo der Mensch schon ein verhältnismässig sehr hohes Denkvermögen erklommen hatte.

Bei den Jäger- und Fischervölkern steht der im höchsten Ansehn, der sich seiner Feinde am besten erwehrt, und wer recht viele von ihnen erschlagen hat, der wird etwa so geehrt wie bei uns jemand, der sich eine hohe gesellschaftliche Stellung erworben hat. Dann ging man einen Schritt weiter. Der erschlagene Feind lag vor dem Naturmenschen. Seine religiösen Vorstellungen waren ein Gebäude von Animismus und Fetischismus, und er musste unbedingt auf den Gedanken kommen: wenn du den Kerl auffrisst, so nimmst du zugleich seine Stärke und alle seine Eigenschaften in dich auf. Von derselben Vorstellung geht der ostafrikanische Neger aus, wenn er vom erlegten Löwen ein Stück vom Herzen, um stark zu werden, vom Auge, um gutes Sehvermögen zu erlangen, und vom Kugeleinschlag isst, um fortan dieselbe Treffsicherheit zu haben.

Diese Erklärung wird von allen Ethnographen anerkannt. Zur zweiten, folgenden Erklärung können wir Beispiele heranholen, die uns allen sehr bekannt sind. Jede Horde, jeder Stamm opferte seinen Spezialgottheiten Früchte oder Tiere. Musste da nicht ein kriegerisches Volk, das aus allen Kämpfen mit den Nachbarn siegreich hervorging, sich sagen: unserm Helfer ist das Beste gut genug! Ergo bringen wir ihm das Beste, nämlich Menschen. Die Speisegesetze ergaben sich dann schon, die werden findige Zauberer schon ausgetüftelt haben.

Agamemnons Tochter Iphigenia sollte den Göttern geopfert werden. Damals standen die Griechen im Bronzezeitalter, waren aber ihren manuellen und technischen Fertigkeiten geistig weit voraus geeilt. Und wenn auch diese Erzählung sagenhaft ist, die uns Homer erzählt, so hat sie doch einen wahren Kern, der in die uralten Veihältnisse zurückreicht, in der Menschenopfer etwas Alltägliches waren. Es sieht ja fest, dass alle indogermanischen Völker Menschenopfer dargebracht haben, die bei den Germanen sogar bis in die Römerzeit hinein üblich waren. Die Semiten kannten sie ebenfalls. Abraham opferte seinen Sohn Isaak. Und die Beschncidung gilt allgemein als das letzte Ueberbleibsel dieser Menschenopfer. Hierher gehören auch die sagenhaften Erzählungen aus dem Mittelalter, Kinder in Brücken oder Schlossmauern einzuschliessen.

Diese kleine Abschweifung zum besseren Verständnis. Der Kulturmensch hat also die Eierschalen seiner Geburt aus dem Naturzustände nicht ganz verloren. Es gibt für den Kannibalismus noch einige weitere Erklärungen, doch folgen diese später. Hier wollen wir die gegebenen Berichte erst einmal auf das Gesagte hin anschcn.

Anderson, Cooks Begleiter und Arzt, schreibt über die Tahitier, sie lägen mit ihren Nachbarn in ewigen Kriegen. Die Erschlagenen würden gleich verzehrt oder heimgeschleppt und geschlachtet unter Abscheulichkeiten, die sich kaum beschreiben Hessen. Cook selbst sagt, dass sie vor dem Angriff auf ein benachbartes Dorf einen Schlachtgesang anstimmen, wobei sie sich bis zur Raserei begeistern.

„Ihr Betragen gegen die Feinde ist unmenschlich, noch lebend fallen sie über sie her, schneiden sie in Stücken, rösten und verzehren sie. Und doch sind sie gegen Verwandte und Freunde von zärtlichem Gefühl, ihre Religion ist erhaben, ihre Kosmogonie gut, ihre Mythologie edel, ihre Gesänge sind poesievoll. Trotzdem sind sie Kannibalen.“

Nach seiner Angabe entstehen diese ewigen Fehden aus Blutrache, die zwischen einzelnen schwebt. Die Schädel und Knochen benutzen sie als Amulette. Hier ist also wohl der Kannibalismus aus einem Rachegefühl entstanden. Man will den Feind beseitigen und sich für immer dienstbar machen. Uebrigens sind die Menschenfresser Cooks die heutigen Maori, echte Polynesier vom malaiopolynesischen Stamm, ausgehend aus Südostasien über den ganzen Stillen Ozean.

Cook hatte auf seiner drittten Reise nach dem Archipel Gelegenheit, sich mit Anderson und dem Maler Weber, einem Schweizer, ein Kannibalenfest auf Tahiti anzusehen. Sie erhielten die Erlaubnis, zum Marai, zum Tempel zu treten, wo alles versammelt war. Die Priester beteten, bedeckten das liegende Opfer mit Kokosblältern, rissen ihm einige Haare aus, stachen ihn das linke Auge aus, reichten es dem Könige, der die Pantomime des Essens machte, es aber den Priestern zurückgab, schlugen den Gefangenen tot und begruben ihn. Dann beteten alle, der Tote
solle ihr Fürsprecher im Himmel sein. Dies ist sicherlich der interessanteste Zug. Später wurde die Leiche ausgegraben und verzehrt. Die Feier heisst Pur-Erich, das Opfer selbst Tata-Tabu, dem Gott geheiligt. Cook sah im Tempel 43 Schädel, die vor wenigen Tagen aufgehängt waren. Hier ist der Kannibalismus aus Religiosität entstanden.

Die nächste Urkunde verdanken wir dem Franzosen Dumont d’Urville vom Jahre 1827. Seine Berichte beruhen aber meist auf Aussagen andrer. Dagegen wurde ein junger Matrose, John Jackson, durch merkwürdige Umstände gezwungen, jahrelang unter den Südseeinsulanern zu leben. Ihm verdanken wir die wertvollsten Berichte. Er nahm selbst teil an Ueberfällen auf benachbarte Dörfer. Nach ihm wurden die Körper mit Zinnober bemalt, von einem eigens dazu bestimmten Fleischzerleger, Tafatamata, mit Muscheln zerteilt und aut Steinen geröstet. Der Häuptling bekam stets die Nasen. Auch wurden die Körper öfters mit Yams-Wurzeln zusammen gekocht. Den Göttern wurden einmal allein zehn. Gefangene geschlachtet. Der Rest wurde gemästet und für später aufgehoben.

Jene Inseln um Australien haben die wildesten Orgien gesehen, die der Kannibalismus je hervorgebracht hat. Eltern frassen ihre Kinder, Brüder ihre Schwestern. Fast immer liegt das Motiv zugrunde, sich die körperlichen und geistigen Fähigkeiten der Person anzueignen. Bei Ueberfällen auf Dörfer wurden die Gefangenen aus obigem Grunde und aus Rachsucht verzehrt. Von einem Häuptling wird erzählt, dass er eines Tags eine seiner Frauen auffrass, weil sie ihn geärgert hatte.

Ein ganz merkwürdiges Motiv des Kannibalismus ist die Liebe. Jones, der Geometer in Südaustralien in den siebziger Jahren war, berichtet eingehend vom „Schmaus der Liebe“. Er erwähnt das Volk der Yuloogoundies. Stirbt hier eine Frau oder ein Mädchen, so versammeln sich die Männer und Jünglinge, zerlegen den Körper, und diejenigen, die eine besondere Zuneigung zu dem weiblichen Wesen gehabt haben, bekommen bestimmte Teile. Dieser „Schmaus der Liebe“ kam nach Schneider noch bei den Sandwichinsulanern, den alten Tibetanern und Kalmücken vor.

Bis um 1800 war der Kannibalismus in Australien und Ozeanien eiwas Alltägliches. Man sollte meinen, dass durch die Besitzergreifung seitens europäischer Völker und die Mission die Menschenfresserei vollkommen ausgerottet sei. Dem ist aber nicht so. Sehen wir uns einmal die dortigen Verhältnisse der letzten Jahrzehnte und der Gegenwart an.

Im Auftrage der holländischen Regierung erforschte der dänische Maler Karl Bock den Südosten Borneos. Seine Schilderungen gelten für heute. Mit dem Häuptling Siban Mobang der Tring-Dajaks hatte er eingehende Unterredungen. Kurz vorher hatte dieser 70 Opfer geschlachtet und deren Gehirne und Hände verspeist. Aber es gibt nicht jeden Tag Menschenfleisch, sondern nur bei Kopfjagden.

Die Kopfjagden oder die Koppensnellen, wie sie die Holländer nennen, sind eine schreckliche Landplage und religiöser Natur. Bei jedem Fest müssen feindliche Köpfe da sein, denn ohne sie ist ein Fest undenkbar. Kein Jüngling darf heiraten, bevor er nicht seiner Liebsten eine Anzahl Köpfe vor die Füsse gelegt, und sich als Orang brani, als tapferer Mann, gezeigt hat. (Karl Bock: „Unter den Kannibalen Borneos“.) Kein Kind kann einen Namen erhalten, bevor nicht feindliche Köpfe herbeigeschafft sind. Stirbt ein Radschah, so müssen soundsoviele Köpfe abgeschnitten werden, die ihm im Jenseits dienen.

Die Kopfjagden gehen nun folgendermassen vor sich. Ist das Bedürfnis nach neuen Köpfen vorhanden, so wird eine Expedition nach einem benachbarten Dorfe unternommen. Grosse Tänze werden abgehalten, bei denen sich die Dajaks bis zur Raserei begeistern. Endlich wird der Ueberfall ausgeführt. Was da ist, wird niedergeschlagen oder fortgeschleppt. Daheim beginnt das Tiwah, das Totenfest, das oft acht Tage währt und an dem bis zu 40 Feinde sich langsam verbluten. „Bai, bai!“ (Gut, gut!) sagte der Häuptling zu Karl Bock, indem er dabei auf die Handflächen und die Knie zeigte als die Leckerbissen. Die Köpfe werden dann als Trophäen aufgestellt und sind der grösste Stolz des Dorfes.

Auch die Baitak auf Sumatra sind bis heute Kannibalen. Der beste Kenner Sumatras ist Brenner („Besuch bei den Kannibalen Sumatras“). Nach ihm findet sich Kannibalismus noch in Toba, Timor, Raja, Pak-Pak; also bei allen Battak. Junghuhn erzählt, dass das Opfer an einen Pfahl gebunden wird. Der Häuptling tritt mit einem Messer vor, hält Ansprachen und entfacht den Blutdurst so, dass alle sich wie Bestien gebärden. Der Häuptling darf sich das erste Stück abschneiden, meist die innere Seite des Unterarmes oder die Wangen, falls sie fett sind, jubelt und trinkt das Blut. Dann stürzen alle auf das Opfer, jeder reisst sich ein Stück ab und röstet es. Junghuhn bemerkt, dass Frauen hier nie Menschenfleisch essen, die Männer auch nur ausserhalb ihres Hauses. Der Häuptling erzählte ihm, sie hätten vor wenigen Tagen elf Chinesen gebraten.

Brenner erzählt vom Battakhäuptling Si Gallak, er habe eine Beteldose gehabt, die mit den Zähnen eines ehemaligen, nun aufgefressenen Feindes besetzt war. So oft er sie öffnete, schlug er auf die Zähne, als ob er seinem Feind damit einen Backenstreich versetzte, um ihn noch nach dem Tode zu kränken. Später wurde Si (Jallak aber selber geschlachtet, teils geröstet, teils mit Pfeffer und Salz gekocht. Dabei wurde seine Lieblingsfrau ebenfalls aufgefressen, ihre Zähne kamen auf eine andere Sirihkalkdose.

Als letzte stichhaltige Erklärung wird von einigen Ethnographen der Mangel an Wild auf den Südseeinseln angegeben. Die fortdauernde Pflanzenkost habe bei diesen Völkern einen wahren Heisshunger nach Fleisch hervorgerufen, der, weil nichts andres vorhanden, eben mit Menschenfleisch gestillt würde (Platz: „Völker der Erde“). Ratzel gibt dem Fleischmangel sehr viel Anteil an der Anthropophagie. Sievers sagt, der Mangel an Wild allein könne die Liebhaberei nicht erklären, vielmehr seien Hass und Aberglauben in erster Linie die Motive. Nach ihm werden in Queensland die Lenden als Leckerbissen angesehen, Kopf und Eingeweide dagegen verschmäht. Mischlinge isst man gern, Weisse sollen salzig und unangenehm schmecken, am beliebteren sind die von Reis und Pflanzenkost lebenden Chinesen. Auf dem Bismarckarchipel wird ein schwunghafter Handel mit Fleisch nach auswärts betrieben. Eine Leiche kostet dort 50 bis 80 Faden Diwarra. Als beste Stücken gelten hier Seiten, Finger und Brüste der Frauen. Auf den Neuen Hebriden kommt Kannibalismus nur noch im Innern vor, die Küstenbewohner essen Fische. Bei den Ostmelanesiern ist die Sitte noch allgemein. Die Stücke werden geröstet oder die ganze Leiche wird sitzend gebacken.

Am wildesten war der Kannibalismus von jeher auf den Fidschi-Inseln. Der Häuptling Ra-undre-undre hatte seiner eigenen Aussage nach 872 Menschen verspeist, niemand hatte an seinen Mahlzeiten teilgenommen. Gefragt, warum er’s ässe, erwiderte er:

„Ihr habt gesalzenes Rindfleisch, wir dagegen haben keins und müssen deshalb Menschenfleisch essen.“

Auf den Fidschi-Inseln wurden besondere Pflanzen angebaut, die nur zum Menschenfleisch gegessen werden durften. Auch gab es heilige Schalen und Gabeln, die sonst nie benutzt wurden und tabu waren. Gefangene wurden in regelrechten Kolonien angesiedelt, um für später Fleisch zu haben. Fehlten diese, so wurden oft Niedriggestellte geschlachtet. Beim Zerlegen wurden heilige Lieder gesungen. Auch auf den Marquesas-Inseln und auf Paumotu wurden dabei religiöse Zeremonien vorgenommen. Zum Schmaus wurde Kava getrunken.

Man darf nicht übersehen, dass viele Völker das Menschenfleisch allem andern vorziehen, weil es ihnen am besten schmeckt. Bei den Irokesen fragt in einer Sage Manitu den Jäger, warum er Menschen ässe, worauf dieser entgegnet, weil sie besser schmeckten als Büffel und andere Tiere.

Dass auf den Inseln der Südsee der Kannibalismus noch sehr verbreitet ist, verbreiteter, als man sich gewöhnlich vorstellt, bestätigt auch der italienische Marinearzt Baccari, der kürzlich die Berichte über seine von der Regierung ausgehende Reise veröffentlichte. Besonders hat er Beobachtungen über die Menschenfresserei gemacht. Danach sind die Verhältnisse noch so wie zu Cooks Zeiten: unter den nichtigsten Vorwänden werden Kriege von Dorf zu Dorf geführt, nur, um Fleisch zu machen. Auch er schreibt, dass die Weissen fade schmecken sollen, doch wird von ihnen Suppe gekocht, um sich den Mut und die Geistesgaben der Europäer anzueignen.

Wie viele Menschen dort hinten wohl schon geschlachtet worden sind? Das ist unübersehbar und wird in früheren Jahren sicherlich in die Hunderttausende gegangen sein. Tatsächlich sind dadurch grosse Stämme gänzlich vernichtet, andere sind schwach und können nur noch wenige Jahre existieren.

Nächst den Südseeinseln und Australien ist die Anthropophagie in Afrika am verbreiteisten gewesen. Aber hier ist diese Liebhaberei bis auf wenige Völker ausgerottet. Für das wildreiche Afrika kann natürlich die Erklärung aus dem Fleischmangel heraus nicht herangezogen werden. Hass und Aberglaube sind hier die stichhaltigsten Beweggründe. Man will die Kraft des Feindes der eigenen addieren. Nach Livingstone endet ein Streit zwischen zwei Gatten am Lualaba-Fluss gewöhnlich damit, dass der Herr Gemahl seine Frau Gemahlin einfach auffrisst.

All die grossen Afrikaforscher haben über den Kannibalismus weitgehende Erkundigungen eingezogen. Junker sagt von den Monbuttu, dass ein Begräbnis bei ihnen überhaupt nicht vorkomme, da selbst die Leichen verzehrt würden Blutsverwandte verkaufen sie. Zum Mahle wird eine Mehlspeise, Lugma, gegessen. Auch zum Tode Verurteilte werden einfach gebraten. Von ihrem gefürchteten und berüchtigten König Munsa sagt er, ihm sei täglich ein neugeborenes Kind als Speise vorgesetzt worden. Casati hat die Angaben Junkers im wesentlichen durch seine eigenen Beobachtungen bestätigt. Kannibalvölker sind ferner noch die Zwergstämme der Walesse. Nach Stanley sollen im Innern Westafrikas ebenfalls Menschenfresser Vorkommen. Besondere Namen gibt er aber nicht an.

Menschenopfer sind natürlich in allen Teilen Afrikas etwas ganz Alltägliches gewesen, bei einzelnen Völkern sind sie es heute noch. Nach Thomson bekommt der tote Häuptling der Walungu vier Frauen mit ins Grab. Bei andern Stämmen werden auch Männer lebendig miteingegraben. So berichtet der verstorbene Baumann, der mit dem Leipziger Geographen Hans Meyer in die Gefangenschaft Buschiris geriet, er habe auf einer Expedition am Kongo einen Häuptlingssohn angetroffen, der einen Gefangenen machen wollte, der beim Tode seines Vaters mit sterben sollte. Es waren zwar zu Hause schon lange vier dazu bestimmt, aber einer davon war ein guter Freund des Häuptlingssohnes, der so einen Ersatzmann suchte. In Dahome wurden in den siebziger Jahren noch 500 Menschen jährlich geopfert, ob den Göttern oder dem Zorne des Häuptlings, mag dahingestellt sein. Das grösste Kannibalenvolk Afrikas waren und sind noch heute die Niam-Niam. Dies Wort, das der Dinkasprache entnommen ist, drückt geradezu die Menschenfresserei des Stammes aus (Allesfresser). Schweinfurth sagt, sie berauschten sich förmlich am Fett. Im Kriege verzehren sie jedes Alter, die Zähne werden in Ketten um den Hals gehängt. Schweinfurth schenkte der Sammlung der Berliner Anatomie einige Schädel, die beim Mahle gekocht waren. Eines Tages gebar eine Sklavin auf dem Transporte, und das Kind konnte nicht mitgenommen werden. Da machten die Niam-Niam oder Sandeh kurzen Prozess und steckten das Neugeborene in den Kochtopf.

Einige Stämme der Süd- und nordamerikanischen Indianer sind ebenfalls in ausgedehntem Masse Anthropophagen gewesen. Schon 1556 berichtet Hans Stade, dass die Tupinikins und Tupinambas, zu denen er verschlagen worden war, Gefangene auffrassen. Das Opfer wurde zerschnitten, bemalt und gekocht, Arme und Beine erhielten die Weiber. Zum Schmaus wurden Getränke aus Mandiokwurzeln verbraucht. Die brasilischen Indianer sind von fast allen früheren Reisenden für ausgemachte Kannibalen gehalten worden. Meist mit Unrecht. Von den Tupis, Tapugas und einigen Stämmen der Botokuden steht es fest, dass sie Anthropophagen waren.

Bei den Quakalt auf den Vancouver-Inseln durften nur die heiligen, eingeweihten Glieder der Hametzen Menschenfleisch gemessen. Sie tranken bei den Geheimversammlungen auch das Blut aus den Adern. Bei den Tlinkit wurden Sklaven geschlachtet. Auch die alter Mexikaner opferten ganze Hekatomben von Menschen und hielten darauf grosse Schmausereien ab.

Der Leser hat wohl gesehen, dass der Kannibalismus durchaus nicht etwa auf Unmoral aufgebaut ist. Der Europäer ist fast immer geneigt, sofort den Stab über derartige Völker zu brechen. Gewiss ist die Sitte eine ganz abscheuliche, aber eine von vornherein bestimmte Moral gibt es überhaupt nicht, an der sich die einzelnen Kulturen messen lassen. Die Sitte ist eben von alters her geheiligt, und niemandem kommt die Verwerflichkeit eines solchen Gebrauches zum Bewusstsein. Und wie schon oben kurz angedeutet war, haben wir ja selbst eine ganze Anzahl von Sagen und Erzählungen, die noch deutlich an unsere eigene Vergangenheit zurückerinnern. Der grösste Teil jener Völker befindet sich noch im Steinzeitalter. Und als bei uns die letzte Hexe zu Ehren Gottes geopfert wurde (1796), waren wir schon etliche Jahrtausende aus dieser vorgeschichtlichen Menschheitsperiode heraus.

Kolonie und Heimat