Schlagwort: Bruno Schmitz

Eine Meisterschöpfung von Bruno Schmitz.

Wir leben in einer Zeit der Überraschungen und der Ausnahmefälle. Bei aller emsig getriebenen Ordnungs und Gleichmacherei, durch Schule und Regulative von oben, durch den Fanatismus der Massen von unten, wird das Bedeutende immer wieder von den Außenseitern geleistet. Ein von unserem gesegneten Schuldrill nur bis zur Tertia drangsalierter und vielleicht gerade deshalb so stark und scharfsichtig gebliebener genialer Kaufmann schiebt unseren Kolonialkarren aus dem Sumpf; aus einem Ramschladen geht ein königlicher Kaufmann hervor, der durch einen unserer allerbesten Architekten das schönste Warenhaus der Welt – Messels »Wertheimbau« in Berlin – errichten läßt, während die Staatsbauverwaltung einen ebenso genialen Künstler — Otto Schmalz —kaltstellen muß, der doch im Land- und Amtsgericht in der Berliner Neuen Friedrichstraße ein Werk geschaffen, das mit dem Warenhaus Wertheim und der Hochbahnstrecke in der Bülowstraße für die neuzeitliche Entwickelung der Baukunst stets einen Markstein allerersten Ranges bilden wird.

Ein Witzblattillustrator wird inzwischen Unterrichtsleiter am Gewerbe-Museum in Berlin — und man hat allen Grund, sich dessen zu freuen —, und Schankwirte, die ein neues System der Bier- und Brödchen-Verabfolgung erfanden, lassen in Berlin durch Deutschlands größten Denkmalbauer einen Palast errichten, der an Pracht und Größe schier neben jenen genannten »Schöpfungs-Bauten« zu nennen ist.

Der »Bierquelle« der Gebr. Aschinger entfließen plötzlich märchenhafte Goldströme für höchste Kunst! Und wenn auch nicht für lediglich ideale Zwecke — Menschen, die ihren Reichtum auch einmal ganz in den Dienst eines höchsten Zieles stellen, scheinen doch nur jenseits des Ozeans zu gedeihen; bei uns soll schließlich doch Geld auch wieder Geld bringen; das ist uns eine viel heiligere Wahrheit als irgend eine der Religion!

Aber mag es doch auch Spekulation sein, eine Spekulation, deren Wagemut nur etwa an Dr. Strousberg gemessen werden kann: vor dem Erreichten, vor einer Zielstrebigkeit, durch welche die Gebr. Aschinger für alle Zeiten als ganz merkwürdige moderne Mäzenaten in der Kunstgeschichte rangieren werden, bleibt doch nur staunende Anerkennung. Und mehr der Überraschungen: die Bierquellenbesitzer planten diesen Palast als eine Weihestätte höherer Geselligkeit, von Kunst verschönt und geleitet, als ein großes Konzert- und Versammlungshaus.

Aber die Verkehrs Verhältnisse der Baustelle — zwischen Bellevue- und Potsdamer-Straße — bedingten polizeilichen Einspruch gegen Massenanfahrten, und so wird denn der Prachtbau lediglich eine — unerhört reiche Wein-Gastwirtschaft, damit aber unfreiwillig ein Kultursymbol des neuen Berlins, das abends in Üppigkeit nach den Aufregungen des Massen-Gelderwerbes feiern will.

Man darf der Firma Aschinger aber nicht vergessen, daß ihr Ehrgeiz keineswegs in der Prunkkneipe gipfelte; ihrer geschäftlichen Idee fehlte es nicht an höherem Wollen und an einem gewissen, durch die Wahl des Architekten ja genügend gekennzeichneten künstlerischen Spürsinn. Daß nun aber niemand schwerer von der …. Degradierung des Gebäudezweckes als der Künstler — kein geringerer als Bruno Schmitz — getroffen worden ist, läßt sich ohne weiteres nachfühlen.

Er tat, was unter solchen Umständen jede starke Künstlerpersönlichkeit tun müßte: er hielt am ursprünglichen Programm, das dem höheren Fluge der Phantasie entsprach, fest und — hoffte. Mag doch eine Weile der bezauberndste Saal Berlins von schwatzenden und tellerkratzenden Gästen, von eiligen Kellnern, von Geschirrgeklapper und Fußgetrappel durchtost und entweiht sein: solcher Schönheit muß ihr Recht werden; und auch wir hoffen darum, daß das Haus doch noch als Konzert- und Versammlungslokal allerersten Ranges wird dienen dürfen.

Kunstartikel