Deutsche Geschichte-Zeittafel (500000—10000 v.Z. Eiszeit-1941)

Das Frankenreich – eine germanische Weltmacht.
Chlodwig erstrebt die Vorherrschaft um unter den Germanen.
Chlodwig wird Alleinherrscher der Franken.

Viele Gaue gab es im Lande der Franken und viele Gaufürsten. Einer unter ihnen war Chlodwig (Ludwig) aus dem Geschlechte der Merwinger.

Er war klug, ehrgeizig und unerschrocken, aber auch gewalttätig. Die weitgehende staatliche Zersplitterung war seinem starken Herrseherwillen unerträglich. Ebenso wie Theoderich wollte auch er die germanische Kraft zusammenballen. Alleinherrscher der Franken — Herrscher aller Germanen — das waren Chlodwigs Ziele. Zunächst beseitigte er die fränkischen Gau-fürsten, fast alles seine Vettern. Jedes Mittel war ihm recht, um sein Ziel zu erreichen.

Chlodwig will Germanien zur Einheit zwingen.

Als Chlodwig die Macht über alle Franken in seiner Hand hielt begann er sofort, die übrigen Teile Galliens zu unterwerfen. Sein erster Schlag traf den letzten Rest des römischen Reiches in Nordfrankreich mit der Hauptstadt Paris. Dann wandte er sich mit seinem Heere gegen den germanischen Bruderstamm der Alamannen. Grimmig wehrten sich die Angegriffenen. Die Franken kämpften mit ihrer gefürchteten Streitaxt, dem scharf geschliffenen „Schildspalter“. Aber die Alamannen hielten stand. Helden fochten gegen Helden, Germanen gegen Germanen! Lange Zeit war der Ausgang der blutigen Schlacht ungewiß. Doch mit letzter Kraft hefteten Chlodwig und seine kampfgeübten Franken auch diesen Sieg an ihre Fahnen. Die Burgunder und die Westgoten ereilte dasselbe Schicksal wie die Alamannen. Chlodwig entriß ihnen wertvolle Teile ihres Landes. Er hätte die germanischen Nachbarvölker vollständig unter seine Herrschaft gebracht, wenn nicht Theodcrich, der ein großgermanisches Reich unter gotischer Führung erstrebte, gewesen wäre.

Germanisches Blut und fremder Geist.

Um die germanischen Nachbarn mit Gewalt zu unterwerfen, brauchte Chlodwig einen Bundesgenossen. Er fand ihn in der römisch-katholischen Kirche, der die römisch-keltischen Untertanen im Gebiete der Westfranken angehörten. Chlodwigs Gemahlin, eine burgundische Königstochter, war bereits getauft und christlich erzogen. Sie bestärkte ihren Gatten in seinem Vorsatz, und so trat Chlodwig bald nach dem Alamannenkriege zur römisch-katholischen Kirche über. Auch der Kirche war an dem Bündnis mit dem Frankenkönig sehr gelegen. Zum. erstenmal trat ein germanischer König der römischen Kirche bei; denn die Goten waren Arianer, erkannten den Papst nicht an und wurden von der katholischen Kirche als Ketzer angesehen. Die Kirche konnte ihren Jubel nicht unterdrücken. „Beuge dein Haupt, stolzer Sigambrer! Bete an, was du verbrannt, verbrenne, was du angebetet hast“, triumphierte der Priester bei der Taufe.

Es waren ungleiche Bundesgenossen, die sich zusammengefunden hatten. Chlodwig wollte die germanische Macht unter seiner Herrschaft fest zusammenfassen. Der Papst aber hoffte, durch die Bekehrung mit dem germanischen Kampfgeist fertig zu werden.

Bei allen seinen Machtbestrebungen wurde Chlodwig von nun an von der Kirche besonders unterstützt. Schon in seinem Kampf gegen die Westgoten fand er die Hilfe katholischer Priester, die das Volk gegen seine gotischen Herren aufbrachten. Chlodwig rief zu dem Kriegszug mit den Worten auf: „Es bekümmert mich, daß die Arianer einen Teil Galliens besitzen; laßt uns mit Gottes Hilfe aufbrechen, sie besiegen und ihr Land in unsere Gewalt bringen.“ — Das Germanentum aber mußte die Kosten des Bündnisses mit der Papstkirche tragen. Mit germanischem Blüte wurde ein neues Reich gegründet, doch römisch-christlicher Geist gewann darin für Jahrhunderte entscheidende Bedeutung.

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Deutsche Geschichte

,,Erasmus ist nicht mit gewöhnlicher Elle zu messen, da er menschliches Mass übersteigt“.

Die Stürme der Reformationszeit brausen durch die Lande. Pfarrer schaffen die Messe ab, Priester rnfen ihr Anathema, Mönche zetern, der Pöbel plündert die Kirchen. Die Christenheit spaltet sich in zwei Lager. Inmitten dieses buntbewegteb Lebens, an Alt- und Neugläubigen vorbei, schreitet, ein nachsichtiges Lächeln um die schmalen Lippen, der Vielgefeierte. der Vielgehasste — Erasmus von Rotterdam. Glaubenskampf und Parteihader sind ihm menschliche Schwächen, denen er ans dem Wege geht. Mögen die andern streiten, er will Ruhe, Unabhängigkeit, Friede. Friede um jeden Preis. Und Müsse für seine Wissenschaft, vor der alles andere zurückzutreten hat. Den Studien allein gilt sein Leben. Daran vermögen die Menschen nichts und die ärgsten körperlichen Leiden nichts zu ändern. Die Grossen der Erde suchen den Fürst der Gelehrten an ihre Höfe zu fesseln. Vergebens. Städte locken mit ihrem Bürgerrecht. Umsonst.

«Respondi, me veile civem esse totins nuiiuli, non unius oppidi — ich will ein Bürger der ganzen Welt sein! lautet seine Antwort. Und er ist es geworden und ist es heute noch…..

Erasmus wurde zu Rotterdam in der Nacht vom 27. zum 28. Oktober 1466 geboren. Der aussereheliche Sohn eines zum Priester Bestimmten, des Gerhard aus dem benachbarten Gouda, und der Margaretha Rogers, Tochter eines Arztes aus Zevenbergen. Dem in der Taufe erhaltenen Namen Erasmus fügte der Erwachsene später den weiteren Vornamen Desiderius bei. Kaum vier Jahre alt, kam der Knabe in die Schule zu Gouda, um i. J. 1475. nachdem er sich vorher als Chorsänger an der Domschule zu Utrecht versucht, in Begleitung der Mutter die berühmte, von 2000 Zöglingen besuchte Schule in Deventer zu beziehen. Schon zeigte sieh seine leichte Auffassungsgabe, sein erstaunliches Gedächtnis, schon war nach einigen Jahren sein Verständnis für das Altertum geweckt, waren Foraz und Terenz seine Lieblinge: da bricht die Pest aus und raubt dem Dreizehnjährigen die Mutter. Er versucht in Deventer zu bleiben. Doch die Pest jagt ihn fort, heim nach Gouda, zum Vater. Den wirft die Unglücksbotschaft aufs Krankenlager und wenig später folgt er der Mutter im Tode nach. Der junge Erasmus ist vater- und mutterlos, allein in der Welt, dem guten oder schlechten Willen dreier Vormünder ausgeliefert.

Sein Vater hatte gewünscht, dass er an einer Universität sich den humanistischen Studien widme, und hatte ein kleines Erbgut für diesen Zweck bestimmt. Doch die Unehrlichkeit eines Vormundes, dem das Geld unter den Fingern zerrann, machte einen Strich durch diese Rechnung. Nun galt es den Knaben, dessen Herzenswunsch vernichtet war, auf möglichst glimpfliche Art zu entfernen. Er sollte Mönch werden. Konnte doch so der Makel seiner Geburt, aber auch der Betrug des Vormundes am leichtesten verborgen werden. Man steckte ihn in die Erziehungsanstalt einer geistlichen Bruderschaft in Ilerzogenbusch. wo er drei lange Jahre verbrachte, ohne sein Wissen sonderlich vermehrt zu sehen. Und wiederum nahte die Pest. Vertrieb den Jüngling aus der Anstalt und veranlasst« ihn, nach Gouda zu seinen Vormündern zurückzukehren. Auf jede Weise suchten nun diese ihn für das Klosterlehen zu gewinnen. Als Bitten und Zureden und Drohungen nichts über ihn vermochten, sagten sie sich los von ihm.

Von allen verlassen, mittellos, von monatelangem Fieber geschwächt, Hess er sich zuletzt bereden, in das Kloster der regulierten Augustiner-Chorherren zu Steyn bei Gouda einzutreten. Er war zwanzig Jahre alt, als er 1487 diesen Schritt tat. Im nächsten Jahre legte er die Klostergelübde ab. Die Unabhängigkeit, nach der sein beweglicher Geist sich sehnte, hatte er verloren, aber er hatte Versorgung gefunden, Müsse und Ruhe und jugendlich – überschwängliche Freundschaft. Und Bücher, vor allem lateinische Klassiker, mit denen er bald innig vertraut wurde. Schon fing seine Feder sich zu regen an. Religiösen Gesängen zur Ehre Christi und der hl. Jungfrau folgten bald humanistisch gefärbte Oden, Elegien und Prosaaufsätze wie die «Antibarbari». Und doch, wenn auch von manchen Mönchspfliehten entbunden, strebte er aus dem Klosterzwang heraus. In einem aufkeimenden Gefühl geistiger Ueberlegenheit. in einem unabweisbaren Drang nach freier Betätigung.

1492 war er zum Priester geweiht worden, hatte eiserne erste Messe gelesen. Da nahte im folgenden Jahre die Befreiung. Der Bischof von Cambrai, willens, sich in Rom den Kardinalshut zu holen, brauchte einen des Lateinischen kundigen Reisebegleiter und Schreiber. Der junge Erasmus war ihm als ausgezeichneter Lateiner empfohlen. Und so erwirkte er von dessen Oberen die Erlaubnis, dass er aus der Klausur, doch unter Beibehaltung der Ordenstracht, entlassen wurde. Welche Aussichten für diesen! Frei sein, endlich frei, und Rom, das Ziel seiner Wünsche, vor Augen! Rom. von dem sein Vater, der dort studierte, dem aufhorchenden Knaben immer wieder erzählte. Rom. die Pflanzstätte humanistischer Bildung, aurea Roma! ….

Erasmus eilte nach Cambrai. Doch es sollte anders kommen. Der Bischof musste wegen Geldmangel seine Konireise aufgeben. Immerhin sorgte er für den Enttäuschten, behielt ihn zunächst eine Weile bei sich und ermöglichte ihm dann 1494 die Reise nach Paris. An der ersten Hochschule der christlichen Welt sollte er sich im theologischen Studium weiter ausbilden. Aber die hier gelehrte trockene Scholastik konnte ihn nicht befriedigen, die elende Verpflegung im Collegium Montaigu, wo ihm der Bischof eine Freistelle verschafft hatte, konnte er auf die Dauer nicht aushalten. So kehrte er über Köln, wo er im Sommer 1496 studierte, in die niederländische Heimat zur Erholung zurück.

Von da an begann sein Wanderleben. Die nächsten Jahre verbrachte er bald in Paris, wo er sich den Lebensunterhalt durch Erteilen von Privatunterricht verschaffte, bald, um der daselbst herrschenden Pest zu entfliehen, bei Bekannten und Freunden in Frankreich und den Niederlanden. Seine Lage besserte sich zusehends, als zwei reiche Engländer seine Schüler geworden und er ihre Studien an der Pariser Hochschule zu überwachen hatte. Holte doch der eine von ihnen, der junge Lord William Mountjoy. den Praeceptor aus seiner öden Kammer, um ihn in seiner eigenen Wohnung aufzunehmen. Lehrer und Schüler zugleich. trat Erasmus allmählich auch in Verkehr mit den berühmten Pariser Humanisten und ging mit rastlosem Eifer darauf aus, sich die Sprache und das Wissen, aber auch den Geist der römischen Antike anzueignen. Nebenher ging das theologische Studium, das er im Herbst 1498 mit der Erwerbung des Baccalaureats abschloss.

Jetzt schien auch der Zeitpunkt für den von Lord Mountjoy schon lange erbetenen Besuch in London gekommen. So landete Erasmus im Frühjahr 1499 in England, um zuerst im elterlichen Hause des Lords und später in St. Mary’s College zu Oxford Wohnung zu nehmen. Eine völlig andere Welt, als was er bis dahin gesehen! Ein Volk, das eine Sprache sprach, von der er zeitlebens kein Wort verstand. Mit seiner holländischen Muttersprache kam er da nicht weit. Mit Französisch, das er in Paris gelernt, noch weniger. Doch ihn zog es nur zu den Gelehrten und, da Latein damals die Umgangssprache nicht nur der gelehrten, sondern auch der gebildeten Well Europas war, so hatte es damit keine Not. Er lernte die angesehensten und gelehrtesten Männer Englands kennen, u. a. .lohn Golet, der ihn bewog, sich mit der griechischen Literatur eingehender als bisher zu beschäftigen, dann den jungen Thomas Morus, der sein vertrauter Freund wurde. Beziehungen mannigfacher Art wurden geknüpft, gelehrte Fragen behandelt, schriftstellerische Pläne erörtert. Ein reiches Jahr lag hinter ihm, als er sich 1500 in Dover zur Rückfahrt nach den Niederlanden anschickte. In Dover, wo ihm die Zöllner seine sauer ersparten 20 Pfund bis auf weniges Kleingeld abnahinen. Eine zollgesetzliche Massnahme, die er später mit einer kleinen Schrift zum Lobe des englischen Königs und ganz Englands beantwortete…..

In den folgenden fünf Jahren sah man ihn abwechselnd in Paris, in Orleans und in den verschiedensten Orten der Niederlande seinen Wohnsitz nehmen. In der Gelehrtenwelt begann er als Schriftsteller von sich reden zu machen. Besonders, als rasch nacheinander seine Adagia», eine Sammlung griechischer und lateinischer Sprichwörter (Paris 1500). sein «Enchiridion militis ehristkmi» (1502) und Uebersetzungen von Schriften Lucians (1503) im Druck erschienen Werkt, in denen das gelehrte Wissen eines Philologen sich mit einer eleganten und flüssigen Sprache verbanden. Darunter das «Handbüehlein des christlichen Streiters» mit seinem theologischen Programm, das ein Christentum des Rechttuns im Sinne der Bergpredigt empfahl. Seinem formvollendeten Latein hatte er auch die Ehre zu verdanken, dass er im Januar 1504 vor feierlicher Versammlung in Brüssel den aus Spanien zurückgekehrten Philipp den Schönen im Namen der Niederlande mit einem Pane-gyricus hegrüssen durfte.

Ein zweiter Aufenthalt in England, von dem er im Frühsommer 1506 nach Paris zurückkehrte, sollte für Erasmus von ungeahnter Bedeutung werden. Dass er bei dem Erzbischof Warhain von Canterbury, seinem nachmaligen Gönner, eingeführt wurde, war schon etwas. Mehr aber, unendlich mehr, dass der Leibarzt des englischen Königs, Battista Boerio aus Genua, ihm anbot, seine beiden Söhne nach Italien zu begleiten, um ihre dortigen Studien zu überwachen. Der Traum der Jugend sollte Wirklichkeit werden ….

Schon im Jahre 1500 hatte Erasmus eine Italienfahrt erwogen, um nach Abschluss der theologischen Studien den italienischen Doctortitel zu erlangen. Der Plan wurde aufgegeben. da das ihm seit kurzem von der Markise von Veere ausgesetzte Jahrgeld von 100 Gulden und seine wenigen übrigen Mittel ihm für eine solche Reise ungenügend schienen. Solche Erwägungen kamen jetzt nicht mehr in Frage. Ungesäumt machte die kleine Gesellschaft — Erasmus, seine beiden Zöglinge und zwei Begleiter — sich auf den Weg. Im August 1506 überschritten sie die Alpen. Um sich im Sattel die Zeit zu vertreiben, begann Erasmus Verse zu schmieden. Und brachte ein Carmen zustande, in dem er sich selbst in horazischer Weise beschreibt: Wie er auf schneebedeckten Pässen reite und durch die Welt ziehe, neuen Studien entgegen, wie er seine theologischen Arbeiten mit profanen vermenge, indes seine Schlafen ergraut seien und hinter seinem 40. Lebensjahr das Alter nahe; da sei es an der Zeit, dem Parnass Lebewohl zu sagen und den Rest seiner Tage Christo allein zu weihen. Doch — Erasmus hütete sich, die Moral seiner schönen Verse in die Tat umzusetzen …..

In Turin angelangt, erwarb er an der dortigen Universität mit überraschender Schnelligkeit, am 4. September 1506, die Würde eines Magisters und Doctors der Theologie. Nun ging es nach Bologna, wo die Brüder Boerio studieren sollten. Kaum angekommen, mussten Lehrer und Schüler wegen drohender Kriegsgefahr für einige Wochen nach Florenz übersiedeln. Uni am 11. November in Bologna dem siegreichen Einzug des Papstes Julius 11. beizuwohnen. Zum ersten Male sah Erasmus das Haupt der Christenheit. Keinen segnenden Friedens! ürsten, wohl aber einen panzergewohnten Triumphator antiker Art, der, unter Vorantritt von hundert jungen Edelleuten aus der unterworfenen Bomagna, von 22 Kardinalen begleitet, unter seidenem Baldachin daherkam, von den Jungfrauen Bolognas mit Rosen beworfen. Und Erasmus, in der Menge verloren, stellte wehmütige Vergleiche zwischen dem soeben Geschauten und dem Leben der ersten Apostel an … .

Im Sommer 1507 kam die Pest in die Stadt. Ihr selbst wusste er zu entgehen. Doch wäre er einmal beinahe erstochen, ein andermal fast gesteinigt worden, da man ihn seiner Kleidung wegen für einen Pestarzt hielt. Nichtsahnend war er unter die Leute getreten, was diesen Aerzten. die in Bologna auf der linken Schulter eine weisse. über Brust und Rücken laufende Schärpe trugen, streng verboten war. Als er erkannte, dass das weisse Leinenband, sein Ordenszeichen, das er als regulierter Chorherr nach französischer Sitte über seinem Mönchsgewande trug, schuld an diesen Zwischenfällen war, nahm er es schleunigst ab. In der Folge erwirkte er vom Papst sogar die Erlaubnis, sein Ordenskleid ganz abzulegen und statt dessen die Kleidung der Weltpriester zu tragen.

Trotz Kriegs- und Pestgefahr brachte der einjährige Aufenthalt in Bologna ansehnliche Früchte. Mit unermüdlichem Eifer betrieb Erasmus griechische Studien, vermehrte die Sammlung seiner Adagia und gewann sich Freunde in den Ilumanistenkreisen. Für diese liess er im Dezember 1507 zwei von ihm übersetzte Tragödien des Euripides bei dem durch seine mustergültigen Ausgaben bekannten Venezianer Aldus Manutius drucken. Ein dünnes Büchlein, das. in der zierlichen aldinischen Kursive gedruckt, das Entzücken seiner Bologneser Freunde wurde.

denen er es als Neujahrsgabe überreichte. Es bildete zugleich sein Abschiedsgeschenk. Die aktinischen Lettern und der sorgfältige Druck gefielen ihm dermassen, dass er seine Adagia» in der weltberühmten venezianischen Offizin neu herauszugeben beschloss.

Da die Leitung der Studien seiner beiden Zöglinge ihr Ende gefunden, so stand einer Abreise nach Venedig nichts mehr im Wege. Zu Beginn des Jahres 1508 traf er in der Lagunenstadt ein. Aldus Manutius nahm ihn mit offenen Armen auf. führte ihn seiner Familie zu, sorgte für Unterkunft. Wenn irgendwo, so hatte Erasmus hier, in der Stadt mit den jahrhundertalten Beziehungen zum griechischen Orient. Gelegenheit, seinen griechischen Sprachkenntnissen den letzten Schliff zu geben. Sei es an den Sitzungen der von dem gelehrten Aldus ins Leben gerufenen aldinischen Akademie . wo Griechisch die Umgangssprache war. sei es am Familientisch des Druckerherrn, sei es mit den gerade anwesenden Gelehrten aus Griechenland. Die Neubearbeitung und der Druck der «Adagia» wurden alsbald in Angriff genommen. Die Gelehrten wurden nicht müde, dem Verfasser, der ihr Freund geworden, Beiträge für seinen grossen antiken Sprichwörterschatz zu liefern. Und Erasmus schrieb, stellte zusammen, verfasste. Schrieb oft mitten im Lärm der Druckerei beim Rialto und. während ein Bogen gesetzt wurde, schrieb er die Fortsetzung. Als das Werk im Herbst des Jahres beendet war, verliess er Venedig, dessen Gastfreundschaft und Unterstützung ihm unvergesslich blieb.

Wie weit der Ruf von den Fähigkeiten des Erasmus damals schon gedrungen, bewies die an ihn gerichtete Bitte König Jakobs IV. von Schottland, dem in Padua studierenden Prinzen Alexander Stuart Unterricht in der Rhetorik zu erteilen. Alexander war ein natürlicher Sohn des Königs und führte, trotz seiner 18 Jahre, bereits den Eitel eines Erzbischofs von St. Andrews in Schottland. Kaum war Erasmus ein paar Wochen mit seinem Zögling, mit dem ihn bald innige Freundschaft verband, zusammen, als Kriegslärm sie aus Padua fortscheuchte. Verwünscht seien die Kriege», schrieb der erbitterte Humanist, dienlich nicht den Teil Italiens gemessen lassen, der mir von Tag zu Tag mehr gefällt!» Die Reise ging über Ferrara, wo Erasmus als Herausgeber der «Adagia» gefeiert wurde, über Bologna und Florenz nach Siena, wo sie Ende 1508 eintrafen. Alexander setzte sein juristisches Studium hier fort, Erasmus erteilte ihm humanistischen Unterricht.

Da bricht die jahrelang niedergehaltene Sehnsucht nach Rom bei diesem aus. Nach Rom, das er heute nicht mehr als schüchterner Mönch, sondern als angesehener Gelehrter betreten wird. Er nimmt Urlaub von seinem fürstlichen Zögling und macht sich auf den Weg. Anfangs März 1509 langte er an seinem Ziele an. Es war nur ein kurzer Aufenthalt, den er sich gestatten durfte. Aber er führte ihn in die gebildetste und kultivierteste Gesellschaft der damaligen Welt, in den erlesenen Gelehrtenkreis am päpstlichen Hofe. Und man kargte nicht mit Lobsprüchen gegenüber dem nordischen Humanisten, der sich mit weltmännischer Sicherheit im Vatikan wie in den Palästen der Kardinäle und des Adels zu bewegen wusste. Man rühmte sein reiches Wissen, seinen scharfen Verstand und bewunderte seine leichte Feder, sein glänzendes Latein. Und man zeigte ihm die Sehenswürdigkeiten der ewigen Stadt. Er sah den wunderbaren Prunk der vielen Kirchen, sah die Ueberbleibsel der antiken Welt, musste blutige Stierkämpfe im Innern des Vatikans mit anseben, lernte das römische Volksleben kennen und besah sich die Kunststücke der Gaukler im Cainpo de’ fiori.

Nach Siena zurückgekehrt, musste er alsbald erfahren, dass sein Zögling von seinem Vater nach Schottland zurückberufen wurde. Doch, ohne Rom gesehen zu haben, wollte Alexander Italien nicht verlassen. Nun war es an Erasmus, den Führer zu machen. Nachdem die beiden die Feierlichkeiten der römischen Karwoche sich angeschaut, beschlossen sie ihr letztes Zusammensein mit einem Ausflug nach Neapel. Von hier aus ging es durch den unterirdischen Gang, die alte Grotte vom Posilipo, über deren Eingang hoch oben das sagenhafte Grabmal des Virgil sie grüsste. nach der Grotte der Sibylle von Cumae beim Avernersee. Und auf dem Heimweg nach Rom, längs der appischen Strasse mit ihren antiken Denkmälern, ein nochmaliges Aufsteigen jener vergangenen Welt, die sie verehrten. Beim Abschied von seinem verehrten Lehrer, der in Rom zurückblieb, gab ihm der Königssohn eine Handvoll goldener Fingerringe als Andenken. Darunter ein antikes Stück, dessen Carneolgemme den römischen Grenzgott Terminus wiederzugeben schien, sodass Erasmus diesen später zu seinem Wahrzeichen machte.

Ein letztes Mal atmete Erasmus römische Luft. Die Bibliotheken mit ihren handschriftlichen Schätzen und neuen Druckwerken öffnen sich ihm, allen voran die des Papstes, dann die der Kardinale und der Klöster. Hier am Born der Wissenschaften arbeiten und leben zu können, welches Leben! Aber er hatte Briefe aus England erhalten, die ihn nach London zurück riefen. Erst ein schmeichelhaftes Handschreiben des englischen Thronfolgers, der zu den Bewunderern des Erasmus gehörte, zuletzt ein Schreiben von Lord Mountjoy, der ihm die Thronbesteigung jenes meldete und in begeisterten Worten alle die Vorteile pries, welche die Gelehrten von dem humanistisch gebildeten Heinrich VIII. erhoffen durften.

Vergebens suchten die dem Erasmus befreundeten Kar-dinäle, ihnen voran Johannes v. Medici, der spätere Papst Leo X., ihn zum Dableiben zu bewegen. Man stellte ihm das mit beträchtlichen Einkünften verbundene Amt eines Poenitentiarius, die Stufe zur Kardinalswürde, in Aussicht. Kardinal Grimani lud ihn ein. bei ihm Tisch- und Hausgenosse zu werden und stellte ihm seine reiche, 8000 Bände umfassende Bibliothek zur Verfügung. Umsonst. Erasmus glaubte seinen englischen Freunden nicht absagen zu können und lehnte ab. Immerhin in der Hoffnung, bald wieder zurückzukehren. Diese Hoffnung begleitete ihn sein Leben iang. Aber Rom und Italien sollte er nicht Wiedersehen.

Italien war für Erasmus die hohe Schule seiner geistigen und wissenschaftlichen Bildung gewesen. Die glänzende Anerkennung, die er hier vonseiten der Elite der humanistischen Welt erfahren, hatte sich im Norden bald herumgesprochen. Als er, noch im Sommer 1509, in England landete, war sein Ruhm ihm schon vorausgeeilt. Im Hause seines Freundes Thomas Morus gastlich aufgenommen, ordnete er hier vor allem seine Aufzeichnungen vom Lob der Torheit», die er auf dem Rückritt von Italien über den Splügen nach alter Gewohnheit im Sattel verfasst hatte. Im folgenden Jahre erschien zu Paris die erste Ausgabe dieses geistsprühenden Büchleins, das die Torheiten eines jeden Standes mit überlegenem Humor und feinster Satire geisselte. Das war etwas anderes als das schwerfällige Narrenschiff» des guten Sebastian Braut. Das sprudelte nur so von witzigen Einfällen, das warf jedem lachend eine oft bittere Wahrheit an den Kopf und war in einem Latein geschrieben, dass die Kenner nur so schnalzten vor Wohlgefallen. Kein Wunder, dass die Auflage alsbald vergriffen war und in den folgenden Jahren allerorts Nachdrucke erschienen.

Die hochgespannten Erwartungen, die Lord Mountjoy auf Heinrich VIII. gesetzt, gingen während der fünf Jahre, die Erasmus in England verbrachte, nicht in Erfüllung. Doch fand dieser auf andere Weise Entschädigung. Lord Mountjoy, einst sein Schüler, nunmehr sein Gönner, setzte ihm ein Jahrgeld von 100 Kronen aus. Erzbischof Warham von Ganterbury, den er von früher her kannte, nahm sich seiner ebenfalls an und machte ihn 1512 zum Inhaber der Pfründe Aldington in Kent. die ihm jährlich 20 Pfund einbrachte. Weniger einträglich war seine Stelle als Professor der griechischen Sprache an der Universität Cambridge, wo er 2Vs Jahre wirkte. Dafür blieb ihm hier sowohl wie in London, wo er des öfteren weilte, reichlich Zeit für seine literarischen Arbeiten. Es kamen Schriften verschiedenen Inhalts, darunter mehrere pädagogische Werke von ihm heraus. Nebenher gingen Uebersetzungen moralischer Schriften des Plutarch und Cato. Ausgaben von Schriften Epiktets u. a. Vor allem aber nahm er sein Hauptwerk, das Neue Testament in seiner alten Fassung, und seine umfangreiche Hieronymus-Ausgabe in Arbeit. Die grosse Zeit seiner fruchtbarsten schriftstellerischen Tätigkeit hatte begonnen.

Bevor er England im Sommer 1514 verliess. schrieb er noch dem Prior des Klosters zu Steyn hei Gouda, der ihn aufgefordert hatte, wieder in den Konvent zurückzukehren, eine förmliche Absage. Jetzt, wo er der Mittagshöhe seines Ruhmes entgegenging, hätte er sich wieder in die beengende Luft, in die armseligen Verhältnisse eines Klosters begehen sollen! Er. der Freiheit über alles schätzte, er, der leichten Herzens auf einen Lehrstuhl verzichtete, weil er vorzog. dass sein Auditorium die ganze gelehrte Welt sei!—

Ein vorbildlicher Nachdruck seiner Adagia. der 1513 hei Johannes Frobenius zu Basel in der von diesem neu angewandten aldinischen Kursive erschienen war. veranlasste ihn, im August 1514 nach Basel zu kommen, um seine neuesten Werke hei dem berühmten und gelehrten Frohen in Druck zu geben. In Strassburg und Sehlettstadt hatten ihn die Humanistenkreise mit Ehren empfangen. In Basel be-grüsste ihn die weit grössere Schar der um die Offizin Fro-bens sich sammelnden oberrheinischen Gelehrten. Gelehrte von bedeutendem Wissen, Gelehrte von grossem Rufe. Doch, was waren sie alle, was waren die besten unter ihnen, verglichen mit dem Meister, der jetzt unter ihnen weilte! Der ihnen das unerreichbare Vorbild wurde, vor dessen göttlichem Ingenium sie sich alle neidlos beugten.

Im Hause «zum Sessel», wo Erasmus als Frobens Gast wohnte, lärmten die Druckerpressen wie nie zuvor. Im März 1515 kam eine Neuausgabe vom «Lob der Torheit» auf den Markt. Es hatte neuerdings einen solch durchschlagenden Erfolg, dass nach Verlauf eines Monats die Auflage von 1800 Exemplaren bis auf 60 Stück vergriffen war. Aber schon meldeten sich nun auch Nörgler und Gegner zum Wort. Nicht jeder konnte ungeschminkte Wahrheit ertragen. Dass der Verfasser über die Scholastik und die Mönchsbarbarei sich lustig machte, mochte noch hingehen. Aber, dass er es \vagt(‚, auch alle innerhalb der Kirche vorhandenen Schäden blosszulegen und zu verspotten, das hiesse an den Grundfesten der heiligen Kirche rütteln, meinten manche und verdammten ihn. Die Klugen freilich, die Aufgeklärten, hatten nach wie vor ihre göttliche Freude an dem Werkchen, sodass Erasmus selbst davon sagen konnte: «alle Gelehrten haben es wohlgefällig aufgenommen, Bischöfe, Erzbischöfe, Könige. Kardinäle finden es nach ihrem Geschmack, es gefällt sogar Seiner Heiligkeit dem Papste und Leo X. hat es ganz durchgelesen.

Ein Jahr später (1516) verliess das zum ersten Male im griechischen Urtext samt dessen lateinischer Uebersetzung und Kommentaren herausgegebene Neue Testament die Presse. Eine wissenschaftliche Tat von gewaltiger Bedeutung. Während man bis dahin bloss den von der Kirche gebilligten Text der lateinischen Vulgata zur Verfügung hatte, lag jetzt auf einmal ein von diesem häufig grundverschiedener Originaltext vor. Das Werk machte ungeheueres Aufsehen. Die Stimmen waren zahlreich, welche Saerilegium! riefen und das Ganze als ketzerische Arbeit verschrieen. Erasmus war jedoch so vorsichtig gewesen, sein Neues Testament dem Papste selbst, Leo X. zu widmen und war somit. da Widmung und Werk von diesem in Gnaden aufgenommen wurden, gegen alle Angriffe gefeit. Das Werk erlebte in den nächsten Jahrzehnten über 30 Nachdrucke. Erasmus selbst sah sich in der Folge genötigt, noch vier weitere Ausgaben davon zu veranstalten. An das Neue Testament schlossen sich die Schriften des Hieronymus, deren neun Foliobände von 1516 ab zu erscheinen begannen. Der Druck einer Seneeaausgabe war im vorhergehenden Jahre beendigt worden. Erasmus hatte sich vorgenommen, nach und nach alle wichtigen heidnischen und altchristlichen Schriftsteller in einwandfreien Ausgaben der Wissenschaft zuzuführen. Eine Riesenaufgabe, der nur er mit seiner unermüdlichen Arbeitskraft, seinem Scharfsinn und seiner alles umfassenden Kenntnis des Altertums gewachsen sein konnte.

Die Veröffentlichungen der letzten Jahre hatten seinen Namen in alle Welt getragen, als er im Mai 1516 sich in die Niederlande begab, die ihn für fünf Jahre festhalten sollten. Er lebte hier abwechselnd in Antwerpen, wo er jeweils bei seinem Freunde, dem Stadtschreiber Petrus Aegidius einkehrte. in Brüssel und in Loewen, wo er seit August 1517 sich niedergelassen hatte. Zwischendurch erfolgten kurze Aufenthalte in London, wo er im Frühjahr 1517 zum letzten Male weilte, und in Basel, wo er den Sommer 1518 zur Bearbeitung der 2. Auflage des Neuen Testamentes verbrachte. Seine Reise dahin glich einem Triumphzuge. Die Gelehrten huldigten ihm. Bischöfe bezeugten ihm ihre Verehrung. In silbervergoldeten Prunkbechern kredenzten ihm die Städte den Ehrenwein, den sonst nur Fürsten und Gesandte erhielten. Ein Jahr zuvor war seine Querela Pacis erschienen, die ihn als unentwegten Vorkämpfer für den Friedensgedanken in der Welt zeigte. Dann kamen die grossen wissenschaftlichen Werke, die Fortsetzung der Kirchenväter, die nentestamentlichen Paraphrasen, die Suetonausgabe u. a. m.

Als Karl von Oesterreich, seit 1516 König von Spanien (später Karl V.), an seinem Hof zu Brüssel bedeutende Männer um sich sammelte, wurde auch Erasmus dahin gebeten. Der Einladung folgend, mischte er sich im Winter 1516/17 unter die Staatsmänner und Gelehrten, die spanischen Granden und die Prälaten, die den Hof bevölkerten. Mit dem Erfolg, dass er zum königlichen Rat mit Jahresgehalt ernannt wurde. Um dieselbe Zeit wurde ihm ein Kanonikat in Courtray verliehen, dessen Pfründe ihm eine jährliche Rente von 25 Pfund sicherte.

Es waren die Jahre der ehrenvollsten Berufungen. Die Jahre, da die Fürsten Europas sich um den Gelehrten stritten. König Franz I. von Frankreich hot ihm eine Professor in Paris mit einem jährlichen Kinkomnien von 1000 Gulden an. Heinrich VIII. von England suchte ihn durch glänzende Versprechungen zu bestimmen, seinen Wohnsitz nach London zu verlegen. König Sigismund von Polen wollte ihn in seiner Residenzstadt Krakau haben. Erzherzog Ferdinand stellte ihm ein .Jahrgeld von 400 Talern in Aussicht, wenn er. ohne irgendwelche Pflichten zu haben, nur in Wien wohnen wollte. Der Herzog von Sachsen gab sieh Mühe, ihn für Leipzig zu gewinnen. Der von Bayern hot ihm eine Professur in Ingolstadt, eine reiche Pfründe und 200 Dukaten Gehalt an. Und so noch viele andere. Ueberall lehnte Erasmus ab. Heute, wo die literarische Welt Europas ihm zu Füssen lag, wo die Gelehrten aller Länder in dankbarer Bewunderung zu ihm aiifhlickten. konnte er der Fürst der Geister, nicht mehr Fürstendiener sein.

Währenddessen war, durch Luthers Auftreten veranlasst. die reformatorischc Bewegung in Gang gekommen. Viole der Altgläubigen erblickten in Erasmus cIimi eigentlichen Urheber der Umsturzbewegung, den Mann. aus dessen Brüsten Luther sein Gift gesogen . Gewiss, Erasmus scheute sich nicht, die ihm als tadelnswert vorkommenden Erscheinungen innerhalb der Kirche mit aller Schärfe zu rügen. Gewiss, er ging eine Zeitlang einig mit Luther, er trat anfangs für ihn ein, weil er vor allem die Wissenschaft in ihm bedroht sah. Kirchliche Reformen schienen ihm dringend nötig, doch immer nur auf dem Boden der alten römischen Kirche. Sobald er jedoch später merkte, dass Luther vor der Kirchenspaltung nicht zurücksehreckte, sagte er sich los von ihm. Dies umso leichter, als Luther die Freiheit des Willens leugnete, die jedem Humanisten und Erasmus ganz besonders teuer war.

Einstweilen machten ihm in den letzten Jahren seines Aufenthaltes in Loewen die dortigen Mönche und TheoIog«»n das Leben sauer. Verdächtigten ihn auf jede Weise. Wollten ihn in der Fakultät, der er angehörte, nicht mehr dulden. Er solle sich offen erklären, für oder gegen Luther.

Er vertauschte das Lager der kirchlichen Fanatiker mit der Hochburg des deutschen Humanismus und ritt am 15. November 1521, von seinem Freunde Beatus Rhenanus begleitet, in Basel ein. Seine Anhänger hatten mit Sehnsucht schon längst auf ihn gewartet. Gerührt drückte ihn sein Verleger Johannes Frohen an die Brust. Frohen, der seit Jahren fast alle seine Werke in vorbildlicher Weise druckte, der im Verein mit ihm dem Basler Buchdruck Weltruf verschaffte und stolz darauf war. einen Erasmus zum Freund zu haben. Der Jubel über dessen Rückkehr an den Oberrhein war grenzenlos. Nicht nur unter den Humanisten der Stadt. Aus ganz Deutschland kamen überschwängliche Huldigungen. kamen Briefe voll trunkener Begeisterung.

Da Erasmus den Wunsch geäussert hatte, einen eigenen Haushalt zu führen, so erwarb Frohen im Dezember 1521 das unweit seiner Druckerei gelegene Haus «zur alten Treue (Nadelberg 17—19) und überliess es ihm zur Miete. Frei von materiellen Sorgen konnte der Gelehrte, der nun £5 Jahre zählte, sich in aller Behaglichkeit in der geräumigen Behausung einrichten. Verfügte er doch über eine ganze Reihe von Einkünften. Da waren seine verschiedenen jährlichen Renten. Dann die reichen Geldgeschenke, die er durch die Widmungen seiner Werke an Fürsten und reiche Pii-vatleute von den also Ausgezeichneten erlangte. Dann die vielen Ehrengaben, Pferde, Fässer voll Wein, kostbare Arbeiten in Gold und Silber, die er von weltlichen und geistlichen Fürsten, von Adeligen und Gelehrten erhielt. Endlich die Honorare, die ihm seine Bücher einbrachten.

In seinem hohen Eckhause am Nadelberg, dessen Hinterfenster ihm über das Häusergewirr der Unterstadt hinweg einen einzigartigen Ausblick auf das Münster und die Kirchen der Höhe gegenüber und weiterhin auf die Türme und Kirchen Kleinbasels boten, sollte er länger als je sonstwo weilen. Zwar unternahm er im Herbst 1522 nochmals eine Reise nach Rom. Um jedoch bloss bis nach Konstanz zu kommen und durch Krankheit zur Rückkehr gezwungen gezwungen zu werden.

Schon als Knabe von zarter Gesundheit, war Erasmus gegen jeden Wechsel in der Lebensweise höchst empfindlich. Eine überfeine Veranlagung brachte es mit sich, daß ihm z. B. der Pisch-gerucheinGreuel war, dass ihm vom Gassengestank übel wurde und dass er den warmen Ofendunst nicht ausstehen konnte, sodalt er nur am offenen Kaminfeuer sich zu wärmen liebte. Seit seiner ersten Pariserzeit, wo er verdorbene Eier ass, litt er an Magenbeschwerden. Schlimmer, wenn auch nur in Abständen auflretend, war seine Steinkrankheil, die ihn seit seinem venezianischen Aufenthalt (1508) sein Leben hindurch mit oft entsetzlichen Schmerzen peinigte. Und dennoch blieb sein Arbeitswille stets unbeugsam, war seine Leistungsfähigkeit eine unermessliche. Von einem Ausflug nach Besannen im April 1524. wo ihn seine geistlichen Freunde mit mehr Herzlichkeit als Rücksicht auf seinen schwachen Magen bewirteten, wurde er krank. Selbst der alte Burgunder, der ihm gegen Magen -und Steinschmerzen eine unentbehrliche Arznei geworden, wollte diesmal nicht helfen, wo er ihn an der Quelle trank.

In der steten Sorge um seine Gesundheit liess er sich 1525 die päpstliche Erlaubnis geben, während der Fastenzeit Fleisch. Eier, Butter, Käse und andere Milchspeisen zu gemessen. Ein eigener Hühnerhof beim Hause lieferte ihm die Eier und ein leichtes Fleisch, während die Gärten Fro-bens ihm die notwendige Erholung gewährten.

Sein gesteigertes Empfinden, verbunden mit einem feinen Sinn für die äussere Form, machte ihn zum Aestheten. der auf seinem Arbeitstisch gerne einen Krug mit Blumen sah und sich an der kunstvollen Arbeit seiner Silbergeräte freute. Nicht minder an der Kupferstich-Passion, die ihm Albrecht Dürer 1520 in Brüssel geschenkt, oder an den Goldmünzen römischer Kaiser, die ihm von da und dort zukamen, wo man seine Vorliebe für solche antiken Stücke kannte! so schickte ihm Bischof Turzo von Olmütz 1522 vier goldene Kaisermünzen und Jacobus Piso 1526 einen goldenen Gratianus als Neujahrsgeschenk.

In Basel, wo drei Druckerpressen im Sessel für ihn arbeiteten, wo treue Freunde wie Rhenanus. Frohen und der feinfühlige Bonifacius Amerbach, sein Liebling, ihn umgaben, wo ihm jedermann mit der grössten Achtung begegnete und die Schöngeister ihn wie einen Gott verehrten, gefiel es ihm je länger, je mehr. Als sichtbares Zeichen seines Wohlgefallens stiftete er 1525 in ein Fenster des Unteren Collegiums» ein Glasgemälde mit seinem Terminus als Wahrzeichen, seinen Wahlsprüchen, seinem Namen und der Jahrzahl. Den Entwurf dazu hatte ihm Hans llolbein d. J. geliefert, dessen Kunst er schätzte, seitdem ihm der gelehrte Schulmeister Oswald Myconius sein 1515 mit holbeinische» Federzeichnungen verziertes Handexemplar vom Loh der Torheit» für zehn Tage geliehen hatte.

Das Haus «zur alten Treue» war erfüllt vom Kommen und Gehen der mancherlei Bewohner. In Küche. Hof und Keller schaltete die Dienstmagd Margret, von Erasmus als seine Xantippa» bezeichnet und mit den Koseworten «furax, rapax. bibax, niendax, locpiax» der Nachwelt überliefert. Um den Herrn des Hauses aber sammelten sich die «Famuli» und die«Commensales». junge Leute aus aller Herren Länder. Die Famuli hatten bald Schreiberdienste zu leisten. Texte zu vergleichen, Bücher zu holen, bald eines der Pferde aus dem Stalle zu ziehen, um Briefe, Manuskripte und Bücher dahin und dorthin zu bringen oder irgendwo Einkäufe zu machen.

Die Commensales, die eigentlichen Tisch- und Hausgenossen, waren die Schüler, die Jünger, die studienhalber eine Zeitlang bei ihm lebten. Darunter vornehme Deutsche und Niederländer allerhand Welsche und besonders viele Polen und Ungarn. In die Heimat zurückgekehrt, brachten solche einen Abglanz des erasmischen Ruhmes mit und galten fortan als Auserwählte, auf die mit dem Finger gewiesen wurde als auf die Tischgenossen des grossen Gelehrten; noch i. J. 1560 wurde auf den Grabstein eines Bischofs von Krakau der Ehrentitel eines Erasmusschülers gemeisselt:

«magni illins Erasmi discipulo et auditori».

Trugen schon diese Adepten den Ruhm ihres Meisters bis in die entlegensten Gegenden, so noch mehr die zahlreichen Besucher, die vielen Verehrer, die immer und immer wieder nach Basel und in das Haus Dessen pilgerten. den sie die einzigartige Zierde des Jahrhunderts, den Fürst der Wissenschaft, den Phönix der Gelehrten, die Wonne des Erdkreises nannten. Nur einmal ihn von Angesicht zu Angesicht sehen, nur einmal ihm die Hand drücken, einmal nur seine göttliche Stimme vernehmen! Und sie sahen ihn so wie Hans Holbein ihn am Stehpult schreibend malte, so wie Johannes Kessler von St. Gallen ihn vor Augen hatte, als er schrieb: «Allda hab ich in gesechen von person, nun ain tubgrawer (taubengrauer), ersamer. alter und ain klainer und zarter mensch, in ainem langen, blawen, zu-samengurten rock mit witen ernilen beklaidt und ain listen (Leiste, Borte) von sammet umb den hals, vornen zu baiden siten abgehenk (abwärts laufende Borten) nach des rocks lenge».

Inmitten all dieser Famuli, dieser Commensalen. dieser Gäste, dieser Besucher stand Erasmus und fand trotz aller Inanspruchnahme noch Zeit, seine Briefe und seine Bücher zu verfassen. Und beide in fast unabsehbarer Menge und in gleicher Vollendung. Zumal die Briefe, die er täglich an die verschiedensten Freunde, Humanisten und Geistliche, an Gönner und Fürsten der ganzen Welt zu schreiben hatte. Briefe, in denen die vom Humanismus geforderte schöne Form ihren glänzendsten Ausdruck fand, Briefe, in denen Geist und Laune, reichstes Wissen, jede momentane Stimmung. vom Zauber einer einzigen Sprachkunst umgeben, flimmern». Glücklich, dreimal glücklich der junge Humanist. der einen solchen erhalten! Er führt ihn in überwallendem Glücksgefühl an seine Lippen, lässt ihn im Freundeskreise von Hand zu Hand gehen . . .

Seinem unvergleichlichen Stil verdankte Erasmus, dass die Bezeichnung «erasmisch» geradezu gleichbedeutend mit «vollendet» wurde. So berichtet u. a. Johannes Kessler: «was kunstrich, fürsichtig, gelert und wis geschriben ist. spricht man, das ist Erasmisch, das ist onfelbar und volkommen. Seiner Kunst wohl bewusst und in dem Bestreben, andere zur Nacheiferung anzuspornen, gab Erasmus seinen Briefsteller „De eonseribendis epistolis“ 1522 in abgerundeter Bearbeitung heraus. Aehnliehe Zwecke verfolgten die niannigfaeben Eehrsehriften der folgenden Jahre, Werke der Erziehung. Unterricht und Studium.

Unter anderem die 1522 in einer endgültigen Fassung herausgegebenen «(‚olloquia fainiliaria . Dem Titel nach schien es sich um harmlose Gespräche, um ein Uebungs-bueh für die lateinische Sprache zu handeln. Wer aber die Nase tiefer in das Büchlein steckte, der sah das ganze Lehen seiner Zeit mit unerbittlicher Offenheit geschildert und fand neben ergötzlichen Histörchen die kühnsten Ausfälle gegen die bestehenden Misstände in Kloster und Kirche. Die. die sich getroffen fühlten, vorab die Mönche, heulten auf in ohnmächtiger Wut. Doch die anderen alle, denen der Autor aus dem Herzen gesprochen, die vielen anderen klatschten Beifall. Das Büchlein ging von Hand zu Hand, wurde immer wieder gekauft, musste immer wieder nachgedruckt werden.

Und unbeirrt durch die sich jagenden Ereignisse der Reformationstage schritten die Veröffentlichungen seiner grossen Werke weiter, kamen Neuauflagen heraus, kamen die Fortsetzungen der Klassiker und Kirchenväter. Bis 1529 in Basel Sturm geläutet wurde und die Reformation ihren Einzug hielt. Bis der unsinnige Bildersturm vom 9. und 10. Februar über Kirchen und Klöster hereinbrach und in der Stadt alle Bande der Ordnung gelöst waren. Da wandten das Domkapitel und die meisten Gelehrten der Stadt den Rücken und zogen in das benachbarte Freiburg. Erasmus mit ihnen. Vertrieben durch die ihn anwidernden Gewalttätigkeiten und durch die kirchlichen Neuerungen, die ihm den Untergang der ihm teueren Studien bedeuteten. Zudem hatte er 1527 seinen Freund .loh. Frohen zu Grabe geleiten müssen. Es war nichts Mehr in Basel, das ihn zurückhielt . . .

Im Apri 1529 wurde Erasmus in Freiburg von Universität und Magistrat mit allen dem König der Wissenschaften» gebührenden Ehren empfangen. Zunächst nahm ihn das prächtige, vor Zeiten für Kaiser Maximilian I. als Alterssitz erbaute Haus zum Walfisch an der Franziskanerstrasse auf. Er wohnte hier fast 2 einhalb Jahre und bezog dann im September 1531 das von ihm für 1000 (bilden gekaufte Haus «zum Kind Jesu» in der benachbarten Sehiffstrasse (heutige Nr. 7).

Da ihn mit den zunehmenden Jahren seine alten Krankheiten häufiger plagten und der ihm bekömmliche Burgunderwein ihm in Freiburg meist fehlte, auch kriegerische Ereignisse in der Gegend befürchtet wurden, so begann er seit dem Sommer 1531 ernstlich an eine Ueber-siedelung nach Besannen zu denken. Schrieb in diesem Sinne einen Brief an den Magistrat von Besanyon und liess sich von Kaiser Karl V. Empfehlungsbriefe dahin ausstellen. Und blieb doch wieder in Freiburg. wo er mit gelehrten Gesprächen und reicher wissenschaftlicher Arbeit seine Tage wie in Basel füllte. Da beschäftigte er sich mit der Herausgabe sämtlicher Schriften des Augustinus, des Chrvsostomus und anderer Kirchenväter, sämtlicher Schriften des Aristoteles und Demosthenes, der Lustspiele des Terenz. der Geographie des Ptolemaeus und der von Simon Grynaeus aus Basel entdeckten Bücher des Livius.

In diesen Jahren anstrengendster Arbeit erfreute er sieb der tatkräftigen Beihilfe seines gelehrten Famulus und Schreibers Gilbertus Cognatus. Der, als er Canonicus in seiner Heimatstadt Xozeroy (in Burgund) geworden, in Erinnerung an die mit dem grossen Humanisten verbrachten Arbeitsstunden, das von ihm bewohnte Kapitelhaus mit einem einzigartigen Wandgemälde schmücken liess. Das gewährte einen Blick in die Studierstube des Hauses zum Walfisch» in Freiburg und zeigte sie beide. Erasmus und Cognatus, wie sie am Schreibtisch zu sitzen pflegten, der eine diktierend, der andere schreibend. Da das Gemälde allgemeines Interesse erweckte, so liess Cognatus die Darstellung später im Holzschnitt vervielfältigen. Er war es auch, der im April 1534 im Auftrag des Erasmus ein genaues Inventar von dessen Hausrat verfasste, während Erasmus selbst ein Verzeichnis seines Geldes und seiner Hinge anlegte.

Aus den Inventuren tritt ein wohlbestellter Haushalt zutage, wie er ähnlich wohl schon in Basel bestanden hatte. Da waren, in den durch buntgewirkte Teppiche, schöngemusterte Decken und allerhand Sitzkissen belebten Räumen des Hauses verteilt, 8 Betten, 7 Tische, 2 Pulte, 10 Sessel, 3 Bücherschäfte, 4 Truhen und ein Speiseschrank. Und in den Truhen mancherlei Linnenzeug, nicht weniger als 37 Leintücher und 26 Hemden, dann die Kleider, dabei 11 Hüte und Barette, endlich die vielen Schätze an Gold-lind Silbergerät, darunter gegen 30 silbervergoldete Pokale. Es war nicht übertrieben, wenn Erasmus i. J. 1530 schrieb: Ich habe eine Kammer, die angefüllt ist mit Briefen von Gelehrten, von grossen Herren, von Fürsten, von Königen, von Kardinälen, von Bischöfen. Ich habe einen Schrein voll vou geschenkten Bechern, Flaschen, Löffeln. Uhren, von denen etliche aus purem Golde sind, dazu eine grosse Anzahl Fingerringe, hätte aber von allem noch weit mehr, wenn ich nicht die meisten Geschenke an solche, die ihre Studien fortsetzen, weiterschenkte.»

Das einfachere Tischgeschirr war aus Zinn oder aus Holz, wie die 25 eschenen Teller, die in der Küche ihren Platz hatten. Deren Ausstattung licss nichts zu wünschen übrig und zeigte, welchen Wert Erasmus im Hinblick auf seinen schwachen Magen ihr beilegte. Auch die vielfache Pelzfütterung seiner Kleider, seine verschiedenen Bettdecken, darunter eine aus Ziegenfell, eine aus Wolle mit Fuchspelz gefüttert. 15 Paar wollene Socken und 7 Nachthauben zeugten von gesundheitlicher Fürsorge.

Andere Gegenstände sprachen von den kultivierten Sitten des vielgereisten Weltmannes. Die Leute waren zu zählen, die im damaligen Deutschland oder anderwärts über Taschentücher, Mundtücher und Speisegabeln verfügten. Erasmus stand auch hier an erster Stelle. Mit einem halben Hundert Taschentücher, worunter 18 einfache und 85 bortenbesetzte, die z. T. mit goldenen oder schwarzen oder farbigen Fäden durchwirkt waren. Mit 13 seidenen Mundtüchern (Tischzwehlen) und 38 aus Leinen, welche gestickte Dorten trugen. Mit einer goldenen und zwei silbernen Essgabeln und einer Gabel aus Stachelsehweinsborslen mit vergoldetem Silberbesching.

Wie sehr Erasmus, der eine kugelige Riechdose aus Silber in seiner Tasche führte, auf ein gepflegtes Aeusseres hielt, gaben seine 31 Rnrbiertücher und die in seiner Schlal-kammer verwahrte Rasierlade, die Haarschere, der Spiegel, drei Bürsten und das Ohrlöffeichen zu erkennen. Man darf ferner gewiss sein, dass der Verfasser der vielbeachteten Anstandslehre „De civililate morum puerilium“ (Basel 1530). der darin u. a. den Gebrauch des Zahnstochers empfahl, auch seihst einen solchen besnss.

In der Schlafkammer, nach seinem Wunsch mit einem welschen Kamin versehen, darin Feiiergabel. Feuerzange und zwei Feuerböcke zum Halten des Holzes waren, befand sich auch ein Tintenfass samt Federbüchse, der Siegelring, eine Brille, ein Spielbrett, eine Zuckerbüchse, Dolch und Speer und ein Geldbeutel. An Bargeld war im Hause kein Mangel. Zählte doch Erasmus damals, ohne das Silher-geld überhaupt zu rechnen, im ganzen 1622 Goldstücke verschiedenen Wertes.

Am 1. August 1535 war Erasmus von Papst Paul III. zum Propst von Deventer ernannt worden, dessen jährliche Einkünfte man auf 1500 Dukaten schätzte. Der Papst war sogar willens, ihn unter die Kardinale aufzunehmen. Doch Erasmus schützte sein hohes Alter vor und hatte andere Pläne. Von Maria, der Statthalterin der Niederlande, wiederholt eingeladen, in die Heimat zurückzukehren, wollte er dieser Bitte entsprechen und die günstigen Bedingungen, die man ihm daheim hot. annehmen. Wollte zu Basel das Schiff besteigen, um in die Niederlande zu fahren, doch zuvor noch die alten Freunde und Bekannten, die in Basel zurückgeblieben, begrüssen. Zuvor noch mit Hieronymus Frohen, der die väterliche Offizin übernommen, die weitere Drucklegung seiner Werke besprechen.

Cognatus erhielt den Auftrag, das Haus in Freiburg, die Möbel und die Kücheneinriehtung zu verkaufen. Der übrige Hausrat wurde nach Basel geschafft. Erasmus selbst traf im August 1535 hier ein. Unter dem Ehrengeleite der Studenten, die ihm entgegengeritten waren, unter den jubelnden Willkommgrüssen seiner Freunde und Anhänger. Es war seine letzte Reise.

Kaum bei Hieronymus Froben in dessen Hause «zum Luft-1) angekommen, wurde er im Herbst durch heftige Gliederschmerzen auf das Krankenlager gezwungen. Schon in Freiburg hatte er viel an Gicht zu leiden: so 1533. wo er einen Gichtanfall im linken Fusse damit erklärte, dass er seit 24 Jahren die Gewohnheit habe, im Stehen zu schreiben und sich dabei meist auf den linken Fuss zu stützen. Seine Schmerzen wurden derart, dass sie ihn den Winter hindurch an das Bett fesselten. Dessenungeachtet schrieb und arbeitete er unaufhörlich, sobald er nur einigermassen Ruhe batte. Bis im Frühjahr noch eine bösartige Ruhr dazukam. die seine geschwächten Kräfte allmählich vollends aufzehrte, sodass er in der Nacht vom 11. zum 12. Juli 1536 in den Armen seiner Freunde verschied.

Er war 70 Jahre alt geworden. Die studierende Jugend trug ihn zu Grabe. Die Lehrer der Universität, Bürgermeister und Ratsherren folgten dem Sarge, der im Münster beigesetzt wurde.

Auf die Kunde von seinem Tode ging ein Aufschrei durch die Welt der Gelehrten. Die Humanisten weinten und feierten ihren dahingegangenen Führer in zahllosen Epigrammen voll iiherströmender Verehrung. Die Freunde in Hasel aber setzten ihm zwei Jahre danach ein Marmorepi-taphimn. Und die Vielen. Vielen, die von da an zum Grabe Dessen wallten, der ihnen über den Tod hinaus Führer blieb, lasen darauf die stolzen Worte, dass, solange der Erdball dauere. Erasmus in seinen Schriften weiterleben und mit den Gelehrten aller Völker sieh unterhalten werde…..

Text aus dem Buch: Erasmus von Rotterdam (1900), Author: Major, Emil.

Erasmus von Rotterdam