Schlagwort: Denkmalplastik

An den alten Bauwerken schuf der Steinmetz als Künstler und Form-Erfinder, an den altgotischen Domen bewundern wir die entzückende Naivität des Meisseis, der die Fülle volkstümlicher Vorstellungen und Empfindungen in den Stein übertragen. Stein ward nicht mehr Stein, sondern sichtbares Gebet. Die heimatliche Flora, der kleinbürgerliche Personenkreis, in die biblische Legende übertragen, leben fort in die Ewigkeit.

Die Kunst hing an der Spitze des Werkzeuges. Der ganze plastische Schmuck der alten Dome wird für alle Zeiten das herrlichste Denkmal einer deutschen, lebendigen Kunstblüte bleiben, die längst abgestorben ist. Noch spät im Zeitalter des Barock schuf der Meissei an allen Häusern, heute feiert die Kunst. Der Bildner und der Kunstfreund klagen mit Recht über den Industrialismus, dem die Plastik zum Opfer gefallen ist.

Trotz des reichen Formen – Gespinstes unserer gipsüberladenen Großstadt – Kasernen hat die Plastik verhältnismäßig wenig zu tun. Der ornamentale Schmuck für die Zinshausfassaden wird einmal entworfen, abgegossen und bis ins Unendliche vervielfältigt.

Unter solchen Umständen mag man es begreiflich finden, dass der moderne Architekt den Bildner verdrängte. Selbst Monumente und Grabmale entstehen, die eitel Architektur sind. Durch diese Erscheinungen irregeführt, ist der Plastiker leicht geneigt, die Moderne verantwortlich zu machen, er wird Reaktionär zum Schaden seiner künstlerischen oder wirtschaftlichen Existenz und sieht sich bald allein.

Demgegenüber ist zu konstatieren, dass gerade die moderne Raumkunst im Begriffe ist, die Bildnerei aus dem lähmenden Bann des Industrialismus zu befreien und ihr neue künstlerische Wege zu erschliessen. Am Hausbau hat auch in der modernen Baukunst die Plastik zahlreiche Gelegenheit, sich auszuleben. Freilich nicht in dem Sinne, dass sie die Fassaden mit einem Gespinst fabrikmäßiger Formen überzieht und mit solcherlei unnützem Zierrat überladet. Unsere Großstädte bieten in dieser Hinsicht der abschreckenden Beispiele genug. — Die Moderne hat naturgemäß nicht das Prinzip, Plastik auszuschliessen, es sei denn schlechte Plastik. Es wäre ganz gut zu denken, dass ein moderner Bau eine Relieffassade trägt, wofern es einen Künstler gibt, der eine glückliche plastische Lösung fände. —

Kunstartikel

Mit dem Anfang des achtzehnten Jahrhunderts setzt in Wien eine Epoche friedlicher Kulturentwicklung ein, die mit ihren künstlerischen Leistungen den eigenartigen Charakter des Stadtbildes in seinen Hauptzügen festlegte und auch einen kräftigen Grund für alle weitere Tätigkeit abgab. Eine Zeit furchtbarer äußerer und innerer Kämpfe war überwunden. Zuerst hatten die Glaubensstreitigkeiten die ganze Bevölkerung Österreichs ebenso wie diejenige des deutschen Nordens aufgewühlt. Es ist begreiflich, daß die Regierung, welche von Wien aus ihre Soldaten, ihre Feldherren und ihre Befehle in den Dreißigjährigen Krieg entsendete, mit den stärksten Mitteln der Gegenreformation wenigstens im eigenen Lager die geistige Ruhe wiederherstellte. — Zugleich waren gegen Osten hin die Anstürme der Türken abzuwehren. Nachdem der Kaiser Siegismund und sein Heer bei Nicopolis unterlegen waren, hatten die Türken 1453 Konstantinopel erobert und drängten unaufhaltsam gegen Mitteleuropa vor. Die Niederlage bei Mohäcs, der Abfall des von den Ungarn zum König gewählten Johann Zapolya, der sich mit den Türken gegen Kaiser Ferdinand verband, hatten die erste schreckensvolle Invasion 1529 zur Folge.

Die heldenmütige Verteidigung der Wiener unter Niklas Grafen Salm ist oft geschildert worden. Aber die Gefahr war nicht endgültig abgewendet; die abgebrannten Vorstädte durften nicht wieder aufgebaut, die Wälle und Befestigungen mußten beständig vermehrt werden. Aus der berühmten Handelsstadt, in der vorher auch Kunst und Dichtung geblüht hatten, wurde eine Festung. Erst nach der zweiten gewaltigen Abwehr 1683, bei der etwa 20000 Einwohner sich gegen ein Heer von 170000 Mann zu verteidigen hatten, bis deutsche und polnische Truppen zum Entsätze der Stadt herbeikamen, war der „Erbfeind“ endgültig zurückgedrängt.

Um so reicher konnten dann aber unter Josef I., Karl VI. und Maria Theresia die aus früherer Aussaat emporschießenden Künste sich entfalten. Es ist diese Epoche in Geschichtswerken oft so dargestellt worden, als ob der Zwang der religiösen Zucht, der jesuitischen Beichtväter alle geistige Regsamkeit niedergehalten und die Übermacht der Hofkreise und des Adels alles kräftige Empfinden vernichtet hätte. Dieser Auffassung gegenüber müßte doch darauf hingewiesen werden, unter welchem Druck der vornehmen Kreise im mächtigen Frankreich und auch in Spanien die gesamte Bevölkerung zu leiden hatte, und daß auch dort die großen Künstler, wie Rigaud, Le Brun, Boucher, Watteau sich um die allein wärmende Sonne des Königtums drehten. Und was die geistige Regsamkeit im nördlichen Deutschland zu jener Zeit anbelangt, so war sie wohl auch von Pietismus und Zopf bös beeinflußt. In der neuesten Zeit erst, wo man die Kultur einer Epoche nicht mehr einseitig nach literarischen Leistungen mißt, konnten‘ die Kunsthistoriker zum Verständnis jener bedeutungsvollen Epoche Vordringen, in welcher die Baukunst, Denkmalplastik, Freskomalerei, Gobelinweberei, Porzellanfabrikation, Goldschmiedekunst und manche anderen Hilfskünste sich zu einem vollkommen selbständigen, wenn auch von italienischem Barock und französischem Rokoko in einzelnen Formen und Motiven beeinflußten Stil entfalteten. Diesen Stil als einheitliche historische Offenbarung zu studieren, müßte ein Hauptinteresse der kunstsinnigen Weltreisenden sein. Freilich gehört dazu ein längerer Aufenthalt und ein emsiges Nachgehen; auch fehlt ein anregender, übersichtlicher Cicerone. Vielleicht geben diese Zeilen den Anstoß dazu.

Siehe auch:
Wien : eine Auswahl von Stadtbildern
Alt- und Neu-Wien in seinen Bauwerken
Wien-Einleitung und Historischer Überblick

Alt-Wien; die Geschichte seiner Kunst