Schlagwort: Buchdruck

Die Buchdruckerkunst.

Heute können wir am Rundfunk das große Geschehen der Zeit miterleben. Auch damals war es eine neue Erfindung, die es dem Volk gestattete, an dem beginnenden Geisteskampf teilzunehmen: der Buchdruck. Bis dahin gab es nur wenige, handgeschriebene Bücher, fast nur Geistliche konnten lesen und schreiben. Da kam der Mainzer Meister Johann Gutenberg auf einen 1450 klugen Gedanken. „Man müßte die Buchstaben einzeln in Holz schnitzen. Dann könnte man sie zu Wörtern, Sätzen und Seiten zusammensetzen und abdrucken.“ Gedacht, getan. Der Versuch glückte. Aber wie viele von den schmalen Holzstückchen zerbrachen dabei! Gutenberg griff zum Metall und goß die einzelnen „Lettern“. Nun hielten sie. Aber bei all den Versuchen war das Geld zu Ende gegangen. Ein reicher Mainzer Bürger, Fust, sprang ein und lieh 1600 Gulden, eine ungeheuere Summe. Nun entstand die erste Druckerei mit Presse und Druckerschwärze. Da Gutenberg semen Verpflichtungen gegen Fust nicht nachkommen konnte, trennten sich die beiden Begründer der ersten Druckerei der Welt. Fust richtete eme eigene Druckerei ein. Bald zerstreuten sich die Gesellen und gründeten auch in anderen Orten Druckereien. Die Kunst des Buchdrucks verbreitete sich rasch und half ein neues, freieres Zeitalter herbeiführen. Seitdem ist Deutschland das Land der Bücher geblieben. Noch heute werden bei uns mehr Bücher gedruckt als in der übrigen Welt.

Andere Erfindungen.

Um diese Zeit wurde auch das Schießpulver bekannt. Berthold Schwarz soll es erfunden haben. Es brachte große Veränderungen im Kriegswesen mit sich. Der Kompaß eröflhete der Schiffahrt neue Wege und ermöglichte einen regelmäßigen Schiffsverkehr über die Weltmeere. Der Nürnberger Peter Henlein erfand die Taschenuhren, die man wegen ihrer Form „Nürnberger Eier“ nannte; ein Braunschweiger schuf das Spinnrad und damit eine Arbeitserleichterung für Millionen Frauen, die bis dahin nur die Spindel besaßen.

Die Wiederentdeckung Amerikas.

Die Kunde von der kühnen Fahrt der Normannen nach Nordamerika um 1000 n. Z. war vergessen. Auch die erneute Entdeckerfahrt des Deutschen Pining nach Neufundland wirkte sich nicht aus. Einige Jahre nach Pining, 1492 1492, gelang es dem Genuesen Christoph Kolumbus, Mittelamerika zu finden. Kolumbus sagte sich: „Wenn die Erde eine Kugel ist, wie der deutsche Forscher Nikolaus Kopemikus behauptet, dann brauche ich immer nur nach Westen zu segeln, um Indien zu erreichen!“ Mit drei „Nußschalen“ stieß er von der Küste Spaniens ab. Der eben bekanntgewordene Kompaß gab ihm die Richtung. Kolumbus bekam 34 Tage lang nur noch Himmel und Wasser zu sehen. „Heute“, so schrieb Kolumbus am 9. Oktober im Schiffstagebuch, „klagten die Matrosen über die unerträgliche Dauer der Reise.“ „Da, am 11. Oktober, 2 Uhr nachts, entdeckte ein Matrose im Mondglanz den schimmernden Saum eines Gestades, und unter dem Ruf „Land! Land!“ stürzte er sich an das nächste Geschütz, um den verabredeten Schuß abzufeuern. Kolumbus sprang zuerst an das Ufer. Kupferfarbige, harmlosgutmütige Menschen schauten die Landenden in fassungslosem Staunen an. Kolumbus war der Meinung, eine Inselgruppe Indiens erreicht zu haben. „Westindien“ heißen diese Inseln an der Küste Amerikas noch heute, und „Indianer“ wurden ihre Bewohner genannt. Eine paradiesisch üppige Tropenlandschaft nahm die Entdecker auf. Als sie nach schweren Stürmen endlich wieder in Spanien landeten, wurden sie mit Kanonendonner, Glockengeläute und tausendstimmigem Jubel empfangen.

Die Wiederentdeckung Amerikas brachte eine gewaltige Veränderung des Wirtschaftslebens Europas. Die Kreuzzüge hatten das Mittelmeer zum großen Handelsweg gemacht und auch den deutschen Binnenhandel belebt.

Nun verlagerte sich der Handel auf die Seewege nach Amerika. Afrika und Indien, die alle nacheinander eröffnet wurden. Die Küstenstaaten Portugal, Spanien, Frankreich, Holland und England stiegen auf und wurden Weltreiche.

Deutschland war an alledem fast unbeteiligt. Während die Welt verteilt wurde, lag es uneinig und zersplittert am Boden. Selbst die erste deutsche Kaufmannskolonie Venezuela konnte sich nur einige Jahre halten. Über ein kraftloses Volk geht die Geschichte hinweg, nur dem Starken reicht sie die Hand.

Siehe auch:
Deutsche Geschichte-Zeittafel
Germanen kämpfen um Europa
Die Wikinger, eine neue germanische Welle.
Das Reich der Deutschen beginnt
Großtaten des deutschen Volkes-Das Rittertum und seine Aufgaben
Großtaten des deutschen Volkes-Deutsche gewinnen Raum im Osten
Deutsche Bauern und Bürger sichern das Neuland.
Deutsche Städte — deutsche Kunst.
Großtaten des deutschen Volkes-Die deutsche Hanse.
Der deutsche Bauer und sein Schicksal

Deutsche Geschichte

Die großen Entdeckungen, die an der Schwelle der Neuzeit gemacht wurden, sind nichts weniger als Zufall. Heinrich der Seefahrer arbeitete ganz planmäßig. Die Steigerung des mathematischen Wissens erzeugte in Toricelli den Gedanken einer Erdumsegelung, einen Gedanken, den er an Kolumbus weiter gab. Die Geister waren reif geworden. Sie dürsteten nach neuen Taten, nach neuen Eroberungen. Auf fünf Gebieten ging dieser Entdeckergeist erfolgreich vor. ln der Welt der Technik fand er das Pulver, den Buchdruck und das Fernrohr; jenseits der Meere fand er unbekannte Erdteile — im Luftraum neue Sterne; in der Welt der Kunst und Wissenschaft kehrte er zur Antike zurück und erzeugte im Verein mit ihr neue Farben und neue Formen; auf dem Gebiete des Glaubens erstand die Lehre der Sikh, die Reformationen Luthers, Calvins undKnox und in Tibet der Lamaismus. Die ganze Weltanschauung aber wurde durch Kopernikus umgedreht, der — gleichfalls hierin zur Antike, zu Hipparch zurückkehrend — statt der Erde die Sonne in den Mittelpunkt des Planetensystems stellte.

Daß der Drang zu Entdeckungen in der Luft lag, geht auch daraus hervor, daß zu gleicher Zeit nach drei Seiten hin die Erdkunde beträchtlich ausgedehnt wurde. Um 1480 ging Covilhab nach Abessinien und Indien, 1492 entdeckte Kolumbus, auf normännischen Berichten fußend, Amerika. Endlich, 1498 umsegelte Vasco da Gama das Kap der Guten Hoffnung und gelangte über die ostafrikanischen Plätze nach dem indischen Kalikutt. Kolumbus machte im ganzen vier Fahrten. Er ist auf den Antillen und an der Küste des südamerikanischen Kontinentes gelandet. Sehr bald bemächtigten sich die Spanier Kubas und Mexikos. Dem großen Forscher selbst aber, dem Kolumbus haben sie mit Undank gelohnt.

Im Jahre 1500 entdeckte der Portugiese Cabral Brasilien. An dessen Erschließung beteiligten sich in der Folge die Fugger und Welser von Augsburg. In den nächsten Jahren setzten sich die Portugiesen, namentlich unter der Führung des genialen Admirals Albuquerque an allen wichtigen Punkten des indischen Ozeans, von Mozambique bis Aden, und von Ormudzd am Eingänge des Persischen Golfs bis nach Singapur fest und errichteten so ein zusammenhängendes Netz starker Flottenstützpunkte.

Um die Wende des Jahrhunderts wurde durch Franzosen in englischem Dienste, die Cabots, Nordamerika angefahren, doch führte dies einstweilen zu nichts.

In den Jahren 1519—1521 vollführte Magelhaens die erste Weltumsegelung, bei der er selbst den Tod fand. Kurz darauf wird Ostasien von der Seeseite her bekannt. Einstweilen wurden jedoch nur vereinzelte Faktoreien in China angelegt.

Die Haupttätigkeit der Konquistadoren beschränkte sich fast ein Jahrhundert lang lediglich auf die Tropen. Erst von den 1570er Jahren an, als neben Spaniern und Portugiesen auch andere Nationen tatkräftig zu überseeischer Kolonisation schritten, werden auch Gebiete der gemäßigten Zone, zunächst vor allem Sibirien und Nordamerika, danach Chile und Argentinien in die Besiedlung einbezogen.

Der Gesichtskreis der Menschheit war verdoppelt.

Das wichtigste Element der neuen Zeit ist aber vorläufig der Nationalismus. Er durchbrach den Universalismus des Mittelalters, und er hemmte den aufsteigenden Absolutismus der Fürsten. Freilich hat er sich auch wieder mit dem Absolutismus verbündet, nämlich gegen die Allgewalt und die universalen Absichten der Kirche.

Der hochstrebende und hochbegabte Maximilian, den man den letzten Ritter nannte, wollte noch selbst Papst werden. Ebenso wollten Karl der Fünfte und sein Sohn Philipp der Zweite das Papsttum meistern. Im Jahre 1527 hat Karl der Fünfte Rom und den Papst in den Staub getreten. Es war eine späte Rache für Kanossa. Der Staat riß also die Gewalt der Kirche an sich. Nun aber erhielt der Staat eine nationale Färbung. Die Folge davon war, daß auch eine nationale Kirche als wünschenswert angesehen wurde. Der gescheiterte Versuch einer Ekklesia Gallicana war der erste Schritt in dieser Richtung. Jetzt wollte Heinrich der Achte die Hoheitsrechte des Papstes für England übernehmen, ohne an dem Dogma oder dem Ritus etwas Sonderliches zu ändern. Ebenso gründeten die Wasa eine skandinavische Nationalkirche. Und die mitteleuropäischen Fürsten verfochten den Satz: Cujus regio, ejus Religio, der Herr über ein Land ist auch Herr über dessen Glauben.

In das Erwachen des Volks- und Staatsgefühles spielten im Unterbewußtsein die Rassengegensätze hinein. Der germanische Norden wurde protestantisch; der kelto-romanische Süden mit Einschluß Polens blieb katholisch.

Seit 1519 war der Habsburger Karl der Fünfte der Herr der Welt. Als Enkel des „letzten Ritters“ trug auch er sich stets mit phantastischen hohen Plänen. Seinem griesgrämigen harten Gesichte, das aus den Bildern Tizians und Cranachs gut bekannt ist, hätte man dergleichen kaum zugetraut; die Nase ist nicht so kühn entwickelt, wie bei Maximilian, aber das andere Erbteil der Habsburger, die breit vorgeschobene Unterlippe war dafür besonders stark ausgeprägt. Beide Eigentümlichkeiten, die Lippe und die überhängende Nase, die bis zum heutigen Tage im Geschlecht der Habsburger andauern, gehen auf eine ganz bestimmte Ahnfrau zurück, Cimburga, die Tochter des heidnischen Herzogs von Masovien (im Littauischen Gebiete), die an den Vater Maximilians, Friedrich den Dritten „des heiligen römischen Reiches Schlafmütze“, verheiratet war.

Die Habsburger hatten sich schon damals zu einer internationalen Dynastie entwickelt. Nicht nur masovisches Blut floß in ihren Adern, sondern auch oberitalienisches (durch die Este, die freilich im Grunde welfischen Ursprungs waren) und romanisches durch Maria von Burgund, die Tochter Karls des Kühnen, die Maximilian freite, und die spanische Mutter Karls des Fünften. Gleichermaßen hatte der habsburger Staat jetzt schon eine bunte, vielvolkliche Färbung angenommen. Seitdem Rudolf von Habsburg den Tschechen Ottokar, der von der Ostsee bis an die Grenzen von Serbien und Friaul herrschte, auf dem Lechfeld geschlagen hatte (1281), waren Ungarn und Kroaten, Tschechen und Polen in den Staatsverband gekommen. Es ist heute Mode geworden, die undeutsche Gesinnung der Habsburger zu bemängeln. Man könnte aber auch den Spieß umkehren und sagen, es ist ein Wunder, daß innerhalb eines solchen Völkergemisches die Habsburger noch so deutsch geblieben sind. Jedenfalls wurde die Südostmark des Reiches von Deutschen, und zwar von dem Bayernstamme, mit Einsprengung fränkischer und einiger schwäbischer Kolonisten besiedelt und beherrscht. Die Deutschen blieben bis zu dem Ausgleich von 1867 in Österreich das ausschlaggebende Volk.

Ein deutsches Bewußtsein war allerdings in Karl dem Fünften mit nichten entwickelt. Er fühlte sich in erster Linie als König von Spanien. Er pflegte zu sagen: Spanisch rede ich mit meinen Rittern, Französisch mit den Dienern und Deutsch mit den Pferden. Trotzdem hat er einen beträchtlichen Teil seines Lebens in deutschen Landen zugebracht. In seiner Staatskunst nahm Deutschland ungefähr den gleichen Anteil wie die Südeuropäischen Besitzungen in Anspruch. Karl der Fünfte wollte das Universalreich restlos verwirklichen. Dem stellten sich zwei Hauptfeinde entgegen, die Türken und die Franzosen. Ganz naturgemäß schlossen sich denn auch diese beiden zu einem Bündnis zusammen. Die Kluft der Religion war kein Hindernis. Franz der Erste, tatendurstig, unermüdlich auf dem Schlachtfelde und im Ratssaal, eine ritterliche, feurige Erscheinung, Freund der Abenteuer und der Frauen, sah mit Verdruß und Sorge, wie Frankreich von vier Himmelsrichtungen zugleich eingekreist und umklammert wurde, von Spanien, Oberitalien, Deutschland und den Niederlanden her, auf den Befehl Karls des Fünften, der überall in jenen Gebieten herrschte, von Nordwesten her durch den englischen Heinrich den Achten, der des Kaisers Bundesgenosse war. Da meinte der bedrängte Franz: helfe was helfen kann! und näherte sich dem Großtürken, Suleiman dem Prächtigen, der denn auch zweimal, 1529 und 1532 mit seinen reisigen Scharen vor Wien zog. Seltsam ist die Verknüpfung der Dinge. Der Anprall der Feinde der Christenheit, der Türken rettete die, so das wahre Christentum aus dem Schlamm und Wüste der Zeiten wieder rein und verklärt herauszuholen trachteten, rettete die Reformation.

„Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage, weh dir, daß du ein Enkel bist!“

Alles Menschliche wird im Laufe der Jahre getrübt von Fremdstoff überwuchert, ja, nicht selten geradezu in sein Gegenteil verkehrt. Das zeigen, wie Recht und Staat und Kunst, so auch die Kirchen der Welt. Buddha hat alle Götter beseitigen wollen, und jetzt strotzt der buddhistische Himmel von Gottheiten aller Art. Christus predigte Armut und Abkehr vom Luxus, und die römische wie die griechische Kirche verkam in Üppigkeit und leitete die größten Geldgeschäfte der Welt. In Avignon, wo von 1309—1391 die Päpste hausten, und im Rom des Spaniers aus dem Hause Borgia, Alexanders des Sechsten, war eine bunte Weib erwirtschaft an der Tagesordnung. Julius der Zweite (1503—1513), der auf Alexander folgte, war ein streitbarerKriegs-mann, der sich in schimmernden Harnisch hüllte und bei Schlachten und Belagerungen selbst mitwirkte. Leo der Zehnte (1513—1523) ging völlig in der Kunst und in heiterem Lebensgenüsse auf. Raffael, Bramante, Michelangelo und der kleinere Benvenuto Cellini erfuhren von den Päpsten die höchste Förderung; allein rein geistlich betrachtet waren gerade jene Päpste nicht sehr geeignet, für das Christentum Propaganda zu machen. Sie waren im Grunde in den Geschmack und die Sitte der Antike, wenn man will, in das Heidentum zurückgefallen. Der Kunst gereichte das wildbewegte Leben, die Leidenschaft des Hasses und der tolle Sinnengenuß damaliger Päpste zum größten Vorteil. Leonardo da Vinci, das Genie der Genies, war der Artilleriekommandant des Cesare Borgia, eines natürlichen Sohnes Alexanders des Sechsten. Die Frömmigkeit des Nordens empörte sich jedoch gegen solche Lebenskunst, wie Rom sie pflegte. Schon seit über einem Jahrhundert waren Bestrebungen im Gange, um die Kirche „an Haupt und Gliedern“ zu reformieren. Kaiser und Könige liehen dem Reformierungswerke bereitwillig die Hand. Große Konzilien wurden berufen, um die schwebenden Fragen zu ordnen. Ein Konzil, das zu Konstanz, saß nicht weniger als vier Jahre (1414—1418). Schon vorher hatte Wycliffe in England eine Abkehr von den Mißbräuchen der Kirche gepredigt. Durch Schüler Wycliffes angeregt, lehnte sich der Tscheche Hus gegen die herrschende Kirche auf. Er wurde vor das Konstanzer Konzil gezogen und obwohl ihm ein deutscher Kaiser, der unruhige igismund, freies Geleit zugesichert hatte, öffentlich verbrannt.

Die Flammen des Scheiterhaufens zündeten aber ein noch größeres Feuer an, nämlich die Hussitenkriege, durch die halb Osteuropa und ein ziemlicher Teil Deutschlands verwüstet wurden. Die alte Avarenwut brach bei den Tschechen wieder hervor. Ihr hervorragendster Führer Ziszka hatte eine Trommel, deren Fell aus einer Menschenhaut bestand. Die Heere des Kaisers und die Lokalmiliz konnten gegen die Hussiten nicht bestehen. Zuletzt erlangten diese so ziemlich, was sie gefordert.

Die Sehnsucht nach einer Kirchenreform wurde weiterhin durch den Humanismus und die Renaissance verstärkt. Das war eine Bewegung, die an die geistigen und künstlerischen Errungenschaften der Antike wieder anknüpfte. Die Herrlichkeit des klassischen Altertums kam den Menschen wieder zum Bewußtsein. Das Schrifttum der Griechen und Römer wurde von Gelehrten, wie Erasmus von Rotterdam, Reuchlin, Hutten, Macchiavelli, Melanchthon wieder erweckt. Die K nstler, wie Giotto, Brunellesschi, Donatello, Sansovino, Lionardo, Michel Angelo Buonarrotti, Raffael Sanzio aus Perugia, Dürer, knüpften vorzüglich an die Baukunst, Malerei und an die Bildhauerei der Alten an. In der Folge wurden Wissenschaft und Kunst selbständig fortgebildet. Unter den Malern wurden am berühmtesten Tizian, dessen Farben kein Meister je wieder erreicht hat, ferner Correggio, Paolo Veronese und Andrea del Sarto; bei uns Holbein. Ich habe nie verstanden, warum der eckige, ungefällige Lucas Cranach bei uns so viel Beifall erringen konnte. Dagegen wird jedermann dem Lobe unserer Bildhauer, des Peter Vischer und des Adam Kraft, und unserer Schnitzer, des Veit Stoß und des Tilmann Riemenschneider (der wahrscheinlich zu den Ahnherren Bismarcks gehörte) freudig zustimmen.

Die Musik wurde durch Palestrina wiedergeboren, sowie durch Orlando di Lasso, einen Niederländer aus Mons, der in Bayern Kapellmeister wurde. Nicht minder wurde das Epos eines Ariost und Tasso durch die Antike angeregt. Den höchsten Triumph aber feierte das Drama; es hatte drei Hauptträger zu gleicher Zeit, die großen spanischen Dichter Lope de Vega und Calderon, vor allem aber Shakespeare. Deren Zeitgenosse war Cervantes, mit dessen Don Quixote der moderne Roman beginnt.

Ein tüchtiger Trunk macht froh, kann aber auch streitbar oder gar wehmütig machen.

So hatte die Renaissance gleichfalls die verschiedensten, ja entgegengesetzte Wirkungen. Die neuerwachte Liebe zum Altertum entzündete eine große Begeisterung. „Es ist eine Lust zu leben“ rief Hutten. Man fühlte sich doppelt Mensch, seitdem man die reichen Schätze der Antike entdeckt. Es war, als wenn man früher immer nur mühsam hart an der Küste entlang gesteuert hätte und jetzt erst mit geschwellten Segeln sich mutig hinauswagte in die offene See! Allein die Erweiterung unserer Kenntnis brachte auch einen Rückschlag. Er erzeugte einen Mißmut, eine heftige Unzufriedenheit über die Zustände um 1500. Dem höheren Menschen, dem die Antike die Augen geöffnet, mußten diese Zustände ein Greuel sein. Sie entsprachen so gar nicht dem Bilde, das er sich von den Schönheiten der Kunst, den Tatsachen der Wissenschaft und den Möglichkeiten staatlichen Lebens gemacht. Sie entsprachen auch nicht im mindesten der Überlieferung von dem Urchristentum, das man jetzt erst, nachdem durch den Humanismus die Kenntnis des Griechischen und Hebräischen wieder verbreitet worden, in seiner wahren Gestalt hatte erfassen lernen.

So wurde auf der einen Seite durch das Studium der Antike das Heidentum befördert, dem ein Poggio und der Hesse Mutianus Rufus offen und so manche Literaten und Künstler insgeheim huldigten. Auf der anderen Seite aber wurden die verschütteten Quellen des Christenstums wieder aufgedeckt. Renaissance und Reformation haben sich gegenseitig bedingt, aber auch ihrem innersten Wesen nach sich gegenseitig bekämpft.

Martin Luther war der Sohn eines Bergmanns aus Nordthüringen. Möglich, daß er einen Guß slavischen Blutes in seinen Adern hatte. Er begann seine Laufbahn als Magister, aber warf alle Ehren und Aussichten hin, um als Bettelmönch bei den Augustinern einzutreten. Er quälte sich darüber ab, wie der Mensch selig werden könnte, und rieb sich auf mit asketischen Übungen. Nach drei Jahren ward er jedoch Professor der Philosophie in Wittenberg (1508). Wiederum drei Jahre später reiste er in Ordensangelegenheiten nach Rom. Dort konnte er beobachten, wie stark die damalige Kirche von den Forderungen des Urchristentums abgewichen war. Einstweilen aber wirkten diese Beobachtungen im Stillen, ohne ihn zu Taten fortzureißen. Ähnlich wie manchmal Dichter erst viele Jahre später ein persönliches Erlebnis in ihrer Kunst verwerten.

Wiederum wirkte eine seltsame Verwicklung der Dinge. Leo der Zehnte wollte, von den glänzendsten Künstlern der Renaissance beraten, St. Peter und den Vatikan erbauen — das erhabenste Werk der Christenheit. An seinem Ausbau und seiner Ausschmückung arbeiteten Bramante, Michel Angelo, Perugino; ferner der Liebling der Grazien, Raffael, und später der Begründer des Barock, Bernini Um die Kosten zu der Kirche und dem daran anstoßenden Vatikan, dem ungeheuren Baue, der nicht weniger als elfhundert Zimmer faßt, zu erhalten, schickte der Papst einen Ablaß in die Welt und veranlaßte, daß von den Erzbischöfen und Bischöfen der Ablaß tüchtig vertrieben, das heißt einem gläubigen Publikum zum Kauf angeboten wurde. Zu den Verschleißern, die mit Ablässen hausieren gingen, gehörte Tetzel, der 1517 nach Wittenberg kam. Tetzel war nicht besser und nicht schlechter als viele seiner Genossen. Nun aber geriet er Luthern ins Gehege. Der streitbare Augustinermönch empörte sich darüber, daß der Kommissar des Papstes

„mehr auf Geld, denn auf Beicht’, Reu’ und Leid gesehen“.

Er schlug 95 Thesen an der Schloßkirche zu Wittenberg an, in denen er sich gegen das Ablaßwesen wandte. Auch bot er dem Tetzel eine Disputation an. Dieser, der übrigens schon einmal in Innsbruck zum Tode verurteilt worden war, und zwar wegen Ehebruchs, klagte Luther der Ketzerei an. Nun war das Rad im Rollen. Luther nahm den Kampf gegen den Papst auf. Der Bann wurde ihm in einer päpstlichen Bulle angedroht. Luther verbrannte die Bulle am 10. Dezember 1520 unter großem Zulauf von Studenten und Bürgern vor dem Elstertore von Wittenberg. Das Jahr darauf verteidigte der Reformator seine Anschauungen vor dem Reichstag zu Worms. Danach übersetzte er die Bibel auf der Wartburg, wo er „incognito“ als Ritter Jörg hauste.

Ganz wie ein Ritter benahm sich der Schweizer Reformator, Zwingli, derauch inseiner Lehre weltlicher, nüchternerwar als sein großer Zeitgenosse. Er gürtete sich ein Schwert um und ging, um für seine neue Lehre zu fechten. Zwingli fiel 1532 in der Schlacht bei Kappel.

Auf allen Gebieten brachte die Zeit Neues: Erfindungen, Entdeckungen, Renaissance und Reformation, soziale und staatliche Umwälzungen. Auf politischem Gebiete brachte sie den Europäern überseeische Kolonien und einen Staat, den Karls V., in dem die Sonne nicht unterging. Der Gegenwurf gegen den neuen Imperialismus war die Erhebung der Massen. Durch Vorläufer in Frankreich 1358 und England 1381 vorbereitet, trat seit 1491 auch in deutschen Landen eine Gärung der Bauern hervor. Es kam zum Krieg. Die Bauern verlangten freie Wahl der Pfarrer durch die Gemeinde, Abschaffung der Leibeigenschaft, Holz-, Jagd- und Fischereirecht, Minderung von allerlei Abgaben, endlich die Einführung von Reichs steuern. Luther erklärte sich gegen die „räuberischen und mörderischen Bauern“. Nicht ohne Mühe siegten 1525 die Fürsten und Städte bei Frankenhofen in Thüringen und Königshofen an der Tauber.

Im gleichen Jahre wurde die große Schlacht von Pavia geschlagen. In ihr entschied sich die Niederlage Frankreichs. Franz I. wurde besiegt und gefangengenommen. Nun aber nahmen die Türkenkriege die Aufmerksamkeit in Anspruch.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
Die Condottieri

Männer; Völker und Zeiten

Vergleichende Betrachtung der bildenen Künste

Band II

Fünftes BUCH

Der Kampf um den Stil

Die Reaktion Englands

Englische Buchkunst

Der buchmäßige Charakter des englischen Stils mußte natürlich vor allem der Buchkunst zugute kommen. Die ganze Bewegung der englischen Kunst geht von der Literatur aus; es war nur natürlich, daß man das Buch am besten bedachte. Blake hatte damit begonnen, Bilder um Verse zu malen, jeder seiner dichtenden Nachfolger fing ebenso an und vergaß nie diesen Anfang. Der Dichter Morris, von dem Rossetti glaubte, daß die Nachwelt seinen Namen den größten englischen Sängern zugesellen würde 1 — so stark wirkte das Formale eines harmonischen Geistes auf die Schwachen —, mußte, in England wenigstens, der Form, in der seine Gedichte gedruckt wurden, wenn möglich noch größere Liebe zuwenden, als den anderen Äußerungen seines Talentes. Die Buchkunst ist in England kein gewerblicher Zweig, sondern das, was in Frankreich die Malerei ist, die Quelle aller Kunst. Das Unsinnige dieser Behauptung gibt den geheimen Unsinn der ganzen englischen Bewegung, über deren Geschichte als Motto der Morrissche Satz stehen könnte, den Vallance zitiert: The only work of art which surpasses a complete mediaeval book is a complete mediaeval building.

Man liebt, was man beherrscht. Die Italiener der großen Zeit malten Fresken, die nordischen Völker begnügten sich mit dem gerahmten Bilde; unsere Modernen zeichnen Randleisten. Der Grad von malerischer Empfindung, der auf diesem Wege überhaupt gestillt werden kann, ist in den englischen Büchern enthalten.

Morris kam erst spät dazu, das Buchgewerbe in seine eigenen Gewerbe aufzunehmen, d. h. auf eigener Presse zu drucken. Die Kelmscott-Bibliothek entstand in den letzten sieben Jahren seines Lebens 2. Er sah darin eine Art von Apotheose seiner ganzen Kunst und verdoppelte wenn möglich seine Fürsorge für alle Materialfragen. Wirklich lassen sich seine Bücher nur mit den glänzendsten Druckwerken der Caxton, Julian Notary, Pynson usw. vergleichen. Aber sie sind gleichzeitig  auch der Form der Alten sehr nahe. Nirgends hat sich Morris so dem Archaismus hingegeben, als im Buchdruck.

1 „Among the greatest English singers of the past, perhaps four only have possessed this assimilative power in pure perfection: Chaucer, Shakespeare, Byron andBurns; and to their names the world may probably add in the future that of William Morris.“ („The Academy“ Febr. 1871.)

2 Es wurden von 1891 bis 1897 circa 50 Werke auf der Keimscottpresse gedruckt. Ein genaues Verzeichnis dieser wie der früheren Werke findet sich am Schlug des Vallanceschen Werkes.

Und doch ist es auch hier nichts weniger als ein unpersönliches Wiederholen der Muster. Nie verstand er sich zu dem Humbug, den Zweck des Buches, die Lesbarkeit ganz hintenan zu stellen. Bewunderungswert bleibt die relative Klarheit der Form selbst in den Werken, die er mit der dicken gotischen Chaucertype druckte. Gewiß sind dies keine Bücher für den gar zu flinken Bildungstrieb des Großstädters, der auf dem Wege vom Hause zum Bureau einen Band Zeitungslektüre verschlingt, es sollten Werke stiller Erbauung sein, bei deren Lektüre der Geist sich gern vor jedem Worte sammelt, Werke, deren Formen ebenso vollendet sind, wie die Gedanken, die Morris sozusagen lauter, vernehmlicher druckte, wie um den Klang des gesprochenen Wortes zu ersetzen.

Mag der Umfang dieser Kunst beschränkt sein, in ihrem Umfang ist sie herrlich. Wirklich meint man manchmal, als ob Morris mit dem einfachen Schwarz und Weiß zu malen verstände. Seiten, wie das köstliche Titelblatt zu „A Tale of Over Sea“ mit dem reichen Rankenwerk, das die großen Lettern verstrickt, wirken wie die farbigsten orientalischen Miniaturen. Die magistralen Blätter der „Goldenen Legende“ und dergleichen haben eine Feierlichkeit der Pracht, ein Leben im Reichtum, daß jeder Gedanke an den Mechanismus der Technik zurücktritt. Man kann nicht ohne Ungeduld die unendlichen Abhandlungen von Morris über die Typen, über die kleinen oder großen Ränder, über die unerschöpfliche Papierfrage und die unendlich komplizierte Beschaffung der wahren Druckerschwärze lesen; sieht man aber das Resultat dieser mimosenhaften Bemühungen, so ist jeder Gedanke an Künstelei verschwunden, und man freut sich nur der hohen Werksgesinnung.

In dem Weiß und Schwarz kam auch Burne-Jones zur Geltung, unendlich besser, als in den großen Gemälden. Hier wirkte das Malerische dieser Kunst in seiner richtigen Sphäre und entwickelte den Grad von Ausdruck, dessen Burne-Jones fähig war. Selbst einen Crane vermochte Morris zu verwenden. Das Beste ist immer das geblieben, was er ganz allein gemacht hat.

Das Buch wurde für England das Medium, in dem sich die wichtigsten künstlerischen Entwicklungen am entscheidendsten abspielten, vor allem die Auseinandersetzung der englischen Jugend mit der Morrisschen Form. Die große, starke Einseitigkeit des Meisters ließ deutlich sehen, wo andere ansetzen konnten. In dem alles umfassenden Werk, an universalem Geist hat ihn kein Engländer übertroffen. Alles, was man gleichzeitig mit ihm und in den wenigen Jahren nach seinem Tode in den Lieblingsgewerben, der Textil- und Tapetenbranche, geschaffen hat, hält keinen Vergleich mit ihm aus. Auch im Buchgewerbe hat sein Ehrgeiz, die Pracht seines Materials, nicht seinesgleichen. Wohl aber fanden sich Leute, die, auf die Konkurrenz mit den Alten verzichtend, eine Bereicherung der Überlieferung versuchten und dabei glücklich waren. Die Fortsetzung mußte die enge urenglische Form durchbrechen und die Elemente aufnehmen, die Morris vernachlässigt hatte. Darunter war eins, dem der Meister von Keimscott jede Verwendbarkeit für seine Zwecke absprach: die Zeichnung Japans. Morris ahnte mit gesundem Instinkt den verderblichen Einfluß dieser „unarchitektonisch“ empfindenden Völker. Merkwürdigerweise warf er bei dieser Schätzung zuweilen China und Japan in einen Topf, wohl weil er immer nur die exotische Seite sah, die der ehrlich gehaßte Whistler zeigte. Sicher wäre er bei eingehenderer Erfahrung unter den ersten gewesen, die die unendliche Überlegenheit des chinesischen Genius über den Nachfolger und den lebendigen Wert dieser Kunst für unsere Ästhetik erkannten und das an Japan liebten, was noch an die übernommene Form erinnerte. — Jedenfalls hat die englische Jugend die relative Widerstandsfähigkeit gegen die phantastische Linie Japans William Morris zu danken. Sein gesundes Beispiel war allzu gegenwärtig und zu überzeugend, um nicht bei der unvermeidlichen Hinnahme Japans einige Reserven zu bewirken. Die Masse unterlag natürlich hier wie überall und immer dem hübschen Kleinkram und verdünnte noch die Flora Walter Cranes mit den japanischen Blümchen. Ein paar feine Künstler begriffen die Aufgabe tiefer. Unter den ersten steht Charles Ricketts, von dem ich schon als Maler sprach. Man vergißt alles Unzulängliche seiner Bilder bei seinen Büchern. Ricketts vertritt in seinen Zeichnungen Morris gegenüber das Recht einer zarteren, verschwiegeneren und tieferen Gestaltung und weiß trotz seiner ungemein komplizierten Gedankenwelt, eine konventionelle Form zu behalten. Das Japanische ist nur ein kleiner Teil seines Wesens, ja, der Umfang seines Eklektizismus läßt sich kaum andeuten; man findet alles in ganz feinen Dosen, was einen Menschen an der Kunst des Seltenen fesselt. Dazu bediente er sich in seinen früheren Büchern, aus der ersten Hälfte der neunziger Jahre, zuweilen einer Technik, die das Verwirrende seiner Art noch vergrößerte. In den Bildern für die Ausgabe der Gedichte des Lord de Tabley 1 verwandte er die Radierung, und diese Radierungen erinnerten zum Teil an Dürersche Holzschnitte. Der Umschlag der „Sphynx“ von Wilde dagegen zeigt ganz zarte Figuren in gradlinigen Hieroglyphen; die Holzschnitte im Innern des hübschen Buches stehen in zartem Rotbraun auf dem weißen Papier, die Initialen in grün. Von derselben mageren Noblesse ist der Schmuck von Hero und Leander 2, bei dem ihm sein Freund C. H. Shannon half. Ein paar ganz simple mathematische Linien in Gold auf Pergament geben den Umschlag. — Ungefähr gleichzeitig mit diesen Büchern gaben die beiden Freunde die Zeitschrift „The Dial“ heraus, in der Shannon schöne Lithographien, Ricketts glänzende Holzschnitte brachte. Den Text druckte, so viel ich weiß, die alte Chiswick Press in mustergültiger Form. Alles das war von einem feinfühlenden Geschmack, neben dem der Meister der Kelmscott-Press übertrieben massiv erscheinen mußte. Morris konnte man überhaupt kaum geschmackvoll nennen. Er war dafür zu gesetzmäßig, seine Wirkungen ergaben sich aus der weisen Handhabung logischer Vorschriften. Aber wenn er die Überraschung nicht kannte, noch suchte, man war sicher bei ihm.

1 Bei John Lane in London.

2 Bei Elkin Matthews und John Lane in London.

Die Typographie der Nachfolger experimentierte. Freilich lägt sich bei den frühen Büchern von Ricketts nicht entscheiden, was auf sein Teil kam und was der Verleger dazu tat, und es wäre unrecht, diese Sachen neben die Keimscottwerke zu stellen, die Morris allein mit unbeschränktem Kredit redigierte. Auch Ricketts empfand die Notwendigkeit, sich selbst zu etablieren. Schon The Dial erschien im Selbstverläge. 1894 publizierte Ricketts das kleine Bilderbuch „The Queen of the Fishes“, das Lucien Pissarro, der Sohn Camilles, vollständig in Holz geschnitten und auf seiner kleinen Presse in Epping gedruckt hatte — eins der reizendsten Werke moderner Buchkunst, eine Vereinigung französischer und englischer Art, wie sie nur der glücklichste Zufall vollbringen konnte 1. — Kurz darauf tat Ricketts den Verlag Hacon und Ricketts auf, in dem seither eine Menge schöner Bücher erschienen sind. Er lernte die Einfachheit und verließ ganz die Morrissche Bahn, um eine leichter handliche, ganz moderne Form von natürlicher, schlichter Eleganz zu finden, und dürfte heute zu den Berufensten in London gehören, die das Prestige englischer Buchkunst erhalten. Es sind ihrer, wenn man näher zusieht, nicht viele in dem buchreichen England. Wohl fehlt es nicht an Illustratoren; und es gibt feine Künstler, wie Laurence Housman, William Strang, Selwyn Image, A. J. Gaskin u. v. a. unter ihnen; aber Leute, die, wie Ricketts, mit den Ansprüchen eines William Morris an das Buch wie an eine der Baukunst würdige Aufgabe herantreten und dabei eigene Wege gehen, sucht man vergebens. Freilich wäre das Gegenteil überraschend. Zur Realisierung des Morrisschen Ideals gehörte nicht nur ein ungewöhnlicher künstlerischer Wille, sondern das Zusammentreffen glücklicher Umstände, die sich am seltensten in der Hand des Künstlers vereinen: praktischer Sinn, die Begabung des Kaufmanns, große Energie und vor allem Geld. Morris konnte immer nur Muster bleiben, und die Beurteilung seines ganzen Werkes muß immer dieses der ganzen Art nach Individuelle der Erscheinung in Betracht ziehen, mag die Äußerung auch noch so viele Massenzüge verraten. Daß in unserer Zeit raffiniertester Arbeitsteilung solche Zentralisationen der Arbeit, und zumal der handwerklichen Arbeit, als nacheiferungswerte Muster der Organisation gelten, ist eine schöne, vielleicht unvermeidliche, aber sicher unhaltbare Utopie. In London ist noch ein jüngerer Architekt dem Morrisschen Beispiel gefolgt, C. R. Ashbee, der Verfasser der für englische Ästhetik typischen Aphorismen 2, vielseiliger Künstler und Leiter der Guild and School of Handicraft, die in Whitechapel ihre Werkstätten errichtete. Ashbee hat den zahlreichen Zweigen seines Betriebs auch das Buchgewerbe zugefügt und seit dem Tode von Morris manches wohlgeratene Buch gefertigt.

1 Freilich gehörte neben allem anderen ein Bienenfleiß dazu. Pissarro schnitt nicht nur die Bilder und die reizenden Rahmen, sondern auch den ganzen Text der 17 Seiten. Die Grundfarbe des Textes und der meisten Bilder ist ein warmes Grau, das sehr schön zu dem gelben Japanlücken steht. Die Seitentitel sind in einem nach Gelb gemilderten Rot. Wo Rahmen verwandt sind — immer nur bei den Seiten mit mehrfarbigen Bildern — stehen sie in blassem Grün, auf der ersten Seite in Gold. Fünf der Bilder sind vielfarbig. Das Ganze ist äußerst bunt und doch von glänzendem Geschmack und die Bildchen, in denen der alte Pissarro zu lächeln scheint, sorgen für männliche Haltung. — Der Text ist so deutlich, wie es bei dem Verfahren möglich ist.

2 Gesammelt in den „Chapters in Workshop Reconstruction and Citizenship“ (London 1894, Guild and School of Handicraft). — Seit einiger Zeit befinden sich die Werkstätten der Guild in Campden.

So viel Besonderes sich in solchen Erscheinungen und in den unzähligen privat für die englischen Bibliophilen gedruckten Werken zeigt, all diese Dinge verschwinden in der Masse von Büchern, die der englische Verlag auf den Markt und in die Menge bringt. Die Schätzung des Durchschnitts dieser Leistung ergibt ein respektables Niveau. Es liefen sich ohne Mühe ein Dutzend Druckereien und noch mehr große Verlagshäuser nennen, in denen nur tadellos ausgestattete Bücher gemacht und herausgegeben werden. Die modernen Verlagsfirmen Londons begannen lange, bevor Morris seine Keimscottpresse einrichtete, sich ihre Hauskünstler zu ziehen; sie sorgten, wenn nicht für individuelle Bücher, für eine ihrem Hause eigentümliche geschmackvolle Form der Bücher und trugen, jede in ihrer Art, dazu bei, diese gewerbliche Tradition zu bereichern. Morris zeigte, welcher Gediegenheit diese Kultur fähig war. Es konnte nicht fehlen, daß sie ein Genie hervorbrachte. Es entstand in dem Moment, da der eklektischen Jugend diese Kultur geläufig und die Gotik des alten Führers zu eng wurde. Es ging nicht über das Gebiet, dem es entsprang, hinaus, aber zauberte aus dem kleinen Feld so viel Schönheit, daß man wirklich einen Moment glauben konnte, das vergängliche Papier des Buches sei fähig geworden, den kunstschöpfenden Genius so zu erregen, wie einst die mächtige Wandfläche, die Holztafel, die Leinwand den Genius der Alten.

Text aus dem Buch: Entwickelungsgeschichte der modernen Kunst : vergleichende Betrachtung der bildenen Künste, als Beitrag zu einer neuen Aesthetik, Author: Meier-Graefe, Julius.

Siehe auch:
_____ Erstes Buch _____
Entwicklungsgeschichte der Modernen Kunst – Vorwort
Entwicklungsgeschichte der Modernen Kunst – Einleitung
Die Träger der Kunst Früher und Heute
Traditionen
Die Entstehung des Malerischen
Die Blüte der Malerei
Das Empire
Ingres
Die deutsche Kunst
Delacroix und Daumier
Honoré Daumier
Jean-François Millet und sein Kreis
Der Einfluss Jean-François Millet
Giovanni Segantini
Vincent van Gogh
_____ Zweites Buch _____

Constantin Meunier
Die vier Säulen der modernen Malerei
Edouard Manet
Edouard Manet und Whistler
Paul Cezanne
Vuillard-Bonnard-Roussel
Edga Degas
Edga Degas und sein Kreis – Die Nachfolger
Pierre-Auguste Renoir und sein Kreis

_____ Drittes Buch _____

Farbe und Komposition in Frankreich
Claude Monet
Georges Seurat
Paul Signac
Der Neo-Impressionismus als Kunstform
Der Neo-Impressionismus in Brüssel
Die Farbe in der Skulptur
Auguste Rodin
Medardo Rosso
Der Impressionismus in der Plastik
Die Tradition Jean-Auguste-Dominique Ingres
Théodore Chassériau
Pierre Puvis de Chavannes
Der Schatten Rembrandts
Adolphe Monticelli
Henri Fantin-Latour
Eugène Carrière
Odilon Redon
Maurice Denis
Paul Gauguin
Die Schule von Pont-Aven
Edvard Munch
Aristide Maillol

_____ Viertestes Buch _____

Die beiden Pole
Anselm Feuerbach
Hans von Marées
Arnold Böcklin
Adolf von Hildebrand
Max Klinger
Ludwig von Hoffmann
Wilhelm Leibl
Die Wilhelm Leibl-Schule
Wilhelm Trübner
Max Liebermann

_____ Fünftes Buch _____

George Minne
Englische Malerei
Englische Plastik : Alfred Stevens
Das junge England
William Morris

Entwicklungsgeschichte der Modernen Kunst

Wie für die deutsche Tafelmalerei das Jahr 15oo ein das Mittelalter beschließender Markstein ist, so ist auch für die Miniaturmalerei die Wende des Jahrhunderts von einschneidender Bedeutung. Aufgaben, Ziele und Mittel ändern sich. Vorerst hatte zwar die Entwicklung des Buchdruckes, des Holzschnittes und Kupferstiches eine gewisse Beeinträchtigung der Miniaturmalerei verursacht, sie aber keineswegs verdrängt. Hatte schon die hochentwickelte Miniaturmalerei bestimmte, rein technische Vorzüge gegenüber der noch weniger entwickelten Holzschneidekunst, so entbehrte der Holzschnitt überdies noch der Farbenpracht, weshalb man oft Miniaturen, Initialen und Randzier schon im K. Jahrhundert in die Druckwerke hineinmalte, auch lose Einzelminiaturen einklebte oder die freigelassenen Ränder mit kunstvollen, lavierten Federzeichnungen versah, wofür das für Maximilian gezeichnete Gebetbuch Albrecht Dürers das glänzendste Beispiel bietet (Abb. 54). Hiedurch verlieh man den gedruckten Büchern einen größeren Reiz und einen höheren Wert. Dann war es auch ganz natürlich, daß kunstliebende, reiche Leute den kostspieligen und ohne Zweifel auch wertvolleren Miniaturen den Vorzug ließen vor den in vielen Exemplaren für das allgemeine Publikum zugänglichen Holzschnittwerken. Darin wurzelt auch der Hauptcharakter, den die Miniaturmalerei mit den geänderten Verhältnissen bekommt: sie wird wieder repräsentative Prunkkunst wie zur Zeit Karls des Großen, sie wird fast ausschließlich aristokratisch. So wurden z. B. Prachtexemplare gefertigt für Kaiser Maximilian I., Ottheinrich, die bayerische Herzogin Kunigunde, Herzog Wilhelm IV., Albrecht V. usw. Aber auch andere wohlhabende Leute ließen sich mit Vorliebe Wappenbücher, Familienchroniken, Stammbäume, Turnier- und Fechtbücher u. dergl. mit Miniaturen ausschmücken. Freilich haben derartige Werke oft mehr kunst- und kulturhistorischen, sowie kunstgewerblichen als rein künstlerischen Wert.

In dem Bestreben nach möglichst vornehmer Wirkung verfallen auch die Miniatoren ähnlich wie die gleichzeitigen Plastiker zum Teil selbst auf die vorteilhafte und auch bequeme Idee, Kupferstiche, Holzschnitte und sogar Tafelgemälde der führenden Meister wie Dürer, Cranach, Burgkmair, Schongauer u. a. entweder vollständig zu kopieren, oder wenigstens mit kleinen Abänderungen sich zum Vorbild zu nehmen. So zeigt z. B. Joerg Guotknecht aus Augsburg in seinem Psalterium vom Jahre 1515 (München, cod. lat. 19201, bol. 7 v., Abb 51) deutlich den Einfluß) Dürers. Zum Teil geschah dies aber auch auf speziellen Wunsch der Besteller. Daß) übrigens nach damaliger Anschauung hiedurch das künstlerische Ansehen eines Miniators nicht geschmälert wurde, geht schon daraus hervor, daß) er ohne Bedenken unter seine technisch oft hochstehende Leistung seinen eigenen Namen stolz setzte.

Auch inhaltlich tritt eine Bereicherung des Stoffes ein, indem der Miniator zur Belehrung und Unterhaltung, vielleicht auch um seine Gelehrsamkeit zu zeigen, Szenen aus der Profangeschichte, der Tierfabel, dem antiken Ideenkreis einfügt und besonders auch der Landschaft und dem Sittenbilde eine hervorragendere Stellung einräumt.

Beachtenswert ist schließlich noch, daß die Möglichkeit eines regeren Tauschverkehres von Miniaturhandschriften die Scheidung in Lokalschulen auf große Schwierigkeiten stoßen läßt, so daß im allgemeinen im 16. Jahrhundert fast nur mehr eine Einteilung nach Miniatoren stichhaltig ist.

Was die stilistische Entwicklung des Miniaturbildes in der ersten Hälfte des lö.Jahrhunderts anlangt, ist es von großerWich-tigkeit, daß der Miniator nicht mehr eine reine Texterläuterung im mittelalterlichen Sinne, oder einen bloßen Flächenschmuck einer Buchseite bieten wollte, sondern daß daraus jetzt ein wirkliches „Miniaturgemälde“ geworden ist. Deshalb schließen sich diese kleinen Bildchen auch stilistisch den großen Renais-sancemeistern an. Charakteristisch ist der große Realismus, der in der lebhaften, schwungvollen Bewegung, dem individuellen, oft leidenschaftlichen Gesichtsausdruck, der farbig fein abge-stuften Modellierung, der kräftigen, in Licht und Schatten stark wechselnden Farbe sich zeigt. Die größeren Vollbilder werden gerne in frei behandelte Frührenaissanceumrahmungen mit stark ausgeschwungenen Säulen gesetzt, die manchmal aus phantastischen Akanthusblättern herauswachsen, so daß sie wie kleine Altarbildchen aussehen (Abb. 51). Dieser Renaissance-Formenreichtum ist wohl aus Italien gekommen, jedoch in deutscher Eigenart oft in rein dekorative Scheinarchitektur umgewandelt worden (Abb 52).

Selbständiger entwickelte sich indes schon in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts die Landschaft und das Genrebild, die beide sich von Anfang an aus den mittelalterlichen Monatsbildern herausentwickelt haben, obwohl sich zuweilen doch in der Landschaft auch Anklänge an die niederländische Kunst linden, wie uns z. B. das „Ottheinrich-Gebetbuch“ (München, cod. lat. 11332a, fol. i r., Abb. 52) ersehen läßt. Im allgemeinen aber bilden für die Entwicklung der Landschaft Holzschnitte und Kupferstiche keine Konkurrenz, weil beiden ja die Farbe fehlt, durch die doch in allererster Linie Stimmungs- und Be-leuchtungseffekte erzielt werden können. —

In der Entwicklung der Initiale tritt in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts keine wesentliche Änderung ein. Die Initiale wird entweder als Bildrahmen verwendet, oder sie tritt in kleinerem Formate auf, wobei dann Buchstabenkörperund Untergrund meistens mit Renaissanceornamenten geziert sind-, der Grund, auf dem die Initiale ruht, wird gewöhnlich von einem viereckigen, doppelfarbigen, profilierten Rahmen umschlossen. Die gotische Eckigkeit des Buchstabenkörpers verliert sich, der klassische Typ tritt in den Vordergrund. Die Initiale löst sich vollständig von der Randzier los oder steht höchstens in einem sehr losen, rein äußerlichen Zusammenhang durch eine einfache Überschneidung der auslaufenden Buchstabenenden (Abb. 53).

Für die Entwicklung des Randschmuckes ist in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts typisch, daß trotz der inneren stilistischen Gegensätze in ein und derselben Handschrift unmittelbar nebeneinander gotisches Rankensystem, Renaissanceformen und niederländische Randleistenart auftreten.

Mit auffallender Zähigkeit jedoch hält der Deutsche noch lange an seiner Ranke fest (Abb. 53). Freilich wird der lockere, regellose Schwung allmählich aufgegeben. Dafür werden die Spiralenwindungen dichter und symmetrischer, man füllt den Rand gleichmäßiger mit Rankengewinden aus und setzt reichlich goldene Füllpünkrchen ein, so daß das Ganze auch ohne äußere Abgrenzungslinien ein leistenartiges Gepräge erhält. Die Blätter, Blumen, Blüten und Früchte werden voller, saftiger, naturalistischer, in der Farbe bunter und malerischer; neben den phantastisch stilisierten pflanzlichen Gebilden stehen oft vollkommen naturgetreue Blumen. In der Ranke entfaltet sich regstes Leben. Aus den Blürenkelchen wachsen Pro-phetenfigürchen, in den Zweigen sitzen Tiere in Ruhe und in mannigfaltigster Tätigkeit, Genreszenen, wie z. B. jagende Jäger, tanzende Bauern oder musizierendes Volk werden eingefügt; auch Szenen aus der Tierfabel, wie der Hühner zu Markt tragende Fuchs usw. finden sich. Fine ganz besondere Rolle spielt die schon im Mittelalter beliebte Groteske, die jetzt aber ein ausgeprägteres seelisches Innenleben bekommt, mit köstlichem Humor und scharfer Satire vermischt oder auch alle gorisch verwertet wird. In meisterhaft genialer Weise knüpft Dürer in seinem Gebetbuch für Kaiser Maximilian an das gotische Rankensystem an, bringt aber, geläutert durch das Studium der Renaissance, Rhythmus und Symmetrie in die ehedem willkürliche Ranke, belebt mit nie mehr erreichter Naturwahrheit und innerei Kraft jedes einzelne Glied, das logisch motiviert ansetzt, und baut in echt deutscher Weise das rhythmische Linienspiel des kalligraphischen Schnörkels in persönlicher Eigenart zu einem in sich geschlossenen ornamentalen Gebilde aus.

Der Renaissancecharakter zeigt sich in der Randzier durch Aufnahme verschiedener Renaissanceformen, wie Akanthus und fühlt eben, daß all diese Renaissanceziermotive als etwas Fertiges, gleichsam als Fremdkörper von außen gekommen, und nicht aus dem deutschen Kunstgeist herausgewachsen sind; daher diese Stilmischung und nur langsame Angleichung an die Renaissance in der Miniaturmalerei, ähnlich wie in der „deutschen“ Renaissancearchitektur, wobei sich der deutsche Charakter doch nie ganz verleugnet.

Als dritte Gattung ist der Randschmuck in niederländischer Art zu nennen. Aber auch hier läßt sich die deutsche Eigenart klar erkennen. Zwar grenzt man ebenso wie der Niederländer die Leiste ab, man grundiert sie auch in Holzton mitMaserierung oder goldgelb, legt naturalistische Blumen darauf, versuchtauch die Schlagschatten zu geben, und trotzdem bleibt der deutsche Charakter. Es fehlt eben die malerische, stillebenartige Anordnung der Niederländer und meistenteils auch die delikate, präzise Ausarbeitung, sowie die zarte niederländische Farbe. Interessant ist auch, wie der Deutsche an die niederländisch nachgeahmte Randleiste ganze Landschaftsausschnitte mit Jagdszenen u. dergl. ansetzt (Abb. 57). —

Mit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts beginnt eine ganz neue Epoche der Miniaturmalerei. Freilich wird die Zahl der Miniaturwerke sehr spärlich, schon deswegen, weil der Charakter ein ausschließlich höfischer geworden ist. Solche schon im Umfang und im Format (45×60 cm) kolossalen Riesenwerke, wie sie Hans Muelich für Herzog Albrecht V. von Bayern hergestellt har, konnte sich auch kein Privatmann leisten. Auf Hunderten von Pergamenthlättern sind Orlando di Lassos Motetten (München, cod. mus. B) und Bußpsalmen (München, cod. mus. A) illustriert. Das ganze Werk legt Zeugnis ah von dem unendlichen Fleiß, dem vielseitigen Wissen, einer unerschöpflichen Phantasie und einem staunenswerten technischen Können. Bibel, Weltgeschichte, Mythe, Fabel, Allegorie, antike Ideen -— kurz alles mußte Stoff beisteuern zu diesem Unikum.

Stilistisch treten wir in eine ganz neue Phase mit neuem, andersgeartetem Wollen. Muelich hat sich in seinen Miniaturen gänzlich vom Mittelalter losgelöst und in Anlehnung an die italienische Renaissance einen neuen, persönlichen Stil mit echt deutschem Hinschlag geschaffen. Die Zeichnung ist großzügig, sogar manchmal etwas vernachlässigt. Die Konturen treten ziemlich zurück, dagegen wird die Wirkung hauptsächlich durch die Farbe erzielt. Diese ist hell, lebendig, glänzend, mit reichlicher Verwendung von Gold und Silber, um ja einen recht prunkvollen Effekt zu erreichen. Selbst bei Gegenständen, die ihrer Natur entsprechend gar kein Gold vertragen, wie bei Bäumen, ist Gold verwendet. Die Figuren zeigen in ihren kühnen Bewegungen, den starken Verkürzungen und im affekt-vollen Ausdruck mit Vorliebe italienisches Formgefühl. Die Komposition ist oft sehr mangelhaft. Nicht nur eine Überfülle von Figürchen auf kleinstem Raum, auch ein Reichtum an Szenen, die örtlich und zeitlich auseinander liegen, sind aut einem Blatte vereinigt. Dieses wirre Gewühl bekommt höchstenfalls durch grelle Färbung der Hauptpersonen, die oft fast bühnenhaft im Lichtschein stehen, einen rein äußerlichen, zentralen Ruhepunkt. In der Architektur rinden sich fast durchwegs Reminiszenzen an Italien, besonders an Rom und Venedig. Am erfreulichsten ist die selbständige Ausbildung der Landschaft, die sich an die lint-wicklung der deutschen Landschaftsmalerei enge anschließt (Abb. 58). Muelich macht seine Landschaften, die sich stilistisch durch weite Perspektiven, kühne, farbenprächtige Stimmungen und Beleuchtungseffekte auszeichnen, nicht mehr bloß zum Schauplatz für ein Historienbild, sondern verzichtet manchmal schon fast ganz auf jede Staffage, wodurch sie bereits einen selbständigeren Charakter erhalten. Kunsthistorisch höchst interessant und wichtig ist, daß Muelich einige Male jegliche Staffage vollständig wegläßt und sich die freie Natur direkt zum Vorbild nimmt, so z.B. bei der Darstellung von München (Abb. 59). Wir haben also hier eine der allerersten wirklichen Porträt-Landschaften.

Eine ganz besondere Bedeutung erlangt unter Muelich das Bildnis-Porträt, das er eifrig pflegt und das ihm auch gar manches Mal ausgezeichnet gelingt, wie die Miniatur im Kleinodienbuch Albrechts V. Gemahlin zeigt, wo wir die ganze herzogliche Familie beim Schachspiel sehen (München, cod. icon. 429, fol. i v., Tafel IV). —

Die Initiale tritt schon seit ijJo in ihrer Bedeutung zurück. Wenn sie aber besonders betont werden soll, dann geschieht es oft in höchst phantastischer Weise. Gerne wird sie aus Astwerk oder Architekturformen, selbst aus kurios gewundenen, mit Tieren kämpfenden oder turnenden Figuren gebildet, wofür Frater Andreas Wagner aus Ingolstadt in seinem Evangeliar (München, cod. lat. 19220, fol. 121 v., Abb. 60) ein typisches Beispiel bietet.

Besonders Muelich formt aus graziös geschwungenen, steinfarbigen Menschen Initialen oder er setzt ganze Szenen in den Buchstabenkörper hinein (Abb. 61 und 62).

Fine wesentliche Änderung erfährt unter Muelich die Randzier. Das vegetabile Element tritt fast ganz zurück, ebenso die mittelalterliche Sitte Tier- oder Genreszenen einzusetzen. Die einzelnen Pergamentblätter werden meist von einem architektonisch aufgebauten, oft die Holzschnitzereiennachahmenden Spätrenaissancerahmen eingefaßt, der bei Muelich oft ganz willkürlich in breiten Streifen in den Notentext hineinragt: der Schmuck wird zur Hauptsache, der Text wird untergeordnet (Abb. 62). Rollwerk, Hermen, Atlanten, Karyatiden, Kartuschen, Wappen, Pilaster, Säulen, Giebel und Rundbögen wechseln in bewunderungswürdiger Variation.

Ohne Zweifel widerspricht die Überfülle und Wucht, die sich auf dem beschränkten Raum einer Buchseite jetzt geltend macht, ganz der ursprünglichen Idee des Buchschmuckes. Trotzdem behält aber auch die Miniaturmalerei der Hochrenaissance ihren Wert und ihre Berechtigung. Sie stellt sich eben eine ganz andere Aufgabe: sie will nicht mehr den Schriftunkundigen belehren oder den Text verständlich illustrieren, oder deren Heiligkeit ehrfurchtsvollst kundgeben, sondern sie will in erster Linie ein pompöser Schmuck eines königlichen Prachtbuches, ein Prunkstück für sich selbst sein und zwar nach Inhalt und Form. Um das zu erreichen werden alle Kräfte aufgeboten und es wird alles beigezogen, wodurch Effekt erzielt werden kann. Dieselbe Erscheinung läßt sich fast allgemein wahrnehmen. So istz. B. auch das für Erzherzog Ferdinand von Tirol (1582—1590) von Georg Hufnagel hergestellte Missale (Wien, cod. 1784) ein Beweis für die allseitige Bildung und zugleich für das Streben in eklektischer Weise deutsche, niederländische, französische und italienische Kunstweisen zu einem Mischstil zu verarbeiten, der sich freilich in einer höchstvollendeten, prunkvollen Form darbietet.

Aus dem Buch: Die deutsche Buchmalerei in ihren stilistischen Entwicklungsphasen; mit 6 Farbentafeln und 64 Abbildungen, nebst einer Bibliographie (1923), Author: Jacobi, Franz.

Siehe auch:
Die deutsche Buchmalerei – DIE GERMANISCHE STAMMESZEIT
Die deutsche Buchmalerei – DIE KAROLINGISCHE EPOCHE
Die deutsche Buchmalerei – DIE OTTONISCHE PERIODE
Die deutsche Buchmalerei – DER VERFALL SEIT 1050
Die deutsche Buchmalerei – DAS 12. JAHRHUNDERT
Die deutsche Buchmalerei – DAS 13. JAHRHUNDERT
Die deutsche Buchmalerei – DAS 14. JAHRHUNDERT
Die deutsche Buchmalerei – DAS 15. JAHRHUNDERT

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Die mittelalterliche Buchmalerei des Abendlandes – Die gotische Buchmalerei
Die mittelalterliche Buchmalerei des Abendlandes – Bildergalerie

Die deutsche Buchmalerei