Schlagwort: Chinesentum

Unternehmungslustige Söhne des himmlischen Reiches — so wird der „Kiautschou-Post“ aus Berlin berichtet — haben erkannt, dass in Berlin noch ein Feld für merkantilistische Betätigung auch für die gelbe Rasse vorhanden ist. Während in dem berühmten Lande der Freiheit, in den Vereinigten Staaten, der Rassenhass ihnen das Geschäft erschwert, wenn nicht gar eines Tages ganz unmöglich macht, lässt sich im Lande der polizeilichen Willkür, wie unsre Sozis und Liberalen den preussischen Staat mit Vorliebe bezeichnen, auch für Angehörige andrer Rassen ein ganz angenehmes Dasein führen. Das Publikum hat noch eine besondere Vorliebe für alles Fremde, und die Gewerbefreiheit gibt den Ausländern gleiche Rechte wie den Einheimischen. So fühlen sich denn die Chinesen, die vor etwa Jahresfrist nicht Studien-, sondern erwerbshalber nach Berlin kamen, hier so wohl, dass sie inzwischen grossen Zuwachs erhalten haben. Es scheint also, dass der von ihnen betriebene Handel mit angeblich selbstgefertigten Waren recht gut geht, um weitere Landsmänner zur Übersiedelung nach Deutschland zu veranlassen.

Preussen ist ein Dorado für Hausierer. Zu den polnischen Bündeljuden und ihren galizischen Stammesgenossen, zu den Bosniaken mit den Rattenfallen und den Italienern mit „Gipsfiguri“ treten nun die Chinamänner mit ihren kunstgewerblichen Erzeugnissen, die hauptsächlich aus Nippessachen bestehen. Dass mit dem neuen Artikel von den Chinesen ein gutes Geschäft gemacht wird, kann man wohl ohne weiteres annehmen. Denn abgesehen davon, dass schon die eigenartige Erscheinung der Männer aus dem fernen Osten dem Käufer besonderes Interesse einflösst, es lässt sich auch keineswegs beurteilen, inwieweit die Waren preiswert sind. Den Zopf als Zeichen des Chinesentums haben diese Hausierer entweder fallen gelassen oder sie tragen ihn versteckt in ihrer europäischen Kleidung. Aber die andre Haupteigenschalt des Chinesen, die geschäftliche Gewandtheit, zeigt sich bei diesen Pionieren des chinesischen Handels in derausgeprägtesten Weise. So verstanden sich die ersten chinesischen Hausierer, die des Deutschen nur notdürftig mächtig waren, vortrefflich auf die Zeichensprache, und das war in gewisser Beziehung durchaus nicht zu ihrem Schaden. Denn wenn ihnen auch tüchtig „abgehandelt“ wurde, so werden sie daraufhin auch tüchtig vorgeschlagen haben. Viele Käufer aber, die mit den Handelsgebräuchcn des Orients nicht vertraut sind, wurden dabei tüchtig übers Ohr gehauen.

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Kolonie und Heimat