Abbildungen Weltgeschichte


Wo jetzt Altkairo liegt, stand einst in der Zeit der Oströmer der Brückenkopf von Memphis, ein Castell mit Namen Babylon, welches wir mit den Besten seiner Mauern und Thürine noch jetzt im koptischen Quartier vor uns haben. Auch die grosse Wasserleitung, die unsere Abbildung zeigt, datirt aus sehr alter Zeit. Das Castell hielt die unter Amru hereingebrochenen Araber sieben Monate auf, endlich wurde es von den Belagerern unter dem Kufe: „Allah ist siegreich!“ mit Sturm genommen, und bald darauf fiel auch Memphis, die damalige Hauptstadt auf dem andern Ufer des Stromes. Ainru’s Zelt aber blieb bei Babylon aufgeschlagen — der Sage nach, weil ein Taubenpaar sieh darauf angesiedelt — und wurde der Anfang einer Stadt, die nach ihm Fostat, Zelt, hiess und rasch wuchs, während Memphis alhnälig von seinen Bewohnern verlassen wurde und die Steine seiner Häuser und Paläste zum Bau des bald nachher gegründeten Kairo hergeben musste.

Fostat, jetzt Altkairo oder Masr Atika, ist als die älteste mohammedanische Niederlassung im Nilland eine Stadt der Ruinen und Legenden , welche letzteren sich vorzüglich an die halb eingefallene Moschee Ainru’s knüpfen. Sie wurde im Jahre 860 n. Chr. erbaut, und die Sage geht, wenn sie ganz eingestürzt sein wird, ist es auch mit der Religion Mohammed’s am Ende. Es ist ein grosses Parallelogramm mit über dreihundert blauen Marmorsäulen, welehe an jeder der vier Innenwände fünf Säulen tiefe Colonuaden bildeten, jetzt aber zum grossen Theil umgefallen oder verstümmelt sind.

Von den beiden Säulen am Eingang hiess es früher, kein Ungläubiger könne zwischen ihnen hindurchgehen. War damit gemeint, kein Heide, Jude oder Christ, so verstand sich das von selbst, da Heiden, Christen und Juden früher überhaupt das Innere von Moscheen nicht betreten durften. Vielleicht aber war die Behauptung ein Pendant zu dem Bibelsprüche, naeh welehem kein Reicher ins Himmelreich eingeht. Die Säulen stehen so dicht neben einander, dass nur magere Körper zwischen ihnen hindurch können. Der Glaube des Islam fordert fleissiges Fasten, der Reichthum aber befördert die Neigung dazu nicht, wie die vielen fetten Türken in den Strassen Kairos zeigen, von denen schwerlich einer durch diese Säulen der Prüfung hindurchkommen würde.

Noch wunderbarer ist die Legende, welche von der dieken Säule vor dem Aufgang zur Kanzel der Amru-Moschee erzählt wird. Amru, der Feldherr des Chalifen Omar, bat sich, als er dieses Heiligthum haute, von seinem Herrn eine Säule aus der Kaabah in Mekka aus. Letzterer wandte sich an eine der dortigen Säulen und befahl ihr sofort nach dem Nil auszuwandern. Die Säule rührte sieh nicht. Der Befehl wurde mit grösserer Energie wiederholt, aber sie zog es vor stellen zu bleiben. Er hiess sie zum dritten Mal sich aufmachen gen Fostat und fügte erzürnt einen Schlag mit der Karbatsche hinzu. Umsonst, die eigensinnige und ungehorsame Säule blieb so eigensinnig und ungehorsam wie alle Säulen, wenn Menschen ihnen zumuthen zu gehen. Da rief der Chalif:

„Ich gebiete Dir im Namen Gottes, o Säule der Hartnäckigkeit, hebe Dich weg und begib Dich gen Fostat.“

Da ging sie, und sie steht noch jetzt, und der Peitschenhieb, für den Ungläubigen ein blosser Sprung, ist auch noch zu sehen.

Ferner ist hier eine Quelle, die ebenfalls aus Mekka gekommen und in Folge dessen ebenfalls ein Heiligthum ist. Wenn der Nil nicht steigen will und Dürre droht, so geht, wie uns der Führer erzählt, der Pascha mit den mohammedanischen, christlichen und jüdischen Geistlichen hierher und hält, die Araber und Türken innen, die Andersgläubigen aussen, Umzüge um die heilige Quelle, und wenn unser Berichterstatter nicht falsch berichtet ist, so hat sich das Mittel bis jetzt jedes Mal bewährt.

Auch die Christen haben hier eine heilige Stätte, ln der Derb Juffuf, der Josephsgasse, liegt ein koptisches Mönchskloster, und in diesem wird die Grotte gezeigt, in welcher die heilige Familie, Maria, Joseph und das Jesuskind, während ihres Aufenthaltes in Aegypten gewohnt haben soll. Die Grotte befindet sich unter dem Hochaltar der Kirche, welche — bei diesen Reliquien darf man sich über nichts wundern — nach der Meinung der Mönche ein Alter von nicht weniger als 1862 Jahren hat!

Von diesen Wundern alter Zeit begeben wir uns jetzt zu einem nicht minder seltsamen modernen und lebendigen Wunder, zu einem Gottesdienst der Derwische, welche etwa einen Büchsenschuss nördlich von Altkairo ihr Kloster haben. Dasselbe besteht aus einigen unschein-baren Gebäuden, die einen von Bäumen beschatteten kleinen Hof einschliessen und etwa ein Dutzend Derwische vom Orden der Dschelanijeh beherbergen. Die damit verbundene Moschee ist ein Steinwürfel, aus dem eine Kuppel herausschwillt. Der Boden ist im Innern mit Matten bedeckt. An den Wänden hängen Kesselpauken, Keulen, Hellebarden, Streitäxte und Becken. Zu beiden Seiten der Mekkanische, welche wie gewöhnlich ein Rundbogen und horizontal weiss und rotli gestreift ist, stehen zwei Fahnen, zwischen denen eines jener kahnförmigen Gefässe hängt, mit denen die Derwische bei ihren Wanderungen Wasser schöpfen und Almosen sammeln.

Jeder Freitag Nachmittag versammelt hier die Insassen des Klosters und die ausserhalb desselben wohnenden Genossen des Ordens zu einer Andacht, welche zu den interessantesten, wenn auch keineswegs zu den erbaulichsten Erscheinungen der Chalifenstadt am Nil gehört.

Vor der Nische ist ein Halbkreis mit Schaf- und Leopardenfellen belegt, auf welchen die eintretenden Derwische, die Gesichter dem vor der Nische sitzenden Schech oder Abt zugekehrt, Platz nehmen. Einige von ihnen haben ein sehr abenteuerliches Aussehen, hohe spitze persische Mützen von buntgewirktem Zeug, unten mit Pelz besetzt, grosse Amulette, lange rothgebeizte Haare und lange zottige Bärte. Andere tragen sich wie die niedere Chasse in Aegypten, einige sind Soldaten. Neben dem Schech stehen zwei Knaben, welche feine faltige Gewänder von braunem Tuch, goldene Gürtel und graue Filzmützen von der Form eines Zuckerhutes tragen, welchem die Spitze abgeschlagen ist.

Der Gottesdienst beginnt mit dein vom Schech angestimmten Gesänge des Glaubensbekenntnisses des Islam: La illah illa Iah, es ist kein Gott ausser Allah, der sanft und feierlich dahin gleitet, und in den sümmtliche Derwische, auf den Fersen sitzend, einstimmen, wobei sie sich tactmässig bald nach rechts, bald nach links wiegen. Dann trägt ein Mundschid oder Sänger aufstehend und die rechte Hand an das Ohr legend ein Loblied auf die Stifter der vier Derwisch-Orden vor, etwa in der Weise, wie in jüdischen Synagogen gesungen wird, näselnd und tremulirend. Bisweilen auch ist es ein mystisches Liebeslied voll Feuer und Wehmuth, die Sehnsucht einer Seele nach der Vereinigung mit Gott ausdrückend, welcher unter dem Hilde eines geliebten Mädchens angerufen wird. Der Sänger endigt mit dem Worte Allah, welches nun von dem Chor der Derwische mehre hundert Male unter steten Verbeugungen wiederholt wird.

Nach einer Weile folgt auf ein Zeichen des Schechs ein anderes Lied in Chor, wobei die Derwische, jetzt aufgestanden, sich wieder nach rechts und links schaukelnd bewegen. Plötzlich tritt einer der Knaben in die Mitte des Halbkreises, legt den Kopf auf die Schulter, breitet die Arme aus und fängt an, sich wie ein Kreisel zu drehen, eine Bewegung, die er etwa eine Viertelstunde, scheinbar ohne Anstrengung fortsetzt, während die Andern sich unaufhörlich und immer tiefer und hastiger verbeugen und dazu fortwährend den eintönigen Ruf Allah hören lassen.

In den monotonen Gesang mischen sich jetzt wieder die zitternden kreischenden Jubeltöne des Mundschids, dem sich die Flöten von zwei Musikanten anschliessen. Die Verbeugungen der Derwische sind jetzt so heftig geworden, dass sie mehr wie ein Auf- und Abfahren von eben so vielen Brunnenschwengeln aussehen. Ihr Ruf ist zum wüsten Gebrüll gesteigert, in das sich das wilde „Huhu!“ besonders Erregter mischt. Der tanzende Knabe aber dreht sich gelassen fort, bis er endlich so plötzlich wie er begonnen abbricht und in die Reihe der andern zurücktritt.

Es folgt eine Pause, dann hebt das Bücken und Allah-Stöhnen mit erneuter Kraft wieder an, und ebenso beginnen die Flöten und der Sänger von Neuem sich hören zu lassen. Das Bücken wird zum wüthendMen Schlenkern des ganzen Körpers bis zu den Knien, die Augen glühen wie von Wahnsinnigen, die Haare fliegen wie die Mähnen von wilden Thieren, dann und wann schreit ein Verzückter auf: „Ya hu,“ o Lebendiger, oder ein Sinkender: „Ya meded!“ o Hülfe. Zu den Flöten gesellt sich die Handpauke und zu dieser das schallende Becken. Wessen Kräfte nachlassen, der wird vom Schech mit Händeklatschen zu weiteren Anstrengungen ermuntert. Ueber dem wilden Tosen dieser grauenvollen Seelenbrandung aber hören wir die Stimme des Mundschids singen: „O Mittler! O Geliebter! O Arzt der Seelen! O der Du erwählt wurdest! O Sachwalter am Tage des Gerichts, wenn die Menschen ausrufen werden: O meine Seele, o meine Seele! und Du antworten wirst: O mein Volk, mein Volk!“

Endlich hat die furchtbare Aufregung dieses Gottesdienstes die Mehrzahl erschöpft. Das Gestöhne zu Allah wird schwächer, und einzelne lassen in ihren Bewernnmen nach. Andere aber fahren, wie von einer unsichtbaren Riesenfaust geduckt und wieder emporgerissen, schweiss-triefend, mit stieren Augen, röchelnd, brüllend fort, bis sie von ihren Gefährten auf den Rücken gelegt werden oder unter Zuckungen von selbst Zusammenstürzen. Mehre türkische Derwische halten auch jetzt noch aus, bücken und bücken sich, brechen in die Knie, raffen sich auf und bücken sich wieder, taumeln dann wie Betrunkene, Schaum vor dem Munde, einher, springen kreischend nach den Wänden, um sich den Kopf daran einzustossen, fallen nieder und liegen nun wie todt auf dem Boden, bis der sanfte Gesang des Schecks und anderer Vorsteher, der die scheussliche Scene beschliesst, sie aus ihrer Betäubung erwachen lässt.

Wir haben nur ein Wort für den Ausdruck der Gefühle, mit denen wir uns von diesem Gottesdienst entfernen. Allahu akbar — Gott ist gross — wa kerim — und barmherzig!

Text aus dem Buch: Bilder aus dem Orient (1864), Author: Busch, Moritz; Lèoffler, August.

Siehe auch:
Bilder aus dem Orient – Der Orient.
Bilder aus dem Orient – Alexandrien
Bilder aus dem Orient – Kairo, die Chalifenstadt
Bilder aus dem Orient – Die Citadelle von Kairo
Bilder aus dem Orient – In der östlichen Wüste
Bilder aus dem Orient – Die Gärten und Garteninseln Kairos

Bilder aus dem Orient