Schlagwort: Deutsch-Ostafrika

I. Abschnitt, II. Abschnitt, III. Abschnitt, IV. Abschnitt, V. Abschnitt, VI. Abschnitt, VII. Abschnitt, VIII. Abschnitt, IX. Abschnitt.

Förderung des Handels und Hebung des Volkswohlstandes, Stärkung und Verbreitung der eigenen Nationalität sind die mächtigen Triebfedern überseeischer Politik, und nicht Abenteuerlust oder Ländergier, sondern wirtschaftliche Ursachen sind es gewesen, die zur Entstehung der deutschen Kolonialbewegung und der kolonialen Unternehmungen aller Völker überhaupt Anlass gegeben haben. Die heimische Bevölkerung ist so gewaltig gewachsen, dass unsere Landwirtschaft nur noch Dreiviertel dieser Volksmenge zu ernähren vermag. Daher gewinnt die Auswanderungsfrage immer mehr an Bedeutung, weil den Auswanderern neue Ziele eröffnet und sie zugleich den Interessen des Vaterlandes erhalten werden sollen. Dann erheischte die wirtschaftliche Notlage dringend Abhilfe. Der Absatz der massenhaft hergestellten Fabrikate wurde immer schwieriger, und es galt nicht bloss, den deutschen Kaufmann vor fremden Übergriffen zu schützen, sondern man musste im Wettbewerb mit den ebenfalls unter wirtschaftlicher Übererzeugung leidenden Nachbarstaaten der heimischen Industrie zugleich die alten Märkte sichern und ihr neue Absatzgebiete aufschliessen. Endlich war es ein naheliegender Gedanke, die vielen Millionen, die wir alljährlich für Kaffee, Tabak, Baumwolle und andere Kolonialwaren ausgeben, uns selbst zu erhalten und uns dadurch vom Ausland unabhängig zu machen.

Deutschlands Kolonien

I. Abschnitt, II. Abschnitt.

Deutsch-Ostafrika ist unsere grösste Kolonie und 1 ¾ mal so gross als das Deutsche Reich, indem es ein gewaltiges unregelmässiges Viereck von 995000 qkm Flächeninhalt darstellt. Politisch umgrenzt durch englischen und portugiesischen Kolonialbesitz und durch den Kongostaat, wird es im Osten vom Indischen Ozean bespült, während im Westen die grossen afrikanischen Binnenseen die zweite oder innere Küste des Schutzgebietes bilden. Im Süden verläuft die Flussgrenze des Ruwuma, und im Norden erhebt sich als charakteristischer Grenzpfeiler der Kilimandjaro.

Trotz der dürftigen Gliederung des dunklen Erdteils beschreibt die deutsch-ostafrikanische Küste, die Mrima, einen immerhin buchtenreichen Bogen, der mit 750 km Länge etwa unserer deutschen Westgrenze entspricht. Zahlreiche kleinere und drei grössere Inseln, Pemba (964 qkm), Sansibar (1591 qkm) und Mafia (523 qkm), von denen nur die südlichste deutsch ist, begleiten die vielfach versumpfte, wenig über den Meeresspiegel emporragende Festlandsküste. Sie besteht nebst den vorgelagerten Inseln aus Korallenkalk, der durch die Brandung oberflächlich zu einer mächtigen Sandschicht zerrieben worden ist. Dürftiges Gras überzieht die blendendweissen Sanddünen. Den schlammigen Ufersaum aber bedeckt in unentwirrbarem Dickicht die fast allen tropischen Flachküsten eigentümliche Mangrove (Rhizophora Mangle und Rhizophora mucronata), eine sonderbar gestaltete baumartige Wasserpflanze mit einem hohen Gestell vielverzweigter Stelzwurzeln und einem Gewirr von Luftwurzeln, die sich sämtlich tief in den Schlamm einbohren, um den Stamm gegen die Gewalt der Flut zu schützen. Die spindelförmigen, einer langen Cigarre gleichenden Samen lösen sich durch ihre Schwere aus der an den Ästen zurückbleibenden Fruchthülle los, bohren sich tief in den weichen Morast ein und wachsen dann zu einem neuen Gebüsch heran. Wo das Brackwasser aufhört und die höheren Uferböschungen einsetzen, tritt an die Stelle der Sumpfpflanzen dichter Busch, untermischt mit hohen Bäumen. Neben dem plumpen Affenbrotbaum oder Baobab (Adansonia digitata) gedeiht die ebenso majestätische als genügsame und nützliche Kokospalme (Cocos nucifera), die ein charakteristischer Küstenbaum ist, bei guter Bewässerung jedoch auch tief im Binnenlande, z. B. bei Tabora und Udjidji*) gedeiht, wo sie die Araber angepflanzt haben. Man zählt ihrer längs der Mrima rund 1 Million Stück, doch sind sie noch bedeutender Ausdehnung fähig, indem Ceylon etwa 60 Millionen und Java gegen 70 Millionen Kokospalmen besitzt.

Deutschlands Kolonien


Wenn wir die Eingeborenen unsrer Kolonien schildern, so geschieht dies hauptsächlich unter dem Gesichtspunkt ihrer Erziehung zu brauchbaren Mitarbeitern bei unsern wirtschaftlichen und kulturellen Bestrebungen. Bei Erörterung dieser unserer Bestrebungen dürfen wir nicht die Arbeit vergessen, weiche die Missionen in dieser Hinsicht namentlich auch in Ostafrika geleistet haben.

Soweit die Bekehrung der Eingeborenen zum Christentum in Frage kommt, ist die Aufgabe der Missionen in Ostafrika nicht leicht. Der intelligentere Teil der Bevölkerung ist vom Geist des Islams durchtränkt und christlichen Lehren schwer zugänglich, da diese dem ausschliesslich aufs Materielle gerichteten Sinn des Negers weniger verständlich sind, als die Lehren Mohammeds.

Kolonie und Heimat

Ruanda wird sicher einmal für die Kolonie Deutsch-Ostafrika von grosser Bedeutung werden, eignet es sich doch wegen seiner Höhenlage von durchschnittlich 1800 Metern wie kein anderes Gebiet zur Niederlassung von Europäern, und man muss es bei seiner Fruchtbarkeit, seinen dauernden Niederschlägen als die Perle des so wertvollen Zwischenseengebietes und der Kolonie überhaupt bezeichnen. Vorläufig läuft ihm ja das Land Bukoba, wegen seiner günstigeren Verbindungsverhältnisse, noch den Rang ab. aber wenn erst einmal eine Bahnverbindung nach Ruanda i’om Victoria aus entsteht — käme sie doch recht baldl — so dürfte sich ein Strom von Einwanderern ins Land ergiessen.

Gewährt es doch bei seinen Bergen, den klaren Gebirgsbächen, die alle den beiden grossen Strömen, dem Nyavarongo und dem Akanyaro und damit dem Kagera und weiter dem Nil Zuströmen, die denkbar günstigsten Bedingungen zu einer Niederlassung, und bei der Dichtigkeit der Bevölkerung ist ein Mangel an Arbeitskräften auch nicht zu befürchten.

Kolonie und Heimat