Schlagwort: Chinesenstadt

Die chinesische Telephonzentrale in San Francisco. (Aussen- und Innenansicht.)

In den Vereinigten Staaten leben derzeit 61,000 Chinesen und 111,000 Japaner, davon entfallen auf den Staat Californien 28,000 Chinesen und 72,000 Japaner. Bemerkenswert ist hierbei, dass die chinesische Bevölkerung des Landes in den letzten zehn Jahren um 15 Prozent abgenommen und die japanische um 55 Prozent zugenommen hat.

San Francisco ist der Hauptsammelpunkt der Gelben, dort haben sie noch ihre eigene „Stadt“, ihre eigenen Viertel, in denen sie abgesondert von den Weissen ihr Leben nach ihren heimatlichen Bräuchen und Gepflogenheiten leben. Das bedeutet indessen nicht, dass sie sich allen modernen Einflüssen und den amerikanischen Neuerungen verschliessen. Ganz im Gegenteil: in ihrer scheinbaren Teilnahmslosigkeit sind sie scharfe Beobachter und mit dem ihnen eigenen raschen Auffassungsvermögen nehmen sie von ihren weissen Mitmenschen alles an, was ihnen gut und wertvoll erscheint, um es später nach ihrer Heimat zu verpflanzen. Sie, die Jahrhunderte und Jahrtausende in selbstzufriedenem Nichtstun stillgestanden hatten und von Fortschritt nichts wussten, nichts wissen wollten, sind ausserordentlich gelehrige Schüler — sie lernen rasch und gründlich. Es ist als ob die lange Ruhe ihren Geist geschärft und ihren Fleiss gestärkt habe.

Deutsch-Amerikaner


Der Herbst ist für Tsingtau die günstigste Jahreszeit. Da ist die Hauptstadt des Schutzgebiets Kiautschou ein herrliches Stückchen Erde. Und es ist schnell und bequem zu erreichen. In fünfzehn Tagen kann man über Sibirien von Berlin nach Tsingtau reisen, und zwar in angenehmer, interessanter Fahrt, eben so sicher wie man von Königsberg nach Lindau fährt.

Unsre Kolonie liegt auf einer gebirgigen Halbinsel, die sich von Schantung nach Südosten in den Grossen Ozean erstreckt. Der höchste Berg des Gebirgszuges ist der Lauschan, der in Brockenhöhe aufsteigt. Sein Grat ist scharf und zackig, und da er aus dem Meeresspiegel empor wächst, schein er höher als sein deutscher Vetter. Am Morgen berühren ihn Auroras Strahlen mit Rosenfingern, die Mittagssonne treibt darauf ihr neckisches Spiel mit den Schattenrissen der andern Gipfel, die sich haschen und verstecken, vom Westen her grüsst die Abendsonne mit goldigem Hauch, ehe sie im Meer versinkt. Und während eben noch die Berge im letzten warmen Sonnenstrahl aufleuchteten, sieht man jetzt im Herbst oft den Mond hinter dem Lauschan aufsteigen, gross und rötlich, dass man meint, es sei der Sonne Spiegelbild.

Kolonie und Heimat

Unmittelbar nach der Besetzung Kiautschous durch Deutschland, als Entschädigung für die Ermordung der beiden Missionare Nies und Henle, legte England seine Hand auf den an der Nordküste von Schantung gelegenen Hafen Wei-hai-wei. Die britische Verwaltung begann sofort nach der Besitzergreifung mit dem Bau moderner Strassen und schuf bequeme Hotels, ein Krankenhaus, Schulen, ein Observatorium, Sport- und Badeplätze, einen öffentlichen Schlachthof, luftige Kasernen für die Besatzungtruppen usw. Am südlichen Abhange der vorgelagerten Insel Liu-kung-tao befindet sich die amtliche Kolonie mit den Verwaltungsgebäuden der Marine- und Besatzungstruppen und dem Seemannsheim. Die nicht amtliche Kolonie dagegen hat sich zum grösseren Teil auf dem Festlande, nördlich vom Hafen an der Narcissusbucht, angesiedelt. Die Chinesenstadt Wei-hai-wei zeichnet sich wie die meisten chinesischen Städte durch unheimlichen Schmutz und Gestank aus. Der Hafen von Wei-hai-wei hat eine ovale Form und besitzt zwei Eingänge. Die östliche Einfahrt ist etwa vier Meilen breit und kann nur von flachgehenden Fahrzeugen benutzt werden, dagegen ist die westliche Einfahrt, ungefähr eine Meile breit, sehr tief und für alle Schiffe befahrbar. — Der Hafen bietet den Schiffen einen vorzüglichen Schutz, er ist nur nach Osten offen, von dieser Seite wehen aber ganz selten Stürme. Auch zwei Leuchttürme sind vorhanden, einer an der Westeintahrt „Flaggstaff Point“, der andere auf der Südküste der Bucht Liu-kung-tao. Seit zwölf Jahren ist Wei-hai-wei britisch und jeder wird auf den ersten Blick zugeben müssen, dass im Vergleich mit dem, was wir Deutschen während dieser Zeit in Kiautschou geschaffen haben, zur Hebung Wei-hai-weis, trotz seiner vorzüglichen Lage und des enormen Kostenaufwands herzlich wenig getan worden ist. — Wei-hai-wei ist heute ein angenehmer Sportplatz für Oftiziere und Mannschaften und der Sommeraufenthaltsort des britischen Geschwaders in China. Das Schönste aber, was Wei-hai-wei bietet, ist die See mit ihrem tiefblauen Wasser und den angenehmen Seebrisen im Sommer. Die strategische Bedeutung Wei-hai-weis darf trotzdem nicht unterschätzt werden, denn Hongkong kann niemals als Basis für ein Geschwader, das an den Nordküsten Chinas operieren soll, in Betracht kommen.

Weiteres aus der Reihe „Kolonie und Heimat“

Kolonie und Heimat


Bekanntlich ist unsere deutsch-asiatische Kolonie durch die Besitzergreifung des Landes durch Admiral von Diederichs am 14. November 1897 begründet worden. Die direkte Veranlassung hierzu bot die Ermordung zweier Missionare in der Stadt Kiautschou. Das gesamte deutsche Gebiet hat hiernach seinen Namen erhalten. Die Stadt Kiautschou gehört aber nicht zum deutschen Schutzgebiet, sondern liegt in der „Neutralen Zone“, etwa 80 Kilometer von der Hauptstadt unseres Gebietes, Tsingtau, entfernt.

Um nun auch diese Stadt, die unserer Kolonie den Namen gegeben hat, kennen zu lernen, fuhr ich eines schönen Tages mit der Schantung-Eisenbahn früh 7 Uhr ab und traf ein. Kiautschou liegt eine Viertelstunde vom Bahnhof und ist mit einer hohen, zinnengekrönten Mauer ringsum eingeschlossen. Ich hatte die kühne Absicht, auf dieser Mauer einmal vollständig um die Stadt herumzuwandern, sie aber, besonders an den Toren, zu sehr eingestürzt war, konnte ich nach einer Stunde Wegs nur gerade bis zur Hälfte gelangen. Hier musste ich schliesslich mein Beginnen aufgeben, denn an einer vollständig demolierten Stelle war das Erklettern der Fortsetzung der Mauer mir nicht mehr möglich und zu gefährlich. Auch die regelmässig gebauten Zinnen fehlten oder waren baufällig. Was dem Zahn der Zeit getrotzt hatte, stand schief und krumm und drohte einzustürzen.

Kolonie und Heimat